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Full text of "Jenaische Zeitschrift f©r Medizin und Naturwissenschaft"

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OP 



COMPARATIYE ZOÖLOGY, 

AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS. 
jFouulJcti b» pvibntc suliscriptfon, in 1861. 

Deposited by ALEX. AGASSIZ. 

No.ioißQlf. 



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Jeiiciische Zeitschrift 



für 



MEDICIN 



und 



NATURWISSENSCHAFT 

herausgegeben 
von der 

medicinisch - naturwissenschaftlichen &esellschaft 

zu Jena. 



Vierter Band. 



Mit sieben Tafeln. 



Leipzig, 

Verlag von Wilhelm Engelmann. 

^"M868. 



-I- 



Inhalt. 



Seite 

Geuther, A., Ueber üxaniid unrl Harnstoff. Versuche von E. Scheitz. 
J. E. Marsh und A. Geuth er 1 

Ueber die Zusammensetzung der Krystalle von Aethernatron 16 

Scheitz, Dr, E., Ueber die Einwirkung von einfach salzsaurem Glycoläther 

auf Mononatriumglycolat li* 

Pfeiffer, Dr. L., Der Typhus in der Kaserne zu Weimar von 1S3G — 1867, 

mit Berücksichtigung der anderen gleichzeitigen Epidemien 21 

Flemming, Dr. H., Ueber einige Thalliumverbindungen und die Stellung 

dieses Metalls im System 33 

Gegenbaur, C, Ueber die Drehung des Humerus. (Taf. I.) 56 

Häckel, E., Monographie der Moneren. (Taf. II. u. III) 64 

Müller, "Wilhelm, Beobachtungen des pathologischen Instituts zu Jena im 

Jahre 1S66 145 

Beobachtungen des pathologischen Instituts zu Jena im Jahre 1S67 . . 170 

Kirch ho ff, Alfred, Caspar Friedrich Wolff. Sein Leben und seine Be- 
deutung für die Lehre von der organischen Entwickelung 193 

M i k 1 u c h - M a c 1 a y, N., Beiträge zur Kenntniss der Spongien I. (Taf. IV. 

u.V.) .' 221 

Geuther, A., Ueber die Einwirkung des Aethernatrons auf die Aether 

einiger Kohlenstoffsäuren 241 

Theile, Dr. R., Ueber Legumin 264 

Ueber einen neuen, dem Tyrosin und Leucin ähnlichen Körper. (Mit 

3 Figuren in Holzschnitt.) 281 

Geuther, A., Untersuchung über sauerstoffreiche Kohlenstoffsäuren . . . 28S 
I. Abhandlung. Ueber die Einwirkung concentrirter Chlorwasserstoff- 
säure auf Weinsäure und Traubensäure in höherer Temperatur. Von Dr. 

H. Riemann 2S9 

Engelmann, Dr. Th. AV. in Utrecht, Ueber Reizung der Muskelfaser durch 

den Constanten Strom. (Mit 2 Holzschn.) 295 

Zur Lehre von der Xervendigung im Muskel 307 

Ueber die Flimmer])ewegung\ (Taf. VI) 321 

Seidel, Dr. M., Beitrag zur Lehre vom Ileotyphus. (Taf. VII) 480 

Pfeiffer, Dr. L. in Weimar, Die bisherigen Erfahrungen über Trichiniasis 

und Fleischbeschau in Thüringen 504 



IV lllllillt. 

Seite 

Win kl er, Dr. N. F , Ueber Stellungen des graviden und puerperalen Uterus 522 

Die Zotten des menschlichen Aninios 535 

Schultze, B. S., Die Placentarrcspiration des Foetus 541 

Miklucho-Maclay, Beitrag zur vergleichenden Anatomie des Gelnrnes. 

(Mit 3 Figuren in Holzschnitt). Vorläufige Mittheilung 553 

üeuther, A., Ueber die Bildung der Aethylessigsäure aus Aethyldiacetsäure 570 



Kleinere Mittheilungen. 

Geuther, A., Ueber die Constitutinii dor sog. Homologen der Blausäure 13S 

Zwei Notizen 139 

Schultze, B. S., John Mayow über Apnoe und Placentarresjjiratiun 141 

Zur forensischen Diagnose des Geschlechts 312 

Geuther, A., Ueber die Constitution einiget Siliciumverbindungen und Einiges, was sich 

auf das Mischungsgewicht des Siliciums bezieht 313 

Schultze, B. S., Ueber die narbenförmigen Streifen in der Haut de.s Oberschenkels . . 577 



lieber Ovaiiiid und Harustoff. 

Versuche von E. Scheitz, J. E. Marsh und A. Geuther. 

Mitgetheilt von 

A. Geuther. 

Die Bildung der Amide aus Säure und Ammoniak lässt sich durch 
folgende Gleichung ausdrücken : 

Saure + b NH^ = 2. b HO -H Amid, 
wobei b die Zahl bedeutet, welche die Basicilät der Säure angiebt. 
Das heisst: für je 1 Mgt. Ammoniak, welches in Verbindung gehl treten 
2 Mgte Wasser aus. In Bezug auf den Ursprung des Letzteren sind 
zwei Möglichkeiten denkbar, entweder stammt dasselbe nämlich aus 
Wasserstoff und Sauerstoff der Säure, oder aber ist es aus Wasserstoff 
des Ammoniaks und Sauerstoff der Säure gebildet worden. Die erstere 
Auffassungsweise ist nur möglich für Säuren , welche wenigstens 2 b 
Wasserstoff enthalten, d. h. für alle einbasischen Säuren mit wenig- 
stens 2 Mgtn. Wasserstoff, für alle z w e i basischen Säuren mit wenig- 
stens 4 Mgtn. Wasserstoff, für alle drei basischen Säuren mit wenigstens 
6 Mgtn. Wasserstoff u. s. f., während die andere für alle Säuren ohne 
Ausnahme Anwendung finden kann, da das einwirkende Ammoniak 
immer mehr Wasserstoff" enthält, als solcher in Form von Wasser aus- 
zutreten hat. Liesse sich nun zeigen, dass die erstere Auffassungsweise 
für jene erwähnten Säuren die am meisten berechtigte sei , fände bei 
ihrer Verwandlung in Amide nur die Auswechslung gleicher Volumina 
Wasser gegen Ammoniak statt, so würden diejenigen Säuren, welche 
diese Auffassungsweise nicht zuliessen als eine besondere Classe von 
den andern zu trennen sein. Für diese aber, deren Anzahl bis jetzt 
eine sehr geringe ist und als deren Ilauptrepräsentanlen bei den 
Kohlenstoffsäuren, auf die es uns zunächst hier ankommt, die Kohlen- 

Baud IV. I. 1 



A. Geutlier, 



Es ^vu^de 1 Mgt. bei 100» getrockneten Harnstoffs m>l ( Mgl^ 
Ameisensiture (erhallen aus trockenem ameisensauren Ble.oxyd und 
'r: nen! Schvvefei.assers.off) in einem Kocl>D»scheen zusammen, 
oebrachl und selbiges, da nach einiger Zeit be. gewohnl.che. Tempe 
f,..u- keine Ein^i^kung zu bemerken war, mit eme„> umgekehr en 
K er in Verbindung gebracht und alhnlihlich im ^^^f''^^^^^ 
erhitzt. Der Harnstoff ging hierbei in Lösung Als d,e E.n - k.mg 
einige Zeit gedauert hatte, wurde der Inhalt durch freies Feue b>s 
zum Sieden erhitzt. Da eine Gasentwicklung begann wurde nach kurzer 
ZU d Feuer entfernt und erkalten gelassen. Die dabei ,mmer d.cker 
w rlde Flüssigkeit erstarrte nun zu einem Brei ■"-ner we.ss 
Krvslalle . ihrem Aussehen nach wesentlich verschieden von denen des 
H nstoffs und des ameisensanren Ammoniaks. Sie ware_n .» =b- "'™ 
Alkohol sehr schwer löslich und konnten damit von noch vorhandenem 
Harns ff etwa gebildetem ameisensauren Ammoniak und der Ame.sen- 

";: beireit we'i-den. Sie entwickelten -H''»'-. ^'^---^^.f^ff 
gössen kein Ammoniak. Um zu sehen , ob s,e ame.sensaurer Ha.nstofl 
L en wurde der Versuch wiederholt, aber nachdem der Harnstoff m 
Lösung gegangen war sogleich verschlossen und erkalten gelassen. 
Nach Verlauf ™n etwa 12 Stunden erschienen aber grosse durch , ei- 
lige situlenförmige Krystalle von Harnstoff Nach weUerem Verlaut von 
anstunden ruhigen Stehens fingen die Harnstoffkrystalle an em e In 
weisse Puncte zu zeigen, deren Menge sich nach und nach bede. n 1 
vermehrte und deren Ansehen ganz dem der zuerst erhaltenen g.ch. 
Sie sind , wie ihre Untersuchung gezeigt hat, in der That d.e nand.che 

Verbindung. , , . .„^^o 

Die mit absolutem Alkohol vollkommen abgewaschene und bei 1 ÖU 
getrocknete Verbindung gab bei der Analyse folgende Zahlen: 

1 ^603 grm. gaben 0,206/1. grm. Kohlensäure, entspr. 0,075(>!5 

■ g,'ni. =27,9 Proc. KohlenstofT und 0,M1 1 grm. Wasser, entspr. 
0,01 23i grm. = i,7 Proc. Wasserstoff. 

U 2;rl8 grm. lieferten 0,2579 grm. Kohlensäure und 0,1 126 grm. 

■ Wasser, entspr. 0,07031 grm. KohlenstofT = 27,9 Proc. unc 
0,01201 grm. Wasserstoff = 4,9 Proc. 

Zur Beslinnnung des StickstofTs wurden verwandt: 0,208 grm 
und erhalten 5Ö,7 CC. StickstolT bei 6", :> und 732,5 Mm. Barometer 
stand, was bei 0" und 760 Mm. Druck 51,9 GC. ausmacht, die enl 
sprechen: 0,06521 grm. = 31,'. Proc. Stickstoff. 



lieber Oxamid und HnriistofT. - 
Daraus berechnet sich für sie die Formel: C^H^N^O^. 



I.or. 


gef. 




I. II. 


€•■2 = 27, ;j 


27,9 27,9 


H^ = 4,0 


1,7 4,9 


N2 = 31,8 


— 31,4 


0^ = 36,4 


— — 



100,0 

Die Bildung dor Verbindung fiiulot nach der Gleichung statt: 
€H^N202 -f. tH^b' = 4^2H i?^20' + 2 «0. 

Obwohl dieselbe also die Zusammensetzung des Oxamids besitzt, 
so ist sie doch nur metamer und nicht identisch mit demselben , wie 
die folgenden Eigenschaften beweisen. 

Sie löst sich leicht in Wasser , sehr schwer in kaltem , leichler in 
heissem abs. Alkohol. Aus letzterer Lösung krystallisirt sie nach dem 
Verdunsten des Alkohols unverändert, aus der wässrigen Lösung er- 
hiilt man sie nicht wieder, mag man in der Wärme oder über Schwefel- 
säure in der Kälte das Wasser verdunsten lassen , sie zerfällt dabei in 
Ameisensäure und Harnstoff, welch letzterer zurückbleibt, während 
die erstere mit dem Wasser verdunstet und bei genügender Concen- 
Iration durch ihren Geruch wahrgenommen werden kann. Natronlauge 
entbindet in der Kälte aus ihr kein Anmioniak , was sofort geschieht, 
wenn sie damit gekocht wird. In der zurückbleibenden Flüssigkeit 
ist Ameisensäure enthalten , sie wurde mit verdünnter überschüssiger 
Schwefelsäure daraus frei gemacht, überdestillirt und an ihren Re- 
actionen erkannt. Wird die wässrige Lösung des Ameisenharnstoffs 
mit gefälltem , fein geschlemmten Quecksilberoxyd gekocht und heiss 
liltrirt, so erhält man nach dem Erkalten eine geringe Menge einer 
weissen dichten Substanz , ganz vom Aussehen des Harnstoff-Queck- 
silberoxyds Dabei findet keine Motallreduclion statt. Dieselbe tritt 
erst nach längerem Erhitzen ein oder wenn man das Filtrat über 
Schwefelsäure eindunsten lässl und zwar auch da erst, wenn die Ver- 
dunstung nahezu vollendet ist. 

Zu den charakteristischen Eigenschaften des Ameisenharnstoffs ge- 
hört noch die bei 159" unverändert zu einer farblosen Flüssigkeit, die 
beim Erkalten wieder weiss erstarrt, zu schmelzen. Wird derselbe 
über diese Temperatur eihitzt (was im Oelbad geschah), so beginnt er 
bald sich zu zersetzen.. Zuerst erscheint reichlich Ammoniak, dann 
Cyanwasserstoff, als Rückstand bleibt Cyanursäure und poröse Kohle. 
Als die Temperatur 190" erreicht halte trat ausserdem noch ein ölför- 
miges flüchtiges Product in geringer Menge auf. Dasselbe löste sich in 



ß A. Geuther, 

Wasser und gab nach dem Kochen mit kohlensaurem Natron und An- 
säuern mit Schwefelsäure ein saures Destillat, welches Silberlösung 
reducirte. Darnach könnte dasselbe Formamid gewesen s,ein , das 
sich auf analoge Weise gebildet haben würde , wie das Acetamid beim 
Erhitzen des Acetyl-Harnstoffs oder das Benzamid beim Erhitzen des 
Benzoyl-Harnstoffs. Seine Menge ist nur sehr gering, der grösste Theil 
desselben wurde wohl in Blausäure und Wasser zersetzt. Bei 200 ^ 
wird der noch zähflüssig erscheinende Bückstand durch Aufschäumen 
schwarz und zu poröser Kohle. 

Herr Scheitz hat nun noch versucht, ob sich der Ameisenharnstoff 
aus Formamid und Gyansäure nach der Gleichung: 

£omm + €NO,so = £mwo^ 

darstellen lasse, und zu dem Ende auf völlig trocknes Formamid die 
Dämpfe von Gyansäure geleitet. Dabei verwandelte sich ein grosser 
Theil der Letzteren in Gyamelid, während ein anderer zersetzend auf 
das Erstere einwirkte, indem er unter Wasserentziehung dessen Ueber- 
gang in Blausäure veranlasste, aber Ameisenharnstoff' konnte nicht auf- 
gefunden werden. 

Da somit dem Mitge theil ten zufolge das Oxamid nicht Formyl- 
harnsloff ist , so bleibt für dasselbe die erstere Deutung als Azo-Glyco- 
coll oder Azo-Glycolamid noch übrig. Die im Folgenden mitgelheilten 
Versuche sind von diesem Standpunct aus unternommen worden. 

Oxamid und Ameisensäure. 

Die Einwirkung stärkerer Mineralsäuren auf das Oxamid ist be- 
kannt. Man weiss , dass es durch die Hydrate derselben oder bei 
Gegenwart von Wasser leicht in Oxalsäure und Annnoniak verwandelt 
wird, ein Verhalten, welches es mit dem Glycolamid, das leicht in 
Glycolsäure und Ammoniak zerfällt, theilt, nicht aber mit dem GlycocoU, 
das sich mit den Säuren verbindet. Von der Wirkung starker Kohlen- 
stolfsäuren auf das Oxamid ist nur bekannt, dass Essigsäure ohne Wir- 
kung ist (Henry und Hisson) . Ebenso verhält sich , wie Herr Marsh 
fand, reine Ameisensäure, selbst wenn dieselbe im Ueberschuss 
längere Zeit im verschlossenen Bohr mit Oxamid auf 100" erhitzt wird. 
Bei 125*' dagegen findet schon Zersetzung statt, es ist Druck vorhanden 
und es strömt beim Oeffnen desBohrs ein n)it blauer Flanune brennen- 
des Gas, Kohlenoxyd, aus. Die Temperatur wurde unter mehrmaligem 
Oeff"nen des Bohrs schliesslich bis 250" gesteigert und immer das gleiche 
Besultat erhalten. In dem Maasse als die Temperatur eine erhöhte ge- 
worden war fand die Bildung grösserer Krystalle im Innern statt und 



Ueber Oxamid und IlnrnstolT. 7 

schliesslich war die ganze Menge Oxamid in diese verwandelt. Sie er- 
wiesen sich als oxa Isau res Ammoniak. Die Ameisensäure zerfällt 
also hierbei in Kohlenoxyd und Wasser, welch letzteres das Oxamid in 
oxalsaures Ammoniak verwandelt. Es entsteht also kein Ameisen- 
Oxamid (Formyloxamid) , wie es der Fall hätte sein müssen , wenn sich 
das Oxamid dem Harnstoff analog verhalten hätte oder wie es der Fall 
hätte sein können, wenn Oxamid und Glycocoll Analogie zeigten. 

Oxamid und Essigsäureanhydrid. 

Beide Körper wurden im verschlossenen Rohr von I iO*^ allmählich 
auf 160^ erhitzt, ohne dass, eine geringe Bräunung des überschüssigen 
Anhydrids ausgenommen , Veränderung eingetreten wäre. Sie waren 
beide noch als solche vorhanden , wie die Trennung derselben mittelst 
absol. Alkohols zeigte 

Oxamid und Benzoesäureanhydrid. 

Beim Erhitzen der beiden Substanzen im offenen Rohr auf 1 70" 
findet nach den Versuchen von Herrn Marsh keine Einwirkung statt, 
denn wenn die Masse mit Alkohol behandelt wird , bleibt Oxamid un- 
verändert übrig. Erhitzt man aber bis 200^ und behandelt die Masse 
auf gleiche Weise, so lässt sich in dem Rückstand , welchen die alko- 
holische Lösung liefert , durch überschüssige Natronlauge nicht in der 
Kälte, wohl aber beim Kochen Ammoniak frei machen, ein Zeichen, 
dass Benzaraid entstanden ist. Oxalsäure konnte in dem übrig ge- 
bliebenen Oxamid nicht nachgewiesen werden. Das bei dieser Tempe- 
ratur gleichzeitig sich bildende Sublimat enthält neben Benzoesäure 
gleichfalls Benzamid. 

Dieses Verhalten des Oxamids zu den Anhydriden unterscheidet 
es gleichfalls wesentlich vom Harnstoff, wie wir weiter unten zeigen 
NNerden. Ob das Glycolamid mit ihm darin übereinstin)mt ist nicht 
untersucht, ebensowenig das Verhalten der Anhydride zu Glycocoll. 
Von Letzlerem ist es wahrscheinlich, dass es damit die zum Theil schon 
bekannten zusammengesetzten Glycocolle bilden wird (mit Essigsäure- 
anhydrid z. B. das von Kraut und Hartmann erhaltene Acetylglycocoll) . 

Oxamid und Kupferoxyd. 

Schon ToussAiNT i) , welcher auf Veranlassung des Einen von uns 
das Verhalten des Oxamids zu Kupferoxydhydrat untersuchte , fand. 



4) Ueber d. Oxaijiinsäure. Inaug. Dissert. Göltingen 1861. 



g A. Geuther, 

dass sich dasselbe damit zu verbinden vermag, aber nicht in der 
Weise , wie das Glycocoll , welches bekanntlich unter Austritt von 
Wasser das Metalloxyd aufnimmt, sondern so, dass es direct Kupfer- 
oxyd aufnimmt, in ähnlicher Weise, wie es Dessaignes ^j schon früher 
mit Quecksilberoxyd beobachtet hat. Die entstehende Verbindung be- 
sitzt nach ToussAiNT die ungewöhnliche Zusammensetzung: SC^H'N^O^, 
5CuO. Herr Marsh hat diese Verbindung von Neuem auf die von 
ToussAiM angegebene Weise durch Kochen von überschüssigem Oxa- 
mid mit Kupferoxydhydrat dargestellt und durch die Analyse die von 
Letzterem dafür angegebene Zusammensetzung bestätigt gefunden. 

Dieselbe Verbindung entsteht ferner auch sofort, wenn n)an zu 
einer heissen Oxamidlösung neutr. essigsaures Kupferoxyd giesst, oder 
beim Erwärmen, wenn man die Lösungen kalt zusammenbringt, jedes- 
mal unter Freiwerden von Essigsäure. Zur Darstellung wurde nach 
der ersteren Art verfahren und von der Lösung des Kupfersalzes so 
lange zugefügt, bis die Flüssigkeit die Farbe derselben zeigte. Nach 
dem Absetzen des Niederschlagi^s wurde noch warm abgegossen und 
ersterer wiederholt mit siedendem Wasser behandelt, so lange als beim 
Erkalten desselben noch eine Oxamidabscheidung stattfand. Die auf 
diese Weise erhaltene Verbindung besitzt alle Eigenschaften der auf 
andere Art erhaltenen , nur ist die Farbe derselben etwas lebhafter 
grün. Herr Marsh fand bei der Analyse derselben folgende Zahlen: 
0,7712 grm. über Schwefelsäure getrockneter Substanz gaben mit 
Natronlauge zersetzt 0,4165 Kupferoxyd = 54,0 Proc. und Oxalsäuren 
Kalk, dessen Kalkgehalt nach dem Glühen 0,2279 grm. betrug; daraus 
berechnen sich 0,0976 grm. = 12,6 Proc. Kohlenstoff. Das über- 
destillirte Ammoniak lieferte Platinsalmiak, der nach dem Glühen 
0,7877 grm. Platin hinterliess, was 0,1117 grm. = 14,5 Proc. Stick- 
stoff entspricht. 





ToUSSAlNT 


ber. 


gef. gef. 


€4 = 12,8 

^'= ''^47 
N» = 15,0[ '' 

0'' = 17,1 


12,6 


5CuO = 53,0 


54,0 53,5 l 



_ 53,7 

100,0 

Das Oxamid-Kupferoxyd stellt ein leichtes , lockeres, sehr hygro- 
skopisches Pulver dar und wird , wie schon Toussaint gefunden hat. 



1) Annal. de chim, et de phys. 3. Ser. T. XXXIV. p. 144. 



üeber Oxamid und Harnstoff. 9 

durch stärkere Mineralsäuren zerlegt. Wirken dieselben in der Kälte 
darauf ein , so löst sich das Kupferoxyd allein und das Oxamid bleibt 
zurück. Ebenso wirkt conc. Essigsäure und conc. Ammoniak , ver- 
dünnte Essigsäure und verdünntes Ammoniak dagegen sind fast ohne 
Wirkung. Wird die Verbindung in Wasser verlheilt der Einwirkung 
von Schwefelwasserstoff ausgesetzt , so wird sie gleichfalls leicht zer- 
setzt. Aus dem abgeschiedenen Schwefelkupfer kann durch Kochen 
mit Wasser leicht das Oxamid ausgezogen werden. Das Oxamid- 
Kupferoxyd ist ungemein beständig in der Wärme. Toussaint ver- 
\\andlc zu seinen Analysen bei 110^ getrocknete Substanz; aber es 
kann ohne wesentlichen Gewichtsverlust zu erleiden, noch höher er- 
hitzt werden: ein Beweis, dass dasselbe eine völlig wasserfreie Sub- 
stanz ist. 

Herr Marsh fand , als er die über Schwefelsäure getrocknete Ver- 
bindung einer allmählich steigenden Temperatur während 8 Tagen 
aussetzte, dass dieselbe bei 1 10*^ 't,6Proc., bei 160" 2,1 Proc, bei 
180'^ 3 Proc. und bei 190'MJ,6 Proc. verloren hatte und von unver- 
ändertem Aussehen war. Erst bei !9i*^ beginnt die Zersetzung unter 
Schwärzung und nun ist der Verlust bedeutend , bei 200" betrug er 
schon ;{9,0 Proc. und nach dem Erhitzen auf 220" ist das Gewicht des 
schwarzen Rückstands nur -noch 56,7 Proc. Er besteht aus fast reinem 
Kupferoxyd, von dem die Verbindung 53,0 Proc. enthält. 

Ausser der Verbindung des Oxamids mit Kupferoxyd ist nur noch 
eine solche mit Quecksilberoxyd von der Formel: C^H^N^^O^.HgO be- 
kannt, welche Dessaignes erhalten hat. Mit Bleioxvd und Silberoxyd 
konnte Pelouze i) das Oxamid nicht vereinigen , auch uns gelang es 
nicht durch Kochen von Oxamidlösung mit Silberoxyd eine Verände- 
rung beider Substanzen wahrzunehmen. Eine Lösung von essigsauren) 
Silberoxyd wird durch eine kochende Oxamidlösung gleichfalls nicht 
verändert. Ebenso verhält sich eine n utrale essigsaure Bleilösung; 
wird Oxamidlösung aber zu einer Lösung von bas. essigsaurem Blei- 
oxyd gefügt, so entsteht, sofort ein starker Niederschlag, welcher indess 
kein Oxamid in Verbindung enthält, sondern nur Oxalsäure und wahr- 
scheinlich der nämliche ist, den Pelouze 2) erhielt, als er die wässrige 
Lösung des Oxamids mit wenig Ammoniak versetzt zu salpeter- oder 
essigsaurer Bleioxydlösung fügte, nämlich bas. oxalsaures Bleioxyd: 
6PbO,€20'\ 

Eine heisse Oxamidlösung wirkt ferner nicht ein auf die neutralen 



1) Gmelin, Handb. Bd. V, p. 16. 

2) Gmelin, Handb. Bd. IV, p. 853 u. Bd. V, p. 16. 



10 A. Gcuther, 

essigsauren Salze des Eisenoxyduls, Eisenoxyds, Manganoxyduls, 
Nickeloxyduls, Zinnoxyduls und Quecksilberoxyds. Die Lösung des 
essigsauren Quecksilberoxyduls wird durch dieselbe beim Kochen 
reducirt. 

Das eben erwähnte Verhalten des Oxamids den Metalloxyden und 
Salzen derselben gegenüber ist nicht allein merkwürdig des unter- 
schiedenen Verhaltens halber, sondern auch der Art der Verbindungen 
wegen. Letztere entstehen nicht wie die der meisten Amide so, dass 
für Wasser, welches austritt, Metallox^d eintritt, sondern es fügt sich 
das Metalloxyd einfach zu dem Oxamid, denn das Verhalten der Kupfer- 
oxydverbindung in der Wärme schliesst die Annahme , dass es eine 
wasserhaltige Verbindung sei, aus. Es ist ferner nicht anzunehmen, 
dass die Kupferverbindung eine Art basischer Verbindung ist , obwohl 
in ihr 21/2 Mgte Kupferoxyd auf 1 Mgt. Oxamid kommen , da sie unter 
Freiwerden von Essigsäure entsteht. 

Von anderen Amiden , welche sich mit Metalloxyden direct ver- 
einigen sind uns ausser dem Harnstoff keine bekannt. Denn die von 
Fehling 1) mit Bisuccinamid dargestellten Bleioxydverbindungen sind 
nach den Untersuchungen Teuchert's 2] als Succinaminsäure-Salze zu 
betrachten. In gleicher Weise ist offenbar die von Arppe 3] mit dem 
homologen Bipyrotartramid erhaltene Bleiverbindung (2l€5H''NO^,5PbO, 
bflO] aufzufassen, als ein anderthalb basisches Bleioxydsalz 
einer Pyrotartraminsäure. 

2€5H7NO^ 5PbO, 5H0 = [2 (esflSNO^, PbO) + 3 (PbO,HO)]. 

Ob eine Verbindung , welche das Fumaramid mit Quecksilberoxyd 
bildet, und von der Dessaignes *) blos die Quecksilberbestimmung aus- 
geführt hat, ohne irgend etwas anderes von ihr zu sagen , als dass sie 
ein weisses Pulver darstelle, hierher gehört, ist ganz zweifelhaft. 

Durch die Fähigkeit des Oxamids sich mit gewissen Metalloxyden 
direct zu vereinigen, unterscheidet sich dasselbe wesentlich von dem 
Glycocoll. Ob das Glycolamid nicht im Stande ist sich mit den Oxyden 
cowisser schweren Metalle in analoger Weise zu vereinigen ist bis jetzt 
nicht untersucht worden. Die Angaben über das Verhalten des ihm 
homologen Lactaraids lauten nur dahin , »dass sich in wässriger Lacta- 
niidlösung kein unlösliches Oxyd löst« (Brüning)^). Käme aber auch 



1) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. 49, p. 196. 

2) Ebend. Bd. 134, p. 155. 

3) Ebend. Bd. 87, p. 235. 

4) Annal. de chim. et de phys. 3. Ser. T. XXXIV, p. 145. 
6) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. 104, p. 197. 



Ueber Oxaraid und Harnstoff. 1 1 

dein Glycolamid die Fähigkeit, solche Verbindungen wie das Oxaniid 
zu bilden, nicht zu, so würde daraus doch keineswegs die oben er- 
wähnte Ansicht als unzutreffend gefolgert werden können. 

Oxamid und Wasserstoff. 

Um zu sehen , ob im Oxaniid ein Theil oder der ganze Stickstoff- 
gehalt gegen Wasserstoff ausgewechselt und es in GlycocoU oder Glycol- 
amid oder Glycolsäure übergeführt werden könne, unterwarf Herr 
Scheit/ dasselbe der Einwirkung von Zink und Essigsäure, welche 
letztere für sich keine Einwirkung darauf äussert, wie schon Henry 
und Plisson fanden und wir bestätigen können. In einem Kolben 
wurde das Oxamid mit Zink und viel Wasser in Berührung gebracht 
und langsam Essigsäure in dem Maasse, als die Wasserstoffentwicklung 
gering wurde, zugefügt. Der Kolben wurde bis etwa 60'^ erwärmt und 
so lange stehen gelassen , als beim Erkalten eine Oxamidabscheidung 
noch wahrgenommen w erden konnte , was etw a 8 Tage lang währte. 
Darauf wurde aus der Flüssigkeit das Zink mit Schwefelwasserstoff 
entfernt und dieselbe schliesslich im Wasserbade zur Trockne gebracht. 
Es hinterblieb eine strahlig krystallinische, in Alkohol lösliche Masse, die 
schon in der Kälte mit Natronlauge Ammoniak entwickelte. Sie besass 
saure Reaction und stimmte in ihrem Aussehen mit dem sauren Ammoniak- 
salz der Glycolsäure, wie es Hei\tz ') beschrieben hat, überein. Ein 
Theil derselben wurde in Wasser gelöst, mit Kalkhydrat gekocht, wobei 
Ammoniak entwickelt w urde , aus dem Filtrat der überschüssige Kalk 
durch Kohlensäure entfernt und zui- Krystallisation eingedampft. Die 
erhaltenen Kry stalle hatten ganz das Aussehen von glycolsaurem Kalk. 
Das bei 100^ getrocknete Salz gab nach dem Glühen 23,2 Proc. Kalk; 
der glycolsäure Kalk enthält 22,9 Proc. Es war demnach wirklich 
glycolsaurcr Kalk und das Oxamid also in Glycolsäure und Ammo- 
niak verwandelt worden. Die Entstehung von GlycocoU konnte hier- 
bei nicht wahrgenommen werden. 



Harnstoff und Essigsäureanhydrid. 

Das Verhalten des Harnstoffs zu den Mineralsäuren und einer Reihe 
von Kohlenstoffsäuren ist bekannt. Er bildet damit Verbindungen, in 
welchen er die Rolle einer einsäurigen Basis spielt. Er zeigt also das 
Verhalten , wie es von einem Azo-hydroxymethylamin wohl erwartet 



1J PoGGENDORFF, Annal. Bd. 114, p. 440. 



12 A. Geuther, 

werden kann. Das Verhalten des Harnstoffs zu Säureanhydriden ist 
bis jetzt nicht untersucht gewesen. 

Wird Harnstofl' mit Essigsäureanliydrid (I Mgt. des ersteren auf 
2 Mgie des letzteren) einige Zeit bis zum Siedepunct des Anhydrids er- 
hitzt und dann erkalten gelassen, so sciioidet sich auf Zusatz von Wasser 
Acctylharn Stoff aus, der durch Umkrystallisiren aus heissem Wasser 
leicht rein erTialten werden kann. Nur wenn die Erhitzung längere 
Zeit fortgesetzt worden ist, enthalten die Krystalle etwas Cyanursäure 
beigemengt. Durch Kochen der wässiigen Lösung mit kohlensaurem 
Silberoxyd kann diese leicht entfernt werden. Er besitzt alle die 
Eigenschaften, wie sie Zimy ^) für denselben angegeben hat. 

I. Unmittelbares Product etwas cyanursäurehaltig. 

0,2161 grm. gaben 0,276 grm. Kohlensäure, entspr. 0,07527 grm. 
= 34,8 Proc. Kohlenstoff und 0,1136 grm. Wasser, entspr. 0,01262 
grm. = 5,9 Proc. Wasserstoff. 

II. Mit kohlensaurem Silberoxyd gereinigtes Product. 

0,2455 grm. gaben 0,3185 grm. Kohlensäure, entspr. 0,086869 grm. 
= 35,4 Proc. Kohlenstoff und 0,136 grm. Wasser, entspr. 0,01511 
grm. = 6,1 Proc. Wasserstoff. 

ber. 



€^ = 35,3 
H6 = 5,9 
N2 = 27,5 
04 = 31,3 




100,0 

Der Acetyl-Harnstoff entsteht nach der Gleichung: 

€H<N20'^-f-2€2H-^0:i=G3iI6N204 4-€2H^O^. 

Seine Bildung geht so leicht von statten , dass dies die bequemste 
Methode seiner Darstellung ist. 

Harnstoff und Benzoesäureanhydrid. 

Erhitzt man Benzoesäureanhydrid mit Harnstoff zu gleichen 
Mischungsgewichten, so findet bei 120" die Schmelzung des Harnstoffs 
unter dem geschmolzenen Anhydrid statt, ohne dass ein gleichförmiges 



1) Annal. d. Chem. u. riiarm. Bd. 92, p. 403. 



lieber Oxamid iiiul HarustolT. 1 3 

Gemisch entstünde ; auch durch Unischüttohi kann ein solches nicht 
erhalten ^verden. Lässt man erkalten, so krystallisirt der Harnstoff 
wieder unter dem flüssigen Anhydrid. Hält man die Temperatur 
aber einige Zeit bei I 20"^ , so tritt vollständige Mischung der Flüssig- 
keiten ein und beim Erkalten entsteht eine terpenthinartige Masse, die 
selbst nach tagelangem Stehen nur wenig Krystallbildung zeigt. Sie 
löst sich vollkommen und leicht in absolut. Alkohol , enthält demnach 
keinen Benzoyl-IIarnsloff. Wird dieselbe einer Temperatur von 140 — 
1 50^' längere Zeit ausgesetzt, so beginnt die Abscheidung kleiner säulen- 
förmiger Krystalle. Hat die Erhitzung lange genug gedauert, so 
krystallisirt beim Erkalten die ganze Masse wieder leicht. Wird die- 
selbe nun mit kaltem absol. Alkohol behandelt, so bleibt ein Rückstand 
von Cyanursäure und Benzoyl-Harnstoff, während neben über- 
schüssigem Anhydrid Benzamid in Lösung geht. Durch wiederholtes 
ümkrystallisiren aus ammoniäkalischem Wasser entfernt man die 
Cyanursäure, welche in Lösung bleibt und erhält man den Benzoyl- 
Harnstoff in farblosen nadeiförmigen Krystallen , die in kaltem Wasser 
sehr schwer löslich sind. Sie besitzen die von Zimn dafür angegebenen 
Eigenschaften , sie krystallisiren aus Alkohol in Blättchen , schmelzen 
gegen 200^ (208^), geben auf dem Platinblech vorsichtig erhitzt zuerst 
den Geruch von Benzonitril und hinterlassen einen Rückstand von 
Cyanursäure, im Röhrchen über ihren Schmelzpunct erhitzt beginnt 
die Masse zu schäumen und erfüllt sich mit Nadeln von Cyanursäure, 
indem Benzamid sublimirt. 

Die Ausbeute an der Verbindung ist immer nur gering, da das 
Wasser, welches vom Benzoösäureanhydrid fortzugehen hat, sich, wie 
mir scheint, nicht zu letzterem begiebt und damit Benzoesäure bildet, 
sondern zersetzend auf Harnstoff einwirkt. Man bemerkt in der That 
auch während der Operation immer eine Gasentwicklung. 

Die Analyse mit wenig Substanz (0,1097 grm.) ausgeführt, hat 
kein ganz genaues Resultat ergeben, es wurden nämlich gefunden: 
oöjGProc. Kohlenstoff und ö, 4 Proc. Wasserstoff, während der Benzoyl- 
Harnstoff: 58,5 Proc. Kohlenstoff und 4,9 Proc. Wasserstoff verlangt. 
Das oben angeführte Verhalten der Substanz lässt indess keinen 
Zweifel, dass sie der Hauptsache nach diese Verbindung war. 

Als einmal gleiche Mischungsgewichte Harnstoff und Benzoösäure- 
anhydrid im Luftbad rasch auf 180^' erhitzt wurden, fand lebhafte 
Gasentwicklung statt, es entwich viel Anunoniak und es bildeten sich 
in der geschmolzenen Masse vollkommen farblose grosse nadeiförmige 
Krystalle von Cjanursäure. Sie blieben nach dem Behandeln mit ab- 
solut. Alkohol allein zurück, ohne Benzoyl-Harnstulf. 



14 A. Genther, 



Harnstoff und Metalloxyde. 

Von Harnstoff sind nur Vorbindungen mit Silberoxyd und Queck- 
silberoxyd bekannt. Sie stimmen mit den Oxamid-Metalloxyden darin 
überein , dass sie einfache Verbindung von Harnstoff mit den Oxyden 
sind und ohne Austritt von Wasser entstehen. Liebig fand für die 
Silberoxydverbindung die Formel: €HiN202,:^AgO und für die drei 
Quecksilberoxydverbindungen die Zusammensetzung €fl^N202,2HgO i), 
€H^N20-^,3HgO und €HW^O-^,IHgO. 

Die essigsauren Salze des Kupferoxyds und Quecksilberoxyds 
werden durch eine Harnstofflösung nicht gefällt. 

Harnstoff und Wasserstoff. 

In gleicher Weise wie das Oxamid hat Herr Marsh Harnstoff mit 
Zink und Essigsäure behandelt. Auf 12 grm. des ersteren wurden 60 
grm. der letzteren angewandt. Als die Reaction zu Ende war, wurde 
die Flüssigkeit, in welcher noch viel Harnstoff durch Salpetersäure 
nachgewiesen werden konnte mit Natronlauge im Ueberschuss versetzt 
und deslillirt. Das Uebergehende wurde in Salzsäure aufgefangen, zur 
Trockne gebracht, mit abs. Alkohol ausgezogen und der nach dem 
Verdampfen des letzleren bleibende Rückstand mit Aether-Alkohol 
abermals behandelt. Nachdem das Lösungsmittel wieder verdunstet 
war, blieb so gut wie kein Rückstand. Das Ungelöste war nichts als 
Salmiak. 

Einen zweiten Versuch stellte Herr, Marsh in der Weise an , dass 
er 8 grm. Harnstoff in 40 grm. Eisessig löste und diese Lösung in einem 
Retörtchen mit aufgerichtetem Hals, das mit einem umgekehrten Kühler 
verbunden war, auf überschüssige Eisenfeile goss. Es fand unter ge- 
ringer Erwärmung nur geringe Gasentwicklung statt, dieselbe wurde 
reichlicher, als die Reaction durch Feuer unterstützt wurde. Nachdem 
eine Stunde lang bis zum Siedepuncte der Essigsäure erhitzt worden 
war, wurde die Masse noch einige Tage sich selbst übeilassen. Sie 
war fest geworden. Sie wurde nun in viel Wasser gelöst, die Lösung 
zum Sieden erhitzt, abfiltrirt, mit Natronlauge im Ueberschuss destillirt 
und das Uebergehende in Salzsäure aufgefangen. Als dasselbe zur 



1) Dessaignes giebt für diese die Formel : €M3HgN-02,HgO, indess seine analy- 
tisclien Resultate, welche untereinander seU)st sehr abweichen, zeigen, dass die 
von ihm untersuchte Substanz nicht rein war (a. a. 0.). 



Uebcr Oxamul uml Iliirnstoff. 15 

Trockne gcbrnclU und mit Aolhor-Alkohol boliandolt wurde, ging nur 
sehr wenig in Lösung. Dieses bestand zum Tlieil aus Salmiak, zum Tlieii 
aber aus einem an der Luft feucht werdenden Salz , das mit Natron- 
lauge ausser Ammoniak den Geruch von Aminbascn zeigte. Die Menge 
war indess so gering, dass ein wesentlicher Theil des Ilarnstotls in 
diese Substanz nicht verwandelt sein konnte. Das in Aether-Alkohol 
l'ngelöst gebliebene war reiner Salmiak. Es wurde also der Harnstoff 
auch durch dieses Reduclionsverfahren nicht verändert, seine Bestän- 
digkeit reducirenden Einflüssen gegenüber ist also viel grösser als die 
des Oxamids. 



Teber die Zusanimeusetziiiig der Kristalle von Aethernatroii. 

Von 

A. Geuther. 

Es ist bekannt , dass wenn man Natrium auf abs. Alkohol ein- 
wirken lässt, nach dem Erkalten aus der warmen dicken Flüssigkeit 
völlig durchsichtige farblose nadeiförmige Krystalle abgeschieden wer- 
den. Wendet man auf I Th. Natrium 10 Th. Alkohol an, so befindet 
sich nach Beendigung der Reaction Alles in Lösung oder ist wenigstens 
durch Erwärmen leicht in diese zu bringen ; wendet man nur 8 Th. 
Alkohol an , so ist schon eine anhaltende Erwärmung nöthig, um dies 
zu erreichen und bei noch weniger Alkohol, etwa 6 Th., gelingt es gar 
nicht mehr eine völlige Lösung zu erhalten, auch wenn man noch wäh- 
rend der Einwirkung für genügende Erwärmung Sorge trägt: es über- 
zieht sich das Natrium mit weissen, undurchsichtigen, unkrystalli- 
nischen Krusten , welche die weitere Einwirkung sehr verlangsamen. 
Dieselben lösen sich leicht, wenn man mehr abs. .Alkohol zufügt und 
es erscheinen dann beim Erkalten, wie in den übrigen Fällen blos jene 
langen klaren Krystallnadeln. Es hat nicht den Anschein, als ob die j 
weissen Krusten und die durchsichtigen Krystalle einerlei Zusammen- ' 
Setzung hätten. 

Um die Vorbindung €2fl^NaO- aus diesem Product der Einwirkung 
von Natrium auf abs. Alkohol zu erhalten, genügt es nicht es einer 
Temperatur von 100" auszusetzen um sämmtlichen überschüssigen 
Alkohol zu entfernen, man muss dieselbe vielmehr bis auf I HO" steigern. 
Die zurückbleibende Verbindung erscheint vollkommen unkrystallinisch 
und zeigt an vielen Stellen noch die Gestalt der ursprünglich vorhan- 
denen Krystalle , die aber nun das Aussehen einer stark verwitterten 1 
Substanz besitzen. 



üebcr die Ziisainmensetiung der Krystalle von Aetheriiatron. 17 

Diese Erscheinung, zusammen mit der schwierigen Verflüchtigung 
des Alkohols liess vermuthen , dass (iie zuerst entstehenden farblosen 
duiihsichtiiien Krystalle nicht blosses Aethernatron , sondern vielmehr 
eine Vorbindung desselben mit Alkohol seien. 

Die analytische Untersuchung, welche Herr Dr. Scheitz mit den- 
selben vorgenomnien , hat diese Vermuthung bestätigt und für sie die 
Zusammensetzung 4^''H>Naü^+ 2€^H"0^ ergeben. 

Zu ihrer Darstellung verwandte Herr Dr. Scheitz ein , am einen 
Knde zugeschmolzenes, am andern ausgezogenes längeres Glasrohr, in 
dem auf STh. absoluten Alkohol I Th. Natrium wirken gelassen wurde. 
Nachdem Alles durch Erwärmen in Lösung gegangen war, wurde das 
Kohr zugeschmolzen , nach dem Erkalten durch Umdrehen desselben 
die Mutterlauge von den Krystallen so viel wie möglich ablaufen ge- 
lassen und in dieser Stellung die Spitze abgebrochen und die Mutter- 
lauge entfernt. Die Krystalle wurden dann entweder sogleich oder erst 
nach raschem Abwaschen mit wasserfreiem Aether, wobei sich freilich 
ein grosser Theil löste, aus dem unmittelbar über ihnen abgeschnittenen 
Rohr auf Fliesspapier gebracht, damit möglichst rasch und vollkommen 
abgepresst und gewogen. Abs. Alkohol löst sie noch leichter als Aether. 

7,3297 grm. lieferten nach dem Lösen in Wasser und Neutrali- 
siren mit Schwefelsäure 3,1872 grm. neutr. schwefelsaures Natron, 
entspr. 1,3916 grm. Natron = 19,0 Proc. 

0,6122 grm. der mit Aether gewaschenen Krystalle gaben desgl. 
behandelt 0,2657 grm. schwefelsaures Natron entspr. 0,116 grm. oder 
19,0 Proc. Natron. 

ber. gef. 

Gm'^o\ = 23,1 ■ — ' — ■ 

Naoi = 19,4 19,0 19,0 

2€2Hfi02 =57,5 — — 

Da die Krystalle im leeren Raum über Schwefelsäure unter Ver- 
witterungserscheinungen ihren Alkohol verlieren und zu der Verbindung 
^^^H'^NaO^ werden, so wurden zur Reslimmung des ersteren 6,516 grm. 
wohlabgepresster Krystalle über Schwefelsäure unter die Luftpumpe 
gebracht und während 8 Tagen unter wiederholtem Auspumpen da 
belassen. Das Gewicht derselben betrug nach rasch vorgenommener 
Wägung noch 3,583 grm., also fand ein Verlust von 2,933 grm. d. h. 
45,0 Proc. statt. Sie wurden sofort wieder unter die Luftpumpe ge- 
bracht und weitere 8 Tage da gelassen. Ihr Gewicht betrug jetzt: 
2,570 grm., der Gesammtverlust demnach 3,946 grm. oder 60,6 Proc. 
Nach weiteren 8 Tagen betrug der Gesanmitverlust: 4,046 grm. 
oder 62, t Proc. und nach noch weiteren 8 Tagen 4,1685 grm. oder 

Band IV. 1. 2 



IS A. Geuther, Ueber die Zusammensetzung der Krystalle von Aethernatron. 

64,0 Proc. Man sieht, dass der bei den beiden letzten Wägungen er-^ 
haltene nahezu conslante Verlust gleich ist l,5resp. 1,9 Proc. und 
offenbar nicht einem Weggang von Alkohol, der mit den Krystallen 
noch in Verbindung gewesen wäre zuzuschreiben ist, sondern durch 
den Einfluss der Feuchtigkeit der Luft auf die Substanz, während ihres 
Herausnehmens aus der Luftpumpenglocke und Wagens bedingt ist. 
Die Substanz hatte nach der zweiten Wägung , bei welcher der Ge- 
sammtverlust 60,6 Proc. betrug, bereits allen Alkohol verloren und da 
sie schon zweimal gewogen worden war, noch einen weiteren durch- 
schnittlichen Verlust von 2 mal 1,7 Proc. erlitten, also in Wirklichkeit 
einen Verlust an verbundenem Alkohol von 60,6 Proc. minus 3,4 Proc. 
d. h. -57,2 Proc. ergeben. Es stimmt dies Resultat fast genau mit dem 
von der obigen Formel verlangten, nämlich 57,5 Proc, überein. 



Icher die Eiiinirkiiii<i; Ton einfach salzsaurem Glyeoläther auf 
Mononatriiiiiigl} colat. 



Von 

Dr. E. Scheitz. 



Bei derEinwirkung von einfach essigsaurem Glycolätber aufMono- 
natnumglycolat erhielt Mohs ') hauptsächlich Digl y colalkohol. Da 
die Sauerstoffsäureäther des Glycols sich in mancher Weise aber ab- 
weichend verhalten von den Haloidäthern , so war es von Interesse 
zu erfahren , ob auch bei dieser Einwirkung dies der Fall sein würde. 

Es wurde nach der Methode von Wurtz dargestellter einfach chlor- 
wasserstoffsaurer Glycoläther auf in einem Retörtchen bereitetes Mono- 
nalriumglycolat gegossen , und der in die Höhe gerichtete Hals des 
Gefässes mit einem umgekehrten Kühler Verbunden. Da bei gewöhn- 
licher Temperatur keine Einwirkung erfolgte, wurde das Retörtchen 
im Oelbad allmählich auf l'iO*' erhitzt. Es entwich ziemlich viel eines 
mit blauer Flamme brennenden Gases, dessen Menge bei einer Steige- 
rung der Temperatur auf 1 50'^ sich noch vermehrte. Nach Verlauf 
einiger Stunden , als kaum noch eine Gasentwicklung im Innern zu 
bemerken war, wurde der Retortenhals sammt Kühler geneigt gestellt 
und die Temperatur bis 250^ gesteigert. Dabei deslillirte eine gelb- 
liche ölige Flüssigkeit. Der Retortenrückstand bestand neben Spuren 
einer organischen Substanz und etwas Natron aus Chlornatrium. Das 
Destillat bestand aus wenig unter 180" Siedendem, aus viel zwischen 
194 und 19()0 Uebergehendem und aus wenig zwischen 235 und 245*^ 
Destillirondem. Nach mehrmaliger Rectification wurde das zwischen 
194 und 19G" und das zwischen 235 und 245" Uebergehende für sich 
gesammelt und analysirl. 



1) Diese Zeitschrift. Bd. 111. p. 15. 



20 Dr. E. Scheitz, Ueber die Einwirkung von einfach salzsaurem Glycolüther etc. 

0,1946 grm. des ersteren lieferten 0,2674 grm. Kohlensäure, 
entspr. 0,07292 grm. Kohlenstoff = 37,3 Proc. und 0, 1 726 grm. Wasser 
entspr. 0,01917 grm. Wasserstoft = 9,9 Proc. 

Der bei gleicher Temperatur siedende Glycolalkohol verlangt: 
38,7 Proc. Kohlenstoff und 9,7 Proc. Wasserstoff; es war also dem- 
nach fast reiner Glycolalkohol. 

0,3035 grm. des zweiten lieferten 0,51 1 1 grm. Kohlensäure entspr. 
0,1394 grm. Kohlenstoff = 45,9 Proc. und 0,2365 grm. Wasser, entspr. 
0,0263 grm. Wasserstoff =8,7 Proc. 

Der Diäthylenalkohol, mit dem dieses Product den Siedepunct ge- 
mein hat verlangt: 45,3 Proc. Kohlenstoff und 9,4 Proc. Wasserstoff. 

Eine grosse Menge der angewandten Glycol Verbindungen war in 
jenes mit blauer Flamme brennende Gas, das offenbar nichts anderes 
als Aethylenoxyd war, übergeführt worden. 

Die Producte der Einwirkung sind hauptsächlich also: Aethylen- 
oxyd, und Glycolalkohol und nur sehr wenig Diglycolalkohol. Die Ein- 
wirkung verläuft demnach anders als bei der Anwendung von einfach 
essigsaurem Glycoläther, wobei als Hauptproduct Diglycolalkohol ent- 
steht. 

Das Verhalten des einfach essigsauren und einfach chlorwasser- 
stoffsauren Glycoläthers zu Mononatriumglycolat ist also analog dem 
verschiedenen Verhalten jener Aether zu Kalihydrat. 

Die Reaction verläuft nach der Gleichung : 
€2fl2| HO „^, ^ <^2JJ2| HOHO _ €2H2| HOHO Q'^) H202 ^ ^ p, 
j HO ***'' "*" i HONaO " j HOHO "*" j "*" 

Der Diglycolalkohol verdankt seine Entstehung der Einwirkung 
von Aethylenoxyd auf Glycol. 



Der Typhus in der Kaserne zu Weimar von 1836 — 1867, mit 
Berücksichtigung der anderen gleichzeitigen Epidemien. 



Von 

Dr. L. Pfeiffer in Weimar. 



Angeietil durch die Untersuchungen Buhl's über den Zusamnien- 
hcine; von Typhus mit den Schwjinkungen des Grundwassers in Mün- 
cJun , die im Verein n)it den jetzt anerkannten Entdeckungen Petten- 
kofer's über die Hilfsursachen für Choleraepidemien der öffentlichen 
Gesundheitspflege ganz neue und praktisch vervverthbareGesichtspuncte 
liefern, versucht Verfasser in Nachfolgendem die auffallende Typhus- 
morbilitiit zu beleuchten, wie diese in den Journalen des Weimarischen 
Militärspitales seit 1836 niedergelegt und ihm durch die Güte des Herrn 
Oberstilbs- und Regimentsarztes Dr. Hörn in Weimar zugänglich ge- 
macht ist. An Stelle der jahrelang fortgeführten Grund wassermessungen 
in München , deren schwankender Werth so genauen Schritt hält mit 
den Schwankungen der Typhustodesfälle, kann Verfasser nur einige 
Anhaltepuncte bieten, die indessen beweisen , dass in der anscheinend 
so gesund und hochgelegenen Kaserne zu Weimar eine fortlaufende 
Kette von Typhuserkrankungen in ungünstigen Untergrundsverhält- 
nissen ihre Ursache hat und dass das zeitweilige epidemische Auftreten 
des Typhus daselbst mit Feuchtigkeitsverhältnissen unterhalb der Häuser 
in Verbindung stehen muss. 

Es findet sich der Typhus (Abdominaltyphus) in Thüringen in sehr 
grosser Verbreitung. Ebensowohl die volkreichen Städte an der nörd- 
lichen Abdachung des Thüringer Waldes, als Orte im Gebirge selbst 
liefern jedes Jahr eine grössere oder kleinere Anzahl von Erkrankungen 
und auch der im Westen an den Thüringer Wald sich anschliessende 
Gebirgsstock der Rhön hat auf seinem Basaltboden einzelne ganz ver- 
heerende Epidemien gehabt. 



22 Dr. L. Pfeiffer, 

Fortlaufende Ketten von Typhuserkrankungen i) finden sich in 
Eisenach (Ackerhof, unterlasse, Fischerstadt), in Gotha (Gegend am 
Brühl), in Weimar (Graben, Brühl, Bahnhofslrasse etc.) , in Apolda 
(Heidenberg), in Wiehe etc. und giebt die auffallende Localisation der 
Cholera von 1806 in denselben Dislricten fast Gewissheit, dass die 
Aetiologie dieser beiden Krankheiten sehr viel Gemeinschaftliches haben 
muss. 

Es ist zur Zeit noch nicht genügendes Material vorhanden, um in 
Thüringen die Beziehungen von Typhuslocalitäten zu Cholera einer- 
seits und weiter zu Malaria , für welch Letztere ein räumlicher Anta- 
gonismus ebenfalls nicht zu bestehen scheint, ins Klare bringen zu 
können. Bei der umschriebenen Ve;^'brcitung der Cholera und bei der 
kleinen räumlichen Ausdehnung der Malaria in Thüringen ist die hier 
angeregte Frage eine mit verhältnissmässig weniger Schwierigkeiten 
verknüpfte und findet der neu gegründete ärztliche Verein von Thürin- 
gen hier jedenfalls ein dankbares Feld. 

Nach beifolgender Uebersicht der Typhuserkrankungen ist die 
Vertheilung derselben über die einzelnen Monate des Jahres im Ganzen 
eine ziemlich gleichmässige , zumal wenn man die beiden grösseren 
Epidemien von 1839 und 1867 in Abrechnung bringt. Von den beiden 
grösseren Epidemien fällt eine in den Herbst (mit 64 Erkrankungen), 
die andern auf den Winter (21). Die Typhuserkrankungen der Kaserne 
stehen in keinem nachweisbaren Zusammenhang mit gleichen lirkran- 
kungen in der auf dem andern Ufer der Um gelegenen Stadt. In den 
Jahren 1859 — 66 sind in der Stadt mehrfach gehäufte Erkrankungen 
von den Aerzten beobachtet worden und zum Theil von dem ärztlichen 
Verein zu Weimar zur Feststellung einer Typhuskarte benutzt worden, 
während unter dem Militär dieselben sich nicht über das Durchschnitts- 
mittel erheben. Im letzten Jahre (1867) war im Frühjahr die Stadt fast 
frei und nur in den, im Rücken der Kaserne liegenden Ortschaften, 
Oberweimar und Ehringsdorf, kamen vereinzelte Erkrankungen vor. 

Die Durchschnittsanzahl von Typhuserkrankungen beträgt nach 
beifolgender Zusammenstellung fast 7, und ist dieses Mittel in dem vor- 
liegenden Beobachtungsmaterial von 31 Jahren nur 6 mal überschritten 
worden, in den Jahren 1839, 1840, 1841, 1856, 1857 und 1867. 

Die Epidemie von 1839 (gewöhnlicher Dienstbestand in der Ka- 
serne 5 Compagnien ä öü Mann, mit den Eingezogenen c. 500 Mann), 
die stärkste aller beobachteten , fällt zusammen mit der Herbstein- 
ziehung. Es erkrankten viele der Neueingezogenen und bestätigt sich 

1) Ausführlicheres in : Choleraverhältnisse Thüringens vom Verfasser, Mün- 
chen, Oidenbourg 1867. 



Der Typhus in der Kaserne zu Weimar von 1836—1867 etc. 



23 



Tab. I. 



Uebersicht der Typhuserkrankungen im Militärlazareth zu Weimar 

iH;U) — 1807. 



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28 



22 3 



1 
1 

64 
8 

16 
7 
4 
1 
4 
3 
2 
5 



1 
5 
7 
7 
12 
11 
5 
2 
5 
3 
1 
2 
3 
6 
3 
21 

213 



Mit Ausnahme der beiden grösseren Epidemien von 
1839 und 1867 verlheilen sich die übrigen 128 Er- 
krankungen von 28 Jahren folgendermaassen ; 



6 110,10,14 



23 16 MO 9 



128 



I ^ 
2 



30 



756 

646 

698 

637 

842 

902 

972 

888 

1048 

744 

1018 

974 

1118 

748 

1042 

1457 

1659 

1442 

? 



24 Dr. L. Pfeiffer, 

die Thatsache, dass Umzug vom Land in die Stadt [d. h. engere Wohn- 
räume, mehr Aufenthall in schlechter Luft etc.) die Disposition steigert. 
Specielle Ursachen ausser den in früherer Zeit sehr beschränkten 
Wohnungsverhaltnissen können nicht angegeben werden. 

Für die zvveilstärkste Epidemie (gewöhnlicher Dienstbestand 700 
Mann) des Jahres \ 867 lässt sich eine derartige Schädlichkeit nicht an- 
führen und muss, da in den letzten 10 .Jahren sowohl die Wohnungs- 
ais auch die Nahrungsverhältnisse der Soldaten bedeutend verbessert 
wurden , eine Ursache dieser plötzlichen Zunahme nur in Einflüssen 
gesucht werden, die ausserhalb der socialen Beziehungen stehen müssen. 

Die schlossähnliche Kaserne liegt weit hin sichtbar an dem Rande 
eines Plateaus, c. 1 50 Fuss über dem Spiegel der nahe vorüberfliessen- 
den Um und c. 800 Fuss über dem Meere. Nach der Um und nach der 
jenseits derselben liegenden Stadt zu fällt das Terrain ziemlich steil 
ab, weniger steil nach SO, nach Qberweimar zu. Nach 0. dehnt sich 
das Plateau , einzelne Terrainfalten abgerechnet , weit aus , mit zahl- 
reichen und starken Quellen in den Terrainfalten (Papierbach von Ober- 
weimar, Quelle im Park, Quelle im Rebhühnerpark auf den sogenannten 
90 Aeckern und nach starkem Regen auf den Aeckern nach N. von der 
Kaserne, auf der »Grossmutter« und im W^ebicht). 

Den geologischen Untergrund dieses Plateaus bilden theilvveis 
dünne Muschelkalkbänke, die in bröcklichen unregelmässigen Schichten 
mit Letten abwechseln. Der grösste Theil aber besteht aus Alluvionen, 
wie sie sich jenseits der lim nach dem Gottesacker zu (Vorwerksgasse) 
finden (Lehm) und aus KiesgeröUen , wie sie bei Süssenborn über 80 
Fuss hoch zu Tage liegen. 

Die Kaserne mit den Nebengebäuden liegt in einer der oben ge- 
schilderten wasserreichen Terrainfalten des Plateaus und finden sich zu 
beiden Seiten der ganzen Wilhelmsallee zahlreiche Brunnen. Die jetzige, 
im Jahre 1855 neu erbaute Kaserne ist zum Theil aus den dünnen 
Muschelkalkplatten gebaut, die unter dem östlichen Flügel des Ge- 
bäudes selbst gebrochen wurden. Der westliche Flügel steht auf Geröll 
und »Knatz« (Keuperletten ?) und hat sich nach der Vollendung des Baues 
so gesenkt, dass das Gebäude in der Mitte starke Risse bekommen hat. 
Die Abtrittsgrube befindet sich am östlichen Flügel in dem früheren 
Steinbruche angelegt. Die frühere Kaserne n)it sehr ungünstigen Räum- 
lichkeiten befand sich in dem jetzt zum Lazarelh eingerichteten Ge- 
bäude und steht dasselbe wahrscheinlich ganz auf Alluvium. Die 
Brunnen am Kasernenberge haben eine wechselnde Tiefe von 18 — 26 — 
30 Fuss und variiren im Wasserstand bedeutend. 

Der Einfluss socialer Missstände lässt sich in Bezug auf den Aus- 



Der Typhus in der Kaserne 7,11 Weimar von 1836 — 1867 efc. 25 

hruih von Typhusepitlemien heim Militär leichter übersehen, als bei 
der Civilbevölkernng. Es giebt die Kaserne zu Weimar den Beleg, dass 
ohne sociales Elend (Simon) doch Epidemien entstehen können und ist 
das sociale Elend als ätiologisches Moment überhaupt ein Factor, der 
sich zu allen Zeiten auch unter einer relativ gesunden Bevölkerung in 
grösseren und kleineren Orten jederzeit nachweisen lässl. Wenn man 
auch (l(M' früheren Kaserne zu Weimar den Vorwurf machen konnte, 
dass sie ültervölkert wai", so trifft dies doch kaum die jetzige Kaserne, 
tlie luflig gelegen, nicht durch Mauei'n eingeengt ist, in welcher den 
Bewohnern eine ausreichende Kost verabreicht und in welcher dienst- 
lich auf Beinlichkeit der Räume und der Bewohner gesehen wird. Un- 
günstige Eintlüsse von Seiten der Beschäftigung der Soldaten können 
nicht stark prädisponirend eingewirkt haben, da bei ziemlich gleich- 
massiger Beschäftigung in 30 Jahren nur 6 mal eine stärkere Typhus- 
morhilität vorkam. 

Zur Eiklärung der Exacerbationen des Typhus bedarf es, wie- 
Bi'HL sagt, einer Ursache im grossen Styl, die, wie sie für München in 
den Schwankungen des Grundwassers sicher nachgewiesen und be- 
lechnet'j, auch für die frühere und jetzige Kaserne zu Weimar vor- 
handen ist. 

Die dem Militär zugehörigen Baulichkeiten stehen (mit Einschluss 
des östlichen Hügels der neuen Kaserne) auf einem porösen, für Luft 
und Wasser durchgängigen Untergrund, der bei c. 25 Fuss Grund- 
wasser führt. 

Das Grundwasser unterliegt bedeutenden Schwankungen, wie 
der schwankende Wasserstand der Pumpbrunnen daselbst beweist. 
Der Wasserstand war im Herbst 1866 so hoch, dass nach N von der 
Kaserne auf den c. 200 Fuss entfernten Aeckein eine Quelle zu Tage 
trat. Im Februar 1867 hatte der Brunnen vor dem Lazareth auffallend 
wenig Wasser, war am ganzen Kasernenberg Wassermangel, der erst 
im März und April sich wieder ausgeglichen hatte. Es trifft somit die 
T\pliusepidemie vom Wintei" 1867 mit einem tiefen Stand des Grund- 
wassers zusammen um! scheint auch das Erlöschen mit dem Steigen 
desselben in Beziehung zu stehen. 

Aehnliche Verhältnisse constatirte der ärztliche Verein für die im 
Frühjahr 1866 in dem Typhusbezirk von Weimar (Brühl, Wagnergasse, 
Töpfergasse, Kirchgassen etc. i auffallend spät eingetretenen Erkran- 
kungen. Es ging dieser Epidemie ein starkes Fallen des Grundwassers 
in jenen Stadttheilen voraus. 

\j Seidel, Zeitschrift für Biologie, Bd. I. 



26 Dr- L« l'leiffer, 

Verschiedene kleinere Epidemien , die Verfasser im Sommer und 
Herbst 1865 in der Umgebung von Eisenach im Anschluss an die 
Epidemie von Meningitis des Winters (ii/65 •) zu beobachten Gelegen- 
heit hatte, treffen ebenfalls mit einem Eingehen der dort allein vorhan- 
denen Pumpbrunnen zusammen. Zumal in dem Dorfe Uetterode war 
ein solch unerhörter Wassermangel und eine so starke Typhusepidemie, 
wie sich kein Einwohner eines Gleichen erinnern konnte. 

Die liauptpuncte des von Buhl aufgefundenen Zusammengehens 
von Grundwasserschwankungen und Typhusmorbilität finden sich 
demnach im Untergrund der Kaserne. — Die von dem ärztlichen Verein 
zu Weimar schon längst angeregten ständigen Grundwassermessungen 
werden voraussichtlich eine Bestätigung der anderweitigen interessanten 
directen beiderseitigen Abhängigkeit, eine Bestätigung des Gesetzes, 
ergeben : 

dass die Dauer und Baschheit der auf- oder abwärtsgehenden 
Bewegung des Grundwassers das Maass enthält für die In- und 
Extensität des Typhus, d. h. 

dass plötzliches tiefes Zurückgehen des Grundwassers z. B. eine 
starke Epidemie mit stärkster Mortalität im Beginn derselben 
vorhersagen lässt. 

Es finden wahrscheinlich die für das Auftreten und die Verbreitung 
der Cholera jetzt anerkannten Grundsätze auch hier ihre Anwendung, 
muss'für epidemische Verbreitung des Typhus eine Regeneration des 
Contagiums, das auch hier in den Entleerungen zu suchen ist, im Bo- 
den statt haben und ist der dazu günstige Zustand des Bodens vorhan- 
den, wenn beim Zurückgehen des Grundwassers durch die nachfolgende 
Luft die im Boden deponirten Abtriltsstoffe in Fäulniss übergehen. 

Durch die schon jahrelange Anhäufung von Soldaten auf dem 
oben als porös geschilderten Boden ist die Imprägnation desselben mit 
durch das Grundwasser gelösten excrementiellen Stoffen auf jeden Fall 
eine sehr bedeutende. 

Die Lage der Senkgrube, an einer höhern Stelle des Terrains nach 
0. von der Kaserne , muss ein Sickern derselben unter der Kaserne 
hinweg nach dem Abhänge des Plateaus zu veranlassen. 

Eine verhältnissmässig starke Fäulnissentwickelung beim Zurück- 
gehen des Grundwassers wird die natürliche Folge sein und findet dies 
eine Bestätigung darin, dass mehrere Brunnen jedesmal beim Beginn 
von Typhusepidemien mussten geschlossen werden wegen jauchiger 



4) Diese Zeitschrift. Bd. II. 1865. 



Der Tjpliiis in di'r Kaserne i\\ Weimar von 1830—1867 etc. 27 

Beschaflenheit des Wassers. Auch nach Gebrauch anderen, guten 
Wassers sind dann noch fortgesetzte Erkrankungen vorgekommen. 

Die immer noch in Frage gestellte Gontagiositiit des Abdominal- 
typhus können wir durch Beispiele nicht erhärten. Der persönliche 
Veikehr ist in einer Kas(Mne viel zai vervvickellj, als dass sich für der- 
artige Untersuchungen Anhaltspuncte finden liessen. Die in der Poli- 
klinik zu Jena dui'chLoTUOLz (Inauguraldissertation) zusanunengestellten 
Beobachtungen über das Incubalionsstadium des Abdominaltyphus 
(18 — 28 Tage!) bestätigen den von Griesinger aufgestellten Satz, dass 
eine Ansteckung von Seiten Typhuskranker erfolgt. Die sehr einfachen 
Verhältnisse der verschiedenen kleinen, jenen Beobachtungen zu Grunde 
liegenden I^pidemien in wenig bevölkerten Orten finden sich so selten, 
dass diesen Beobachtungen ein doppelter Werth beigelegt werden muss. 

Für die Erklärung der auffallenden Thatsache, dass seit 31 Jahren 
der Typhus eigentlich nie in der Kaserne erloschen ist, braucht aber 
nicht einmal eine öfter erneuerte Ansteckung von Einwohnern der 
Kaserne, oder eine öftere Importation von Typhuscontagium angenom- 
men zu werden. 

Die Tenacität des Typhuscontagiums ist eine ungeheure. In der 
Erlanger Klinik erkrankten 3 Jahre lang alle Kranken am Typhus, die 
in ein Zimmer gelegt w urden , in dem vor Jahren Typhuskranke ge- 
legen hatten und kann die hier 30 Jahre lang zu verfolgende Reihe 
von Typhusfällen auf die Tenacität des Gontagiums bezogen werden, 
welches event. jedes Zurückgehen des Grundwassers zu neuer, aus- 
gedehnterer Regeneration benutzt. 

In directem Anschluss an die Typhuserkrankungen im Februar 
und März 1867 kamen im Militärlazareth zahlreiche Wechselfieber- 
erkrankungen zur Beobachtung, von denen es anfangs zweifelhaft war, 
ob dieselben nicht gleichen ätiologischen Ursprunges mit der voraus- 
gegangenen Epidemie seien. Vereinzelte oder auch mehrfache Wechsel- 
fiebererkrankungen kommen alljährlich vor, 
1840. 1842. 1844. 1846. 1847. 1848. 1849. 1851. 1853. 



1. 

1854. 


1. 
1855. 


1. 

1856. 


1. 

1858. 


2. 
1859. 


7. 
1860. 


72. 
1862. 


3. 
1863. 


5. 
1865. 


8. 
1 866. 


7. 
1867. 


5. 


3. 


2. 


1. 


6. 


5. 


1. 



3. 12. 

Doch sind die Erkrankten meist Recruten aus den Dörfern im 
Rieth der Gera und der ünstrut, oder solche, die auf der Wanderschaft 
Fieberorte besuchten. So kommen z. B. von den 7 Wechselfieber- 
kranken des Jahres 1855 



28 Dr- L- Pfeiffer, 

2 auf Allstedt. 

2 - Kalbsrieth. 

1 - Wolferstedt. 

1 - Niederpöllnitz. 

1 - Heigendorf. 
Nur die gehäuften Erkrankungen im .lahre 1849 und 1867 Hessen 
sich nicht auf so einfache Weise erklären, zumal 1867 ein so directer 
Änschluss an die eben so unerwartete Typhusepidemie statt hatte: 

[Februar 10. 21. 22. 23. 27. 27. 27. 
Typhus 1867 März 2. 3. 3. i. 5. 5. 5. 8. 8. 12. 15. 25. 
(April 3. 13. 

fApril 8. 12. 18. 21. 
Wechselfieber 1867 JMai 14. 18. 18. 20. 23. 29. 

Juni 12. 20. 



Auffallend war, dass unter den Wechselfieberkranken sich nur 
Soldaten des I. Bataillons befanden , welche im August 1 866 in Rastatt 
in Kasematten (Friedrichsfeste) gelegen hatten und dass vom II. und 
III. Weimarischen Bataillon mit Quartieren in Ulm kein Einziger er- 
krankte. An eine Infection in Weimar war, da die Soldaten des 111. 
Bataillons in derselben Kaserne und unter sonst gleichen Verhältnissen 
sich befinden , nicht zu denken und muss demnach trotz des langen 
Incubationsstadiums von 6 Monaten die Infection auf die Friedrichsfeste 
in Rastatt bezogen werden. 

Räthselhaft würde diese Epidemie geblieben sein, wenn nicht be- 
reits für die massenhaften Wechselfiebererkrankungen des Jahres 1849 
sich ähnliche ätiologische Beziehungen hätten finden lassen. Im August 
und September 1848 war das Weimarische Militär in der Stärke von 
1000 Mann nach Schleswig ausgerückt mit Quartieren in und in der 
Nähe von Flensburg. Bereits auf dem Heimwege erkrankten einzelne 
am Wechselfieber, aber erst im Frühjahr 1849, also ebenfalls wieder 
nach einer fast 6monatlichen Latenz , kam es zu den massenhaften Er- 
krankungen unter dem damals geringen Dienstbestand und viele 
mittlerweile Entlassene überstanden ihre Krankheit in der Heimath. 
Zahlreichere Typhuserkrankungen kamen damals nach Tab. I nicht 
vor. Man kann die Salubritätsverhältnisse der Kaserne nicht beschul- 
digen, dass gerade durch sie eine frühere Infection zur Perfection ge- 
kommen sei. 

Die andervveiten im Militärlazareth beobachteten epidemischen 
Krankheitsformen haben wegen der geringen Zahl der vorgekommenen 
Fälle nur untergeordnetes Interesse. Die beigegebene Tabelle II. giebt 



Der Typhus in der Kaserne zn Weimar von 183G— 1867 etc. 



29 



Tab. II. 



Im Jahre 


Januar bis April bis 
März Juni 


Juli bis 
September 


Uctober bis 
December 


Summa 


1836 


Varioloiden 2 


Varioloiden 2 


Varioloid. 14 


Varioloiden 1 


Varioloiden 19 


1840 


' 






Parotidis 8 


Parotidis 8 


1842 


Varioloiden 1 


Varioloiden 4 






Varioloiden 5 


1844 






Varioloiden 2 




Varioloiden 2 


1 
1845 

1 


Parotidis 4 


Erysipelas 2 




Erysipelas 1 


Parotidis 4 
Erysipelas 3 


1847 


Morbillen 2 








Morbillen 2 


1 
1848 


Morbillen 3 




Varioloiden 1 




Varioloiden 1 
Morbillen 3 


1849 


Parotidis 1 
Morbillen 3 


Varioloiden 7 
Erysipelas 2 


Varioloiden 3 


Varioloiden 9 


Varioloiden 19 
Parotidis 1 
Erysipelas 2 
MorbiHen 3 


1 
1830 


Erysipelas 3 


Varioloiden 1 
Parotidis 1 
Erysipelas 2 


Erysipelas 4 


Varioloiden 1 
Erysipelas 2 

Influenza 1 


Varioloiden 2 
Parotidis 1 
Erysipelas 11 


1851 

Influenza 3 


Erysipelas 1 


Parotidis 1 
Erysipelas 3 


Parotidis 1 
Erysipelas 4 
Influenza 4 


1852 


Erysipelas 3 


Erysipelas 1 




Erysipelas 4 


1 
1853 


Erysipelas 4 


Erysipelas 7 


Parotidis 14 
Erysipelas 7 




Parotidis 14 
Erysipelas 18 


1854 


Varioloiden 2 


Varioloiden 2 
Erysipelas 5 


Erysipelas 12 


Erysipelas 1 


Varioloiden 4 
Erysipelas 18 


1855 


Varioloiden 1 
Parotidis 1 
Erysipelas 2 


Varioloiden 1 

Erysipelas 10 
Influenza 3 


Erysipelas 3 
Influenza 3 


Influenza 2 


Varioloiden 2 
Parotidis 1 
Erysipelas 15 
Influenza 8 


^gMg ' 1 Varioloiden 3 
Erysipelas 3 ' Erysipelas 5 


Erysipelas 4 


Erysipelas 1 


Varioloiden 3 
Erysipelas 13 


1857 j 


Erysipelas 3 


Erysipelas 8 
Morbillen 3 


Varioloiden 3 
Erysipelas 4 
Morbillen 1 


Erysipelas 2 


Varioloiden 3 
Erysipelas 17 
Morbillen 4 



30 



Dr. L. Pfeiffer, 



Fortsetzung von Tab. II. 



Im Jahre 


Januar bis 
März 


April bis 
Juni 


Juli bis 
September 


October bis 
December 


Summa 


1858 


Scarlatina 1 


Erysipelas 4 
Scarlatina 1 


Erysipelas 5 
Morbillen 1 


Varioloiden 2 
Erysipelas 4 


Varioloiden 2 
Erysipelas 9 
Scarlatina und 
Morbillen 3 


1859 i 


Varioloiden2 
Parotidis 1 


Varioloiden 2 
Parotidis 4 
Erysipelas 8 


Parotidis 2 
Erysipelas 4 


Varioloiden 4 
Parotidis 7 
Erysipelas 16 


1 
1860 




Erysipelas 2 


Erysipelas 5 


Erysipelas 3 


Erysipelas 10 


! 

1861 


Morbillen 3 


Erysipelas 5 


Erysipelas 1 




Erysipelas 6 
Morbillen 3 


1862 




Erysipelas 7 


Erysipelas 3 




Erysipelas 10 


1863 


Erysipelas 2 


Erysipelas 5 


Varioloiden 2 
Erysipelas 5 


Varioloiden 6 
Erysipelas 2 
Influenza 12 


Varioloiden 8 
Erysipelas 14 
Influenza 12 


1864 


Varioloiden 2 
Erysipelas 1 


Erysipelas 3 


Erysipelas 3 


Erysipelas 2 


Varioloiden 2 
Erysipelas 9 


1865 


Parotidis 3 
Erysipelas 2 


Erysipelas 3 


Erysipelas 5 


Erysipelas 2 


Parotidis 3 
Erysipelas 12 


1866 


Parotidis 3 
Erysipelas 3 
Morbillen 10 
Scarlatina 1 


Erysipelas 3 


Erysipelas 3 


Erysipelas 1 

Cholera 2 
Cholerine 4 


Parotidis 3 
Erysipelas 10 
Morbillen 10 
Scarlatina 1 
Cholera i „ 
Cholerinej 


1867 


Erysipelas 2 
Diphtheri- 
tis 14 


Erysipelas 2 








Summa 
ohne 
1867 


Varioloid. 10 
Parotidis 13 
Erysipelas 2 3 
Morbillen 21 
Scarlatina 2 
Influenza 3 
72" 


Varioloid 22 
Parotidis 5 
Erysipelas 85 
Morbillen 3 
Scarlatina 1 
Influenza 3 
ll¥ 


Varioloid 25 
Parotidis 17 
Erysipelas 72 
Morbillen 2 
Scarlatina — 
Influenza 3 
U9 


Varioloid. 19 
Parotidis 8 
Erysipelas 21 
Morbillen — 
Scarlatina — 
Inlluenza 15 
63 


Varioloiden 76 
Parotidis 43 
Erysipelas 201 
Morbillen 26 
Scarlatina 3 
Influenza 24 (?) 
373. 



Der Typhus in der Kaserne zu Weimar von 1836—1867 etc. 31 

eine Uebersicht der in den 30 Jahren notirliMi Falle von Erysipelas, 
Varioloiden , Morbillen , Searlalina , Parotidis und Influenza. Leider ist 
die Diphtheritis in den Krankcnropports niciit bonlcksichligl. 

Die Uebersicht zeigt eine forllaufende Anzahl von Ei\.sipelasfällen 
(mit Ausschluss von' Lymphangitis und Phlegmone) durch eine lange 
Reihe von Jahren , die im Durchschnitt mein- auf die uiirmeie Jahres- 
zeit fallen und die häulig sporadisch, in n)anchen Jahi-en aber auch in 
grösserer Anzahl mit acuten Exanthemen zusammen vorkommen. Bös- 
artige Formen sind kaum zur Beobachtung gekommen. So nach der 
Typhusepidemie von 1867 ein Fall, in dem fast t Quadratfuss ßauch- 
wand mit einem grossen Theil des Zellgewebes am Scrotum und Penis 
brandig ausgestossen wurde , und der in Heilung ausging. 

Kleinere Epidemien von Parotidis sind verhiiltnissmässig häufig 
zur Beobachtung gekommen, doch lasst sich hier ebenso wenig wie für 
die Fälle von Rothlauf irgend ein äusseres ätiologisches Moment geltend 
machen. Meist findet sich die Parotidis vor oder nach oder auch gleich- 
zeitig mit acuten Exanthemen, und im Ganzeii ziemlich gleichmässig 
über das ganze Jahr vertheilt. 

Parotidis wurde beobachtet 

Blattern 1850, 1855, 1859. 
Erysipelas 1853, 1859, 1866. 

Gleichzeitig mit .llnfluenza 1851. 
Masern 1866. 
Scharlach 1866. 

^ , iRothlauf 1853. 

Vorausgehend vor ), ,^^, 

'^ (Blattern 1864. 

XT LT 1 j c (Blattern 1849. 
Nachioleend aui ' ., <..^,„ 
^ (Rothlauf 1865. 

, ,. (1845. 

^''^''' fl840 (Typhus). 



Halsentzündungen kamen durchschnittlich 30 — 40 in jedem Jahre 
in Behandlung; Ausnahmsweise stark vertreten in den letzten Jahren 
1860. 1861. 186^ . 1863. 1864. 1865. 1866. 
~^3(K 3 y! W. 40^ Ü 5. 1 1 6. 89^ 
jedoch ist nicht mehr nachzukommen, w ie sehr diphtheritische Processe 
hierbei betheiligt sind (die in neuerer Zeit entschieden häufig vor- 
kommen). 

Lediglich der Vollständigkeit wegen sei noch angeführt, dass jähr- 
lich 2 — 5 bis höchstens 1 1 Lungenentzündungen vorkamen. 



32 Dr. !'• Pfcitfer, Der Typhus in der Kaserne zu Weimar von 1836—1867 etc. 

Acute Gelenkrheumatismen durchschnittlich 1 — 2 — 3 in jedem 
Jahr. 

Nagelgeschwüre durchschnittlich 33, Minimum 12, Maximum 63. 
Muskelrheumatismen in folgender Vertheilung : 

1849. 1850. 1851. 1852. 1853. 1854. 1855. 1856. 1857. 



40. 55. 60. 85. 61. 61. 78. 46. 5'(. 

1858. 1859. 1860. 1861. 1862. 1863. 1864. 1865. 1866. 



36. 100. 101. 93. 63. 120. 164. 180. 131. 

wobei zu berücksichtigen ist, dass der Dienstbestand der letzten Jahre 
fast das Doppelte ist von z. B. dem des Jahres 1839. 



Teber einige Tlialliiiniverbiiidiiugeii und die Stellung dieses 
Metallü» im S^steni^ 

von Dr. H. Plemming. 



Die im Folgenden mitgetheilten Untersuchungen über das Thallium 
wurden von mir auf Veranlassung des Herrn Dr. Sonnenschein in Berlin 
in dessen Laboratorium begonnen und im Laboratorium des Herrn Pro- 
fessor Dv. Geuthür in Jena zu Ende geführt. 

Dieselben sollten sich nur auf die Darstellung und Untersuchung 
etwaiger Verbindungen des Thalliumoxyduls mit Molybdänsäure, Wolf- 
ramsaure und Arsensaure, sowie auf das Studium der Einwirkung von 
trocknem Anunoniakgas auf metallisches Thallium beschränken. Nach- 
dem ich schon längere Zeit mit den einleitenden Arbeiten beschäftigt 
war, kam mir erst eine Abhandlung »On the combinations of Thallium, 
Inaugurai-Dissertation at the Georgia-Augusta University by Phil. Jos. 
ÜETTiNciER« zu Gcsicht , iu welcher ein Theil der von mir beabsichtigten 
Untersuchungen schon enthalten war. Da Oettinger indess die von ihm 
erhaltenen Salze auf ihren Wassergehalt zu untersuchen versäumt hatte, 
so habe ich geglaubt, die beabsichtigte Untersuchung nicht unterlassen 
zu dürfen. 

Verbindungen des Thalliumoxyduls mit Wolframsäure. 

Oettinger erhielt, als er wolframsaures Natron zu salpetersaurem 
Thalliumoxydul goss, einen weissen in Wasser unlöslichen Niederschlag, 
für den er nur ;mf Grund einer Wolframsäurebestimmung die Formel: 
TIO 2 WoO^ HO aufstellte. — 

Fügt man wolframsaure Alkalien zu nicht zu verdünnten Lösungen 
der Thalliumoxydul-Salze, so erhält man weisse amorphe Niederschläge. 
Dagegen entstehen, wenn beide Lösungen kochend und stark verdünnt 
zusammengebracht werden, in der erkaltenden Flüssigkeit stark licht- 
brechende Krystallblättchen, welche unter dem Mikroskop die Form sechs- 
seitiger Tafeln zeigen, ohne jede Abscheidung amorphen Salzes. Ob 

Band. IV. 1. 3 



34 H. Flemmino, 

die Krystalle dem rhombischen oder hexagonalen System angehören, 
wage ich nicht zu Entscheiden. 

Man erhält die nämlichen Krystalle, wenn man Wolframsäure län- 
gere Zeil mit kohlensaurem Thalliumoxydul kocht und heiss filtrirt. 

Ich habe den weissen amorphen Niederschlag durch Zusammen- 
giessen kalter nicht zu verdünnter Lösungen von kohlensaurem Thal- 
liumoxydul und NaO. WoO^. 2 HO dargestellt und analysirt. Derselbe 
erleidet, wenn lufttrocken angewandt, ^^eder nach 3tägigetn Trocknen 
über Schwefelsäure, noch nach 12 stündigem desgleichen bei 100" C, 
noch nach (i stündigem bei 150" C. irgend welchen Gewichtsverlust. 
Er ist also wirklich wasserfrei. In kohlensaurem Natron löst er sich 
beim Kochen; bein) Erkalten der Lösung entstanden die erwähnten 
Krystalle. Zur Analyse wurde die Substanz durch kohlensaures Natron 
in Lösung gebracht , das Thallium durch lodkalium gefällt i), abfiltrirt 
und nach dem Trocknen bei lOO" C. gewogen. Das Filtrat wurde mit 
salpetersaurem Quecksilberoxydul vollkommen ausgefällt und der Nie- 
derschlag von wolframsaurem Quecksilberoxydul und lodquecksilber 
vorsichtig geglüht. 

1,125 grm. Substanz gaben 1,034 grm. Tl J, entsprechend 0,6622 
grm. TIO = öH.H Procent und 0,4645 grm. WoO=^ = 41,2 Procent. 

Es entsprechen diese Zahlen allerdings nicht einem neutralen Salz, 
aber auch nicht einem sauren; sie kommen am Nächsten der Formel: 
4 TIO, 5 Wo0^2j 

Ich halte es für das Wahrscheinlichste, dass das Mehr an Wolfram- 
säure bloss neutralem, rasch und deshalb amorph ausgeschiedenem Salz 
beieemenot sei. 



1; Dies geschah immer nach der von Willm*) gegebenen Vorschrift. Der- 
selbe räthdas Thallium in einem vorher gut gereinigten offnen Gefäss in der Kälte zu 
fallen, da sich dasselbe leicht an die Wandungen des Glases ansetze, 10—12 Stun- 
den absetzen zu lassen, einmal zu decantiren und den Niederschlag mit einer klei- 
nen Quantität Wasser, welches man vorher mit ein paar Tropfen lodkaliumlösung 
versetzt hat, aufs Filter zu bringen und abtropfen zu lassen. Dann wird mit reinem 
Wasser ausgewaschen, so lange, bis die oberste Schicht des Filtrals anfängt, sich 
zu trüben. Das Filter muss bei lOO^C. getrocknet und gewogen sein und man 
wiederholt diese Operation, nachdem man das lodthallium darauf gesammelt hat. 
— Die Resultate sind, wie ich bestätigen kann, sehr genau. 

*) Recherches surle Thallium, These presentee äla Facultc des Sciences de Paris, 
par M. J. Ediiond Willm, Paris, 1865 vollst, abgedr Annales de Chim. et de Phys. 
4, V, p. 5—103. 

2) Das .\equivalent des Thalliums habe ich hier, wie bei allen meinen Analysen 
mit Lamy zu 204 angenommen. 



üeber einige Thalliumverbiudungeii und die Stellung dieses Metalls im System. 35 

bei'. gef. 

4T10 59,4... 58,8 

5 WoO^ 40,6 ... 41,2 

roo 

Krystallisirtes wolframsaures Thalliumoxydul erhielt ich durch Ver- 
mischen kochend heisser, stark verdünnter Lösungen von kohlensaurem 
Thalliumoxydul mit NaO. WoO^. 2 HO und Abfiltriren der, in der er- 
kaltenden Flüssigkeit schnell entstehenden Kryslalle. Es verliert beim 
Trocknen etwas an Glanz und Lichlbrechungsvermögen , erleidet aber, 
nachdem es lufttrocken geworden ist, weder beim Trocknen über Schwe- 
felsäure, noch bei 100, noch bei loO^ C. irgend welchen Gewichtsver- 
lust. Es ist also auch wasserfrei. 

Zur Analyse wurde das Salz gleichfalls in kohlensaurem Natron ge- 
löst, das Thallium als lodthallium gefallt und gewogen , das Filtrat hie- 
rauf unter Zusatz von Salzsäure eingetrocknet, die dabei theilweise 
reducirle Wolfram sä uie durch einige Tropfen Salpetersäure wieder oxy- 
dirt, Wasser zugefügt, die zurückbleibende Wolframsänre abfiltrirt und 
mit Salmiak haltigem Wasser ausgewaschen , getrocknet , geglüht und 
gewogen 

Ein anderes Mal habe ich krystallisirtes wolframsaures Thallium- 
oxydul , durch Kochen von Wolframsäure mit kohlensaurem Thallium- 
oxydul dargestellt; in der heiss abfiltrirten Lösung scheiden sich die 
Kryslalle rasch aus. Das Salz wurde ganz wie das vorhergehende ana- 
lysirt. 

L Salz durch Umsetzung mit NaO. WoO^. 2 HO erhalten: 

4,9325 grm. gaben: 0,631 grm. WoO^ *) = 32,6 Procent und: 
1,945 grm. TU, entsprechend 1,246 grm. TIC = 64,5 Procent. 

H. Salz beim Kochen mit WoO^ erhalten: 

0,8135 grm. Substanz lieferten: 0,8205 grm. TU, entsprechend 
0,5255 grm. TIO = 64,5 Procent; ferner 0,290 grm. WoO^ = 35,6 
Procent. 

Demnach ist das Salz neutrales wolframsaures Thalliumoxydul, 
ber. gef. 

TIO 64,5 . 64,5 . 64,5 

WoO^ 35,5 . (32,6) . 35,6 

100 



1) Bei dieser Wolframsäure-Bestimmung ging Etwas verloren. 

3* 



36 H. Flemming, 

Ich habe auch versucht ein saures wolframsaures Salz des Thallium- 
oxydurs zu erhalten dadurch , dass ich eine verdünnte heisse Lösung 
von kohlensaurem Thalliumoxydul mit einer desgleichen von saurem 
wolframsaurem Natron versetzte. Bei geringem Zusatz bilden sich wäh- 
rend des Erkaltens die mehrfach beschriebenen Krystalle, bei grösse- 
rem Zusatz entsteht eine Trübung der Flüssigkeit, und, wenn man noch 
einige Zeit kocht, scheidet sich am Boden gelblich grüne Wolframsäure, 
untermischt mit amorphem Salz aus. Die hierbei entstehenden Kry- 
stalle waren anfangs klar und durchsichtig, aber nach Verlauf von 24 
Stunden waren sie trüb und undurchsichtig geworden. Da sie sich 
durch Abschlämmen von dem amorphen Niederschlag gut trennen 
lassen , habe ich auch von ihnen eine Thallium-Bestimmung gemacht. 
Sie sind darnach gleichfalls neutrales Salz. 

1,7515 grm. des krystallisirten Salzes gaben : 1,7(i45 grm. Tl.T, 
entsprechend 1,1301 grm. Tl = 64,5 Procent. 



Verbindungen des Thal 1 iumox yd ul s mit Mol yb da n säure. 

Giesst man eine heisse stark verdünnte Lösung von NaO. MoO^. 
iüO mit einer gleichfalls heissen und stark verdünnten Lösung von 
kohlensaurem Thalliumoxydul zusammen , so scheiden sich beiu) Er- 
kalten der Flüssigkeit Krystallflitter aus, die unter dem Mikroskop ganz 
dieselbe Form und ein gleich ausgezeichnetes Lichtbrechungsverniögen 
zeigen, als die schon beschriebenen Krystalle des neutralen wolfi'am- 
sauren Salzes. Sie scheinen im Wasser noch schwerer löslich zu sein, 
als jene; durch kohlensture Alkalien werden sie gleichfalls gelöst und 
bei genügender Conccnlration beim Erkalten wieder erhalten. 

Zur Analyse wurde die lufttrockne Substanz verwandt; sie erlitt 
sowohl über Schwefelsäure, als bei 100, als bei 150^*0. keinen Ge- 
wichtsverlust. Das Salz war also ebenfalls wasserfrei". — Nach dem 
Lösen in kohlensaurem Natron wurde das Thallium durch lodkalium 
ausgefällt. 

1,0593 grm. des getrockneten Salzes gaben: 1,230 grm. TU, 
entsprechend 0,787S grm. T10 = 7i,4 Procent. 

Demnach ist das Salz neutrales molybdänsaures Thalliumoxydul. 

ber. gef. 

TIO 74,6 . . 74,4 

MoO^ 25,4 . . — 

iTo 

Diese Krystalle kann man auch durch Kochen von Molybdänsäure 



üeber einige Tlialliumverbindiingeii und die Slelluun diesi'S Metalls im System. 37 

mit einer Lösung von kohlensaurem Thalliumoxydul erhalten; filtrirt 
man letztere noch heiss von der ungelöst gebliebenen Molybdänsäure 
ab, so erscheinen dieselben beim Erkalten im Filtrat. 

Fügt man eine heisse und stark verdünnte Lösung von zweifach 
molybdünsaurem Natron — erhallen durch Zusammenschmelzen von 
1 Mischungsgewicht NaO. CO^ mit 2 desgleichen MoO'* — zu einer 
heissen, stark verdünnten Lösung von kohlensaurem Thalliumoxydul, 
so entsteht anfänglich kein Niederschlag, aber bei weiterem Zusatz des 
molybdänsauren Natron entsteht ein, durch die ganze Flüssigkeit ver- 
breitetes, voluminöses, weisses Präcipitat, welches mit wenigen com- 
pacteren Krystallen vermengt ist. Es setzt sich sehr langsam ab; die 
unterste und schwerste Schichte zeigt eine gelbliche Farbe. In einer 
hinreichenden Menge siedenden Wassers löst es sich wieder auf; fügt 
man dazu von Neuem molybdänsaures Natron, so entsteht nach einigem 
Koi hen ein gelber, schnell zu Boden sinkender Niederschlag. Wird 
dieser, nach dem Ausw^aschen mit Ammoniak behandelt , so verliert er 
seine gelbe Farbe , es bleibt eine weisse Masse zurück und in der 
Flüssigkeit findet sich Thallium und Molybdänsäure. Eine qualitative 
Analyse dieses gelben SalzeSjWelche angestellt wurde, um zu entscheiden, 
ob dasselbe vielleicht ein Doppelsalz von TIO. MoO'^ und NaO. MoO' 
sei, ergab die Abwesenheit von Natrium. 

Das sich zueist abscheidende und schwer absetzende Präcipitat, 
welches sowohl von gelbem , als auch von krystallisirtem Salze leicht 
durch Schlämmen getrennt werden kann, wurde über Schwefelsäure 
getrocknet und analysirt. Es konnte ohne Gewichtsverlust bis 150" C. 
erhitzt werden und ist also wasserfrei. 

1,04225 grm. lieferten 1,1075 T1.I, entsprechend 0,7098 TIO = 
68,5 Procent. 

DasVerhältniss des Thalliumoxydul's zur Molybdänsäure berechnet 
sich danach wie 8:11 oder '1 : '6^.^. Es ist wohl möglich, dass dasselbe 
ein Gemenge amorphen neutralen Salzes mit freier Molybdänsäure ist. — 

Das vorher erwähnte gelbe Salz verliert, wenn es lufttrocken ist, 
weder über Schwefelsäure, noch bei 100 resp. ISO^C. an Gewicht. 

0,7ri75 desselben gaben: 0,f)2;io grm. TlJ, entsprechend 0,:^993 
grm. T10 = 5.i,6 Procent. 

Darnach enthält es also 46,4 Procent Molybdänsäure, welche Zahlen 
annähernd einem Salz von der Zusammensetzung ItlTlO, 8 MoO* ent- 
sprechen. 

Oettinger erhielt durch Wechselzerselzung von salpetersaurera 
Thalliumoxydul und molybdänsaurem Natron gleichfalls das neutrale 
Salz, für das er die richtige Zusammensetzung angegeben hat. 



38 H. Flemming, 

Verhalten des Thalliumoxyduls gegen Kieselsäure. 

Dass das Thalliumoxydul das Vermögen besitzt, Kieselsäure aufzu- 
lösen , ist schon von den Entdeckern dieses Metalls bemerkt worden ; 
es ist jedoch, so weit ich habe in Erfahrung bringen können, nie 
das Verhältniss untersucht, in welchem beide sich mit einander zu 
vereinigen im Stande sind. — Die von mir zu den Versuchen ver- 
wandte Kieselsäure war bei der Darstellung der Kieselflusssäure als 
Nebenproduct gewonnen, sie wurde vollkommen ausgewaschen und 
ungeglüht angewandt. Das Thalliumoxydulhydrat war durch Wechsel- 
zersetzung von schwefelsaurem Thalliumoxydul mit Barythydrat in 
verschlossenem Cylinder und Eindampfen der verdünnten Lösung in 
einer Retorte erhalten worden. Diese Lösung wurde mit viel über- 
schüssiger Kieselsäure etwa 24 Stunden lang im Kochen erhalten und 
dann abfiltrirt. Das Filtrat wurde getheilt, ein Theil diente dazu, das 
relative Löslichkeitsverhältniss der Kieselsäure im Thalliumoxydul fest- 
zustellen, der andere, um zu sehen, ob bei weiterem Eindampfen etwa 
eine kryslallisirte Verbindung erhalten würde. 

Die ersterwähnte mit Salpetersäure angesäuerte Flüssigkeit wurde 
zur Trockne gebracht, wieder mit Wasser aufgenommen und von der 
ausgeschiedenen Kieselsäure abfiltrirt ; im Filtrat wurde das Thallium 
als lodthallium bestimmt. 

Es wurden erhalten : 1,620 grm. TU, entsprechend 1,0433 grm. 
TIO und 0,04355 grms. SiO^ 

Demnach waren gelöst in 100 Theilen Thalliumoxydul 4,17 Theile 
Kieselsäure. 

Die nach einiger Concentration aus dem zweiten Theil nach dem 
Erkalten sich abscheidende Substanz war weiss und krystallinisch ; sie 
verlor, lufttrocken angewandt, über Schwefelsäure 5, 3 8 Procent Wasser, 
nichts weiter indessen beim Erhitzen auf löO'^G. 

Zur Analyse wurde dieselbe mit Salpetersäure einige Zeit gekocht, 
im Wasserbade zur Trockne gebracht , mit Wasser wieder aufgenom- 
men , von der ausgeschiedenen Kieselsäure abfiltrirt und im Filtrat das 
Thallium als lodthallium gefällt. 

0,2345 grm. gaben: 0,073 Si 0^ = 31,1 Proc. und 0,23875 grm. 
TU, entsprechend 0,1529 grm. TIO = 65,2 Proc. 

Man sieht, dass die Analyse einen Verlust von 3,7 Procent ergiebt, 
über den ich mir Rechenschaft nicht zu geben vermag. Es wäre denk- 
bar, dass die Substanz Wasser , welches bei I50"C. noch nicht aus- 
getrieben wurde, enthalten hätte. Das gefundene Gewichtsverhältniss 
von TIO und SiO' entspricht dem Mischungsgewichts verhältniss 4:9. 



üeber einiiip Tliiilliuiiiverbiiulimgeii und die Stelliiiio; dieses Metalls im Syslcin. 39 

Die Lösung von KiCvSelsüure und Thalliuinoxydul n> iid durcli Kohlen- 
säure unter Abscheidung von Kieselsäure zersetzt, aber die letzlere ist 
doch auch im Stande, die Kohlensäuie auszutreiben, da eine kochende 
Lösung von Tl 0. CO'^ Kieselsäure zu lösen vermag. Beim Erkalten 
trübt sich die Flüssigkeit, wird al)er durch erneutes Kochen wieder 
klar. Beim abermaligen Erkalten tritt die Trübung von Neuem ein 
und nach einigem Stehen scheidet sich eine, in ihren äussern Eigen- 
schaften der vorher analysirten ganz ähnliche Substanz aus. 

Verhalten des Thallium gegen Stickstoff. 

Für diesen Versuch, wie für die folgenden, habe ich mir Thallium 
nach Willm's Vorschrift aus oxalsaurem Thalliumoxydul dargestellt. 
Wenn man dieses Salz erhitzt, so schmilzt es unter starkem Aufschäu- 
men zu einer anfangs schwarzen , dann rothbraunen Masse , aus wel- 
cher sich plötzlich der Regulus hervordrängt. Fast immer ist derselbe 
an seinen Rändern noch von einem schmalen Ringe braunen oder 
schwarzen Oxydes umgeben, von welchem man das flüssige Metall 
leicht durch Drehen des Glasrohrs (Kugelröhren) ablaufen lassen kann. 

lieber das dergestalt reducirte glänzende Metallkorn wurde Stick- 
gas aus einem Gasometer, über Schwefelsäure und Chlorcalcium getrock- 
net und über glühende Kupferspähne geleitet, treten gelassen. Es wurde 
allmählich die Hitze gesteigert. Die Metallkugel blieb völlig blank und 
unverändert, selbst als die Temperatur die Schmelzhitze des böhmischen 
Glases erreicht hatte. 

Die gleiche Un Veränderlichkeit des Metalls beobachtete Oettinger, 
als er trocknes Ammoniakgas 2 Stunden lang über in einer Glasretorte 
geschmolzenes Thallium leitete. 

Verhalten des Thallium gegen Kohlensäure. 

Reine trockne Kohlensäure übt auf blankes Thallium , selbst bei 
einer Hitze, welche das böhmische Glas erweichen macht, nicht die ge- 
ringste Wirkung aus. Es entsteht keine Spur Kohlenoxydgas oder 
Thalliumoxydul. 

Einwirkung von Kohlenoxydgas auf die Oxyde 
des Thallium. 

Obgleich nach der von Willm gemachten Entdeckung, dass beim 
Erhitzen von oxalsaurem Thalliumoxydul metallisches Thallium ent- 



40 H. Flemming, 

stehe, und nach dera Resultat des vorherigen Versuchs es beinahe als 
selbstverständlich anzusehen war, dass die Oxyde des Thallium durch 
Kohlenox)dgas reducirt werden, so stellte ich doch, da der directe 
Versuch noch nicht gemacht war, denselben an. 

Ich leitete über das beim Glühen des Salpetersäuren Thalliumoxy- 
duls erhaltene Product — nach Lamy ein Gemenge von Thalliumoxydul 
und Thalliumtrioxyd — das sich in einem Porzellanschiffchen und dieses 
wieder in einem böhmischen Glasrohr befand, Kohlenoxyd. — Schon 
nach kurzer Zeit zeigten sichMetallkügelchen und es gelang nach länge- 
rem Glühen, das Gemenge der beiden Oxyde vollständig zu reduciren. 

Verhalten des elektrischen Stroms gegen salpeter- 
saures Thalliumoxydul. 

Es ist mehrfach von den Chemikern, welche sich mit Unter- 
suchungen über das Thallium beschäftigten, bemerkt worden, dass bei 
Reduclion desselben mittelst des elektrischen Stromes aus einer Sulfat- 
Lösung sich am positiven Pol eine schwarze Masse ausschied. Dieselbe 
trat stets in zu geringen Mengen auf, um damit Reactionen anstellen zu 
können; man vermuthete nur, dass es Thalliumtrioxyd sei. Auch ich 
beobachtete diese Substanz bei der Reduction des Metalls durch den 
elektrischen Strom, welche ich derjenigen durch Zink weitaus vorzu- 
ziehen gelernt hatte. Wenn dieselbe wirklich Superoxyd war, so konnte 
ihre Rildung in grösserer Menge bei der Zersetzung des salpetersauren 
Salzes erwartet werden. In der That geschieht diess. Es scheidet sich 
am negativen Pol Metall, am positiven Thalliumtrioxyd in beträcht- 
licher Menge als dichte, schwarzbraune Masse aus, welche dieselben 
Reactionen, wie das auf anderem Wege dargestellte Trioxyd liefert. ^) 

Verhalten des Thalliumoxydulhydrats gegen Phosphor. 

In schmale Streifen geschnittener , weisser Phosphor in eine Lö- 
sung von schwefelsaurem Thalliumoxydul gebracht, erzeugt in der- 
selben nach wochenlangem Stehen am dunkeln Orte keine Veränderung. 

Phosphor-Stücke in eine concentrirte Lösung von Thalliumoxydul- 
hydrat, welches durch Zersetzen von TIO. SO^ mit Rarythydrat unter 
möglichstem Luftabschluss dargestellt war, gebracht, bedecken sich fast 
augenblicklich mit einer schwarzen Haut . die beim Kochen zu einem 



1| Ich ersehe eben aus dem 2. Hefte des Jahrgangs i868 p. 57 der »Zeitschrift 
für Chemie«, dass Böttger bereits dasselbe beobachtet kat. 



üeber einige Thalliumvcrbiiidiingen und die Stellung dieses Metalls im System. 41 

metallglänzenden Ueberzug wird. In verdünnter SO^ löste sich derselbe 
sehr langsam. 

Phosphor-Stücke tnit Thaliiuinoxydulhydrjit in oiiin Röhre einge- 
schlossen und 2i Stunden im W'asserbade erhitzt, werden ebenfalls zu 
einer schwarzen am Boden bleibenden Masse, während weissliche kleine 
Krystalle sich an den Gefässwänden ansetzen. BeimOelinen der Röhre, 
\^ eiche nur wenig Druck zeigt, ist der Geruch nach Phosphorwasser- 
stoff \\ahrnehmbar ; die in der Röhre befindliche Flüssigkeit enthält 
viel Thallium und etwas phosphorige Säure. 

Die schwarze Masse wurde zur Entfernung überschüssigen Phos- 
phors mehrmals mit Schwefelkohlenstoff behandelt, aus welchem sich 
nach dem Abgiessen alsbald rolher amorpher Phosphor ausschied. Die 
zurückbleibende Masse wurde über Schwefelsäure getrocknet, gewogen 
und hierauf mehrere Stunden mit verdünnter Schwefelsäure gekocht; 
es entwickelte sich dabei ein starker äusserst unangenehmer Geruch, 
dem des Schwefelaethyrs vergleichbar. Ein geringer Theil , welcher 
ungelöst blieb, wurde abfiltrirt und in der mit NaO. CO^ neutralisirten 
Lösung das Thallium als lodthallium niedergeschlagen. Phosphorsäure 
war im Filtrat nicht nachweisbar. 

0,4565 grm. Substanz lieferten: 0,664 grm. TU, entsprechend 
0,409 grm. Thallium = 89,6 Procent. 

Der in Schwefelsäure ungelöst gebliebene nicht weiter gewogene 
Rückstand löste sich in Salpetersäure unter Freiwerden von salpetriger 
Säure ; derselbe enthielt nur noch geringe Mengen Thallium , dagegen 
verhältnissmässig viel Phosphor. Es mag diess wohl ein Phosphorthal- 
lium gewesen sein, aber die geringe Menge der vorhandenen Substanz 
erlaubte keine genaue quantitative Analyse. 

Im Anschluss hieran habe ich einen Versuch angestellt über das 

Verhalten des Thallium gegen Phosphordämpfe bei 
höherer Temperatur. 

Es wurden Phosphordämpfe über in der Glühhitze geschmolzenes 
Thallium in einem Koldensäureslrom geleitet. Die Metallkugel bleibt 
blank und zeigt nach dem Erkalten auf der Oberfläche nur eine dünne 
Schicht einer blasigen schwärzlichen Masse ; die Kugel lässt sich leicht 
zerschneiden, die Schnittflächen sind völlig metallglänzend, ganz wie 
bei reinem Thallium. Nachdem sie längere Zeit in Wasser gelegen 
hatte, wurde die äussere schwarze Schicht durch Salpetersäure weg- 
gelöst; die Lösung enthielt Phosphorsäure, das Uebrige der Metallkugel 
war reines Thallium, denn: 



42 H. Flcmming, 

1,0125 grni. trockner Substanz lieferten: 1,64125 grm. TU, entspre- 
chend 1,01 15 grm. oder 99,9 Proc. Thallium. 

Dass die äusseren schwarzen Schichten der grösstentheils unver- 
änderten Thalliumkugel ein Phosphorthallium gewesen sind, glaube ich 
nach dem Angeführten annehmen zu dürfen ; aber es ist dadurch auch 
constatirt, dass die Verwandtschaft dieses Metalls zu Phosphor in der 
Glühhitze nur sehr gering ist. 

Ich war leider verhindert, diese Versuche zum völligen Abschluss 
bringen zu können. 



Heber die Stellung iles Thallium im System. 

Das Thallium hat das wunderbare Schicksal gehabt , zuerst unter 
die Metalloide, dann unter die Metalle und da wieder zu den leichten 
und schw'eren gerechnet worden zu sein. 

Grookes glaubte anfangs , als er wohl nur Schwefelthallium und 
nicht das Metall unter den Händen hatte, es gehöre zur Schwefel-Selen 
Gruppe, später jedoch, als er die Eigenschaften des reinen Metalls stu- 
dirte, stellte er es zwischen Blei und Silber. 

Lamy, der zuerst das Thallium in reinem Zustande erhielt, sprach 
die Ansicht aus, es sei in die Gruppe der Alkalimetalle zu stellen. Nach 
ihm hat Dumas in einem Bericht an die Akademie i) das bis dahin über 
Thallium Bekanntgewordene zusammenfassend, sich ebenfalls für die 
LxMv'sche Ansicht ausgesprochen. Auch Willm bekennt sich am Schlüsse 
seiner vortrefflichen »Recherches sur le Thallium« zu der Ansicht 
Lamy's, was eigentlich zu verwundern ist, da fast alle von Vv'illm neu- 
gefundenen Thatsachen darauf hinweisen, dass das Thallium den 
schweren Metallen beizuzählen sei. 

Von deutschen Gelehrten hat sich mit Bestimmtheit eigentlich nur 
Werther bei Gelegenheit seiner Arbeiten über das Thallium für dessen 
Stellung in die Alkaligruppe ausgesprochen. — In den EROMAivN'schen 
sowohl, wie in den ScHÖNBEiN'schen Arbeiten habe ich entschiedene 
Erklärungen hierüber nicht gefunden. 

Strecker, der über die Verbindungen des Thalliumtrioxyds ge- 
arbeitet hat, stellt das Element in seinem Lehrbuch unter die schweren 



1) Comptes renalis des s^ances de l'Acadeinie des Sciences, seance du 
15. Decembre 1862. 



lieber einigt' Tliiillüiiiivi'iliiiuliingeii iiiid die Slelliiiig dieses Metalls im System. 43 

Metalle und beschreibt es unniillelbar hinter dem Blei ; allejdings fügt 
er am Schlüsse die Bemerkung hinzu ; »Der chemisehc Charakter des 
Thallium ist so eigenthümlieh , dass es mit keinem andern Metall 
verglichen werden kann. Wahrend es in mehreren Beziehungen den 
Alkalimetallen ähnlich ist, zeigt es besonders wegen seiner Fäll- 
barkeit durch Schwefelanmionium und der leichten Reduetion durch 
Zink aus seinen Salzlösungen mehr Beziehungen zu den schweren 
Metallen «. 

In dem Lehrbuch von Graham-Otto wird es in der Einleitung der 
zweiten Abtheilung des zweiten Bandes, welche über die allgemeinen 
Eigenschaften der Metalle handelt, zu wiederholten Malen unter den 
schweren Metallen genannt und in unmittelbarer Nähe des Blei's auf- 
geführt. — WöuLER stellt es in seinem Grundriss gleichfalls neben das 
Blei. — Man sieht also, dass über den, dem Thallium anzuweisenden 
Platz unter den Chemikern noch keineswegs Einigkeit herrscht. 

Diejenigen, welche das Thallium zu den Alkalimetallen rechnen, 
führen für diese Ansicht an: 1) die Löslichkeit des Thaliumoxyduls in 
Wasser und die stark alkalische Reaction dieser Lösung, 2) die Fäll- 
barkeit mancher Metallsalze, z. B. Zinkoxydsalze durch das Thallium- 
oxydul, ;{) die Existenz eines Thalliumalkohoiat's, i) die leichte Lös- 
lichkeit des Thalliumfluorürs , des kohlensauren und schw efelsauren 
Thalliumoxyduls und die Isomorphie des letzteren mit dem schwe- 
felsauren Kali, 5) die Bildung von Thalliumoxydulalaunen, 6) die Lös- 
lichkeit der phosphorsauren Thalliumoxydul - Salze , des Gyan-, des 
Ferro- und Ferridcyanthallium , 7) die Unlöslichkeit des Thallium- 
platinchlorids. 

Ehe ich jetzt zu den zahlreichen gewichtigen Momenten übergehe, 
w eiche dafür sprechen , das Thallium unter die schweren Metalle zu 
zählen, muss ich noch einige Worte über die Beziehung sagen, in wel- 
cher das Mischungsgewicht des Thallium zu denen der Alkalien nach 
Dlmas stehen soll, sow ie über die aus der specifischen Wärme abgelei- 
teten Argumente Willm's. 

W. in seiner oben citirten Abhandlung sagt: «Herr Dumas in sei- 
nem so klaren Bericht über das Menwire des Herr Lamy fügt, nachdem 
er die Gründe erörtert hat, welche das Thallium unter die Alkalimetalle 
zu stellen zwingen, hinzu, dass, diesen Satz zugegeben, das Lithium, 
wenn man die numerischen Beziehungen betrachtet, welche zwischen 
ihren Aequivalenten bestehen, den ersten Platz in der Reihe dieser Me- 
talle einnimmt, indem es das niedrigste Aequivalent hat, während das 
Thallium am andern Ende der Beihe mit dem höchsten Aequivalent 
sich befindet. Diese Reihe ist folgende : 



44 



H. Flemmiiio, 




Lithium . . . . 


7 


Natrium . . . . 


23 


Kalium . . . . 


39 


Rubidium. . . . 


85 


Caesium . . . . 


123 


Thallium . . . . 


204 



Ueber diesen Ges^enstand ist noch bemerkt worden , fügt Dumas 
hinzu: 

1) Dass das Aequivalent des Natrium genau die Hälfte der Aequi- 

valenle des Kalium und des Lithium ist, ' ' = 23. 

2 

2) dass, wenn man das Doppelte des Gewichts des Natrium zum 
Gewichte des Kalium fügt, man das Gewicht des Rubidium erhält: 
46 + 39 = 85, 

3) dass, wenn man das Doppelte des Gewichts des Natrium zum 
Doppelten des Gewichts des Kalium fügt, man nahezu das Gewicht 
des Caesium erhält: 46 -}- 78 = 124, 

4) dass, wenn man das Doppelte des Gewichts des Natrium zum 
Vierfachen des Kalium hinzufügt, man nahezu das Gewicht des Thal- 
lium erhält: 46 + 156 = 202.« 

Zu 3) erwähnt W. in einer Anmerkung , dass durch spätere For- 
schungen freilich das Aequivalent des Caesium zu 133 festgestellt sei, 
dass sich aber auch diese Zahl in den Zusammenhang der Reihe bringen 
lasse, wenn man sie betrachte als gleich dem vierfachen Gewicht des 
Natrium plus dem Gewicht des Kalium : 92 + 39 = I 31 . 

Schliesslich bemerkt er, dass Dumas, indem er diese Beziehungen 
aufsuchte, dadurch nicht eigentlich habe ein neues Beweismittel für die 
Stellung des Thallium unter die Alkalimetalle bringen wollen, sondern 
dass er diesen Punct bereits hinlänglich erwiesen achte und nur bei- 
läufig ein numerisches Band zwischen den Aequivalenten der Alkalien 
habe aufsuchen wollen. 

Wie locker und künstlich gemacht der hier aufgestellte Zusammen- 
hang ist, scheint mir am Klarsten daraus hervorzugehen, dass, wenn 
das Aequivalent des einen Elements nach neueren Forschungen sich 
plötzlich um \ höher stellt, die aufgestellte Rechnung den Autoren des- 
halb um Nichts unwahrscheinlicher erscheint, sondern, dass es schnell 
gelingt ein neues Verhältniss herzustellen. 

Der Zusammenhang unter den Aequivalent-Zahlen verwandter 
Elemente ist bis jetzt noch so wenig aufgeklärt , dass es durchaus un- 
statthaft erscheint, aus einer darauf gegründeten Combination einen 



Ueber einige TiialliiimvPiiiiiKliiiiiiPii und die Stollmiu dieses Metalls im Syslom. 45 

Kückschluss zu iniiclion. Für den voi-liogcndcM» l"";ill lässt sich das sehr 
leicht in (Mnein Beispiel erörtern. 

Man ist jetzt allgemein darüber einiii, dass das Thallium nicht wie 
Crookes anfanglich annahm . zu den Metalloiden resp. der Schwefel- 
Selen-Gruppe gehöre. Es würde aber diesem Chemiker leicht gewesen 
sein, z^^ischen dem Ae(|ui\alenl des Thallium und jencMu der 3 Ele- 
mente Schwefel, Selen und Tellur einen eben solchen Zusammenhang 
aufzufinden, als es Dumas mit dem Thallium luid den Alkalimetallen ge- 
lungen ist. — In der Reihe: 

Schwefel ... 16 
Selen .... 39,5 
Tellur .... 04 
ist der Zusammenhang l)ekannt. Fügt man nun das Doppelte des Aequi- 
valents des Selen zum Doppelten des Tellur, so kommt man dem Ae- 
ijuivalent des Thallium fast ebenso nahe, wie Dumas mit der Zahl 202; 
denn 79 -f- 128 = 207. 

Ich sollte meinen, dass dieser Trugschluss allein genügte, um das 
DuMAs'sche Argument zu entkräften. 

Wn.LM sagt weiter, indem er darauf hinweist, dass das Atomge- 
wicht des Thallium, aus seiner specifischen Wärme abgeleitet, sich, 
ebenso wie das des Kalium, zu 102 berechnet, es müsse das Thallium, 
ebenso wie das Kalium, als einatomig angesehen werden, während das 
Blei, dessen Aequivalent 103,0 mit dem berechneten übereinstimmt, 
als zweiatomig zu betrachten sei. 

\V. übersieht dabei, dass sich aus der angeführten Thatsache ebenso 
gut eine Aehnlichkeit des Thallium mit dem Silber ableiten lässt, denn 
das Aequivalent desselben berechnet sich aus dei- specifischen Wärme 
gleichfalls nur zu 54, während es doch allgemein zu lOS angenommen 
wird. — Nun hat auch in sehr vielen anderen Beziehungen das Thal- 
lium mit Silber kaum weniger Aehnlichkeit, als mit Blei, und es würde 
gewiss, wenn es unter die schweren Metalle zu zählen sei, bei beiden 
seinen Flatz erhalten müssen. 

Durch das Beispiel des Silbers wird gleichzeitig auch ein Argument 
entkräftet, welches W. als das gewichtigste füi- die Placirung des Thai- 
liun) unter die Alkalimetalle bezeichnet, nämlich der Isomorphismus 
einiger Thalliumoxydulsalze mit Kalisalzen, besonders der Sulfate. 

Durch Mits<:hi:klich\s'j Untersuchungen ist bekannt, dass sehr viele 
Silbersalze mit Natronsalzen isomorph sind. Ich nenne hier nur das 
schwefelsaure Silberoxyd und das unterschwefelsaure Silberoxyd. Zwar 



4) Pogg. Aniiai. Bd. VII. p 138, u. Bd. XXV. p 30^. 



46 H. Flemming, 

hat man bis jetzt durch Versuche nur festgestellt, dass das unter- 
schwefligsaure Silberoxyd mit den unterschwefligsauren Alkalien und 
alkalischen Erden Doppelsal2;e bilde, aber in Folge des oben besproche- 
nen Isomorphismus würde es höchst wahrscheinlich gelingen, die ent- 
sprechenden Natronsalze in Doppelverbindungen durch Silbersalze ver- 
treten zu lassen, und man könnte vielleicht auch Silberalaune erhalten, 
wenn die dahin gerichteten Versuche nicht etwa an der Schwerlöslich- 
keit des schwefelsauren Silberoxyd's scheitern sollten. Dadurch würde 
auch das Vermögen des schwefelsauren Thalliumoxydul's, jVlaune und 
andere Doppelsalze, wie sie Werther mit isomorphen Sulfaten der 
Magnesia-Reihe erhalten hat, zu bilden, leicht erklärlich, und, w^eit 
entfernt, für die alkalische Natur des Thallium zu zeugen, würde es 
vielmehr den Beweis liefern , dass die Thatsachen des Isomorphismus 
von uns durchaus noch nicht in ihrer letzten Ursache erkannt sind. 

Neben diesem Beispiel des Isomorphismus der Salze solcher Me- 
talle, die ganz verschiedenen Gruppen angehören , erscheint es unnö- 
thig, noch darauf hinzuweisen, dass Isomorphieen zwischen Blei- und 
Strontian- resp. Baryt-Salzen, sowie auch zwischen Zinn- und Mag- 
nesia-Salzen etc. vorkommen. Deshalb hat man indess sich nie be- 
wogen gefunden , daraus Schlüsse über die chemische Stellung dieser 
Körper zu ziehen. 

Eine von Vielen betonte Aehnlichkeit des Thallium mit dem Kali- 
um soll darin bestehen, dass seine Salze mit Platinchlorid ein unlös- 
liches Doppelsalz bilden. Dieser Umstand scheint mir indess wenig zu 
beweisen; erstlich ist das Verhalten der Alkalimetalle selbst in dieser 
Beziehung verschieden , indem bekanntlich Chlornatrium ein lösliches 
Doppelsalz, das mit 6 Aequivalenten Wasser kryslallisiren kann, liefert, 
während die andern Chloralkalien unlösliche Salze geben, und zweitens 
ist durch die Untersuchungen v Bonsdorff's^) dargethan worden, dass 
nicht allein Chloride der Alkalien , sondern auch Chloride der Metalle 
und der alkalischen Erden mit Platinchlorid Doppelsalze bilden. Die- 
selben haben die allgemeine Formel RCl, PtCl- -h xaq. Es sollen das 
Strontium- und Calcium-Salz mit 8, das Barium-Salz mit 4, das Mag- 
nesium-, Eisen-, Mangan-, Zink-, Cadmium-, Kobalt-, Nickel- und 
Kupfer-Salz mit 6 Aequivalent Wasser krystallisiren ; die acht letztge- 
nannten sind isomorph. Sowie sich also hier Magnesium, Eisen, Mangan 
etc. an die Seite des Natrium stellen, ohne dass man daraus geschlos- 
sen hat , sie gehörten in eine Gruppe , ebensowenig lässt sich behaup- 
ten, dass das Thallium , welches sich der andern Gruppe der Alkalien 



1) Pogg. Amial. Bd. XVII. p. 250, Bd. XIX. p. 337. 



lieber einige Thiilliumverbiiidiingeii imd dif Stellimii dieses Metalls im System. 47 

rücksichtlich seines Verhallens zu Platinchlorid anschliesst, deswegen 
nicht unter die schweren Metalle zu rechnen sein dürfte. 

Dass Thallium-Verbindimpen die Flamme färben, ist eine Eigen- 
schaft, die sie bekanntlich nicht allein mit den Alkalien , sondern auch 
mit den Salzen des Kupfers theilen. 

Aus dem spectralanalytischen Verhalten des Thallium und seiner 
Verbindungen hat W. Allen MillerI ganz die entgegengesetzten Schlüsse 
gezogen, als die französischen Chemiker. Während nämlich das auf ge- 
wöhnliche VN'eise im BiNSEX-KmcHHOFP'schen Apparate erzeugte Spec- 
trum des Thallium nur die bekannte grüne Linie zeigt, enthält das 
Spectrum des zwischen zwei Thallium-Drähten überspringenden elek- 
trischen Funkens mehrere neue Linien, welche die für die Metalle cha- 
rakteristische Eigenschaft zeigen, an den Enden viel intensiver zu sein, 
als in den mittleren Theilen. Die Photographie des Spectrums erinnert 
am Meisten an das des Cadmium und Zink's, weniger an das des Blei's. 
Miller bekämpft auf Grund dieser Beschaffenheit des Spectrums die 
LAMY-DuMAs'sche Ansicht und ist der Meinung, dass das Thallium in die 
Nähe des Blei's und Silber's gestellt werden müsse. 

Man hat aus dem Umstände, dass blankes Thallium an der Luft 
schnell anläuft und sich mit einer Oxydschicht bedeckt, auf ein gros- 
ses Vereinigungsstreben des Metalls zum Sauerstoff geschlossen, aber 
abgesehen davon, dass dasselbe nach Schönbein's^) Untersuchungen in 
trockenem und ozonfreiem Sauerstoff ganz unverändert bleibt, spricht 
auch der Umstand, dass das Thallium die Kohlensäure und das Wasser 
nicht zerlegt, und, wie ich gezeigt habe, durch Kohlenoxydgas aus sei- 
nen Oxyden leicht reducirt wird, desgleichen die leichte Reducirbar- 
keit aus seinen wässrigen Salzlösungen durch den elektrischen Strom 
durchaus nicht für eine grosse Verwandtschaft zum Sauerstoff. 

Es ist zudem eine bekannte Thatsache, dass auch blankes Blei sich 
nach einiger Zeit mit einer Oxydschicht überzieht und die Versuche 
vieler Chemikei", unter andern die von Elsner und Noad^) haben gelehrt, 
dass es in Berührung mit Wasser und Luft sich äusserst schnell mit 
weissem Bleioxydhydrat bedeckt, welches von Wasser in nicht unbe- 
deutender Menge gelöst wird, so dass durch Schwefelwasserstpff braune 
und schwarze Färbung entsteht. — Mag auch das Thallium etwas grös- 



1) Sog. Roy. London, 13. .lan. 1S63 ; Annales de Chim. et de Phys. III. S<5iie, 
T. LXrX, p. 507. 

2) Journ. f. pract. Chem. XCIil, p 3r>. 

3i Chem. techn. Mittheilg. ISTjA — 56. p. 24 ; Jahiesber. v. Liebig und Kopp, 
1851. p. 616. 



48 H. Flemmiiiff, 

sere Vorwandlschaft zum Sauersloll' haben, als andere schwere Metalle, 
jedenfalls kann dieselbe mit derjenigen , welche die Alkalimetalle zei- 
gen, nicht verglichen werden ; denn dieselben zersetzen bekanntlich 
sowohl das Wasser, als auch die Kohlensäure unter Feuererscheinung. 

Derjenige Umstand, der unstreitig am Meisten geeignet wäre, dem 
Thallium den Platz unter den Alkalimetallen anzuweisen, ist die Lös- 
lichkeit des Oxyduls in Wasser. Man ist allerdings gewöhnt, die Unlös- 
lichkeit der Oiyde als eine charakteristische Eigenschaft der schweren 
Metalle, die Löslichkeit als eine solche der alkalischen Erden und Alka- 
lien anzusehen , aber es muss constatirt werden , dass innerhalb der 
verschiedensten Gruppen sich ausserordentliche Differenzen in dieser 
Hinsicht zeigen : Kalihydrat und Lithionhydrat, Barythydrat und Mag- 
nesiahydrat, selenige und tellurige Säure, Phosphorsäure und Antimon- 
säure. Dasselbe gilt für die schwefelsauren , phosphorsaui'en und koh- 
lensauren Salze: schwefelsaurer Baryt und schwefelsaure Magnesia, 
schwefelsaures Quecksilberoxyd und schwefelsaures Bleioxyd, phos- 
phorsaures Kali und phosphorsaures Lithion, kohlensaures Kali und 
kohlensaures Lithion. Dazu konmit die Unlöslichkeit des chromsauren 
Thalliumoxyduls, des Chlor- , iod- und Brorathallium der Löslichkeit 
der entsprechenden Alkalisalze gegenüber. Man sieht daraus, dass Lös- 
lichkeitsvcrhältnisse der Verbindungen Nichts entscheiden , wenn es 
sich um die chemische Stellung einer Substanz handelt. 

Es spricht aber ferner gegen die Alkalinatur des Thallium, dass 
dasselbe noch ein unlösliches Oxyd bildet, welches, wenn es auch leicht 
Sauerstofl" abzugeben und mit concentrirter Salzsäure Chlor zu ent- 
wickeln vermag, doch mit Sauerstoffsäuren Salze bildet und dadurch 
von den Superoxyden sich wesentlich unterscheidet. 

Wenn man überhaupt zugeben muss , dass die Löslichkeit des 
Oxyduls nicht unbedingt ein Criterium für die alkalische Natur des 
Thallium abgiebt, so fällt damit das letzte Argument für die Lamy-Du- 
niAs'sche Auffassung hinweg. Denn die sonst noch bemerkenswerthen 
Eigenschaften des Thallium, so die alkalische Reaction und der laugen- 
artige Geruch der Oxydulhydratlösungen und ihre Eigenschaft, Kiesel- 
säure zu lösen, sowie die Löslichkeit der Cyanverbindungen, die Bil- 
dung von in Alkohol löslichem Thalliumalkoholat werden in der Löslich- 
keit des Oxyduls eine genügende Erklärung finden. 

Ganz direct gegen die Alkalinatur des Thallium sprechen aber 
vor Allem drei Eigenschaften: 1) die Abscheidung desselben durch Zink, 
aus den wässrigen Lösungen seiner Salze, 2) die Reducirbarkeit seiner 
Oxydationsstufon durch Kohlonoxyd und 3) dieFällbarkeitdurcli Schwe- 
felammonium. 



Ueber einige Tliiilliiimverbiiidiingeii und die Stellung dieses Metalls im System. 49 

Will man sich darnach ein Bild von der Stellung dos Thallium im 
System machen, so %v(lrde man sagen müssen, es sei das Metall, wel- 
ches die Gruppe der Alkalien und alkalischen Erden mit der Eisen- 
und Bleigruppe verknüpfe. 



Schliesslich nehme ich Gelegenheit , den Herren Dr. Sonnenschein 
und Professor Dr. Geuther, unter deren Anleitung ich die vorstehenden 
Untersuchungen ausführte, für die gütige undbereiLwilligeUnterstützung, 
welche mir dieselben dabei zu Theil werden Hessen — und nieinem 
geehrten Freunde , Herrn Dr. Carstanjen in Berlin für die Liberalität, 
mit welcher er mir das erforderliche Material zur Verfügung stellte, 
meinen wärmsten Dank auszudrücken. 

Jena, Januar ^868. 



Ruiiil IV. I. 



Teber die Drehung des Humerns. 

Von 

C. Gegenbaur. 

(Hierzu Taf. I.) 



Unter der Bezeichnung »Drehung a (Torsion) des Hunierus machte 
Charles Martins i) eine Erscheinung bekannt, welche an sich nicht we- 
nig interessant, für die Vergleichiing der beiden Extremitäten aber von 
giösster Wichtigkeit ist. Sie gibt für diese Operation einen Factor ab, 
der die Mehrzahl der grossen, hier auftretenden Schwierigkeiten besei- 
tigt. Obgleich ich selbst bei meiner Vergleichung der vordem und hin- 
tern Gliedniassen der WirbeUhiere zu wesentlich denselben Resultaten 
gekommen war, wie der vorgenannte Autor, so hatte ich damals den- 
noch Bedenken gegen Jene Aufstellungen, und legte Lageveränderun- 
gen der proximalen Enden von Ulna und Radius das Hauptgewicht bei. 
Diesen Verschiebungen jener Enden muss ich auch heute noch das Wort 
reden. Allein ich halte sie nicht mehr für das Ausschliessliche, ja nicht 
einmal für das Hauptsächlichste bei der Umgestaltung welche die Lage- 
rungsverhältnisse der Theile des Armskelets im Vergleiche mit dem 
Skelete der hintern Gliedmassen darbieten. Eine genaue Prüfung der 
Angaben von Martins, noch mehr aber das Auffinden positiver Nach- 
weise fürden genannten Vorgang lassen mich nicht nur jener Auffassung 
vollkommen beipflichten , sondern geben auch zu diesen Zeilen mittel- 
baren Anlass. Diese meine gleich von vornherein erklärte Zustimmung 
bezieht sich jedoch nur auf die Diehung der Humerus. Bezüglich der 



1 1 Nouvelle Coniparaisoii des nienihies pclviens et thoraciques chez l'liomme 
et oliez des Maminifercs dcdiiile de la lorsion de l'Huinerus. Kxtrait des Mönioires 
de l'Academie des Sciences et lettres de Montpellier T. III. p. 471. Montpellier 
1857. — Audi in den Ann des sc. nat. S^r. IV. Tome 8. 1857. p. 45. 



('('her die Drehung des Ilunierus. 5t 

Deutungen von Olocranon und Palello iniiss ich iuicl» jel/t noch ondrer 
Mt'iiiunij; ^sein. 

Beaelit(U\ wir zunächst die Anjznben von Maiitins. Va siii;t in dein 
der Vergk'ichunu; des renuu' mit dem Ikuneius gewidmeten Abschnille 
seiner Abhyndlung: »Der Ilumerus des Menschen ist ein um seine Axe 
in einem Winkel von IcSO (irad gechehter Knochen. Das Femur ist ein 
gi'iach'r Knochen, ohne Drehung. Da i\e\' Ilumerus ein gedrehtes Fenuu' 
Norstelll, so muss man hei der Vergleichung dieser beiden Knochen vor 
allem den Humerus zurückdrelin (detordre); das Resultat dieser Ope- 
lalion wird sein , dass die Epitrochlea nach aussen, der Epicondylus • 
nach innen gerichtet sein wird. Alsdann bietet die Vergleichung der 
Brust- und der ßeckengliedmassen gar keine Schwierigkeit mehr. Der 
Kopf des Ilumerus bleibt dabei unverändert in seiner Lage nach innen 
(median) wie jener des Femur.a 

»Die Körper beider Knochen besitzen ihre Kanten parallel ihrer 
Axe. Die convexe oder tricipitale Fläche des Oberarniknochens findet 
sich vorne, wie die vordere, con\e\e oder tricipitale Fläche des Ober- 
schenkelknochens. Beide Knochen sinil somit einander ähnlich; ihre 
Condylen sind if,\c\\ hinten gerichtet. Der innere Theil, der nunmehr 
zum aussein geworden ist, entspricht durch seinen starkem Vorsprung 
dem sich ähnlich verhaltenden äussern Gondylus des Fenuir; das Olc- 
cranon liegt wie die Palella nach vorne zu ; diese ist an den vordem äussern 
Theil des Kopfes der Tibia befestigt, welcher die miteinander verbun- 
denen und verschmolzenen Köpfe der UIna und des Radius vorstellt.« 

»Für den Unterschenkel und den Vorderarm scheinen nun die 
Schwierigkeiten gleichfalls gelöst. Wenn die Gliedmasse sich in Supi- 
nalion befindet, so lässt die Rückdrehung idelorsion) des Humerus den 
Vorderarm eine Drehbewegung ausführen, welche die Streckfläche nach 
vorne bringt, die Beugefläche nach hinten; folglich wird der der Til)ia 
analoge Radius sich innen finden; die LUna, der Fibula analog, aussen. 
Der Daumen und die grosse Zehe sind beifte innen, der kleine Finger 
und die kleine Zehe aussen gelagert.« 

L'm sich von der Richtigkeit dieser Aufstellung zu überzeugen, ge- 
nügt es nach Martins »am Ilumerus des Menschen oder irgend eines 
Säugethieres die rauhe Linie zu verfolgen welche vom Epicondylus an 
sich schräg gegen tlie hintere Fläche wendet, dies(! längs der Rinrve für 
den Kadiaincis iiiii/.ieht, und sich mit d r Insertionsoberfläche des An- 
cnniK'us iiilcmus forlscl/.t, um unlcrlialb des Humeriis-Kopfes an einer 
ausge/eiclinclen Stelle des Ihiisos zu enden, gerade am andern Ende des 
Oiicrdiirclunessers des Kuoclieiis. Diese Drehung ist \on vicU'U Anthro- 
|totoMi('M b.'aclitel wonlrii." 

4* 



52 C. Gegenbaur, 

»Doch zogen diejenigen, welche die Thatsache conslalirten keines- 
wegs die sich daraus ergebenden Folgerungen. Dass diese von einem 
Botaniker verstanden wurden, ist jedoch nicht auffallend, wenn man 
weiss, dass die Drehung an den Stengeln der Gewächse eine sehr ge- 
wöhnliche Erscheinung ist. Man muss ihr beständig Rechnung tragen, 
da sie die symmetrische Anordnung der Anhangsorgane, der Knospen, 
Blätter, Blüthen etc. stört.« 

»Da die Drehung des Humerus eine unbestreitbare Thatsache ist, 
so ist es klar, dass man logischer Weise diesen Knochen nicht mit dem 
Femur vergleichen konnte, ohne ihn zurückzudrehen, und aus ihm einen 
ebenso geraden Knochen darzustellen als es das Femur ist; denn es ist 
die Drehung welche den Sinn der Beugung der Beckengliedmassen um- 
kehrt, weil der Vorderarm sich nach vorne, der Unterschenkel dagegen 
nach hinten beugt.« 

»Die Drehung ist keine ausschliessliche Eigenthümlichkeit des 
menschlichen Humerus, sie ist allgemein in den drei obersten Abthei- 
lungen der Wirbelthiere, der Säugethiere, Vögel und Reptilien, leben- 
der sowohl als fossiler; sie beträgt ISO*' beim Menschen und den Land- 
oder Wassersäugethieren; 90*^ bei den Chiroptern, den Vögeln und den 
Reptilien.« 

»Beim Menschen nnd den Land- und Wassersäugethieren beträgt 
die Drehung zwar immer 180**, allein die Verhältnisse der Axen des 
Halses und den Trochlea sind nicht in der ganzen Reihe dieselben. Es 
gibt davon zwei Modificationen.« 

»Beim Menschen und den anthropomorphen Affen , wie der Orang, 
Chimpansee, der Troglodytes Tschego, der Gorilla und die Gibbons, sind 
die Axen des Halses des Femur wie des Humerus parallel und alle beide 
gegen die Wirbelsäule gerichtet, d. h. von aussen nach innen und von 
unten nach oben. Die eine wie die andere, ebenso wie die Axen des 
Körpers beider Knochen , sind in derselben Ebene etwas vertical und 
senkrecht gegen die Vertebro-Sternal-Ebene. Diese Richtung der 
Axen ist die mechanische Bedingung für die Drehbewegung des Arm- 
und des Schenkelknochens in ihrer Gelenkpfanne. «_. 

»In dieser Thiergruppe ist wie beim Menschen die Axe der 
Trochlea des Humerus ebenso parallel der Ebene in welcher die Axen 
des Halses und des Körpers desselben Knochen liegen ; und man kann 
wenn das Tliier aufrecht auf seinen Füssen steht , in physikalischer 
(nicht in mathematischer Beziehung) sagen , dass die Axe des Hu- 
merushalses, des Körpers dieses Knochens, und die seiner Trochlea, 
ebenso wie jene des Fcniui-halscs, die Axe dieses Knochens und die 



üeber die Drehung des Hnmerns. 53 

seiner Condylcn doullifh in oiniMi und (loi'selben verlicalen Ebene lie- 
gen, die senkrecht gegen die Medianebene des Körpers gerichtet ist.« 

»Bei den Land- und Wasser-Säugethieren ist die Axe des Femur- 
halses wie beim Menschen gelagert, und die Ebene welche man durch 
die Axe des Knochens, sowie jene des Feniurh;ilses legt, ist eben- 
falls senkrecht zur Medianebene des Körpers. Aber nicht dasselbe ist 
an den vorderen Gliedniassen der Fall : die Axe des IIunierushals<*s ist 
von vorn nach hinten und von unten nach oben gerichtet. Diese Axe 
und jene des Humeruskörpers liegen in einer Ebene, welche parallel 
/.u der Sternovertebralebene steht. Daraus folgt, dass dieEl)enc, in 
der die Axe des Knochens und jene seines Halses liegen, senkrecht zur 
Axe der Trochlea liegt«, »während beim Menschen diese drei Axen in 
eine und dieselbe Ebene fallen. Wenn wir als Vergleichungspunct 
die Axenrichtung des Femurhalses nehmen , welche bei allen Thieren 
dieselbe ist, so können wir zugeben , dass beim Menschen und den 
höhern Affen der Humeruskopf an der Drehung des Körpers dieses 
Knochens keinen Antheil nimmt. Im Gegensatz hierzu hat bei den nie- 
dern Affen wie bei den übrigen Säugethieren das untere Ende des Hu- 
merus eine Umdrehung von 180" erlitten, und das obere, anstatt wie 
beim Menschen unverändert zu l)leiben , ist gleichfalls um 90" gedreht. 
Diess wird bewiesen durch die relative Lagenveränderung der Rauhig- 
keiten , welche die Bicepsrinne begrenzen. Die Tuberositas externa 
beim Menschen wird bei den Säugethieren zur vordem, die Tuberositas 
interna des Menschen zur hinlern, was eine Drehung von 90" voraus- 
setzt.« »Die Folge dieser Lagenveränderung ist die Bewegung der 
Vordergliedmassen des Säugethieres in einer Ebene, indem es nur ganz 
unvollkonmien die Drehbewegungen vollführen kann, welche den Men- 
schen und die anlhropomorphcn Affen auszeichnen.« 

»Bei den Chiroptern , den Vögeln, und den Reptilien beträgt die 
Drehung des Humerus nur 90", die Axen des Femurhalses und des Hu- 
merus sind wie beim Menschen gerichtet, nämlich die Axe des Körpers 
des Knochens und jene des Halses liegen in einer zur Medianebene 
senkrecht stehenden Ebene. Da jedoch der Körper des Humerus blos 
um 90" gedreht ist, so ist die Trochlea nach aussen gerichtet. Bei diesini 
Thieren ist die Ebene, in welcher die Axe des Knochens und jene 
seines Halses liegt, senkrecht gerichtet gegen die Axe der Hunierus- 
Trochlea, und ebenso geschieht die Bewegung des Vorderarms gegen 
den Oberarm nach auswärts in einer senkrecht auf die Sterno-vertebral- 
Ebene stehenden Ebene.« 

Das vorstehend milgetheilte umfasst einige der ^^i^■hligsten Sätze 
der genannten Abhandlung, welche ich ausfuhrlicher mitzutheilen mir 



54 f- Getiviibiiiir, 

erlaubte, il.i die Arbeit in DcuIsiIiIüimI wciiii: lickiiDiit, oder doeli min- 
destens nicht i^ebüliiend beaciilet ist. ij Der Verlasser erläutert wei- 
terhin noch die Beziehungen , welche diese verschiedenen Axenstel- 
lungen der Extremitätenknochen zu den von den Extremitäten aus- 
geführten Hauplbewegungen besitzen, und in den andern Capiteln 
der Abhandlung wird die Verglcichung, sowohl dei- SkeJettheile als der 
übiigenTheile der Extremitäten — Muskeln, Nerven, Arterien — durch- 
geführt. Es ist indessen keineswegs meine Absicht auf alle diese Ver- 
hältnisse einzugehen, vielmehr will ich nur an die Eischeinung der 
Drehung des Uumerus anknüpfen, da diese j,i für tue Verglcichung der 
beiden Extremitäten nach Martiivs ohnehin den Cardinalpunct abgibt.^) 
Nach Martins soll der Humerus des Menschen im Vergleiche zum 
Femur eine Drehung von LSG" um seine Axe vollfülu-t haben; so dass 
der ulnare Epicondylus ursprünglicli aussen, der radicale dagegen innen 



1 ) Berücksiclitigt finde ich sie im Handbuch der Anatomie von Cruvkilhiek (Traitö 
d Anatomie descriptive. Quatrierae Edition, Tome I. Paris 1862. In einem der Ver- 
iileichung beider Extremitäten gewidmeten Abschnitt S. 262 heisst es : »M. Martins 
a bien voulu faire, pieces en main, la demonstralion de son ingenieuse theorie de- 
vant la Socicte anatomique, et noiis devons dire qu'ii nous a parfaitenuMit con- 
vaincu, ainsi , que tous los niembres de la Socicte qiii assistaient a cette scance.« 
Die MARTiNS'sche Angalie emer Drehung von 180" für den Itumerus des Menschen 
wird dabei als ricldig angenommen. - 

2) Die Geschichte der Verglcichung findet sich bei Martins gleichfalls ausfuhrlich 
besprochen. In gedrängterer Form habe ich in meiner Ahandlung über den Carpus 
und Tarsusdas Wichtigste darüber zusammengestellt. Von einigen damals mir nicht 
7.u:.;änglichen AbliHudlungen war mir mzwischen Einsicht zu nehmen gestattet. 
Die eine, Etüde d'Anatomie philosophique sur la main et le pied de l'homme et 
sur les Extremites des Mammifercs ramenees au type pentadactyle, par les pro- 
fesseurs N. Joly, etA. Lavocat, Toulouse 1853, vertritt die Principien der Geoffroy-' 
sehen Schule. Wenn diese auch als »die wahren Grundlagen einer wirklichen 
wissenschaftlichen Vergleichungsmethode« aufgeführt wurden, so bewähien sie sich 
doch nur sehr wenig als solche, wie alsbald aus der Aufstellung von zwei je fünf 
Stücke umfassendoii Reihen von Carpus oder Tarsusknochen hervorgeht. Hieifür wie 
für andere Aufstellungen sucht man vergeblich nach einer »wirklich wissenschaft- 
lichen« Begründung, denn das »Gesetz der Analogie« lasst auch hier im Stich. Viel 
wichtiger ist die Arbeit von G. M. Humphry : Observations on Ihe limbs of verle- 
Israte animals, the plan of Iheir construction ; thcir homology; and the comparison 
of Ihe fore and iiind limbs. Cambridge and London, 1860. Obgleich keine neuorn 
Thatsachen biingcnd , ist die Abhandlung doch reich an tielllichen IkMiierkuiigen 
Da jedoch zum Versländniss der unterhalb der Saugelhiere stehenden Classen 
durchaus neue Untersuchungen nöthig waren, so würde sie schwerlich einen Ein- 
fluss auf die Ergebnisse meiner Arbeil gehalit haben Da die Abhandlung auch der 
.MARTiNsscIien Drehung des Humerus entgegentritt, werde ich in dieser Arbeit da- 
! auf zurückkommen müssen. 



lieber die Dreluiiip; des Iliimerns. 55 

sich befand. Dioso Diohuni: \\ ird jilleidings nicht als thatsächlich sich 
voll/idiend angenommen , sondern nur im Vergleiche zum Fenuu" so- 
wohl , als zur llumerusslellung niedrer Wirbellhierclassen als virtuell 
vorhanden aufgestellt. Zur l'rüfi^ng dieser Aufstellung ist vor Allem 
ein bestimmterer Nachweis des Verhaltens des proximalen und distalen 
Humerusendcs nölhig, denn die Angaben von Martins, dass eine durch 
den Hals des numerus gelegte Axe in derselben Ebene liege milder durch 
das distale Ende gelegten Queraxe ist nicht sicher erwiesen, und ergibt 
sich schon bei blosser Betrachtung mehrerer Ilumeri als keineswegs 
durchgreifend. Eine zweite Frage betridt die Jugendzustände des nu- 
merus, aus welchen zu ermitteln wäre, ob die Stellung der bei(i(M 
Enden zu einander stets die gleiche sei. 

Für die erste Frage ist eine von Lucae i) gemachte Beobachtung 
von Bedeutung, nach welcher beim Neger das distale Ende des nume- 
rus eine andere Stellung zum Gelenkkopfe besitzen soll, als beim Euro- 
päer. Welcher hat das durch mehrere Messungen bestätigt, die von 
Lucae veröffentlicht worden sind. 2) Dem Verhalten beim Neger wird 
der Befund des Humerus eines Europäers und eines Juden entgegen- 
gestellt. Das Verfahren Welcker's bestand darin »auf dem Caput hu- 
meri eine Linie aufzutragen, welche die Richtung bezeichnet, in wel- 
cher der Gelenkkopf sich nach der Schulter hinwendet«. Sie verläuft 
an der Insertionsfacelte des Muse, supraspinatus nach dem rinleren 
etwas lippenförmig prolongirten Rande des Gelenküberzuges \m\", 
sodann wurden den Condylen desCubitalendes zwei Stecknadeln ein- 
gefügt. Der Knochen wurde nun in einem Glaskasten senkrecht auf- 
gestellt, Kopf nach oben, und zunächst dieser mil dem Fadenkreuzdi- 
opter nach der LLCAE'schen Methode gezeichnet. Die auf das Caput 
humeri aufgetragene Linie »wurde in die Zeichnung mit aufgenommen, 
zugleich aber auch diejenigen Theile des Cubitalendes , welche bei 
dieser Aufstellung des Knochens sichtbar waren sanunt den Steck- 
nadeln. Hierauf wurde d(>r Knochen mit deui unteren Ende nach 
oben aufgestellt, und die Unterseite des Piocessus cubitalis saninit den 
Stecknadeln gezeichnet. « Durch Uebertragung der einen Zeichnung 
auf die andere unter Anpassung an die daselbst angezeichneten Axen- 
linien konnte dann der zwischen beiden bestehende Winkel genxvssen 
werden. 

Aus denauf diese Art ausgeführten Messungen Welcker's gehl zwar 
hervor, dass die Stellung des distalen Endes zum Humerusko|tf beim 



1j j^bhandl. der Seniieiiber;^. natiut Gesellscli. V. Bd. 
2) Archiv f Aiitliiopolo.me 11. S. 273. 



56 C. fiegeiibaiir, 

Neger eine vom Vrrh;ilten beim Eiiiopiior «nbwpichonde ist, Lucae will 
aber darin keinen »typischen Unterschied zwischen Kuropäer und 
Neger erkennen , da noch einige bei Europäern gemachte Messungen 
ziemliche Schwankungen ergaben.« Bevor verglichen werden kann, 
wird aber erst eine Norm in dem aus zahlreichen Messungen sich er- 
gebenden Mittelwerthe aufzustellen sein. 

Meine eigenen Untersuchungen erstreckten sich auf Messungen von 
:}6 Oberarmknochen Erwachsener. Die Objecto gehörten theils dem 
osteologischen Unterrichtsmaterial der hiesigen anatomischen Anstalt, 
iheils den Skeleten der Sammlung an , die Messung habe ich ganz in 
der von Welcher geübten Weise vorgenommen. Da aber, wie dieser 
selbst zugesteht, verschiedene Beobachter die eine Linie »um I — 2 
Winkelgrade verschieden « legen können, so hielt ich es nicht für nöthig 
auch die Deciinalen mit in Anschlag zu bringen. Vielmehr möchte ich 
der Möglichkeit einer verschiedenen Linienlegung einen viel grösseren 
Breitegrad der Schwankung einräumen. Zunächst sind ja die beiden 
Stellen, zwischen denen Welcker die Linie über das Caput humeii 
zieht, keine festen Puncto. Die Supraspinatusfacelte ist verschieden 
gross, und der »untere lippenförmig prolongirte Rand des Gelenküber- 
zuges« fehlt sehr häufig vollständig. Eine Linie zu suchen die über die 
Mitte des Gelenkkopfes hinwegziehend in eine durch die Längsaxe des 
numerus gelegte Ebene fällt, hat mir dann das Rathsamste geschie- 
nen. Für die Linie am distalen Ende des Humerus ergeben sich ge- 
lingere Schwierigkeiten. Die verschiedene Gestaltung der Epicondylen 
orhöhtjedoch gleichfalls die Unsicherheit. In den einzelnen untersuchten 
Humeris ergab die Winkelraessung zwischen jenen beiden Linien fol- 
gende Zahlen: 



1. 


10" 


— 


15. 


12» 


Weib. 


2. 


14» 


altes Weib. 


16. 


3» 


- 


3. 


32" 


Mann. 


17. 


20» 


— 


4. 


230 


Weib. 


18. 


5" 


- 


5. 


20" 


- 


19. 


18» 


Weib V. 28 Jahren. 


6. 


22« 


- 


20. 


6» 


Mann. 


7. 


50 


Mann, 


21. 


11" 


Mann v. 50 Jahren. 


8. 


10" 


- 


22. 


12» 


Mann. 


9. 


23» 


- 


23. 


10" 


- 


10. 


1 3" 


Mann v. 64 Jahren. 


24. 


8» 


_ 


11. 


15» 


Mann v. 30 Jahren. 


25. 


2« 


_ 


12. 


19» 


Mann. 


26. 


14» 


_ 


13. 


5» 


- 


27. 


14» 


- 


I'i. 


10" 


- 


28. 


11» 


Weib. 



Ueber die Drehnnjf des Hnmerns. 57 

29. 9" \Voil)\. iO.liiluTii. :'.:<. I i" Mann. 

30. 4" Mann. 34. 19" 

31. 8" - 35. ()" 
3'->. 9" - 3G. i" 

Das Millcl von diesen 36 Fällen ergibt einen Winkel von l'2". Als 
grössler Winkel erscheint einer von 32®, als geringster einer von 2" 
In II Fällen bleibt der Winkel unter 10". In 18 Fällen bewegt er 
sich zwischen I 0—20". Nur in i Fällen übersteigt er 20". Eine Ver- 
schiedenheit des Verhaltens in beiden Geschlechtern kann nicht er- 
kannt werden. Mit dem gefundenen Mittelwerthe stimmen auch die 
wenigen von Anderen vollführten Messungen überein, Wklckkr gibt für 
einen Fall 2,5", Lucae für drei Fälle 8", 10" und 13" an. Zähle ich 
diese meiner Beobachtungsreihe bei, die dadurch auf H) Fälle sich er- 
hebt, so wird der Mittelwerth nur wenig verändert, er wird sich dann 
auf 11,8" stellen. Da die beiden Linien also noch nicht in eine durch die 
Längsaxe des Humerus gelegte Ebene fallen, so ist folglich im Anschlüsse 
an die MARTiNs'sche Auffassungsweise keine Drehung um 1 80" vorhanden, 
sie wird im Mittel nur als eine von 168" bezeichnet werden dürfen. 

Wenn sich nun schon von hier aus ein Vergleichungsobjcct mit 
den Stellungen der Humerusenden bei anderen Rassen oder bei Thieren 
finden Hesse, so schien mir wichtiger zuerst die zweite der oben be- 
rührten Fragen ins Auge zu fassen, nämlich den Befund dieser Verhält- 
nisse in jüngeren Lebensaltern. Das in dieser Richtung untersuchte 
Material darf ich keinesw egs als ausreichend bezeichnen , allein es hat 
pennoch einiges Bemerkenswerthe ergeben. 

An Ilumeris von Embryonen aus der 12 — IG. Woche, die ich in 
Untersuchung zog, war mir bedenklich die Messung auszuführen. Die 
Beschaffenheit der knorpeligen Enden gestattete nicht , jene Linien mit 
der annähernden Sicherheit zu bestimmen , dass die Ergebnisse einer 
Winkelmessung mit jener an den Ilumeris von Erwachsenen vorge- 
nonmienen, einen gleichen Anspruch auf Zuverlässigkeit hätten machen 
können. Ich nahm daher die Untersuchung von älteren Embryonen auf. 
Von der 16-33. Woche habe ich 8 Exemplare untersucht, und die 
Winkel jener beiden Linien stellten sich wie folgt heraus. 

1. 16. Woche 48" 5. 20. Woche iS" 

2. 17. - 49" 6. 24. - 43" 

3. 18. -• 50" 7. 33. - 22" 

4. 19. - 30" 8.1) 33. - 59" 

Da ich nicht eine grössere Anzahl aus gleichem Alter untersucht 

1) Vergl. Taf. I. Fig. III. 



1^ r. neuciibanr, 

habe, so können die gefundenen Zahlen in Anbetracht der Möglichkeit, 
ja sogar Wahrscheinlichkeit einer bedeutenderen Schwankung, keines- 
wegs als Normzahlen für einzelne fötale Lebensperioden gelten , und 
ich muss mich sogleich gegen jede derartige Unterstellung verwahren. 
Aber aus der kleinen Untersuchungsreihe kann dennoch geschlossen 
werden, dass die Winkelstellung der beiden Linien eine bedeutend an- 
dere ist, als beim Erwachsenen. Winkel von 59", 50", 49", selbst in*', 
fehlen in der oben vorgeführten Reihe von Humeris Erwachsener 
gänzlich. Wir können also nur das, aber auch mit Sicherheit behaup- 
ten, dass der Mittelwerth der Winkel jener beiden Linien beim Föüis 
ein bedeutend grösserer ist, als beim Erwachsenen. Er stellt sieh 
etwas über 4H", gegenüber 12" bei Erwachsenen. 

Daran schliessen sich einige Messungen von Neugebornen. Ich 
fand an solchen die Winkel : 

1. 35" 3. 45" 

2. 59" 4. 40" 

Wir erhalten hieraus im Mittel fast 45". Der Winkel ist somit 
offener als bei den Endoryonen. Wenn man von letzteren ausgeht, so 
könnte man schliessen, dass der Humerus in einer Lebensperiode wie- 
der eine rückläufige Drehung vollführe. Das dürfte aber doch ein grober 
Irrthum sein. Die für Neugeborne gefundenen Grade sind zwar im 
Mittel höher als das Mittel der Grade bei Embryonen beträgt, allein hier- 
bei ist nicht zu vergessen , dass jene Mittelwerthe aus einer verhäll- 
nissmässig sehr geringen Anzahl von Einzelfällen gewonnen sind. Vier, 
und Sieben. Jeder neuhinzukommende Fall kann den Mittelwerth be- 
deutend anders stellen. Nehme ich an, dass von den Embryonen 
No. 4 u. 7 nicht untersucht worden wäre, so würde das Mittel der an 
den fünf andern gemessenen Winkel fast 48" ergeben haben, somit im 
Vergleich zu dem Resultate bei Neugebornen einen um 5" offenem 
Winkel. Ich halte also diese Messungen keineswegs für zahlreich ge- 
nug, um ganz specielle Schlüsse daraus zu ziehen. 

Dasselbe muss ich auch von den Messungen sagen die von Kindern 
aus dem ersten Lebensjahre genommen wurden. Daraus habe ich die 
Humeri von sieben Individuen ') untersucht, die ich in eine nach dem 
Alter geordnete Reihe stelle : 



V Ich halte nicht für iiboiflüssi!^ anzuführen, dass die Untersuchuni,'en der 
Jii!,'endzustäiHie des Humerus in keinem lalle au trockenen Exemplare u anucstellt 
wurdun, die hierzu vollstäiulii; untioeiunel sind D.ihei kam es auch, dass ii-h mich 
auf eine geringe Anzahl beschränken, und das i^auze von der anatomischen Samm- 



Iclici die Drcliiiiiü des lliiiiicnis. (S$ 



1) .^ Mon;.lr 


. . ;■):;<> 


2)i) ;i - 


34» 


•A) 5 - 


39 " 


4) 6 - 


38 ü 


5) 8 - 


22 


(i) 9 - 


370 


7) 9 - 


40 



Als Miltol ergibt sich hieraus nahebei .{S". Von den 7 Fallen bietet 
nur Einer- einen Winkel dar, der an die bei Erwachsenen gefundene 
Reihe sieh ansehliessl; ein anderer reicht nahe heran, aber auch da 
zählen diese zu den höhern. Die fünf übrigen Falle ergeben Winkel, 
deren Gradzahl sich selbst weit über die bei Ei'wachscnen gefundenen 
extremen F'älle erhebt. (Von älteren Kindern habe ich nur bei einem 
i jährigen Knaben den Iliunerus untersucht und da einen Winkel von 
1 .)" gefunden, welchen sehr vereinzelten Fall ich jedoch nicht mit in 
Anschlag bringen will.) Es kann also für die bei Kindern aus dem ersten 
Lebensjahre gefundene Stellung des Humerusendes Aehnliches wie für 
die Ilumerusstellung bei Embryonen und Neugeborenen ausgesprochen 
werden, dass nämlich der Winkel, den jene beiden durch die (ielenk- 
enden gelegten Linien mit einander bilden , ein bedeutend offener 
ist. Rechnen wir alle einzelnen (19) Fälle, die oben in verschiedenen 
Kategorien vorgeführt wurden, zusammen, so erhalten wir für die Stel- 
lung beider Gelenkenden im fötalen und ersten Kindesalter einen Win- 
kel von nahezu 12 0. Somit ergibt sich ein nicht unbeträchtlicher Unter- 
schied gegen die Stellung des Gelenkendes der Erwachsenen, und man 
wird das letzte Verhalten nur dann aus dem frühern ableiten können, 
wenn man mit der allmählichen Ausbildung des llumcrus eine ebenso 
allmäliliche Aenderung der Queraxenrichtung des untern Gelenkendes 
staluirt. Angesichts dieser Thatsache wird ei ne D re hung des Hu- 
mer us um seine Längsaxe als erwiesen betrachlot werden 
dürfen. Der llumcrus nuiss um von dem frühern Zustande dei- Stellung 
der beiden Queraxen in den spätem überzugehen, eine Drehung um 
seine Längsaxe vollführen, durch welche der ulnare F>}ucond\lus weiter 
nach innen, der radiale weiter nach aussen rückt. F^in die drei ersten 
Figuren auf der beigegebenen Tafel vergleichender Blick gibt der Vor- 
stellung von jener Veränderung eine Unterlage. In F'ig. HI. sind die 
beiden Gelenkenden des Humerus eines 8 monatlichen Fölus nach der 

Iuiil: uvbnioue Material an trockenen Skelelen aus veischicdenen jugendlichen Allern 
unl)eiiuf/.t lassen niusste. 
\, Vergl. Taf. \. Fig. II. 



60 C. fipoeiibaiir, 

WELCKER'schcn Weise in eine Ebene in einander gezeichnet. Fig. II. 
stellt in gleicherweise den Humerus eines ^'/s Monate alten Kindes dar. 
Fig. \. endlich kann als Schema für die aus meinen F'ällen berechnete 
Mittelstellung des Humerus der Erwachsenen gelten. Von den dargestellten 
Axen wird in Fig. III. b näher an B und a an A rücken müssen um in 
die in Fig. II. dargestellte Stellung zu treten, sowie in dieser Figur der 
gleiche Vorgang Platz greifen muss um in die in Fig. I. vom erwach- 
senen Humerus dargestellte Lage zu treten. Damit hätte also die Mar- 
TiNs'sche Theorie von einer Drehung des Humerus im Allgemeinen eine 
Bestätigung gefunden, wenn auch nicht nachgewiesen wurde, dass dem 
Humerus anfänglich eine mit dem Femur gleiche Stellung zukommt, 
und dass die Drehung sich über 1 80^' erstreckt. Der Nachweis einer 
Drehung widerlegt zugleich die von Humphry gemachten Einwürfe 
(op. cit. p. 22), und wenn auch zunächst nur der zweite derselben, 
dass nämlich zu keiner Entwickelungsperiode eine Drehung beobachtet 
worden sei, haltlos werden dürfte, so fallen doch nicht minder auch 
die übrigen, und zwar um so leichter, als sie nur auf theoretische Be- 
denken gegründet sind. 

In welchem Maasse die Erscheinung zu verschiedenen Perioden 
der fötalen Entwickelung sowie des jugendlichen Alters fortschreitet, 
ist aus meinen Beobachtungen, die nur an ganz wenigen gleichaltrigen 
Knochen angestellt wurden, nicht zu ersehen, und nur das eine möchte 
ich daraus noch anführen , dass während des ersten Lebensjahres im 
Vergleiche mit der embryonalen Periode die Drehung noch eine unbe- 
deutende ist. Es lässt sich also nur vcrmutlien, dass die Zeit des gröss- 
ten Längswachsthums des Körpers wohl auch für den Humerus jene 
Veränderung am raschesten herbeiführen wird. Die dabei thätigen 
Vorgänge werden selbstverständlich weniger in Resorptions- und Neu- 
bildungserscheinungen an der Oberfläche des Knochens gesucht werden 
dürfen, als in dem Wachsthum durch Knorpel an den Gelenkenden oder 
vielmehr an den Enden der Diaphyse. 

Vergleicht man mit dem von mir für die Jugendzustände des Hu- 
merus angegebenen Verhalten die vom Humerus der Neger bekannt ge- 
wordene Stellung der distalen Gelenkenden , so wird in letzleren ein 
beim Europäer vorübergehender Zustand zu erkennen sein. Welcker 
fand für drei Fälle den betreffenden Winkel zu 26^, 29*' und 40«. 

LucAE gibt eine Messung zu IS« an. Ich selbst habe an zwei Ske- 
leten gleichfalls Messungen angestellt, und fand an dem einen männ- 
lichen Skelete den Winkel zu 39», dagegen an dem andern, weiblichen, 
von nur 4". Dadurch stellt sich dieser Humerus weit über das für den 
Europäer nachgewiesene Mittel. Das letztere Ergebniss mahnt sehr drin- 



lieber die Drehung des Hiimeriis. 61 

gend derarti{2;e Unlersucliuni»t'n in möglichst weil ausgedehntem Maass- 
stabe auszuführen, oder doch dem vereinzelten Falle nur den geringsten 
Werth zuzuschreiben. Aus den drei von Welcher untersuchten Fallen 
ergibt sich ein Mittel von iJS*^, rechnet man dazu noch den von Lucae •) 
aufgeführten, sowie meine beiden, so stellt sich das Mittel auf 26^, also 
tloch noch bedeutend verschieden von den für Europäer gefundenen. 
Diese Stellung der beiden Axen an) Negerhumorus stellt Fig. IV. auf 
der beigegebenen Tafel dar. 

Wenn Lucae anzunehmen scheint, dass die Schwankungen, welche 
sowohl bei Negern als bei Europäern in der Winkelstellung des distalen 
Gelenkendes des Ilumerus bestehen, nach keiner Seite hin einen Aus- 
schlag geben, so wird dies doch nur auf die von ihm angeführte ver- 
einzelte Messung sich beziehen müssen. Allein selbst in diesen Schwan- 
kungen lässt sich nicht nur ein bestimmter Breitegrad nachweisen, son- 
dern auch das aus ihnen hergestellte Mittel erscheint als ein ganz 
anderes für den Neger-Humerus als für jenen des Europäers. Würden 
die begonnenen Messungen fortgesetzt, so wird sich ohne Zweifel mit 
bedeutenderer Sicherheit ein positives Urtheil gewinnen lassen. Auch 
wird sich gewiss die Vermuthung Lucae's bestätigen, dass dem Neger 
der grössere Winkel keinesfalles allein zuzuschreiben sein möchte. 
In dieser Hinsicht ist ilie von demselben Autor gemachte Angabe, dass 
der fragliche Winkel beim Ilumerus eines Malayen-Skelets sogar oi ^ 
betrug, sehr bemerkenswerth. Es wird aller Wahrscheinlichkeit gemäss 
nachzuweisen sein, dass, bei aller Schwankung individueller Zustände, 
im Ganzen genommen doch die Rassenverschiedenheit auch an jenen 
Verhältnissen sich kundgibt, die dadurch an ihrem anscheinend unter- 
geordneten Werlhe heraustreten müssen. 

Diese Verschiedenheit der Winkelstellung der Gelenkenden, mag 
sie sich aus einer Vergleichung verschiedener Rassen der Menschen, 
oder aus einer Vergleichung des sich entwickelnden Humerus mit dem 
ausgebildeten ergeben, empfängt ihre tiefere Bedeutung erst durch eine 
über andere Wiibelthierklassen ausgedehnte Vergleichung, wie sie von 
Martins versucht worden ist. Sind auch die bezüglichen Angaben die- 
ses Forschers keineswegs genau , w ie schon aus dem oben für den 



i) Obgleich Lücae eine andern Messungsweise hat, indem er die untere Quer- 
axe durcti das Cubitalgelenk und niclit durcti die Epicondylen legt, so glaube ich 
doch seine Messung hier beirechnen zu dürfen , denn einmal sind die Untei schiede 
nicht sehr bedeutend, und zweitens handelt es sich doch hier nur um sehr provi- 
sorische Ergebnisse. 



62 C. Gegenbaur, 

menschlichen Humerus /Air Genüge hervorgeht, ^) so ist doch die Haupt- 
sache richtig, dass in den untern Abtheilungen der oft beregte Winkel 
ein viel grösserer ist. Bei den Reptilien, auch bei den Vögeln, kommt er 
nahezu einem rechten gleich. Bei den Säugethieren , wo, dem oben 
angeführten zufolge, von Martins noch die Stellung des Golenkkopfes 
zur Medianebene des Körpers mit in Betracht gezogen wird, soll er 180" 
betragen, allein es soll auch das proximale Ende des Humerus um 90" 
gedreht sein , wie aus der Stellung der Tubercula hervorgehen soll. 
Gegen diese letztere Auflassung möchte ich Bedenken äussern. Die Dre- 
hung bezieht sich nämlich dann nicht mehr auf den Humerus allein, 
sondern auf ihn und seine Stellung zum Körper, wodurch die in Be- 
tracht zu ziehenden Instanzen ausserordentlich con)plicirt werden. Will 
man hierauf eingehen , so niüsste die Stellung der Scapula vor allem 
berücksichtigt werden. Bei einer Beschränkung der Untersuchung auf 
den Humerus — und diese ist bei einer am Humerus sich vollziehenden 
Erscheinung gewiss für's erste gerechtfertigt — ergibt sich für die Mehi- 
zahl der Säugethiere auf keinen Fall eine viel grössere Drehung als bei den 
Reptilien. Ich linde bei der Hauskatze in einem Falle einen Winkel von 
10(1", in einem zweiten von 93". Beim Tieger fand ich 9:i"; beim Bären 
94". Ferner beim Rinde 61" (bei einem I Fuss langen Rinderfötus aber 
gleichfalls nur G:J"). Von Aften habe ich Cynoccphalus hamadryas unter- 
sucht. Der bezügliche Winkel beträgt 51". Vom Orang gibt ihn Lucak 
auf io'» an. Eine beiläufige Schätzung vieler anderer Säugethier-Hume- 
rus lässt mich annehmen, dass der Winkel seltene!' einen rechten vor- 
stellen möchte, dass er also meist geiinger ist als bei Reptilien.^) 



1) Audi die Annahme dass am Femur ein Zusammenfallen der durch den Ge- 
Icnkkopf und der durcli die Condyien gelegten Axen in eine Ebene bestehe, ist, 
wie längst bekannt, nithl richtig. Ich finde den Winkel den beide Axen zu einandir 
bilden am Fenuir der Erwaclisenen ia 6 Fällen sehr verschieden : 10", 7", n", i2*, 
22", 4". Die untere Axe stellt sicli median h i n le r die obere, somit erscheint ein 
dem numerus analoges Verhältniss, das man unter der allerdings hier noch nicht- 
erwiescneu Voraussetzung eines anlänglichen Zusamnienlällens beider Axen gleich- 
falls als Drehung um die Längsaxo bezeichnen konnte. 

2j Bei den Winkclmessungen am Humerus von Säugethieren habe ich dasselbe 
Verfahren wie bei den Messungen am menschlichen Humerus eingeschlagen. Dass, 
wie nicht anders zu erwarten, auch hier individuellen Schwankungen beslehen, 
zeigen die beiden Messiuigen an Katzen. Der Werlh einzelner Maassangaben ist da- 
her auch hier ein sehr untergeoidneter , so dass ich i\cn angeführten Zahlen der- 
selben kein besonderes (iewichl beilegen kann, und nucli liier wiiiischen möchte, 
dass ein reichliches Material in Hcniitzung gezogen werden uiocbte Selbst die An- 
gatten eines Mittels für den inenschlicben tluinerus liin ich geneigt für sehr (iru\i- 
sorisch anzusehen. 



Ueber die Drehiino des Humenis. 63 

Eine ähnliche Bewegung wie ich sie oben für den Verlauf der 
Entwickelung des menschlichen llunierus gezeigt habe, wird sich also 
auch innerhalb der Reihe der mit vei-gleichbnren Vordergliedmassen 
ausgeslalleten Wiibelthiere herausstellen. Nehmen wir als Ausgangs- 
punct für diese Drehung jene Stellung an , wo der radiale Epicondylus 
median, der ulnare lateral gerichtet ist, so dass also die Vorderextremi- 
tät zu der hinteren noch vollständig homotyp erscheint, so wird der 
radiale E|)icond\lus allmählich nach voi'ne sich richten, dadurch rückt 
der ulnare nach hinten. Bei den Reptilien wird dann eine solche Dre- 
hung um '.'0" erfolgt sein; ähnlich bei den Vögeln. Vollständiger wird 
die Umdrehung bei den Säugethieren ; so beträgt sie, wie aus obiger 
^Vinkelmessung hervorgeht, beim Rinde 119"^, bei Cynocephalus 
129**, beim Orang 135". Am Malayen-Humerus nur 129"; am Humerus 
der Neger (im Mittel) 148". Am fötalen Humerus des Europäers beträgt 
sie 139". Im ersten Leiiensjahre lil"; beim Erwachsenen im Mittel 
IG8", in einzelnen Fällen sich auf 179" erhebend, aber auch auf 148" 
stehen bleibend. Im fötalen Zustande bietet der Humerus des Europäers 
eine Stellung seiner Gelenkenden die jener bei niederen Rassen nahe 
kommt, und, wenn auch etwas entfernter, an die bei Säugethieren ge- 
gebenen bleibenden Zustände sich reihen lässt. Aus dieser Vergleichung 
ist die Ivrklärung für die Verschiedenheil der Stellung der Gelenkenden 
des lluincrus der Erwachsenen und des Fötus zu entnehmen. Der 
fötale Zustiind l)ietel uns hier, wie auch an so vielen anderen Organen, 
die tluich Verei'bung überkonmiene Einrichtung dar, aus welcher all- 
mählich das erst später erworbene Verhallen sich ausbildet. 



Erklärung zur Tafel. 

Alle vier Kigurt'u sind nach clor i icAK-\Vi;LCKER'schen Weise gezeichnete. Um- 
risse der beiden Geleukenden des Humerus. 

A— B stellt die durch den Gelenkkopf gelegte A\e vor, 

a — h lepräsentirl die durch das distale Humeruseiide gelegte Axe. 

Fig. I. Schema der mittleren Axeiislellung für den Erwachsenen. 

(Nachdem suh No. 22 aufgeführten Humerus). 
Fig. II. Von einem 3'/^ Monate allen Kinde. 
Fig. 111. Von einem 8 monatlichen Fötus. 

Fig. iV. Von einem Neger (das aus den bis jetzt bekannten xMessungen 
sich erce'ende .Mittel darstellend.) 



Monographie der Moneren. 

Von 

Ernst Häckel. 

(Hierzu Taf. II. und III.) 



I. Geschichtliche Einleitung. 

Moneren!) habe ich in meiner Generellen Morphologie der Orga- 
nismen^) diejenigen auf der tiefsten Stufe der Organisation stehenden 
Lebewesen genannt, deren ganzer Körper in vollkommen entwickeltem 
und frei beweglichem Zustande aus einer gänzlich homogenen und 
strugturlosen Masse , aus einem lebendigen , mit Ernährung und Fort- 
pflanzung begabten, Eiweissklümpchen besteht. In vielfacher Beziehung 
sind diese einfachsten und unvollkommensten aller Organismen^) vom 
höchsten Interesse. Denn offenbar tritt uns hier die eiweissarlige orga- 
nische Materie als das materielle Substrat aller Lebenserscheinungen 
nicht nur unter der einfachsten wirklich beobachteten Form, sondern 
unter der einfachsten Form die überhaupt denkbar ist, entgegen. Ein- 
fachere, unvollkommenere Organismen, als die Moneren sind, können 
nicht gedacht werden. 

Der ganze Körper der Moneren stellt in der That , so befren)dend 
dies auch klingen mag, weiter Nichts dar, als ein einziges, durch und 
durch homogenes, in fest flüssigem Aggregatzustande befindliches 



1) fiori'jori^, einfach. Am passendsten dürfte die Bezeicluiung als Neutrum ge- 
braucht werden: tö fjorriQtg, das Moner. 

2) Ernst Haeckrl, Generelle Morphologie derOrganismen. Berlin, 1866. Erster 
Band: .MIgonieine Analomie der Organismen Zweiter Band: Allgemeine Ent- 
wickelungsgcsehichte der Organismen. 

3) I. c. Vol. I, Cap. V. Organismen und Anorgane, p. 135. Cap. VI: Schöpfung 
und Selbstzengiing, p. 18'2. I. c. Vol. II, Systematische Eiideituni.', p. \XII. 



MoiioßTaphie der Moiieieii. 65 

Kiwtissküipeiclien. Die äussere Form isl gaii/ unbeslininil, in l'orlwali- 
reiuloin Wechsel hegrift'en, im Ruhezustand kugelig zusammengezogen. 
Von einer inneren Slruotur, von einer Zusaninienselzung aus ungleich- 
artigen TheilcluMi, isl auch bei Anwendung unserer schärfsten Unler- 
scheidungsmiltel keine Spur wahrzunehmen. Da die gleichartige Ei- 
weissmasse des Monerenkörpers noch nicht einmal eine Differenzirung in 
einen inneren Kern (Nucleus) und einen ausseien Zellstofl' (Plasma) er- 
kennen Uisst, vielmehr der ganze Körper aus homogenem Plasma oder 
Protoplasma besteht, so erreicht hier die organisirende Materie noch 
nicht einmal den Formwerlh einer einfachsten Zelle. Sie bleibt auf der 
denkbar niedrigsten Stufe der organischen Individualität, auf derjenigen 
einer einfachsten Gymnocjtode stehen. 

Die seit zwanzig Jahren so vielfach behandelte Frage von der Grenze 
zwiscIuMi Thier- und Pllanzenreich wird durch die Moneren zur Ent- 
scheidung gebracht; oder richtiger, es wird durch sie bewiesen, dass 
eine vollkommene Scheidung beidei- Reiche in dem Sinne, wie sie ge- 
wöhnlich versucht vNiid, nicht möglich ist. Offenbar sind die Moneren 
so indifferente Organismen, dass man sie mit gleichem Rechte, oder 
vielmehr mit gleicher Willkür, als Urthiere oder als Urpflanzen be- 
trachten könnte. Sie könnten eben so gut als die ersten Anfänge der 
thierischen, wie der pflanzlichen Organisation angesehen werden. Da 
aber kein einziges entscheidendes Merkmal sie auf diese oder jene Seite 
drängt, erscheint es vorläufig das Richtigste, sie alsMittelwesen zwischen 
echten Thieren und echten Pflanzen aufzufassen, und nebst den Rhizo- 
poden, An)oeben, Diatomeen, Flagellaten etc. injenes Unbestimmte, Thier- 
und Pflanzenreich verbindende Zwischenreich zu verweisen, welches 
ich das Reich der Urwesen oder Prolisten genannt habe. ^) 

Die Moneren sind in der That Protisten. Sie sind weder Thiere 
noch Pflanzen. Sie sind Organismen dei' ursprünglichsten Art, bei de- 
nen die Sonderung in Thiere und Pflanzen noch nicht eingetreten ist. 
Aber selbst die Bezeichnung Organismus scheint auf diese einfachsten 
Lebewesen kaum anwendbar. Denn in dem ganzen Begi-itfe des »Orga- 
nismus« liegt nolhwendig die Zusammensetzung des Ganzen aus un- 
gleichartigen Theilen, aus Organen oder Werkzeugen. Mindestens zwei 
verschiedenartige Theile müssen verbunden sein , um in diesem ur- 
sprünglichen Sinne die Bezeichnung eines Körpers als Organismus zu 
rechtfertigen. Jede e.chte Amoebe, jede echte (d. h. kernhaltige) thie- 
rische und pflanzliche Zelle, jedes Thier-Ei isl in diesem Sinne bereits 



1 t6 TT nit'jTiaiov, Da.s Allererste, Urspriinj^liche. Generelle Morpliolotsie, Vol. t, 
p. 203, 2(5 ; Vol. II, p. XX. 

BaDd IV 1. 5 



QQ Ernst Häckel, 

ein elementarer Organismus , aus zwei verschiedenen Organen , dem 
inneren Kern (Nucleus) und dem äusseren Zellstoff (Plasma oder Proto- 
plasma) zusammengesetzt. Mit diesen letzteren verglichen sind die 
Moneren eigentlich »Organismen ohne Organe.« Nur in physio- 
logischem Sinne können wir sie noch Organismen nennen , als indi- 
viduelle Theile der organischen Materie, welche die wesentlichen Lebens- 
ihiitigkeiten aller Organismen, Ernährung, Wachsthum und Fortpflan- 
zung vollziehen. Aber alle diese verschiedenen Functionen sind noch 
nicht an differente Theile gebunden. Sie werden alle noch von jedem 
Theilchen des Körpers in gleichem Maasse ausgeübt. 

Wenn schon aus diesen Gründen die Naturgeschichte der Moneren 
sowohl für die Morphologen wie für die Physiologen vom höchsten In- 
teresse sein muss, so wird dies doch noch gesteigert durch die ausser- 
ordentliche Bedeutung, welche diese einfachsten Organismen für die 
wichtige Lehre von der Uizeugung oder Archigonie (Generatio spon- 
tanea) besitzen. Dass die Annahme einer einmal oder mehrmal stattge- 
fundenen Urzeugung gegenwärtig zu einem logischen Postolat der 
philosophischen Naturwissenschaft geworden ist, habe ich in meiner 
generellen Morphologie gezeigt. Die meisten Naturforscher, welche diese 
Frage verständig behandelten, glaubten als die einfachsten, durch Ur- 
zeugung entstandenen Organismen, aus denen alle übrigen sich ent- 
wickelten, einfache Zellen annehmen zu müssen. Allein eine jede echte 
Zelle zeigt schon die Zusammensetzung aus zwei differenten Theilen, 
aus Nucleus und Plasma. Offenbar ist die unmittelbare Entstehung 
eines solchen Gebildes durch Urzeugung nur schwer denkbar, viel 
leichter dagegen die Entstehung einer ganz homogenen organischen 
Substanz, wie es der structurlose Albun)in-Leib der Moneren ist. 

Aus diesen und anderen später zu erörternden Gründen scheint es 
angemessen, schon jcizt, wo wir erst im Anfang unserer Kenntnisse 
von diesen äusserst interessanten Urwesen stehen, Alles darüber Be- 
kannte zusammenzufassen. Den unmittelbaren Anstoss zu diesem mo- 
nographischen Versuch gab mir eine Reihe von neuen Beobachtungen 
über einige bisher unbekannte Moneren, welche ich im Winter 1S()6/67 
an dei" Küste der canarischen Insel Lanzarote anzustellen Gelegenheit 
halte. Bevor ich diese Beobachtungen mittheile, scheint es mir zweck- 
mässig, eine kurze geschichtliche Skizze der bisher veröffentlichten 
sicheren Mittheilungen über Moneren zu geben. Ich bemerke dabei, 
dass ich mich dabei ganz auf die echten Moneren beschränke, d. h. auf 
nackte Plasmaköiper ohne Kerne und sonstige Organe, und dass ich die 
durch den Besitz eines oder mehrerer Kerne unterschiedenen Protoplasten 
(Amoeben, Arcellen etc.) sowie die durch eine differenzirte Schale oder 



' Monographie der Moiicicii. 67 

iVIeriibran ausgezeichneten Rhizopoden , Siplionecn etc. dabei niclil be- 
rücksichtigen werde. 

Das erste Moner, dessen Nalureeschichte vollständig veröffentlicht 
wurde, ist Pro to gen es pri ui ord iaii s , welchen ich im Frühling 
I8('>i im Mittelmeere bei Nizza beobachtete, i) Frei im Seewasser 
schwimmend erschien dieses Moner als ein durchsichtiges, kugeliges 
Schleimklümpchen von ungefiihr I Mm. Durchmesser (die kleineren 
Exemplare nur von 0,1 Mm. Durchmesser). Nur ungefähr ein Drittel 
dieses Durchmessers kam auf die innere Centralmasse des Körpers, 
eine homogene, solide Sarcodekugel, während die äusseren zwei Drittel 
sich auf eine peripherische Kugelzone vertheilten, die lediglich aus tau- 
senden von feinen radialen Schleimfäden bestand. Diese Fäden, die 
sogenannten Pseudopodien, welche theils einfach, theils verzweigt und 
anaslomosirend nach der Peripherie liefen, strahlten unmittelbar von der 
Peripherie des centralen Eiweisskörpers aus. Sie zeigten durchaus 
dieselben Lebenserscheinungen, wie die gleichen Sarcode-Fäden der 
echten Rhizopoden Acyttarien und Radiolarien). Die festflüssige Ei- 
weissmasse des ganzen Körpers war in beständigen Bewegung, einer bald 
langsameren, bald rascheren Strömung begriffen, u eiche an der passiven 
Wanderung der feinen, gewöhnlich zahlreich in der Eiweissmasse ver- 
tl)eilten Körnchen leicht zu verfolgen war. Die Sarcodefäden wechselten 
beständig an Zahl, Form und Grösse; sie verästelten sich und anasto- 
mosirten, flössen wieder auseinander und wurden in die centrale Haupt- 
masse zurückgezogen. Kurz sie zeigten ganz dasselbe Schauspiel, wel- 
ches Max ScHi'LTZE an den Polythalamien ^) und ich selbst an den Radio- 
larien ■*) so ausführlich und vielfach beschrieben haben. Auch die 
Nahrungsaufnahme des Protogenes war dieselbe, wie bei den letzt- 
genannten echten Rhizopoden. Kleinere Körper (Diatomeen, einzellige 
Algen etc.) blieben an der klebrigen Oberfläche der Eiweissfäden, wenn 
sie zufällig mit ihnen in Berührung kamen, hängen, wurden von ihnen 
umflossen, und dann langsam in die centrale Eiweissmasse hineinge- 
zogen. Grössere Körper, wie z. B. Peridinien (I. c. Fig. 2) wurden zu- 
letzt vollständig von dem Pro togen eskörper umflossen ; erst nachdem 
dieser den brauchbaren Körperinhalt des Opfers assimilirt, zog er sich 
von der unverdaulichen Schale wieder herab. In einem flachen ühr- 



1 Ernst Haeckei. , über den Sarcodekörpor der Rhizopoden. Zeitschrift für 
wissenscli. Zoologie, 1865. XV. Bd. p. 360. Tat. XX\I. Fis^ 1, 2. 

2 Mai Schultze, über den Organismus der Fol\ thaianuen. iLcipzig, 1854. p. 
17 ff.). 

3 Ernst Haeckel, Die Radiolarien, eine Monographie Berlin, 1862 p. 86 ff. 

5* 



^.c Ernst Häckel, 

DO 



oläscben nnt wenig Seevvasser längere Zeil stehen gelassen breitete 
sich der Protoeenes auf dessen Boden in Form einer dünnen hyahnen 
Schleimplatte aus. Diese Platte erhielt sehr unregelmässige lappige Um- 
risse und einen Durchmesser von 3-4 Mm. Das Wichtigste jedoch, 
was ich an dem Protogenes constatiren konnte, war seine Fortpflanzung 
,lurch Selbsttheilung. Dieselbe erfolgte durch einfachen Zerfall des 
kugeligen Schleimkörpers in zwei Hälften, ohne dass ein besonderer 
Ruhezustand, eine Encystirung etc. vorhergegangen war. 

Meinem Protogenes primordialis sehr nahe verwandt ist 
wahrscheinlich die von Max Schultzk im adriatischen Meere beiÄncona 
beobachtete Amoeba porrecta.') Dieses Moner ist zwar sehr viel 
kleiner, als der Pro togenes primordialis, aber durch die geringe 
Consistenz des Sarcodekörpers, sowie durch die lebhafte Körnchenströ- 
mung Verästelung und Anastomosenbildung der Pseudopodien dem- 
selben sehr ähnlich. Auch fehlen ihm der Kern und die contractile Blase, 
welche die echten Amoeben auszeichnen. Es würde daher richtiger als 
Proto^enes porrectus zu bezeichnen sein. Da jedoch seme Fort- 
pflanzungs- und Entwickelungsgeschichte unbekannt ist, und ohne 
deren Kenntniss, wie wir sehen werden, über die systematische Ver- 
wandtschaft und Stellung der Moneren nicht sicher geurtheilt werden 
kann, so muss die Natur der Amoeba porrecta als eines echten 
Protogenes zweifelhaft bleiben. 

Von der grössten Wichtigkeit für die Naturgeschichte der Moneren 
sind die .Beiträge zur Kenntniss der Monadenu, welche L. Cienkowski 
1S65 veröttentlichte.2) Diese interessanten Mittheilungen sind umso 
wichtiger, als sie von einem Naturforscher herrühren, der eben so schart 
und genau zu beobachten, als vorsichtig und kritisch zu schliessen ver- 
steht Cienkowski beschreibt die Lebensgeschichte von fünf verschie- 
denen Organismen der einfachsten Art, welche er in zwei verschiedene 
Gruppen "^bringt: Mon adinae zoosporeae, welche sich durch 
Schwärmsporen fortpflanzen; 1) Monas (amyli), 2) Pseudospora 
3) Colpodella; und Monadinae tetraplastae, welche sich durch 
Bildung von zwei oder vier actinophrysähnlichen Keimen fortpflanzen: 
4)Vampyrellaund5)Nuclearia. In beiden Gruppen geht eine Ency- 
stirung und ein Ruhezustand der Fortpflanzung der nackten Plasma- 
körper, welche sich den Rhizopoden gleich ernähren, vorher. Die drei 



1) Max ScHn,T/,E, Ucl.er den Organismus der Polythalamien , p. 8. Taf. VII. 

" 2) L Cienkowski, Beiträae zur Kenntniss der Monaden. Scliultzes Arcluv für 
mikrosk-pisctie .\natumie. 1865. Bd. I. p. 203. Taf. Xli-XIV. 



Monographie der Moneren. 69 

Genera Fseiidospora, CoIj)odeilii und Niiclearia inlerossiren 
uns hier nicht weiter, da ilir iMasmakorper bereits einen Kern und 
Vacuolen uniscbliesst, mithin den Fornnverth einer Zelle besitzt, üa- 
i:egen sind Monas (ainyli) und Vainpyrella echte Moneren, deren 
nackter Plasiiiakörper weder Kerne noch contractile Blasen besitzt. 
Da der Ausdruck Mona s sehr Nieldeutic; ist, so habe ich die Monas 
ainyli, auf u eiche Ciknkgwski diese Gattuns^ beschranken wollte, um 
Verwechselungen zu veiinciden , l'rotonionas am\li genannt (Gen. 
Morphol. Vol. 11, p. XXIll). 

Protomonas amyli x^var bisher das einzige Moner, bei welchem 
Schwärmsporenbildung beobachtet worden ist. Der hon)ogene Plasma- 
körper derselben lebt in faulenden Nitellen , und gleicht einer kleinen 
Actinophrys oder einer kleinen A^noeba porrecla, ohne Kern 
und ohne contractile Blasen. Wenn er sich in den Ruhezustand be- 
giebt, zieht er sich in einen lundlichen Plasmakörper zusammen, 
welcher sich sodann mit einei- Membran umgiebt (encystirt). Dann 
zerfallt der Körpei' in eine grosse Anzahl homogener Schwärmsporen, 
welche spindelförmig und sehr contractu sind , und sich ähnlich einer 
Anguillula schlängelnd mittelst einer oder zweier langer Cilien bewegen. 
Oft fliessen mehrere Schwärmer durch Verwachsung) zusammen und 
bilden ein Plasmodium, welches nach erfolgter Nahrungsaufnahme wie- 
derum in den ruhenden Zustand übergeht (Cienkowski, 1. c. p. 213, 
Taf. XII. Fig. 1—5). 

Das Genus Va m p y r e 1 1 a pflanzt sich nicht durch Schwärmsporen, 
sondern durch zwei oder vier actinophrysartige Keime fort. Der ho- 
n)ogene Plasmakörper ist durch ziegelrothe Farbe ausgezeichnet. 
Cfenkowski unterscheidet von diesem Genus drei verschiedene Arten. 
Vampyrella Spirogyrae (I. c. Fig. i 'i — öG) bildet im Ruhezuslande 
kugelige Blasen . deren dünne Membran einen homogenen rothen Plas- 
makörper umschliessl. Diesei' zerfallL durch Tlieilung erst in zwei, 
dann in vier Keime, welche die Hüllwand durchbrechen und dann 
als rothe Amoeben mit spitzen Fortsätzen , in sehr wechselnder 
Form sich umherh'ewegen. Mit ihren spitzen l'seudopodien bohren 
diese Keime die Zellenwände der Spirogyra an, woiauf sie den 
Plasmainhalt dcrsell)en herausziehen und in sich aufnehmen. Der 
grüne Inhalt der ersteren erhält bei der Verdauung eine rothe Farbe. 
In ähnlicher Weise bohrt Vampyrella pendula (I. c. p. 221, Fig. 
37 — 6'} die Zellen anderer Algen ^Oedogonien , Bulbochaeten) an und 
saugt deren Plasma heraus. Sie unterscheidet sich durch einen faden- 
förmigen Fortsatz, welcher von dem Plasmakörper der birnförmigen Cyste 
durch deren zugespitzten Stiel hindurch zui Ansatzslelle derselben geht, 



70 Ernst Häckel, 

> 

und durch Mangel der Körnchenströmung an den aclinophrys-ähnlichen 
Pseudopodien. Vampyrella vorax, eine diitte Art, lebt dagegen 
von Diatomeen , Euglenen und Desmidiaceen , welche ihr formloser 
Plasniakörpor überzieht, um dann Cysten von sehr verschiedener Form 
und Grosso zu bilden (1. c. p. 223, Fig. 64 — 73). 

Als P r 1 a m o e b a p r i m i t i v a endlich habe ich in meiner gene- 
rellen Morphologie (Vol. I. p. I3;5, Anm.) ein kleines amoebenahnliches 
Moner beschrieben , welches sich von den voihergehenden Monadinen 
CiENKOWSKi's dadurch unterscheidet, dass es sich einfach durch Thei- 
lung fortpflanzt, ohne vorher in einen Ruhezustand überzugehen oder 
sich zu encystiren. Es gleicht in dieser Beziehung dem Protogenes 
p r i mo rdialis, von dem es sich aber durch die kurzen, stumpfen, 
nicht confluirenden Pseudopodien unterscheidet. Die nähere Beschrei- 
bung dieser Protamoeba wird unten folgen. 

Im Jahre 1866 sind mehrere meinem Protogenes primordialis 
sehr ahnliche Moneren , gleich diesem von ansehnlicher Grösse , von 
Richard Greeff an der Küste von Ostende beobachtet worden. Der- 
selbe zeigte mir zahlreiche Abbildungen , aus denen sich die grosse 
Formveränderlichkeit derselben , ähnlich den Plasmodien der Myxo- 
myceten, ergab. Älittheilungen darüber sind bis jetzt noch nicht 
publicirt. 

Als ich im Winter I 866 — 67 drei Monate auf der canarischen Insel 
Lanzarote verweilte, um daselbst Beobachtungen über niedere Seethiere 
anzustellen , war mein Augenmerk neben den Hydromodusen und den 
echten Rhizopoden vorzüglich auch auf die Moneren gerichtet , und 
meine Hoffnung, auch dort dergleichen aufzufinden, wurde nicht ge- 
täuscht. Die auf Taf. I. dargestellte Protomyxa und das auf Taf. II. 
abgebildete Myxastrum bereichern die Naturgeschichte dieser einfach- 
sten Organismen mit neuen Thatsachen. Es ist wahrscheinlich , dass 
Moneren sehr verbreitet vorkommen, und es ist möglich, dass dieselben 
noch fortwährend durch Urzeugung entstehen. Das Schwierigste bei 
ihrer Untersuchung ist die erste Erkenntniss, da die meisten Beobachter 
auf den ersten Anblick nicht geneigt sein werden , in dem kleinen, 
formlosen , durch und durch homogenen Schleimklümpchen einen 
selbslständigen und ausgebildeten Organismus anzuerkennen. Mögen 
daher die Moneren fortan der besonderen Aufmerksamkeit der mikro- 
skopirenden Naturforscher warm empfohlen sein. 



Monographie der Moneren. * 71 



II. Beschreibung neuer Moneren. 

II. f. Protoniyxa aurantinca. 

(Hierzu Tal'. II, Kiy. « — 12). 

An vielen KUslenstrecken der canarischen Inseln finden sich in 
grossei' Menge die spiralig aulgewundenen Kalksohalen der Spirula 
Peronii vom Meere ausgeworfen. Besonders zahlreich fand ich die- 
selben an der Südostküste der Insel Lanzarote angehäuft, z. B. an 
den kleinen flachen Inselb.inkcn und Halbinseln, welche vor der Hafen- 
stadt Puerto del Arrecife liegen und dcicn Hafenbecken theilvveise uni- 
schliessen. Wahrend meines dreimonatlichen Aufenthaltes in Arrecife 
hielt ich beständig die Hoffnung aufrecht, lebendige, oder wenigstens 
zur anatomischen Untersuchung laugliche Exemplare dieses merkwür- 
digen Ccphalopodcn zu erlangen , von dessen weichem Körper man 
nur höchst unvollständige Kenntnisse besitzt. Ich setzte den Fischern 
von Arrecife eine hohe Belohnung aus, wenn sie mir einen lebenden oder 
auch nur einen vollständig erhaltenen todten Spirula-Körper brächten. 
Indess war dies ebenso vergeblich, als die vielen Bemühungen, welche 
meine drei Reisegefährten und ich selbst bei unsern pelagischen Excur- 
sionen und beim Durchsuchen der am Strande ausgeworfenen Massen 
um die Spirula uns gaben. Dass die Spirula, wenn überhaupt, so doch 
jedenfalls nur sehr selten lebendig nach den canarischen Inseln ge- 
langt, geht daraus hervor, dass alle P'ischer uns mit der grössten Be- 
stimmtheit einstimmig versicherten, dass die ihnen wohlbekannte 
Spirula -Schale stets todt, und niemals von einem lebenden Thiere 
bewohnt oder eingeschlossen sei. Das Einzige was ich erlangte, waren 
einige unbedeutende weisse Mantelreste, welche an einigen wenigen 
Schalen aufsassen , aus denen sich jedoch Nichts auf den Bau des Spi- 
iiila -Körpers schliessen Hess. Diese unbedeutenden Reste wurden 
wietlerholt an einigen Tagen in das Hafenbecken von Arrecife getrieben, 
als gerade ein heftiger Südwind besonders grosse Mengen nackter Spi- 
lula- Schalen in (Gesellschaft zahlreicher Physalien und Velellen und 
anderer pelagischer Thiere der Insel Lanzarote zugetrieben hatte. 

Während so meine Hoffnung auf die Spirula selbst nicht in Er- 
füllung ging , fand ich dagegen auf den nackten angetriebenen Kalk- 
schalen dieses Cephalopoden im Januar I 867 einen Protisten-Organismus 
aus der Monerengruppe, welcher mir von hohem Interesse war, und 
dessen Lebensgeschichte ich auf Taf. I. dargestellt habe. 

Als ich unter einer grossen Menge von Spirula -Schalen , welche 



72 - Er"st Hilckel, ^ 

an der Oberfläche des Hafenbeckens von Arrecife schwammen, und 
welche ich in Gesellschaft von Physalia , Abyla , Hippopodius und an- 
deren pelaL:ischen Thieren mit einem Eimer geschöpft hatte, sorgfältig 
nach etwa an den Schalen haftenden Mantelresten suchte, bemerkte ich 
eine nackte Spiiula-Schale , deren gewöhnliches glänzendes Porcellan- 
Weiss an mehreren Stellen durch kleine rothe Flecke getrübt war. iMit 
einer starken Loupe betrachtet, löston sich diese Flecke theils in Gruppen 
von dichtslehenden , sehr kleinen rothen Pünctchen , theils in äusserst 
fein dendritisch verzweigte Figuren auf. 

Die rothen Pünctchen Hessen sich unter dem Präparirmikroskop 
ziemlich leicht mittelst Nadeln von der Oberfläche der Spirula-Schale 
abheben. Bei stärkerer Vergrösserung erschien jeder Punct als eine 
ziemlich undurchsichtige orangerothe Kugel, welche von einer dicken, 
structurlosen Membran umhüllt war. Der Durchmesser des ganzen 
Körpers betrug bei den meisten Kugeln 0,15 Mm., bei den grössten 0,2 
Mm. bei den kleinsten 0,12 Mm. ;Taf. II, Fig. 1.) 

Die Membran der Kugel erschien vollkomme : structurlos, glas- 
artig, farblos und wasserhell. Nur eine Anzahl von ungefähr 5 — 10) 
sehr feinen parallelen Streifen waren daran wahrzunehmen , welche 
coDcentrisch um das Centrum der Kugel herumliefen, offenbar An- 
deutungen einer schichtenweisen Ablagerung der structurlosen Masse. 
Radiale Striche, porencanalähnliche Bildungen oder sonstige Oeffnungen 
waren an der Kugelmembran nicht wahrzunehmen. Auch die Ansatz- 
stelle, an welcher sie der Spirula-Schale (offenbar nur sehr locker) an- 
geheftet war , erschien nicht besonders ausgezeichnet. Die Consistenz 
der Membran, soweit sie sich durch den Druck des Deckglases ermitteln 
Hess, war die einer ziemlich zähen und sehr elastischen GaHerte, etwa 
vergleichbar derjenigen der festeren Medusenschirme (z. B. von Tra- 
chynema, R h i zoston\a). Gleich der letzteren zeigte sich die Mem- 
bran sehr indifferent, durch Carmin wurde dieselbe nicht gefärbt, 
ebensowenig durch lod und Schwefelsäure. Bei längerem Liegen in 
lod wurde sie schwach gelb uefärbt. Essigsäure sowohl, als Mineral- 
säuren brachten keine merkliche Veränderung hervor. In kaustischem 
Kali quoll sie auf und löste sich langsam. 

Der orangerothe Inhalt der Kugeln erschien bei den unverletzten 
Exemplaren innerhalb der geschlossenen kugeligen Membran als eine 
vollkommen homogene, festflü^sige, trübkörnige Masse, in welcher sehr 
zahlreiche äusserst feine Körnchen und eine geringe Anzahl von grösse- 
ren, stark Hchtbrechenden r5then Körnchen zu bemerken waren. Bei 
massiger Compression durch das Deckglas Hessen sich die Kugeln ziem- 
lich stark sphaeroidal comprimii« ■; un<l nahmen die Gestall rinn- !)i(o:.- 



Moiiognipliie der Moneren. 73 

vexen Linse von 0,3 Mm. Durcliniossor an. Nach Aufhören des Druckes 
dehnten sie sich wieder zu ihrer früheren Kugelücslall aus. Die un- 
durchsichtige Mille der Kugeln \Aurde beim Druck durchsichtiger, ohne 
jedoch irgend eine Structur erkennen zu hissen. 

Mein erster Gedanke, dass die Kugeln Eier seien, wurde mir schon 
dadurch unwahrscheinlich, dass durchaus kein Keimbläschen Nucleus; 
in dem homogenen Inhalte der structurlosen Kugeln zu erkennen war. 
Er wurde bald gänzlich widerlegt durch die verschiedenartigen Ent- 
wickelungsstadi(Mi , welche mehrere Kugeln zeigten, sowie durch das 
Verhalten des aus den Kugeln austretenden Inhaltes. 

Wahrend bei der Mehrzahl der Kugeln die Inhaltsmasse überall 
dicht der Innenseiio der Membran anlag, und den Binnenraum der gan- 
zen meiiibrannsen llohlkugel vollständig erfüllte, hatte sich bei einigen 
Individuen iler Inhalt von derselben ein wenig zurückgezogen und 
offenbar verdichtet, während ein heller, mit wasserklarer Flüssigkeit 
erfüllter Raum zwischen der Membran und der verdichteten Inhaltsmasse 
entstanden war (Fig. 'i. Bei einigen Kugeln war der Umriss der cen- 
tralen , verdichteten , orangerothen Masse eine ganz scharfe und regel- 
mässige Kreislinie. Bei anderen dagegen erschien derselbe regelmässig 
gekerbt. Es waren ungefähr gegen 20 Kerben am Contourrande der 
reihen Kugel zu bemerken. Bei Beobachtung der Oberfläche zeigte 
sich, dass diese Einkerbung der Ausdruck einer regelmässigen Bildung 
von halbkugeligen Höckern auf der gesammten Oberfläche der % er- 
dichteten Kugel war. Noch andere Kugeln endlich , welche offenbar 
weiter entwickelt waren , zeigten deutlich , dass diese Kerbung nicht 
bloss die Oberfläche der verdichteten Inhaltsniasse betraf, sondern 
nur der oberflächliche Ausdruck des Zerfalls der ganzen kugeligen 
orangerothen Masse in eine grosse Anzahl von kleinen Kugeln war. 
Bei den am weitesten entwickelten Individuen war in der That der 
gesammle orangerothe Inhalt der Kugeln in lauter kleine Kugeln von 
0,017 Mm. zertheilt. Diese lagen hier nicht mehr zusammengepresst. 
sondern berührten sich nur locker, etwa wie ein Haufen von Kanonen- 
kugeln. Sie hatten sich wiederum derartig von einander entfernt, dass 
sie nicht mehr den gesammten Binnenraum der Hohlkugel ausfüllten, 
sondern vielmehr durch eine geringe Menge der wasserhellen Flüssig- 
keit von einander getrennt wurden , welche vorher zwischen der hya- 
linen Mem.bran und dem verdichteten Inhalte sich angesammelt hatte 
(Fig. 3). Die Zahl der kleinen orangerothen Kugeln . welche aus dem 
Zerfall der ursprünglichen grossen Kugel entstanden waren, betrug, 
wie sich nachher beim Sprengen ergab, ungefähr zweihundert. 

Zunächst versuchte ich an den ungetheillen Kugeln durch Spren- 



74 Krnst Häckel, 

gen der Membran zu einer genaueren Kenntniss des orangerothen In- 
halts zu gelangen. Diester Versuch gelang ohne Mühe. Sobald der 
Druck des Deckgläschens ein gewisses Maass überschritten hatte, barst 
die Membran , gewöhnlich an einer , selten an mehreren Stellen zu- 
gleich, und der orangerothe Inhalt trat langsam heraus. Die hyaline, 
structurlose Membran blieb in vielfach gefaltetem Zustande zurück. 

Der festflüssige Inhalt der Kugeln, welcher den mittleren Consi- 
stenzgrad des organischen Plasma oder Protoplasma hatte, quoll sehr 
langsam und allmählich aus der geborstenen Hülle hervor und breitete 
sieh zwischen Objectträger und Deckgläschen aus , wobei die Umrisse 
rundliche stumpfe Lappen von ungleicher Grösse bildeten. Durch vor- 
sichtiges Verschieben des Deckgläschens gelang es ziemlich leicht, die 
glashelle , gefaltete und collabirte Gallerthülle der geborstenen Kugel 
ganz bei Seite zu schieben, so dass der orangerothe Inhalt völlig isolirt 
unter dem Deckglase lag. Massigem Druck ausgesetzt, zeigte er sich 
nur als eine formlose i undliche Masse, deren Umriss in unregel- 
mässigen Lappen von verschiedener Grösse da und dort sich verschob; 
einzelne Lappen sahen wie gekerbt aus. Schon auf den ersten Blick 
war ersichtlich, dass die gesammte Masse structurlos und homogen war. 
Nur eine sehr grosse Anzahl von den bereits erwähnten , äusserst 
feinen punctförmigen Körnchen und eine geringere Anzahl von 
grösseren kugeligen Körnern war in der völlig homogenen Grundsub- 
stanz vertheilt. Diese letztere war in ihrer ganzen Masse blass röthlich 
gelb gefärbt, auch am Rande, wo sie nur als eine sehr dünne Schicht 
sich ausbreitete. Die lebhaft orangerothe Färbung der ganzen Kugeln 
kam daher offenbar mehr auf Rechnung der orangerothen und ziemlich 
stark glänzenden Körner. 

Die chemische Untersuchung der blass röthlich gelben structur- 
losen Grundsubstanz ergab bald , dass dieselbe eine Eiweissverbin- 
dung war. Sie zeigte dieselben Reactionen , welche das Plasma oder 
Protoplasma der Cytoden und der Zellen bei Thieren, Protisten und 
Pflanzen in gleicher Weise darbietet. Durch Carmin wurde die ganze 
Masse dunkelroth. durch lod dunkelbraun gefärbt. Mineralsäuren be- 
wirkten eine körnige Gerinnung. Salpetersäure färbte das Plasma dun- 
kelgelbbraun , Schwefelsäure spangrün. Die letztere Reaction erinnert 
an die gleiche Färbung des Acanthometra -Pigments durch Schwefel- 
säure. Die grösseren sowohl als die kleineren Körnchen in der struc- 
turlosen Grundsubstanz wurden durch Kali nicht gelöst, während das 
Plasma darin langsam zerfloss. Von irgendwelcher Differenzirung oder 
Zusammensetzung war an dem ausgetretenen Plasma nicht das geringste 
zu bemerken. 



Monographie der Moneren. 75 

Auch die weiter entwickelten Kuceln, welche statt der homogenen 
grossen Piasniakut;el eine tianze Masse von kleinen orangcrothen Kugeln 
enthielten, gelanges ziemlich leicht , /-u sprengen. Doch zeigte deren 
structurlose Htillmembian einen höheren Grad von Härte und Consi- 
stenz. Die aus der geborstenen Hülle austretende orangerothe Inhalts- 
masse löste sich im Wasser in ihre einzelnen Bestandtheile auf, die 
sich leicht von einander trennten. Die einzelnen Kugeln \Aaren alle 
von gleicher Grösse, von 0,017 Min. Duichmesser. Sie vAaien voll- 
ständig nackt und hüllenlos, einzig und allein aus dem röthlich gelben 
Plasma gebildet, in welchem eine Menge sehr feiner und kleiner, glän- 
zender orangerolher Köinchen suspendirt lagen. Die grösseren roth- 
gelben und rothen kugeligen Körner, welche in dem Plasma der un- 
getheilten Kugeln zerstreut waren, fehlten hier völlig. Sie fehlten auch 
schon in denjenigen Kugeln , bei denen die Fuiihung der Oberfläche 
den beginnenden Zerfall des Plasma in kleinere Kugeln andeutete. Weder 
von einem Kern, noch von einer contractilen Blase war an den kleinen 
Kugeln eine Spur wahrzunehmen, eben so wenig als bei den grossen 
ungetheilten Kugeln. 

Die kleinen orangerothen Kugeln, die offenbar aus dem Zerfall der 
einen grossen Plasmakugel hervorgegangen waren , zeigten während 
meiner ersten Beobachtung keinerlei Bewegung. Dagegen traten als- 
bald amoebenartige Bewegungen bei einer der grossen ungetheilten 
orangerothen Kugeln ein , welche ich in einem Uhrgläschen mit See- 
wasser möglichst vorsichtig dadurch von ihrer structurlosen Hülle be- 
freit hatte, dass ich die letztere unter dem Mikroskop nicht durch den 
Druck des Deckglases gesprengt, sondern mit zwei spitzen Nadeln an- 
gestochen und zerrissen hatte. Jedoch waren diese amoebenartigen 
Bewegungen nicht besonders lebhaft und hörten bald auf. Sie waren 
nicht zu vergleichen mit den lebhaften Bewegungen der zierlichen 
sternförmigen und dendritisch verzweigten Figuren , welche ich neben 
den oiangerothen Kugeln auf der weissen Spirula-Sehale bemerkt hatte, 
und zu deren Beschreibung ich mich jetzt wende. 

Bei schwacher Vergrösserung und aun'allendem Lichte betrachtet, 
boten diese Gestalten einen äusserst zierlichen Anblick dar. Die un- 
durchsichtige, glänzend weisse, porcellanartige Spirula-Sehale sah aus, 
als ob sie mit zerstreuten sternförmigen rothgelben Pigmentzellen be- 
deckt sei, ähnlich denjenigen, welche in der Haut niederer Wirbel- 
thiere (Fische, Anjphibien; so verbreitet sind. Jeder sternähnliche 
Fleck bestand aus einer unregelmässig rundlichen centralen Masse, von 
ungefähr 0, •> — 0,:i Mm Durchmessei- und aus einer Anzahl von 'meistens 
ö — lOj starken Aesten , welche von der centralen Masse ausstrahlten 



76 Ernst Häckel, 

und sich äusserst fein und zierlich verzweigten. Bei Anwendung 
stärkerer Vergrösserung liess sich sowohl in der cenlralon Masse als in 
den Aeslen und ihren Zweigen eine Fornneränderung wahrnehmen, 
welche auf selbslständige Contractionen des sternförmigen Körpers zu 
schliessen gestallele. Man hätte glauben können, Chromatophoren aus 
der Haut der Spirula vor Augen zu haben. Da jedoch an der völlig 
nackten, offenbar schon lange an der Meeresoberfläche schwimmenden 
Spirula -Schale keine Spur eines Mantels mehr wahrzunehmen war, 
musste ich alsbald in dem zierlichen Strahlenkörper einen grossen 
rhizopodenartigen Organismus erkennen. Um ihn bei durchfallendem 
Lichte genauer untersuchen zu können, war es durchaus nothwendig, 
ihn von der undurchsichtigen Spirula- Schale zu entfernen. Mehrere 
Versuche , ihn vorsichtig mit einei' feinen Staarnadel von der Schale 
abzulösen , oder mit dünnen Splilterchen der Schale selbst abzuheben, 
missglückten völlig; ich brachte nur kleine formlose Trümmer des 
rothgelben Protoplasma unter das Mikrosko]). Ich legte desshalb ein 
paar grössere Splitterchen der Schale, welche einen rothgelben Stern 
trugen , in ein flaches lihrschälchen mit Seewasser , welches ich mit 
einem anderen Uhrschälchen zudeckte, und stellte dasselbe in eine 
feuchte Kammer. Meine Absicht, dadurch den Rhizopoden zum Herab- 
kriechen zu bewegen , ging bei einem Exemplar schon nach w enigen 
Stunden, bei zwei anderen am folgenden Tage in Erfüllung, urd ich 
hatte nun das Vergnügen, diese merkwürdigen Organismen , welche 
von der Spirula-Schale auf das Uhrgläschen übergesiedelt waren , und 
sich hier ausgebreitet hatten , in aller Müsse betrachten zu können. 
(Fig. 11, 12). 

Jeder sternförmige Körper zeigte nunmehr, bei stärkerer Vergrösse- 
rung ohne Deckglas betrachtet, ein prachtvolles Plasma- oder Sarcode- 
Nelz, so ausgedehnt uud maschenreich, als man es nur bei Polythala- 
mien und Radiolarien, Myxomyceten und Lieberkühnien, finden kann. 
Die centrale Plasmamasse bildete eine flache , durchsichtige Scheibe 
von unregelmässig rundlichem , jedoch nahezu kreisförmigem Umriss, 
und ungefähr 0,2 — 0,"? Mm. Durchmesser. Am Rande zog sich dieselbe in 
sechs bis acht starke Protoplasmastämme aus, deren jeder sich zu 
einem äusserst zierlichen Baume verästelte. Diese Stämme, am Grunde 
von 0,01 — 0,03 Mm. Durchmesser, theilten sich alsbald gabelig in zwei, 
selten drei Aeste, die sich nach kurzem Verlauf abermals gabelförmig 
spalteten, und so fort. Bei jeder Spaltung nahm der Durchmesser der 
Gabeläste stark ab , so dass in der Regel jeder Ast noch nicht halb 
so stark war, als der nächststärkere Ast der vorhergehenden Ordnung. 
Die Aeste waren fast sammtlich leicht und zierlich gekrümmt, seltener 



Monographie der Moneren. 77 

last gerade. Schon von der d rillen oder vierten Ordnung an begannen 
die benachbarlen Aeste zu verschmelzen, unil die Anastomosen der 
Aeste wurden nacli der Peripherie hin immer /ahheicher, so dass die 
äussersten Aesle ein fasl zusammenhängendes peripherisches Sarcode- 
netz herstellten. Die Foiin der Anastomosen war sehr unregelmässig, 
nach dei- Peripherie hin mehr und mehr bogenförmig, am Grunde mehr 
unregelmässig polygonal. Im Ganzen war das Plasmanelz sehr ähn- 
lich demjenigen, welches CLAPARtDE von seiner Lieber k (ihn ia \Va- 
generi abgebildet hat. ') 

Die rothgelbe Färbung war am intensivsten in der Mille des Kör- 
pers, welche ofl'enbar auch die dicksle Plasmalage bildete, und in 
den Hauplstämmen , welche von deren Peripherie abgingen. Gegen 
die letzlere hin wurde die Farbe immer blasser, und die feinsten Aeste 
erschienen hell rölhlichgelb gefärbt. Nirgends war die Farbe so in- 
tensiv Orangeroth , w ie an den vorherbeschriebenen Kugeln. Wie bei 
den letzteren, wurde die Färbung auch hier ebensowohl durch ein 
diffuses röthliches Gelb der structurlosen Grundsubstanz , als durch 
einen lebhufler gelbrolhen Ton der darin suspendirten Körnchen 
bedingt. 

Sowohl die centrale scheibenförmige Körpermasse, als die davon 
ausstrahlenden Aesle und deren Zweige waren vollkommen durchsichtig 
und Wessen auch bei der stärksten Vergrösserung mit der grössten 
Deutliclikeil die Thalsache erkennen, dass die gesammte Körpermasse 
durchaus slructurlos und homogen, ohne jede Zusanunensetzung 
aus Zellen oder zellenähnlichen Gebilden sei. Zur Evidenz wurde 
diese Thatsache durch die feineren und gröberen rolhen Körnchen be- 
wiesen, welche strömend in dem Sarcodenetz hin und herbewegl 
wurden, sowie durch die hie und da in das Plasma eingestreuten frem- 
den Körpei' und iNahrungsbestandtheile (namentlich Diatomeen). Auch 
diese lelzleien wurden gleich den rolhen Körnchen ergriffen und passiv 
mit fnrtgefuhit \on iler Strömung, welche durch active Lageverände- 
rung der F'.iweissmoleküle des homogenen Plasma bewirkt wurde. 
bi seinen chemischen Eigenschaflen war der Eiweissköiper des Plasma 
oder der Sarcode nicht verschieden von demjenigen der rolhen Kugeln, 
der vorher beschrieben wurde, und zeigte ganz dieselben Reactionen. 

Die Strömungserscheinungen der Sarcode oder des freien Plasma 
(Protoplasma; , wie sie namentlich bei den echten Rhizopoden (Acylta- 
rien und Radiolarien) zu Tage treten, sind seit nunmehr 33 Jahren so 



<] Claparedc et Lachmann, Eiudcs sur les IiifusoiifS et los Rhizupodcs, Vol. I, 
p. 464, i'l. XXIII. 



78 Ernst Häckel, 

genau unlersuchl und so allgemein bekannt geworden , dass es über- 
flüssig sein würde , dieselben bei dem hier vorliegenden Organismus 
nochmals delaillirt zu boschreiben. Dujardin ') und Max Schultze^j 
haben dieses äusserst interessante und wichtige Phaenomcn bei den 
Fol^thalamien , CLAPARfeDE und Lachmanjv bei Actinophrys , Acan- 
thometra und Lieberkühnia"*) , Johannes Müller*) und ich selbst'*) 
bei den Radiolarien, de Barv^) und Cienkowski'j bei den Myxomycelen 
so übereinstimmend und genau dargestellt, dass über dessen ihatsäch- 
liche Existenz und v\eite Verbreitung kein Zweifel mehr aufkommen 
kann. Zwar versuchte Reichert seit 1862 in einer Reihe von Aufsätzen 
diese Thalsachen als unmöglich und die Beobachtungen und Deutungen 
sämmtlicher genannter Forscher als falsch darzustellen , weil diesel- 
ben mit seiner dogmatisch-vitalistischen Naturauffassung unvereinbar 
waren. Indessen habe ich bereits in meinem Aufsatze über den Sar- 
codekörper der Rhizopoden die völlige Grundlosigkeit und Verkehrt- 
heit von Reichert's Behauptungen dargethan. Ich würde dieselben hier 
gar nicht erw ahnt haben , wenn nicht Reichert in einer soeben er- 
schienenen grösseren Abhandlung die von ihm angegriffene Plasma- 
theorie der Sarcode selbst acceplirte, und dabei die Sache so zu ver- 
drehen suchte, dass er als der eigentliche Entdecker jener von ihm früher 
für unmöglich erklärten , in der That aber längst festgestellten Phäno- 
mene erscheint. Der folgende (11 1.) Abschnitt meines Aufsatzes wird 
diesen Umstand noch näher erörtern. 

Der orangefarbene , rhizopodenähnliche Organismus, welchen ich 
auf der Spirula- Schale fand, und für welclien ich die Rezeichnung 
Protomyxa auranliaca vorschlage, zeigt das Phänomen der Sar- 
codeströmung in der ausgezeichnetsten Weise. Die rothgelbe Sarcode 
desselben ist in ziemlich hohem Grade dünnflüssig, etwa wie bei Tha- 
lassi co Ha unter den Radiolarien, bei Gromia unter den Acyttarien, 



<)DiijAKDiN, Observations nouvelles etc. Annales des scienees nat 1835, 
II. S6r., Tom lil. p. 112 fT. 

2| Max Schultze, Uel^er den Organismus der Polyttialamien (1854) p 16 ff. 

3) Claparede et Lachmann, Etudes siir les Infusoires et les Rliizopodes (1858), 
Vol. I, p. 416, 464 ff. 

4) Johannes Miller, Ueber dieTlialassicollen, Polj cystineu und Acantliometren, 
Abtiandl. der Berlin Akad. 1858, p. 3 ff. 

5, Ernst Hackel, Die Radiolarien. Eine Monographie 1862) , p. 89 — 126 und 
p. 127 -159. 

6) DeBahv, DieMycetozoen, ZeilschritI (ür wissenscti. Zoul. 1860, Vol. X, p. 88 IT. 

7) CiENKOwsKi , Zur Enlwickelungsgescliiiiite der Myxomycelen, Pringstieims 
Jalirhüctier für wissenscli. Bolanik 111. p 325 ff. 



Monographie der Moneren. 79 

oder bt'i IMiysiuuin uiiUr den Myxorayceten. Die zahlreich zerstreu- 
ten rolheii Körnclien, vNelt'he duicli die geeensoilige Lagonveränderung 
der sich an einander \erscluebenden Flasnianioloküle in Bewegung 
versetzt und passiv von doni aotiven Sarcodesliom mit forlgerissen 
werden, erlauben sehr genau die verschiedenen Strömungsbahnen zu 
verfolgen. Diese Bahnen sind ohne alle bestinunte Anordnung, in be- 
ständigem Wechsel begritlen. An den grosseren Stromfaden bemerkt 
man oft deutlich einen centrifugalen neben einem centripetalen Strom. 
Schnelligkeit, Richtung und Stärke der Ströme wechseln bestiindig. 
üie breiten pohgonalen Sarcodeplatlen, welche sich leicht an den Ana- 
stomosen zweier Stromüste bilden, entstehen und vergehen , und hier- 
bei lässl sich besonders deutlich der durchaus homogene Charakter der 
ganzen contractilen Plasmasubstanz wahrnehmen. Von einer Schei- 
dung in eine dichtere Rindenschicht und eine dünner flüssige Mark- 
scbicht, wie sie bei vielen Rhizopoden und Myxomycelen vorkommt, ist 
Nichts wahrzunehmen. 

Nebenden zahlreichen rothen Körnchen werden auch grössere, als 
Nahrung aufgenommene fremde Körper von dem Sarcodestrom mit fort- 
gerissen, so namentlich pelagische Infusorien und Diatomeen , welche 
die Hauptnahrung der Protomyxa bilden. Das in Fig. 11 dargestellte 
Individuum hatte zwei Isthmien, und drei Tintinnoiden mit kieseliger 
Gitterschale verzehrt (zwei Dictyocy sla elegans und eine D. mitra), 
und war trotzdem schon wieder im Begritl, ein Peridiniuui in seinen 
Körper hineinzuziehen. Die Nahrungsaufnahme erfolgte in derselben 
Weise wie bei den echten Rhizopoden. An frei schwinunend( n Diatomeen 
iBacillarien undNaviculen), welche ich in das ührschalchen, das die Pro- 
tomyxa enthielt, hineinbrachte, liess sich der Vorgang des Fressens 
deutlich verfolgen. Sobald ein ausgestreckter Plasmafaden mit einem 
dieser Körper in Berührung kam, erfolgte ein verstärkter Zufluss von 
Plasma zu dieser Stelle. Benachbarte Fäden legten sich an und ver- 
schmolzen mit dem ersten. In kurzer Zeit war die Kieselzelle der Dia- 
lomee von einer Protoplasmaschicht umflossen und wurde nun lang- 
sam, durch Relraclioii der betlieiligten Plasmafäden, in die centrale 
Körpermasse hineingezogen. Die Verdauung der Beute bestand einfach 
in einer Extraction und Assimilation des gelbbraunen Plasmainhalts 
der Kieselzellen. Die Kieselmembran derselben schien gar nicht davon 
angegriffen zu werden , und die entleerten Schalen wurden durch die 
Contraction der weichen Cer\tralmasse wieder ausgestossen. 

Kerne oder kernähnliche Bildungen waren in dem ganzen Plasma- 
körper der Protomyxa durchaus nicht wahrzunehmen, ebenso wenig 
contraclile Blasen, falls man darunter bleibende Organe versteht, welche, 



gO Ernst Häckel, ^ 

wenngleich noch ohne differenzirle Wand , doch eine beslimmte Stelle 
im Körper einnehmen. Dagegen waren Vacuolen in grosser Anzahl 
im Koiper zerstreut, und zwar sowohl in der Cenlralniasse , als in den 
Stärkeron Aesten. Dieselben traten auf in Gestalt heller kreisrunder 
Flecke (Fig. II, W v.) von verschiedener Grösse, die grössten von 0,03 
Mm. Durchmesser. Fixirte man eine und dieselbe Vacuole längere Zeit, 
so konnte man die Dilatation und Contraclion derselben, ihr Entstehen 
und Vergehen deutlich wahrnehmen. Ersteres sowohl wie letzteres er- 
folgte sehr langsam, und nahm bei den grössten ungefähr 2 — 3 Minuten 
in Anspruch. Bei der Conlraction wurde der Umfang der Vacuole kleiner 
und kleiner. Endlich verschwand der helle Fleck ganz; es sah aus, 
als ob das gelbrotbe Plasma über demselben zusammengeflossen wäre. 
Fixirte man die Stelle, an der die Blase \erschwunden vsar, fortdau- 
ernd, so sah man sie bisweilen an demselben Puncte wieder langsam 
auftauchen. Es erschien ein heller Punct, welcher langsam grösser und 
srösser wurde; oft überschritt er den frühern Umfang: andere Male 
blieb er hinter demselben zurück Sehr oft aber war und blieb die 
Vacuole verschwunden, und statt ihrer traten ein oder mehrere neue 
Vacuolen an anderen Stellen auf, bald in der Nähe, bald weit davon 
entfernt. Bisweilen traten an Stelle einer grossen verschwundenen 
Vacuole eine Anzahl (10—20) kleiner Vacuolen in deren Umge- 
bung auf, entweder unregelmässig zerstreut oder ringförmig um den 
Platz der ver.«chwundenen Blase gruppirt. Aus diesem Allen geht her- 
vor, dass die contractilen Hohlräume im Leibe der Protomyxa wirk- 
liche Vacu o len sind, d. h. wandungslose, mit wässriger Flüssigkeit 
gefüllte Hohlräume inmitten des homogenen Sarcodeparenchyms , wie 
solche auch bei vielen Rhizopoden, Myxomyceten etc. vorkommen. Es 
sind also keine echten contractilen Blasen, \Aie sie bei den echten 
Infusorien, 'Ciliatenj und bei einigen Amoeben (z.B. Amoeba qua- 
drilineata) vorkommen. Diese letzteren sind distincte und perma- 
nente Organe, gleichviel ob man eine eigene differenzirte Wand an 
ihnen unterscheiden kann oder nicht. Die echten contractilen Blasen 
nehmen stets eine und dieselbe Stelle im Körper ein , während die Va- 
cuolen bald hier bald dort mitten in der festflüssigen Eiweissmasse des 
Plasmaparenchyms auftreten und verschwinden. Durch diese be- 
stimmte Unterscheidung der Vacuolen von den contrac- 
tilen Blasen soll natürlich keineswegs geleugnet werden, dass ver- 
mittelnde Uebergangsformen zwischen beiden Bildungen vorkommen. 
Im Gegentheil halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass die contrac- 
tilen Blasen aus einfachen Vacuolen phylogenetisch (durch 
natürliche Züchlunc) entstanden sind. 



Monoeraplüp der Moiipri-n. 81 

Die Vaouolon sowohl, nls dio i'ollu n Kornclien , welche in dem 
homogenen Phisma der Prolomyxa zerstreut umherliegen und umher 
wondet'n. sind Krscheinungen , welche zu dem Stoffwechsel dieses 
Moneres in der engsten Beziehung stehen. Ich versuchte die Prolo- 
myxa in llachen Uhrschalchen mit Seewasser längere Zeit zu cultiviren, 
und es gelang dies mit dem besten Erfolge. Ich stellte die Uhrgläschen, 
deren jedes eine einzige Protomyxa enthielt, in ein grösseres, mit 
Wasser gefülltes Schiilchen und stülpte ein grosses Glas darüber, so 
dass eine sehr geräumige feuchte Kammer hergestellt war, und so ge- 
lang es mir, die Protomyxa über drei Wochen am Leben zu erhalten, 
und die Erscheinungen ihrer Ernährung und Fortpflanzung im voll- 
ständigem Zusammenhange zu beobachten. 

Das Nächste, was ich bei fortgesetzter täglicher Beobachtung wahr- 
nahm, war die Thatsache, dass die Anzahl der Vacuolen und der rothen 
Körnchen in geradem Yerhältniss zu der aufgenommenen Nahrungs- 
menge steht. Ich hielt einige Protomyxen in reinem Seew^asser, ohne 
Nahrung, während ich anderen Diatomeen in reichlicher Menge als Nah- 
rung zuführte. Bei den ersleren nahm die Menge der rothen Körnchen 
sowohl, als der Vacuolen schon nach einigen Tagen sichtlich ab , w äh- 
rend bei den letzteren sie sich fortdauernd erhielt und bei verstärkter 
Fütterung sogar zunahm. Die am reichlichsten mit Diatomeen gefütter- 
ten Individuen waien mit rothen Körnchen ganz vollgestopft, so dass 
die Sarcode stark getrübt, und namentlich der mittlere Theil des Kör- 
pers ganz undurchsichtig erschien. Zugleich traten kleinere und grössere 
Vacuolen in grosser Anzahl an allen Ecken und Enden auf. Die hun- 
gernden Individuen dagegen wurden blass, mehr gelb als rolh gefärbt; 
die Zahl der rothen Körnchen nahm auffällig ab, ebenso auch die Zahl 
der Vacuolen, und schliesslich verschwanden dieselben gänzlich. (Vergl. 
Fig. li und 12). 

Es geht hieraus deutlich hervor, dass die in der Sarcode zerstreuten 
Körnchen P ro d u et e des S toff wech sei s sind. Am wahrschein- 
lichsten dürfte wohl die Vcrmuthung sein, dass dieselben a ss im i 1 i rte 
Substanzen sind, welche durch die chemische Thätigkeit der ver- 
dauenden Sarcoile aus den aufgenommenen Nahrungsbestandtheilen 
gebildet und späterhin selbst wieder in Sarcode umgebildet werden. 
In meinem Aufsatz »über den Sarcodekörper der Rhizopoden« habe ich 
diese Hypothese auch für die Körnchen wahrscheinlich zu machen ge- 
sucht, welche sich im Protoplasma der echten Rhizopoden (Acyttarien 
und Radiolarieni finden, und deren Quantität gleichfalls der Menge der 
aufgenommenen und verdaueten Nahrung entspricht. Bei den Radio- 
larien wird diese Vermuthung noch dadurch besonders wahrscheinlich 

Band IV. I. g 



82 Ernst Häckel, 

gemacht, dass die Körnchen bei mehreren Arten roth gefärbt sind (bei 
Acanthostaurus purpurascens, Acanthochiasma rubes- 
cens und Actinelius piirpureusJ) 

Nicht bloss die Menge der Körnchen und der Vacuolen, sondern 
auch die Stärke und Schnelligkeit der Sarcode-Ströinung scheint bei 
Protomyxa von der Quantitiit der aufgenommenen Nahrung abhän- 
gig zu sein. Obgleich diese Thatsache viel schwieriger als die vorher 
genannte zu erkennen und festzustellen ist, und obgleich auch vielfach 
äussere Anpassungsbedingungen , wie Licht, Temperatur etc. auf die 
Stärke und Schnelligkeit der Plasma-Strömung Einfluss zu haben schei- 
nen, glaube ich mich doch durch anhaltende Beobachtungen und durch 
Vergleichung der Extreme von der Richtigkeit derselben überzeugt zu 
haben. Bei den hungernden Individuen, bei denen Körnchen und Va- 
cuolen an Zahl abnahmen , wurde auch die Strömung in den ver- 
zweigten Schleimfäden zusehends schwächer und langsamer (Fig. 12). 
Zugleich nahmen die Anastomosen der Stiomzweige in auffallender 
Weise ab und statt deren wurde an der Peripherie des Sarcodenetzes 
eine grössere Anzahl von äusserst feinen, divergenten, aber nicht ana- 
stomosirenden Schleimfäden vorgestreckt. Bei den reichlich gefütterten 
Individuen dagegen waren die bogenförmigen Anastomosen äusserst 
zahlreich und die peripherischen Büschel von haarfeinen und nicht ana- 
slomosirenden Schleimfäden fehlten (Fig. 11). Jedoch muss schon hier 
bemerkt werden, dass einige von diesen gutgenährten Individuen nach 
einiger Zeit in einen Ruhezustand übergingen, indem sie ihre Pseudo- 
podien einzogen und sich schliesslich in einen kugeligen Schleim- 
klumpen zusammenzogen, der sich mit einer Hülle umgab. Bevor ich 
auf diese encystirten Ruhezustände und die damit zusammenhängenden 
Fortpflanzungs-Erscheinungen der Protomyxa eingehe , will ich noch 
Einiges über die Reizbarkeit dieses Moneres bemerken. 

Dass man die echten Rhizopoden (Acyttarien , Heliozoen , Radio- 
larien) sowie manche Rhizopoden ähnliche Organismen (Amoeben, 
Arcellen, Actinophryen) früher allgemein und unbedenklich als echte 
Thiere betrachtete, hatte nächst der thierähnlichen Gestalt mancher 
Schalenbildungen (molluskenähnliche Polythalamien) und nächst der 
mehr thierischen als pflanzlichen Nahrungsaufnahme seinen Grund vor- 
züglich in den Erscheinungen der Beweglichkeit und Reizbarkeit dieser 
Organismen. Ebenso wie einzelne Bewegungserscheinungen einen 
bestimmten Willen, so schienen andere das Vermögen einer distincten 
Empfindung zu verrathen; und man konnte schliesslich diesen be- 



1; Zeitsclir für wissenscli. Zool. i865 Vol. XV, p. 359, Taf. XXVf, Fig. 4 



Monograjiliit' iIit MoinTfii. 88 

lebten Scliloimklünipchen eben so gut »'ine wirkliche Seele öder einen 
sogennnnten Geist zuschreiben, als den Menschen und anderen echten 
riiiereu. Auch in diesen Beziehungen schliesst sich unsere Frotomyxa 
den echten Hhizoj>odcn an, und zeigt namentlich dieselben Erscheinun- 
gen von I{ ei z ba ikoit , welche ich cinestheils bei den Radiolarien 
(I. c. p. \iS) anderntheils bei dem Prologenes pri niord ialis (1. c. 
p. 362] beschrieben habe. 

Zunächst und hauptsächlich äussert sich diese »organische Be- 
seelung'i der Protomyxa darin, dass jeder fremde Körper, der ihre 
Oberfläche berührt, vorzüglich ein bewegter oder sich bewegender 
Körper, einen vermehrten Zufluss \on Sarcode zu der berührten und 
>> gereizten« Körperstellc veranlasst. Bei der Nahrungsaufnahme war 
dies deutlich zu sehen. Aber auch wenn ich unter dem Präparirmi- 
kroskop mit einer sehr spitzen Nadel vorsichtig die Frotomyxa be- 
rührte, hatte dieser Reiz augenblicklich einen heftigen Zufluss von Sar- 
code zur Folge, und die Nadelspitze wurde förmlich davon umflossen. 
Sobald ich jedoch versuchte, mit der Nadel in das Innere des Sarcode- 
körpers einzudringen und denselben gewaltsam hin und her schob, so 
wurden sämmtlicheFseudopodien eingezogen und der ganze Sarcodeleib 
zog sich in einen zusammenhängenden unförmlichen Klumpen zusam- 
men. Da eine ähnliche oder gleiche «Reizbarkeit« gegenwärtig als all- 
gemeine Eigenschaft des gesamniten organischen Frotoplasma, in gleicher 
Weise bei Thieren, Protisten und Pflanzen anerkannt ist, so beweist sie 
natürlich ebensowenig für die thierische Natur bei der Frotomyxa , als 
bei den echten Rhizopoden und anderen Protisten. Die Frotomyxa 
ist wegen dieser Reizbarkeit ebenso wenig ein Thier, als die empfind- 
liche Mimosa. 

Gelegentlich dieser Reizversuche zerzupfte ich mehrere Individuen 
von Frotomyxa in Stücke, eins in zwei ziemlich gleichgrosse Hälften, 
ein zweites in drei und ein drittes Individuum in fünf ziemlich ungleich 
grosse Stücke. Jedes dieser Theilstücke zog sich alsbald zu einem un- 
regelmässig rundlichen Sarcodeklumpen zusammen , der zuerst eine 
Zeitlang bewegungslos dalag. Bald aber begann derselbe sich wie- 
deruu) zu einer flachen Scheibe auszudehnen und hier und da an der 
Peripherie kleine stumpfe Fortsätze auszustrecken. Langsam wurden 
diese länger und länger, fingen an sich dichotomisch zu verästeln und 
mit ihren Zweigen Anastomosen zu bilden, und bald war das ganze 
lebendige Plasmanetz wieder so hergestellt, als ob Nichts vorgefallen 
wäre. Jedes der künstlich erzeugten Theilstücke bewegte sich so selbst- 
sländig und lebendig, wie die ungetheilte Frotomyxa. Die künst- 
liche Theil barkeit der Frotomyxa ist durch diese Versuche fest- 

6* 



§4 Ernst Häckel, 

ceslellt. Diese an sich merkwürdige Erscheinung, welche sowohl für 
die Indi vidualitätsl-ehre (Tectologie) überhaupt, als besonders 
für die Naturgeschichte der Protisten von hohem Interesse ist, verliert 
neuerdings viel von ihrem Wunderbaren, da sich die Vermehrbarkeit 
durch künstliche Theilung immer allgemeiner als eine sehr \erbreitete 
Eigenschaft der niedrigen Organismen, namentlich der Protisten , aber 
selbst vieler höher organisirten und stärker differenzirten Thiere und 
Pflanzen herausstellt. Ich will bei dieser Gelegenheit bemerken , dass 
ich während meiner Anwesenheit auf Lanzarote zahlreiche Versuche 
über die künstliche Theilbarkeit der Hydroraedusen angestellt habe, 
welche vom überra>ci]endsten Erfolge begleitet waren. Bei der Hydra 
des süssen Wassers ist die ausserordentliche Theilbarkeit und Repro- 
ductionsfähigkeit seil Trembley's Zeiten allbekannt, und auch bei denHy- 
droiden des Meeres durch Dalyell's Versuche festgestellt. Dagegen war 
die künstliche Theilbarkeit der Medusen selbst (Schirmquallen oder 
Discophoren] bisher noch nicht bekannt. Meine Versuche ergaben, dass 
dieselbe bei manchen Medusen, namentlich aus der Familie der Thau- 
mantiaden von Gegenbaur (Laodiceiden von Agassiz) einen er- 
staunlichen Grad erreicht. Bei mehreren Arten dieser Familie konnte 
ich den Medusenschirm in mehr als hundert Stücke zertheilen, und aus 
jedem Stück, sobald es nur einen Theil des Schirmrandes enthielt, 
erwuchs in wenigen (ä — i) Tagen eine vollständige kleine Meduse. 
Selbst ein einziger losgelöster Randtentakel, an welchem die Basis, das 
ansitzende Stück des Schirmrandes erhalten war, bildete in wenigen 
Tagen eine Meduse. Noch überi'aschender war mir das Resultat, das 
ich bei anderen Hydromedusen erhielt. Hier konnte ich den kugeligen 
nicht difTerenzirten Zellenhaufen (oder die wimpernde kugelige Larve) 
welcher aus der Eifurchung hervorgegangen war, in mehrere Stücke 
zerschneiden, und aus jedem Stück entwickeile sich eine selbstständige 
Larve. Da ich diese Theilungsversuche an einem anderen Orte aus- 
führlicher miltheilen werde, seien sie hier nur beiläufig erwähnt. 

Sobald ich die selbstsländige Natur der auf den Spirula-Schalen 
befindlichen orangerothen sternförmigen Flecke als rhizopodenarliger 
Protisten erkannt hatte, musste sich natürlich die Vermuthung aufdrän- 
gen, dass die benachbarten, vorher beschriebenen lolhen Kugeln Ruhe- 
zustände oder encystirte Individuen derselben Art seien, und dass die- 
jenigen Kugeln , bei denen der zusammengezogene orangerothe Inhalt 
in zahlreiche kleine Kugeln zeifallen war, auf monogene Fortpflanzung 
zu beziehen seien. 

Die rothen Kugeln, welche ich sorgfällig von den Spirula-Schalen 
abgelöst und in flachen ührschälchen mit Seewasser in eine grosse 



i 



Monographie der Moneren. 85 

feuclite Kammer gebracht hatte, Hessen zum Theil schon nach einigen 
(I — 6) Tagen die individuelle EnlwickehingsgeschichlederProtomyxa 
weiter verfolgen. In sänuntlichen Kugeln zerfiel der orangerolhe Plas- 
mainhalt , nachdem er sich von der hyalinen Kapselwand zurückge- 
zogen hatte, in eine grosse Anzahl (einige hundert) kleine, runde, durch- 
aus structurlose und nackte Kugeln. Dieser Zerfall beruhte nicht auf 
o'\ncr wiederholten Zweitheilung des encystirten Plasmakörpers, son- 
dern daiauf, dass gleichzeitig eine grosse Anzahl von individuellen 
Attiactionscentren in der homogenen Plasmamasse sich differenzirten, 
und dass gleiche Plasmapoi'tionen rings um diese Mittelpuncte sich 
anhäuften. Der Process wiire ilemnach wohl richtiger als Keimplastiden- 
bildung (Monosporogonia), denn als Spaltung (Theilung oder Knospen- 
bildung! aufzufassen.') 

Die kleinen rothen Kugeln (von 0,017 Mm. Durchmesser] verharr- 
ten nun noch mehrere Tage ruhig in der dickwandigen Cyste, deren 
ganzen Binnenraum sie ausfüllten, ohne dass eine weitere Veränderung 
an ihnen zu bemerken war. Als ich sie nach Verlauf von ungefähr einer 
Woche wieder unter das Mikroskop brachte, bemerkte ich bei einigen 
eine langsame Bewegung der Kugeln innerhalb der Cyste. Die Bewe- 
gung bestand in keiner regelmässigen Rotation derselben, sondern in 
einer langsamen Ortsveränderung der Kugeln, bei der sie sich ohne be- 
stimmte Regel in allen Richtungen durch einander drängten. 

Einige Stunden später war die Bewegung lebhafter geworden und 
die rothen Kugeln hatten eine biinförmige Gestalt angenommen, indem 
das eine Ende derselben in eine feine Spitze ausgezogen war. Beim 
Durcheinamlerwinden innerhalb der Cyste änderten sie mehifach die 
Gestalt ihres weichen birnförmigen Leibes, indem sie bald länger, bald 
kürzer keulenförmig ausgezogen wurden , und zuweilen dabei sich 
krümmten. 

Am folgenden Tage fand ich eine der Cysten zerplatzt: die leere 
coUabirte Wand lag gefaltet auf dem Boden des Uhrgläschens und eine 
grosse Menge von keulen- oder birnförmigen rothen Körperchen be- 
wegte sich frei in dem Seewasser umher. Es zeigte sich nun, dass 
die rothen Kugeln die Schwärmsporen der Protomyxa waren, und 
dass dieselben nach dem Austritt aus der Cyste sich nach Art von Fla- * 
gellaten <>der von Algen-Schwärmsporen frei umher tummelten. Ich 
sprengte nun durch leichten Druck des Deckgläschens eine andere Cyste, 
bei w elcher bereits die Bewegung der Keimpiastiden im Innern zu sehen 
war, und sah alsbald die rothen birnförmigen Körperchen in dichtem 



1) Vergl, Generelle Morphologie, Vol. II, p. 70. 



^Q Ernst Häckd, 

Gewimmel aus der geborstenen Membran austreten (Fig. 4). Unmittel- 
bar nach dem Austritt wurde die Form derselben schlanker, indem sich 
das vordere Ende in eine längere Geissei auszog, und die Bewegung 
wurde bedeutend beschleunigt (Fig. o). 

Die Gestalt der freien Schwärmsporen (Fig. 5) oder der 
"eisseUragenden Keimpiastiden (genauer Keimcytoden) war schlank 
birnförmig, von der abgerundeten Basis bis zu der haarfein ausgezoge- 
nen Spitze ungefähr 0,06 Mm. lang, an der breitesten Stelle (kurz vor 
dem hinteren abgerundeten Ende) 0,012 Mm. breit. Der hintere Theil 
des Sporenkörpers war bald mehr kugelig, bald mehr eiförmig abge- 
rundet und spftzte sich nach vorn sehr allmählich in einen kegelför- 
migen schlanken Hals zu, der sich dann dünner werdend in eine haar- 
feine Geissei auszog. Die Bewegung dieser Geissei (Flagellum) war 
mehr pendelnd oder einen Kegelmantel beschreibend, als schlängelnd. 
Die Geissei schleppte durch diese ununterbrochenen sehr lebhaften 
Bewegungen den ganzen Sporenkörper mit sich fort. Dieser war in 
seiner ganzen Masse durchaus einfach und homogen, ohne Spur von Kern 
(Nucleus) oder contractiler Vacuole , ebenso ohne Spur von Membran, 
und lediglich aus der rothgelblichen Grundsubstanz des Plasma beste- 
hend, in welche sehr feine rothe Körnchen eingebettet waren. Durch 
Zusatz von lodlösung wurden die Schwärmsporen augenblicklich zum 
Stillstand gebracht und tief gelbbraun gefärbt. Man sah nun ganz deut- 
lich, dass der ganze Sporenkörper durchaus structurlos war, und dem- 
nach den morphologischen Werth des denkbar einfachsten organischen 
Individuums, der nackten Cytodo oder Gy m nocytode besass. Ausser 
den äusserst feinen rothen Körnchen waren durchaus keine differenten 
Bestandlheile in der homogenen Plasmamassr wahrzunehmen. Die 
Geissei war weiter Nichts, als ein haarförmig ausgezogener Fortsatz des 
Plasma oder der Sarcode selbst. 

Verfolgt man die Bewegungen der Schwärmsporen (oder 
der schwärmenden Gymnocytoden) von.Pro tom yxa genauer, so findet 
man sie äusserst ähnlich denjenigen der Schwärmsporen der Myxomy- 
ceten. Die Beschreibung De Bary's passt so gut auf diese, wie auf jene. 
»Die Bewegungen der Schwärmer bestehen zunächst in einer mit Vor- 
schreiten nach der Bichtung des Vorderendes verbundenen Rotation des 
ganzen Körpers um seine Längsaxe, wobei derselbe, wenn er gerade 
ausgestre(;kt ist, sich in dem Mantel eines Kegels dreht, dessen Basis 
von dem Vorderende umschrieben , dessen Spitze vom Hinterende ge- 
bildet wird. .Tenes beschreibt also den grössten , jeder andere Punct 
der Körperoberfläche einen um so kleineren Kreis, je näher er dem Hin- 
terende liesit. Dabei wird die Cilic beständis wie eine reitschcnschnur 



Monographie der Moneren. 87 

undulirend nach zwei Seiten geschwungen, was der Drehung des Kör- 
pers ein ruckweises Hin- und Herwackeln oder Schaukeln hinzufügt. 
Oft fehlt die Rotation, letztere Form der Bewegung ist allein vorhanden, 
oder es wechseln beide Arten mit einander ab. Gleichzeitig mit diesen 
Drehungen und Ortsveränderungen zeigt der Körper beständige Aende- 
rungen seines Umrisses : wurn)förmige Krüumiungen abwechselnd nach 
verschiedenen Seiten hin, Zusanunenziehung zu mehr kugligei" Gestalt 
und Wiederausstreckung, peristaltische Contractionen, endlich Austrei- 
ben kurzer spitzer Fortsiitze , welche amoebenaitig in stetem Wechsel 
wieder eingezogen und durch neue ersetzt werden, und welche beson- 
ders zahh'eich um das abgerundete Hinterende zu entstehen pflegen.« 

Wie in den Bewegungen, so gleichen die Schwärmer der Proto- 
myxa denjenigen der Myxomyceten auch in der Gestalt, nur mit dem 
Unlersciiiede. dass den ersteren, so lange sie schwärmen, jede Vacu- 
olenbildung fehlt. Auch die nächsten Schicksale der beiderlei Schwär- 
mer sind ganz ähnlich. Beide kommen nach einiger Zeit zur Ruhe, 
gehen in amoebennrtige Zustände über und bilden dann (wenigstens 
theilvveise) durch Verschmelzung Plasmodien. 

Die Schwärmzeit der Proto m yxa- Sporen scheint mindestens 
einen Tag zu dauern. Wenigstens sah ich dieselben niemals an dem- 
selben Tage, an welchem sie aus der Cyste geschlüpft waren, zur Ruhe 
konjincn. Am folgenden Tage fand ich sie meistens ruhig auf dem Bo- 
den des Uhrschälchens liegen : die Geissei der Schwärmer war einge- 
zogen und die birnförmige Körper^gestalt in diejenige einer unr-egel- 
mässig rundlichen Scheibe übergegangen , deren Umfang sternförmig 
in mehrei'e Fortsätze ausgezogen war. Die rothgelben Plasmakörper 
glichen nun im Umriss vollständig den zur Ruhe gekommenen Myxomy- 
ceten-Schwärmern oder auch der Amoeba radiosa von Ehrenberg. 
Nur hatten die ringsum ausgestreckten Fortsätze (5 — 20 gewöhnlich an 
Zahlj bald mehr eine schlank kegelförmige , bald mehr eine kolbenför- 
mige Gestalt (Fig. 6). Die meisten Fortsätze waren einfach, die grös- 
seren fingen jedoch schon in dieser Zeit an dei' Spitze an sich gabel- 
förmig zu theilen oder selbst mehrfach zu verästeln. Das Ausstrecken 
und Einziehen der formwechselnden Fortsätze geschah durchaus in der-- 
selben Weise, wie bei den lebhafter beweglichen Amoebenai'ten. 

Schon kurze Zeit nachdem die Schwärmsporen der Protom yxa 
zur Ruhe gekommen und in den Amoebenzustand übergegangen sind, 
beginnen dieselben Nahrung aufzunehmen. Mit einem Wassertropfen 
brachte ich eine Anzahl von kleinen Diatomeen in das Uhrschälchen und 
alsbald begannen diejeni.i.'en Amoeben , welche mit den Diatomeen in 
Berührung kamen, ihre Fortsätze an dieselben anzulegen und sie in der 



88 Erust Häckel, 

bekannten Weise zu umfliessen. Bald waren die Naviculen ganz von 
einzelnen Anioeben umflossen, deren ganzer Körper gleichsam nur einen 
dünnen Sclileiinüberzug über den ersteren darstellte (Fig. 8,9). Der 
gelbbraune Plasniainhall der kieselschaligen Diatomeen wurde von den 
Amoeben assimilirt und dann zogen sie sich wieder von den entleerten 
Kieselhüllen zurück, und begannen vom Neuem die charakteristischen 
Amoebenbewegungen, das bestandige Ausstrecken und Einziehen der 
form wechselnden fingerartigen Forlsätze. Das Volum der kleinen Amoe- 
ben wuchs durch die Verdauung einer Navicula wohl um das Zwei- bis 
Dreifache, und nun begannen auch die Fortsätze sich länger auszuzie- 
hen, reichlicher zu verästeln, und selbst hier und da bereits eine Ana- 
stomose zu bilden. 

Erst nach erfolgter Nahrungsaufnahme begannen in den Amoeben 
Vacuolen aufzutreten, welche sowohl in den ruhenden als in den 
schwärmenden Sporen vollständig vermisst wurden. Gewöhnlich trat 
zuerst eine einzige, seltener gleichzeitig 2 — 3 kleine Vacuolen als helle, 
langsam pulsirende kreisrunde Flecke in dem rölhlitl; gelben Amoeben- 
körper auf. Aber schon jetzt Hess sieh durch andauernde Beobachtung 
feststellen, dass die Vacuolen keine constanten contractilen Blasen, son- 
dern Ansammlungen von Flüssigkeit innerhalb des contractilen homo- 
genen Plasmaparenchyms waren. Bald entstanden sie an dieser, bald 
an jener Stelle, ohne nach ihrem Verschwinden wiederzukehren. 

Mehrfach konnte ich bei den Schwärmern der Protom yxa unter 
meinen Augen die Bildung von Plasmodien durch Verwach- 
sung (Concrescenzj von zwei oder mehreren Amoeben 
unmittelbar verfolgen. Bisweilen geschah es, dass zwei Amoeben, 
w-elche eine Navicula an entgegengesetzten Enden eriasst hatten und sich 
über dieselbe herüberzogen , bei der Begegnung in der Mitte in eine 
einzige zusammenflössen (Fig. 8, 9). Nach erfolgler Verdauung zog 
sich die vereinigte Plasmamasse als ein einziges amoebenartiges Indi- 
viduum von der entleerten Kieselschale zuiück. Aber auch an freien 
Amoeben, welche sich auf dem Glase begegneten und mit ihren aus- 
gestreckten Pseudopodien berührten , konnte der Verschmelzungspro- 
cess unmittelbar wahrgenommen werden. Da, wo die Amoeben in 
dichten Gruppen auf dem Boden des Gläschens neben und durch ein- 
ander krochen, sah ich oft drei bis vier derselben gleichzeitig mit ein- 
ander verschmelzen (Fig. 7;. So entstanden grössere Plasmodien, die 
durch die grössere Anzahl der Vacuolen und durch die reichlichere Ver- 
ästelung und Anastomosenbildung der ausgestreckten Fortsätze bereits 
den Uebergang zu den oben beschriebenen erwachsenen Protomyxen 
bildeten 'Fig. tO). 



Monographie der Moneren 80 

Ob die Plasniodienbildung , d. h. die Entstehung grösserer Sar- 
codekörper durch Concrescen/ mehrerer Anioeben , für die Entwicke- 
lung der erwachsenen Protoniyxa ein nolhwendiger und unent- 
behrlicher oder ein mehr zufälliger und gleirhgülliger Process ist, 
vermag ich nicht zu entscheiden. Doch ist mir das lelzicre wahrschein- 
licher, ich isolirte mehrere einfache Amoeben einzeln auf kleinen Glas- 
clien und führte ihnen reichlich Diatomeen -Nahrung zu. Innerhalb 
weniger Tage nahmen dieselben an Grösse beträchtlich zu und erreich - 
ten das Vier- bis Sechsfache des ursprünglichen Volumens. Die Pseu- 
dopodien wurden längei' und bildeten zahlreichere Aeste und Anasto- 
mosen. Es ist kein Grund für die Annahme vorhanden, dass nicht 
einfach durch solches fortgesetztes Wachsthum jede einzelne aus einer 
Schwarmspore hervorgegangene Amoebe die volle Grösse der reifen 
Protomyxa erreichen, und sich dann eben so gut und in gleicher 
Weise durch Sporogonie fortpflanzen könne, wie die Plasmodien. 
Diese letzteren, als Complexe mehrerer verschmolzener Amoeben, wer- 
den nur den Vorzug haben , rascher zu wachsen und den Ruhezustand 
eher zu erreichen, als die einzelnen Amoeben. 

üni die Naturgeschichte der Protomyxa vollständig herzustellen, 
war es nur noch erforderlich, die Encystirung der reifen Form zu be- 
obachten , den Cebergang der frei beweglichen Plasmodien in den 
Ruhezustand der rothen Kugeln , welche neben den letzteren sich auf 
den Spirula- Schalen angeheftet hatten. Auch diesen Uebergang ge- 
lang mir festzustellen. 

Zwei der grössten von den reichlich gefütterten Plasmodien, welche 
sehr zahlreiche Vacuolen enthielten und ein sehi- ausgedehntes Sarcode- 
netz mit vielen Aesten und Anastomosen gebildet hatten, begannen 
nach einiger Zeit ihre auffallend raschen Strömungsbewegungen zu 
verlangsamen und ihr Stromnetz zu vereinfachen. Die Kieselschalen 
der reichlich aufgenommenen Diatomeen wurden ausgestossen, und die 
Aeste und Zweige der Pseudopodien einer nach dem andern eingezogen. 
Endlich zogen sich auch die immer einfacher gewordenen Hauptstämme 
in den centralen Plasmakörper zurück , und der gesammte homogene 
Sarcodeleib nahm die Form eines unregelmässigen Klumpens an , der 
sich schliesslich in eine reguläre Kugel abrundete. 

Nun begann die Ausscheidung der Cystenhülle, indem 
zunächst der haarscharfe einfache Rreiscontour der orangerothen Plasma- 
kugel in einen zwar feinen, aber deutlichen Doppel-Conlour überging. 
Diesem folgte bald eine zweite, dann eine dritte concentrische Kreis- 
linie, und '. entstand ziemlich rasch (im Verlaufe eines Tages, die 
concentrisch geschichtete hyaline Cystenhülle, deren Schichtstreifen 



90 Ernst Häckel, 

dem periodischen Absatz der ausgeschiedenen Gallerthäute entsprachen. 
Anfanglich waren in dem Plasma während des Encystirungsprocesses 
noch eine Menge von Vacuolen sichtbar, die bald hier, bald dort auf- 
tauchten und w ieder verschwanden ; jedoch nahm ihre Anzahl zu- 
sehends ab , und nach voUendelei Bildung der CystenhüUe war keine 
Vacuole in dem orangerothen , von zahlreichen Körnchen durchsetzten 
Plasma mehr wahrzunehmen. Die encystirte Plasmakugel war nun 
nicht mehr von denjenigen rothen Kugeln zu unterscheiden , deren 
Uebergang in die Schwärmsporenmasse ich oben beschrieben habe. 

Somit war denn der Generationscyclus der Protomyxa erschöpft 
und der Kreislauf ihrer einfachen und merkwürdigen Lebenserschei- 
nungen festgestellt. Protomyxa aurantiaca ist ein Moner, welches 
gleich den Vampyrellen und Protomonaden in zwei verschiedenen Zu- 
ständen während seines individuellen Lebenslaufes erscheint. Im frei 
beweglichen Zustande tritt die Protomyxa als ein nacktes Gymno- 
moner auf, von dem morphologischen Werth einer denkbar einfach- 
sten Plastide (Cytodej, welches nach einander drei verschiedene Form- 
zustände annimmt: I, denschwärmendenFlagella ten-Zustan d, eine 
frei schwimmende, nackte, mit einer Geissei versehene, birnförmige 
Schwärmspore (Fig. 5), 11, den kriechenden Amoeben-Zustand, 
eine Amoebe einfachster Art (Protamoeba) , ohne Kern und ohne 
contractile Blase, ohne Verästelung und Netzbildung der Pseudopodien, 
und ohne Vacuolenbildung (Fig. 6), III, den netzförmigen Rhizopo- 
den-Zustand, ein colossales nacktes Plasmodium mit Verästelung 
und Netzbildung der Pseudopodien und mit Vacuolenbildung (Fig. 
10 — 12). Im unbeweglichen Ruhezustande dagegen erscheint die Pro- 
tomyxa als ein beschal tes Lepomoner, als eine von einer aus- 
geschiedenen Membran umgebene Lepocytode, bestehend aus einem 
völlig homogenen kugeligen Plasmakörper und einer von demselben 
ausgeschiedenen structurlosen Hiillmembran (Fig. 1j. Der Plasma- 
körper zerfällt durch Monosporogonie in zahlreiche kleine Kugeln (Fig. 
2, 3) , welche nach ihrem Austritt aus der geborstenen Cystenmem- 
bran (Fig. 4) als Flagellaten umherschwärmen (Fig. 5). Hiermit ist 
der einfache Generationscyclus der Protomyxa aurantiaca voll- 
endet. M 



1) Meiner P rot omyxa möglicherweisp sehr nahe verwandt sind die weissen 
eiähnhchen Knsielri , weiche Ecker in abgestorbenen Eiern von Lymnaeus 
statin aus auffand. (Zeitschr. für wiss. Zool. 1851, Vol. III , p. 412, Taf XIII, 
Kig. 1 - 4). Die l<ut;e|iu;en Cysten, aus denen Schwärmer mit 2 Geissein (»Cerco- 
nionaden«) hervorkamen, erinnern nach Ecker's Darstellung auffallend an die Cy- 
sten der Protomyxa. Leider wurde die weitere Eiitwickelung nicht beobachtet. 



Monographie der Moneren. 91 

II. 2. Myxastrum radians. 

[Hierzu Tat UL, Fig. U -24 ) 

An dem Quai von Puerto del Arrecife, dor Hafenstadt der canari- 
sehen Insel Lanzarote, wachsen auf den flachen Stellen des Hafen- 
beckens, welche bei liefer Ebbe vom Wasser entblösst werden, in 
grosser Menge verschiedene Actinien, namentlich eine braungrüne 
A n e in on i a , ferner dichte Büsche von C o d i u m to m en tos u m und 
andere Algen. Der feine braune Schlamm , welcher den steinigen Bo- 
den dieser flachen Stellen bedeckt, enthalt unter Anderem zahlreiche 
Diatomeen und Polythalamien. Um letztere zu studiren und womöglich 
Etwas über ihre Fortpflanzung zu ermitteln, sanunelte ich ein wenig 
von diesem Schlanmi und Hess denselben in flachen bedeckten Glas- 
schalchen einige Zeit stehen. 

Als ich nach mehreren Tagen in einem dieser Glaschen , das ich 
gegen das Licht hielt, den Schlamm mit einem Glasstabchen umrührte, 
gewahrte ich inmitten der aufgerührten und im Wasser umherwirbeln- 
den dunklen Partikelchen (Diatomeen, Steinfragmente etc.) einzelne 
kleine, mit blossem Auge eben sichtbare durchscheinende hellgraue 
Pünctchen , welche mich lebhaft an das unter gleichen Verhältnissen 
wahrnehmbare Actin osphaeri u m Eichhornii Stein (Actinophrys 
Eichhornii Ehrenberu) unserer süssen Gewässer eiinnerte. Unter das 
Mikroskop gebracht, ergab sich sogleich, dass diese Körper allerdings 
nicht dem bezeichneten Rhizopoden, wohl aber einem diesen sehr 
ähnlichen Organismus einfachster Art angehörten. 

Unter starker Vergrössei-ung (Fig. 2i) stellten sich diese Körper- 
chen als kugelige Schlein)klümpchen dar, deren centraler Plasma- 
körper an der ganzen Peripherie eine sehr grosse Menge von feinen 
radialen Schleimfäden (Pseudopodien) ausstrahlte. Diese peripherische 
Fadeuzone war ungefähr ebenso breit oder nur wenig breiler , höch- 
stens doppelt so breit, als der Durchmesser der centralen Sarcode- 
masse, von welcher dieselben ausstrahlten. Dieser betrug ungefähr 
0,1 Mm., so dass der gesammte Körperdurchmesser der grösslen Indi- 
viduen 0,.'{ Mm. , im längsten Ausdehnungszustande der Strahlen aber 
0,.') Mn). erreichte. Die Fäden , welche mit ziemlich breiter conischer 
Basis sich von der Oberfläche der Schleimkugel erhoben, verschmälerten 
sich sehr rasch und liefen in eine haarfeine Spitze aus. Verästelungen 
der Fäden waren sehr späilich , nur hie und da als einfache, selten 
wiederholte Habeltheilungen wahrzunehmen, welche unter sehr spitzem 
Winkel' theils von der Basis, theils mehr von dem äusseren Theile der 



92 Ernst Häckel, 

Faden abgingen. Anaslumosen waren ebenfalls sehr spärlich vorhanden, 
mit Ausnahme derjenigen Stellen, an denen gerade Nahrung aufgenom- 
men wurde (Fig. 23) . 

Die gesammte Körpermasse dieses zierlichen , strahlenreichen 
Schleimsterns war durchaus structurlos und homogen. Die gleichartige 
Sarcodemasse der centralen Kugel ging ununterbrochen auf die aus- 
strahlenden Fäden ihrer Peripherie über. Die einzigen Köi'perchen, 
welche in der structurlosen , blassgelblichen oder fast farblosen Grund- 
substanz sich wahrnehmen Messen , waren zahlreiche und äusserst 
kleine darin zerstreute hellglänzende Körnchen und eine geringe An- 
zahl von grösseren, ebenfalls stark, lichtbrechenden Körnern. Verfolgte 
man anhaltend diese im Plasma des Schleimsterns suspendirten Kör- 
perchen, so konnte man eine sehr langsame und träge Ortsveriinderung 
an denselben bemerken, offenbar der Ausdruck einer langsamen Strö- 
mung der Sarcode, welche auf eine sehr bedeutende Consistenz der 
Masse schliessen Hess. Diese letztere ergab sich in der That beim Auf- 
legen eines Deckgläschens , durch welches der kugelige Körper bei 
massigem Drucke nur wenig abgeplattet wurde. Die zunächst be- 
troffenen Fadenbüschel brachen dabei ab, und ihre abgebrochenen 
Spitzen, theilweise mehrmals geknickt, schwammen im Wasser umher. 
Bei längerer Dauer des Druckes löste sich noch eine grössere Anzahl 
von ausgestreckten Pseudopodien ab ; andere wurden sehr langsam 
eingezogen. Bei verstärktem Druck gestaltete sich der ganze Körper zu 
einer unförmlichen Masse, welche sich jedoch nicht flach auf dem Ob- 
jectträger ausbreitete , sondern in viele unregelmässige Stücke zer- 
brach. Offenbar zeigte sich in allen diesen Erscheinungen eine un- 
gewöhnliche Consistenz und Zähigkeit des dickflüssigen Plasma , in 
ähnlicher Weise , wie sie auch verschiedene Acanthometriden und 
unser Actinosphaerium Eichhornii gegenüber den meisten an- 
deren Rhizopoden zeigen. 

Wie in der gesammten Körperform und Grösse, in der Consistenz 
der zähen und starren Plasmafäden , ihrer geringen Neigung zur Ver- 
ästelung und Anastomosenbildung, ihrer trägen Körnchenströmung, so 
glich unser Moner dem bekannten Actinosphaerium Eichhornii 
auch in der Nahrungsaufnahme. Diese war leicht zu beobachten, 
sobald man die kleinen Köiperchen verfolgte, welche im Wasser um 
unsere Schleimkugel heruinschwaunnen , und in deren Strahlenbezirk 
geriethen. Es waren dies vorzüglich Diatomeen, Peridinien, Nauplius- 
Formen verschiedener Crustaceen und verschiedene Infusorien. (Fig. i'l . 

Sobald eines dieser seh wärmenden Körperchen zwischendie Strahlen 
des Moneres hinein gerieth, blieb es an denselben haften, wie es schien 



Monoeiiiphip dpr Moiipren. 93 

in Folge der klebrigen Beschaffen heil ilirer Olteifliiclie. Bei dem Ver- 
suche, sich lus zu nuiclien, reizte es durch seine unriiiiigen Stusse die 
benachbarten Pseudopodien., und nun legten sich diese langsam von 
allen Seiten über die gefangene Beute herüber-, ganz ähnlich, wie es 
bei Act inosphaerium bekannt ist. In <ier Regel \\aren einzelne 
Fäden hierbei zu beobachten, welche bei längerer fesler Berührung eine 
wahre Anastomose bildeten. Doch schienen dieselben nicht immer über 
der Beute zusammenzufliessen und sie mit einer continuirlichen Sar- 
codehülle zu umgeben , wie es bei den meisten echten Rhizopoden der 
Fall ist. Vielmehr schienen die starren Pseudopodien, welche sich dichter 
und dichter um die gefangene Beute zusammendrängten, diese oft nur 
der 0})erfUiche der centralen Plasmakugel zuzuschieben und endlich 
in die zähflüssige Schleimmasse derselben hineinzudrücken. (Fig. 23). 
An der Oberfläche bildete sich eine flache Grube zur Aufnahme des 
fremden Körpers, welche tiefer und tiefer wurde und endlich sich 
wieder über demselben schloss. Bisweilen wurde dabei zugleich eine 
geringe Quantität Seewasser mit verschluckt, so dass der Bissen in 
einer Vacuole von kreisrundem Umriss zu liegen schien. Langsam wurde 
nun allmählich die verschluckte Beute, deren Bewegungen gewöhnlich 
schon vor der Aufnahme in den centralen Körper aufgehört hatten , in 
das Innerste des letzleren hineingedrängt und hier verdaut. Die un- 
verdaulichen Ueberreste wanderten in gleicher Weise langsam wieder 
nach aussen, gewöhnlich noch von einer kleinen Flüssigkeitsmenge, wie 
\on einer kugeligen Alveole umschlossen. Die Oberflache der cen- 
tralen Schleimkugel öfl"nete sich an einer beliebigen Stelle und zwischen 
den Basen der Pseudopodien traten die Excremente nach aussen. 

Während in allen diesen Beziehungen unser Moner sich dem be- 
kannten Actinospha e rium Eichhornii sehr ähnlich verhielt, so 
zeigten sich dagegen bei genauerer Betrachtung sofort Unterschiede, 
welche ersteres als ein ganz verschiedenes Prolist nachwiesen. Acti- 
nosphaerium ist leicht von allen übrigen bekannten ähnlichen Pro- 
tisten durch zweierlei anatomische Eigenlhümlichkeiten zu unterschei- 
den : erstens durch die deutliche DilTerenzirung des Körpers in eine 
centrale (Mark-) und eine peripherische (Rinden-) Schicht, und zwei- 
tens durch die eigenthümliche Slructur der Pseudopodien. Die centrale 
oder Markmasse desselben besteht aus einem Sarcodekörper, welcher 
zahlreiche echte ikernhallige) Zellen enthält. Die Sarcode der Rinden- 
masse dagegen umschlicsst zahlreiche dichtgediängte Vacuolen, welche 
der ganzen Rinde ein alveoh'res Aussehen verleihen. Jedes Pseudo- 
podium besteht aus einer festeren hyalinen Axensubstanz , welche von 
der Maikmasse ausgeht, und aus; einer dünnflüssigeren, körnchenfüh- 



94 Ernst H.ickel, 

renden Rindensubstanz, welche erstere überzieht.*) Durch diese histo- 
logische DifiFerenzirung schliesst sich Actinosphaerium bereits an 
die Radiolarien an, von denen es sich jedoch dadurch wesentlich unter- 
scheidet . dass die zellenhaltige Markmasse nicht durch eine besondere 
Membran iCentralkapsel von der peripherischen Sarcode getrennt ist. 
Zugleich unterscheidet sich dasselbe durch diese Differenzirung wesent- 
lich von der echten Äctinophrys (sol , welche sich durch ihren ho- 
mogenen Sarcodekörper eng an die Moneren anschliesst. Jedenfalls ist 
es ganz ungerechtfertigt, diese beiden ganz verschiedenen Protisten als 
zwei verschiedene Species des einen Genus A c t i n o p h r \ s zu betrach- 
ten. Die von Stein eingeführte Trennung der echten Äctinophrys 
fsol von dem viel höher difl'erenzirten Actinosphaerium lEich- 
hornii ist auf alle Falle nothwendig. Actinosphaerium ist ein 
echtes Rhizopod. welcl)es zwischen den Acyttarien und Radiolarien in 
der Mitte steht, und welches ich daher in meiner gen; rellen Morphologie 
iTol. II. p. XXVIIIi als Repräsentanten einer besonderen ^dritten) 
Hauptabtheilung der echten Rhizopoden zwischen jene beiden gestellt 
habe Heliozoa . 

Das in Fig. 23, 2i abgebildete Schleimsternchen enthält in seinem 
ganz homogenen Sarcodekörper weder die kernhaltigen Zellen . noch 
die blasenförmigen Vacuolen 'des Actinosphaerium. Ebenso fehlt 
gänzlich die Differenz einer Axen- und Rindenschicht in den durchaus 
homogenen Pseudopodien. Eher würde man unser Moner mit der ech- 
ten Äctinophrys sol zusammenstellen können. Jedoch besitzt es 
nicht die charakteristische Vacuolenbildung die grosse contractile 
Rlase an der Oberfläche des letzleren , und zeichnet sich ausserdem 
durch seine eigenthümliche Fortpflanzung so sehr aus, dass es als Re- 
präsentant eines neuen Genus zu betrachten ist, für welches ich den 
Namen Myxastrum vorschlage. Die abgebildete Art von Arrecife 
nenne ich My xa st rum radians 

Die Körnchen, welche in dem Sarcodekörper des Myxastrum 
zerstreut sind, finden sich in sehr verschiedener Menge, je nach der 
Quantität der aufgenommenen Nahrung. Myxastrum verhält sich in 
dieser Beziehung ebenso wie Protom yxa und wie die echten Rhizo- 
poden. Nach reichlicher Füllung erscheint eine grosse Menge von 
Körnchen , welche sehr deutlich die langsame und wechselvolle Circu- 
lationsströmung im Parenchym des soliden Plnsmakörpers und seiner 
Pseudopodien . und scheinbar auch auf deren Oberfläche verfolgen 



< Mai ScHULTZE , Das Protoplasma der Rhiznpoilen und der Pflanzenzellen. 
4863. p. 35 ff. 



Monographie der Moneren. 95 

lassen. Sie ist ganz wie bei den A ca n t Itoinet ren , ihre Richtung 
beständig wechselnd. Veriistelunu, Anastomose und Platlenbildung 
der starren Pseudopodien ist selten. Bei liincere Zeit hungernden In- 
dividuen nimmt die Quantität der Sareodekörnchen bedeutend ab. 
Zuletzt scheinen dieselben ganz zu verschwinden. 

Durch künstliche Theilung Hess sich Myxaslrum ebenso wie 
Protomyxa vermehren. Bei zwei Individuen, von denen ich unter 
dem Präparirmikroskop das eine in zwei, das andere in drei Stücke 
mit scharfen Nadeln zerrissen hatte, rundete- sich jedes Theilstück lang- 
sam zu einer selbstständigen Schleimkugel ab, welche allmählich anfing, 
die eingezogenen Pseudopodien w ieder vorzustrecken . und nun gleich 
ilen ungetheilten Individuen sich zu ernähren und weiter zu leben. 
Die gleiche künstliche Theilbarkeit habe ich bei dem ähnlichen Acti- 
nosphaerium E ichhornii bereits 1862 nachgewiesen. 

Die activen Bewegungen des ganzen Körpers waren bei Myia- 
str u m eben so schwach und langsam , wie bei Actin osphaeri um. 
Jedoch vermochte es sich auf deniObjectträger sehr langsam, wankend, 
von der Stelle zu bewegen , scheinbar rotirend oder wälzend, oder auf 
den stachelarligen Pseudopodien sich wie ein Seeigel fortbewegend. 

Der glückliche Erfolg, den meine Untersuchungen über die Ent- 
wickelungsgeschichte von Protomyxa gehabt hatten, Hess mich 
lioffen , auch bei Myxastrum einen gleich vollständigen Entwicke- 
lung>cyclus zu beobachten. Mehrere der grössten und reichlich gefütter- 
ten Myxastrum isolirte ich in einzelnen Uhrgläschen mit Seewasser. 
Diese bewahrte ich in einer geräumigen feuchten Kammer mehrere 
Wochen auf, ohne dass die Myxastren abstarben. 

In den ersten Tagen zeigten die isolirten Myxastren keine Verän- 
derung. Dann aber bemerkte ich zuerst an einem, bald darauf auch 
an einem zweiten Individuum, dass das Schleimsternchen seine Strahlen 
eingezogen und sich zu einer ganz einfachen Schleimkugel mit glatter 
Obertläche zusammengezogen hatte. Alle Reste der früher aufgenom- 
menen Nahrung waren entfernt, undausserden feinen zahlreichen Körn- 
chen keinerlei Formelemente in dem ganz homogenen Sarcodekörper 
wahrzunehmen. Einige Tage später wurde ein doppelter scharfer Con- 
touran Stelle des bisherigen einfachen sichtbar, und nun zeigte es sich, 
dass das Myxastrum sich ebenso wie die Protomyxa encystirt hatte. 
Die anfangs sehr dünne Cystenmembran wurde langsam dicker und 
dicker, indem schichtenweise neue Lagen abgeschieden wurden , und 
endlich erreichte ihre Dicke Vg von dem Durchmesser der eingeschlos- 
senen Plasmakugel. [F\^. 13^. 

Das encystirte Myxastrum stellte ebenso wie die encystirte 



96 Efnst Häckel, 

Protom yxa, eine ganz einfache kiisielige Lepocylode dar, eine 
vollkommen striicturlose und homogene Plasmakugel von 0,08 Mm. 
Durchmesser. Auch in chemischer Beziehung zeigte es die gleichen 
Reaciionen, wie die encystirte Protomyxa. Die Membran war eben 
so structurlos, jedoch derber, dicker und consistenter. 

Meine Ilofl'nung, die weitere Entwicklung des encyslirten Myxa- 
st rum ebenso wie bei Protomyxa weiter verfolgen zukönnen, schien 
zunächst nicht in Erfüllung zu gehen. Um dieselbe zu verfolgen, betrach- 
tete ich fast Tag für Tag die eingekapselten Plasmakugeln, welche ich 
sorgfältig in kleinen Uhrschälchen in der feuchten Kammer isolirt hielt. 
Endlich nach /weiwöchentlichem vergeblichen Warion wurde eine Ver- 
änderung bemerkbar. Es begann nämlich die homogene Plasmakugel 
eine grosse Anzahl von radialen Streifen zu zeigen, und in der Rich- 
tung dieser Streifen sich zu zei'klüften, etwa wie bei der Dotlerfurchung 
\on Sagi tta. Nach drei bis vier Tagen war der ganze kugelige Plasma- 
körper in ungefähr 50 verdichtete kegelförmige Inhaltspartieen zer- 
fallen, welche im Centrum der Kugel sich mit ihren Spitzen berührten, 
während die abgerundete Basis der schlanken Kegel die Innenseite der 
Cystenwand berührte (Fig. U). Zwischen den einzelnen conischen, 
radial gestellten Plasmaportionen , deren Substanz sich offenbar lang- 
sam verdichtete, sammelte sich eine geringe Quantität von einer hellen 
wässrigen Flüssigkeit an. Nun trat auch langsam eine Formverän(ie- 
rung dei" radialen Piasmastücke ein, indem ihi-e ursprüngliche Ke- 
gelgestalt mchi' und mehr in Spindelform überging. Zugleich zogen 
sich die inneren Spitzen der beiderseits zugespitzten Spindeln aus dem 
Centrum zurück, in welchem sich Flüssigkeil ansdmmelle. Fig. 15, \Q>]. 

Jedes einzelne von den gestreckten spindelföi'nn'gen Plasmakör- 
perchen, welche durch die radiale Theilung der einfachen Plasmakugel 
entstanden waren, begann nun eine dünne Hülle/fluszuscheiden, welche 
als ein deutlicher doppelter Contour zwischen den einzelnen Spindeln 
sichtbar wurde Fig. 15, 16). Die Länge des spindelförmigen Körper- 
chens betrug nur 0,03 Mm. , seine grösste Breite (der in Mitte) 0,015 
Mm. , die Dicke seiner Hüllmembran 0,0012 Mm. Diese Hülle bestand, 
wie sich alsbald durch die chemischen Reaciionen ergab, aus Kiesel- 
erde. Isolirt hätte man jedes einzelne Spindelchen für eine kleine Dia- 
tomee, etwa eine Na vicu la , halten können (Fig. 17). Jedoch fehlte 
dem gänzlich structurlosen Plasniakörper der Kern , welchen die Dia- 
tomeen besitzen. Es war jede Spindel mithin eine einfache Cytode, 
keine echte (kernhaltige) Zelle. 

In diesem Zustande, geschützt von der festen Kieselhülle und 
ausserdem noch von der genieinschnltlichen Cvstenhülle des elterlichen 



MüiiouTiiidiiP der Moiicrcii. 97 

Küipers, verJuinen die sj)in{lc'll'oiiiiii;on Ktimc des M y x ast i'U üi wahi- 
sclieinlic'h unlci- ihren nalüriiihen Exislenzbedingunj^en längere Zeil, 
ehe sie sich weiter enlwickehi. Da selbst nach Verlauf von einer 
Woche keine aiilTallige Veiänderiing an denselben zu bemerken war, 
und da tue Zeil meines Aufenlhalls auf Lanzarote zu Ende ging, be- 
schloss ich, die beiden einzigen Cyslen, welche noch übrig waren, zu 
sprengen, und zu sehen, ob dann eine Weiterenlwickelung der Keime 
einträte. Dies geschah in der Thal. 

Nachdem ich die beiden kugeligen Cyslen gesprengt hatte , (was 
bei der Festigkeit der hyalinen Cystenmembran einen ziemlich bedeuten- 
den Druck erforderte) traten die spindelförmigen Kieselsporen ausein- 
ander und zerstreuten sich im Wasser. In den ersten beiden Tagen 
war keine Veränderung und keine Bewegung an denselben zu bemer- 
ken. Sic lagen regungslos und scheinbar unverändert am Boden des 
l'hrschälchens. Endlich am dritten Tage bemerkte ich, dass aus dem 
einen Ende mehrerer Kieselspindeln ein hyaliner fingerförmiger, abge- 
rundeter Fortsatz heivorsah, etwa ^j,^ oder Yg so lang als die Spindel. 
Am entgegengesetzten Ende hatte sich der Plasmainhalt von der Kie- 
selhülle abgehoben, und hier war eine helle Lücke bemerkbar (Fig. 18). 
Langsam wurde diese Lücke grösser, während entsprechend das Plasma 
am anderen Ende mehr und mehr vorquoll (Fig. 19). So schlüpfte 
schliesslich der gesammte homogene Plasmakörper der spindellörmi- 
gen Spore aus seiner Kieselhülle heraus, zog sich kugelig zusammen 
und blieb regungslos vor der entleerten Hülle liegen (Fig. 17, 20). Die 
herausgeschlüpfte Plasmakugel war vollkommen homogen und structur- 
los, nur von äusserst feinen (bei 500 maliger Vergrösserung noch nicht 
messbarenj Körnchen durchsetzt. Von einem Kerne und ebenso von 
einer Vacuole war auch bei Anwendung verschiedener Reagentien keine 
Spur wahrzunehmen. Die nackte Spore war in der That eine gänz- 
lich structurlose Sarcodekugel. Auch an der entleerten Kieselmem- 
bran war keinerlei Structur wahrzunehmen. Sowohl in Flüssigkeit als 
getrocknet bei stärkster Vergrösserung und schiefer Beleuchtung be- 
trachtet, zeigte die dünne Kieselhülle keinerlei Oberflächenzeichnung 
oder sonstige Ditferenzirung. Ob das enge Loch, durch welches die 
nackte Spore oder Keimcytode aus ihrer Kieselhülle heivortritt, prae- 
exislirt , oder erst vor dem Durchbruch von dem Plasma (durch Auf- 
lösung der Kieselhülle an der Spitze, gebildet wird, ob dieses Loch an 
beiden Enden dei' spindelförmigen Spoienmembran oder nur an einem 
Ende, und ob es in letzterem Falle an inneren (centralen) oder äusseren 
(peripherischen) Ende der radial gestellten Kieselspindel sich findet, 
vermochte ich nicht zu entscheiden. 

Baaü IV. 1. 7 



9S Ernst Häekel, 

Ein paar Stunden, nachdem der Plasmakörper des Myxastrum 
aus seiner spindelförmitzen Kieselhülle hervorgeschlüpfl ist, bleibt er 
regungslos als nackte Plasmakugel vor der leeren Hülle liegen. Dann 
wird seine gesannnte, bisher glatte Oberfläche feinstachelig (Fig. 21). 
Diese Stacheln sind weiter Nichts, als radiale Forlsätze des Plasma, 
welche sich allmählich länger ausziehen und schliesslich den Durchmesser 
der centralen Plasmakugel erreichen und selbst übertreffen (Fig. 22). 
Bald bemerkt man nun auch, dass die Körnchen der centralen Sarcode- 
masse in diese strahligen Pseudopodien übergehen , und dass dasselbe 
Spiel der Körnchencircuhition beginnt, wie ich es oben an dem er- 
wachsenen M\ .Kastrum beschrieben habe. Auch bleiben nun schon 
kleine fremde Körperchen, welche zufällig mit den Pseudopodien in Be- 
rührung kamen, an diesen hängen, und werden langsam in die centrale 
Leibesmasse hineingezogen, um dort assimilirt zu werden. Offenbar 
liegt nun in diesen kleinen Strahlenkugeln von 0,08 Mm. Durchmesser 
bereits die Form des 30 — 50 mal grösseren ausgebildeten Myxastrum 
vor, und letztere kann sich durch einfaches Wachsthum aus der ersteren 
entwickeln. Besondere Differenzirungsprocesse oder überhaupt andere 
Veränderungen als das einfachste Wachsthum sind dazu nicht mehr 
nöthig. An einzelnen der kleinen actinophrysähnlichen Keime, welche 
Nahrung aufgenommen hatten, waren auch bereits hier und da spär- 
liche Verästelungen und Anastomosen der radialen Pseudopodien wahr- 
zunehmen. Dagegen kamen ebenso wie bei dem erwachsenen Myxa- 
strum weder Vacuolenbildung noch Differenzirung von Kernen in dem 
durchaus homogenen Plasmakörper vor. 

Unter natürlichen Verhältnissen bleibt das encystirte Myxastrum 
wahrscheinlich lange Zeit liegen , ehe seine Gystenmembran aufgelöst 
oder gesprengt, und damit der erste Anlass zur weiteren Entwickelung 
der spindelförmigen Kieselspore i gegeben wird. Offenbar wäre auch 
bei den beobachteten Cysten diese Entwickelung noch nicht eingetreten, 
wenn ich nicht künstlich die Cystenhülle gesprengt hätte. 

Myxastrum radians ist, wie aus der vorhergehenden vollstän- 
digen Schilderung seines Generationscyclus oder seines individuellen 
(biontischeu; Entwickelungskreises hervorgeht, ein Moner, welches 
gleich den Protomyxen, Protomonaden und Vampyrellen während seines 
individuellen Lebenslaufes in zwei ganz verschiedenen Zuständen er- 
scheint, einem ruhenden und einem freibeweglichen Zustande. Im 
f rei bew eglichen Zustande, während dessen die Ernährung 
geschieht, gleicht Myxastrum sehr einer echten Actinophrys (sol) 
und unterscheidet sich wesentlich nur durch Mangel jeder Vacuolen- 
bildung. Im ruhenden Zustande dagegen, während dessen die 



Moiiogniphio di'i- Mdiicrcn. 99 

Foit plla nz ung slaUliiidet, stellt M^xa.slruiii eine kugelige Cyste 
dar, deren homogener Plasmainlialt durch S trahltheilun g (Dira- 
tlialioj'j in eine Anzahl von spindelförmigen ruhenden Sporen zerfallt. 
Jede Spore scheidet eine Kieselhülle aus und gleicht dann einer Navi- 
eula (ohne Kern!). Wenn der Ruhezustand wieder in den freiheweg- 
lichen Zustand übergeht, berstet die Cystenhülle; die Sporen schlüpfen 
aus ihrer Kieselmembran heraus und gestalten sich sofort wieder zu 
einem kugeligen strahlenden actinophrysähnlichen Plasmakörper, wel- 
cher durch einfaches Wachsthum in die Form des erwachsenen Myxa- 
s t r u m übergeht. 

11. 3. Myxodictyuni sociale. 
(Hierzu Taf III, Fig. 3i-33 . 

Wahrend meiner Rückreise von den canarischen Inseln verweilte 
ich in der zweiten Hälfte des März 1867 zehn Tage in der kleinen 
spanischen Stadt Algesiras, welche Gibraltar gegenüber an dem west- 
lichen Ufer der reizenden Bai von Algesiras liegt. Ich hoffte hier einige 
von den reichen pelagischen Thierschwärmen anzutreffen, welche zu 
verschiedenen Zeiten in der Meerenge von Gibraltar beobachtet worden 
sind. Jedoch zeigte sich von der erwarteten Fülle von Seethieren 
Nichts, ausser einigen Physalien, Velellen und anderen pelagischen Hy- 
dromedusen, trotzdem ich täglich mit meiner Barke die Bai nach allen 
Richtungen durchsuchte. Auch die Ergebnisse der pelagischen Fischerei 
mit dem feinen Netz waren sehr dürftig. Der dadurch aufgebrachte 
Mulder bestand wesentlich aus kleinen Medusen (Eucopiden) , und aus 
grossen Mengen von Noctiluca, von Acanthometren und von polycytta- 
rien Radiolarien (Collozoum, Sphaerozoum, Collosphaera und Siphono- 
sphaera.''] 

Um die Acanthometren , welche an einigen Tagen ziemlich häufig 
waren, in ganz unverletztem Zustande zu untersuchen und die Bewe- 
gungserscheinungen an ihren Pseudopodien zu verfolgen, schöpfte ich 
mehrfach unmittelbar mit Gläsern Wasser von der Oberfläche des Mee- 
res, und nachdem dasselbe einige Zeit ruhig gestanden hatte , schöpfte 
ich wiederum die Oberfläche des im Glase stehenden Wassers n)it einem 



1) Genereile Morphologie, Vol. II, p. 42, 70. 

2) Das merkwürdigste unter den dort gefundenen Polycyttarien war eine Si- 
phonosph ae ra mit verästelten Kieselröhren auf der Oberfläche der kugeligen 

•Gitterschale, welche desshalb S. cladophora heissen kann Eine ähnliche Form 
hatte ich schon auf den canarischen Inseln beobachtet. Ich werde diese und die 
übrigen dort beobachteten Radiolarien an einem anderen Orte ausführlich be- 
schreiben. 



\ 00 V'Twsi Häckel, 

flachen, ganz untergetauchten Uhrglüschen ab. Diese Methode, welche 
allerdings einige Geduld und Vorsicht erfordert, ist sehr zu empfehlen, 
wenn man die Sarcodebeu egung an den Pseudopodien kleiner Radio- 
larien und die wirkliche Körnchenbewegung in den Sarcodeströmen 
an ganz unberührten, unverletzten und frischen Objeeten beobachten 
will. Neben mehreren Acanthometren und Onmiatiden , welche ich auf 
diese Weise erhielt, führte mir ein günstiger Zufall auch das merkwür- 
dige rhizopodenartige Moner zu, welches ich im Folgenden als Myxo- 
diclyum sociale beschreiben will. 

Als ich bei massiger Vergrösserung den Focus des Mikroskops auf 
die Oberfläche des Wasserspiegels einstellte , auf welcher die Acantho- 
metren flottirten, bemerkte ich eine Gruppe von kleinen dicht beisam- 
men liegenden rundlichen strahlenden Körperchen, deren jedes wie eine 
kleine Actinophrys aussah. Bei 400 maliger Vergrösserung zeigte diese 
Gruppe das Bild, welches in Fig. 31 dargestellt ist. 

Auf einem Stück des Wasserspiegels, der ungefähr einem Kreise 
von 0,35 Mm. Durchmesser entsprach, zeigte sich eine Gruppe von 
siebzehn durchsichtigen feinpunclirten strahlenden Körperchen, deren 
jedes ungefähr das Aussehen einer flach ausgebreiteten Actinophrys 
sol oder eines Trichodiscus hatte. Jedes Körperchen strahlte zahl- 
reiche feine verästelte und anastomosirende Fäden aus, welche mit de- 
nen der benachbarten Körperchen sich vereinigten. An den Fäden war 
die charakteristische Körnchenströmung, das Entstehen und Vergehen 
von Aesten und Anastomosen zu beobachten, welche die Pseudopodien 
der echten Rhizopoden auszeichnen , und die Körnchenströmung ging 
von einem Körperchen auf die anderen über (Fig. 31). 

Jedes einzelne von den siebzehn auf diese Weise verbundenen 
actinophrysähnlichen Körperchen stellte eine vollkommen structurlose 
Scheibe von 0,03 — 0,04 Mm. Durchmesser dar, und war von den be- 
nachbarten durch einen ebenso grossen oder höchstens zwei bis drei 
mal so grossen Zwischenraum getrennt. Jedes Körperchen erschien in 
seiner ganzen Masse aus einer durch und durch homogenen Substanz ge- 
bildet, einem festflüssigen Plasma, welches sich ganz wie die Sarcode der 
Protomyxa oder der Radiolarien verhielt. Von irgend welcher Structur 
oder Differenzirung war in diesem schleimigen Eiweisskörper so wenig 
als bei Protom yxa eine Spur wahrzunehmen ; namentlich fehlte völlig 
ein Unterschied zwischen einer festeren Rindenschicht und einem wei- 
cheren Markplasma ; Vacuölen schienen ganz zu fehlen. Die sehr feinen, 
grösslentheilsunmessbarfeinenKörnchen, welche Inder vollkommen ho- 
mogenen Grundsubstanz zerstreut waren, befanden sich fast beständig in 
langsamer Bewegung. Einige eingestreute grössere Körnchen Hessen sich 



Monographie der Moneren. 101 

sehr schön auf ihrer Wanderung durch die Masse des Körpers hindurch, 
auf den Pseudopodien, ihren Z\veic;en und Anastomosen, und von 
einem Körperchen zum anderen verfolgen. Die Strömung der Sarcode 
war ziemlich langsam, bei weitem nicht so rasch, als bei Protomyxa 
und bei Protogenes, aber auch nicht so langsam, als bei Myxa- 
strum. Man konnte ganz deutlich sehen, wie die grösseren Körnchen 
auf einzelnen Pseudopodien der in der Peripherie gelegenen Körperchen 
von der Plasmaströmung bis zur Spitze dei' äusserst feinen Fäden ge- 
führt wurden, hier umkehrten und w ieder zurückliefen oder durch eine 
plattenförmige Anastomose auf einen anderen benachbarten Faden über- 
traten. Führte dieser Faden durch Anastomose mit dem Faden eines 
benachbarten Körperchens in die Substanz des letzteren hinüber, so 
konnte man das Körnchen in diese übertreten sehen. Von hier konnte 
dasselbe wieder auf ein anderes Körperchen übergehen und so fort. 
Kurz es stellte sich bei andauernder Beobachtung als unzweifelhaft 
heraus, dass der ganze zusammenhangende Plasmakörper aus einem 
einzigen grossen, völlig homogenen Sarcodenelz bestand, und dass 
die siebzehn einzelnen strahlenden Plasmakörperchen gewissermassen 
nur stärkere Anhaufungen von Sarcodemasse in den Knotenpuncten 
dieses Netzes waren. Die Maschen des Netzes waren polygonal, meistens 
fünf- oder sechicckig, von 0,01 — 0,02 Mm. mittlerem Durchmesser, 
übrigens ganz formunbeständig. Während einzelne Pseudopodien neue 
Aestchen aussendeten und diese durch Verschmelzung mit benachbartep 
Fäden wahre Anastomosen bildeten , wurden an anderen Stellen grös- 
sere Maschen dadurch hergestellt, dass der Sarcodezufluss von einzel- 
nen Fäden her aufhörte, und nun mitten im Verlaufe eines Stromes eine 
Unterbrechung entstand. Der centrale Theil eines solchen unterbroche- 
nen, gleichsam durchschnittenen Fadens wurde in die sich verdickende 
Basis desselben zurückgezogen, wogegen der peripherische Theil in das 
Stromgebiet des benachbarten Fadens hinüber gezogen wurde. Neben 
den feinen Körnchen circulirten entlang der Fäden auch kleine fremde 
Körpercheri, welche zufällig an die Oberfläche der Fäden gcrielhen, hier 
haflen blieben und nun von der Sarcodeströnuing ergriffen und mit 
fortgeführt wurden. Dass die Sarcode thatsächlich eine festflüssige 
Substanz ist, und dass die in derselben suspendirten Körnchen und 
fremden Körperchen wirklich von dem flüssigen und ewig wechselnden 
Plasmastrome mit fortgeführt werden , Hess sich bei Myxodiclyum 
ebenso sicher als bei Protogenes und bei den echten Rhizopoden 
(Acyttarien und Radiolarien) beobachten. 

Aller Wahrscheinlichkeil nach geschieht auch die Nahrungsauf- 
nahme bei M yxodicty u m ganz ebenso wie bei den letztgenannten 



t02 Ernst Häckfl, 

Protisten. Allerdings waren bei dem einzigen Exemplare, welches ich 
in Algesira? beobachtete, und welches ich nur einige Stunden verfolgen 
konnte, keine grösseren fremden Körperchen, wie etwa pelagische Dia- 
tomeen, Peridinien etc. innerhalb der Plasmasubstanz wahrzunehmen. 
Allein auch hei echten Rhizopoden. sowie bei Protogenes und Myxa- 
strum fehlen bisweilen, selbst wenn kurz vorher reichliche Nahrungs- 
aufnahme stattgefunden , alle fremden Körperchen, sobald nämlich die 
unverdaulichen Bestandtheile bereits wieder ausgestossen sind. Die 
grosse Anzahl der circulirenden Körnchen in dem Plasmaleibe von 
Myxodictyum schien auf reichliche, kurz zuvor stattgehabte Nah- 
rungsaufnahme hinzudeuten, und es ist kein Grund vorhanden, die 
genannten Phänomene hier anders, als bei Myxastrum. bei Proto- 
mysa und den echten Rhizopoden zu deuten. 

Das Bild, welches der merkwürdige netzförmige Sarcodeleib von 
Myxodictyum sociale bei starker (iOOmaliger. Vergrösserung 
gewährt fFig. 31), erinnert auffallend an das ganz ähnliche Bild, wel- 
ches ein Polycyttar oder sociales Radiolar z. B. C oilozoum , Collo- 
sphaera; bei schwächerer Vergrösserung darbietet, i Die siebzehn 
einzelnen strahlenden Sarcodescheiben, welche in den Maschen des 
Netzes liegen . entsprechen den einzelnen Centralkapsel» (morpholo- 
gischen Individuen der Polycyttarien-Colonie. Man denke sich aus 
einem Collozo um -Stocke die Centralkapseln , die Alveolen , welche 
das Sarcodenelz tragen , und die gelben Zellen , welche darin zerstreut 
sind, entfernt, und man hat vollständig das Bild des Myxodictyum 
vor sich. 

Für die morphologische Deutung des Myxodictyum ist diese 
Vergleichung von Wichtigkeit Denn oflFenbar entspricht der ganze 
Körper nicht einem einzigen einfachsten Indi\iduum , sondern einer 
Moneren-Colon ie. Die siebzehn einzelnen, sternförmigen und 
strahlenden actinophrysähnlichen Plasmakörperchen sind ebenso viele 
morphologische Individuen erster Ordnung , und das ganze Plasmanetz 
ist trotz seiner absoluten Einfachheit bereits eine Individualität höherer 
(zweiter, Ordnung. Es ist gewissermassen eine coloniebildende Acti- 
nophrys oder Protogenes. Strenger morphologisch ausgedrückt 
ist jeder der siebzehn nackten homogenen Plasmasterne eine Gymno- 
cytode, und der ganze Körper ein einfachstes Individuum zweiter Ord- 



1) Vergleiche die Abbildungen von Sphaerozounn italicum (Taf. XXXJII, 
Fig. 4) und von Co llozo um iner me Taf. XXXV, Fig. iS, in meiner Monographie 
der Radiolarien. 



Monographie der Moüeren. 1 03 

nung oder ein Organ diesen Ausdruck rein morphologisch genom- 
men, wie ich ihn in meiner Teclologie angewandt habei. 

Da ähnliche Moneren-Colonieen bisher noch nicht bekannt 
geworden sind, so wäre es von hohem Interesse gewesen das Myxo- 
dictyum längere Zeit hindurch zu beobachten und namentlich die 
Fortpflanzungsweise, sowie einen etwaigen üebergang in einen 
Ruhezustand, oder möglicherweise auch in einen anderen Organismus 
festzustellen. Leider war es mir nicht möglich, hierüber in wünschens- 
werther Weise sichere Aufschlüsse zu erlangen. Doch beobachtete ich 
wahrend der wenigen Stunden, in denen sich das Myxodictyum in 
meinem Glase befand, wenigstens eine Veränderung. 

Nachdem ich die in Fig. 31 abgebildete Zeichnung von Myxo- 
dictyum entworfen und die Bewegungsphänomene der Sarcode hin- 
reichend beobachtet hatte, um ihre Identität mit derjenigen der Rhizo- 
podcn festzustellen, setzte ich das Gläschen bei Seite, um einige Acan- 
thometren. die ich gleichzeitig gefangen hatte, zu zeichnen. Drei Stunden 
später bnichte ich das Uhr^chälchen mit dem Myxodictyum wieder 
unter das Mikroskop. Immer noch lag das Schleimnetz in der vorhin 
beschriebenen Form an der Oberfläche des Wasserspiegels, und die 
laugsame Strömung der Sarcode dauerte ununterbrochen fort. Nur 
hatten sich die einzelnen actinophrysartigen Körper etwas weiter von 
einander entfernt, etwa um das Dreifache bis Vierfache ihres Durch- 
messers : die Maschen des Netzes eischienen grösser und der Umriss 
der ganzen Gruppe, welcher vorher nahezu kreisrund gewesen war, 
mehr unregelmässig fünfeckig, zugleich in einer Richtung etwas ver- 
längert. Bei genauerem Zusehen bemerkte ich, dass nur noch fünfzehn 
Individuen in dem Netze vorhanden waren. Zuerst vermuthete ich, 
dass vielleicht die zwei fehlenden Individuen mit zweien von den 
übrigen zusammengeflossen und verschmolzen seien. Jedoch stellte sich 
bei Durchmusterung des ganzen Schälchens bald heraus, dass dieselben 
sich einzeln von der Colonie abgelöst hatten , und isolirt am Rande des 
Uhrgläschens auf dem Wasserspiegel schwammen. Jedes der beiden 
Körperchen hatte einen fast kreisrunden Umriss , strahlte rings einen 
leichen Kranz von verästelten und anastomosirenden Pseudopodien aus, 
und glich einer Actinophrys sol ohne contractile Blase Fig. 33 . 

Möglicherw eise giebl diese Beobachtung einen Fingerzeig über die 
Fortpflanzung des Mn xodictyum. Es ist denkbar, dass diese Mone- 
ren-Stöcke sich einfach dadurch fortpflanzen, dass von Zeit zu Zeit sich 
einzelne Individuen von der Peripherie der Moneren-Gemeinde ablösen. 
Diese können dann eine neue Colonie entweder dadurch bilden, dass 
das einfache Individuum durch Theilung in mehrere zerfällt, welche 



] 04 '^'■nst Häckel, 

mittelst ihrer Pseudopodien-Anastomosen vereinigt bleiben ; oder da- 
durch, dass an einzelnen Stellen (Knotenpunclen) des peripherischen 
Netzes ein stärkerer Zufluss und eine Anhäufung von Sarcode erfolgt, 
und dass diese peripherischen Plasmaklümpchen sich allmählich cen- 
tralisiren und den individuellen Formwerth des centralen Mutterkörpers 
erlangen. So kann die Fortpflanzung dieser Myxodictyen in der ein- 
fachsten Weise erfolgen, ohne dass Ruhezustände einzutreten brauchen, 
und dann würde sich diese Monerenform unmittelbar an Protogenes 
anschliessen. 

Andererseits ist es jedoch auch leicht möglich , dass die Ablösung 
der beiden Individuen von dem beobachteten Netze mehr zufällig ge- 
schah und nicht die Bedeutung eines Fortpflanzungsactes hatte. Leider 
konnte ich das merkwürdige Moner nicht weiter verfolgen. Denn bei 
dem Versuche, dasselbe aus dem flachen Uhrschälchen , in welchem es 
sehr unbequem mit stärkerer Vergrösserung zu beoljachten war, auf 
einen passenderen Objectträger zu übertragen, floss unglücklicherweise 
ein grosser Theil des Wassers sammt dem Myxodi "tyum am Rande 
ab, und dasUnicum verunglückte. Es muss daher künftigen Beobachtern 
vorbehalten bleiben, die Naturgeschichte dieses wunderbaren Organis- 
mus vollständiger zu ergründen. 

II. 4. Protamoeba primitiva. 
(Hierzu Taf. III, Fig 25—301. 

Von den echten Amoeben (den Autamoeben) welche stets einen 
Kern und meistens auch eine Vacuole oder selbst eine constante con- 
traclile Blase besitzen, sind diejenigen amoebenartigen Organismen 
wohl zu unterscheiden, bei denen sowohl Kern als contractile Blase 
fehlen, und bei denen der ganze Körper aus einer vollkommen homo- 
genen und structurlosen Masse besteht. Solche absoluleinfache Amoeben, 
die einfachsten, die überhaupt denkbar sind, treten z. B. als vorüber- 
gehende Jugendzustände im Entwickelungskreise der Gregarinen auf, 
in deren Navicula-ähnlichen Keimkörnern , den sogenannten Pseudo- 
navicellen sie sich entwickeln. Aber auch als selbslständige, in dieser 
einfachsten Form verharrende und sich fortpflanzende Organismen, — 
wenn man will, als »gute Species« — treten solche ganz einfache An)oe- 
ben auf, und ich habe in meiner generellen Morphologie vorgeschlagen, 
dieselben als »P rota m oeba« ganz von den echten, off"enbar schon 
viel höher difTerenzirten Amoeben zu trennen (Vol. I, p. 133). Da ich 
an letzterem Orte diese Protamoeba nur beiläufig erwähnt und aus- 
serdem noch Nichts über dicM Ibe \oiöflVntlicht habe, so will ich hier. 



Moiiograpliie der Moneren. 105 

im Anschluss fin die vorher beschriebenen Moneren, eine kurze Dai- 
stellung derselben folgen lassen. 

Die in Fig. 25 — 30 abgebildete ProtatDoeba primitiva be- 
obachtete ich zum ersten Male in Jena im Sommer IMtj3, in Wasser, 
welches ich aus einen» kleinen Tümpel im Tautenburger Forste (Dorn- 
burg gegenüber auf dem rechten Saalufer) geholt hatte. Der Boden 
dieses flachen kleinen Tümpels ist dicht mit abgefallenem vermodern- 
den Buchenlaub bedeckt und indem feinen braunen Schlamme, zwischen 
den vermodernden Blättern, fand ich die kleine Protamoeba, das erste 
Moner, welches mir überhaupt zu Gesicht kam. 

Wenn man Prot a m o e b a p r i m i l i v a unmittelbar aus dem feinen 
Schlanun , in welchem sie un)herkiiecht , unter das Mikroskop bringt 
und somit energischer Lichteinwirkung aussetzt, so erscheint sie ge- 
wöhnlich als eine vollkommen homogene Plasiiiakugel von 0,03 — ^0,0 5 
Mm. Durchmesser. Nach einiger Zeit beginnt sich diese Kugel langsam 
abzuflachen ; ihr Durchmesser nimmt zu (bis zu 0,06 Mm.] und gleich- 
zeitig wird ihr kreisrunder Umriss unregelmässig. Bald beginnt dann 
an einer, bald gleichzeitig an mehreren^ Stellen ein stumpfer, kegel- 
oder warzenförmiger Fortsatz vorzutreten. Indem dieser sich verlän- 
gert, streckt, und einen Theil der übrigen Leibesmasse nach sich zieht, 
geht der unregelmässig rundliche Umriss in einen birnförmigen über, 
oder, wenn mehrere Pseudopodien zugleich vortreten , in einen stern- 
förmigen. Selten waren mehr als fünf oder sechs warzenförmige Fort- 
sätze im Umkreise des scheibenförmig abgeplatteten Körpers zu sehen. 
Die Fortsätze oder Pseudopodien bleiben immer kurz und einfach. 
Höchstens erreicht ihre Länge ungefähr den Durchmesser des übrigen 
Körpers. Niemals verästeln sie sich; niemals verschmelzen zwei be- 
nachbarte Pseudopodien mit einander (Fig. 2o, 26j. Die Bewegungen 
der Protamoeba primitiva, das Ausstrecken und Einziehen der 
an Zahl, Form und Grösse beständig wechselnden, obwohl immer ein- 
fachen Fortsätze geschieht sehr langsam. Sie unterscheidet sich da- 
durch wesentlich von dei', von Auerbach *i beschriebenen Amoeba 
limax, welche ihr im Uebrigen von allen bekannten Amoebenformen 
am ähnlichsten ist, i^abgesehen uatüilich vom Mangel des Kerns und 
der contractilen Blase;. 

Der ganze Körper der P rotamoeba priniitiva ist absolut struc- 
lurlos und homogen. Namentlich ist eine Differenzirung in eine dich- 
tere äussere und eine weichere innere Sarcodeniasse nicht vorhanden. 



1) Auerbach, Ueber die Einzellrgkeit der Amoelicn. Zeifschr fiir wiss. Zool. 
IS.Se, Vol. VII, p. 412, Taf. XXII, Fig. 11-16 



j 06 Ernst HSckel. 

Bei den meisten, vielleicht bei allen echten Amoeben ist eine solche 
Differenzirung wahrnehnihar. Man kann gewöhnlich leicht die festere, 
äussere, homogene, nicht körnige Rindenschicht (Ectosark) von dem 
dünner flüssigen, körnchenreichen Innenparenchym (Endosark) 
unterscheiden. Bald gehen diese beiden Schichten unmerklich in ein- 
ander über, indem das Ectosark schichlenweise nach innen inuner 
weicher und flüssiger wird ; bald erscheinen beide ziemlich scharf ge- 
schieden, so dass man selbst die äussere als Membran bezeichnen kann 
(Auerbach). Bei den Protamoeben ist von dieser Sonderung des Plasma 
in Ectosark und Endosark durchaus Nichts wahrzunehmen , auch nicht 
bei der Behandlung mit chemischen Reagentien. Der ganze Leib ist 
vielmehr aus einer und derselben gleichartigen Substanz gebildet, welche 
ziemlich zähflüssig und dicht ist, und die gewöhnlichen mikrochemischen 
Reactionen des Eiweisses (Plasma) liefert. 

Bei einigen Protamoeben ist die Sarcodemasse des Körpers ganz 
klar und hyalin, bei anderen dagegen durch eine grössere oder gerin- 
gere Anzahl von farblosen, dunkeln, fettglänzenden Körnchen getrübt, 
welche in Essigsäure unlöslich sind. Die meisten dieser Körnchen sind 
sehr fein , wenige gröber und von messbarer Dicke. Die wechselnde 
Zahl und Grösse der Körnchen , der völlige Mangel bei den einen, der 
Ueberfluss daran bei den andern Individuen ist wahrscheinlich, wie bei 
den übrigen Moneren und bei den Rhizopoden , von dem Stoffwechsel, 
von der grösseren oder geringeren Menge der aufgenommenen Nahrung 
und der assimilirten Bestandtheile abhängig. 

Die Nahrungsaufnahme unmittelbar durch die Pseudopodien zu be- 
obachten , gelang mir bei Protamoeba nicht. Dagegen konnte ich 
experimentell das Eindringen fester Körperchen in ihren homogenen 
Sarcodeleib nach\A eisen, indem ich ein wenig sehr fein zertheilten Indigo 
dem umgebenden Wasser zusetzte. Einige Stunden später hatten zahl- 
reiche Protamoeben einzelne oder mehrere Indigokörnchen in ihr Inne- 
res aufgenommen. Wahrscheinlich waren auch die oben erwähnten 
feinen Körnchen, wenigstens zum Theil, ebenso aus dem umgebenden 
feinen Schlamm in das Innere des Körpers eingedrungen. Jedenfalls 
erfolgt die Aufnahme dieser festen Körperchen ebenso wie bei den ech- 
ten Amoeben und wie bei den amoebenartigcn Blulzellen der Thiere, 
vermittelst der eigenthümlichen Bewegung der Pseudopodien, ohne dass 
irgend eine bleibende Oeffnung oder Höhlung in der soliden Schleim- 
masse des Körpers vorhanden wäre. 

Schon als ich 1863 die Protamoeba zum ersten Male beobach- 
tete, schloss ich auf eine einfache Vermehrung derselben durch Thei- 
lung, da die Zahl der in einem kleinen Gläschen gehaltenen Individuen 



Moiioffrnphic der MniiPrPii. 107 

innerhalb wonicier Tage sieli aiifl'allend vermehite. oline dass iigend 
welche Verändeiungen oder der IJehergang in einen Ruhezustand an 
diesen einfaehslen Organismen wiire zu beobachten gewesen. Als ich 
zwei Jahre spiiter in demselben Gewässer bei Jena die Prola moeba 
nochmals fand, versuchte ich durch anhaltende Beobachtung einzelner 
Individuen die Art und Weise der Vermehiung unujitlelbar festzustel- 
len, und dies gelang in der That. Mehrere Piotamoeben zeigten in 
der Mitte ihres Körpers eine flachere oder tiefere Einschnürung, so dass 
derselbe mehr oder weniger biscuitförmig winde (Fig. 271 . Die Einschnü- 
rung blieb dauernd, unbeschadet der Formveränderungen, welche jede 
der beiden Körperhälflen ausführte; sie wurde zusehends tiefer (Fig. 
28, 29). Endlich gelang es mir bei zwei Individuen, wel(;he ich lange 
Zeil andauernd verfolgt hatte , den wirklichen Duichbruch dei- einge- 
schnürten Stelle und die völlige Ti-ennung der beiden Theilungshiilften 
unmiltelbai- zu constatiren (Fig. 30 A, Bj. Jede Hülfle rundete sich als- 
bald ab und setzte dann die früheren langsamen Bewegungen ununter- 
brochen fort. Es war also nun hier bei der Prola moeba die einfachste 
Form der ungeschlechtlichen Fortpflanzung, die durch Theilung, consta- 
tirt, und zwar ohne dass ein Ruhezustand eingetreten wäre. Offenbar 
dürften gleiche Moneren , wie die Prola moeba primitiva, bei der 
Hypothese der Archigonie oder Urzeugung in erster Linie in Betracht zu 
ziehen sein. 

III. Bemerkungen zur Protoplasma-Theorie. 

Die so eben beschriebenen Moneren, Prolomyxa , Myxaslrum, 
Myxodictyum, Prolamoeba, ebenso der früher (1. c.) von mir be- 
schriebene Protogenes, und die von Cienkowski beobachteten Pro- 
lomonas und Vampyrella stimmen sammtlich darin überein, dass 
ihr gesammter Körper im vollkommen ausgebildeten und frei beweg- 
lichen Zustande aus einer vollkommen slructurlosen , durch und durch 
homogenen Substanz besteht. Diese Substanz zeigt in jeder chemischen 
und physikalischen Beziehung die Eigenschaften einer feslflüssigen 
Koblensloffverbindung aus der Gruppe der Albumine oder Eiweiss- 
körper ;Proteinej. Sie ist identisch milder Substanz, welche als Plasma 
oder Protoplasma den conlractilen lebendigen Körper aller organischen 
Piastiden, aller Zellen und Cytoden von Thieren, Protisten und Pflanzen 
bildet. Zum Unterschiede von dem eingekapselten , in Zellmembranen 
oder Cjtodenschläuche eingeschlossenen Protoplasma kann man das 
freie, ohne ; ; hützende Hülle mit der umgebenden Aussenwelt in Be- 
rührung stehende Plasma mit dem von Dujardin dafür gebrauchten 



IQg Ernst lläckel, 

Naraen Sarcode beleihen. Nur darf man dann nicht vergessen , dass 
die nackte Sarcode wesentlich dieselben Eigenschaften besitzt, wie das 
umhüllte Protoplasma, und dass zum Beispiel bei den oben beschrie- 
benen Protomyxen und Myxastren, und ebenso bei den Protomonaden 
und Vampyrellen die Sarcode in Protoplasma umgetauft werden muss, 
sobald sich jene Moneren encystiren und mit einer Hüllmembran um- 
geben, sobald die Gynmoplastiden in Lepoplastiden übergehen. 

In der unbestreitbaren Thatsache , dass bei den oben erwähnten 
Organismen wirklich der ganze Körper (in vollkommen ausgebil- 
detem Zustande !) einzig und allein aus festflüssigen) struc- 
turlosem Protoplasma besteht, und dass diese einzige homo- 
gene Materie, als das active Substrat aller Lebensbewegung, ohne Mit- 
wirkung anderer Theile, alle wesentlichen Lebensthatigkeiten : Ernäh- 
rung und Fortpflanzung, Bewegung und Reizbarkeit, vollzieht, erbhcke 
ich Grund genug zu dem in meiner generellen Morphologie gethanen 
Schritt, diese Organismen als Moneren allen übrigen entgegenzustellen. 
Denn offenbar stehen dieselben unter allen Organismen auf der tiefsten 
Stufe, und stellen nicht nur den thatsachlich einfachsten, sundern auch 
den denkbar einfachsten Zustand der selbstständig lebenden Materie 
dar. Wie nun aber einerseits diese merkwürdigen Moneren an sich 
vom höchsten hiteresse sind, so verdienen sie andrerseits die allge- 
meinste Theilnahme durch die unschätzbare Bedeutung , welche sie für 
eine mechanische Erklärung der Lebenserscheinungen, und für eine 
monistische Erklärung der gesammten organischen Natur überhaupt 
besitzen. 

Als eine der grössten und folgenreichsten Errungenschaften der 
neueren Biologie darf svohl die Protopla s ma theorie oder Sar- 
codetheorie bezeichnet werden, die Lehre, dass der eiweissartige 
Inhalt der thierischen und pflanzlichen Zellen, (oder richtiger ihr »Zell- 
stoff«) und die frei bewegliche Sarcode der Rhizopoden, Myxomyceten, 
Protoplasten etc. identisch sind, und dass hier wie dort diese Albumin- 
materie das ursprüngliche active Substrat aller Lebenserscheinungen ist. 

Nachdem diese Lehre in ihren Grundzügen schon I 850 von Coe\i) 
und I ^"50 von Unger'^) imgedeutet wurde, ist sie von Max Schultze 
1 858 weiter ausgeführt und endlich 1 860 vollständig begründet worden.^) 



1) F. CoHN, Nachträse zur Naturgeschichte des Pr o tococcu s pl u vi ali s. 
Nova Acta Ac. Leop Carol. Vol. XXII, pars 2, p. 605. 1850. 

2 Ungek, Anatomie und Physiologie der Pflanzen 1855. (p. 280, *82). 

3 Max Schultze, «üeber innere Bewegungs-Erscheinungen bei i^iatoffieen,« 
in Müller's Archiv, 1858, p. 330. 



Monographie der Moiicicn. 1 09 

Icli selbsl war seil (Miier Reihe von Jahren hcniUhl, durch zahlreiche 
Beobachtungen diese Theorie zu stützen iiiul zu erweitern.') Durch 
keine Erscheinungen wird die Richtigkeit (lieser Theorie in so liohem 
Maasse und zugleicl» auf eine so einfache und unwiderlegliche Art be- 
wiesen, als durch die Lebenserscheinungen der Moneren, durch die 
Vorgiinge ihrer Ernährung und Foi'tpflanzung , Reizbarkeit und Bewe- 
gung, welche siinnntlich \on einer und deiselben einfaclisten Substanz, 
einem wahren »Uhrschleinie« ausgehen. 

Die Protoplasniatheorie dürfte heutzutage beinahe als allgemein 
anerkannt angesehen werden , wenn nicht seit sechs Jahren von 
einer Seite her beständig energischer Widerspruch gegen diese «Irr- 
lehre« erhoben worden wäre. Da keinerlei irgend beweiskräftige 
Gründe gegen dieselbe jenen Widerspruch rechtfertigen, so würden 
wir denselben hier auf sich beruhen lassen, wenn nicht die äusserliche 
Autorität seines Trägers ihm (>ine scheinbare Bedeutung beilegte, und 
wenn nicht zufällig, gerade während ich dieses schreibe, eine ausführ- 
liche Abhandlung zur vollständigen Widerlegung der «Irrlehre von der 
Sarcode« veröffentlicht würde. 

Der Berliner Professor der menschlichen Anatomie, Reichert, wel- 
cher 1858 durch einen wunderlichen Zufall zum Nachfolger des 
unsterblichen Johannes Mueller berufen wurde, versuc|ite seit 1 862 in 
einer Reihe von Aufsätzen nicht allein die Protoplasmatheorie umzu- 
stürzen, sondern auch alle dieselbe stützenden bisherigen Beobachtungen 
über die Sarcodebewegung der Rhizopoden als grobe Irrthümer nach- 
zuweisen. Die Strömungen der Protoplasmafädeu sollten Contractions- 
wellen solider Fasern und die von der Strömung fortgeführten Körn- 
chen sollten »hüpfende Schlingen « jener Fasern sein. Verästelung und 
Anastomosenbildung der Pseudopodien sollten niemals voikommen, 
sondern nur als »wunderbar mikroskopische Trugbilder die Phantasie 
der Beobachter ergötzt u haben u. s. w. 

Diese seltsamen Behauptungen wurden von Reichekt mit der gröss- 
ten Bestimmtheit aufgestellt . nachdem derselbe kaum einige Wochen 



Max Schl'ltze, lieber Co r n u s pi ra Archiv für Naturgesch. 1860, p. iSl). 

Derselbe, Ueber Muskelkör|jeichen und das was man eine Zelle zu nennen 
liabe. Reichert und Du Bois-Keymond's Archiv, 1861. p 1 

Derselbe, Das Protoplasma der Rhizopoden und der Ptlanzenzellen Leipzig, 
1863 

1 ÜRNST Haeckel, Monographie der Radiolaiien. Berlin, 186:2. p. 89 — 116. 

Derselbe, Leber den Sarcodekorper der Rhizopoden, in Zeiischr. für wissen- 
schaltl. Zool XV. Bd., 1865. p. 342, Tal. X.WI. 

Derselbe. Generelle Morphologie der Organismen, Vol I, p. 269 — 289. 



1 1 Ernst Häckel, 

hindurch in Triesl »eine nicht näher bestimmte Species von Miliola 
und Rotalia« untersucht hatte. Und darauf hin erklärte derselbe, 
dass alle bisherigen Beobachter der Rhizopoden sich betreffs deren 
Organisation im gröbsten Irrthum befunden hätten! Unter diesen Beob- 
achtern befinden sich in erster Linie Dujardin, Max Schlltze, Huxley, 
CLAPARfeDE, Krohn, JOHANNES MÜLLER , Naturforschcr vou anerkanntem 
Ruf, welche sich mit der Beobachtung der Khizopoden monatelang, 
zum Theil jahielang beschäftigt hatten. Und diese alle sollen also 
"durch ein wunderbares Naturspiel« auf das Gröbste getäuscht sein«! 

In meinem Aufsatze »über den Sarcodekörper der Rhizopoden« 
habe ich die vollständige Nichtigkeit von Reichert's Behauptungen und die 
Verkehrtheit seiner Darstellungen klar dargelegt und zugleich die hi- 
storischen Verhältnisse dieses seltsamen Conflictes auseinander gesetzt.') 
Indessen hat sich dadurch Reichert nicht abschrecken lassen, seine 
Publicationen über diesen Gegenstand fortzusetzen, und in einem Auf- 
satze »über die contractile Substanz« in eigenthümlicher Weise zu 
metamorphosiren. ^j Durch welche Verstösse und Verdrehungen sich 
diese angebliche Rechtfertigung (in der That aber Umgestaltung) seiner 
früheren Ansichten auszeichnet, hat bereits Max Schultze in seinem 
Aufsatze »Reichert und die Gromien« gezeigt.^) 

Soeben erscheint nun eine umfangreiche Abhandlung von Rei- 
chert ȟber die contractile Substanz (Sarcode, Protoplasma) 
und ihre Be w egun gS7Erschei n u ngen« ,*) welche die letzter- 
wähnte Publication weiter ausführt, undwelche zu den erstaunlichsten Er- 
zeugnissen der neueren zoologischen Literatur gehört. Man glaubt sich 
beim Lesen derselben ungefähr um ein halbes Jahrhundert zurückver- 
setzt. Unter Anderen werden den Cdclenteralen die Epithelialzellen 
abgesprochen und die beiden epithelialen Bildungshäute (Ecloderm und 
Entoderm) aus denen nach den übereinstimmenden Beobachtungen 
aller neueren Naturforscher die Coelenteraten sich entwickeln, rund- 
weg geleugnet! Sodann wird noch immer mit der grössten Hartnäckig- 
keit die Existenz von nackten, membranlosen Zellen geleugnet, obwohl 
nun schon seit vielen Jahren so zahlreiche Beobachtungen jene be- 
strittene Existenz bezeugen , dass der nackte (kernhaltige) Plasma- 
klumpen als der ursprüngliche Zustand der allermeisten Zellen ange- 
sehen werden kann und die Membran immer erst als secundäre Bildung 



1) Zeitscliiift für wissenscli. Zool. Bd. XV, 1865, p. 342. 

2) Monatsl)erictite der Berlin. Akad. 1865, p. 491. 

3) Max Schultze, Arctüv liir iiiikrosk. Aiiat Vol. 11, 18fi6, p. 140. 

4) Ahtiandl. der Berlin Akad. 1867, p. 151—293. 



Moiiogniplüe der Moneren. \ ] ] 

erscheint. Ferner ist (Inzwischen von »kieselförniigen Geschöpfen« 
(wahrscheinlich Diatomeen ?j die Rede') u. s. w. Alle diese Ungeheu- 
erlichkeiten bcriiliren uns hi(M' nicht, wohl alter die Art und Weise, in 
welcher lUicutKi das IlaupUhenia behandeil und die Sarcodetheoiie 
verdreht; diese n erlangt hier nolhwendig eine entschiedene Abferti- 
gung. Ich will mich dabei rnüglichst kui/ fassen und die Ilauptpuncle 
des Streites in den Vordergrund stellen. 

In seinen oben erwähnten Aufsalzen, welche »die Irrlehie \on der 
SaiTode klar und un/weiileulig an den Tag legen« sollten, concenlrirte 
RErcHERT unter den inannichfaUigslen Wendungen seinen vernichten- 
den Angriff in folgenden Behauptungen: l)die Pseudopodien sind so- 
lide contractile Fäden, welche sich niemals verästeln , '2) diese Fäden 
verschmelzen niemals mit einander durch wahre Anastomosen , 3) 
<iaher können auch niemals die Fäden durch häutige Platten verbunden 
werden, 4 die Körnchen auf den Pseudopodien sind »Schlingen, vs eiche 
unter dem Bilde eines Korns auf der Oberfläche der Fäden hinhüpfen.« 
Vergleichen wir nun diese einzelnen Behauptungen mit seiner neuesten 
ausführlichen Arbeit, welche jene in allen Puncten bestätigen soll. 

1 ) Die Verästelung d e r P s e u d o p o d i e n . Nach Rkichert's 
früheren Behauptungen kommt diese niemals vor und die schein- 
bare Verästelung soll »durch Auf- und Ablösung eines Bündels von Pseu- 
dopodien« entstehen. Jetzt behauptet derselbe das G e gen t heil, dass 
nämlich wirkliche Verästelung der Pseudopodien vorkommt, 
welche durch eine Contractionsbewegung bewirkt werde! ! 

2i Die Verschmelzung der Pseudopodien. Nach Rei- 
chert's früheren Behauptungen kommt diese niemals vor, und die 
schei nbare Verschn)elzung soll durch Aneinanderlagerung frei ge- 
wordener Fäden oder scheinbarer Aeste entstehen. Jetzt behauptet 
derselbe das Gegen ih eil, dass nämlich wirkliche Verschmelzung 
der Pseudopodien vorkommt, indem die Pseudopodien »selbst in kür- 
zerer Zeit mit gleichartigen Theilen unter dem Scheine des Zusammen- 
fliessens verwachsen«' ' 

ii) Die Plattenbildung der Pseudopodien. Nach Rei- 
chert's früheren Behauptungen kommt diese niemals vor, und die 
scheinbare Bildung der schwimmhautähnlichen Sarcodeplatten an 
den anastomosirenden Pseudopodien soll dadurch entstehen, »dass bei 
den unter einem spitzen ^Vinkel gekreuzten und einander genäherten 



I Ebensogut als von »kiesel fö rm igen Gescti öp fen» könnte man auch 
von einem »seil \ve fe 1 fö rm i gen Reichert« reden! Beide Ausdiiicke wären 
gleich sinnvoll und fiir den klaren Geis! des Berliner Anatomen bezeichnend. 



112 bMlBakcL 

Pscadopodien . oder richtiser Pseudopodien -Bündeln einzelne in ihnen 
entb-thene Fäden aus ihrer Lage gerückt und in dem Winkel zur Bil- 
dung einer scheinbaren Platte zusammengeschoben werden.« Jetzt 
behauptet derselbe das Gegentheil. dass nämlich wirkliche Plat- 
tenbildung der Pseudopodien vorkommt, und dass die * häutigen Platten 
der conlractilen Substanz in das Sarcodenetz dadurch eingeschobcD 
werden . dass eine Portion contractiler Substanz, aus welcher Pseudo- 
podien entwickelt sind, die VerbinduDg mit dem fibrisen Theile der 
contractilen Rindenschicht nur durch einen feinen pseudopodienartigen 
Faden unterhält. <i '. ! 

I Die Körnchenströmnng der Pseudopodien. Nach 
Reicbeäts früheren Behauptungen existiren gar keine Kömchen in der 
Sarcode, und die scheinbaren Körnchen sollen »hüpfende Schlingen 
der Fäden sein< ! Jetzt behauptet derselbe das Gegentheil. dass 
nämlich w irkliche Kömchen neben den scheinbaren vorkommen, 
und dass diese letzteren » kleinste w arzenartige Erhebungen der con- 
tractilen Substanz sind.* Wie >Iax Schuitze schon 1 866 voraussagte. 
hat also nun wirklich die von Reichert in Aussicht gesteUte Entdeckung 
der wirklichen Kömchen . die allen Beobachtern der Rhizopoden seit 
mehr als dreissig Jahren bekannt sind, stattgefunden ! ! 

Wie man siebt, sind Reichirts neueste Darstellungen in 
allen Hauplpuncten genau das Gegentheil seiner frühe- 
ren Behaupt ungen. Diess hindert ihn jedoch nicht, ganz naiv gleich 
im Eingange seiner Abhandlung zu behaupten, dass er jetzt für jene die 
ausführlichen Bew ei. >e bringe, und dass er damit die Sarcodetheorie, 
j» we^cbe 'v^ ie ein Alpdrücken jahrelang nuf >ielen und namhaften Natur- 
forschem gelastet hat«, vollständig vernichtet habe In der That. man 
weiss nicht, worüber man in dieser Abhandlung mehr erstaunen soll. 
über die unglaubliche Cnkenntniss einer Masse von längst bekannten 
und allgemein anerkannten Thatsachen. oder über die absichtliche Miss- 
deotiiDg and Verdrehung der klarsten Verhältnisse, oder über die 
dreiste Sophistik. mit welcher die Sachlage des Streites geradezu auf 
den K<^f gestellt wird , und mit der der Verfasser sich den Anschein 
giebl, endliefa die Thatsachen entdeckt zu haben, welche er früher 
allen übrigen Beobachtern gegenüber auf das Hartnäckigste leugnete ' 
Für das inducti\e logische Schluss verfahren Reichert's ist vielleicht 
Nichts bezeichnender, als dass seine sammtlichen neuen Beobachtungen, 
durch die er angeblich die Sarcodetheorie vernichten will in 
der That aber sie adoptirt' auf eine einzige Monothalamie 
[Gromia oviformis sich beziehen, und dass er dadurch allein die 
eleicbe Beschaffenheit für sämmtliche Polvthalamien nacbsewiesen 



StMgnfkir irr HMfret. 113 

haben will ! Es wäre ganz elften so logisch, wenn Bnoremr behaoptele. 
tlass sämmtliche Polythalamien eine einkammerige 'nicht viel— 
kammerige Schale besitzen: dennGromia eine Monothalaroiej 
besitzt offenbar eine einkammerige Schale ! Man könnte auch eben 
so gut und mit dem gleichen Rechte behaupten . dass allen placentalen 
Säugethieren die Placenta fehlt. Denn die Beotelthiere haben keine 
Placenta. und sind doch auch Süugelhiere ! 

Es würde nicht der Mühe lohnen, Reichiets neuestem Machwerke 
hier so viele Zeilen zu \\idmen, wenn nicht zwei Umstände diese ener- 
gische Verwahrung dringend erheischten. Die Meisten werden geneigt 
sein, die verworrene Darstellung und die offenbaren Widerspräche der 
REicHERTScben Publicationen einfach einer intellectueUen Rückbildung 
desselben zuzuschreiben. Wenn bloss senile Degeneration seines Ge- 
hirns die wirkende Ursache wäre, würde man Mitleid und Schonung 
mit ihm haben müssen. Diess ist aber keineswegs der Fall. Vielmehr 
geht durch die ganze Schrift die dreisteste sophistische Verdrehung 
der Thatsachen. und die sichtlichste Unw^ahrhaft igkeit hin- 
durch. Nachdem Reiche«! eingesehen . in welchen Sumpf er durch 
seine ersten Mittheilungen über die Sarcode-Bewegung etc. gerathen. 
sucht er sich dadurch herauszuziehen, dass er den von .\nderen längst 
darcestellten wahren Sachverhalt in neuen möglichst dunkeln Wen- 
dungen und schwer fasslichen Ausdrücken wiedergiebt . und ihn als 
seine neue Entdeckung preist. Dabei scheut er sich z. B. nicht, gleich 
in einem der ersten Sätze scheinbar JoEAjefEs MClleb als Zeugen für 
seine Darstellung aufzurufen p. 151 . obgleich bekannterroassen die 
Beobachtungen und .Anschauungen Johax^es Müllees über den Sarcode- 
körper der Polythalamien und Radiolarien vollkommen mit denjenigen 
aller übrigen .Autoren seit Dtjardcs übereinstimmen ! 

Der zweite Punct. gegen welchen von vornherein entschiedener 
Protest eingelegt werden muss. ist Reichehs Darstellung von dem 
Sarcodekörper« der Hydromedusen. insbesc*ndere der Hydroidpo- 
ijpen. Nachdem Reicbekt mit seinen Untersuchungen auf dem Gebiet der 
Rhizopoden so kläglich Schiffbruch gelitten, flüchtet er sich auf das 
Gebiet der Hydromedusen hinüber, und versucht hier gleiche Verwir- 
rung anzurichten. Es klingt fast unglaublich, dass Reichest hier 
nicht einmal im Stande ist . die einfachsten . längst bekannten und 
jederzeit augenblicklich ru demonstrirenden Stnicturverhältnisse 
wahrzunehmen, wie z. B. die beiden epithelialen Bildunsshänte Lcto- 
derm und Entoderm . oder die Entwickelung der Nesselkapseln in Epi- 
thelialzellen. Dies hindert ihn jedoch nichx, gleich auf der zw eiten Seite 
seiner Untersuchungen über «Campanularien. Sertularienund Hydriden c 

Riud IV. 1. S 



] 1 4 Kriist Häckd, 

die ganze bisherige anatomische Erkenntniss des Hydroiden-Organis- 
mus für einen grossen Irrthum zu erklären und auf Grund seiner un- 
glaublich oberflächlichen Untersuchung einiger Hydroid-Polypen folgen- 
den Salz auszusi)rcchen : »Weder die Uebereinsliuunung im einfachen 
Uohlkörperbau tles Organismus und wohl noch weniger der gleichartige 
äussere Habitus und eine gleichartige Bildung der Individuenstöcke 
dürften unter solchen Umständen die von Leückart aufgestellte Thier- 
klasse der C o eleu ter ata in ihrer gegenwärtigen Fassung zu halten 
im Stantle sein»! ! Sehr weise setzt Reichert dann gleich den Salz 
hinzu: »Ich muss mich des Versuchs enthalten, die Grenzen auch nur 
anzudeuten , innerhalb welcher voraussichtlich die Sonderung dieser 
Thierklasse sich vollziehen werde«! ! 

Der weitere Verlauf von Reichert's Goelenteraten-Studien lässt sich 
nach diesem hübschen Anfange und nach Analogie der Polythalamien- 
Studien bereits im Voraus bezeichnen. Die Monatsberichte und Ab- 
handlungen der Berliner Akademie werden eine Reihe von Aufsätzen 
bringen, in denen zunächst alle bisherigen Beobachter der Coelente- 
raten als unfähige und im gröbsten Irrthum begriffene Beobachter dar- 
gestellt werden , deren »Phantasie durch ein wunderbar mikroskopi- 
sches Trugbild irre geleitet ist.« Dann zeigt Reichert, wie sich Alles 
ganz Anders veihält, als man bisher annahm, nähert sich jedoch all- 
mählich unter dunkeln und versteckten Wendungen und Windungen 
den von ihm geradezu bestrittenen Darstellungen und reproducirt 
schliesslich dieselben im neuen Gewände seiner glücklicherweise einzig 
dastehenden individuellen Ausdrucksweise. Da Reichert bei den Poly- 
thalamien sechs Jahre zu diesem Kreislauf der Vorstellungen brauchte, 
wird er vermuthlich bei den Goelenteraten , deren wirkliche Structur 
viel allgemeiner anerkannt ist, mindestens zwölf Jahre nölhig haben, 
um die »Irrthumer« der anderen Naturforscher schliesslich als seine 
Entdeckungen auf den Markt zu bringen. Sollte Reichert also zum 
Heil der Wissenschaft noch bis zum Jahre 1 880 leben , so würde er 
dann wahrscheinlich zu der heute bereits allgemein anerkannten Vor- 
stellung vom Bau der Goelenteraten gelangt sein ! Zufällig habe ich 
mich in den letzten Jahren anhaltend mit der Untersuchung der feineren 
Structur der Ilydromedusen beschäftigt, und bin daher zu dem Aus- 
spruch berechtigt, dass fast sämratlichc neuen Angaben Reichert's über 
den Bau der Hydroiden ebenso verkehrt, falsch und werthlos sind, wie 
seine früheren Angaben über den Bau der Polythalamien. 

Man verzeihe die Bitterkeit dieser Polemik und entschuldige sie 
durch den gerechten Ingrimm, den ich als dankbarer Schüler und 
wju-mer Verehrer des grossen Johannes Müller empfinden muss, wenn 



Moiioiirapliio der Mniicroii. ]]^ 

ich an dioso inlollecliiollon und nioralisclioii Fnnclionon soinos unmiltol- 
haron Naclilolizors (liMiko. Wenn dui-cli Joiianmcs Mi i.f.kk innci-lialh 
cinrs Vierleljalirliundcrts der anatoinisclio Lelirsdilil dei- IkMÜner l'ni- 
versitiit ül)(>r alle iil)ii|j;en erhoben wui'de, ist es nun S{Mneni Naclifolger 
gelungen, innerhalb eines Decenniunis ihn in gleichem xMaassc zu ernie- 
drigen. Da Müller die lange Reihe seiner glänzenden Arbeiten mit den 
Uhizojioden geschlossen halte, dachte RiaeiiEUT ^vahrscheinlich, er 
müsse da wieder anfangen, wo sein grosser Vorganger aufgehört halte, 
uiul wurde dabei oflenbar von der Hoflnung getragen , ihn baldigst zu 
id)ernügeln! Mit welchem Erfolge dies geschah, liegt vor den Augen 
Aller, welche die einschlagende Literatur kennen und die Objecte selbst 
in der Natur beobachtet haben ! 

Die Protoplasmatheorie, welche ich für eine der ersten und 
wichligslen Grundlagen einer wahrhaft monistischen, d. h. mechanisch- 
causalen Erkennlniss der organischen Natur halle, darf seit dieser 
letzten Wendung ihrer Geschichte als neu befestigt und gekräftigt an- 
gesehen werden. Die Vernichtung drohenden Angrille ihres Gegners 
sintl durch denselben allmählich zu Verdrehungen und zuletzt zu Be- 
stätigungen ge^^orden. Für die wahre Natur der Sarcode aber, als 
eines wirklich einfachen und sliucturlosen «Lebeiissloücs«, dürfte die 
Naturgeschichte der vorstehend beschriebenen Moneren weitere direcle 
Beweise liefern. 

IV. Begrenzung des Prolistenreiches. 

Seitdem Charles Darwin die von Jean Lamarck und Wolfgaxg 
Goethe begründete Des cendenz -Theorie von dem Scheintode oder 
richtiger von dem Todlschweigen eines halben Jahrhunderts zu neuem 
Leben erweckt und durch seine Selections-Theor ie auf ein uner- 
schüüei-liches causal-mechanisches Fundament gestellt hat, ist die Auf- 
gabe der oitlnenden Systematik eine ganz andere und eine unendlich 
höhere geworden. Bisher war in den Händen der meisten Zoologen und 
Botaniker die Systematik eine wissenscliaflliche Spielerei, welche sich 
an der Formenverwandlschaft der ähnlichen Nalurkörper ergötzte, ohne 
an ihre wirkliche, dieser zu Grunde liegende Blutsverwandtschaft zu 
denken. Die Hauptbeschäftigung der meisten systemalisirenden Natur- 
forscher bildeten endlose und höchst unnütze Sireiligkeiten über die 
Frage, ob diese oder jene Thier- oder Pllanzenform eine »gute« oder 
«schlechte Art«, eine Subspecies oder Varietät, ein Subgenus oder Ge- 
nus sei, ohne dass es den grübelnden Gelehrten dabei eingefallen wäre, 
sich vorher den Umfang und den Inhalt dieser Begrill'e klar zu machen. 

8* 



1 1 6 Ernst Hfickel. 

Jetzt dagegen, wo die Unhaltbarkeit derselben als absoluter, ihr eigent- 
licher Werth als relativer Begriffe erkannt, wo die > wirkende Ursache« 
der Formenverwandtschaft in der >> Blutsverwandtschaft« entdeckt ist, 
tritt an die Systematik die ungleich höhere, schwierigere und interes- 
santere Aufgabe, durch die Aufstellung des »natürlichen Systems« den 
Stammbaum, die Abstammungsverhältnisse der verwandten Gruppen 
h\'pothetisch möglichst annähernd festzustellen. 

Nirgends stösst diese Aufgabe auf grössere Schwierigkeiten , als 
bei den niedrigsten und tiefststehenden Organismen. Es ist verhält- 
nissmässig leicht, den Stammbaum der W'irbelthiere mit annähernder 
Sicherheit festzustellen, wenn man damit die ausserordentlichen Schwie- 
rigkeiten vergleicht . die dem Stammbaum der sogenannten Protozoen 
sich entgegenstellen. Während dort überall bestimmte, hoch und viel- 
seitig differenzirte Organsysteme feste Handhaben darbieten, ist hier 
Nichts von solchen Organsystemen vorhanden. Während dort längst 
eine Anzahl von Klassen und Ordnungen als wirkliche natürliche Grup- 
pen anerkannt sind, kann man dies hier von wenigen Gruppen behaup- 
ten. Dort ist ein zusammenhängendes und reiches Material durch die 
Erfahrung von Jahrhunderten angesammelt: hier sind kaum seit ein 
paar Jahrzehnten lockere Sammlungen von vereinzelten Thatsachen be- 
kannt geworden. Kein Wunder daher, wenn in der Systematik jener 
niedrigsten Organismen noch heute die grauenhafteste Verwirrung 
herrscht, und Jeder sich sein eigenes Svstem macht. 

Ich habe in meiner generellen Morphologie den Versuch gemacht, 
in dieses systematische Chaos dadurch einiges Licht zu bringen, dass 
ich als eine besondere Abtheilung zwischen echte Thiere und echte 
Pflanzen alle jene zweideutigen Organismen niedrigsten Ranges stellte, 
welche weder zu jenen noch zu diesen unzw eifelhafte nähere Beziehungen 
zeigen, oder thierische und pflanzliche Charaktere in der Weise verei- 
nigt und gemischt besitzen, dass seit ihrem Bekanntwerden ein endloser 
Streit über ihre Stellung im Thier- oder im Pflanzenreich geführt wird. 
Offenbar wird dieser Streit am einfachsten dadurch geschlichtet , dass 
man die streitigen und zweifelhaften Zwischenformen vorläufig wenn 
auch nur provisorisch) sow ohl von den echten Thieren , als von den 
echten Pflanzen abtrennt und in einem besonderen organischen »Reiche« i 
vereinigt. Man gewinnt dadurch den Vortheil, sowohl echte Thiere als 
echte Pflanzen durch eine klare und scharfe Definition bezeichnen zu 
können ; und andererseits w ird die Aufmerksamkeit den bisher so ver- 
nachlässigten und doch so äusserst wichtigen niedersten Organismen in 
besonderem Maasse zugew endet. Ich habe jenes zw ischen Thierreich und 
Pflanzenreich mitten inne stehende und zwischen beiden vermittelnde 



Moiiosirapliip der Moueren. 117 

Grenzgebiet das Prolistenreich genannt. (Gen. Morphol. Vol. I. 
p. 203; Vol. II, p. XX, p. 403]. 

Natürlich habe ich durch diese Trennung der Protisten einerseits 
von den Pflanzen, andererseits von den Tbieren, keineswegs eine ab- 
solute und dauernde Scheidewand zwischen diesen drei organischen 
Reichen aufrichten wollen. Vieiraehr halte ich es für sehr wahrschein- 
lich , dass sowohl die Thiere als die Pflanzen aus den Protisten , und 
zwar ursprünglich aus einfachsten Prolisten, aus Moneren, ihren Ur- 
sprung genommen haben. 1. c. Vol. II, p. XX. p. 403, Taf. I . Vor- 
läufig halte ich es jedoch aus praktischen Gründen für zweckmässig, die 
Prolisten sowohl von den Pflanzen als von den Thieren im Systeme 
ganz zu trennen. 

Inder systematischen Einleitung zu meiner ■ allgemeinen Entw ick e- 
lungsgeschichle« habe ich folgende acht natürliche Haupteruppen 
oder »Stämme« (Phylen' von Protisten unterschieden: 

I. lonera. Moneren. 

1. Gymnomonera (Pro logen es, P rolamoeba etc.) 

2. Lepomonera (Protomonas, Vampyrella etc. 

II. Protoplasta. Protoplasten. 

{. G^Tunamoebae (Autamoeba, Petalopus. Xuclearia etc.) 

2. Lepamoebae Arcella, Difflugia, Euglypha etc.) 

3. Gregarinae M o n o c y s t i d e a et P o 1 y c y s l i d e a, . 

III. Diatomea. Kieselzellen. 

IV. Flasellata. Geisseischwärmer. 

i. Nudiflagellata ^Eugiena, Spondylomorum etc.) 
2. Cilioflagellata (Peridinium. C eralium etc.) 

V. iTiömycetes. Schleimpilze. 

VI. >octiIacae. Meerleuchten. 
VII. Rhiiopoda. Wurzelfüsser. 

\. Acytlaria Monothalamia et Polythalamia). 

2. Heliozoa Aclinosphaerium Eichhornii;. 

3. Radiolaria Monocyttaria et Poly cy ttaria). 

VIII. Spongiae. Schwämme. 
< . Autospongiae. 
2. Petrospongiae. 



\ J3 F.riist Ilrickcl, 

Seil der Unterscheidung dieser acht Prolislcngruppcn ist eine neue 
Gruppe von Organismen niedersten Ranges bekannt geworden, welche 
in keine von diesen acht Äbtheilungen sich ohne Zwang einreihen lassen, 
und welche gleich den letzteren eine derartige Mischung von thierischen 
und pflanzlichen Charakteren zeigen , dass sie ebenso wenig als echte 
Pflanzen, wie als echte Thiere angesehen werden können. Es sind dies 
die merkwürdigen Laby rin thuleen (Labyrinthula vitellina, 
L. macrocy stis), welche von dem um die Naturgeschichte der Pro- 
tisten hochverdienten Cienkowski im Hafen von Odessa entdeckt worden 
sind. 1) Jedenfalls müssen dieselben vorläufig als eine ganz besondere 
Protistengruppe betrachtet werden. 

Während so einerseits das Reich der Protisten durch die Labyrin- 
thuleen um eine besondere Klasse vermehrt wird, so dürfte es anderer- 
seits jetzt hinreichend begründet sein, eine andere Gruppe von Protisten 
aus diesem Reiche zu entfernen , und als entschiedene Thiere in das 
Thierreich zu verweisen. Dies sind die S ch w ä m m e o d e r S p o n — 
gien, für deren Ihierische Natur in neuester Zeit sehr entschiedene 
morphologische Indicien entdeckt worden sind. Bereits seit 1 854 hat 
Leuckart, der verdienstvolle BegriUider des Coelenteratenstammes , in 
seinem Jahresbericht über die Fortschritte der Zoologie (im Archiv für 
Naturgeschichte) die Spongien oder Poriferen mit den Coelenteraten 
vereinigt, indem er das Canalsystem der Schwämme mit dem coelen- 
terischen Gastrovascularapparat der echten Coelenteraten verglich. 

Im vorigen Winter hat mein Schüler und Assistent, Herr Stud. 
Mikluciig-Maclay aus Petersburg, während unseres Aufenthaltes auf der 
canarischen Insel Lanzarote die ausserordentlich reiche Schwammfauna 
dieser Küste eingehend untersucht, und wie ich mich durch eigenen 
Augenschein überzeugt habe, dabei neue Schwammformen gefunden, 
deren Anatomie für die nahe Verwandtschaft der Spongien mit den Coe- 
lenteraten weit kräftigere Beweisgründe liefert, als wir bisher besassen. 
So hat namentlich Herr Miklucho einen Kalkschwamm (Guancha 
blanca) entdeckt, welcher Sycon und Ute nahe steht, dessen ganzes 
Gefässsystem aber aus einer einfachen cylindrischen Leibeshöhle, einer 
verdauenden Cavität, wie bei den einfachsten Hydroiden besteht. Die 
sogenannten Schornsteine (Camini) der Spongien sind nicht blos Aus- 
strömungsöfi'nungen, wie man bisher annahm, sondern sie dienen auch 
zur Aufnahme von Wasser und Nahrung. Ihre OeflTnung nach Aussen 



1) L. CiENKOwsKi , lieber den Bau und die EntwickcUing der Lal)yrinthulcen. 
-Mav Schultze's Archiv für uiiiirosli. Anat. Vol. Ilt. 1867. p. !274. Tat. XV, XVI, 
XVII. 



Mniiniii'a|)lii(' der MoiHicii. 119 

ist zuijU'ich Mund und Aflor. Mit cMncni Wort, dio Schornsteine sind 
den 3[a|^enhi)hlen der Coelenteralen und zunächst der Polypen nnalog 
und aUer Wahrscheinlichkeil nach zugleich homolog. Die von den 
Schornsteinen ausgehenden Caniile entsprechen den Canälen , welche 
sich im Parenchym vieler Anlhozoen vcrzNveigen. Was mir aber von 
der grössten Wichtigkeit erscheint, diese Magen höhle zerfällt bei meh- 
reren Sclnvänmien (Axinella und Anderen) durch radiale Schei- 
dewände in Fächer (von verschiedener oder constanter Zahl, nament- 
lich acht ! ) , und dadurch erscheint der ganze Leib des Seh w am m- 
individuums aus einer bestimmten An zahl vonAntimeren 
zusammengesetzt. Den Mangel der Antimerenbildung hatte ich aber 
bisher für einen der wichtigsten moi-phologischen Unterschiede zwischen 
Spongien und Coelenteraten gehalten. Auch durch die ähnliche Art 
der Stockbildung u. s. w. wird die nahe Verwandtschaft der Spongien 
und Anthozoen noch wahrscheinlicher. Kurz, ich halte es jetzt für das 
Richtigste, nach Leuckart's Vorgang die Spongien mit den Coelenteraten 
im System zu vereinigen, und halte daher auch einen gemeinsamen Ur- 
sprung beider Gruppen für sehr wahrscheinlich. Das Phylum der Coe- 
lente raten würde demnach in zwei Subphylen zerfallen: I. Spon- 
giae (Coelenteraten ohne Nesselorgane) \. Petrospongiae. 
2. Autospongiae. II. Acalephae^) (Coelenteraten mit Nessel- 
organen) 1. Anthozoa. 2. Archydrae. 3. Hydromedusae. 4. Cteno- 
phora. 

Da Herr MiKLUcno seine schönen Beobachtungen über Schwämme 
demnächst veröffentlichen und die Stammverwandtschaft der Spongien 
und Acalephen ausführlich entwickeln wird, so beschränke ich mich hier 
auf diese kurze Mittheilung. ^) Ich habe dieselbe desshalb hier angeführt, 
weil mir durch die Entfernung der Spongien von den übrigen Protisten 
und durch ihre Vereinigung mit den echten Thieren ein grosser Gewinn 



1) Die von Aristoteles hcnütireridc Bezeichnung Acalcphae oder Knidae 
durfte für die ecliten Coelenteraten (nacli Aussciiiuss der Spongien] die passendste 
sein, einerseits weil sie bereits deren wichtigsten Charakter, den Besitz von Nes- 
selorganen, ausspricht, und sodann, weil bereits Aristoteles unter dieser Be- 
zeichnung die beiden verschiedenen Typen der Coelenteraten, die festsitzenden 
P et r acalephen fAclinien) und die frei schwimmenden Nectacalephen (Medusen) 
zusammenfassle [cd uy.ctXfi(fat, alxviöfu). 

2) Ein eigentliümiichcs Licht wird durch diese Stammverwandtschaft auch auf 
das neuerdings so viel besprochene Ilyaloncma geworfen. Sollte vielleicht doch 
am Ende Schwaramkörper und Polypenüberzug zusammengehören , und Hyalo- 
n e m a ein gerader Ausläufer von der gemeinsamen Stammgruppe der Spongien und 
Acalephen sein ? 



120 '-'■nst lläckel, 

für die Systcmalik erzielt scheint. E s wi rd nämlichjetzt möglich , 
mein P r o t i s t e n r e i c h d ii r c h einen bestimmten u n d nv i c h - 
tigcn Charakter zu bezeichnen, und von den echten Thieren 
und echten Pflanzen zu trennen : Dieser Charakter ist der gänz- 
liche Mangel der geschlechtlichen Fortpflanzung. Bei fast 
allen unzweifelhaften Pflanzen und ebenso bei allen unzweifelhaften 
Thieren findet sich geschlechtliche Zeugung (Amphigonie) vor. Alle 
echten Protisten dagegen (alle oben genannten Gruppen mit Aus- 
nahme der Spongien) pflanzen sich ausschliesslich durch 
ungeschlechtliche Zeugung (Monogonie) fort. Wenn man 
diese Definition auf die genealogische Individualität erster Ordnung, auf 
den Zeugungskreis (Cyclus generalionis) aller drei organischen Reiche 
überträgt, so ist der Zeugungskreis der Thiere und der 
Pflanzen die Amphigenesis , dagegen der Genera tionscy- 
clus der Protisten die Monogenesis (Vergl. hierüber generelle 
Morphologie, Yol. II. p. 70, p. 83). 

Wenn man auf Grund dieses Kriteriums die Trennung der drei 
Reiche scharf durchführen w ill , so w ird man einige Gruppen der nied- 
rigsten Organismen, die bisher bei den echten Pflanzen standen, die 
aber der geschlechtlichen Zeugung entbehrten , zu den Prolisten ziehen 
müssen. Es wird dies um so eher geschehen können, als ohnehin die 
übrigen entscheidenden Pflanzencharaktere sich bei ihnen verwischen 
und als sich anstatt dessen nahe Beziehungen zu verschiedenen Pro- 
tistengruppen einstellen. Vor allen wird man berechtigt sein, die grosse 
und formenreiche Klasse der Pilze (Fungi) aus dem Pflanzenreiche zu 
entfernen und in die Nähe der Myxomyceten unter die Prolisten zu stel- 
len. Die ganze Ernährungsweise und der Stoff"svechsel der Pilze, und 
damit im Zusammenhang viele andere Eigenschaften (insbesondere der 
gänzliche Chlorophyll-Mangel) entfernen dieselben so sehr von den 
echten Pflanzen, dass bereits ältere Botaniker aus den Pilzen ein beson- 
deres Orcanismen-Reich errichten wollten. 

Aus ähnlichen Gründen wird man ferner die Phycochroma- 
ceen (Chroococcaceen und Oscillarineen) als einen Prolistenstamm 
betrachten können , ebenso auch vielleicht die Codiolaceen (Codiolum 
etc.). Andererseits wird man die durch geschlechtliche Zeugung aus- 
gezeichneten Yolvocinen von den Flagellaten trennen und den echten 
Algen zurechnen müssen. Derartige Versetzungen werden in der näch- 
sten Zeit noch viele vorkommen, je nachdem unsere Kenntniss der einen 
oder anderen Gruppe voraussichtlich vollständiger wird. Keinenfalls 
aber werden wir, wie ich glaube, jemals dazu gelangen, eine absolute 
Grenzscheidewand zwischen Thier- und Pflanzenreich aufzurichten, 



Monographie der Moneren. 1 2 1 

und den einen Tlieil der Protisten mit voller Sicherheit zu den Pflanzen, 
don .'imlein zu den Thieren rechnen können. Auch soll ja durch die 
von mir vorgeschlagene systematische Trennung der drei Reiche ledig- 
lich der praktische Zweck einer differentiellen Diagnostik erleichtert, 
und keinesAvegs eine absolute Scheidung der Thiere. Protisten und 
Pflanzen, als dreier fundamental verschiedener Organisraengruppen be- 
hauptet werden. Vielmehr beharre ich bei der in meiner generellen 
Morphologie ausgesprochenen Vermuthung, dass sowohl das Thierreich 
als das Pflanzenreich ihre erste Wurzel in je einem oder mehreren Pro- 
tislenstämmen haben , während andere Protistenstämme z. B. Diato- 
meen , Myxomyceten, Rhizopoden) sich unabhängig von jenen selbst- 
ständig entwickelt haben (1. c. Vol. 11, p. i06). Dass schliesslich aUe 
organischen Stämme an ihrer ältesten Wurzel zusammengehangen 
haben mögen, ist auch, wohl denkbar. Der Streit, wie viele ursprüng- 
liche protistische Phylen oder Stammformen den Thierstämmen, den 
Pflanzenstämmen und den noch heute existirenden Protistenstämmen 
den Ursprung gegeben haben mögen, verliert aber sehr dadurch an sei- 
ner scheinbaren Wichtigkeit, dass oöenbar die ältesten Ursprungsformen 
aller Organismen Moneren der einfachsten und indifl"erentesten Art, 
structurlose und homogene, formlose Sarcodeklumpen gewesen sein 
müssen, durch Archigonie oder Generatio aequivoca entstanden. 

Wie die von Ciexkowski und von mir beschriebenen Moneren zei- 
gen, ist es ganz unmöglich, dieselben mit irgend welcher Sicherheit an 
eine bestimmte andere Prolistengruppe anzuschliessen, oder gar sie mit 
Bestimmtheit entweder den Thieren oder den Pflanzen zuzurechnen. 
Im Ruhezustande und während der Fortpflanzung sind dieselben mehr 
pflanzlicher, im Bewegungszustande und während der Ernährung mehr 
thicrischer Natur. Im Ganzen aber sind sie ihrer einfachsten Natur nach 
so indifferente Organismen, dass man sie als erste Anfänge jedes belie- 
bigen organischen Stammes (Phylum) betrachten könnte. Wie sehr die- 
selben in dieser Beziehung Anklänge an die verschiedensten Protisten- 
gruppen zeigen, wird am Besten aus der nachfolgenden morphologischen 
Vergleichung der Moneren mit den verschiedenen Protistengruppen her- 
vorgehen. Bevor wir uns zu dieser wenden, erscheint es passend, die 
verschiedenen organischen Stämme nochmals aufzuzählen , w eiche das 
Protistenreich in dem soeben erläuterten Umfange zusammensetzen. 
Ich wiederhole dabei nochmals, dass ich dieses «System der Protisten« 
in jeder Hinsicht nur als einen ganz provisorischen Versuch und als eine 
Anregunc; zu weiterer Bearbeitung betrachte. 



122 •''•"ist Iliickel, 

R e i c h (1 c r P r 1 i s t e n d c r d e r m n g e n e t i s c h e n r g a 11 i s m e n ' 

(Organismen, welche sich ausschliesslich auf ungeschlechtlichem 
Wege, durch Monogonie, fortpflanzen) , 

I. Gruppe : lonera. 

1. Gyranomonera (Protogenes, Protamoeba etc.). 

2. Lcpomonera (Protomonas, VampyrcUa, Protomyxa etc.). 

II. Gruppe : Flagellata. 

1 . Nudiflagellata ( E u g 1 e n a , S p o n d y I o m o r u m etc. ) . 

2. Cilioflagellala (Peridinium, Ceratium etc.). 

III. Gruppe : Labyrinthulca (Labyrinthulae). 

IV. Gruppe: Diatomea (Bacillaria). 

V. Gruppe: Phycochroiuacea (Myxophycea). 

1. Cliroococcacea (Gloeocapsa, Merismopoedia etc.). 

2. Oscillarinea (Nostochacea, Rivulariacea etc.). 

VI. Gruppe: Fuugi (Mycetes). 

1. Phycomycetes (Saprolegnieae, Mucorinae etc.). 

2. Hypodermiae (Uredineae, Ustilagineae etc.). 

3. Basidiomycetes (Hymenomy cet es, Gastrom ycet es etc.). 

4. Ascomycetes (Protomycetes, Discomytes etc.) 

VII. Gruppe: lyxomycetes (Mycetozoa). 
VIII. Gruppe: Protoplasta (Araoeboida). 

1. Gymnamoebae (Autamocba, Nuclearia etc.). 

2. Lepamoebae (Aredia, Difflugia etc.). 

3. Gregarinae (Monocyslida et Poly cysti da). 

IX. Gruppe: ISoctilucae (Myxocystoda). 

X. Gruppe : Rhizopoila. 

1. Acyttaria (Monothaiamia et Poly thalamia). 

2. Ileliozoa ( Actinosphaerium Eichhornii). 

3. Radiolaria (Monocy ttaria et Polycy ttaria). 



Monograpliic der Moiiweii. 123 

V. V(M-iil eicluMulo Morphologie der Moneren. 

Um die ve^^^^ckelten Beziehtinc;en der Moneren 7ai den übrigen 
Protisten und überliaupt zu den Organismen niedersten Ranges richtig 
zu ^^iu•digen, erscheint es zunächst nolhwendig, sich über den mor- 
phologisclien , oder genauer leclologischen Werth derselben zu 
verständigen, und ihre Individualitäts-Stufe zu bestimmen. Ich lege 
hierbei die Anscliauungen zu Grunde, welche ich in meiner gene- 
rellen Tectologie oder Individualitätslehre (Structurlehre) der Or- 
ganismen entwickelt und begründet habe, i) 

Als den allgemeinen und einzig unentbehrlichen materiellen Be- 
standtheil aller Organismen haben wir das Plasma oder Protoplasma 
(Sarcode) , eine festflüssige stickstofflialtige Kohlenstoffverbindung 
aus der Gruppe der Eiweisskörper nachgewiesen. Dieses Plasma bildet 
bei den Moneren, als den tiefststehenden unter allen Organismen, ein- 
zig und allein für sich, ohne Betheiligung anderer Körper, den ganzen 
structurlosen Leib des vollkommen ausgebildeten Organismus. Seinem 
Formwerthe nach repräsenlirt derselbe also ein einfachstes morpho- 
logisches Individuum erster Ordnung, ein Plasmastück oder 
eine Plastide. 

Der vieldeutige Begriff der orga ni sehen Zelle ist nach dem ge- 
^^öhnlichen Sprachgebrauch auf diese einfachsten individualisirlen 
Plasmastückchen nicht mehr verwendbar. Um daher die Zelle nthe- 
orie, diese unentbehrliche Grundlage unserer gesammten Tectologie 
auch auf die Moneren und die verwandten Protisten anwendbar zu 
machen, habe ich das Verhältniss dieser Plasmastückchen zu wirklichen 
Zellen in meiner Tectologie möglichst scharf zu entwickeln versucht. 
Nach meiner Ansicht sind die echten Zellen, für deren Begriff ich die 
Sonderung von innerem Kern und äusserem Plasma für nothwendig er- 
achte , aus den Moneren durch innere Differenzirung hervorgegangen. 
Andererseits sind aus den Moneren durch äussere Differenzirung von 
Plasma und umhüllender Membran oder Schale die zellenähnlichen, 
aber kernlosen Piastiden, die membranösen Cytoden hervorgegangen. 

Durch diese systematische Unterscheidung erhalten wir folgende 
vier wesentlich dilTeienzirte Grundformen von Plastidcn, oder von mor- 
phologischen Individuen erster Ordnung : 

<) Generelle Morphologie. Vol. ]. Drilles Buch. IX. Capitel. p. 209. 



124 Ernst Häckel, 

Plastideii-Arten. 

I. Cytojiae (s. Cellinae), Cytoden. Plasmastücke ohne Kern. 

1. Gymnocytodae (s. Gytodae nudae), Nacktoytoden. 

Nackte Plasmastücke ohne Kern, ohne Membran oder Schale, z. B. 
die frei sich bewegenden Moneren, die kernlosen Plasmodien der Myxo- 
myceten und mancher anderen Protisten, die aus den Pseudonavicellen 
geschlüpften amoeboiden Keime derGregarinen etc. 

2. Lepocylodae (s. Gytodae membranosae), Hautcytoden. 

Umhüllte Plasmastücke ohne Kern, von einer (ganzen oder unvoll- 
ständigen) Membran oder Schale umschlossen, z. B. die eingekapselten 
Ruhezustände der Lepomoneren, viele Siphoneen und zahlreiche andere 
niedere Pflanzen, die sogenannten »kernlosen Zellen« vieler höheren 
Pflanzen und vieler thierischen Gewebe. 

II. Cellulac (s. Cyta), Zellen. Plasmastücke mit Kern. 

1. Gymnocyta (s. Cellulae nudae), Nacktzellen. 

Nackte Plasmastücke mit Kern, ohne Membran oder Schale, z. B. 
die echten Amoeben (Autamoeben), die nackten Schwärmsporen der 
Algen, die Eier der Siphonophoren und anderer Thiere , die farblosen 
Blutzellen , viele Nervenzellen und überhaupt sehr viele andere Zellen 
der Thiere etc. 

2. Lepocyta (s. Cellulae membranosae), Hautzellen. 

Umhüllte Plasmastücke mit Kern, von einer (ganzen oder unvoll- 
ständigen) Membran oder Schale umschlossen, z. B. die Diatomeen, die 
meisten jugendlichen Pflanzenzellen (so lange sie noch einen Kern be- 
sitzen), die Eier der meisten Thiere, und überhaupt sehr viele thie- 
rische Zellen etc. 

Offenbar beruht das hohe Interesse der Moneren vorzugsweise 
darauf, dass sie Gy mnocy toden, d. h. Piastiden der allercinfachsten 
Art sind, und dass also sämmtliche übrige Piastidenarten , wie sie den 
Körper aller Organismen bilden, auf sie zurückzuführen sind. Die Phy- 
logenie , die palaeontologische Entvvickelungsgeschichte der organischen 
Stämme • (Phylen) ist nothwendig zuletzt gezwungen , auf archigone 
(durch Generatio aequivoca entstandene) Moneren als auf die erste Wur- 
zel aller verschiedenen Organismengruppen zurückzugehen. Aus den 



Monographie der Moiiproii. 125 

Gymnocyloden als clon ursprünglichen Plastidenformcn (einfachslon, 
vollkommen homogenen Plasmasliiekchen) entstanden einerseits durch 
äussere Differenzirung von Plasma und Membran die Lepocytoden , an- 
dererseits durch innere Differenzirung von Plasma und Kern die Zellen; 
und diese letzteren zerfielen dann wieder in Haulzellen und Nackt- 
zellen , je nachdem sie sich mit einer Membran umgaben oder nicht. 
Auf diese vier Grundformen der Piastiden lassen sich alle übrigen Zellen 
und Zellenformen, und überhaupt alle histologischen Elemente zurück- 
führen , wie ich in meiner generellen Tectologie ausführlich entwickelt 
habe (Gen. Morph. Vol. I, p. 269—303). 

Bestinnnen wir nun nach diesem Maassstabe den morphologischen 
Werth aller bis jetzt bekannt gewordenen Monerenformen, w ie ich die- 
selben im letzten Abschnitt dieses Aufsatzes übersichtlich zusammen- 
stellen werde, so gelangen wir zu folgendem Resultate : 

i. Alle Moneren bleiben zeitlebens Cytoden; niemals 
gehen sie in den höhei'en Formzustand der Zelle über, da niemals in 
ihrem Protoplasma sich Kerne differenziren. 

2. Alle Moneren sind in vollkommen ausgewachse- 
ne m u n d fr e i beweglichem Z u s t a n d e G y m n o c y to d e n ; nie- 
mals besitzen sie in diesem Zustande eine Membran oder Schale oder 
eine sonstige Hülle. 

3 . D i e G y m n m o n e r e n (P r o to g e n e s , P r o l a m o e b a , viel- 
leicht auch My xodictyum?) bleiben zeitlebens Gymnocy- 
toden; sie gehen nicht in einen Ruhezustand über und umgeben sich 
nicht mit einer Hülle. 

4. Die Lepomoneren (Protomonas, Protomyxa, Vam- 
pyrcUa, Myxastrum) werden aus ursprünglichen Gym- 
nocytoden später Lepocytoden, indem sie behufs der Fortpflan- 
zung in einen Ruhezustand übergehen und sich dann mit einer Hülle 
oder Schale umgeben. 

5. Einige Moneren (Proto genes, Protamoeba) blei- 
ben zeitlebens einzelne, isolirte Cytoden, permanente In- 
dividuen erster Ordnung , indem die durch den Fortpflanzungsprocess 
entstehenden neuen Individuen (Bionten) sich sofort von dem elterlichen 
Organismus trennen, oder indem dieser einfach in zwei Stücke zerfallt. 

6. Andere Mou eren (Myxod i et yum und alle Lepomoneren) 
bilden zeitweilig In dividuen zweiter Ordnung oder Or- 
gane (in rein morphologischem Sinne) , indem während der Fortpflan- 
zungszeit die neu gebildeten Individuen (Schwärmsporen, Tetraplasten, 
Theilstücke, und andere Keimformen) eine Zeit lang zu einer Gytoden- 
colonie (Organ) vereinigt bleiben. 



\ 2G Ernst Hnckel, 

In diesen sechs Sätzen ist die vollständige morphologische Charak- 
teristik der Moneren enthalten. Dazu kommt dann noch das physiolo- 
gische Kriterium der ausschliesslich ungeschlechtlichen Fortpflanzung. 

Wenn wir nun, unter steter Berücksichtigung dieser charakteristi- 
schen Eigenthümlichkeiten, die Moneren mit den übrigen Organismen 
und besonders mit den nächstverwandten Protisten vergleichen , so 
werden wir leichter einerseits den besonderen Charakter der Moneren- 
gruppe, andererseits die mannichfaltigen Verwandtschaflsbeziehungen 
derselben zu den übrigen Gruppen erkennen. Ich werde also d(M- Reihe 
nach die den Moneren nächstverwandten unter den vorstehend aufge- 
führten Protistengruppen einzeln mit den Moneren vergleichen. 

I. Moneren und Rhizopoden. 

Von allen Organismen stehen die echten Rhizopoden den Moneren 
(etwa mit Ausschluss der Protamoeba) am nächsten. Ich besc^liränke 
dabei die natürliche Gruppe der echten Rhizopoden, wie ich in meiner 
generellen Morphologie gethan habe, (nach Ausschluss der Protoplasten 
oder Amoeboiden) auf die drei Classen der Acy ttarien (Monothalamien 
und Polythalamien, oder Imperforaten und Perforaten), derHeliozoen 
(bis jetzt nur aus dem eigenthümlichen Actinosphaerium Eich- 
hornii Stein, Actinophrys Eichhornii Ehrenberg, gebildet) 
und der Radiolarien (Monocyttarien und Polycyltarien). Die aller- 
meisten von diesen echten Rhizopoden unterscheiden sich von den Mo- 
neren dadurch, dass sie in frei beweglichem und vollkommen ausgebil- 
detem Zustande ein Skelet oder eine Schale besitzen. Die wcnij^en üb- 
rigen Rhizopoden, welche dieses Skelets oder dieser Schale entbehren, 
(Actinosphaerium, ThalassicoUa, Physematium, Collo- 
zoum) unterscheiden sich von den Moneren durch die Diffcrcnzirung 
von Kernen im Innern des Plasmakörpers. .Eine ganz eigenlhümliche 
Stellung nimmt die gewöhnlich zu den Rhizopoden gerechnete, sehr ge- 
meine Actinophrys sol (Ehrenb.) ein, der einzige genauer bekannte 
Repräsentant der echten Actinophrys. Ich würde diesen Organis- 
mus am liebsten zu den Moneren ziehen und zwischen Vampyrella 
und Myxastrum stellen. Die eigenthümliche sehr grosse conlractile 
Blase dieses Protisten würde dann als blosse Vacuole aufgefasst wer- 
den müssen. Da wir jedoch trotz der Häufigkeit der Actinophrys 
sol immer noch nichts Sicheres von ihrer Fortpflanzung und Entwicke- 
lung wissen, nmss ihre Stellung unter den Moneren vorläufig noch 
zweifelhaft bleiben. Die von CrENKOwsKi (1. c. p. 227) beobachteten 
Ruhezuslände der Actinophiys sol machen ihre Stellung unter den 



Monographie der Moneren. 127 

Moneren noch wahrscheinlicher. VeimuthUch werden künftig ausser 
(l(«r (H'hten Aclinophrys sol (l^hrcnb.) auch noch eine Anzahl nächsl- 
vorwaiuller aclinophrysarlii^er Prolislen (z.B. Trichodiscus und 
IMagiopln ys) zu den Moneren zu stellen sein. •) Die von CnmKowsKi 
neulich beschriebene C la Ihr ul in a, welche ich auch Ixm .Jena beob- 
achtet habe, halte ich für einen echten Rhizopoden und stelle ihn zu 
den Monothalaniien unter die Acyttarien^). 



II. Moneren und Flagellaten. 

Unter den verschiedenen Monercnformen zeigen die Schwärinspo- 
ren dei' Protomonas und Protoniy\a die grösste Aehnlichkeit mit 
den einfachsten Formen der Flagellaten. Die letzteren unterscheiden 
sich durch die DilTei'cnzirung von Kernen und von Hüllen. Das ausge- 
biklete und frei bewegliche Flagellal ist niemals eineGymnocytode, wie 
alle Moneren im frei beweglichen Zustande sind. 



III. Moneren und Lal) yr inthuleen. 

Unter den Moneren erinnert Myxastrum durch seine Fortpflan- 
zungszustände auÜallend an die La b yrin t h ula. Jedoch sind die ein- 
zelnen Piastiden der letzteren stets kernhaltig, also echte Zellen, wäh- 
rend die Moneren niemals Kerne besitzen. 



IV. Moneren und Diatomeen. 

Wie an die Labyrinlhuleen, so erinnern die spindelförmigen kie- 
selschaligen Sporen des Myxastrum auch an die Diatomeen, beson- 
ders an die einfachsten Formen von Navicula. Da jedoch auch die 
Diatomeen innner (?) kernhaltig, also echte Zellen sind, und da sie so- 



1) Actinosphaeriura Eichtiornii (Slein), welches gewühnlicli noch als 
Aclinophrys Eichhornii (Ehrenberg, nicht Kölliker) mit der echten Acti- 
nophrys sol (Ehrenberg; Aclinophrys Eichhornii Kölliker) in einem 
Genus vereinigt wird, ist seh r wei l davon verschieden. Bei Aclinophrys sol 
isl, wie bei den Moneren, der ganze Proloplasniakörper striicturios, während sich 
bei .\ c t i n o s p h a c r i um Eichhornii, einem echten K h i z o p o d c n , bereits 
kernhaltige Zellen in der Marksubstanz des Körpers difTcrenzirt haben. 

2) CiKSKowsKi, lieber die Cialhrulina, eine neue Aclinophrycn-Galtung. 



1 2S F-rnst Hackel, 

weit bekannt, niemals als nackte Piastiden erscheinen, so sind die Un- 
terschiede von den Moneren sehr durchgreifend. 

V. Moneren und M y x o m y c e t e n. 

Unter allen Protisten stehen nächst den echten Rhizopoden die 
Myxomyceten den Moneren am nächsten. Die colossalen nackten frei 
beweglichen Sarcodekörper von P r o t o g e n e s , P r o t o m y x a und auch 
von Vampyrella sind von den Plasmodien der Myxom yceten, beson- 
ders der dünnflüssigen Formen, an und für sich geradezu nicht zu 
unterscheiden. Nur die weitere Entwickelung lässt die Divergenz bei- 
der Gruppen erkennen. Dazu kommt noch die aufTallende Aehnlichkeit 
in der Fortpflanzung durch Schwärmsporen bei der Protomonas und 
Protomyxa. Man könnte daher diese als die einfachsten Myxomy- 
ceten betrachten. Allein die Spore der Myxomyceten umschliesst einen 
Kern und ist daher eine echte Zelle , w ährend bei den Moneren über- 
haupt niemals Kerne vorkommen. Hierin erblicke ich den wesentlichsten 
Unterschied der Moneren und Myxomyceten , abgesehen von der viel 
höheren Ditferenzirung des Sporangium bei den letzteren. Man könnte 
jedoch den eingekapselten Ruhezusland von Protomyxa als die erste 
und einfachste Anlage des Sporangiums der Mj'xorayceten betrachten. 
Bei beiden gehen die Schwärmsporen in den Amoebenzustand über. 

VI. Moneren und Prot opla sten. 

Auch die Protoplasten zeigen, gleich den Myxomycc,ten und Rhizo- 
poden, sehr nahe Beziehungen zu den Moneren. Als Protoplasten habe 
ich in der generellen Morphologie folgende drei Prolistengruppen zu- 
sammengefasst : i) Gymnamoebae (die echten, nackten Amoeben, 
mit Kern, mit oder ohne contraclile Blase oderVacuole: Autamoeba, 
Nuclearia, Pseudospora, Podostoma, Petalopus etc.). 2) 
Lepa moebae (mit Schale oder Panzer versehene Amoeben: Arcella, 
Difflugia, Euglypha etc.). 3-) Gregarinae (Monocystideen 
und Polycystidee n). Die Gregarinen sehe ich als Amoeben an, 
welche durch Parasitismus rückgebildet sind. Die Moneren zeigen zu 
den Proloplasten, namentlich zu den Gymnamoeben, die nächsten Be- 
ziehungen. Protamoeba ist nur durch den Mangel des Kerns und 
der conlractilen Blase von echten Amoeben (Autamoeba) zu unler- 
scheiden. Ausserdem erinnern die Pseudonavicellen der Gregarinen, 
noch mehr als die »Spindeln« der Labyrinthuleen , an die spindelför- 
migen Sporen des M y x a s t r u m. Ein wesentlicher und durchgreifender 



Mniioi!Tii|iliif der Moiinron. 129 

Unlerschied liegt aber wieder darin, dass l)ei allen Proloplaslen wirk- 
liche Zellenkerne in der Substanz der Sarcode difVercuizirt sind , wäh- 
rend dies bei den Moneren niemals der Fall ist. 

Die drei noch idjrigen Prolisten-Gruppen , die Phycochromaceen, 
Pilze und Xocliluken , zeigen weniger ausgesprochene Beziehungen zu 
den Moneren, als die fünf soeben betrachteten Gruppen , und eine be- 
sondere Vergleichung derselben ist daher überflüssig. Jedoch schliessen 
sich auch die niedersten Pilze, ebenso wie die einfachsten Phycochro- 
maceen, durch die Einfachheit und die niedere Ausbildungsstufe ihres 
Baues und ihrer Lebenserscheinungen unmittelbar an die Moneren an. 
Die einfachsten Anfänge derselben können unmittelbar aus Moneren 
hervorgegangen sein. 

Jedenfalls lässt sich schon jelzt aus der eben gegebenen Ueber- 
sicht und aus einer einfachen Veigleichung derEntwickelungsgeschichte 
der verschiedenen Prolisten mit voller Deutlichkeit ersehen , dass ohne 
vollständige Kenntniss der indi\iduellen Entwickelungsgeschichle sich 
die systematische Stellung der einzelnen niedrigsten Organismen in die- 
ser oder jener Protistengruppe nicht einmal mit annähernder Sicherheit 
bestimmen lässt. Ganz besonders gilt dies von allen nackten, amoeben- 
artigen und actinophrys-artigen Körpern, ebenso wie von den myxomy- 
ceten-artigen Plasmodien und von den flagellaten-artigen Schwärm- 
sporen. Hier, wie überall in der Moiphologie, ist, wie Baer sagt, die 
Entw ickelungsgeschichte der wahre Lichtträger für 
Untersuchungen über organische Körper. Nicht minder 
aber bewährt sich auch hier der wichtige Satz, dassdieDescen- 
denztheorie der wahre Lichtträger für die gesammte 
Entw ickelungsgeschichte ist. 



VL System der Moneren. 
Gruppeiicharakter der Moneren. 

Organismen ohne Organe, welche in vollkommen aus- 
gebilileleni Zustande einen frei beweglichen, nackten, 
vollkommen struct urlosen und homogenen Sarcode- 
(Protoplasma-) Körper bilden. Niemals differenziren 
sich Kerne (Nuclei) in dem homogenen Protoplasma. Die 
Bewegung geschieht durch Contractionen der homoge- 
nen Körpersubstanz und durch He r vortreiben von form- 
wechselnden Fortsätzen (Pseudopodien), welche ent- 
weder einfach bleiben oder sich verästeln und anasto- 
mosiren. Die Ernährung geschieht in verschiedener 

Band IV. t. 9 



j30 Ernst Hackel, 

Weise, meist nach Art der Rhizopoden. Die Fortpflan- 
zung geschieht nur auf ungeschlechtlichem Wege (durch 
Monogonie). Oft, jedoch nicht im mer, wechselt der frei 
bewegliche Zustand mit einem Ruhezustande ab, wäh- 
rend dessen sich der Köi'pcr mit einer ausgeschvs'itzten 
structurlosen Hülle umgiebt (encystirt). Alle Moneren 
leben im Wasser. 

Erste Abtheilung der Monerengruppe : 
Gyinnonionera. 

Moneren ohne Ruhezustand und Ilüllenbildung. 

Der frei bewegliche Zustand des Moneres wird von 
keinem Ruhezustande mit Ilüllenbildung unterbrochen. 

Genus I : Protamoeba Haeckel. *) 
Haeckel, Generelle Morphologie. 1866. Vol. I. p. 133. 

Gattungscharakter: Ein einfachster formloser Protoplasma- 
körper ohne Vacuolenbildung, welcher einfache, nicht verästelte und 
nicht anastomosirende Fortsätze treibt, und sich durch Zweitheilung 
fortpflanzt, 

Species: Protamoeba primitiva Haeckel. 

Taf. m. Fig. 25—30. 

Generelle Morphologie. 1866. Vol. I. p. 133. 

Protoplasmakörper von 0,0d — 0,05 Mm. Durchmesser, beständig 
formwechselnd, mit einem oder wenigen (3 — 6) peripherischen Pseudo- 
podien. Fortsätze kurz, abgerundet, stumpf, fingerförmig, höchstens 
so lang als der Durchmesser des centralen Körpers. 

Fundort: Ein Süsswassertümpel im Tautenburger Forst, Dorn- 
burg gegenüber, bei Jena. 1863 und 1865. 

Genus H: Protogenes Haeckel.^) 
Zeitschr. für wissensch. Zool. Vol. XV. 1865. p. 360. 

Gattungscharakter: Ein einfachster formloser Protoplasma-- 
körper ohne Vacuolenbildung, welcher verästelte und anastomosirende 
Fortsätze treibt, und sich durch Zweitheilung fortpflanzt. 

1) TiQMtri ct^oißr'i, die erste Wechselgestalt. 

2) 7i()ujToyirrjg, der Erstgeborene. 



Monographie der Moneren. • 131 

Spocios : P r o 1 g n s p r i in n r d i a 1 i s IIaeckel. 
l CherdonSarcodekörperderRhizopoden, I.e. p. 360. Taf. XXVI. Fig.1, 2. 

Proloplasmakörper bald kugelig zusammengezogen, von 0,1 — 1 
Mm. DinchiHcsser (1. c. Fig 1), bald plaüonförniig ausgobreitcl , von 
ganz unrogelmässigem ümriss, von 3— 4 Mm. Durchmesser (Fig. 2). 
Pseudopodien äusseret zahlreich (über tausend), sehr fein, mit sehr 
zahlreichen Verästelungen und Anastomosen. 

F un dort: Mittelmeer bei Nizza. 1 86 i. 

Genus III: Myxodictyum IIakckel.^) 

(Vergl. oben p. 99). 

fi a 1 1 u n g s c h a r a k l e r : Mehrere einfachste formlose Protoplasma- 
körpor ohne Vacuolenbildung, welche verästelte und anastomosirende 
Pseudopodien treiben, verbinden sich durch deren Anastomosen zu ei- 
nem Netz. (Die Fortpflanzung erfolgt wahrscheinlich durch Theilung 
imd durch Ablösung der einzelnen Individuen, welche dann neue Golo- 
nieen bilden? ?). 

Species : M y x o d i c t y u ni sociale Haeckel. 
Taf. III. Fig. 31—33. 

Proto]>lasmakörper an dem einzigen beobachteten Exemplar ein 
(lach ausgebreitetes Sarcodenetz von 0,35 Mm. Durchmesser bildend, 
zusammengesetzt aus siebzehn Moneren-Individuen, actinophrys-ähn- 
lichcn Körperchen von 0,04 Mm. Durchmesser. 

V II n (lorl : Bai von Algesiras an der Strasse von Gibraltar. 1867. 

Zweite Ablheilulig der Monerengruppe: 
l^cpomoncra. 

Moneren mit Ruhe zustand und Ilüllenbiklung. 

Der frei l)ewegliche Zustand des Moneres wird von 
einem Rnhezustande mit Ilüllenbiklung unterbrochen. 

Genus IV: Protomoiias 1Iai:ckel.^) 
Generelle Morphologie, Vol. II. p. XXIII. 

Gattungscharakter: Ein einfachster formloser Protoplasma- 
körper, ohne Vacuolenbildung, welcher einfache oder verästelte Pseu- 



i] uv^oö ixj vor , Schleiiiincl/. 
2) TTQWTouorcig, Ureiiiheil. 



132 • Ernst Häckel, 

dopodien treibt. Fortpflanzung durch Schwärmsporen, welche in Plas- 
modien zusammenfliessen. 

Species: Prolomonas am yli IIaeckel. 

(Monas am yli Gienkowski). 

Archiv für mikrosk. Anat. Vol. I. p. 165. Taf. XII. Fig. 1—5. 

Protoplasmakörper ein Plasmodium , welches durch Verschmelzen 
mehrerer Schwärmsporen entsteht, von ungefähr 0, 02 — 0,05 Mm. Durch- 
messer, mit wenigen, verästelten, sehr feinen Pseudopodien. Ruhezu- 
stand eine rundliche Lepocytode, deren Membran keilförmige, nach innen 
vorragende Warzen treibt. Schwärmsporen spindelförmig, sehr con- 
tractu, mit mehreren (zwei ?] Geissein versehen, sich nach Art einer An- 
guillula bewegend. 

Fundort: In faulenden Nitellen des süssen Wassers in Deutsch- 
land und Russland (Gienkowski). ^ 

Genus V : Protomyxa Hakckel. i) 
(Vergl. oben p. 71) 

Gattungscharakter: Ein einfachster formloser Protoplasma- 
körper mit Vacuolenbildung, welcher verästelte und anastomosirende 
Pseudopodien treibt. Fortpflanzung durch Schwärmsporen , welche in 
Plasmodien zusammenfliessen. 

Species: Prolomyxa a urantiaca IIaeckel. 
Taf. II. Fig. 1—12. 

Protoplasmakörper ein Plasmodium von orangerolher Farbe, wel- 
ches (immer ?) durch Verschmelzen mehrerer Schwärmsporen entsteht, 
von 0,5 — 1 Mm. Durchmesser; mit sehr zahlreichen und sehr dicken, 
baumförmig verästelten Pseudopodien, welche durch viele Anastomosen 
ein Netz bilden. Ruhezustand eine kugelige Lepocytode von 0,15 Mm. 
Durchmesser, mit dicker, structurloser Hülle (Cyste) . Schwäimsporen 
birnförmig, am spitzen Ende kegelförmig , in eine sehr starke Geissei 
auslaufend, sich nach Art der Myxomycetenschwärmer be\vegend. Die 
zur Ruhe gekommenen Sporen kriechen nach Amoebenart einher. 

Fundort: Auf hoher See treibende nackte Schalen von Spirula 
Peronii, angetrieben an die Küste der canarischen Insel Lanzarote. 
1 867. 



1) TiQcoTÖftv^a, Urschleim. 



Moiiojiraiihio der Moiioitii. 133 

Genus VI : VampjTPlIa Ciknkowski. ') 
Archiv für niikrosk. Anal. Vol. 1. j). iMS. 

Gatlungschnrakter : Ein einfachster formloser rroloplasma- 
körper ohne Vacuolenbildunc;, welcher einfache oder veräslelle Pseiido- 
li()(li(>n Ireibt. Fortpllanzving durch Tetraplnslenbildung : der eingekap- 
seile iiihentle Körper zerfallt erst in zwei , dann in vier Keime, welche 
nacli (Irin vVustritl aus der Cyste actinophrys-ühnliche Körper darstellen. 

Species 1 : Vampyrella Spirogyrae Gienkowski. 
Archiv für mikrosk. Anat. Vol. I. p. 218. Taf. XII. Fig. 41—56. 

Protoplasmakörper von ziegelrother Farbe, und äusserst wechseln- 
der und unregelmässiger Gestalt. Pseudopodien mitKörnchenbewegung, 
llieils lang, dünn und spitz, Iheils kurz, dick und stumpf. Die Pseudo- 
podien bohren die Zellen der Spirogyra an und saugen deren Inhalt 
heraus. Ruhezustand eine kugelige oder sphaeroidale, seltener unregel- 
mässige Lepocytode, von 0,06 Mm. Durchmesser, angeheftet an Spiro- 
gyren. Cystenwand aus Cellulose bestehend (durch lod und Schwefel- 
säure gebläut). 

Fundort: Spirogyren des süssen Wassers. Cienkowski. 

Species 2 : Vampyrella pendula Gienkowski. 
Archiv für mikrosk. Anat. Vol. I. p. 221. Taf. XII. Fig. 57—63. 

Protoplasmakörper von ziegelrother Farbe und sehr wechselnder 
Gestalt. »Pseudopodien ohne Körnchenbewegung« bohren die Zellen ver- 
schiedener Gonferven, Oedogonien, Bulbochaeten etc. an und saugen 
deren Inhalt heraus. Ruhezustand eine birnförmige Lepocytode, die 
mit dem zugespitzten Ende angeheftet ist. Von dem encyslirten, kuge- 
lig Contrahirten Körper geht ein fadenförmiger Fortsatz durch das zuge- 
spitzte Ende der aus Gellulose bestehenden Gystenwand hindurch zur 
Ansatzstelle. 

Fundort: Verschiedene Gonferven des süssen Wassers. 

Species 3 : Vampyrella vorax Gienkowski. 
Archiv für niikrosk. Anat. Vol. I. p. 223. Taf. XII. Fig. 64—73. 

ProtoplasmaköiTier von ziegelrother Farbe, und höchst unregelmäs- 
siger und wechselnder Gestalt. »Pseudopodien ohne Körnchcnbewe- 



1) Deminutivuin von Vampyrus, 



134 l'-nist lliickel, Mounirraplüp der Moneren. 

gunga, iimfliessen nach Art der Rhizopoden fremde Körper (Diatomeen, 
Desmidiaceen und Flagellaten) und ziehen diese in das Innere des Kör- 
pers hinein. Ruhezustand eine ganz unregelmässige, meist langge- 
streckte Lepocytode, 

Fundort: Im süssen Wasser. 

Genus VII: lyxastrum Haeckel.i) , 
(Vergl. oben p. 91). 

Gattungscharakter: Ein einfachster formloser Protoplasma- 
körper ohne Vacuolenbildung , welcher einfache oder verästelte und 
anastomosirende Fortsätze treibt. Fortpflanzung durch Strahltheilung. 
Der eingekapselte ruhende Körper zerfällt in eine grosse Anzahl von 
länglichen Keimen, deren Längsaxe radial gegen das Centrum der kuge- 
ligen Cyste gerichtet ist. Jeder einzelne Keim umgiebt sich mit einer 
kieseligen Hülle. Die aus dieser Sporenhülle ausschlüpfenden Keime 
nehmen sofort wieder die Form des erwachsenen Organismus an. 

Species : Myxastrum radians Haeckel. 
Taf. III. Fig. 13—24. 

Protoplasmakörper in frei beweglichem Zustand gewöhnlich von 
Gestalt einer strahlenden Kugel, von sehr zäher Consistenz, von 0,3 — 
0,.5 Mm. Durchmesser. Pseudopodien sehr zäh und starr, mit spärlicher 
Verästelung und Anastomosenbildung. Fremde Körper, Diatomeen, Pe- 
ridinien etc. werden von den Pseudopodien umflossen und in den Cen- 
tralkörper hineingedrückt. Ruhezustand eine kugelige Cyste von 0,08 
Mm. Durchmesser. Der Inhalt zerfällt in zahlreiche kieselschalige Spo- 
ren von 0,03 Mm. Länge, 0,015 Mm. Breite, deren Längsaxe radial 
gegen das leere Centrum der kugeligen Cyste gerichtet ist. 

Fundort: Hafenbecken von Puerto del Arrecife, Hafenstadt der 
canarischen Insel Lanzarote. 1867. 



1) iiv^a, vlajQov, Schleimstcrnchen. 



Erklärung der Abbildungen. 

Taf. I[. 
P r o 1 tn y X a a u r a n t i a c a . 

Fig. 1. Protomyxa aurantiaca, encystirt, im Ruhezusland : eine homo- 
gene orangerolhc Protoplasmakugel , umgeben von einer weichen structuilosen 
Gallerthülle. Vergr. 300. 

Fig. 2. Dieselbe, im Beginne der Entwickelung. Die homogene orangerothe 
Protoplasmakugol bat sich von der Innenseile der Cystenwand zurückgezogen, ver- 
dichtet, und beginnt in zahlreiche kleine Kugeln zu zerfallen; zwischen Plasma- 
kugel und Gallerthülle hat sich ein wenig helle Flüssigkeit angesammelt. Vergr, 300. 

Fig. 3. Dieselbe, weiter entwickelt. Die Plasraakugel ist vollständig in zahl- 
reiche kleine Kugeln von gleicher Grösse zerfallen ; diese füllen, locker beisammen- 
liegend, den ganzen Hohlraum der kugeligen Cyste wieder aus. Vergr. 300. 

Fig. 4. Die kleinen Protoplasmakugeln, welche aus dem Zerfall der encystirten 
Plasmakugel hervorgegangen sind, ziehen sich an einem Ende in eine lange Geissei 
aus, und treten als »Schwiirmsporen« unter lebhafter Bewegung aus der Cysten- 
hülle (»Sporangium«) aus. Vergr. 300. 

Fig. 5. Zehn einzelne birnförmige Schwärmsporen, sich nach dem Austritt 
aus der geborstenen Cyste mittelst ihrer Geissei lebhaft bewegend; der Sporen- 
körper ist sammt seiner Geissei eine vollkommen nackte und homogene Sarcode- 
masse. Vergr. 380. 

Fig. 6. Sieben einzelne Schwärmsporen, welche zur Ruhe gekommen sind, 
die Geissei eingezogen haben und statt dessen eine Anzahl von spitzen, formwech- 
selnden Fortsätzen (Pseudopodien) hervorstrecken; sie kriechen mittelst derselben 
unter beständiger langsamer Formveränderung nach Amocbenart umher; der ho- 
mogene Plasmakörper ist noch ohne Vacuolen. Vergr. 380. 

Fig. 7. Drei amoebenartige Keime (zur Ruhe gekommene, kriechende Schwärm- 
sporen) vereinigen sich mittelst ihrer anastomosirenden Pseudopodien und fliessen 
schliesslich vollständig in einen einzigen Plasmakörper (Plasmodium) zusammen ; 
bereits sind einzelne Vacuolen [v] im Plasma wahrzunehmen. Vergr. 220. 

Fig. 8. Zwei amoebenartige Keime (von den in Fig. 6 abgebildeten) greifen 
eine Diatomee (Navicula) an den beiden entgegengesetzten Enden an. Vgr. 220. 

Fig. 9. Dieselben beiden Amoebenkeime, wie Fig. 8, etwas später; von beiden 
Enden der Navicula her dieselbe überziehend, sind sie in der Mitte zusammenge- 
trolTen und haben sich hier zu einer einzigen vereinigt. Vergr. 220. 

Fig. <0. Eine ältere Protomyxa, entweder durch einfaches Wachsthum eines 
einzigen amoobenartigcn Keimes oder durch Verschmelzung einer grösseren An- 
zahl von Amocbcn zu einem Plasmodium entstanden. Eine gefressene Islhmia und 



] 36 Erklärung der Abhikliingcii. 

eine Navicula, nebst zahlreiclion Vacuolen (r) sind in dem homogenen Parenchym 
der Sarcode sichtbar. Vergr. 220. 

Fig. 11. Eine ausgewachsene Protomyxa im üppigsten Futterzustande, nach 
sehr reichlicher Nahrungsaufnahme. Im Inneren des centralen Protoplasma-Leibes 
befinden sich zahlreiche Vacuolen (v), ferner oben zwei noch zusammenhängende 
Isthmien, unten drei gegitterte Kieselschalen von pelagischen Tintinnoiden, (zwei 
Dictyocysta elegans und eine Dictyocysta mitra); die eine Schale scheint eben aus- 
gestossen zu werden Ringsum strahlen von dem centralen Sarcodekörper die sehr 
starken, baumformig verzweigten Pseudopodien aus, deren peripherische Anasto- 
mosen zahlreiche bogenförmige Schlingen bilden. Oben haben mehrere starke 
Pseudopodien soeben ein dreihörniges Pendinium erfasst und umtliessen es. Die 
Vacuolenbildung erstreckt sich auch in die grosseren Pseudopodien hinein. 
Vergr. 220. 

Fig. 12. Eine ausgewachsene Protomyxa, hungernd, ohne Nahrung Der ganz 
homogene Sarcodeleib strahlt ringsum eine sehr grosse Menge von baumformig 
verästelten Pseudopodien aus, welche nur wenige Anastomosen bilden und wenige 
Körnchen führen. Auch die Zahl der Vacuolen in dem centralen Protoplasma- 
körper ist gering. Vergr. 140. 

Taf. III. 
Fig. 13—24. Myxastrum radians. 

Fig. 13. Myxastrum radians, encystirt, im Ruhezustand: eine liomogene 
farblose Protoplasmakugel, umgeben von einer zähen slructurlosen Gallerthülle. 
Vergr. 450. 

Fig. 14. Dasselbe, im Beginne der Entwickelung. Die homogene farblose 
Protoplasmakugel beginnt durch radiale Zerklüftung (Strahltheilung) in zahlreiche 
kegelförmige Portionen zu zerfallen, deren Spitzen sich im Centrum der Kugel be- 
rühren , während ihre abgerundeten Basen an der Oberfläche der Plasmakugel 
eine maulbeerfürmige Zeichnung hervorrufen. Vergr. 450. 

Fig. 15 Dasselbe, weiter entwickelt. Die kegelförmigen Plasmastücke, welche 
durch die radiale Zerklüftung der encystirten Plasmakugel entstanden, haben Spin- 
delform angenommen, und jedes einzelne hat eine kieselige Hülle ausgeschieden. 
Das encystirte Myxastrum stellt jetzt ein kugeliges Sporangium dar, welches 
zahlreiche spindelförmige, kieselschalige radial gestellte Sporen einschliesst. 
Vergr. 450. 

Fig. 16. Dasselbe Sporangium, wie Fig. 15. Der Focus des Mikroskops ist auf 
eine meridianale Durchschnittsebene der Kugel eingestellt, so dass man die radiale 
Stellung der kieselschaligen spindelförmigen Sporen wahrnimmt. Vergr. 450. 

Fig. 4 7. Die leere Kieselschale einer Spore, deren Protoplasmakörper bereits 
ausgeschlüpft ist. Vergr. 450. 

Fig, 18. Eine Spore, deren Sarcodeinhalt aus der Kieselschale auszuschlüpfen 
l)eginnt. Vergr. 450. 

Fig. 19. Dieselbe Spore, wie Fig. 18, einige Zeit später. Es ist nur noch wenig 
Sarcode in der Kieselschalc. Vergr. 450. 

Fig. 20. Der homogene Sarcodeleib einer Spore, welche ihre Kieselschale 
(Fig. 17) gänzlich verlassen und sich kugelig zusammengezogen hat. Vergr. 450. 

Fig. 21. Dieselbe Sarcodekugel, wie Fig. 20, einige Zeit später. Es beginnen 
überall feine Strahlen aus der Oberfläche vorzutreten. Vergr. 450. 



I'.ikl.iniiiii (ItT Abbildiiiigt'ii. 137 

Fit;, ii. Eiii etwas ällres kugeliges Myxaslruin , dessen radiale Pseudopodien 
schon langer sind. Vergr. 450. 

P'ig. :23. Ein erwachsenes MyxasUuni , während sehr reichlicher Nahrungs- 
aufnahme, im üppiizsten Futlerzustande. Die radialen Pseudopodien, welche rings- 
um von der centralen Plasmakngel ausstrahlen, legen sich büschelförmig über den 
angegriffenen Beutestücken zusammen und drücken diese in den Sarcodeleib hinein. 
In der Mitte sind drei Naviculen, unten eine Kette von Bacillarien, und oben rechts 
ein Peridinium gefangen. Körnchen sind in reichlicher Menge im Protoplasma 
zerstreut Vergr. 280. 

Fig. 24. Ein ausgewachsenes Myxastrum, hungernd, ohne Nahrung. Der ganz 
homogene Sarcodeleib strahlt ringsum eine sehr grosse Men.;.'e von starren ein- 
lachen radialen Pseudopodien aus, von denen nur sehr wenige sich verästeln und 
anastomosiren. Die Zahl der Körnchen im Plasma ist sehr gering. Vergr. 280. 

Fig. 23— 30. Pro tamoeba primi ti va. (Vergr. 400). 

Flg. 23. Protamoeba primitiva, mit mehreren kurzen Fortsätzen. 

Fig. 26. Dieselbe, mit einem langen Fortsatz. 

Fig. 27. Dieselbe, im ersten Beginn der Zweitheilung. 

Fig. 28. Dieselbe, mit weiter fortgeschrittener Zweitheilung. 

Fig. 29. Dieselbe, mit fast vollendeter Zweitheilung. 

Fig. 30. Dieselbe, durch vollendete Zweitheilung in zwei Individuen (A und 
B, zerfallen. 

Fig. 31 — 33. M y xodi c ty um so cia 1 e. 

Flg. 31. Myxodictyum sociale, eine Colonie von siebzehn, durch ein Sarcode- 
netz verbundenen, actinophrysartigen Moneren. Vergr. 400. 

Fig. 32. Ein einzelnes Stück des Sarcodenetzes. Vergr. 600. 

Fig. 33. Ein einzelnes Individuum, welches sich von der Colonie der siebzehn 
Moneren abgelöst hat. Vergr. 400. 



Kleinere Mittheilungen. 



lieber die Constitution der sog. Homologen der Blausäure. 

Von 
A.'Geuther. 

Die von A. W. Hofmann') und Gautier*) in neuester Zeit bei der Einwiricung 
von Cliloroform und Aminbasen auf Kalihydrat und von Cyansilber auf die lod- 
wasserstoff-Aetfier erhaltenen, mit den sog. Nitrilen isomeren Verbindungen sind 
von HoFAiANN als »Homologe der Blausäure«, von Gautier als »Isomere der Cyan- 
wasserstofif-Aether« bezeichnet worden. Kolbe ^) unterscheidet die Letzteren von 
den Ersteren so, dass er in ihnen einen zweiwerthigen Kohlenstoff annimmt, 
welcher mit dem einwerthigen Alkoholradicai den dreiwerthigen Stickstoff befric- 

€],„ 
digt: , > N, während in den ersteren diess durch ein dreiwerthiges Kohlenstoff- 
R 



radical geschehen soll: R€ ) N. Claus*) legt den neuen Cyanverbindungen die 
doppelte Moleculargrösse bei, als den Nitrilen. 

Ich glaube, dass es weder der Annahme eines zweiwerthigen Kohlenstoffs^ 
noch die einer Verschiedenheit des Moleculargewichts zur Erklärung der Isomerie 
bedarf. 

Die Eigenschaft des Stickstoffs einwerthig auftreten zu können, d. h. Was- 
serstoff zu gleichen Mischungsgewichten zu vertreten, beweisen die sog. Azover- 

bindungen. Die Blausäure ist aber auch als eine solche, als Monazomethylen : €^ 

aufzufassen und ihr analog sind die übrigen Nitrile zu betrachten : Acetonitril = 

„tj* ,H^ H* 

€*j^. Propionitril = €\t etc. und Benzonitril = €V Sie alle sind Monazover- 

bindungen der Kohlenwasserstoffe von der allgemeinen Formel: €" H-" — ^'" (wo- 
rin m=:o und jeder ganzen Zahl, die kleiner als n ist, sein kann). Die Blausäure, 



1) Annal. d. Chemie. Bd. U4. p. 114. 

2) Zeitschrift f. Chem. N. F. Bd. 3. p. 666. 

3) Ebcnd. Bd. 4. p. 30. 

4) Ber. d. naturf. Gesellsch. in Freiburg. Bd. 4. IUI. 4. 



A. Gonllier, iitior die ronsliliition der soficn. Homologen der Blausäure. 139 

»las Acetonilril, das Propionilril etc. sind homologe Glieder einer Reihe. Daher 
kommt es, dass sie bei der Umsetzung mit Kalihydrat und Wasser die gleiche Ver- 
änderung erleiden und homologe Zersetzungsproducte, die homologen Säuren, lie- 
fern. Die neu entdeckten Cyanverbindungen dagegen sind, um im gewöhnlichen 
Sprachgebrauch zu reden, nichts als blausaure Salze, CyanwasserstolTvcrbindungen 
der KohlenwasserstolTe €" tf"— 'm, sie entsprechen dem Cyanwasserstoff-Ammo- 
niak (Cyanammonium). Daher liefern sie alle unter dem Einfluss starker Säuren die 
Zersetzungsproducte der Blausäure, Ameisensäure und Ammoniak, welch' letzteres 
sogleich zu dem KohlenwasserstofT tritt und die Aminbase bildet. Starken wäss- 
rigcn Basen gegenüber besitzen sie die Beständigkeit der Haloidaether. 

Während also die Blausäure, das Acetonitril, das Propionitril, das Benzonitril, 
Abkömmlinge dos Methylen's, des Aethylen'sdes Fropylen's, desBenzylen's (€^H*) 
sind, sind die neuen Cyanüre: das Methylcyanür, das Aethylcyanür, Phenylcyanür 
Abkömmlinge des Sumpfgases, des Aelhylwasserstoffs, desBenzol's, in gleicher 
Weise, wie das Melhylchlorür, das Aethylchlorür, das-Phenylchlorür es sind. 

€H^ e'H*; e'Wetc. €^H« i €H», H"; €*M*, H«; etc. €"0*, M'. 
■ej €=^ €»5 €'5 I €M"-, €5.€»M*,€5. » €«M*, €« 

€Ä*,H€1;€*H*,HG1 » €«H*, H€l. 

Nicht die neuen Cyanverbindungen also, sondern die schon längst bekannten 
Nitrile sind die wahren Homologen der Blausäure. 

Ich werde in Kürze Gelegenheit nehmen die Ansicht, dass die Blausäure als 
Azomethylen aufzufassen ist, und die sich daraus ergebenden Consequenzen näher 
zu entwickeln. 

Jena, d. 15. Jan. 1868. 



Zwei NotizeD. 

Von 
A. Geuther. 

E. Lisnemann') beobachtete bei der Einwirkung von salzsaurem Aethylamin 
auf salpetrigsaures Silberoxyd neben Alkohol eine bei 170 — 172" C. siedende Sub- 
stanz, die schwach gelblich gefärbt, leichter als Wasser ist, einen eigenthümlichen 
Geruch und die Zusammensetzung €*H'°N'^0* besitzt. Er meint von ihr, dass sie 
sich ihrer Zusammensetzung nach, keiner bis jetzt bekannten Classe von Körpern 
anschliesse. Dieselbe ist indess nichts anderes, als das von Kreutzhage und mir*) 
bei der Einwirkung von salzsaurem Diaethylamin auf salpetrigsaures Kali und 
ebenso von salzsaurera Triaethylamin auf das Letztere') beobachtete Ni tro so- 
diaethylin. Dasselbe besitzt die gleiche Zusammensetzung, den gleichen Siede- 
punct (170—173« uncorr. ; 176'',9 corr.) und die nämlichen Eigenschaften ; es ist 



<) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. 144. p. 133. 

2) Ebend. Bd. 128. p. 151. 

3) Diese Zeitschrift. Bd. I. p. 4ü4. 



140 



A. Geutlier, Zwei Notizen. 



nümlich eine »schwach gelblich gefärbte« Flüssigkeit, von »eigcntliümlich-aroma- 
tischcin Geruch,« es löst sich in conc. Salzsäure und wird beim Erhitzen damit 
unter Bildung von Stickoxyd wieder in salzsaures Diaethylamin verwandelt. Ich 
habe schon bei der ersten Beschreibung dieser Verbindung die Vermuthung aus- 
gesprochen, dass das von Hofmann bei der Zersetzung des Salzsäuren Aethylamin's 
in geringer Menge erhaltene Oel eben diese Verbindung sei, was jetzt durch die 
Versuche von Linnemann bestätigt wird. 

Das Nitrosodiaethylin ist, wie sein Verhalten zur Salzsäure zeigt, ein Abkömm- 
ling des Diaetliylamin's und nicht wie Linnemann anzunehmen geneigt ist, ein sol- 
cier des Aethylen's und Aethylenovyd's, es ist eben Nitrosoxydiaethylanün 
(Nitrosodiaethylin) d. h. Diaethylamin, worinn an Stelle von 1 Mgt. Wasserstoff 
die Eiemciito vom Stickoxyd, oder i Mgt. Sauerstoff und 1 Mgt. SauerstotTuxydul 
enthalten sind : 



^ ONO 1 



tt'N. 



Es ist die analoge Verbindung eines Hydroxydiaethylamin's: 

^ OHO J 

Das von A. Siersch bei der Behandlung von salzsaurem Propylamin mit sal- 
pelrigsaurem Silberoxyd erhaltene, zwischen 200 — 205" siedende Nebcnproduct 
von der Zusammensetzung €*H'*N^O* ist offenbar nichts anderes, als das homo- 
loge Glied vom Dipropylamin. 



A. W. Hofmann') hat über die Veränderung, welche die Dämpfe des Me- 
thylalkohols erleiden, wenn sie mit einem Strom atmosphärischer Luft über eine 
glühende Platinspirale geleitet werden, berichtet. Er ist der Meinung, dass dabei 
das Methylaldehyd gebildet werde, weil das mit Ammoniak alkalisch gemachte 
llüssige Product mit salpetersaurem Silberoxyd erwärmt, einen vollkommnen Sil- 
berspiegel erzeuge, indem zuerst Ameisensäure und dann Kohlensäure entstehe, 
dass ferner dasselbe mit einigen Tropfen Kalilauge erhitzt sich beim Kochen trübe, 
eine gelbe Färbung annehme und bald gelbbraune Oellröpfchen abscheide, die im 
hohen Grade den Geruch von Aldehydharz besitzen. Dass ferner, wenn man 
Schwefelwasserstoff in jenes flüssige Product der Reaction leite , es sich nach eini- 
gen Augenblicken trübe, indem sich ölige Tropfen von zwiebelartigem Geruch ab- 
scheiden, die sich beim Kochen mit Salzsäure lösen und beim Erkalten eine Masse 
blendend weisser verfilzter Nade>n von der Zusammensetzung €H^S* liefern. Der 
Schmelzpunct derselben liegt bei 218" , sie verflüchtigen sich ohne Zersetzung, sie 
sind wenig löslich in Wasser, mehr in Alkohol ; Aether ist ihr bestes Lösungsmittel. 

Die Zusammensetzung dieser Krystalle, sowie die obige von Hofmann gegebene 
Beschreibung stimmen vollkommen überein mit der von Girard") durch Reduction 



1) Compt. rend. T. LXV. p. 555. Zeitschr. für Chemie. N. F. Bd. 4. p. 6. 
2] Annal. Bd. 100. p. 306. 



.lohn Mayow ri!)pr Apiino imd l'liirputarrpspir.itinn. 141 

von SchwefelkohlenstolT zuerst beobachteten, später von A. MusemannI) aus dem 
Melhylcnsiilfür Product der Einwirkung von Mclin lenjodür auf Sohwefeinntrium) 
beim liriiitzen auf 150" erhaltenen und von Letzterem »Di m e tti y 1 onsui f Ur« be- 
nannten Verbinduni;. Husemann sagt von ihr, dass sie in »feinen klinorhonibischen 
Prismen« kryslallisire, deren Schmelzpunkt »obcriiaib 200"« liege, die sich aber 
»schon bei weit niedrigeren Temperaturen in reichlicher Menge vertlüchtigen«, dass 
sie einen »unerträglich zwiebelartigen Geruch« besitzen und »ihre Löslichkeit in den 
verschiedenen indifTerentcn Lösungsmitteln sehr gering ist, dass sie sich am besten 
noch in Schwefolkohlcnston' und Benzin lösen.« Gikakd beobachtete ihre unver- 
änderte Löslichkeit in warmer Salzsäure. 

Wenn darnach, wie mir scheint, die Identität der von Hofmann erhaltenen Kry- 
slalle mit dem Dimethylensulfür nicht mehr bezweifelt werden kann, so wird die 
Existenz des Methylaldehyds in dem betreffenden Product natürlich ebenso sehr 
fraglich , als darin die Anwesenheit von Dioxymethylen, welches durch Oxydation 
leicht Ameisensäure und Kohlensäure liefert, wahrscheinlich xvird. 

Jena, den 25. Januar 1S6S. 



Johii ülayow über Apnoe iiiul Placentarrespirafion. 

Von 
B. S. Schultze. 

Studien über ältere Anschauungen von den Existenzbedingungen des Fötus 
führten mich auf Mavow, dessen Tractatus tertius überschrieben ist : De respira- 
tione Foetus in utero, et ovo. 

Es war bekannt, dass Mayow dem Sauerstoff auf der Spur gewesen sei, hun- 
dert Jahre vor dessen Entdeckung durch Lavoisier. Dass ihm die physiologische 
Bedeutung dieses sehr bestimmt von ihm definirten Bestandtheils der Atmosphäre 
nicht sowohl ahnungsweise vorschwebte, als vielmehr auf Grund von Experimenten 
offenbar war, und zwar zum Theil bis in Einzelheiten, deren Wiederauffindung der 
Forschung der neuesten Zeit vorbehalten war, hat neuerdings Heidenhain^) aus- 
führlich dargelegt. 

Mavow weist nach, dass derjenige Bestandlheil des Salpeters, welcher dessen 
explosive Wirkung im Schiesspulver bedingt, identisch ist mit demjenigen Bestand- 
lheil der Atmosphäre, welcher zur Unterhaltung der Flamme, zur Unterhaltung der 
Athmung erforderlich ist. Dass duich die Athmung, wie durch die Flamme ein 
und derselbe ßestandtheil der Atmosphäre verbraucht wird, dass durch beide Pro- 
cesse die Atmosphäre diesen ßestandtheil verliert, durch dieselben an Volum ein- 
büsst, auch untauglich wird, sowohl der Athmung als der Verbrennung weiter zu 
dienen, das deraonstrirt Mayow durch dieselben Experimente, deren man sich 
heute in Schulen und Vorlesungen zur Demonstration der glcichenThatsachen bedient. 



1) Annal. Bd. 126. p. 294. 

2) Mechanische Leistung, Wärmeenlwickelung und Stoffümsatz bei der Mus- 
kcllhätigkeii. Leipzig, 1864. Seite 5 u. ff'. 



142 ß- S. Schiiltie, 

Mayow weiss, dass nicht allein die durch Lungen athmenden Thicre des Sauer- 
stoffs bedürfen und denselben verzehren, er weiss dass auch die Fische durch die 
Kiemen den dem Wasser beigemischten Sauerstoff absorbiren, dass auch die Pflan- 
zen nicht existiren können in einem Boden, der mit der Atmosphäre nicht frei 
communicirt.') 

Mayow weiss auch, dass in den Lungen die Functionen des durch die Athmung 
aufgenommenen Sauerstoffs nicht sich vollenden, er weiss, dass der Sauerstoff in's 
Blut aufgenommen wird und dass das arterielle Blut dem aufgenommenen Sauer- 
stoff seine hellrothe Farbe verdankt, dass der Sauerstoff erst in den Geweben ver- 
braucht wird, und dass dieser Verbrauch von "Wärmeentwickelung begleitet ist. 
Ganz besonders kennt erden durch jedwede Muskelcontraction gesteigerten Sauer- 
stoffverbrauch und die eben dadurch bedingte vermehrte Wärmeproduction , das 
eben dadurch vermehrte Athembedürfniss. Die Fieberhitze leitet er davon ab, dass 
zu viel verbrennliche Substanzen im Blute vorhanden sind und zwar von deren 
chemischer Vereinigung mit dem durch die Athmung in's Blut aufgenommenen 
Sauerstoff, (p. UO.) 

Mayow,, der, beiläufig bemerkt, auch über den Mechanismus der Respiration 
auffallend richtige Ansichten hat, kennt natürlich das HooK'sche Experiment, er 
weiss, dass zur Befriedigung des Athembedürfnisses wechselnde Ausdehnung und 
Verkleinerung der Lunge nicht unbedingt nothwendig ist, er unterhielt die Respi- 
ration künstlich durch einen continuirlich durch die an ihrer Oberfläche durch- 
löcherten Lungen unterhaltenen Luftslrom (p. 262). 

Es ist nicht ersichtlich, dass Mayow auch eine Absonderung gasförmiger 
Bestandtheile aus dem Blut in den Lungen nur vermulhet habe. Die Wichtigkeit 
der Exspiration leuchtet ihm ein aus der Thatsache, dass die in den Lungen be- 
findliche Luft ihren Sauerstoff einbüsst. In den Worten pag. 263: »Circa exspira- 
tionem annotandum est, eam ulteriori adhuc usui inservire, viz. ut una cum aere 
e pulmonibus ejecto, etiam halitus a sanguinis aestu excitati, exsufflentur« hat man 
unter aer wohl nur den Rückstand der Atmosphäre, unter halitus wohl nur Wasser- 
dampf zu verstehen. 

Bemerkenswerth ist Mayow's Vorstellung von der Nothwendigkeit fortwähren- 
der Sauerstoffzufuhr und von der Art des Todes durch Erstickung. Er sagt auf 
pag. 267 : »Neque quidem absimili ritu in corde, acinmusculis caeteris, motus effi- 
citur: verum effervescentiam motivam in ejusdem ventriculis fieri, haud existimo 
propter rationes supra allatas, sed in substantia ejus musculosa , non aliter quam 
in caeteris musculis.« 



1) Da es den Botanikern interessant sein wird, zu erfahren, dass schon im 17. 
Jahrhundert von einer Respiration der Pflanzen gesprochen worden ist , setze ich 
die betreffenden Stellen hieher. Auf Seite 263 des citirten Werkes sagt Mayow : 
»Adeo enim ad vitam quamcunque sal istoc aereum necessarium est, ut ne Plantae 
quidem in terra, ad quam aeri accessus praecluditur , vegetari possint; sin autem 
terra isla aeri exposita, sale hoc foecundante denuo impraegnetur, ea demum pian- 
tis alcndis iterum idonea evadet. Plane ut vel ipsae Plantae aliqualem respiratio- 
nem, aerisque hauriendi necessitatem habere videantur.« 

Ferner heisst es auf Seite 283 in einem Vergleich der wachsenden Pflanze mit 
dem bebrüteten Ei : »sicut enim particulae nitro-aereae, una cum calido, humido- 
que terram subeuntes, cum particulis ejus salinosulphureis exaestuant; a quo vita 
et respiratio vegetabilium dependet, prout alibi ostensum est, etc.« 



John Mayow über Apnoe und Placenfarrcspiraiion. 143 

»Quapropter, suppressa respiralionc, cum sal illiul aereum, ad motum qucin- 
vis requisitum, deliciat, cordis pulsationoin et consequenter sanguinis ad ccre- 
bruni alTluxum iiiterriiinpi , mortenique sequi nccesso erit. Ideo autem per ali- 
quod tempus sine respiratione vivcre licet; quia sanguis in puinionuno vasis con- 
tentus, et satis aürc impraegnatus, molui cordis sailem momento temporis susti- 
nendo sufficit.« 

Bemerkenswerth ist diese Vorstellung namenllicli desshalb, weil aus anderen 
Stellen es so scheinen könnle, als ob M.vvow Ncrvcnfluidum und Sauerstoff voll- 
ständig idonlificire. 

Wenn in dem HooK'schen Experiment mit Recht der erste Anfang der Kennlniss 
der Apnoe gesehen wird,') so that Mayow einen sehr bedeutenden Schritt weiter im 
Verstandniss dieses erst neuerdings wieder in seiner physiologischen Bedeutung 
gewürdigten Zustandes, er stellte die Apnoe experimentell her durch Ueberleitung 
des arteriellen Blutes aus einem lebenden Hund in den anderen , und sah dass in 
dem letzteren das Athcmbedürfniss reducirt wurde oder schwand. 

Athembedürfniss und Sauersto/rverbrauch scheint Mayow im Fötus haupt- 
sächlich desshalb anzunehmen, weil er Muskelaction an ihm kennt, denn er bemisst 
nach der Grösse der letzteren dessen SauerstolTbedürfniss. »Quocircacum foetus in 
utero et ovo ab omni fere motu praeter unicum illum cordis ferietur, particularum 
Xitro-aerearum penus minutior, a materno sanguine arterioso, aut ab ovi liquo- 
ribus suppedilatus, eidem pro modulo suo abunde sufficit (pag. 282). Das »ab ovi 
liquoribus« bezieht sich auf die Vögel; vom Säugethierfölus sagt er p. 279, nach- 
ilem er die verschiedenen Ansichten über die Placentarfunction kritisirt hat : »His 
praemissis statuimus, sanguinem Embryi per Arterias Umbilicales ad Placentam 
sive carunculas uterinas delatum, non tantum succum nutritium sed una cum eo- 
dem particularum nitro-aerearum portiunculam commeatu suo ad foetumadvehere: 
plane ut sanguis infantuli per circulationem suam in vasis umbilicalibus factum, 
eodem modo ac idem in vasis pulmonibus,") particulis nitro-aereis impraegnari 
videatur. Proinde ut placentam non amplius lecur, sed potius Pulmonem Uteri- 
num, nuncupandam esse arbifrer.o 

»Si quis hie objiciat, istiusmodi ^) respirationem in utero, sine Arteriis Umbili- 
calibus institui posse; in quantum sc. satis esset, ut succus nutritius particulis 
nitro-aereis refertus, per venam umbilicalem ad foetum appelleret. Respondeo ad 
rcspiralionis vices supplendas conlinuo acris aflluxu opus esse; succum vero nu- 
tritium tantum esse non debere, quantus requiritur, ut idem perpetuo flumine ad 
infantulum adveniat; et proinde necesse esse, ut Arteriae umbilicales exstruantur, 
<luo viz. sanguis arteriosus ad Placentam perpetim emissus, ibidem succi nutrilii 
substantia aerea referti, portiuncula impraegnetur; indeque motu nunquam inler- 
rupto ad foetum in nutritionis simul, et respirationis usum revertatur.« 

Dieser Einwand und die Art der Widerlegung desselben werden verständlich, 
wenn man bedenkt, dass Mayow von dem respiratorischen Gasweclisel nur die 



4) Rosenthal, Studien über Athembewegungen. Du Bois Raymond und Rei- 
chert's Archiv. 1864. Seite 467. 

2) Soll heissen pulmonalibus. 

3) Diesen letzteren Ausspruch finden wir bereits einige Jahre früher bei Need- 
ham, Disquisitio anatomica de formato foetu Londini 1667, wo es pag. 114 heisst: 
»Gerte qui placentam primus hepatis uterini nomine donavit, (das ist Arantius) po- 
terat aeque pulmonem ipsius appellasse.« Freilich fehlte aber Ncedham die richtige 
Anschauung der Lun^enfunction. 



144 l^' S. Schnltzp, John Mayow über Apnoe und Placcntarrespiralion. 

SauerstoffeinnahiDC, nicht die Kohlensäurcausscheidung licnnl. Mayow fulirt fort; 
»Enimveroverisimile est, si sanguis arteriosus, qui spiritu 
nitro-aereo imbutus est, loco venosi ad cor accederet, nulla 
omnino respiratione opus esse. Et hoc inde confir mar i videtur , 
quod dum sanguis arteriosus ex uno Cane in alter um, notojam 
experimento, t ra nsmi tti tur, canis in quem sa n guis transferlur, 
quamquam antea anhelus, etintenserespirans,sangu ine tarnen 
arterioso intus recepto, vixomnino respirare videtur.« 

Man glaubt nicht, wenn man diese Worte liest, einen Mann des vorvorigen 
Jahrhunderts zu vernehmen. Es ist gewiss dem Mayow sehr hoch anzurechnen, 
dass er auf dem Boden der damaligen Kenntniss im Stande war, den Sauerstoff zu 
finden. Aber weit staunenswerther ist die Leistung, dass derselbe Mann, welcher 
durch eigene Experimente den Sauerstoff fand, in seinem kurzen Leben (er starb 
34 Jahr alt) die Bedeutung dieses Stoffes fiir die thierische Oekonomie soweit er- 
gründen konnte, dass ihm selbst die Apnoe bekannt und vollständig versländlich 
war, dass der ununterbrochene Sauerstoffverbrauch auch im Fötus ihm ausser 
Zweifel war auf Grund objectiver Kenntniss solcher Functionen an demselben, 
welche ohne Sauerstoffverbrauch nicht stattfinden, dass der Weg, auf welchem dem 
Fötus der Sauerstoff zugeführt wird , ihm bekannt war, und dass er den Zustand 
des Fötus in Bezug auf die Befriedigung seines Athembedürfnisses mit dem eines 
durch Transfusion apnoisch gemachten Hundes vergleichen konnte. Ich stehe nicht 
an, dem Mayow seiner wissenschaftlichen Bedeutung nach den Platz unmittelbar 
neben Harwey und gleichwerthig mit ihm anzuweisen. Seine historische Bedeu- 
tung, ich meine seine Bedeutung für die Weiterentwickelung der Wissenschaft ist 
freilich gegenüber der Harwey's verschwindend. Harwey wurde von seinen Zeit- 
genossen und Nachfolgern verstanden, Mayow nicht. Als Beweis, wie wenig er ver- 
standen worden, genüge anzuführen , was Haller in seiner genau hundert Jahre 
später erschienenen Bibliotheca anatomica über ihn sagt. In seiner kurzen, sonst 
meist wunderbar scharf trefienden Weise sagt Haller über Mayow: »luvenis, ut ex 
pictura videtur, vir ingeniosus neque mathematum ignarus, caeterum in hypothe- 
ses pronior, quod fere commune ejus aetatis Vitium fuit. Nitrum statuit per aerem 
obvolitans, quod in pulmones absorptum abeat in spiritus vitales . . . cet.« 

Ich weiss dafür, dass Mayow auf die Entwickelung der Wissenschaft fast ohne 
Einfluss blieb, keinen anderen Grund, als dass er mit den Zielen seiner Forschung 
unter seinen Zeitgenossen zu isolirt dastand, dass er mit den Resultaten derselben 
über die Leistungen seinerzeit um eine ganze Reihe von Meuschenallern hinausragt. 

Mayow's Tractatus quinque medico-physici erschienen zu Oxl'ort 1674. Ob 
sie früher einzeln erschienen, ist mir nicht bekannt, doch geht aus einer Bemer- 
kung Mayow's auf Seite 129 hervor, dass der Tractatus de respiratione früher von 
ihm veröffentlicht worden, als der in der Gesammtausgabe voranstehende wesent- 
lich chemische De Sal Nitro et Spiritu nitro-aereo. Mir liegt eine spätere Ausgabe 
vor: Johannis Mayow Londinensis Doctoris et Medici, nee non Coli. Onm. Anim. in 
Universitate Oxoniensi Socii , Opera oinnia medico-physica, tractatibus quinque 
comprehensa. Hagae-Comilum, 1681. 

Jena, den 13. Februar 1S6S. 



Beobaektiiiigeii despatitolugisclieu Instituts zu Jeua im Juhrei8()i> 



Wilhelm Müller. 



Allgemeiner Theil. 

Dem Bericht über die Beobachtungen des pathologischen Instituts 
zu Jena im Jahre 1 866 schicke ich folgende Bemerkungen voraus. 

Das pathologische Institut zu Jena verfügt in Folge der Liberalität 
der Aerzte fast über das ganze Sectionsmalerial der Stadt; dazu kommt 
eine beschränkte Zahl von Sectionen in den benachbarten Dörfern, 
welche durch die Poliklinik dem Institut zugewiesen werden. Ueber die 
Mortalitätsverhältnisse der Stadt Jena werden von dem Amlsphysicus 
Herrn F. Siebert sorgfältige Aufzeichnungen nach dem Muster des 
Registrar general geführt. Sie liefern die absoluten Sterblichkeits- 
zahlen. Sie gewähren ferner einen Einblick in die Häufigkeit der ver- 
schiedenen Todesursachen und deren Vertheilung auf die einzelnen 
Lebensalter und Geschlechter. So zuverlässig und für den Statistiker 
unentbehrlich die ersteren Angaben sind . so'wenig sind die letzteren 
frei von den Mängeln , mit welchen zur Zeit jede Statistik der Todes- 
ursachen behaftet ist. Diese Mängel sind begründet einmal in der 
UnvoUkommenheit unsrcs Wissens. Sie gestattet in vielen Fällen 
nicht, die Art der Todesursache während des Lebens mit hin- 
reichender Genauigkeit festzustellen , wodurch ein Theil der sta- 
tistischen Angaben mehr oder weniger willkürlich wird, wenn die 
Controle durch die Section mangelt. Sie sind zweitens begründet in 
der UnvoUkommenheit der Methode. Da, wieS.WiLKs in seinem lesens- 
werthen Aufsatz Acute and chronic disease mit Recht hervorgehoben 
hat, der Tod viel häufiger die Folge einer Combination von Ursachen ist, 
als man gewöhnlich annimmt, so kann eine Zusammenstellung , welche 
jeden Todesfall unter eine bestimmte Rubrik einreiht, nur einen an- 
nähernden Ausdruck der wirklichen Verhältnisse darstellen. 

Hievon ganz abgesehen findet bei einer Statistik der Todesursachen 

Band IV. % 4 



\i{j Wilhelm Mflüer. 

eine ganze Reihe von Krankheilsprocessen, welche häufig denMorbililäls- 
verhäitnissen eini.'i- Gegend ein charakteristisches Gepräge verleihen, 
aus dem Grunde keine Berücksichtigung, weil sie in der Regel nur durch 
besondere Coniplicalionen den Tod herbeiführen. Man würde in den 
officiellen Todtenlisten vergebens Nachweise über die Häufigkeil des 
Kropfs, des runden Magengeschwürs, der Uteruserkrankungen in hie- 
siger Gegend suchen. Es ist aber unzweifelhaft für den Statistiker nicht 
blos von Interesse zu wissen, welche Krankheilen in einer Gegend den 
Tod der Einwohner herbeiführen, sondern auch zu erfahren, mit welcher 
Häufigkeil namentlich chronische Processe bei denselben sich finden, 
da letztere hauptsächlich es sind, welche die Arbeitsfähigkeit der Indi- 
viduen in ausgiebigerem Grade beeinträchtigen. 

Ein pathologisches Institut vermag diesem Verlangen der Statistik 
innerhalb gev^ isser Grenzen zu genügen, insofern dasselbe alle die Ver- 
änderungen registrirl, welche überhaupt bei den geöffneten Leichen 
sich vorfinden, mithin einen Einblick in die Häufigkeit aller derKrank- 
hcitsprocesse gewählt, welche mit bleibenden Formänderungen im Or- 
ganismus einhergehen. Wie werlhvoU die Ergänzung ist, welche die 
officiellen Todtenlisten in dieser Hinsicht durch die Aufzeichnungen des 
pathologischen Instituts erhalten , ergibt sich aus dem Umstand , dass 
das Verhältniss der in Jena Verstorbenen, welche secirl werden, zu 
den überhaupt Verstorbenen durchschnittlich gegen 70 Procenl beträgt. 

Es ist klar, dass es zur Herstellung einer MorbilitälsstatislikJena's, 
soweit das pathologische Institut eine solche zu liefern vermag , einer 
längeren Beobachtungszeit bedarf. Die Beobachtungen der einzelnen 
Jahrgänge haben bei der Beschränktheit des Materials, welches eine 
Stadt von 8000 Einwohnern liefert, nur Werth , insofern sie Glieder 
einar grössei'n Beobachtungsreihe darstellen und zugleich einen Ein- 
blick in die periodischen Schwankungen der betreffenden Verhältnisse 
gewähren. 

Zur Erleichterung der Uebersicht sind an der Spitze der nachste- 
henden Mittheilungen die verschiedenen Todesursachen in üblicher 
Weise tabellarisch zusammengestellt. Ausser den in statistischer Hin- 
sicht wichtigen Beobachtungen wird der vorliegende allgemeine TheiJ 
zugleich jene enthalten , welche grösseres wissenschaflliches Interesse 
darbieten und eine kurze Darlegung gestalten. Der in dem nächsten 
Heft dieser Zeitschrift erscheinende specielle Theil wird eine Reihe von 
Detailbeobachlungen in ausführlicher Darlegung bringen. 

Die Zahl der im Lauf des Jahres 1866 vom pathologischen Institut 
zu Jena geöfTneten Leichen beträgt 135. DieVcrtheilung der hauptsäch- 
lichen Todesursachen auf diese 135 Leichen ergibt sich aus nachste- 
hender Zusammenstellung : 



Bi'übiiililiiiigi'ii des piitUülogisclieii Instituts zu Jena iui .Inlirc I86ü. 



H7 



Todesursache 


— i 
.\1 W. 


ä— 10 
M. W 


H — 20 
M. W. 


J^L 


80 
W. 


1 


40 

w. 


1 —50 
M.W. 


{ —60 

|\L W. 


, -70 
|\L W. 


1 
1 

—80 
■M. W 





Carcinoui 
des Uterus .... 

« Darms .... 
der Brustdrüse . . 

» Nieren .... 
Epitheliom 
der Saamenblaseu 

" Blase 

des Uterus .... 

» Kehlkopfs . . . 

Adenom 

derGland.lhy recid 

» » piluil. . 

Sarkom 

des Gehirns . . . 

der Lungen .... 

Tuberkulose 
der Hirnhaut ... 

» Lungen .... 

» Knochen . . . 

Syphilis i 

Lupus 

Typhus 

Scorbut 

Krankh. des Ner- 
vensystems 
Pachymennigitis . 
Leptomeningitis . 
Hydrocephalus . . 
Haemorrhag. cer. 
Krankh. d.Circuls. 
Pericarditis. . . . 
Endocardilis . . • 
Aneurysma cordis 
» aorlae 
Phlebitis 

Kr. des Respirs. 
Diphlheria laryn. 
Bronchopaeum. . 
Pneumon. crupos. 
M chron. 
Emphysema . . . 

Pleuritis 

Asphy.\ia 

Kr. des Digests. 
Incarcer. intest. . 
Catarrh. intest. . 

Cholera 

Dysenteria .... 
Abscess. heputis . 
Echinococc. hep. 
Kr. desuropoet. S. 
Nephritis tubui. . 
inlerst. 
>> suppurat. 


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1 

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14S 



Willielin MiiliiT. 



Todesursache 


i 
0—1 2—10 

M. W. M. W. 


—20 
M.W. 


—30 

M. W. 


—40 
M.W. 


1 

—50 
M.W. 


—60 
M.W. 


M. ^ 


70 
W. 


M. 


30 
W. 


J 


Pyelitis 

Diabetes 

Kr. des Genitals. 
Diphtheria uteri . 
Ruptura » 
Kr. der Haut 
Erysipeias .... 
Wuriddiphtherie . 
Kr.d.Bewegungss. 

Rachitis 

Knochenbruch . . 
Versiftuns .... 


— 


2 


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7 10 
17^ 


7 11 
18~^ 


6 5|135 

"* 1 



T uberkulose 
fand sich als frischer, noch im Fortschreiten begriffener Process in 27 
Leichen, dies gibt ein Verhiillniss von 20%. Die beobachteten Fälle 
lassen sich in drei Gruppen bringen , je nachdem Tuberkulose für sich 
dem Leben ein Ziel setzte oder der Tod durch eineConiplication erfolgte 
oder in den Leichen Veränderungen sich fanden, welche als disponirende 
Momente für die Entwicklung der Tuberkulose betrachtet werden 
konnten. 

Der ersteren Gruppe gehören 1 4 Fälle an ; nur in einem war die 
Tuberkulose auf die Lungen beschränkt, in allen übrigen auf mehrere 
Organe, namentlich Lungen, Lymphdrüsen und Darm ausgebreitet. 

In die zweite Gruppe gehören 4 Fälle: Bei einem 4 4jährigen Mann 
kam es in Folge von Perforation der rechten Lunge durch tuberkulöse 
Verschwärung zu Pleuritis und Pneumothorax; bei einem 45j. Mann 
hatte sich im Änschluss an periphere vereiternde Lungentuberkulose 
eitrige Pleuritis entwickelt. Ein 68j. Tuberkulöser erlag einer hämor- 
rhagischen Pachymeningitis. Bei einem 17j. Tuberkulösen, welchem 
wegen Caries des linken Kniees der Oberschenkel im unteren Dritltheil 
amputirt worden war, hatte sich dilfuse eitrige Periostitis längs des 
ganzen Stumpfs entwickelt, an welche sich fibrinös-eitrige Pericardilis 
anschloss. 

In der dritten Gruppe lassen sich 9 Fälle unterbringen. Bei 
3 Individuen hatte sich Tuberkulose an chronische Pneumonie und 
Bronchialerweilerung angeschlossen ; in 2 Fällen war das disponirende 
Moment aller Wahrscheinlichkeit nach durch rundes Magengeschwür 
gegeben. Bei einem i5j. Mädchen halte sich Tuberkulose im Verlauf 



Rpnhncliliiiiiii'ii ilcs iiiilliolouisclK'ii liisliliils /.n .Icnii im .liilirc IRßi). 1 49 

oiiies weit verbroitPlon Lupus enlwickcll, bei einem .^Oj. Mnnu iin An- 
sehlussnnchi'onische tubuläre Nephritis, bei einem 3'2j. Mnnn im Anschluss 
an Diabetes. Zahlreiche miliare TulT#rkelknölehon neben umfangreicheren 
Knoten und verschieden grossen Cavernen in beiden Lungen sicherten in 
diesem l'all die Diagnose. Beiein(>r (57 j. Frau fand sichacuteund subacuta 
Tuberkulose neben ausgedehnter deformirenderEndarleritis, Verkalkung 
fast aller Knorpel des Körpers und beträchtlichem Kalkinfarcl beider 
.Nieren. 

Von den einzelnen Formen der Tuberkulose sind folgende hervor- 
zuheben. Acute Tuberkulose der Hirnhäute fand sich in 5 Fällen, stets 
im Anschluss an eine ältere Tuberkulose der Lungen oderLymphdrüsen. 
In i von diesen ö Fällen war beträchtlicher Wassererguss in die Gehirn- 
\oiUrik('l vorhanden ohne Trübung oder Eiterbeschlag des Ependyms. 
in keinem dieser Fälle wurde eine zum Theil reichliche Einsprengung 
miliarer Tuberkelknötchen in die mittleren und seitlichen Plexus und in 
die IMa am Ilirnschlitz vermisst, Plexus und Pia zeigten sich lebhaft in- 
jicirl und ödematös geschwellt, gleichfalls ohne Trübung oderEiterljeleg. 
Diesei' Sachverhalt legt es nahe, die Steigerung der Transsudation we- 
nigstens zum Theil aus der Drucksteigerung abzuleiten, welche durch 
die Entwicklung der Neubildung und die damit verbundene Schwellung 
dos Gewebes der Pia im Hii-nschlitz im Gebiete der Venae magnae Ga- 
len i zu Stande kommen muss. 

In zwei Fällen fand sich neben acuter Tuberkulose der Pia auch 
solche der Dura mater. Bei einem vierjährigen Knaben wurden nahe 
dem vord(M'n Rand des Foramen magnum mehrere stecknadelkopfgrosse 
Tuberkelknötchen auf der Dura mater beobachtet neben zahlreichen 
analogen Knötchen in den Meningen der Hirnbasis und den Plexus, die 
Arachnoides mit der Dura der Schädelbasis mehrfach locker verwachsen. 
Bei einem :^7jährigen Mann zeigte dieDura zu beiden Seiten der Hinter- 
liauptbasis namentlich an den Stellen, welche den seitlichen Plexus des 
\ieiten Ventrikels anliegen, mehiTache miliare Tuberkelknötchen, welche 
ihrer Oberiläche iheils mehr theils weniger fest anhafteten, die Meningen 
mit (l(M' Dura am Clivus mehrfach locker verwachsen, sie selbst und die 
Plewis reichlich mit miliaren Tuberkelknötchen durchsetzt. 

Beide Beobachtungen stimmen mit dem von B.Wagner im VH. Jahr- 
gang des Archivs der Heilkunde veröffentlichten Befund überein. Ich 
bin jedoch zu einer andren Auffassung des vorliegenden Processes ge- 
neigt als sie B. Wagnek gegeben hat. Es scheint mir keine Nöthigung 
Nor/.uliegen, in einem dieser Fälle eine von der Dura ausgehende Tu- 
berkulose anzunehmen. So wenig von vornherein die Möglichkeit sich 



[50 - Wilhelm Müller, 

bestreiten lässl, dass die der Bindesubstanz der Dura angehörenden 
Zellen ebensogut wie jene der Pleura costalis Tuberkelknötchen zu pro- 
duciren im Stande sind, so glaube i^h doch, dass die vorliegenden Be- 
funde ungezwungen durch die Annahme sich erklären, dass es sich um 
eine von der Pia und den Plexus ausgehende Tuberkulose handelt, wo- 
bei einzelne Tuberkelknötchen an der Berührungsstelle mehr oder we- 
niger fest mit der Dura durch peripherische Bindesubstanzneubildung 
verwachsen sind. Für diese Auffassung spricht : die Anhäufung der 
Tuberkelknötchen anstellen der Dura, welche mit tuberkulösen Parthien 
der Meningen oder Plexus in unmittelbarer Berührung stehen, die 
lockere Verwachsung beider Membranen , endlich die augenscheinlich 
aufgelöthete Beschaffenheit eines Theils der Knötchen. 

Tuberkulose des Anfangstheils des Oesophagus fand sich bei einem 
i .ojährigen Mädchen. Neben weitverbreitetem ulcerösen und desqua- 
mativen Lupus der Haut und knotigem Lupus des Kehldeckels fand sich 
chronische und acute Tuberkulose der Lungen, des Darms und derMe- 
senterialdrüsen. In der vordem Wand desAnfangstheils vom Oesopha- 
gus fand sich ein elliptisches der Längsachse des Oesophagus parallel 
laufendes Geschwür von 1 Centimeter Länge bei Y2 Gent. Breite mit 
scharfem glatten Rand und flacher mit einzelnen miliaren Tuberkel- 
knötchen besetzter Basis. 

Tuberkulose des Knochensystems fand sich bei einem 7jährigen 
Knaben in Form multipler zum Theil symmetischer Auftreibungen ver- 
schiedener Knochen mit ausgedehnter Verkäsung und peripherischer 
Knötcheneinlagerung. Der Tod war durch weit verbreitete Lungen-, 
Darm- und Lymphdrüsentuberkulose und vorgeschrittene Amyloidde- 
generation von Leber, Milz, Nieren und Nebennieren erfolgt. Zweimal 
erhielt das Institut von Herrn Geh. Hofrath Ried mit Caries behaftete 
Extremitäten, bei welchen die methodische Untersuchung Tuberkulose 
als Ursache der Knocheneiterung nachv^ies. Diese Fälle werden im spe- 
riellen Thei! ansCührlicher besprochen werden. 

Krebs. 

Hier ist zunächst hervorzuheben ein multipler atrophirender Skir- 
chus des Darms und Mesenteriums bei einer 60j. Frau. Es fand sich 
eine ringförmige krebsige Stenose des Mastdarmanfangs, eine zweite in 
der Mitte des Colon transversum, jede etwa 2 Centimeter breit, ausser- 
dem zahlreiche plattenförmige zum Theil mit narbenartigen Ausläufern 
in die I^mgebung übergreifende Faserkrebse im Mesenterium , welche 
fhußh mehrfaches Uebergreifen auf denDünndarni eineAnzahl leichterer 



r.Pött.ichtungen des piillioloüiisclicu liislilnts /.ii Jena im .liiiuc IHlit), | .', j 

Stenosen und Knickungen in dessen'Verlauf herbeigeführt hatten. Da- 
neben zahlreiche secundäre Krebse auf den Pleuren und dem Herzbeutel. 
Von Interesse ist ferner ein Faserkrebs des Uterus mit Freilassung 
des Cervix und der obernüchlichen Schleimhaulparlhien. Bei einer 
iTjiihr. Frau, welche seit einem Jahr neben dumpfen Schmerzen im 
Becken und zunehmendem Marasmus profuse Menstrualblulungen darge- 
boten hatte, entwickelte sicli Oodem beider Beine und nach einiger Zeit 
Pleuritis mit rasch tödtlichem Verlauf. Der Uterus fand sich in eine 
faustgrosse Geschwulst verwandelt von fester Consistenz, auf der 
SchnittUäche grauweisser Farbe und speckigem Glanz, seine Wandung 
•2 — 3 Centimer dick, die Schleimhaut geschw^ellt und sehr gefassreich, 
an die Unterlage fixirt, ihre Oi)eiflache jedoch unversehrt; die Neubil- 
dung gegen die obere Parlhle des Cervix hin ohne scharfe Grenze sich 
verlierend, der Muttermund unverändert. Ausgedehnte zum Theil von 
Krebsknoten durchsetzte Verwachsungen zwischen Tuben und anlie- 
genden Organen, mehrere kleine Krebsknoten im rechten Ovarium, 
zahlreiche miliare zum Theii von Pigmenthöfen umgeben im Netz , Me- 
senterium, und der Serosa der Leber; chronischer Katarrh des untern 
Theils des Oesophagus, diiruse krebsige Infiltration seiner Schleimhaut 
und Subnuicosa im oberen Drittheile. Ausserdem Thrombose beider 
Venae iliacae, der rechten Jugularis und Subclavia, Embolie derLungen- 
nrlerie, Abscesse und Gangrän beider Lungen mit consecutiver 
Pleuritis. 



Epitheliale Geschwülste. 

In dieser Gruppe fasse ich alle jene Neubildungen zusammen , bei 
welchen eine deutliche W^ucherung charakteristischer Epithelien neben 
einer solchen der Bindesubslanz des Körpers vorhanden ist. Ich rechne 
hieher die Kystome, welche, wie aus den Untersuchungen von Wilson 
Fox undBRAXTONHicKS an jenen das Ovarium hervorgeht, ungezwvmgen 
aus gleichzeitiger Wucherung von Derivirten des ursprünglich(Mi F>pi- 
thelialrohrs und Fasei'blatts sich ableiten lassen; die Adenome, auf 
welche die ViRceow'sche Bindegewebsköiperhypothese nie allgemeine 
Anwendung gefunden hat, endlich die Epitheliome, welche nicht nui 
in der durch die Anwesenheit von Pflaslerepithelien charakterisirten 
Form, wie G. Thfersch gezeigt hat, sondern auch in der ganz analogen 
mit Cylinderopilhelien versehenen dieser Ableitung sich fügen. 

PMaslerepitheliom desLarynx fand sich bei einem 78jährigenMann, 
welchem einige Monate früher ein Epitheliom des rechten unteren Augen- 
lids exstiipirt worden \^ar. lioide Slinunljänder waren in zerklüftete, 



152 Wilhelm Müller, 

mit zahlreichen warzigen Excrescenzen bedeckte Geschwüre verwandelt 
mit gelblich weisser speckig glänzender Schnittfläche und dem für das 
Pflasterepitheliom charakteristischen Bau, Dabei vorgeschrittene Aniy- 
loiddegeneralion der Nieren , Thrombose der linken Gruralvene und 
Lungenarterienembolie mit ihren Folgen. 

Von den 5 Fällen von Epitheliom des Uterus waren 4 Pflasterepi- 
theliome ; sie waren alle augenscheinlich von der oberen Parthie der 
Scheide ausgegangen. Im fünften Fall hatte sich bei einem 32jähr. le- 
digen Mädchen Cylinderepilheliom entwickelt. Ausser der charakteristi- 
schen Veränderung des Uterus, welche den Cervix in grosser Ausdeh- 
nung zerstört hatte, fanden sich beide Ovarien in höckerige wallnuss- 
resp. apfelgrosse Geschwülste verwandelt, welche im Innern eine 
gelblich weisse käsige Masse beherbergten. Die ganze Masse bestand 
aus körnigem Detritus, untermischt mit zahlreichen theils mehr theils 
minder erhaltenen Cylinderepithelien. Es fanden sich ferner in den 
lumbaren und dorsalen Lymphdrüsen, in Lunge, Leber und Darm- 
schleimhaut zahlreiche theils miliare theils umfangreichere Epitheliom- 
knoten, welche in ihrem Bau mit der Neubildung am Uterus überein- 
stimmten. 

Es gehört hieher ferner ein sogenannter Zoltenkrebs der Blase, 
welcher durch wiederholte Blutungen neben rechtsseitiger interstitieller 
Nephritis eine 64jähr. Frau dahin geraff'l hatte. Die Geschwulst sass 
im Umfang eines Doppelthalers im Trigonuu) vesicae; ihre Oberfläche 
zeigte eine grosse Zahl bis \ Centimeter langer zottiger Excrescenzen ; 
die Basis war theilweise zerklüftet, weich, von gelblich weisser Farbe. 
Die Untersuchung ergab an den Zotten den von Gerlach und Lambl ge- 
nügend beschriebenen Bau, die Basis bestand aus einem lockeren zum 
Theil im Granulalionszustand befindlichen Bindegewebsstroma, zwischen 
dessen Maschen theils rundliche theils schlauchförmige Hohlräume sich 
fanden, w'elche an der Peripherie von einem deutliclien aber flachen 
Cylinderepilhelium ausgekleidet waren, während die centralen Parthien 
dicht angehäufte theils cylindrische theils mehr abgeflachte Epithelien 
enthielten. Ich kann auf Grund dieses Befundes die in Frage stehende 
Zottengeschwulst nur für einCylinderepitheliom halten und sehe in den 
zottigen Auswüchsen der Bindesubstanz der Blase lediglich das Analogen 
der zottigen und warzigen Wucherungen, welche bei den Epitheliomen 
der Magen- und Darmschleimhaut und jenen der äusseren Haut etwas 
Gewöhnliches sind. 

Hierher gehört endlich ein Fall von Cyhnderzellenepitheliom beider 
Samenblasen bei einem 7ijähr. Mann, soviel mir bekanpt, der einzige 



ni'üliitcliliiiiiie'u lies |iatliologiscli(Mi liistidils zu Jnia im .lalire 1866. 153 

bisher beobachtete. Er ^^i^d im s])eciellen Theil iuisführlich beschrieben 
werden. 

An die Epitheliome reiht sich an ein umsciiriebenes Adenom der 
vordem Wand des Anfangstheils vom Oesophagus, welches in Form 
einer bohnengrossen flachen leicht höckerigen Geschwulst bei einem 
öOjähr. an Cholera verstorbenen Mann gefunden wurde. Zahlreiche 
weite OelTnungen von Driisengiingen Hessen schon mit unbewafl'netem 
Auge den Charakter der Geschwulst erkennen. 

Bei den Adenomen reihen sich am zweckmässigsten die Vergrösse- 
rungen der Schilddrüse und des Hirnanhangs ein. Beide lassen sich 
als Iraubige Di-üsen mit obliterirten Ausführungsgiingen und selbständig 
gewordenen Terminalbläschen auflassen. Die Häufigkeit, mit welcher 
Veränderungen der Schilddrüse in Form von Struma in hiesiger Gegend 
auftraten, ergibt sich daraus, dass nicht weniger als 17 Fälle = 12. 
5 % verzeichnet w^orden sind, mithin jede achte Leiche mit einem deut- 
lichen Kiopf behaftet war. Die beiden Geschlechter bctheiliglen sich 
hieran in sehr ungleicher AVeise, indem die 17 Fälle auf 4 Männer und 
1 3 Weiber sich vertheden. Hervorzuheben ist ein Fall von angeborenem 
Kropf bei einem Mädchen , welches während der Geburt asphyktisch 
starb. Beide Schilddrüsenlappen waren vom Umfang je eines massigen 
Hühnereies, das Gewebe braunroth, deutlich körnig, ziemlich blutreich. 
In der verengten Trachea fand sich ein mekoniumhaltiger Schleimpfropf. 

Bei einem 83jähr. Mann fand sich neben vorgeschrittener Gehirn- 
alrophie und Hydrocephalie eine wallnussgrosse Struma der Glandula 
piluitaria , die sich im Verlauf mehrerer Jahre langsam entw ickelt hatte. 
Nur der drüsige Theil derHypophysis war an der Geschwulst betheiligt. 
Der Fall wird im speciellen Theil ausführlicher besprochen werden. 

Kystome der Nieren wurden in 4 , solche der Ovarien in 7 Fällen 
beobachtet, bei zweien der letzteren zeigten die Geschwülste dermoiden 
Inhalt, Bei einer 68jähr. Frau hatte ein im rechten breiten Mutterband 
zwischen Tube und Ovarium mithin wahrscheinlich von einem Rest des 
WoLFp'schen Körpers aus entwickeltes Kystom durch mehrere an dasselbe 
sich ansetzende Pseudomembranen Gelegenheit zu Einklemmung des 
lleum gegeben. 

An diese mit den Genitalorganen nachweisbar in Zusammen- 
hang stehenden K^stome reihe ich an eine ellipsoidische reich- 
lich wallnussgrosse mit klarer lymphartiger Flüssigkeit erfüllte Cyste, 
welche sich an der rechten Seite der Aorta abdominahs nahe dem Ab- 
gang der rechten Arteria spermatica int. vorfand und welche möglicher- 
weise mit einem abgeschnürten Organrest aus der Zeit der ersten Ent- 
wicklung der Genitalien in Beziehung gesetzt werden nuiss. Die G(>- 



151 Williolm MüIIlm-, 

schwulst fand sich bei der schon erwähnten an Cylinderepithi'liüin der 
Blase verstorbenen Cijälirigeu Frau. 



B i n d e s u b s t a n z - G e s e h \v ü 1 s t e. 

In (lieser Gruppe fasse ich alle jene Geschwülste zusammen, welche 
aus der Wucherung eines der Bindesubstanzreihe angehörenden Ge- 
webes hervorgehen. Es gehören mithin hiehcr nicht nur die eigentlichen 
Neubildungen von Bindesubstanz in fertiger oder embryonaler Form die 
Fibrome, Myxome, Sarkome und Lipome, sondern auch die Chondrome 
und Osteome. 

Fibrome und Fibromyoine in der Dicke der Uleruswand wurden 
bei 4, solche im Ovarium bei ? Frauen beobachtet. Auf der Schleim- 
haut des Uterus hatten sich Bindesubstanzneubildungen in Form theils 
flacher theiis polypöser Geschwülste bei i Frauen entwickelt, in 3 Fällen 
ausschliesslich im Gervix. Die Geschwülste zeigten stets eine ziemlich 
weiche Beschaffenheit; in einem Fall hatten sich die Uterusdrüsen in 
ausgiebigerer Weise an der Neubildung betheiligt. 

Ein faustgrosses Lipom der rechten Inguinalgegend fand sich bei 
einer 61jährigen Frau. 

Von besonderem Interesse ist die Beobachtung eines wallnussgrossen 
lappigen scharf umschriebenen Myxoms der Lunge einer 65jährigen an 
Insufficienz der Bicuspidalklappe und massiger Aortenstenose verstor- 
benen Frau. Trotz sorgfältiger Untersuchung der Körpertheile, in wel- 
chen Myxome häufiger primär sich entwickeln , gelang es nicht, eine 
zweite Neubildung der Art aufzufinden, so dass die Geschw-ulst als ein 
primäres Myxom der Lunge betrachtet werden muss. 

Spindelzellensarkome fanden sich in 2 Fällen im Gehirn, sie werden 
seiner Zeit im Zusammenhang mit einer grösseren Reihe analoger Hirnge- 
schwülste beschrieben werden. Bei einer 60jähr. Frau war ein Spindelzel- 
lensarkom aus der Fascie des linken Oberschenkels exstirpirt worden. Sie 
erlag den Erscheinungen zunehmender Lungeninsufficienz. Es fand sich 
ein reichlich kindskopfgrosser Tumor, welcher das obere Dritttheil der 
rechten Pleurahöhle ausfüllte und mit der comprimirten Lunge fest ver- 
wachsen war neben zahlreichen sarkomatösen Tumoren in Lungen, Gostal- 
pleura und parietalem Blatt desHerzbeutels. Zugleich fand sich imUterusi 
eine bohnengrosse grauweisse markige Geschwulst von der Schlemihautj 
des Fundus ausgehend, welche bei der Untersuchung als ein Spindel-J 
zellensarkoin sich erwies. 



Rcobaclitiiiigeii clt^s [latholügiisi-liiMi liisliiiils m .Ifiia iai .lalin; iSOb. 15.') 

Ariiii m (\ 

Ich fasse diese Bezeielnumi^ in einem weiteren Sinn als dies ge- 
gevvöhnlich geschieht und begreife darunter alle Geschwülste, welche 
einer Wucherung von Derivirten des embryonalen Gefassrohrs ihre Ent- 
stehung verdanken. Ich rechne somit hicher nicht nur die Teleangiek- 
tasien und cavernösen Geschwülste, sondern auch die wahren Aneu- 
rysmen und den Varix. Beide gehen aus einer fliichenhaftcn Hyperpla- 
sie des Gefassrohrs hervor und verhalten sich meiner Ansicht nach zu 
den Veränderungen, welche die Endarterilis und Endophlebilis defor- 
maus hervorbringt, analog wie ein Fibrom der Pleura sich verhält zu 
doT diffustMi Hyperplasie durch chronische Pleuritis. 

Hier ist zu erwähnen ein Aneurysma des Aortenbogens , welches 
sich bei einem 69jähr. Mann entwickelt halte. Neben den gewöhnlichen 
Erscheinungen waren jene einer Lähmung des linken Stimmbandes 
vorhanden. Es fand sich ein kopfgrosses Aneurysma des Aortenbogens 
mit Erosion der Wirbel, Schwund und blassgelbliche Färbung des linken 
Muse, crico-arytaenoideus posticus neben Verdünnung und graulicher 
Färbung des linken N. laryngeus inf. 

Venöse Angiome derLeber fanden sich bei 2 Männern von 48 resp. 
51 Jahren; sie waren in keinem Fall über kirschengross. 

N e u r m e . 

Ich fasse diese Bezeichnung in der Ausdehnung, w-elche ViRceow 
in seiner bekannten Abhandlung ihr gegeben hat. Es gehört hieher ein 
achtes Neurom , .welches bei einer öojährigen im hiesigen Irrenhause 
verstorbenen Frau am linken Nervus peronaeus sich entwickelt hatte. 
Ausser dieser peripherischen Anomalie fand sich eine sehr merkwürdige 
Veränderung in der ganzen Ausdehnung des Rückenmarks, welche we- 
sentlich an die Gefässscheiden gebunden war und im speciellen Theil 
ihre ausführliche Darstellung finden wird. 

Syphilis. 

Mit Sicherheit wurde Syphilis nur bei ö Leichen nachgewiesen. 
Ein löjähriger Steinschleifer zeigte neben Bronchialerweiterung und 
Lungentuberkulose allgemeine Hyperplasie der Lymphdrüsen, in beiden 
Hoden die Reste früherer Gummigeschwülste in Form theils käsiger 
theils verkalkter Einlagerungen. Bei einer 39jährigen an eitriger Lepto- 
meningitis verstorbenen Frau fand sich eine frische Gummigeschwulst 
der Leber neben granulösem Katarrh des Uterus und der Vagina. Ein 



fümi Taaje adler Knabe xeele B^im FnapAiypis deruntniiExtne^initäler 
eiliwt lffifiltr»tkn der oenmbn Parthien der TbymiES. Ein 51 jähr. Irr- 
bort Narben an Pesi% im Baeiiäa. in der Leiiier. 

Ton betsondemn fatteiv^ssse isl die Becl)>3icitt£ing ^ner Gantmi^e— 
5v:&inalst imOi Gelüra bei eii&e£n vier«röfl:enUBelüeit Knaben. Ausser Peic- 
p^ysns vnd naeiuöisefli Baotsyphilid fuid sds Fcw^men orale nnd Doctu? 
artenoiSBS «Aen, ktzlerer nor an beiden Insertionspandai anbedeutenii 
Tere^L Dots Markiger des G^iivns bot bei sallert^er Coosistenz eine 
kltk^ ras^uotbe Färboi^. üeber dem linken Honistreif etwa dessen 
JESie entsprediHMi das sobependpnale Gewebe im Um&ns einer Linse 
aa&Seni derb. seiiwiei% und Ton selMieb- weisser Farbnns. Im 
r«e^ten Cealmm senüoitale nach Aussen vom Tbalamos optieos eine 
eHfesengrosse w^eis^idbe fibrüde mit Au^nfeni in die üipgebans über— 
gsafende Einlasrernns. in dere© IGtte eine nmschriefceiie Terkäsußs. 

Xerven System. 

PaeftiTmenioisiiis interna wurde in 9 FäUen beoi»aeiilel . dreimal 
ak ehrnnisic&er Proeess und zwar in mäs^^ewa Grad und mit zablrn- 
e^en Besten firöSkerer E.xl]raT2ssle bei einem 69<jälirigexi Tnb^tnlösen and 
exneflB 58jibröeB Irrm. mit Kldm^ Bmfangr ei ch c r w ffimial&meT wiridbe 
den Ted «nter de« ErscbeisHmsen des Bimdmeks berbeifuhrten, b« 
einem iJjähräeit Inen als aader Process wurde sie in 6 Lneb^i ange- 
iraSen. Da bei I $3 Leiel&m die SefaädelhöUe nntersceiit werden konnte. 
eTssbt säe& ein Procentrerläitnisis ron % 7. 

Bei I IiTeii waren €S nur die nbereJnstimmend in aDaiFaEen vor- 
IkaMdeate» Teränderm^en im CesdialnenreiisTstnn . wekbe« der Tod 
xa^sAi^mfi w^erden konnte. Diese bestanden in deolHehem Gehirn— 
sdhwimd, Wasserersoss in die AradanoidealrSame des Gehirns und 
BStkenmarks und m die GeinmTeiitrikel;, Erwdtening der klzler^i 
raätTerdötkiiBS ondGraraliniii^ desEpendynks. Eises dieser Indiridaen 
haSie^ zwä Jahre lang die eharaktimstiscliefli Ejrsrbeinangim des pars— 
iyttsc&es Midsinns dar»eboieii : d^ Besnhate der mefhodiscfa«: Cnter- 
ssathmas des Geidms and Bäckenmarks werden späier veröflRntlieht 

Im ^pedeüee Theil wird der Fdi einer Sljädir^ienFrao andnhrlidi 
aeacUdat werden, weki^; ^leiehiialls in dem hiesaen Irrenhause, oner 
rrahren Foni^rabe iitfereasanter Teränderan^n des Gentralnenrensj— 
sae^o^ igfilwbiin war. Xc^ben dm Ersefaeinongen der £rot<Hnanie and 
xamekmeadem^ Bfetdsmns ze%le sie scho« b«m Eintnfi io die Anstalt 
«=ine a«flEdlmde Abmasmnis d^ eineB nnd Tersrö^serane der andren 



Wade neben H um p ftMaw l H i iB i g beider Fasse. JDie Sccti— creab c»- 
£acbe Alrophie and FettdeBeiieralian der M ot^eia des eäken . Atrap&öe 
und LqMNnatose jener des andren üntcrKiienLeis nnd Fnsses, eine «b- 
sdiriebene Verändemng om dm Cenl<;deanal im mtieren Absdbnitt des 
LendenmartLS und hocfagradisen Hidrocephakis. 

Frische Hämonbaeie in linken SeikbOael setzte bei einen Miähr. 
:^Tii i^Dserer Zeit an tnboäver Nephritis und mäsäfer HerzrersrSsae- 
mng leidenden Mann, eine uinC i ngf ei ch e Hänonbaeie h 
Contnun semioTale bei einem Sifährieen bisher sesmiden 
Leben ein ZieL In letzterem Eail Euid sieb ndien Tergr üafteinug nnd 
Lipofnalose des Herzens mässis«radige Tq fetlnn g der Hin u rter i en- 

Bet einem i jährnen Mäddien. «ner 6^ nnd einer 69 ^w. Fran 

'änden sich im AnjM-hhwx an abgebnienc Endocanfitas dfe BrTJdrn 

mbcrfiscber Ge&asrersiaplansai des Gehirns in Form gdberHeerde 

:n den Frantahrindansai resp. d^m Homsiieif nnd der bak^ bcdL 

Endlich wurden bä einem 6ljähr. Sann mehieie Ci&ii ag t eii m 
redilen Stretfaihösel neben soSeisen im Muse, bieiects brachn dextn be— 
•bachtet. 

Circnlat ion SSV st em. 

An die ^^tze der faieber sefaornm ; - 

~^*roD an§ebor»ier Lonaenarteriems: 
.idmi Knaben, w^ddser auf der Ebnä^ 

Beobachtong kam. Das Kind hatte tob _ 1 : i . 

1er Venenslaonng darseboten and war cnier hochezadKer Cyanose 
gestorben. Es &nd sieb aosgebnäieles Oed^ des Ci 
vebes ntdien mäss^em Lan^enödem. Der fietxbeslel 
Jmfians aJs normal frä Hegend, in seiner IKhie I CnhitCTfUitliLr klarer 
-:§keit. seine beiden Blätter slatt and ^niewd. Herz etwas ircr— 
., . ;.>^t. nindlicb. mit einer aromalen qoeren Einziebinie in der Ifitie 
;es rectten TentrOLels. Ihe LageranssverhiftBisse der srassen Geiässe 
.ormal. Herzmoskel braanroth, fest, in beidn&Yentr&elB T«a gläcber 
ivriscboi 4 and 6 Mm. betraeender Dicke. Der recMeYoriaoCwcA. sein 
Endocardgbtt and spanend. For^nen ovale mitToUständ^s^feienler 
Klappe versehen, deren^tler nur imCmiu^ einer Linse anTerwacbsen 
>iad. Ostiam T^iosam desiram von um m ih i Weile, Vatvoia tricaspi- 
i^is normal gestahei, mit geringer Watstong ftrer Sander, die Sebnen- 
fiden Iheilwebe vergeh molzen and etwas verkönt. Das Endccaxd des 
nachten Ventrikels alimthdben setrübt and venückt, am Sinns, weleber 
erweitert ist, 0. 4 Mm. messen d . im Coons in eine derbe :i Mm. dfeke 
Schwiele verwandelt, welche denseHien linsftimis eänschKäft. Der 



158 ^\illn.'llll Müller, 

Conus beträchtlich verengt, an der Spitze auf eine Anzahl schmaler 
zwischen den Trabekeln liegender Spalten reducirt. Osliuni arteriosuni 
pulmonale verengt, 8 Mm. im Umfang betragend, dieSerailunarklappen 
sowohl unter sich als theilweise mit der Gefasswand verwachsen, letz- 
tere in Längsfalten gelegt. Die Lungenarterien jenseits des Ostium 16 
Mm. im Umfang haltend, Ductus arteriosus olfen, nur am Ursprung un- 
bedeutend verengt, 5 Mm. im Durchmesser. Seplum ventriculorum 
ohne Veränderung. Der linke Ventrikel und Vorhof normal weit, weder 
am Endocard noch an den Klappen eine Veränderung zeigend. Die 
Aorta vor der Einmündungsstelle des Ductus arteriosus 18, hinter der- 
selben 16 Mm. im Umfang messend, ihre Klappen normal gestaltet und 
schlussfühig. Im übrigen Körper ausser hochgradigem Harnsäurein- 
farcl beider Nieren nichts Bemerkenswerthes. 

Die Unversehrtheit des Septum ergibt, dass dieser Fall zu der 
dritten von Peacock in seinem bekannten Werke aufgestellten Gruppe 
gehört, die Erkrankung des Herzens mithin erst nach der 12. Woche 
des Fötallebens aufgetreten ist. Aus den Veränderungen am Klappen- 
apparat, der Dicke der Schw iele, der unversehrten Beschaffenheit der 
unterliegenden Musculatur schliesse ich, dass die Lungenarterienstenose 
in diesem Fall lediglich durch Endocarditis bedingt ist; aus der Faltung 
der im Stamm normal weiten Lungenarterie an der verengten Ursprungs- 
stelle glaube ich schliessen zu dürfen, dass dieselbe erst in einer relativ 
späten Periode des intrauterinen Lebens aufgetreten ist. Der Umstand, 
dass das Kind von der Geburt an die Erscheinungen von Venenslauung 
darbot, macht es wahrscheinlich , dass zu dieser Zeit die Veränderung 
im Herzen bereits fertig ausgebildet war. Welche Momente 'die Endo- 
.carditis hervorriefen, Hess sich nicht eruireu , da die Mutter während 
der Schwangerschaft keine Anomalie darbot, welche als disponirende 
Ursache hätte betrachtet werden können. 

Daran schliesst sich an ein Fall von erworbener schwielenbil- 
dender Endomyocardilis mit w ahrem Herzaneurysma bei einem 57jähr. 
Mann, welcher während der Arbeit auf dem Felde plötzlich umfiel und 
sogleich todt war. Ausser dumpfen Schmerzen in der Herzgegend, 
welche schon seit längerer Zeit bestanden, halte derselbe keine abnormen 
Erscheinungen dai-geboten. Die Seclion ergab das Gehirn normal, etwas 
anäinisch, in den Lungen keine Veränderung. Herzbeutel mit dem 
Herzen allseitig durch kurze bindegewebige Adhäsionen verbunden. 
Herz normal gross, schlaf!", rechterseits massiger Fettgehalt im subperi- 
cardialen Bindegewebe , am Endo- und Myocard einzelner Papillar- 
muskeln schwielige Verdickung. Die Wandung des linken Ventrikels 
normal dick, ausgedehnte Trübungen des Endocard neben Schwielen- 



Beobaclituiigcii des piitliolügiselien liisliliits zu Jona im Jaliri' 1800. 1 ft9 

bildung in den PapilUinnuskeln und der anliegenden llerzwiind. Die 
Herzniusculalur an einer ihalergrossen Stelle der Vorderlläche unmittel- 
bar über derHerzspilze vollständig geschwunden, die nur aus dem ver- 
dickten Peri- und Endocard bestehende Ilerzwand daselbst flach aus- 
gebuchtet. Sammlliche Klappen des Herzens unverändert, Aorta normal 
v^'eit mit massigem Atherom. 

Endocarditis wurde , abgesehen von dein schon erwähnten an- 
geborenen Fall, in 12 Leichen beobachtet. = 8. S^/q. Als frischer 
Process fand sie sich viermal, stets im linken Herz: bei zwei Kin- 
dern neben Bronchopneumonie als Complication der Masern, bei einer 
30jähr. Frau neben kruposer Pneumonie als Complication tubulärer 
Nephritis, endlich fanden sich bei einer 40jähr. Frau fiische condylo- 
malöse Excrescenzen an beiden Segeln der Bicuspidalis neben aller 
Verdickung und Stenose des Oslium. Die Residuen abgelaufener Endo- 
carditis wurde in 8 Leichen angetroffen : in 4 Fällen hatte dieselbe die 
Bicuspidalis allein getroffen und zu Insufficienz durch Verkürzung ge- 
führt, bei einer 40jähr. Frau \^ar das Ostium venosum sinistrum allein, 
bei einer 55jähr. des Ostium aorlicum allein stenosirt durch Verwach- 
sung der betreffenden Klappen ; bei einer GOjähr. Frau fand sich gleich- 
zeitige Stenose beider Oslien des linken Herzens, bei einer 38jähiigen 
Frau endlich hatte sich im Anschluss an Rheumatismus acutus hoch- 
gradige Stenose beider Ostien des linken Herzens neben Erweiterung 
des rechten Herzens und Insufficienz der Tricuspidalis ausgebildet. 

Frische fibrinös-eitrige Pericarditis wurde viermal beobachtet: bei 
einem 4jährigen Mädchen im Anschluss an l\achilis, bei einem 1 7jähr. 
Tuberkulösen im Anschluss an difl'use eitrige Periostitis des Schenkels, 
endlich bei einer 55- und einer GOjähr. Frau neben Thrombose derHerz- 
ohren. Die Piesiduen abgelaufener Pericarditis fanden sich ausser bei 
dem schon erwähnten 57jähr. Mann noch bei einer 58jähr. Frau. 

fuidarleritis deformans im Aortensystem fand sich bei 29 Individuen, 
13 Männern, 16 Frauen = 21. 4%. Das jüngste Individuum, welches 
die fragliche Veränderung in deutlicher Ausbildung zeigte, war ein 
40jälir. Mann. Im System der Pulmonalarterie fand sich der Process 
in 8 Fällen , stets im Anschluss an Lungenemphysem oder chronische 
Pneumonie. 

Von den Erkrankungen des Venensystems ist zu erwähnen eine 
hochgradige Erweiterung sämmtlicher am Thorax gelegener Kautvenen 
im Anschluss an eine voluminöse substernalc Struma bei einer 74jäh- 
rigen Frau. 

Eitrige Phlebitis fand sich in 4 Fällen : bei 2 Neugeborenen in der 
Nabelvene, das eine Mal neben eitriger Leptomeningitis des Gehirns und 



\i]{) Wülii'liii Müller, 

RUckonmaiks, das andere Mal neben Thrombose des Sinus longitudi- 
nalis im Anscliluss an eine Infraction des Scheilelbeins. Bei einem 
l/jähr. Mann hatte sich von einem Furunkel der Stirn aus diffuse 
Phlegmone der Stirnhaut und linken Orbita, eitrige Phebilis der Vena 
ophthalmica und des Sinus cavernosus neben eitriger Leplomeningitis 
entwickelt; in denLungen fanden sich metastatische Abscesse; der ganze 
Krankheitsverlauf hatte 5 Tage beli'agen. Bei einer Puerpera endlich 
fand sich bei inlactem Perilonäum und ziemlich weit zurückgebildetem 
Ulerus eitrige Phlebitis im Plexus vesico-uterinus neben Thrombose der 
rechten Hypogastrica und Iliaca und diffuser Phlegmone längs beider 
Gefasse bis zum Schenkelring. 

Thrombosen im venösen Abschnitt des Gefässsystems fanden sich in 
22 Fällen, davon kommen auf das Yenensystem 1 5, auf das rechte Ilerzohr 
6 auf die Spitze des rechten Ventrikels 1 . In 1 6 von diesen Fällen war 
es zuEmbolie in die Lungenarterie gekommen. Im linken Herzohr fanden 
sich Thromben in 4 Füllen ; sie hatten dreimal zu Embolie von Körper- 
arterien Anlass gegeben. Es fanden sich mithin im Ganzen 20 Throm- 
bosen = i 9. 2 % und von diesen kam es bei 73 y^ zur entsprechenden 
Embolie. In 9 von den 1 5 Fällen von Embolie der Lungenarterie war 
es zu erheblicheren Folgeprocessen in den Lungen gekommen, wieder- 
holt wurde in derselben Lunge bei vollkommen gleichartiger Natur des 
eingeschwemmten Materials die Entwicklung vonAbscessen neben jener 
von einfachen keilförmigen Hepatisationen und von hämorrhagischen 
Infarcten beobachtet. 

Eitrige Lymphangitis wurde in 5 Fällen beobachtet: Bei einem 
73jähr. Mann erstreckte sie sich von einem Geschwür des rechten Unter- 
schenkels aus längs des ganzen Lymphgefässstrangs bis zum Ligamen- 
tum Pouparti , dieselbe Ausdehnung zeigte sie bei einem 67jäbr. Mann, 
bei welchem von einer Excorialion am Unterschenkel aus ein wandern- 
des Erysipel mit Blasenbildung und oberflächlicher Gangrän sich ent- 
wickelt hatte. In zwei Fällen fand sich eitrige Lymphangitis des sper- 
matischen Gefässslrangs neben Diphtherie des puerperalen Uterus und 
weit verbreiteter eitriger Peritonitis. Es gehört hieher endlich ein Fall 
von Periarteritis umbilicaUs bei einem Neugeborenen, bei welchem der 
Tod durch Blutung in den Arachnoidealraum des Rückenmarks erfolgte. 

Es ist hier der Befund bei einer früher schon erwähnten 55jährigen 
Irren anzureihen, welche ein Neurom des linken N. peronaeus und eine 
weit verbreitete Veränderung im Rückenmark hatte. Nebem eitrigem 
Katarrh der Scheide und des Ulerus fanden sich die oberflächlichen 
Lymphgefässe an der hinteren Wand des letzteren sowie jene des rechten 
spermatischen Gefässstrangs varicös erweitert , die einzelnen Ectasien 



Beoliiicliliiiiufii ili's piiilinloüisclicii liisliliits /,ii Ini.i im liiliri' 186(5, 1 (> I 

llhei" seiifkorniiioss, (lilIln^^iln(liü„ mil einer zienilieh lesleii gelblichen 
(luieliscIieinendtMi (lolloidiuiisse gi-lüill. Diese inei-kwilrdige Anomalie 
wird im Zusainmenliang mil der ganz analogen Veränderung derGei'iiss- 
seheiden ilesRiUkeninarks im speciellen Theil niihei" besprochen werden. 

R e s p i I' a t i n s s y s t e m. 

llnlei- den Erkrankungen dieses Syslems steht an Häufigkeit oben 
iiu erupöse Pneumonie; ihr erlagen I • i Individuen oder I I " y. Nur in 
einem Fall, hei einem :{:^jähr. Mann, hatte ausgedehnte Hepatisation 
beider Lungen dtMiTotl herbeigel'ilhrt, ohne ilass anderweitige Verände- 
rungen im Körper vorhanden gewesen vsären. In allen übrigen Fällen 
war die l'neumonie in Individuen aufgetreten, deren Constitution durch 
anderweitige Erkrankungen bereits deteriorirt war: vier von den Fällen 
betrafen Irre, je /.wein)al waren tubuläre Nephritis und rundes Magen- 
geschwür, je einmal Üy.senlerie, Echinococcus der Leber, Pyelonephritis, 
Aneurysma der Aorta, Insufrtcienz der Bicuspidalis, Synechie der Pleu- 
ren neben marastischem Emphysem und chronischer Bronchitis als 
Complicationen vorhanden. Kein Fall kam vor dem dreissigsten Jahre 
7ur Beobachtung; das weibliche Geschlecht lieferte ein genau doppelt 
-SO grosses Conlingent als das männliche. Die Vertheilung desProcesses 
auf die verschiedenen Abschnitte beider Lungen war dei'art, dass 
lünfmal beide Inlerlappen, viermal doi- rechte ünlerlappen, dreimal der 
linke Oberlappen, zweimal die ganze linke Lunge und nur (>inmal der 
linke Intfü-lappen allein betroffen war. 

An HäufigkeilVlie nächste Form ist die Bronchopneumonie; sie lie- 
t'iMte 12 Todesfälle oder S. '^"q. Man kann die hieher gehörigen Fälle 
in zwei Gruppen abtheilen. Die eine umfasst die Bronchopneumonien, 
welche vorwiegend dem kindlichen Aller angehören und durch das 
Lebergreifen von einfachem Katarrh oder Diphtherie der Bronchien auf 
die Terminalbläschen herbeigeführt werden. Hieher gehören 9 Fälle: 
einer bei einem einjährigen Mädchen nach Diphtherie, zwei nach Masern, 
zwei nach Keuchhusten neben tubulärer Nephritis, drei bei rachitischen 
Kindern, dazu kommt ein Fall bei einer (iOjähi-. iM'au , weicheneben 
Kmphvsem intensiv enBronchialkalarrh mit bronchopneumonischenHeer- 
den darbot. In die zweite Gruppe gehören jene Fälle, bei welchen ge- 
wöhnlich in Folge sollkommener od(M- unvollkommenei- Lähmung dei- 
Schlingmuskeln Fremdkörper in die Bronchien gelangen und dort iheils 
auf mechanischem iheils auf chemischem Wege heftigere Katarrhe mit 
peripherer Ausbreitung hervoirufen. Diese Form fand sich in drei Fäl- 
len : bei einem iSjähr. Mann mit diffusem Sarkom des Coi'pus callosum. 

Hau.i n.J. i\ 



1B2 - Wilhelm Müllor. 

ferner bei zwei Irren, in beiden Fällen inil pulrider Zersetzung des In- 
fi) trals. 

An die Bronchopneumonie reiht sich an ihre gewöhnliche Folge, 
die chronische Pneumonie mit Bronchialerweiterung. Sie fand sich in 
sieben Leichen = •'). I %• ''^ niehroren dieser Fälle waren die Lymph- 
drüsen im Lungenhilus in höherem Grade verändert: zweimal hatte 
narbige Schrumpfung derselben zu Stenose von grösseren Bronchien 
und Lungenartorienzweigen Anlass gegeben, in einem dritten Fall war 
durch Vereiterung einersolchen gleichzeitigerDurchbruch in einen Haupt- 
bronchus und in die Lungenarterie zu Stande gekommen mit tödtlicher 
Blutung. Die Fälle werden mit einigen analogen im speciellen Theil 
ausruhrlich geschildert werden. 

Höhere Grade von Emphysem fanden sich bei fi Individuen. In 
allen diesen Fällen war neben der chaiakteristischen Veränderung der 
Terminalbläschen alter und frischer Bronchialkatarrh, hochgradige End- 
arteritis in Aorta und Lungenarterie und Erweiterung des rechten 
Herzen zugegen. In 4 Fällen konnte der Tod lediglich der recenten 
Steigerung des Bronchialkatarrhs zugeschrieben werden, welcher einmal 
mehrfache bronchopneumonische Verdichtungen herbeigeführt hatte. 
In zwei Fällen halte sich zu dem Emphysem Thrombose des Herzens 
mit ihren Folgen gesellt, in einem derselben, einer i7jähr. Frau, neben 
rechtsseitiger eitriger Pleuritis. 

Pigmenthypertrophie massigen Grades fand sich in den Lungen 
einer 8ojähr. F>au im Anschluss an Insufficienz der Bicuspidalklappe 
und Stenose des linken Ostiuui venosum. 

Eitrige Pleuritis fand sich, von den ganz leichten die Pneumonieen 
begleitenden Formen abgesehen, in 10 Fällen = 7. I %. Nur in einem 
Fall, bei einer 47jähr. Frau, bei welcher eitrige Pleuritis neben Lungen- 
emphysem und Herzthrombose beobachtet wurde, blieb die Entstehungs- 
art dunkel, in allen übrigen Fällen war die Pleuritis secundär entstanden 
und zwar dreimal im Anschluss an embolische Lungenabscesse, zweimal 
im tuberkulöse Lungeneiterung und an Perforation des Zwerchfells von 
der Leber aus, je einmal an Bronchiektasie und Rippenbruch. Der letz- 
tere Fall ist von Interesse wegen derEigenthümlichkeit seines Verlaufs. 
Bei einem 'iOjähr. Irren hatte während der Anwendung des Zwangs- 
stuhls der Knorpel der rechten zweiten Rippe von letzterer sich abgelöst. 
Es kam zu Eiterbildung an der Bruchstelle und da allseitige ziemlich 
feste Verwachsung der rechten Lunge die Entstehung einer Pleuritis 
verhinderte, zu einem Abscess im vorderen Mediastinum, welcher sich 
in die linke Pleuraliöhle öffnete. 

Die Residuen abgelaufener Pleuritis fanden sich in Form ausge- 



Beobaehtiiiiüt'it tlos iiallioloüistlioii Iiisliliils im Iciiü im .lahio 186fi. \{V.\ 

(lehnternr Verwachsungon beider Biälter in i;i [.eichen = :n . ^^'/\,. 
D.iNon waren 2(1 Miinnei" und 17 Frauen. Ks war deninnch das männ- 
liche (ieschleclil untileieh häulim'r Processen unterworfen, welche mit 
heträchtUcherer Reizung derPhniren verbunden sind, als das weibliche, 
w ie dies die Vei'schiodcMdicil des Berufs von Nornlieiein wahrscheinlich 
erscheinen lässl. 

Es ist hier noch eines seltenen Leichenphänomens zu erwähnen, 
welches bei einem halbjährigen an Intussusception verstorbenen Mäd- 
chen sich fand. Magen und Dünndarm waren beträchtlich ausgedehnt 
und mit reichlichen Mengen grünlich-gelber Flüssigkeit gefüllt, die 
Wandungen des ersleren im Fundus hochgiadig gallertig erweicht. 
Beide Lungen voUkonunen frei, die Pleurahöhlen leer, der Pleiira- 
über/ug glaü und glän/end abei- an mehreren Stellen namentlich der 
rückwärts liegenden Parthien eigenthümlich grünlich missfarbig. Die 
Verfärbung erstreckte sich auf eine Anzahl Heerde des unterliegenden 
Lungenparenchyms, welches in deren Bereicli iheils emphysematös 
und hochgradig erweicht, theils geradezu in einen grünlich braunen 
missfarbigen Brei verwandelt war. Diese Parthien der Lungen enthielten 
gleich den zuführenden Bronchien und der Trachea dieselbe Flüssigkeit, 
welche in Magen , Oesophagus und Rachen in reichlicher Menge sich 
vorfand. Das Zwerchfell erwies sich inlacl. Ich kann in diesem Befund 
Nichts sehen als eine cadaveröse Erweichung der Lungen, bedingt durch 
das Eindringen von verdauungsfähigem Mageninhalt in die Bronchien 
während der Todenstarre. Diese Ansicht gründet sich 1) auf den Mangel 
jeder Reaction seitens der Pleuren, 2) auf die gleichzeitige Erweichung 
des Magens, '■)) auf die Uebereinstimmung der in beiden analog verän- 
derten Organen enthaltenen Flüssigkeit. 



Digestionssystem. 

In erster Linie sind die Lageänderungen der in der Bauchhöhle 
liegenden Theile dieses Systems zu erwähnen. 

Prolapsus ani fand sich bei 2 Frauen, er hatte in einem Fall das 
disponirende Moment zur Ansteckung mit Dysenterie abgegeben. 

Hernien waren in 8 Individuen vorhanden = 5. 8%, hievon waren 
vier rechtsseitige Leistenbrüche, sämmtlich bei Männern, zwei links- 
seitige Leistenbrüche bei einem Mann und einer Frau, bei letzterer 
neben rechtsseitigem Schenkelbruch; aus.serdem fanden sich noch bei 
zwei Frauen rechtsseitige Schenkelbrüche, wovon einer die Hernio- 
lomie nothwendig gemacht hatte mit ungünstigem Ausgang. In einem 



164 Wilhelm Müller. 

(lieser Fülle fanden sich nebenbei noch zwei leere Bruchstücke in) Ca- 
nalis obturalorius. 

Innere Einklemmung war dreimal eingetreten: ein halbjähriges 
Mädchen halle Inlussusception des lleumendes undCoecum in dasColon 
ascendens. 

Bei einer (I.Sjähr. Frau fand sich Kinklennnung einer Ileum- 
srhlinge durch eine gesj)allent' Pseudoniend)ian , die von einer Cyste 
im rechten breiten Muiterband gegen das Parietalperilonäum in der 
liegend der rechten Synchoruirosis sacro-iliac-a sich erstreckte. 

Besonders complicirl gestaltete sich dei- Befund l)ei einer (iOjährigen 
iiau, welche wie die beiden vorigen unter den Erscheinungen deslleus 
gestorben war. Es fand sich neben frischer Peritonitis das Duodenum 
und der obere Theil des Jejunum betrachtlich ausgedehnt, das Lumen 
mit einer enoi'uien Masse gelblich-grauer fäculenliiechender Flüssigkeit 
erfüllt. Das Ende des Jejunum an einer umschriebenen Stelle sowohl 
mit der vorderen Wand des Mesenteriums nahe dessen Anheftung als 
mit einer anliegenden Ileumschlinge massig fest verwachsen. Das 
lleum an der verwachsenen Parlhie in Folge alter Adhäsionen mehrfach 
winklig geknickt. Die zwischen den verwachsenen Stellen liegende 
I ;^() (4entimeter lange Parlhie des Darms dunkelblauroth, stellenweise 
blutig suffündirt, allenthalben die Spuren alter Hyperämie in Form von 
schiefriger Pign)entirung und Verdickung der Wand mit zahlreichen 
ßindegewebsvegelationen zeigend. Die Verwachsung leicht trennbar, 
nach ihrer Trennung kommt eine groschengrosse Tlceration der vorderen 
Platte des Mesenteriums zum Vorschein, welcher analoge Ulcerationen der 
anliegenden Darmschlingen entsprechen. Jene des Jejunum zeigt sich 
auf die Serosa beschränkt, jene des lleum ist mit einer schmalen Per- 
forationsöflnung versehen, diu'ch welche ein 'i Gentimeter langer Zahn- 
stocher von Bein , un)geben von bräunlichem übelriechenden Eiter, in 
die uicerirte Parlhie des Mesenteriums hineinragt. Letzteres verkürzt 
und zwischen der Stelle, an welche)' die Perforation stattgefunden halte 
und derDarminsertion zu einem halbfaustgrossen Tumor angeschwollen, 
dessen Substanz iheils blulig iheils eitrig infiUrirl ist und mehrere blutig 
suffundirle geschwollene Drüsen einschliesst. Nebenbei umfangreiche 
Leisten- und Schenkelbruchsäcke, deren Inhalt augenscheinlich lange 
Zeil hindurch das jetzt retrahirte lleum gebildet hatte. 

lu zwei Leichen fanden sich Divertikel der vordem Oesopliaguswand 
im Ni\eau der Trachealbifurcalion im Anschluss an narbigen Schwund 
der anliegenden Lymphdrüsen. 

Chronischer Magenkatarrh fand sich als Complicalion der verschie- 
densten Processe in I <S Leichen = 13. 3 7y und zwar gleich häufig bei 
Männern und Frauen. 



Beobacliliingen des patholngisrlioii liisfiiiils ?,ii lona im Lihr? 1^66, 16ö 

Das chronische Magengeschwür und seine Residuen wurde in 10 
Fjillen beobachtet = 7. i "/o- ^'^ gewöhnlich stellte das weibliche 
fiesrhlecht ein viel belräehlliehcics Contincenl als das männliche 'T:^:. 
In neun von diesen 10 Fällen waren es die cliaraklerislisclien Narben, 
welche die frühere Anwesenheit des Processes documentiricn. nur bei 
einei- 'i.ijährieen Frau fand sich eine sanduhrförniige Verenizernng durch 
eine alte Narbe neben einem frischen Geschwür. Bemerkcnswerth jst, 
dass mit einer Ausnahme . welche den Fundus betraf, stets dieselbe 
Stelle des Magens Sitz der Veränderun!j: war: die hintere Wand in der 
Mitte zwischen P\lorus und Cardia nahe der kleinen Curvatur. 

Eine interessante Form der Wurinfortsatzperforation wurde bei 
einem TKJähr. Mann gefunden. Der Processus vermiformis war 'i Mm. 
vor seinem etwas erweiterten Ende mit der vorderen Fläche des lleum 
nahe der BAinixschen Klappe verwachsen und mtnidete durch eine 
schmale seitliche \ on einem gewulsteten Schleimhautrand umgebene 
Fistel in letzteren ein. Seine Schleimhaut war im Zustande chronischen 
Katairhs. 

Chronischer Darmkalarrh fand sich abgesehen von den Fällen , in 
welchen er tuberkulöse Verschwärung der Darmschleimhaut begleitete, 
bei lo Individuen, 5 Männern, (i Frauen: er fand sich in .{Fällen neben 
Carcinose verschiedener Organe, eben so oft imAnschluss an chronische 
Nephritis, in i Fällen trat derselbe als Theilerscheinung allgemeiner 
Venenstauung auf. 

Eine beschränkte Epidemie von Dysenterie, welche im Herbst auf- 
trat, lieferte 7 Todte. Schon im August war ein Mann aus der Naum- 
burger Gegend in das Landeskrankenhaiis aufgenommen worden, wo 
rr nach kurzem Aufenthalt dei- Erkrankung erlag. Im October wurde 
ein zw eitel' Fall aufgenonmien und wegen des Ausbruchs von Delirium 
tremens auf die Irienabtheilung transferii-t. Daselbst haftete das Conta- 
gi\nn und latfte zwei Angehörige dieser Anstalt hinweg. In derselben 
Zeit starben in der gerade gegenüberliegenden Entbindungsanstalt zwei 
Neugeborene an der gleichen Erkrankung. Ein siebentei- Fall kam in 
einem benachbarten Dorfe vor, er war gleichfalls aus der Umgegend 
von Naumburg eingeschleppt. Die Erkrankung erstreckte sich bei einer 
der Irren auf das ganze lleum und den Dickdarm , ersteres mit einer 
dicken in Zusanunenhang ablösbaren gelblichen Crupmembran über- 
ziehend. Bei einem der Neugeborenen beschränkten sich die Belege 
im Ileuih auf die PEYER'schen Drüsen neben ausgedehnter Diphtherie 
des Colon. 

Es ist hier der Fall eines :i;}jähr. Arztes anzufügen, welcher 
in den Tropen einen umfangreichen Leberabscess mit Durclibrucii in die 
rechte Pleurahöhle acquirirt hatte. Es fanden sich im Dickdarm neben 



1 66 Wilhelm Müller, 

schiefriger Pigmentirung der Schleimhaut zahlreiche sliahlige Narben 
als Residuen einer abgelaufenen Dysenterie. 

Eschinococcen der Leber kamen zweimal zur Beobachtung: bei 
einem njähr. Mann mit Perforation in die rechte Pleurahöhle und eitriger 
Pleuritis, bei einer 57jähr. Frau mit Perforation in die Gallenwege und 
terminaler Pneumonie. Im letzteren Fall war es zu mehrfachen sack- 
förmigen Ektasien der Gallengänge innerhalb der Leber gekommen, 
welche sich ferner auch bei einem Mann mit Krebs des Nierenbeckens 
und der Lymphdrüsen um die Leberpforte vorfanden. 

Gallensteine fanden sich in 1 1 Individuen = 8. 1 "^/o. Auch hier 
stellte das weibliche Geschlecht mit 9 Fällen das ungleich grössere 
Gontingent. 

Bei einer 64jähr. an Epitheliom der Blase verstorbenen Frau fanden 
sich zahlreiche Stecknadelkopf- bis erbsengrosse gelbe käsige Einlage- 
rungen in die Bindesubstanz zwischen den einzelnen Läppchen des 
Pankreas, wahrscheinlich die Residuen früherer Eiterbildung im inter- 
stitiellen Bindegewebe der Drüse imAnschluss an hochgradigen Katarrh. 
Die Schleimhaut des Duodenum zeigte ausser schiefriger Pigmentirung 
keine Veränderung. 

Eitrige Peritonitis fand sich in 8 Fällen, stets als secundärerProcess 
und zwar dreimal im Anschluss an innere Einklemmung , zweimal an 
Diphtherie des puerperalen Uterus, je einmal an Bruchschnitt, Darm- 
perforation durch Dysenterie und Uterusruptur. 

Uro poetisches System. 

An Wichtigkeit steht unter den hier abzuhandelnden Erkrankungen 
die Nephritis obenan. Man kann 3 Formen unterscheiden. Die erste 
begreift jene Fälle, welche wesentlich durch Veränderungen in der epi- 
thelialen Auskleidung der Harncanälchen charakterisirt und bei acutem 
Verlauf als crupöse Nephritis, bei chronischem als Fettniere bezeichnet 
werden : für sie empfiehlt sich der von Dickinson vorgeschlagene Name 
der tubulären Nephritis. Die zweite umfasst jene Fälle , bei welchen 
neben den Veränderungen des Harncanälchenepithels, welche mit jener 
der vorigen Form identisch sind , eine Wucherung der interstitiellen 
Bindesubstanz der Niere zustande kommt, wodurch diese narbigen 
Schwund verschiedenen Grades erleiden kann. Man wendet auf diese 
als Cirrhose oder Granularatrophie der Niere bekannte Form zweck- 
mässig die Bezeichnung der interstitiellen Nephritis an. Sie ist die ge- 
wöhnliche Form bei Gichtischen; sie ist noch häufiger eine Folge der 
katarrhalischen Nephritis d. h. einer vom Nierenbecken aus auf die 



Beobaclitiiiigen des pntliologischen lusiituis zu leiia im .lahre 1866. 167 

FlarncanäJchen sich fortpflanzenden EpilheliaKvucherung, denn nur in 
dieser Auflassung erhält überhaupt die Bezeichnung »katarrhalischr 
Nephritis« eine bestimmte und klare Bedeutung. Auf Grundlage dieser 
Form entwickelt sich in der Regel die dritte, die suppurative Nephritis, 
charakterisirt durch Eiterzellenbildung im interstitiellen Bindegewebe 
des Organs. 

Die acute Form der tubidären Nephritis wurde in o Fällen beob- 
achtet: je einmal neben Diphtherie und Masern, zweimal neben Keuch-^ 
husten : in beiden letzteren Fällen waren Concremenle im Nieren- 
becken nnd war der Tod unter den gewöhnlichen Erscheinungen der 
Urämie erfolgt. Bei einer 3! jähr. Frau hatte sich die Erkrankung zwei 
Monate vor dem Tod unter Oedemen entwickelt. Es fand sich neben all- 
gemeinem Hydrops und der charakteristischen Veränderung der Niereu 
eine linksseitigi^ Pneumonie und frische Endocarditis der Bicuspidalklappe. 

Die chronische Form der tubulären Nephritis, sog. Fettniere, 
kam dreimal zur Beobachtung: zweimal neben Caries, einmal neben 
recenter Tuberkulose. 

Interstitielle Nephritis fand sich im Anschluss an chronischen Ka- 
tarrh des Nierenbeckens bei 2 Frauen, in einem Fall doppelseitig, im 
andern auf die rechle Niere beschränkt. Unabhängig hievon fand sie 
sich i)ei einem iojähr. Mann. Das Krankheitsbild war hier sehr dunkel 
gewesen : öftere schmerzhafte Anschwellungen der Gelenke, fortschrei- 
tende Abmagerung und Blässe, zum Schlüsse unstillbare Blutungen 
aus Mund und Nase neben Coma und Convulsionen. Die Nieren fanden 
sich auf V4 des Normalvolums reducirt , exquisit granular-atrophisch, 
die Malpighischen Körper zum Theil kxstomatös erweitert mit Abplattung 
der enthaltenen Gefässrudiniente . die Harncanälchen theils verengt, 
mit fettigem Detritus und hyalinen Cylindern erfüllt, theils erweitert und 
in beginnender Cystenumwandlung. Der Urin hatte bei einmaliger 
Untersuchung keinen Eiweissgehalt darseboten. 

Der suppurativen Nephritis erlag ein 41 jähr. Manu, welcher in 
Folge eines Blasenst«ins schon längere Zeit an interstitieller Nephritis 
gelitten hatte und \\enige Tage vor seinem Tod der Lilhotoniie unter- 
worfen \Norden war. 

Amyloiddegeneration der Niere fand sich in o Fällen : zweimal 
neben Uleruskrebs, zweimal neben Tuberkulose. (Mumal neben Pyelitis. 

Kalkinfarcle in den Pyramiden wurden bei i fast gleichaltrigen 
<>i— 67 Jahr) Individuen beobachtet; in keinem Fall war eine Bezie- 
hung zu Veränderungen im Knochensyst«m nachweisbar. 

Kat<trrh des Nierenbeckens fand sich in massigem Grade l.»ei drei 
Irren und einem Tuberkulösen ; in keinem dieser Fälle fehlten die Er-- 



16S . Wilhelm Malier, 

scheinungen des chronischen Katarrhs in Blase und Urethra. Hochgra- 
dige eitrige Pyelitis fand sich bei zvNci Frauen neben eitrigem Blasen- 
katarrh, in dem einen Fall auf die rechte Niere beschrankt, f^ombinirt 
mit Hydronephrose fami sie sich bei einer i Ijähr. Frau, deren linkes 
Nierenbecken durch ein im Ureteranfang festsitzendes Concrement her- 
inetisch abgeschlossen wai', während das rechte mehrere freie Concre- j 
mente enthielt. Beide Nieren waren in kopfgrosse Säcke verwandelt, ^ 
das Parenchym bis auf geringe Reste geschwunden, die enthaltene Flüs- 
sigkeit eitergemischt und ilbelriechend. 

Bei i FraucMi hatte sich im Anschluss an Epitheliome des Uterus 
mit Corapression eines odei- beider UreU^ren Hjdronephrose entwickelt. 

Es ist hier noch ein Fall abnormei- Beweglichkeit und Tiefstandes 
der rechten Niere mit Ausbildimg eines kurzen Mesonephrons zu er- 
wähnen, welcher sich bei einer 69jähr. Frau fand. 

Genitalsystem. 

Granulöser Katarrh der hinteren Parlhien der Urethra fand sich bei 
o Männern, worunter 3 Irre und I Tuberkulöser. In zwei von diesen 
Fällen machte schiefrige Pigmentirung der Samenblasen mit bräunlich- 
gelber Färbung der enthaltenen Flüssigkeit deren Betheiligung an dem 
Process wahrscheinlich. 

Katarrh der weiblichen Genitalschleimhaut war in 1 I Individuen 
nachweisbar = 8. 1 " o> "^ "^ Fällen zugleich mit Schwellung und er- 
heblicher Verlängerung des Cervix. Bei einer <i9jähr. Frau fand sich 9 
im Anschluss an croupöse Pneumonie ein gelblicher in Zusammenhang 
ablösbarer Croupbeleg in Uterus und Vagina neben beträchtlicher Röthe 
und Schwellung der unterliegenden Schleimhaut. 

Diphtherie des puerperalen Uterus fand sich in 5 Fällen, stets be- 
gleitet von eitriger Peritonitis, in 2 Fällen zugleich von eitriger 
Lymphangitis im Plexus spermaticus. 

Lageänderungen des Uterus kamen in N Individuen zur Beobach- 
tung = ö. 9*^/0 und zwar 1 Vorfall, I seitliche Beugung, 6 Rückwärts- 
neigungen und Beugungen. Alle diese Individuen gehörten dem reiferen 
Alter an. 

Haut. 

Es ist hier ein Fall von Wunddiphtherie seiner Complication wegen 
zu besprechen. Bei einer 5:{jähr. Frau war wegen eines umfangreichen 
Sarkoms der rechte Oberschenkel im unteren Drittheil amputirt worden. 



Bpobarhlniicpii des patholooisrhpii InsiiliHs 7.11 .Ipiia im lahre 1866. 169 

Es slellle sich inKoini (Miies graugelblichen fcslsiU«Mi(len übelriechenden 
Belegs Wuntldiphtherie ein . welcher die Kranke erlag. Es fand sich 
ausser der Wundaffection iiochgiadiger granulöser Katarrh dos Uterus, 
der Blase und des rechten Meienbocken ; in allen diesen Theilen fanden 
sich inselförnuge Grouphelege , vv.lhrend die normale Schleindiaut des 
linken Nierenbecken \on der Aftection vollständig verschont blieb. 



Hewegun gssysteni. 

Bei einer Hijähr. Irren fand sich eitrige Bursitis patellaris ohn? 
Coff)munication mit dem (ielenk. Die Wandung des Schleimbeutels war 
hochgradig verdickt, sehr gefiissreich und mit /.ahlreichen bis erbsen- 
grossen wuchernden Granulationen besetzt, der enthaltene Eiter dick, 
gelblich und übelriechend. 

Bei einem Hjähr. an chronischer tubulärei' Nephritis verstorbenen 
Mann fand sich Eiterung des rechten Kniegelenks neben solcher am 
Periost des Oberschenkelknochen ; der letzlere in seinem unteren Drit- 
theil beträchtlich verdickt, von auffallend compacter Beschaffenheil , in 
der Mitte scierotischen Gewebes zwei <'twa kirschengi'osse vollkommen 
glaltuandige mit Eiter gefüllte Höhlen enthaltend, welche durch Fistel- 
gange mit den anliegenden Abscessen und der Oberfläche der Haut 
comnuinicirten. Der weitere Befund ergab keinen .4nhall für die Ver- 
muthung, dass hier das Resultat constilutioneller Syphilis Norgelegen 
habe. 



Beobachtungen des pathologischen Instituts zu Jena im Jahre 1867. 



Allgemeiner Theil. 

■% 

Vom 1. Januar bis 31. Decemberl867 wurden vom pathologischen 
Institut zu Jena 148 Leichen secirt. Die Haupltodesursachen ergibt nach- 
stehende Uebersicht: 



Todesursache 


0—1 2—10 


11—20 


21 -SO 


81—40 


41—50 


51—60 


I 
61—70 


71—80 




Tuberkulose 
der Lungen .... 

» Knochen . . . 

» Nieren .... 
des Bauchfells . . 
der Hirnhäute . . 

Carcinom 
der Brustdrüse . . 

des Colon 

Epitheliom 
des Magens .... 
der Mundhöhle . . 
des Uterus .... 

Sarkom 
des Gehirns . . . 
der Schilddrüse . 

» Lungen . . . 

Syphilis 

Typhus 

Erkrankungen des 

Nervensyst. 
Pachymeningilis . 
Leptomeningitis . 
Hydrocephalus . . 
Vulnus raedullae . 
Erkr. des 

CirculationssNSl 
Endocarditis . . . 
Adiposis cordis . . 
Phlebitis. ... 

Arteritis 

Insolation .... 




— 

2 

1 
1 


1 

li 
1 
1 
1 


— 
i — 


L 


2 

1 

1 

- 

- 


2 
1 

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1 

1 
1 

1- 
i 2 


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2 
1 

1 
1 

1 


3 

1 

~ 

— 

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1 

1 

2 
1 

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1 

1 
1 

1 

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3 
1 

z 

1 

1 
1 

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2 
1 




■ 2 
2 


1 

1 

1 
1 


1 
1 




1 

1 
1 


29 

12 

3 
4 

6 
14 



Beobaclitiiiit2:eii des patholothsclieii Instituts zu .leiia im Jahre 1867. 



Todesursache 


0—1 


2—10 


41—20 


1 
1 
24—30 


1 

34—40 


44—50 


54—60 


64—70 


74—80 




Erkr. d. Respirats. 
Diphtheria .... 
Pneumonia crup. 
ßronchopneum. . 
Pneumonia chron. 
Emphysema . . 

Pleuritis 

Asphy.\ia 

Erkr. des 
Digestionss. 
Catarrh.gastro-int. 
Dysenteria .... 
Ulcus rotund. . . 
Perfora tio proc 

verniiform. . . 
Peritonitis .... 
Incarcerat. hern. 

Volvulus 

Erkr.d.uropoet.S. 
Nephritis tubul. . 

» interstit. 

» suppurat. 

Diabetes 

Erkr. d. Genitals. 
Adhaes. placentae 
Diphth. ut. puci^p. 

Erkr. der Haut 
Erysipelas .... 
Phlegmone .... 

Erkr. des 

ßewegungss. 

Kract. tibiae . . . 

» costarura . 

Vergiftung .... 

Verhungert .... 


5 

1 

4 
i 

1 


3 

1 




3 

_ 


1 


1 


4 

1 
4 


4 

4 

4 

4 

4 


4 

4 

4 

4 

5 

4 

1 


4 


4 
4 


4 

4 
4 

4 
4 

4 


4 


4 

4 
4 


4 

4 


4 

4 
4 

4 

4 

2 

2 
1 

4 


4 
4 

4 


~ 


4 

4 
4 

1 

4 
4 


34 

20 

9 

8 
3 

4 
4 
4 




17 


8 


3 


4 

4 


5 

4 


8 
.9 


10 


13 


7 
4 


7 

4 


13 

1 


5 

7 


45 

~2 


8 


43 


5 

0~ 




9 


448 



Tuberkulose 



wurde in :?'.* Leichen conslatiit = 19. 6*'{,. Sic führte in 28 Fällen 
(lirccl zum Tode, in (> Fällen durch Coniplicjitionen und z\n>h- dreimal 
durch PcrlorHlion der Lungen mit darauf folgendiMu Pneumothorax. 
KNveiiual durch Perforalion des Darms nnt darauf folgender Peritonitis. 
Bei einem .j3iähi-. Mann war es im (iefolge \on tuberkulöser Caries des 
i. und 3. Lendenwirbels zu umschriebener l'erforalion der Diua maler 
spinalis gekommen mit nachfolgender bis in dieHirnhOlilen verbreiteter 
eitriger Leplomeningitis. 



172 Wilhelm Müller, 

In 1 Fällen fanden sich neben der Tuberkulose Processe , welche 
das disponirende Moment zu ihrer Entwicklung abgegeben haben konn- 
ten und zwar dreimal Syphilis, zweimal chronische Pneumonie und fä- 
cale Concremente im Wurmfortsatz, je einmal Manie, Diabetes, Ulcus 
rotundum. 

Von bemerkenswerthen Beobachtungen , zu vNelchen die Tu- 
berkulose Anlass gab , hebe ich heraus das gleichzeitige Vorkommen 
alter theiis verkäster theils vcrkreideter bis erbsengrosser Tuberkel in 
der Pia derHirnoberflächc neben frischem miliaren Nachschub bei einem 
28jähr. Mann und J.Jjähr. Mädchen. 

Bei einem '(6jähr. Mann zeigte sich der Kehlkopfeingang xladurch 
deform, dass die rechte Cartilago corniculata mit der überziehenden 
Schleimhaut der vorderen Fläche der Gart, arytaenoidea auflag. Es fand 
sich an der Basis der letzteren ein linsengrosses zackiges Geschwür, 
welches die Schleimhaut nach oben unlerminiit und die vordere Parlhie 
des Bandapparates zwischen Cart. arytaenoidea und corniculata zerstört 
hatte, wodurch letztere ihrer Schwere folgend nach vorne und abwärts 
gesunken war. 

Bei einem I9jähr. Mann fand sich eine stecknadelkopfgrosse von 
einem schwarzen Pigmenthof umgebene Oeffnung im rechten Haupt- 
bronchus, aus welcher bei Druck Eitei- sich entleeile. Die Präparation 
zeigte, dass eine anliegende tuberkulöse Lymphdrüse vereitert und in 
den Bronchus durchgebrochen war. 

In zwei Fällen fand sich neben w eit verbreiteter Tuberkulose Ver- 
schwärung der Oesophagusschleimhaut. Bei eine«- :i4Jähr. Frau war 
letztere im Anfangsthcil von spärlichen, im weiteien Verlauf von zahl- 
reichen rundlichen und zackigen bis groschengrossen Geschwüren be- 
setzt, deren Bänder glatt, deren von der Submucosa gebildete Basis hie 
und da durch netzförmig vorspringende Bindegew cbszüge uneben war. 
Die zwischenliegende Schleimhaut war flach gewulstet und mit ver- 
dicktem Epithelüberzug versehen. Die Uebereinstimmung dieser Ver- 
schw'ärungen des Oesophagus mit zahlreichen gleichzeitig vorhandenen 
in der hinteren Wand dei- Trachea war unverkennbar. Auf das untere 
Drittheil des Oesophagus beschränkt wurde derselbe Befund bei einem 
19jähr. Mann beobachtet. In letzterem Fall waren längere Zeil hindurch 
Schmerzen beim Schlingen vorhanden, welche constanl im unteren 
Theil des Oesophagus angegeben wurden und von dem behandelnden 
Arzt, Geh. Hofrath Biku, schon während des Lebens mit Wahrschein- 
lichkeit auf eine Verschwärung der Oesophagusschleimhaut bezogen 
worden waren. 

Bei einem 27jähr. Mann war es imAnschluss an inveterirte Syphilis 



Beobachtiiii^t'ii (Ips iiatlutlouisclipii Inslitiits 7,11 .Ipiih im .lalire 1867. 17H 

und alte Tuberkulose der Lungen und I^ymphdriisen /u acuter Tuber- 
kulose gekonunen. welche sich aui' das Peritonäuni beschi-jlnkle. 

Tuberkulose der Meren in Form discreter Knoten fan(i sich bei 
einem i2jjihr. Mann. In inhltrirter Form und zwar von den Spitzen 
einzelner P\rainiden aus auf deren Basis und die Kiiulensubstanz übei- 
tii'eifend fand sie sich bei einem lOjähr. und einem ^tSjähi-. Mann, bei 
letzlerem mit Bildune; einer umfangreichen Caverne. In beiden Fällen 
warder Process auf die rechte Niere unti den rechten Ureter beschränkt: 
es fanden sich in letzteiem und dem Nierenbecken, in Blase, Prostata 
und den hinleren Parthien der Urethra theils frische Tubeikelknötchen, 
iheils rundliche und zackige Geschwüre neben hochgradigem chronischen 
Katarrh. In beiden Fälh^n waren Vas deferens. Nebenhode und Hode 
beiderseits vollkommen frei geblieben. 

K r e b s. 

Zwei Fälle von Uarcinom der Brustdrüse boten übereinstimmenden 
Befund: Oertliches Recidiv an der Operationsslelle, secundäre Carcinoma 
in den Achseldrüsen, Kippen, Pleuren, Lungen und der Leber. 

Bei einei- 73jähr. Frau fand sich ringförmiges Carcinom des Colon 
transversum neben solchem beider Eierstöcke , dabei acute Carcinose 
des Peritonäum. 



Epitheliale Neubildungen. 

Pflaslerepitheliom des Uterus, vom Scheidegewölbe ausgehend, fand 
sich bei einer iHjähr. Frau. Die Neubildung hatte in ausgedehnter 
Weise auf die Blase am Trigonum übergegriffen und sowohl eine ab- 
norme Comnmnication mit dei- Vagina als doppelseitige Hydronephrose 
herbeigeführt. Das Rectum war bis auf einige submucöse Knötchen 
frei ; dagegen fanden sich secundäre Epitheliomknoten in den retrope- 
rilonäalen Lymphdrüsen und der Leber. 

Bei einem .5K jähr. Weib hatte ein ausgedehntes Ptlasterepilheliom 
der Mundhöhle zu Kntfernung der linken Unterkieferhälfte Anlass ge- 
geben. Nach dem i Wochen später an Bronchopneumonie erfolgten 
Tod zeigte sich der ganze weiche Gaumen von der Neubildung substi- 
tuirt, welche sich längs der linken beiden Gaumenbögen bis zum Kehl- 
deckel eistreck le und iheil weise in die Zungenbasis übergriff. Die be- 
nachbarten L\mphdrüsen waren frei geblieben. 

Drei Fälle von Cylinderepitheliom fanden sich im Magen, zwei im 
Pylorustheii bei einem fiOjähr. Mann und einem Tijähr. Weib, ein dritter 



174 Wilhelm Mfiller. 

in der Nähe der Cardia bei einer iSjälir. Frau. In den letzteren beiden 
Fällen war die Neubildung auf den Magen Ijeschränkt, im ersteren waren 
die Lymphdrüsen um Magen und Leberpforte und die Leber selbst von 
zahlreichen secundären zuniTheil sehr grossen Epitheliomknoten durch- 
setzt. Das Resultat der methodischen Untersuchung dieses Falls wird 
der specielle Theil bringen. 

Bei den Adenomen ist zu erwähnen die sog. Hypertrophie der Pro- 
stata. Sie fand sich in höherem Grade bei o Individuen, stets im An- 
schluss an chronischen Katarrh der hinteren Parthien der Urethra und 
mit Bildung eines sog. mittleren Lappen. Die Untersuchung voq dreien 
dieser Fälle und die eines früheren , in welchem die Prostata im An- 
schluss an einen alten periurethralen Abscess über apfelgross war, hat 
ergeben, dass an der Bildung des mittleren Lappen , welcher in einem 
Fall über wallnussgross und deutlich abgegrenzt war, eine Neubildung 
von Drüsenbläschen den wesentlichsten Antheil hatte. Nur in einem 
Fall trat das Drüsengewebe gegen die verdickte Musculatur zurück. 

Vergrösserungen der Schilddrüse in Form der verschiedenen Modi- 
ficationen des Kropfs wurden in 27 Individuen angetroffen = 18. S'Vo. 
Auch in diesem Jahre stellte das weibliche Geschlecht mit 1 6 Fällen das 
grössere Contingent. 

Kystome der Nieren fanden sich bei 7 (4M., 3 W.) , solche der 
Ovarien bei S Individuen , von letzteren eines mit derraoidem Inhalt. 
Bei einer 33jähr. Frau hatte ein colossales multiloculäres Kystom des 
rechten Ovarium dessen Entfernung durch die Operation nothwendig 
gemacht : der Tod erfolgte ö Tage später durch allgemeine eitrige Pe- 
ritonitis. 

Bindesubstanz- Neubildungen. 

Fibrome der Uterusscbleimhaut fanden sich bei 5 Individuen, vier- 
mal in Form polypöser Fibrome desCervix, im fünften Fall in Form eines 
gestielten myxomatösen Fibroms des Uterusgrundes. 

Myome und Fibromyome in der Dicke der Uteruswandungen kamen 
in i Individuen zur Beobachtung , während Ovarium , Wandung des 
Magens und der Vagina je einmal diese Neubildung darboten. 

Besondere Erwähnung verdienen mehrfache flachhöckerige breit 
aufsitzende bis erbsengrosse Fibrome des Ependyms derSeitenventrikel 
eines r)7jähr. Mannes , welcher den Folgen des Bruchschnitts erlegen 
war. Während des Lebens war kein Symptom vorhanden, welches auf 
die Anwesenheit der Neubildung hingedeutet hätte. Die Weite derVen- 



Beobachtungen des patliolojjisrluMi Instituts zu lenji im Jahre 1867. 1 75 

trikel zeigte sich normal, die anliegende Hirnsubslanz unverändert. 
Die Geschwülste waren von derber Consistenz, reinweisser l'arbe : sie 
bestanden aus sehr zarten wohl ausgebildeten Bindegewebsfibrillen mit 
massenhaft dazwischen liegenden starkgeschlungenen feinen elastischen 
l'asern und zarten elliptischen Zcllelementen , welche stellenweise mit 
Zurücktreten der Intercellularsubstanz dicht^M- zusammenlagen. 

In viel grösserem Maassstabe fanden sich ganz ahnliche Geschwülste 
in Form einer handgrossen 2 — 8 Mm. prominirenden Gruppe auf der 
linken Costalpleura einer 60jähr. Frau, wo sie das hinlere Drittheil iles 
"). bis S. Inlercostalraums bis zur Wirbelsäule einnahmen. Sowohl in 
der äusseren Beschaffenheit als im Bau stimmten diese Geschwülste mit 
jenen des Ependym vollständig überein. 

Noch interessanter sowohl hinsichtlich der Symptome als des Be- 
fundes ist die Beobachtung zweier freiliegender neben einem gestielten 
Fibrom in der linken Pleurahöhle eines oSjähr. Mannes. Derselbe war 
nur wenige Tage in Behandlung gewesen, die Erscheinungen waren 
Präcordialangst , Puls von 18 Schlägen, Kühle der Extremitäten. Die 
Section wies ziemlich beträchtliche Fettdegeneration derHerzmusculatur 
nach. Im Nervensystem des Herzens wurde Nichts gefunden , was die 
auffallende Pulsverlangsamung erklärt hätte: Vagus und Accessorius 
sow ie ihre Ursprünge im verlängerten Mark , die sympathischen Ge- 
flechte längs der Art. vertebralis sowie die Herzgeflechte selbst wurden 
mit völlig negativem Resultat mikroskopisch untersucht. Nun fand sich 
aber ein kirschengrosser derber freier Körper von weisser Farbe und 
etwas höckeriger Oberfläche im linken Pleurasack neben der Wirbel- 
säule gerade über der Zwerchfellskuppe , ein zweiter eben so grosser 
gerade auf der Mitte der vorderen Fläche des Herzbeutels, während ein 
dritter etwas über erbsengrossei" durch einen schmalen bindegewebigen 
Stiel an die Pleura über dem i linken Rippenknorpel nahe seinem An- 
satz an die Rippe angeheftet war. Im Bau stimmten alle diese Körper 
sow ohi unter sich als mit den schon beschriebenen des Ependym über- 
t'in. Es muss dahin gesteUt bleiben, ob die auffallende Pulsverlangsa- 
mung mit der Anwesenheit der freien Körper an der vorderen und liin- 
teien Fläche des Herzbeutels in Beziehung gesetzt werden kann oder ob 
das Zusammentreffen beider Befunde ein zufälliges darstellt. 

Bei 2 Männern fanden sich rundliche Fibrome an der Innenfläche 
der Dura mater vom Umfang einer massigen Kirsche, welche wie an 
dieser Localität gewöhnlich, mit concentrisch geschichteten Kalkkörnern 
in)prägnirt waren. In dem einen FaU fand sich daneben ausgedehnte 
\ frkalkung der Bindesubstanz selbst, in dem andren waren zahlreiche 



1 76 WiHM-lm Mnllf r. 

FelUellen^rupjien ume^eluiassig zwischen die Bindegewebsbündel ein- 
gestreut. 

Ein erbsengrosses Lipom an der InnenQäche der Nierenkapsel 
fand sich bei einem 60jähr. Mann. 

Kleinzellige Sarkome des Gehirn Nviirden bei ^Männern zur Todes- 
ursache, ihr SiU war das einemal der linke Stirnlappen, das andremal 
der Balken. Sie werden später beschrieben werden. 

Ein kleinzelliges Rundzellensarkom mit Figmeutgehalt fand sich 
in Form zahlreicher Geschwülste im Sternum . Meiliastinum . beiden 
Pleuren und Lungen eines ^Ojähr. Mannes. 

Bei einem 66jähr. Mann war die ganze Schilddrüse in ein kopf- 
grosses lappiges Spindelzellensarkom verwandelt mit Perforation 'der 
Trachea und zahlreichen metastatischen Geschwülsten in den Hals- 
hmphdrüsen und Lungen. 

Es sind endlich hier noch mehrfache Exostosen zu erwähnen, 
welche sich bei einer öOjähr. Frau an Rippen. Wirbeln und der Innen- 
fläche des Schädels fanden. 



A n g i m e. 

Cavernöse Angiome der Leber fanden sich bei £ Männern von ."iT 
und 60 Jahren, in dem einen Fall zahlreich und bis zu Apfelgrösse. in 
Form lappiger Geschwülste über das .Niveau der Leber prominirend. 

Varixbildung wurde bei 31 Individuen eonstatirt = 20. 9" ^ und 
zwar lieferten die hämorrhoidalen Venen 25 . jene des breiten Mutter- 
bands und des Unterhautbindegewebes der untern Extremitäten je ö, 
jene der Pia mater 2 Fälle, während einmal eine hochgradige Varicocele 
im rechten Samenstrane eonstatirt wurde. 



N e u r m e 

fanden sich in Form von knotigen Anschwellungen sämmtlicher Nerven 
eines Amputatiünsstumpfs des rechten Oberarms bei einem iijährigen 
Mann. 

Syphili s 

wurde in 9 Leichen eonstatirt = H. 08«,^. Unter den hieher gehörigen 
Fällen ist her\orzuheben die Beobachtung multipler tief eindringender 
Narben der Leber l^iei einem iojäbr. In-en. . Bei einem Neugeborenen, 
welcher ' jStundt- lebte, fand sich neben Pemphigus Bronchopneuinonie 



Beobachtaugeb d«s patbologischeti lostitats la Jeiu im Jakr»: IS<ii. 1 77 

beider LungeD mit umschriebenen käsigen Uepatisalionen. Der Fall 
wird seiner Wichtigkeil wegen im speciellen Theil ausfilbrlicher be- 
schrieben werden. 

Typhus 
war in den 4 Fällen, welche zur Obduction kamen . durch Complica- 
tionen tödtlich geworden und zwar zweimal durch Verschwärung des 
Kehlkopfs mit nachfolgender Bronchopneumonie, je einmal durch Darm- 
perforalion und durch Venenthrombose mit nachfolgender Lungen- 
arterienembolie. 

Nervensystem. 

Pachymeningitis interna fand sich in chronischer Form und mit 
beträchtlichem Blulerguss zwischen den gallertigen Pseudomembranen 
bei I , in acuter bei T Leichen, darunter 6 Männer, i Frauen. 5 von 
den Individuen waren Irre . 2 Potatoren. Auf 1 1 1 Leichen berechnet, 
deren Schädel eröffnet wurde, ergibt sich ein Verhältniss von 7. ^'^o- 

Eitrige Leptomeningitis wurde in 4 Individuen beobachtet : bei einem 
oTjähr. Mann in Form von Cerebrospinalmeningitis mit protrahirtem 
Verlauf: bei einem 33jähr. Mann nach Durchbruch der Dura spinalis von 
einer tuberkulösen Wirbelcaveme aus: bei einem 51 jähr. Mann trat 
sie im Anschluss an Pneumonie, bei einer 38jähr. Frau im Anschluss 
an Diphtherie des puerperalen Uterus raitLymphangitis des Plexus Sper- 
ma ticus auf. 

Bei einem Todtgeborenen und 3 Irren war innerer und äusserer 
Hydrocephalus die einzige Veränderung, welche als Todesursache be- 
trachtet werden konnte. In einem der letzteren Fälle waren neben den 
Erscheinungen des paralytischen Blödsinns öfter wiederkehrende An- 
fälle von ßewiisstlosigkeit mit halbseitiger Lähmung vorhanden gewesen, 
welche stets im Lauf weniger Tage wieder verschwanden: die Lähmung 
wechselte einmal mit Veränderung der Lage des Kranken. 

Bei einer 67jähr. Frau fand sich neben den Resten abgelaufener 
Endocarditis der Bicuspidalklappe der \iereckige Lappen des Kleinhirns 
beiderseits zum grossen Theil in eine orangegelbe narbige Masse ver- 
wandelt . mit welcher die verdickte Pia fest verwachsen war. Beide 
zuführende Arterien waren durchgängig und ohne Veränderung, so dass 
der Beweis für die embolische Natur der schon lange bestehenden Ver- 
minderung sich nicht führen' Hess. 

Ein 36jähr. Mann hatte vor längerer Zeit den i. Lendenwirbel ge- 
brochen und eine unvollstäntlige Lähmung der unteren Extremitälen 
/!u rückbehalten, welche ihn zum Gehen an der Krücke nölhigte. Die 

B«ad IV. 2. 12 



178 WUk«lB Maller, 

Section ergab deutlichen Ci\llus im Körper und Bogen dieses Wirbels, 
die Dura mit demselben verwachsen, eine strafte bindegewebige Pseudo- 
membran querdurch die Wirbelhöhle gespannt mit Einschnürung sämrat- 
licher Nerven am Anfang des Filum terminale. Ausserdem fand sich 
alles abgesacktes linksseitiges Empyem: der erste Lendenwirbel in sei- 
nen unteren ä Drittheilen eine grosse mit käsiger Masse gefüllte Höhle 
enthaltend, welche beiderseits mit ausgedehnten verkästen eine Anzahl 
Knochenfragmente und Kalkbrocken enthaltenden Psoasabscessen in 
Verbindung stand. 

Ein überaus wichtiger Fall von partieller Verwundung des Rücken- 
marks im Niveau des 4. Dorsalwirbels wird im speciellen Theil geschil- 
dert werden. 

Circulationssy Stern. 

Frische fibrinös-eitrige Pericarditis wurde in 3 Leichen constatirt, 
einmal neben Thrombose des rechten Herzohrs bei Uterusepilheliom, 
einmal neben frischer Endocarditis im linken Ventrikel bei Diphtherie 
des puerperalen Uterus, endlich bei einem 51 jähr. Mann neben Pleuro- 
pneumonie und eitriger Leptomeningitis. 

Die Residuen abgelaufener Pericarditis fanden sich in Form mehr 
oder weniger ausgedehnter Verwachsungen zwischen beiden Herz- 
Ijeutelblättem in 5 Leichen. 

Vergrössemng des Herzens mit Hyperplasie der Musculatur war in 
19 Leichen ausgebildet. Sie war in 8 FälÄa durch Klappenfehler be- 
dingt: in 5 Fällen war lediglich das rechte Herz Sitz derVergrösserung, 
dreimal imAnschluss an Emphysem, je einmal an chronische Pneumonie 
und Tuberkulose. In 6 Fällen war die Vergrösserung beiderseitig und 
dreimal mit Struma . zweimal mit interstitieller Nephritis , einmal mit 
(ironischer Pneumonie und gleichzeitig vorhandenem rundem Magen- 
geschwür combinirt- 

Vorgeschrittene Felldeseneration des Herzmuskels fand sich in s 
Leichen: bei einem 68jähr. Mann war sie mit beträchtlicher Lipomatose 
combinirt und die einzige Veränderung, welcher der auf dem Heimweg 
von einem benachbarten Dorfe plötzlich erfolgte Tod zngeschriel>en 
werden konnte. 

Endocarditis mit ihren Folgen wurde lomal beobachtet = 10. 4 *'/0. 
Als frischer Prooess war sie in 5 Individuen nachweisbar, zweimal neben 
jauchenden Epitheliomen , einmal neben Diphtherie des puerperalen 
Uterus und neben Tuberkulose. Während in diesen Fällen der linke 
Ventrikel allein betroffen war, waren bei einem 44jähr. Kutscher mit 
Ausnahme der Semilunaren der Lungenarterie sämmlliche Herzklappen 



Beobadituign des palkokgisBkea Institats lo Jeu u iikn 1867. 179 

betheilifit mit ausgedehnter Thrombose beider Ventrikel und multiplen 
Eintx)iien, ohne dass ein disponirendes Moment für die Entwiddung der 
Erkrankung sich halle nachweisen lassen. Der ganze Verlauf halte 14 
Tage in Anspruch genommen. 

Die Residuen abgelaufener Endocarditis fanden sich in <0 Lei- 
chen und zwar fünfmal (I M. 4 W.; in Form von Insufficienz der 
Bicuspidalis. zweimal ^i M.j in Form von InsufBcienz der AorLa- 
klappen , zweimal (2 W.) waren beide Klappen insufficienl ; endlich 
war in einem Fall die Bicuspidalis insufficient neben Stenose 
des Oslium. Die beiden Fälle von Insufficienz der Aortaklappen ver- 
dienen nähere Erwähnung : in dem einen war bei einem 43jähr. Mann 
während des Aufsitzens zum Behuf der Untersuchung des Herzens der 
Tod plötzlich eingetreten ; es fand sich die hintere Semilunarklappe 
narbig verkürzt, hochgradige Endarteritis deformans mit Verengerung 
der Coronararterien und vorgeschrittene Fettdegeneration des Herz- 
muskels: im zweiten Fall (oTjähr. Mann) war die hintere Klappe be- 
trächtlich verdickt und verlängert mit einer queren Einschnürung Inder 
Mitte, von welcher an das peripheriscbe Stück gegen den Ventrikel um- 
geklappt w ar. 

Es ist hier der Ort. die übereinstimmenden Veränderungen zu er- 
wähnen, welche bei 2 auf dem Marsche von Weimar nach Jena resp. 
Lobeda der Insolation erlesenen 21 jähr. Soldaten sich vorfanden. Die 
Erscheinungen waren die gewöhnlichen : Bew^isstlosigkeit. ConMÜsionen, 
äusserst frequenter Puls, ihre Dauer in dem einen Falle 2, im andren 
' Stunden. Bei beiden lndi\iduen ergab die Section Cyanose des Ge- 
sichts, umschriebene Sugillalionen im Mesenterium, den Lungen, dem 
Visceralblatt des Herzbeutels und imEndocard des rechten, ausgedehnte 
!i jenem des linken Herzens, wo sie bis zu \ Mm. Dicke erreichten. 
Das Gehirn eher anämisch und etw as weich , Lungen , Milz und Nieren 
venös h\^erämisch, das Blut allenthalben dunkel und flüssig , nur im 
rechten Herzen ein lockeres Leichengerinnsel. Ausserdem fanden sich 
in dem einen Fall mehrfache zum Theil mit käsigem Inhalt gefüllt«:- 
Bronchiectasien im Oberlappen der linken Lunge und ein Fäcalconcre- 
ment im Processus vermiformis, im andren chronischer Rachen- und 
Larynxkalarrh mit Vergrösserung beider Tonsillen, mehrfache narbige 
Verdichtungen in den Oberlappen beider Lungen nnd Verkalkungen 
der bronchialen Lymphdrüsen. Stücke der Lungen, Nieren, dt-s Gehirns 
und Rückenmarks wurden theils frisch, theils nach mehrwöchentlicher 
Härtung in einer I "^ Lösung von doppell chromsaui^em Kali auf Fell- 
einbolie und parenchymatöse Verfettung uulersucht. mit negativem Er- 
folg. Ich lege auf dieses Resultat gegenüber den Angaben von E.Wag- 



180 Wilhelm Müller, 

NER um so mehr Gewicht, als dieselbe Methode in drei sogleich zu er- 
wähnenden Fällen mit positivem Erfolg zur Constatirung vorhandener 
Fettem bolie verwendet wurde. 

Versucht man auf Grund beider Beobachtungen die Theorie der 
Insolation zu prüfen, welche Obernier aufgestellt hat, so findet allerdings, 
wie ich glaube, sowohl der Befund in der Leiche als die Symptomen- 
gruppe im Leben eine genügende Erklärung auf Grund der Hypothese, 
dass die schweren Erscheinungen bei beiden Soldaten eintraten, nach- 
dem das zur Verdunstung resp. Abkühlung des Körpers disponible 
Wasser in Blut und Lymphe bis zu einem gewissen Grad veibraucht 
war. Zweierlei Folgen leiten sich ungezwungen aus dieser Hypothese 
ab: eine Erwärmung des Körpers resp. Blutes über die Norm und eine 
Reduction des Blutvolums. Von diesen Factoren ist der erstere kein 
Gegenstand pathologisch anatomischer Beobachtung ; seine Wirkungen 
sind zudem von Obernier genügend beleuchtet. Der letztere war jeden- 
falls ein begünstigendes Moment für den Eintritt der Herzlähmung, als 
deren Resultat die Anämie des Gehirns und die stärkere Füllung des 
Venensystems sich betrachten lässt. Als Folgen der letzteren erscheinen 
die Blutungen in den serösen Häuten; ihr Auftreten imEndocard konnte 
begünstigt werden durch eine beträchtliche Verminderung des Drucks, 
welchen bei normaler Füllung der Ventrikel das enthaltene Blut auf das 
Kntlocard ausübt. Mit dieser Annahme steht völlig im Einklang, dass 
diese Blutungen viel ausgedehnter im Endocard des linken als in jenem 
des rechten Herzens sich vorfanden , denn das Volum des im linken 
Ventrikel enthaltenen Blutes, welches die gewaltige Verdunstungsfläche 
der Lunge passirt hatte, konnte in Folge dieses Umstandes sehr wohl 
eine grössere Menge Wasser verloren haben als ein gleiches Volum 
Körperblut. 

Endarleritisdeformans fand sich im Aortensystem in 27 =18.2 70) 
in jenem dev Pulmonalis in 10 Fällen, in letzteren fast stets neben Em- 
physem oder chronischer Pneumonie. 

F^ilrige Phlebitis derllmbiliealvene führte bei 2 Neugeborenen zum 
Tod unter den Erscheinungen der Pyämie, das eine Mal neben Leber- 
abscess und Gelenkeiterung, das andre Mal neben Lungenabscess und 
eitriger Pleuritis. 

Thrombosen wurden im Ganzen 27mal constatirt = 18. 1 "/o ; 
es waren deren Sitz die Körpervenen in 20, die Pfortader in 1, das 
rechte Herz in 4, gleichzeitig das rechte und linke Herz in 2 Fällen. 
In 21 von diesen Fällen wurde die zugehörige Embolie constatirt 
^77. 7"^„. In einem Falle wurden in der Placenla eines Todtgebo- 
.renen mehrfache deibe theils braunrolhe theils gelbliche Stellen ge- 



Rpnbaflitiiiiat'ii dos piitlinlniiisolicii lusliliils 7,11 .Ipiiü im .lahre 1867. 181 

fuiidcn ; die Untersuchung ergab, dass es sich um Thi'ouibosen in ver- 
schiedenen Stadien der Rückbildung handelte. 

Drei Fälle von Fetteinboliereihen sich hieran, welche im Anschluss an 
complicirleFracturenderTibia und Fibula sich ereigneten. Ein :J()j. Dienst- 
kneclU wurde d(Mi o. Januar im trunkenen Zustand überfahren und erlitt 
einen Splillerl)ruch der rechten Tibia und Fibula. Er wurde ])ald nach sei- 
ner Aufnahme ins Spital soporös und starl) den 6. .Januar. DieSeclion er- 
gab ausser der Örtlichen Zerstörung beträchtliche llypei-ämie beider 
Lungen, zahlreiche capilläre llämorrhagien in Gehirn, Pleuren, Lungen, 
Endocard, Nieren. Die mikroskopische Untersuchung sowohl der fri- 
schen als der in Lösung von chiomsaurem Kali gehärteten Organe zeigte 
colossale Feltcmbolie in den Lungen und Nieren, so dass in letzteren 
förmliche Injeclionspräparate der Malpighischen Knäuel entstanden 
waren, weniger intensive in den Capillaren des Gehirns, Darms, Herz- 
muskels und der Haut. Eine tTjähr. Irre war den 15. Juni aus dem 
l"enster gesprungen und hatte die linke Tibia und Fibula gebrochen. 
Auf grosse Unruhe in der ersten Zeit nach der Verletzung folgte zuneh- 
mendes Coma und am Morgen des Ü». der Tod, nachdem noch blutige 
Sputa aufgetreten waren Die Section ergab enorme Hyperämie beider 
Lungen mil zahlreichen capillaren Hämorrhagien , die mikroskopische 
Inloisuchung ausgedehnte Feltembolie der kleinsten Arterienzweige 
und (kapillaren der Lungen, sehr unbedeutende der Malpighischen Kör- 
per der Nieren und dos Gehirns. Genau denselben Befund ergab die 
Obduction und nachfolgende mikroskopische Untersuchung bei einem 
iljähr. Potator, welcher den i.Juh einen Gomminulivbruch der rechten 
Tibia und Fibula duich Ueberfahren erlitten hatte. Am Tag nach der 
Verletzung stellten sich die Flrscheinungen von Delirium tremens ein, 
wozu sich zuletzt einige letanische Anfälle gesellten, welchen der Kranke 
den 7. erlag. Diese Fälle stimmen sowohl unter einander als mit den 
von dem Entdecker der Fettembolie , E. Wagner , veröffentlichten so 
Nollkonnuen überein, dass sie eines weiteren Commentars nicht bedürfen. 

Eitrige Lymphangitis fand sich imCruralstrangeines G7jähr. Mannes 
un Anschluss an ein Erysipel des Unterschenkels, bei 3 Frauen im Plexus 
spermaticus im Anschluss an Diphtherie des puerperalen Uterus. 

Eitrige Lymphadenitis fand sich einmal in den retroperitonäalen 
Drüsen neben eitriger Lymphangitis spermatica, in einem zweiten Fall 
Ml einzelnen Drüsen der Mesenterialwurzel neben eitriger Phlegmone 
des Mesenteriums und retroperitonäalen Bindegewebs, welche zugleich 
mit Thrombose der Pfortader von einem Ulcus rotundum duodeni aus 
sich entwickelt hatte. 

Pigmentiruiig und narbige Schiumpfung sämmtlichcr inguinaler 
und lumbarer Drüsen fand sich bei einem mit Elephantiasis beider 



1 82 Wilhelm Müller, 

unteren Extremitäten behafteten 1 5j<ähr. Jüngling. Auf die Bronchial- 
driisen beschränkt fand sie sich mit oder ohne gleichzeitige Verkreidung, 
abgesehen von den durch Tuberkulose bedingten Fällen , 1 I mal vor, in 
fi von diesen 1 I Fällen war chronische Pneumonie mit Bronchialerwei- 
terung das disponirende Moment gewesen. Die Lymphdrüsen- 
schrumpfung hatte zweimal zu Stenose grosser Bronchien , einmal zu 
solcher eines grösseren Lungenarterienzweigs geführt, während in einem 
vierten Fall eine pigmentirte Narbe einen früheren Durchbruch einer 
eiternden Drüse in den anliegenden Bronchus vcrmuthen Hess. Bei 
einer 73jähr. Frau fanden sich mehrfache Verkalkungen der mesente- 
rialen Lymphdrüsen neben chronischem Katarrh des Wurmfortsatzes. 

Respiratioussystem. 

Eitrige Pleuritis fand sich, von den leichten die Pneumonie beglei- 
tenden Formen abgesehen, in 13 Fällen =8. 7"/,,. Sic war stets se- 
cundärer Process und zwar bestand das disponirende Moment je vier- 
mal in embolischem Lungenabsccss und in Peritonitis, zweimal in Rippen- 
brüchen, je einmal in Bronchiectasie, Tuberkulose und Sarkomatose der 
Lungen. Die Häufigkeit ist auffallend, mit welcher eitrige Peritonitis zu 
eitriger Pleuritis führte ; man wird unwillkürlich versucht, dabei eine 
massenhafte Durchwanderung von Eiterzellen oder den Erregern der 
Eiterung überhaupt durch das Zwerchfell im Sinne von Cohnheim und 
V. Recklinghausen anzunehmen um so mehr, als auch der umgekehrte 
Fall nicht selten ist, dass an eitrige Pleuritis eine Peritonitis des Zwerch- 
fells sich anschliesst, welche zur Verwachsung des Zwerchfells mit Milz 
oder Leber schliesslich führen kann. 

Die Residuen früherer Pleurareizungen fanden sich in Form mehr ' 
oder weniger ausgedehnter Synechien beider Blätter in 4 i Leichen = 29 "^/q. 

Crupöse Pneumonie war bei 16 Individuen nachweisbar = 10. 
H'Yo. Ihr Sitz war sechsmal in beiden, eben so oft im rechten 
Unterlappen, zweimal in der ganzen rechten Lunge, zweimal im 
linken Unterlappen. Bemerkens werth ist das Auftreten einer Pneu- 
monie, welche sich sowohl hinsichtlich der Körnung und Farbe der 
Schnittfläche als hinsichtlich der gleichförmigen Verbreitung von dei- 
gewöhnlichen crupösen nicht unterscheiden liess, in beiden Lungen 
eines achtwöchentlichen vorher vollkommen gesunden Knaben, 
welcher fünf Tage vor seinem Tod unter den üblichen Erscheinungen 
erkrankt war. In allen übrigen Fällen fand sich der Process ne- 
ben anderweitigen Affectionen oder doch in Individuen , deren Con- 
stitution erhebliche Störungen bereits erlitten hatte. Das disponirende 
Moment bestand Je dreimal in eitriger Lymphangitis und in chronischer 



I 



BcobacliliiiißPii Jps p.illiologisclK'ii liislitiits zu .li'ua im Jiihrc 1867. 183 

Pneumonie mit Bronchialeivveileiung, zweimal in Manie, je einmal in 
Syphilis, Alkoholisnms, Narben des Kleinhirns und Magens, Epitheliom 
des Magens, chronischer Dysenterie, interstitieller Nephritis, Arthritis 
deformans. 

Bronchopneumonie war in 19 Individuen vorhanden = \'i. f<%. 
Bei sieben Kindern und einem iijähr. Emphysematikei- stand sie im 
Anschluss an acute Bronchitis, bei vier Individuen im Anschluss an 
Diphtherie. Augenscheinlich durch Ilerabüiesscn von Racheninhalt in 
Tiachea und Bronchien bedingt fand sich der Process bei einem viertel- 
jährigen Knaben mit Labium und Palatum fissum , einer 38jähr. Frau 
mit Ei^itheliom der Mundhöhle und des Gaumens , zwei Madchen mit 
T^phusgeschwüren des Larynx und einem fünfmonatlichen Kind, welches 
der Dysenterie nach acutem Magen- und Darmkatarrh erlegen war. Bei 
einer ÜOjähr. Kranken mit Diabetes fanden sich zahlreiche broncho- 
pneumonische llecrdc in beiden Lungen mit brandigem Zerfall , ohne 
tlass die tuberkulöse Natur der Affection mit hinreichender Sicherheit 
sich hatte erweisen lassen , wie dies in einem zweiten Falle möglich 
war. Endlich fand sich bei einem 51 jähr. Mann eine sehr merkwürdige 
bronchopneumonisehe Verdichtung des Unlerlappens der rechten Lungen 
mit ausgedehnter Cholestearinmetamorphose. Der Fall wird imspeciellen 
Theil ausführlich beschrieben werden. 

Chronische Pneumonie mit Bronchialerweiterung fand sich bald 
auf einzelne Lappen der Lungen beschränkt, bald weiter verbreitet in 
|.'i Fallen = IO"/„. Vorwiegend waren es Individuen in der vorge- 
schritleneien Lebensperiode. Auffallend häufig war der untere Abschnitt 
des rechten Obcrlappen betroffen mit gleichzeitiger Synechie des unteren 
und oberen Lappen und beträclltlicher schwartiger Verdickung der 
Pleura. 

Emphysem höheren Grades fand sich in 9 Individuen = 6. %• 
Nur in 4 Fällen konnte es als eigentliche Ursache des Todes betrachtet 
werden , der zweimal durch recentc Steigerung des Bronchialkatarrhs, 
zweimal durch Ilerzlhrombosc erfolgte. 

Von den zwei Asphyxien erfolgt die eine während der Geburt, die 
andre durch Ertränkung bei einem 57jähr. Irren. 



Digestionssyste m. 

Von den oberhalb des Zwerchfells liegenden Theilen dieses Systems 
sind zunächst die Tonsillen zu erwähnen. Sie fanden sich einmal bei 
einer 2 i jähr. Puerpera mit frischen Abscessen versehen; in '< I eiclion 



184 Wilhelm Müller, 

= 5. i% waren sie vcrgrössert, zweimal bei jugendlichen Individuen 
bis zum Umfang grosser Kirschen. 

Der Oesophagus fand sich in 7 Leichen mit ausgedehntem Soorbeieg 
versehen. Chronischer Katarrh fand sich in ihm fünfmal , stets neben 
chronischem Katarrh des Magens. In 2 Fällen hatte narbige Schrumpfung 
der Lymphdrüsen an der Trachcalbifurcation zur Entstehung kleiner 
Divertikel seiner Schleimhaut geführt. 

Von Lageänderungen der in der Bauchhöhle liegenden Theile des 
Digestionssystems wurden Hernien in 7 Leichen conslatirl = 4. 7 %. 
Ilievon waren je 2 rechtsseitige, je 1 linksseitige Leisten- resp. Schen- 
kelbrüche, ein 47jähr. Mann hatte doppelseitigen Leistenbruch. Zwei 
Schenkel- und ein Leistenbruch der rechten Seite halten durch Ein- 
klemmung die Hernintomie erforderlich gemacht mit ungünstigem 
Ausgang. 

Eine complicirte Form innerer Einklemmung mit Achsendrehung 
fand sich bei einer 78jähr. Frau. Eine Schlinge vom Anfang des Ileum 
war an ihrem freien Rand durch eine strangförmige 3 Centimeler lange 
Adhäsion divertikelartig ausgezogen und an die innere Oeffnung des 
linken Schenkelrings befestigt. Der darauf folgende Abschnitt des Ileum 
halle sich unter diesem Pseudoligament von links nach rechts durchge- 
schoben und war in dieser abnormen Lage wahrscheinlich seit längerer 
Zeit, wie aus den ein halbes Jahr lang vor dem Tod vorhandenen Er- 
scheinungen hervorging, welche in zeitweiser Schmerzhaftigkeit des 
Unterleibs und hartnäckiger Stuhl Verstopfung mit Diarrhoe abwechselnd 
bestanden. Zwischen dem Mesenterium dieser Darmparthie und dem 
Pseudoligament hatte sich schliesslich noch eine Strecke des Ileum von 
links nach rechts durchgeschoben, welche 20 Centimeter über der Bau- 
HiN'schen Klappe endigte. Durch letztere Verlagerung war die Stelle des 
Ileum, welche das Pseudoligament trug, nicht nur beträchtlich gedehnt, 
sondern auch bis zum Verschwinden des Lumen um seine Längsachse 
gedreht worden. Der Tod erfolgte unter den gewöhnlichen Erschei- 
nungen der Darmstenose; der ganze Dickdarm war collabirl und leer, 
.lejunum und Duodenum enorm aufgetrieben, mit graugelblicher trüber 
Flüssigkeit reichlich gefüllt. 

Eitrige Peritonitis fand sich in 19 Fällen = ii. 8%. Sie war stets 
secundärer Process; das veranlassende Moment war fünfmal Diphtherie 
des puerperalen Uterus mit Forlpflanzung des Processcs auf die Tuba, 
in je 4 Fällen operative Verletzung des Bauchfells und Perforation des 
Wurmfortsatzes, in je 2 Fällen ulcerirende Divertikel der Harnblase mit 
kleinen Pci'forationsslellen, Perforationen des Magens und solche des 
Darms Bei einem todlgcborcnen siebenmonatlichen männlichen Kind 
fand sich frische fibrinös-eitrige Peritonitis als alleinige nachweisbare 



Rcobaclitiinneii des patliolnuisclioii Instituts 7,11 .Iciia im lahre 1867. 185 

Todesursache. Weder von Seite des Kindes noch von Seite der Mutler 
konnte eine genügende Entstehungsursachc dcsProcesses eruirt werden. 

Chronischer Katarrh des Magens fand sich in \'] Leichen, worunter 
9 Männer. Auch bei dem Ulcus rotunduni , welches sich im Ganzen 
neunmal fand = 6. 07%, stellte abweichend von der Regel das männ- 
hche Cicschlecht mit o Fällen das grössere Conlingent. Sitz des Ge- 
schwürs war achtmal der Magen , einmal das Duodenum ; in (} Fällen 
wurde der Process durch die charakteristischen Narben constatirt, in 3 
Fällen lagen oflene Geschwüre vor. Bei einem Oojähr. Mann ei-folgte 
der Tod durch Blutung, bei einem 60jährigen waren zwei Geschwüre 
vorhanden, das eine an der gewöhnlich betrolVencn Stelle der hinteren 
das andere gerade gegenüber an der vorderen Wand, das letztere hatte 
durch Perforation zu eitriger Peritonitis geführt. Ein groschengrosses 
kurz oberhalb des VATER'schen Divertikels sitzendes Ulcus duodeni hatte 
zu Phlegmone der Mesenlerialwurzel und des relroperitonäalen Bindege- 
webs, Lymphdrüsenciterung im Mesenterium . Thrombose der V. me- 
senterica superior bis zur Pfortader und embolischen Leberabscess ge- 
führt: ausserdem fand sich im erweiterten Ende des Ductus choledochus 
ein voluminöser braunrother Gallen farbstoffpfropf ; ähnliche Concremente 
fanden sich in einer Anzahl sackförmiger Gallengangerweiterungen 
innerhalb der Leber. 

Chronischer Katarrh des Dünn- und Dickdarms wurde von den 
mit Tuberkulose verbundenen Fällen abgesehen in 7 Leichen = 4. 7% 
constatirt. Er war viermal im Anschluss an allgemeine Vencnslauung, 
dreimal im Anschluss an chronische Nephritis ausgebildet: in einem der 
letzteren Fälle fand sich neben schiefrigerPigmentirung weit verbreitete 
kystomatöse Umwandlung der Drüsen. 

Acute Dysenterie war Todesursache bei einem ;37jähr. Mann und 
einem neugeborenen Knaben ; beide Fälle schliessen sich an die im vor- 
jährigen Bericht erwähnte kleine Epidemie an Der chronischen Dysen- 
t(M'ie erlag ein 27 jähr. Mann aus den Oslseepi'ovinzen Russlands. Die 
Erkrankung halte seit 2.1ahrcn bestanden und zu drei fistulösen Durch- 
bohrungen der äusseren Haut vom Colon descendens aus geführt; da- 
neben fand sich ausgebreitete Amyloid degeneration derUnlerleibsorgane 
und eine terminale crupöse Pneumonie. 

In 7 Individuen = i. 7% fanden sich iheils wirkliche Kothsleine, 
theils Veränderungen, welche auf deren frühere Anwesenheit bezogen 
werden mus^ten, im Processus vermiformis. Bei zweien von den 6 
Fällen der ersleren Kategorie war es zu Perforation gekonjmen, in einem 
derselben fanden sich gleichzeitig -i Concrenjonte, welche Barihaare des 
Individuums enthielten. Zu erwähnen ist die Beobachtung eines Koth- 



186 Wilhelm Müller, 

Steins im Wurmfortsatz einer 24jhr. Tuberkulosen, deren einige Jahre 
früher verstorbener Bruder die gleiche Affection dargeboten hatte. Als 
wahrscheinliche Folge eines früher vorhandenen Goncrements fand sich 
Obliteration der peripherischen Hälfte des Wurmfortsatzes mit Pigmen- 
lirung bei einem 51jähr. Mann. 

Ein vcrkreideter Echinococcus fand sich in der Leber eines 43jahr. 
Mannes. 

Gallensteine waren in 10 Leichen vorhanden; wie im Vorjahre 
stellte das weibliche Geschlecht mit 7 Fallen das grössere Gontingent. 



Uropoetisches System. 

Tubuläre Nephritis wurde in S Fällen beobachtet; zweimal als 
chronischer Process mit Verfettung der Epilhclien und amyloider Dege- 
neration des Gefässapparats; sechsmal acut und secundär und zwar 
dreimal neben Diphtherie, zweimal neben crupöser Pneumonie , einmal 
bei Typhus neben acutem eitrigem Katarrh des Nierenbeckens und der 
Blase bei einem 1 7jähr. Mädchen. 

Interstitielle Nephritis wurde in 8 Fällen constatirt, welche sich 
gleichmässig auf beide Geschlechter vertheilen. ihr Sitz waren in i 
Fällen beide Nieren, davon einmal die rechte stärker als die linke, in 3 
Fällen war die rechte, in I Fall die linke Niere ausschliesslich betroffen. 
Ohne Ausnahme fand der Process im Anschluss an chronischen Katarrh 
des Nierenbeckens und der Blase. In 7 von den 8 Fällen war in letz- 
terem Organ und der Urethra der Ausgangspunct; im achten, dem einer 
77jähr. Frau, war derselbe im Nierenbecken gelegen, welches reich- 
lichen Harnsäuregries enthielt; die rechte Niere enthielt gleichzeitig in 
ihrer oberen Parthie ein kirschengrosse Cyste, welche von analogen Ab- 
lagerungen ganz erfüllt und wahrscheinlich aus der Abschnürung eines 
Niercnkelchs hervorgegangen war. 

In zwei Fällen von chronischem Urethralkatarrh mit Prostatahyper- 
plasie hatte suppurative Nephritis an die interstitielle sich angeschlossen. 
Dasselbe hatte bei einer 65jähr. Frau statt, welche mit chronischem 
Katarrh der Blasen- und Genitalschleimhaut behaftet war. Es fand sich 
die Schleimhaut beider Nierenbecken beträchtlich verdickt, schiefergrau, 
stellenweise oberflächlich ulcerirt, der enthaltene Harn citrig trübe und 
übelriechend, die rechte Niere bis auf einen unscheinbaren 8Gcntimeter 
langen, 5 Gent, breiten Rest geschwunden , die Oberfläche narbig 
höck(!rig, im Innern zahlreiche disseminirtc Abscesse ; die linke Niere 
1 8 Gentimeter lang, I I breit, die Oberfläche grob granulirt uiit adhä- 
renter verdickter Kapsel, das Parenchym derb, von zahlreichen verdich- 



ßeobaclitiincon dos paniolocischcii Insfitiils 7,11 .Iciia im .lalirc 1867. 187 

tclcn Bindogcwcbszügen durchsetzt, gleichfalls eine Anzahl luncUicher 
und streifiger Eitereinlagerungcn enthaltend. 

Aniyloiddegeneration höheren Grades fand sich in 6 Leichen: sie 
stand je zweimal im Anschluss an Tuberkulose und chronische tubuläre 
Nephritis, ju einmal an chronische Dysenterie und Elephantiasis. 

Ilarnsaureinfarct wurde in den Nieren von 4 Neugeborenen, 
Kalkinfarct in jenen von drei Erwachsenen angetroffen; in keinem der 
letzteren Fälle war eine Veränderung des Knociiensystems vorhanden. 
Ein enormer Grad von Hydronephrose fand sich bei einem GOjähr. an 
Epitheliom des Magens verstorbenen Mann. Die rechte Niere stellte einen 
dünnwandigen kindskopfgrossen Sack dar, welcher röthlich gelbe klare 
Flüssigkeit enthielt und in der Wandung einzelne Reste des Parenchyms 
zeigte. Der Ureter war kurz nach seinem Ursprung aus dem Nieren- 
becken an einer umschriebenen Stelle obliterirt, die Ursache der Obli- 
teration liess sich nicht ermitteln. Geringere Grade fanden sich bei einer 
Frau mitEpitheliom und einem Ijähr. Knaben mit angeborenerPhimose. 

Concremente im Nierenbecken fanden sich in 3 Leichen, 2 Frauen 
und einem halbjährigen männlichen Kind ; stets war die Goncrcment- 
bildung mit eitrigem Katarrh des Beckens verbunden. 

Katarrh der Harnblase fand sich in 14 Fällen = 9. 4%, hieven 
stellte das weibliche Geschlecht mit (S Fällen das grössere Contingent. 
In 1 Fällen hatte der Process von der Urethra auf die Blase sich fort- 
gepflanzt, in je einem Fall waren Typhus und Verletzung des Rücken- 
marks mit Blasenlähmung die veranlassenden Momente. Besondere Er- 
wähnung verdienen die übrig bleibenden zwei Fälle, bei welchen neben 
den Erscheinungen des chronischen Katarrhs mehrfache Ulcerationen 
auf der Blasenschleimhaut sich vorfanden und zwar im Anschluss an 
hochgradige variköse Erweiterung derBlasenvcncn, welche in dem einen 
Fall eine fast zusanniienhängende blauschwarze wulstige Schichte auf 
der Innenwand des Organs bildeten. 



Genitalsystem. 

Von Erkrankungen der männlichen Genitalien ist zu erwähnen der 
chronische Katarrh der Urethra. Er fand sich bei 10 Individuen = 11. 
% '^^'cr männlichen Leichen, darunter 4 Irre mit periodischer Manie. 
Der Process war in 5 Fällen mit Vergrösserung der Prostata , in 1 mit 
Strictur der Pars membranacea und Fistelbildung complicirt. In vier 
Fällen waren tlic Sariienblasen nachweisbar beiheiligt, ihre Wandungen 
verdickt und schiefrig pigmentirl, die enthaltene Flüssigkeit gelblich 
und von eitrigem Aussehen. Ucbcreinslimmend ergab die Untersuchung 



188 Willielin Müller, 

dieser Flüssigkeil als Ursache der gelben Färbung zahlreiche grosse mit 
gelbem Pigment erfüllle Körnchcnzellen , welche wahrscheinlich den 
bekanntlich normal gelbes Pigment führenden Epilhelien der Samen- 
blasen entstammten. Daneben fanden sich ausser wohl ausgebildeten 
Samenfäden sparsame Eiterzellen und grosse concentrisch geschichtete 
weiche mattglänzende Kugeln, ähnlich den Concretionen , wie sie ge- 
wöhnlich in der Prostata sich finden. Gelbliche Färbung des Sperma 
ist die -gewöhnliche Art, durch welche die Betheiligung der Samenblasen 
am granulösen Katarrh der hinteren Parthien der Urethra sich kundgibt; 
sie ist ungleich häufiger bedingt durch Beimischung pigmenthaltiger 
Körnchenzellen als durch solche von Eitci'zellcn und es ist entschieden 
unrichtig, wenn selbst in neueren Abhandlungen über diese Erkrankung 
gelbes und eitriges Sperma ohne Weiteres als identisch genommen werden. 

Hydrocele wurde in 2 Fällen beobachtet, das eine Mal rechts, das 
andre Mal links; in einem dritten Fall fand sich Synechie beider Blätter 
der Scheidenhaut als Folge der Badicaloperation. 

Katarrh der weiblichen Genitalschleimhaut fand sich von den neben 
Neubildungen entwickelten Formen abgesehen in 8 Individuen = 1 2. 
5"/'o aller weiblichen Leichen. liier ist der Fall eines 22jähi'. Mädchens 
zu erwähnen, welches einer jauchigen Peritonitis nach Durchbohrung 
des Wurmfortsatzes erlegen war. In Tuben und Uterus, in letzterem 
vom Fundus gegen den Cervix hin abnehmend, fand sich Schwellung 
und graue Verfärbung der Schleimhaut mit graugelben übelriechenden 
Secret, Scheide und Hymen unverändert. Der Befund stimmt nut der 
Annahme , dass die Veränderung des Uterus durch Uebei'greifcn der 
Jauchung vom Perilonäum auf die Schleimhaut der Tube vermittelt 
wurde. 

Bei einer 57jähr. an crupöser Pneumonie verstorbenen Fiau fand 
sich ein gelblicher in Zusammenhang abziehbarer Croupbeleg auf der 
Schleimhaut der Vagina in ihrer ganzen Länge. 

Diphtherie des puerperalen Uterus lieferte nicht weniger als 7 Todes- 
fälle. Der Befund war in allen Fällen derselbe: Verlauf von i bis 8 
Tagen, gelblich-grauer oder bräunlicher übelriechender Beleg an der 
Innenfläche des Uterus, enormer Katarrh, in einem Falle deutliche Diph- 
therie im peripherischen Theil der Tube, allgemeine eitrige Peritonitis, 
eitrige Lymphangitis [im Plexus spermaticus, wozu sich in einem Fall 
Eiterung der retropcritoliäalen Drüsen gesellte. Wiederholt nahmen 
Pleuren und Gelenkhöhlen in einem Fall auch die Meningen an der 
Eiterung Antheil. 

Bei einer 35jähr. Tuberkulösen fand sich eine thalergrosse etwa 
I Mm. dicke orangegelbe Auflagerung auf der RUcküäche des Uterus, 



Beobachtnngoii des [lalliolojrisclM'ii Insliliits 7,11 .Iciia im .lalirf 1867. 189 

welche durch reichlichen Häniatoidingehalt auf ein früheres Extravasal 
hinwies. 

Von Gestalt und Lageänderungen des Uterus fand sich Verlängerung 
des Corvix und Vergrösserung des ganzen Uterus in je einem Fall neben 
fhronischoni Katarrh. Bei einer Sijähr. Frau war der Cervicalcanal an 
seinen beiden Enden oblilerirt mit Erweiterung der Höhle und Erfüllung 
mit farblosei' opalisirender Flüssigkeit. Schiefe Gestalt des Uterus be- 
tiingt durch Zurückbleiben der linken Hälfte mit gleichzeitiger Verkür- 
zung des linken breiten Mutterbands fand sich bei einem ITjähr. Mäd- 
chen. Beugungen und Neigungen des Uterus nach vorwärts fanden sich 
in 7, nach rückwärts in 4, nach der Seile in 2 Individuen. 

Hydrops der Tuben mit beträchtlicher Verengerung ihrer Üslien 
fand sich bei einer 41 jähr. Frau. 



Haut. 

Erysipel wurde in 4 Leichen beobachtet, sein Auftreten hatte ein- 
mal spontan, dreimal im Anschluss an Wundflächen der unteren Extre 
mitäten stattgefunden. Stets wurden die zu der erysipelatösen Haut- 
parthie gehörigen Lymphdrüsen geschwellt und intensiv hyperämisch 
gefunden, in zwei Fällen fand sich überdies eitrige Lymphangitis im 
betreffenden Gefässslrang. Besondere Erwähnung verdient ein Fall von 
Erysipel neben Elephantiasis der unteren Extremitäten. Bei einem 
1.")jähr. Jüngling von früher guter Gesundheit waren im Sommer 1865 
mehrfache rothe Anschwellungen der Haut aufgetreten an den unteren 
Extremitäten, welche einige Tage standen, dann bräunlich sich färbten 
und im Lauf von 2 bis 3 Wochen wieder verschwanden. Im Herbst 
traten neben Fiebererscheinungen Schmerzen im rechten Unterschenkel 
und der rechten Hüfte auf. In beiden Gegenden bildeten sichAbscesse. 
Bald darauf kam es zu Eiterung der Leistendrüsen der rechten Seile 
mit Aufbruch an fünf Stellen, aus welchen längere Zeil hindurch grosse 
Quantitäten von Eiter sich entleerten. An Weihnachten 1865 begann 
die rechte, etwas später die linke untere Extremität zu schwellen , die 
Schwellung nahm allmählich so colossale Dimensionen an, dass sie den 
Gebrauch der Extremitäten unmöglich machte. Dabei dauerte die Eile 
rung am rechten Unterschenkel , in der Hüfte und Leistengegend fort 
mit gelegentlicher Entleerung von Knochensplittern am ersteren Ort, 
während die Constitution sich verschlechterte. Kurz nach der am 
I.'). .luli 1867 erfolgten Aufnahme des Kranken in das Spital brach ein 
Erysipel um eine Excorialion des linken Unterschenkels aus, welchem 
der Kranke in wenigen Tagen erlag. 



1 90 Wilhelm Müller, 

Die Section ergab l)elrächtliche Abmagerung der oberen Körper- 
hälfte, Schwund und Verfettung der Muskeln, Oedem des Sero tum, As- 
cites, frische Embolie einzelner Lungenarterienzweige. Die Haut in den 
oberen zwei Driltheilen des linken Oberschenkels und am Bauch ge- 
röthet und stellenweise in Blasen erhoben. In der Leiste , Hüfte und 
unter demKniee der rechten Seile mehrere von wulstigen Granulationen 
umgebene Fistelöffnungen, aus welchen bei Di'uck Eiter sich entleert. 
Beide Füsse und Unterschenkel , von letzteren namentlich der rechte, 
vergrössert, der Umfang des rechten Fusses 49, jener des linken 52, 
der der rechten Wade 52, jener der linken 41 Centimeter betragend. 
Die Volumzunahme auf Haut und Unterhautbindegewebe beschränkt, 
deren Dicke an den Unterschenkeln zwischen 4 und 6 , an den Füssen 
8 Centimeler beträgt. Die Oberfläche der Haut theils glatt, Iheils warzig 
und knotig uneben, die Schnittfläche von beiden weiss und reich an 
far])loser spontan sich entleerender und alsbald gerinnender Flüssigkeit. 
Die Muskeln beider Unterschenkel und Füsse gelblich verfärbt und atro- 
phisch. Die Nerven sowie die Blut- und Lymphgefässe soviel von letz- 
teren überhaupt aufgefunden werden konnte, ohne nachweisbare Ver- 
änderung. Die Knochen des Fusses durch Rarefaction des Knochenge- 
webes weich und leicht schneidbar. Die rechte Tibia nahe derTubero- 
sitas an ihrer vorderen Fläche durch Osteophytauflagerungen verdickt, 
stellenweise rauh, im Inneren mehrere haselnussgrosse glatlwandige 
Abscesse enthaltend mit Sclerose der umgebenden Knochensubslanz 
und mehreren zur Oberfläche der Haut führenden Fistelgängen. Das 
Kniegelenk frei. Der rechte Schenkelkopf mit der Pfanne durch 
knöcherne Vereinigung verbunden, sein Gewebe sclerotisch , die Rinde 
des Femur an mehreren Stellen von Periost entblöst und rauh, letzteres 
allenthalben verdickt, in den umgebenden Weichtheilen mehrere Abs- 
cesse. Die Nerven beider Oberschenkel unverändert. Die rechtsseitigen 
Venen mit Leichengerinnseln versehen, die linke V. saphena thrombosirl, 
ebenso die Gruralis von der Einmündung der Profunda bis zur Verei- 
nigung mit der Hypogastrica. Das subcutane Bindegewebe der rechten 
Leistengegend mehrere narbig verdickte Stellen zeigend , ebensolche 
finden sich unier dem Parietalperitonäum der vorderen Beckenwand. 
DieGefässscheiden längs des ganzen Verlaufs der Art. iliacae namentlich 
rechterseits beträchtlich verdickt, schwärzlich grau pigmenlirt, stellen- 
weise von narbiger Beschaffenheit, die spärlichen dazwischen liegenden 
Lymphdrüsen auffallend schmal, derb, graupigmentirt, augenscheinlich 
in narbiger Umwandlung. Die lumi)aren Drüsen zum Theil geschwellt 
und im Zustand intensivei- Ilyperämii'. Ich glaube, dass Verlauf und 
Leichenbefund in diesem Fall zu der Annahme führen, dass dei Aus- 



RpobachdiiißPii dos inilholo^isclion Iiistidils zu Jona im Jahre 1867. 191 

gangspuncl des Processos in einer eitrigen Feriostilis und Endoslilis von 
Tibia und Femur der rechten Seite zu suchen ist, woran secundär die 
Eiterung der rechtsseitigen Leistendrüsen und, wahrscheinlich als Folge 
einer Thrombose, der narbige Schwund der Lymphbahnen und Lymph- 
drüsen im Verlauf der Art. iliaca ext. sich anschloss. Dass im Veilauf 
des gleichnamigen Lymphgefässstrangs der linken Seite analoge Verän- 
derungen sich vorfanden wie auf der rechten, erklärt sich durch die 
Annahme, dass nach eingeleiteter Lymphstauung der rechten Seite mit 
abnormen Stoffen beladene Lymphe (iurchCoUaleralbahnen dem Lymph- 
gefässslrang der linken Seite zugeleitet wurde. Damit stimmt die Be- 
obachtung, dass die rechte untere Extremität früher anfing sich zu ver- 
grössern als die linke. Wenn wir mit G. Ludwig annehmen, dass in 
Form der Lymphe ein wesentlicher Theil der Ernährungssäfte den Kör- 
pergewel)en geboten wird, so erscheint die Volumzunahme der beiden 
unteren Extreuntäten als eine nolhwendige Folge der Lymphstauung, 
welche durch den narbigen Schwund der Drüsen und Lynphbahnen 
im Becken bedingt war. 



Bewegungssystem. 

Von Verletzungen der Knochen ist ausser den schon besprochenen 
Unlerschenkelbrüchen mit nachfolgender Fettembolie hier zu erwähnen 
ein Fall von Bruch der 6. bis 9. rechten Rippe durch Ueberfahren mit 
enormer Zerreissung der Abdominalorgane. Ein 21 jähr. Knecht wurde 
von einem Lastwagen überfahren und erst einige Zeit nachher todt auf- 
gefunden. Es fand sich eine breite ringförmige Sugillalion an der un- 
terenParlhio des Thorax. Die 6. bis 9. Rippe in derGegend der grössten 
Gonvexilät gebrochen, die Weichlheile des sechsten Intercostalraumes 
von der Bruchstelle bis zum vorderen Ende durchrissen, in der Brust- 
hohle etwa 200 CG. Blut. Der grosse Leberlappen vom Aufhängeband 
und Kreuzband sowie vom kleinen Lappen abgerissen, frei beweglich 
und so gedreht, dass der abgerissene obere Rand nach unten im Meso- 
gastrium, der untere Rand mit der Gallenblase nach oben unter dem 
Zwerchfell lag. Das Ligamentum hepato-duodenale, Leberaiterie , 
Pfortader und Gallengänge unverletzt. Ein querer Riss in der vorderen 
Fläche der Milz, ebensolche in beiden Nieren. In der Bauchhöhle min- 
destens 2 Kilogramm geronnenes Blut. 

Bei einem iOJähr. Mann wurde eine Luxation des linken Ober- 
schenkels gefunden, welche seit dem \ierten Lebensjahr bestanden 
hatte. Die Exlremiläl Z(Mgte sich verkürzt und im Kniegelenk gebeugt 
mit Ilerablreten der Patella auf die vordere Td)iakante und Umlegung 



192 Wilhelm Müller, Beobiichtuiigen des piithol. Instituts zu Jena im .lahre 1867. 

der letzleren nach Aussen. Die Gelenkflächen des Kniees unversehrt, 
Extension jedoch nach Durchschneidung sämmtlicher Flexoren nicht 
ausführbar, da augenscheinlich die hinteren Parthien der Gelenkkapsel 
geschrumpft waren. Sämmtliche Oberschenkelmuskeln hochgradig atro- 
phisch neben Verdickung der Fascien und Oedem des intermusculären 
Bindegewebes. Die ursprüngliche Pfanne in einen dreieckigen mit ge- 
wulsleten Knochenrändern versehenen etwa ^/y des normalen Umfangs 
einnehmenden flachen Hohlraum vervvanilelt, welcher von Fett erfüllt 
war. Dielncisura acetabuli mit der Anheflung des Ligamentum teres er- 
halten, letzteres continuirlich zu dem nach hinten und oben dislocirten 
Schenkelkopf verlaufend, welcher an seiner vorderen dem Darmbein 
anliegenden Fläche abgeplattet und mit einer groschengrossen Schlifl- 
fläche versehen war, während sein Knorpelüberzug allenthalben rund- 
liche flache theilweise verkalkte Knorpelwucherungen zeigte, ganz ähn- 
lich jenen eines an Arthritis deformans leidenden Schenkelkopfs. Die 
neue Pfanne zeigte sich gebildet durch beträchtliche Osteophytwuche- 
rungen auf dem Darmbein, der Grund in der Peripherie mit sehnigem 
Bindegewebe überzogen, in der Mitte gleichfalls mit einer groschen- 
grossen spiegelnden Schlifffläche versehen ; durch Verdichtung des Pe- 
riosts und der ihm anliegenden Bindegewebsschichten war ein unvoll- 
kommenes Labrum cartilagineum der flachen Pfanne zu Stande ge- 
kommen. 

Bei einer 7 /jähr. Frau fand sich Arthritis deformans fast aller Ge- 
lenke, eines grossen Theils der Schleimbeutel und der Sehnenscheiden. 
Der Fall wird im speciellen Theil ausführlich mitgetheilt werden. 



^ 



Caspar Friedrich Wolff. 

Sein Leben und seine Bedeutung; füi' die Lehre von der organischen 

Entwickelung. 

Von 

Alfred Kirchhoff. 



Es gibt wenig Männer, deren Gedanken und Werke für alle naeh- 
koinmenden Geschlechter denkender Menschen so unstei'blich und deren 
persönliches Forlleben in der geschichtlichen Erinnerung doch ein so 
verküuuiierles ^^äre wie beides bei dem grossen deutschen Physiologen 
Wolff der Fall ist. Auch ohne die Betrachtung der wissenschaftlichen 
Bedeutsanikeil dieses Mannes voranzustellen düifen wir daher wohl 
für den Versuch, das Andenken an seine Person unverdienter Ver- 
gessenheit zu entreissen, ja selbst für die kleineren Züge seines Lebens- 
ganges ein entgegenkommendes Interesse voraussetzen. Schon bei einer 
früheren Gelegenheit 'y suchten wir einiges llierhingehörige zusammen- 
zuslellen und waren so glücklicheinige, iheils für Wolff's Berliner Lehr- 
Ihätigkeit entscheidende, theils für den an der Berliner medicinisch- 
chirurgischen Schule zu Wolff's Zeiten herrschenden (ieisl charakteri- 
stische Schriflslücke in alten Actenslossen des königl. preussischen 
(lultusminisleriums zu entdecken. Indem \\ ir hinsichtlich dieser und 
andeier schon damals benulzlen Ont^"*"'^ <'i'f .jc'ne Schrift verweisen, 
schliessen wii- in die gegen wiirlige Darstellung die ]>ishei' ganz übersehenen 
1 Mitlheilungen des Dr. Murslnna*'') (eines Ammanuensis von Wolff und 
praktischen Arztes, dessen in Berlin noch mancher Lebende dankbar 
gedenkt) und Selbstbekenntnisse Wolff's aus seinem Biiefwechsil ein, 
den er mit IIallkk geführl hat und auf den wir erst durch einen Becen- 

1) Die lilee der Ptlanzen-Metatnorpliose i)ei Wolif und bei Goethk. Boilin 1S67. 
•i] Abgedruclit in Goethe's Werlie »Zur Morphologie« 1. Ud. pag 25^(1'. der 
Ausgabe von 181 7. 

Band IV. 2. 13 



194 Alfred Kirclihoff, 

senten unserer Abhandlung in Goeschen's Zeitschrift für wissenschaft- 
liche und praktische Medicin des Näheren aufmerksam gemacht wurden. 

VVolff's Leben. 

Caspar Friedrich Wolff ist ein Berliner Kind und hat mit unserm 
grossen Dichter-Naturfürscher Goethe , dem er in der Entdeckung der 
Pflanzen-Metamorphose den Rang al)lief, das gemein, dass seine Vor- 
fahren dem ehrsamen Schneiderhandwerk angehörten. Wie (iOethe's 
(irossvaterein Schneiderin Artern an der Unslrut, so warWoLFp's Vater ein 
Schneider in Berlin. Glücklicherweise war jedoch auch der Schneider- 
meister Wolff wohlhaliend genug, um dein kleinen Caspar Fiuedrich, 
der schon frühzeitig Talente zeigte, einen gelehrten Schulunterricht an- 
gedeihen zu lassen. Wissen wir auch nicht, auf welcher Schule Berlins 
Wolff seine allgemeine Vorbildung erhielt, so ist es uns doch um so 
sicherer, nämlich durch seine eigene Erzälilung, bekannt, dass er auf 
dem Collegium medii^o-chirurgicum seiner Vaterstadt in sein Special- 
Studium, das der Medicin und Naturwissenschaft, eingeweiht wurde. 
Im Jahre 1733 geboren, war er kaum 20 .lahre alt, als er unter .Iohann 
Friedrich Meckel, dem I^rofessor der Anatomie an dem medicinisch- 
chirurgischen Institut, sein erstes Präparat — ein Muskelpräparat vom 
Fuss eines Hydropischen — fertigte. Er scheint mehrere Jahre Zuhörer 
undPracticant im Collegium geblieben zu sein, bis er zur Erlangung tie- 
ferer und allgeuieinerer Wissenschaft die Universität Halle bezog. Hier 
reiften bereits in ihm die Ideen der grossen Revolution, die er auf dem 
Gebiete der organischen Naturwissenschaft verursachte ; nicht als 
Wunderkind, aber doch als junger Mann von 2l(i Jahren vollzog er in 
seiner berühmten Dissertation mit jugendlicher Entschlossenheit den 
Bruch mit der seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts herrschend ge- 
wordenen , jetzt aber von dem grossen Haller so glänzend vertretenen 
Theorie der Evolution. Am 28. November J 759 war es, wo er unter 
den solennen akademischen Feierlichkeiten seine Theoria Generationis 
d. li. seine Theorie von dem wirklichen Werden der Organismen aus 
einem Keim, der den fertigen Körper noch nicht in mysteriöser Präfor- 
mirung birgt, also die »Epigenetik«, die Lehre von der wahren «Ent- 
wickelunga öffentlich vertheidigte und die Doctorwürde als Siegespreis 
davontrug. 

In der nächsten Folgezeit find( n wir ihn wieder in Berlin, von wo 
er kurz vor dem Weihnachtsfest I7ü9 seinem grossen und von ihm stets 
mit tiefster Ehrfurcht genannten Gegner Albrecht von Haller die Dis- 
sertation zusendet. Vielleicht hatte er jetzt noch einen Cursus am 



Caspar Kiiedricli Woltl". 195 

n»ediciniscli-elnringischon Colleiiium zu absolviren , da ihm jene Voi- 
sludieii der l'i iilicren .lalii'e wolij nicht als (Mn solcher t^eiTchnil wui'den 
und nach allgemein gültiger Vorschrift dem »Obercollegium medicum« 
das Testat über die Absolvirung jenes Cuisus wegen Zulassung zur 
n)edicinischeu Staatspiüfung vorgelegt werden mussle. 

Nun war damals in dem mörderischen Krieg der sieben Jahre eben 
die goldene Zeil für Aerzte und Chirurgen erschienen. Der vortreflliche 
CoriiKNius halle die Leitung des gesammlen Fcldlazarelhwesens üb r- 
nommen und war nicht gesonnen durch das gewissenlose Naluralisiren 
gar nicht wissenschaftlich gebildeter Feldscheere die Opfer des Kriegs 
zu vermehren: er forderte deshalb im Berliner Gollegium wie in den 
Lazareth-Lehranstalten Studien in Osteologie, Myologie und Splanchno- 
logie, die allem Operiren vorangehen sollten. So war es ihm denn ge- 
rade recht, in dem 1761 von ihm als Feldarzt beim BreslaiierFeldlazareth 
angestellten Dr. Woi.ff den iMann zu linden , der mit logischer Klarheit 
und \ ollster Beben schung des wissenschaftlichen Materials den jungen 
Feldwundär/.len Vorlesungen über Anatomie halten konnte; er enthob 
ihn daher bald von dem gewöhnlichen Lazarelhdiensl, um sein Lehr- 
talent desto vollständiger vervverthen zu können. Damals (1762) war 
es, wo ihn nach der Eroberung von Schweidnitz Mursinxa zuerst sah 
um! ihm alsbald, obgleich erst ein Siebzehnjähriger, als Ammanuensis 
bei seinen Vorträgen vor mehreren Hunderten von angehenden Feld- 
wundärzten hilfreich zur Hand ging. An Cadavern war nie Mangel, 
und auch mit aus diesem Grunde waren Woi.fk's ausgezeichnete Vorträge 
dermassen anziehend, dass bald sämmtliche Militär- wie Civilärzle der 
Stadt Breslau sich zu seinem Auditorium drängten. 

Aber so vortrelTlich die Leistungen Wolff's nach Ausweis der 
monatlichen Examina seiner Schüler waren — das Friedensjahr kam, 
und mit den andern wurde auch das Breslauer Feldlazareth aufgehoben, 
Docenten und Aerzte entlassen. Wolff hatte sich zwar schon im Früh- 
jahr \lQf2 an seinen hohen Gönner GornKNUis mit der Bitte gewendet, 
ihm die Erlaubniss zu öffentlichen Vorlesungen über Physiologie in Beilin 
auszuwirken, die engherzig zünftigen Professoren des dortigen Golle- 
giums weigerten sich jedoch mit eifersüchtiger Betonung ihrer ))Privile- 
gia und Prärogativen^ energisch den Störenfried in ihren freiinds elter- 
lichen Verband der Schwagerschafl und des Nepotismus aurzunchmeii. 
Jetzt, nach Auflösung der BresIau<M' Lazareihschule , war daliei' Wt)LFF 
trotz dei- unschätzbaren Dienste, die er dem Staat in traurigster Zeit 
geleistet, brodlos. Er zog nun ins elterliche Haus nach Berlin zurück, 
und hier fand ihn MrRsiNNx, den sein Genius auch bald danach hieiher 
fühi-le, im engen Schneiderstid>cli(Mi unter Büchern \ ergraben. Trüli- 

13* 



1 96 Alfred Kirchhoff, 

selig scheint WoLFF indessen den Gefährten von Breslau nicht empfangen 
zu haben, denn schon hatte er von Cothemvs dieErlaubniss zuPrivat- 
voriesungen erhalten, und, konnte er auch bei der sich zu offener 
Feindseligkeit steigernden Abneigung der Collegiuuisprofessoren gegen 
ihn zu keiner, auch noch so bescheiden dotiitcn, Professur, zu keiner 
Mitbenutzung weder der Apparate des CoUegiums noch der aus oti'ent- 
lichen Kranken- und Armenhäusern dorthin gelieferten Cadaver ge- 
langen, so ging er doch rüstig ans Werk, machte den jungen >li rsinxa 
abermals zu seinem Ammanuensis und liess ihn zunächst die Zettel \er- 
tlieilen, auf denen sich zu seinen angebotenen Vorlesungen die Anneh- 
menden eintragen sollten. Und in Kurzem gab es der Unterschriften 
auf diesen Zetteln so viele, dass man Noth hatte, einen die Zuhörer 
fassenden Saal ausfindig zu machen. 

Es mögen Wolff's freudigste Jahre gewesen sein, wo er immer 
neue jugendliche Anhänger für seine immer tiefer durchdachten, immer 
klarer dargestellten Theorien sich erwarb, wo er zugleich für seine 
wissenschaftliche Stellung und für seine persönliche Lage den >^Kampf 
ums Dasein^c in frischester Manneskraft durchkämpfte. Er las mit 
Meislerschaft ein Colleg über Logik und wusste die Medicin wie eine 
angewandte Logik vorzutragen, was der damaligen medicinischen Wissen- 
schaft zu mancher Säuberung von phraseologischer Tradition und von 
unklaren Zuthaten neuer Hypothesen genützt haben wird. Daneben 
soll er Pathologie und specielle Therapie gelesen haben, als wenn er 
der grössle praktische Arzt gewesen wäie; zumal aber seine Generatious- 
Theorie verfolgte er mit erneutem Eifer und gab I 764 eine deutsche, 
ursprünglich nur für einen engeren Freundeskreis berechnete, Bear- 
beitung derselben für seine Zuhörer in Druck. Seine treusten Gefähiten 
waren und blieben ilie Hühner, die ihm um die Wette Eier legen nmss- 
len, damit er jede Viertelstunde eins aufbrechen und das Werden und 
Wachsen des Embryos unter dem Mikroskop verfolgen konnte. 

Natürlich brachten seine physiologischen Ketzereien die alten Per- 
rücken des CoUegiums in immer grössere Aufregung. Der ältere Meckel, 
sein früherer Lehrer, und Professor Walther zogen auf dem Katheder 
gründlich über ihn los, und ihre Schüler wie die Wulffs lebten in 
förmlicher Fehde. So sehr man es aber selbst dem kurzen Berichte 
Mlrsinna s anhört, mit w ie frischem Muthe dieser Kampf geführt wurde 
bei seiner inneren Siegesgewissheit und seinen entsprechenden äusseren 
Erfolgen »der Bekehrung und Versanmilung der Meisten zu den Fahnen 
des Wolfs« — endlich erlahmte bei den ewigen neidischen Intriguen 
seiner Gegner, bei dem ewigen Erw ledern seiner offenen, freilich 



r aspar Friedrich Woltr. 197 

scharfen Sohwertstroiche mit hoiintUckisch»-!! Nadolslirhen auch Wolffs 
Lnsl am \V>ilPrk;iriipf inil tlonirliti iincleichen Watren. 

FUi' dio (iewinuung einer iiusserlirli cesichorten Kxislenz wurde 
somit dieser Kampf immer aussichtsloser, und um so freudiger wurde 
dahfrderHufdor grossen Kaiserin aus fernen» Norden von ihm willkommen 
gehrissen, der im Jahre 1 76(3 an ilin gelangte. Kine heftige Augenent- 
zündune, an derer im Winter H 766 zu 67 litt, scheint ihn von derReise 
noch einige Zeit zurücksehalten zu haben, aber sein Entschluss, dem 
Rufe der Kaiserin Katharina nach Petersburg Folge zu leisten . stand 
bereits bei ihm fest. Wohl war es ein Entschluss, der n)it Resignation 
verbunden war: fern von der Vaterstadt . im kalten Nordlande, ohne 
den ewig frischen Kranz l)egeisterter Schüler um sich zu haben und 
ausser allem näheren Verkehr mit europciischer Wissenschaft sollte er 
von nun au leben I — In einem Rrief an Haller verzichtet er schraerz- 
lieh auf die verheissene Zusendung des :?. Theiles von dessen Opera 
niinora , da er nunmehr, wi» seine Abreise vor der Thür stehe, «kein 
L'ebersendungsmiltel in die Ferne« absähe. Aber ein Unterpfand der 
Heimath erkor er sich, da er zum letzten Mal in seinem Leben deutsche 
Frühlingsluft alhmete: er liess sich »ein armes aber schönes Mädchen« 
in Berlin antrauen und trat mit ihr etwa gegen Ende April 1767') die 
Reise an. 

Hatte er bis jetzt vorwiegend als Lehrer gewirkt und nach Mirsi>>a's 
Versicherung viele grünclliche Aerzte gebildet, die den Segen der von 
ihm erhaltenen klaren imd praktischen Unterweisung der leidenden 
Menschheit weit und breit zutrugen durch die Länder Europas. — so 
begannen nun ruhigere .Jahre stillen Familienglücks und unablässiger 
Forschung auf dem Gebiete der blos theoretischen Wissenschaft. Noch 
stand ja Wolff in der Blüthe seiner Jahre, und war er auch nur mit 
NOO Rubeln neben iOO Rubeln Reisegeld) nach Petersburg berufen, 
so konnte er doch bei aller Bescheidenheit seiner Verhältnisse mit seiner 
anspruchslosen Gattin, zumal seine Ehe kinderlos blieb, ungestört fleis- 
sige und in so fern herrliche Jahre verleben. Man vermag wohl nicht 
mehr d;ts Häuschen zu zeigen, wo der grosse Mann in stiller Zurück- 
zogenheil vor dem Thore der modernsten Kaiserstadt der Welt w ohnte : 
jber die Werke, die er hier schuf in fast :'7 arbeitreichen Jahren, wer- 
den der Stolz der russischen Akademie bleiben , als deren Mitglied er 
berufen war und für deren Denkschriften er sie schrieb. 

Am ... Feliruar 1701 machte ein Schlagfluss seinem Leben plötz- 



«) McRSiSNAb Angabe, d>«>s er bis l TöS in Berlin docirt halle, kann nur auf 
einem Irrihum berulieo. 



1 08 Alfred Kirchhoif, 

lieh ein Ende; in dem fremden, eisii^en Botlen grub man sein Grab, und 
Deutschland mussle es gescliehen lassen , dass einem seiner besten 
Söhne Fremde den Nachruf widmeten; doch sie Ihaten es in edler 
Weise, indem sie seine Werke für ihn reden Hessen und indem sie ver- 
sicherten, dass die Grösse eines solchen Verlustes über jeder Phrase er- 
liaben sei, dass sie nur eins zu sagen vermöcliten: er habe »Alles ge- 
Ihan für den Fortschritt seiner Wissenschaft.« 

Versuchen wir es, die Wahrheit dieser Worte der Petersburger 
Akademie durch die Charakteristik von Wolff's Stellung in der Ge- 
schichte der organischen Naturwissenschaft zu erhalten. 

Die Prädelineations- Theorie. 

Nichts hat in dem Studium über die Natur desOrganismus so sehr 
Kpoclie gemacht als die F^rlindung des Mikroskops. Als das 16. Jahr- 
hundert diese Erfindung in ihren ersten Anfängen dem 17. zu weiterer 
Vervollkommnung vererbte, fühlte man sich mit immer wachsendem 
Staunen einer neuen, nie geahnten Welt gegenüber. An die Entdeckung 
überseeischer Welten hatte man sich seit mehr denn hundert Jahren 
gewöhnt, und dass es in weiten Fernen Wunderdinge gäbe, hatte man 
ja längst geträumt; das Wunder war eigentlich nur dies: dass der 
Traum zur Wahrheit geworden. Dass es aber in der altbekannten Welt 
unzählbare Wunderwelten in dem schlichten Gewand der alltäglichsten 
Erscheinungen gäbe, dass nur die Unvollkommenheit des menschlichen 
Gesichtssinnes tausend und aber tausend Geschöpfe, ja die üppigste 
Fülle winziger Keime der schon vordem bekannten Wesen im Innern 
dieser selbst übersehen hatte, die jetzt nun dem scharf bewahrten Auge 
offenbart wurden, — das erfüllte mit solchem Stolz gegen alle Vorzeit, 
dass man in Pflanzen- und Thierforschung am liebsten jede Beziehung 
zu der älteren Wissenschaft abbrach. Man fühlte sich plötzlich ganz 
emancipirt sogar von den höchsten Autoi'itäten des Alterthunis , denen 
das ganze Jahrtausend des Mittelalters so blind gehuldigt hatte. Und 
besass man nicht das vollste liecht zu sagen : was bindet micii die alte 
Theorie, und wenn sie auch dem Genie eines Auistotkles entstammt ist, 
meine Reobaelilungen sind durchaus neu, von ihnen ausgehend muss 
ich ganz natürlich zu neuen Schlüssen geführt \\ erden , deren gründ- 
lichster Widerspruch mit der alten Theorie niicli nur mit Stolz auf den 
Fortschritt unsrer Zeit zu erfüllen braucht ! 

Des grossen Haiivky Ausspruch »ümne vivum ex ovo«, dieses Er- 
gebniss der mühsamsten und für jene Zeit unübertrefflichen Unter- 
suchungen, duifte man sicherlich ohne Ueberhebung den aristotelischen 



fiispar Friedrich WolfT. 199 

Ansichten von Enlstohunj^ (lc>r A;iIo, Milck(>n. I'löiir, ;uis Scliliimin oder 
Staub, siegesbew usst entgegenhalten. Aber man ging auf dem Wege 
der Erklärung des Grossen aus dem Kleinen weiter inul weiter, w i(! 
auf einer abschüssigen Bahn, und endlich überstürzte man sich. Man 
kam auf den verhängnissvollen (ledanken: das thierische Ei und, was 
man demselben irrthümlicherweise analog glaubte, der Same der 
IMlanze schliesse , wenn auch in kaum sichtbarer Kleinheit, nicht nur 
die Anlage zum Organismus, sondern diesen selbst in ein(M- derailigen 
Zusammengedränglheit der Theile ein, dass uns daraus der trügerische 
Schein unförmlicher Bildung der einen, ja völligen Fehlens der andern 
Organe erwüchse. Recht charakteristisch ist für diese psychologisch 
sehr wohl erklärbare Verirrung aus der kaum eroberten Welt der mi- 
kroskopischen Wunder in die der völlig unsichtbaren oder wenigstens 
fiu" die doch immer nur i'elative Vollkonunenheit der eben zu Gebote 
stehenden optischen Instrumente unsichtbaren W>lt ein Ausspruch eines 
Schülers Lin.n6's, der im Kampf für die noch zu erwähnende Prolepsis- 
Theorie äusserte: »Was wir mit den Augen sehen, das müssen wir doch 
für wahr halten, dass nämlich im Samen das winzige ürgebilde der 
neuen Pflanze verborgen ist sammt ihren Blattknospen, die noth wen- 
diger Weise (!) wieder Knospen und Knöspchen in sich haben«']. 
Man hatte in den Cotyledonen verborgen die Plunmla entdeckt, in der 
That schon das junge Pflänzchen mit all seinen wesentlichen Organen, 
den Blatlspitzchcn am Rudimente des Stengels, der an seiner Basis so- 
gar schon das Würzelchen zeigte. Hatten die Früheren auch die That- 
sache längst gewusst, dass aus der Eichel, ein Eichbaum erwüchse, — 
das hätten sie doch nie geglaubt, dass der Eiche Stamm, Wurzel und 
Laubkrone nicht erst aus der Eichel neu entstünde, sondern bereits 
in ihr enthalten gewesen, dass alles Wachsen nui' dem Herausschieben 
der Röhrenstücke eines Fernrohrs gleiche. Da schien es doch fürwahr 
unberechtigte Skepsis, in den Blattachseln des Keims kleinere Knospen, 
in diesen noch kleinere, auch Blülhenknospen, folglich auchl'^ichbiiume 
fernerer Generationen in infinitum, in ihnen zu unsichtbarer Klciidieit 
zwar zusammengezogen, aber nichts desto \\eniger doch voihanden — 
leugnen zu wollen I Man ahnte gar nicht die Falschheit dieser Analogie- 
Schlüsse, man glaubte völlig auf dem Boden der Erfahiung zu stehen 
und hatte doch so ganz entschieden die einzig mögliche Richtschnur 
aller Naturwissenschaft verloren: die sinnliche Wahrnehmung. 

Die beslcMi Köpfe sehen wir denn auch in die Zauberkreise dieser 
Trugschlüsse verfangen, mamlic mit glühendem Enthusiasmus die 



1) LiNNE, .\moenitates academicae. VI, p. 340. 



200 Alfred Kirchlioff, 

Grossai'tii^keit dieser )iEntfleckun2;« preisen, andre sich wenigstens in 
unbefangenster Hingabe mit diesen Ideen befreunden. Wenigstens 
höchst »wahrscheinlich« dünkte diese J^ehre vom unsichtbaren Dasein 
organischer Wesen in allen ihren Theilen, und wie leicht vertraut der 
Mensch in Fällen, wo er die W^ahrheit nicht erforschbar wähnt, der 
^^'ahrscheinIichkcit, die ihm zuletzt der Wahrheit gleichwerthig er- 
scheint. Eine treffliche Benutzung dieser angeerbten Seeleneigenthüm- 
lichkeit hörte ich einmal den redegewandten Jesuitenpater Hassl.vcher 
zum Beweis der Unsterblichkeit der Seele machen ; in rhetorischer 
Anaphora lingirte ei' ein Evangelium, das an den Staub erginge, der 
da einePtlanzc norden solle und doch die unfassbare Höhe dieses (ilücks 
nicht glauben will, ferner nach Verwirklichung des unglauljhaft ersciiie- 
nenen Wunders ein ähnlich misstrauisch aufgenommenes Evangelium 
an diese Pflanze, dass sie einThier werden solle, ein ferneres an dieses 
Thior, dass sein Stoff einst die Anlage eines Menschen werden solle, 
und nachdem er sich sogar in verfänglich physiologischer Evangelisten- 
Anrede an den Fötus gewendet, der gewiss die Freude das Licht der 
Sonne dereinst zu schauen in seinem engen Kämmerlein nicht hätte 
fassen können, schloss er mit emphatischen Hinweis darauf, dass es 
auch bei den dem Fötuszuslande entwachsenen Menschen die ent- 
sprechende Erscheinung nur zu allgemein gäbe, dass es wie auf den 
Vorstufen sehr natürlich, aber ebenso thöricht sei, dem Glück der Ver- 
heissung misstrauisch entgegenzusehen. Natürlich überzeugte er damit 
viele, denn in der That war es ad hominem gesprochen. Die Wissen- 
schaft der beiden vorigen Jahrhunderte ging unl)cwusst den gleichen 
Weg. 

Ehe wir jedoch bei dem uns beschäftigenden trügerischen Analogie- 
schluss den Mann auftreten lassen, der es njuthig ausspricht: »die Bot- 
schaft hör' icli wohl, allein mir fehlt der Glaube!« — ist es nothwendig 
genau die Form zu charakterisiren, zu dvr sich di'r Glaube an das un- 
sichtbare Sein im Laufe des 17. und I S. Jahrhunderts ausgebildet hatte. 
Das Mikroskop lehrte das Vorhandensein von Dingen , die man in der 
Zeit des unbewaffneten Auges dcshall) für nicht vorhanden ge- 
halten hatte , weil n'ian sie nicht gesehen , man hatte irrthümlich da 
von einem Neuwerden geredet, wo es sich wirklich nur um ein Aus- 
wachsen des schon vorhandenen Thieres, dei' schon vorhandenen 
Pflanze handelte, und wenn alle Oiganismen aus elterlichen Organismen 
hervorgehen, so müssen (li(\se die junge Brut als Theile ihres Inneren 
schon bergen, diese wicdtM- eine folgende Generation u. s. f. Selbst 
beider bisaufs Aedsserste getriebenen VerbessennigderVergrösserungs- 
gläser können uns diese Einschachtelungen unsichtbar bleiben , denn, 



Caspar Friedrich Wolll". 201 

\\\c ihr Nanio s;\u,[, können diese (ilUser vamw zfuiborpleieh (las Kloinn 
uross orselioinon losson, — ;iber nienmls d.is Dn i'ch s i ehli go iin- 
(In rchs ich t i". Und inil dicseni so nnzweifolhafl wahren Satze stand 
iiKin iUM H.'indo des Abiirundes und wieder hatte der Sulz, der über alle 
(Frenzen der Wissensehafl in das freie Luftreich der Hypothesen hinaus- 
trieb, eine scheinbare Berechtigung durch die auf diesseitigem Gebiet 
gemachte Erfahrung, dass dieJugendzustiinde den Organismus in feinster 
Durchsichtigkeit seiner Theile unter dem Mikroskop erscheinen Hessen, 
oft selbst Injeelionen die farblose Krystallhelie nicht zu ändern ver- 
tiioehten. Wir sehen : man traute ganz sicher dem Schluss, dass die 
sinnliche Wahrnehmung unzureichend sei, dass die Verkennung dieser 
Th.ilsaclie ganz irrig zur Theoiie von einem Neuwerden , von einem 
wirklichen Werden der Dinge geführt hätte, dass da, wo man wegen 
nicht zu grosser Kleinheit und Durchsichtigkeit vermein tliciies Werden 
belauschen könne, nur Grösser- und Undurchsichtigwerden Thatsache, 
\\ («rden also überhaupt nur Dogma, eitles Phantom sei. 

Nicht ganz genau pllcgl man heutzutage die auf solcher Grundlage 
errichtete Lehre von organischer Ausbildung die Theorie von der Evo- 
lution zu nennen. So wurde vielmehr nur die eine AuH'assung der 
Theorie vom sichtbaren Darl)ilden des unsichtbar Dagewesenen genannt, 
die nämlich, welche den Organismus in der Periode seiner Unsichtbar- 
keit im VA sich latent dachte; diesen )iOvistenc(, an deren Spitze 
MAi.PKiiM und Malebranciie standen, traten die )iAnimalculisten« gegen- 
ul)er, welche, geführt von Hartsoekkr und Leklwenhoek, ein System der 
I'räf orma t ion aufbauten, in welchem die Zoospermicn (»animaicula 
seminis«) die Stelle der Eier vertraten. Entscheiden Hess sich dieser 
Streit ebensowenig wie die Frage, ob die Engel in dem östlichen oder 
westlichen llinunelsraume wohnen. Und schon darum, weil auf dem 
Gebiet der Pllanzcnforschung beide Richtungen nicht deutlich aus ein- 
.mdertr.'iten, können wir hier mit dem alten Namen derPrä del inea tion 
beide Hichtungen zu einem wesentlich auf dasselbe hinauslaufenden 
System verbinden, nach welchem das Leben des Individuums durch 
die Zeugung nicht begründe l, sondern nur zu einer neuen und zwar 
dem menschliehen Auge sichlbaren Form erw eckt wird. 

Die vollständigste Ausbildung erreichl(> dieses System im vorigen 
Jahrhundert durch Leibmz, Bü>xkt und ILvller. Obgleich Leibniz 
keine neuen Untersuchungen zur weiteren Begründung der merkwür- 
digen Theorie iinslcllte, war er doch nicht nur durch sein unzweifel- 
haftes Genie ein unschätzbarer Parteigänger, der kleinere Geister mäch- 
tig mit forlriss, sondern er Inig auch wesentlich zur Enlw ickUing dieser 
Lehre bei, indem er sie consequent ausdachte und der Daseinsgeschichte 



202 Alfred kirchhoff, 

des Körpers die der Seele hinzufügte. Aller lebendige Stoff ist ihm be- 
seelt, er ist lief durchdrungen von dem unlösbaren Band zwischen 
Seele und lebendigem Körper, die in ihrer Zweieinigkeil das Individuum 
(»die Monade«) bilden. Wenn aber, wie er den grössten Forschern seiner 
Zeil glaubt, der Organismus schon vor der Geburt da war, so war auch 
seine Seele da, und wenn es nur für den blöden Sinn des Men- 
schen ein Werden, in der That nur ein Sein gibt, so ist nicht bloss die 
Geburl ein nur scheinbarer Anfang, es ist vielmehr auch der Tod 
ein nur scheinbares Ende, das Leben nichts als ein Durchgang aus einem 
unsichtbaren Zustand durch den dem Menschen sichtbaren in einen 
anderen unsichtbaren. »Die Philosophen«, sagtLEiBMz in der Monadologie 
(Op. phil. p. 71 1), »haben sich viele Schwierigkeilen gemacht mit dem 
Ursprünge der Formen, Entelechien oder Seelen. Indessen haben gegen- 
wärtig genaue Untersuchungen, angestellt mit Pflanzen, Inseclen und 
Thieren , zu dem Ergebniss geführt, dass die organischen Körper der 
Natur niemals aus einem Chaos oder einer Fäulniss hervorgehen, son- 
dern allemal aus Keimen (semences) , in denen ohne Zweifel schon 
eine Präformation vorhanden war ; so hat man geurtheill, dass in dieser 
Anlage nicht blos der organische Körper vor der Zeugung exislirte, son- 
dern auch eine Seele in diesem Körper, mit einem Wort das Indivi- 
duum selbst, und dass vermittelst der Zeugung dieses Individuun» 
nur fähig gemacht werde zu einer grossen Formwandelung, um ein 
Individuum anderer Art zu werden. Man sieht selbst etwas Aehnliches 
ausserhalb der Zeugung, wie wenn die Würmer Fliegen und die Raupen 
Schmetterlinge werden.« Leibniz war also ganz consequenter Anhänger 
der Präformations-Theorie, glaubte, dass das Individuum aus der un- 
sichtbaren in die sichtbare Welt durch eine Art Metamorphose übergehe, 
und natürlich erlaubte sein echt w issenschafllicher Monismus auch kei- 
neswegs den Menschen anders zu betrachten als die übrigen Organis- 
men. An einer Stelle seiner Theodicee , in der er sich auf die mikro- 
skopischen Beobachtungen Lkeiwenhoek's ausdrücklich beruft, sagt er 
(p. 527 der Op. phil.) : «So sollte ich meinen, dass die Seelen, welche 
eines Tages menschliche Seelen sein werden, im Samen, wie jene von 
anderen Species , dagewesen sind , dass sie in den Voreltern bis auf 
Adam, also seit dem Anfang der Dinge immer in der Form organisirter 
Körper existirl haben.« 

Hatte die Prädelinealions-Theorie in Leibmz einen ausgezeichneten 
Befürworter gefunden, dessen bewundernswerlhe Darstellungen in 
weitem Umfang Einfluss gewannen, so fand sie in Bonxet einen uner- 
müdlichen Forschei-, der in seinem Eifer, dieser Lehre immer mehr 
empirische Stützen zu schaffen der Naturwissenschaft bleibende Güter 



fiispar Kriodrich WollT. 203 

pewnnii. Wir oriniiciii mir ;in seine iiieislerhaflen rntersueluingen über 
die Blaltläuso (verölVenllicht 1 7 i') in seinem Tniite d'iiiseclologie I, pag. 
2(1 f.). Es war vielleicht der werthvollsle Gewinn für die Theorie der 
Kinschachleluni; kUnl'liger Generationen in früheren, dass Bonnet durch 
Absperrung und fasl stündliche Beobachtung eine« Exemplars der Aphis 
rosae dasselbe nach viermaliger Häutung am 11. Tage trotz absoluter 
Jungfräulichkeit eine lebendige Tochter, ja innerhalb weiterer 20 Tage 
neben der ersten nicht weniger als Oi zur Welt bringen und diese die 
Parthenogenesis der Mutter treulich nachahmen sah. Das war zugleich 
ein Sieg der Ovislen über die Animalculisten. Wollte man den Werth 
der Befruchtung durch Zoospermicn in diesem Falle nicht gänzlich in 
Abrede stellen, so blieb nichts übrig als zu thun was Haller that: an- 
zunehmen, das Urexemplav einer weiblichen Aphis sei befruchtet wor- 
den von dem Samen eines Männchens, der kräftig genug gewesen wäre, 
alle Hüllen der unzähligen in einander gekapselten Thierc der folgenden 
Generationen zu durchdringen und diese für Jahrtausende zu befruch- 
ten'). Auch versäumte Haller bei Erwähnung dieses Vorgangs, der 
wenigstens den Schluss auf vielfache Einschachtelung nicht einmal 
der Befruchtung zur Evolvirung bedürftiger Thiere zu gestatten schien, 
nicht auf dasLieblingsthier derEinschachtelungstheorie, aufVolvox glo- 
bator zu verweisen, wo man sich in der That von der Coexistenz meh- 
rerer Generationen in je einem Individuum der jedesmal älteren Gene- 
ration durch den Augenschein überzeugen konnte. 

Dass sich Albrecht von Haller, dieser Johannes Müller des vorigen 
Jahrhunderts, der Theorie mehr und mehr annahm, trug nun vollends 
zu ihrer Befestigung und Verbreitung bei. In früheren Schriften hatte 
er ihr noch gar nicht das Wort geredet, erst seine 1758 erschienenen 
Beobachtungen über die Bildung des Herzens im bebrüteten Hühnerei 
zeigen ihn im Lager der Ovisten, als entscheidenden Vertreter der Mal- 
i'iGHi'schen Ansicht. Und im darauf folgenden Jahrzehnd konnte man 
sagen, dass durch Bonnet's Aufsehen erregendes Werk unter dem Titel 
»Gonsiderations sur les corps organises«, vor Allem aber durch die den 
ganzen physiologischen Wissensschatz der Zeit in sich sammelnden Ele- 
menta Physiologiae des grossen Schweizers die Theorie ihren vollen 
Ausbau gefunden habe. 

Die präciseste Fassung der Sache steht im 8. Theil der Elemente 
unter der siegesgewissen Ueberschrift: Nulla est epigenesis — es gibt 
kein Wertlen! »Nulla in corpore animale pars ante aliam facta est, 
et omnes simul creatae exislunt.« Da ist Hallkr Evolutionist vom rein- 

\^ Halleri Elemei)ta IMiysiolo^ia''. VI p. 155. — 



204 Alfrpd Kirchlinff, 

sten Wasser: kein Cotnprnniiss inil irj^ciul piner gegnerischen Ansicht, 
wenn es noch irgend wo eine solche gibt, Absagung selbst von den 
eigenen früher gehegten Zweifeln gegen die Theorie der Ovisten. Was 
konnte mehr wirken, als wenn ein Haller selbst sagte, was er früher 
gegen die Theorie der Evolution vorgebracht habe, wie z. B. die Un- 
ahnlichkeit des Fötus im Vergleich mit dem ausgewachsenen Thiere, 
beweise nur für dieselbe (ib. p. I iS), denn eben weil nicht gleich alle 
Theile des sich evolvirendcn Thieres in die Erscheinung träten , müsse 
der Fötus nolhwendig missgestaltet aussehen. Wenn der eine Forscher 
behaupte, zuerst entstehe das Herz, der andre dasselbe vom Hirn , ein 
dritter dasselbe vom Hirn und Rückenmark behaupte, so sollten sich 
doch diese Männer bescheiden, dass sie eben diese Theile »zu der Zeit 
mit Augen gesehen, wo die übrigen Theile verborgen waren«, die aber 
in Wahrheit mit jenen seit dem Schöpfungstage coexistirt hätten. Da})ei 
schrickt Hallkr indessen auch vor keiner Gonsequenz zurück, die sich 
mit Nothwendigkeit aus dem Leugnen des irdischen Werdens ergab. 
So behauptet er die (nur latente) Existenz des Geweihes beim eben ge- 
borenen Hirsch, des Bartes beim Knaben, alles dies mit derselben Zu- 
versichtliclikeit wie das Dasein des Darms oder der Nieren und des 
Herzens zur Zeil des vielleicht noch allein sichtbaren Rückenmarks. 
Ausgehend von der Annahme eines OOOOjährigen Bestandes von Erde 
und Menschheil, einer 30jährigen Durchschnittsdauer des Menschen- 
lebens und einer Kopfzahl von 1000 Millionen gleichzeitig lebender 
Menschen, berechnet er endlich das Minimum der von Golt auf einn)al 
erschaffenen Menschen auf 200,000, 000, 000, wobei er es dem Ge- 
schmack der Zeit überlässt, sich dieselben entweder als Animalculist in 
Adams Hoden oder als Ovist in Eva's Eierstock zu denken (ib. p. 150). 
All solche Gedanken waren aber noch vielmehr der Wissenschaft 
nachtheilig als einfach unnütz. Was nämlich nuisste die Folge da- 
von sein, dass Haller in dem Zeugungsact nichts anderes als eine »In- 
stimulalion« sah, durch \\ eiche im weiblichen Körper irgend ein Graaf- 
sches Bläschen des Eierstocks einen Riss bekam und durch diesen Riss 
in unsichtbarer Kleinheit das Junge in den Eileiter und weiter in die 
Gebärmutter schlüpfen liess , .um sich da endlich zur Sichtbarkeit zu 
evolviren ? Ganz abgesehen \on der hierin ausgesprochenen Unklarheil 
über das Yerhältniss des Eies zum GRAAp'schen Bläschen und iler fal- 
schen Beziehung vom Loslösen des Flies zur Begattung, was ja fortge- 
setzte Untersuchungen so wie so berichtigt haben würden, lag hier doch 
unverhUllt die Ansicht zu Tage: es sei eine Thorheil nach dem Werden 
zu fragen. Wo man aber nicht nach dem Weiden eines Dinges fragt, 
schliesst man jede wirkliche Erkenntniss desselben aus. Die Evolulions- 



t'aspiii- iMieilncli Wulll'. 3^5 

Tlieoiio oireichte in IIallf.r's Physiologie ilnen unzweideutigsten Aus-, 
(iiuik und l)e\Nies zugleich ihre (>ig(U\e rniniiglichkeil. Denn eine 
Theorie soll wissenschjilihi'h erkl.iiin, mithin den l ispiung (JeiObjecte, 
mn die es sieh Itiunlelt, auldeeken ; und diese 'rhcorie l»('\\i(>s oder 
glaubte doch zu beweisen, dass dieser liis|)iung ausseihalb aller Kr- 
lahiung d. h. ausserhalb der Naturwissensehaft lüge. Dabei konnte die 
anatomische Forschung die alleiNorzüglichste sein, sie brachte doch 
nur Material für eine wiikliche Erklärung des Organismus, diente 
mithin einer zukünftigen Zeit, der Wissenschaft auf ihrem gegenwär- 
tigi'U Slandpuncle, gegen dessen Erreichung sie aber gerade ankämpfte. 
Nicht genug jedoch, dass man in dem blossen Wahn begriffen war, 
eine Theorie der organischen Bildung zu besitzen , wiihrend man den 
Organismus doch nur »wie die Wilden ein Linienschilf« betrachtete, — 
es gab die bodenlos luftige Hypothese auch Anlass zu ganz v&rfehlten 
Erklärungsversuchen. Abstand eines so grossen Meisters, wie Haller 
war, von jeder- Erklärung konnte dem, der nicht an die absolul(> Un- 
möglichkeit einer solchen glaubte, gerade ein S{)orn sein, sie zu eifor- 
scIkmi, aber eine Eiklärung, die scheinbar rationell w irkliche und ver- 
meintliche Erfahrungsthatsachen zu einem Trugsystem vereinte, dessen 
eigentliche l'undamente in dem Noli me tangei'e jenes Mysteriums der 
Involution sich unnahl>ar dem kritischen Blick entzogen, hätte auf fernste 
Zeiten die Wissenschaft verwirren können. Ein solches Trugsysten» 
war aber das der LLNNfi'schen Prolepsis, dessen evolutionistische Basis 
meist verkannt worden ist*). Hier führte man den ganzen Entwick- 
lungsvorgang der Fllanze, nämlich der kormophytischen, auf das blatt- 
bildende Emporsehieben der concenliischen Cylinder von Rinde, Bast, 
Holz und Mark des Stengels zurück, die sich je nachdem stärkeren oder 
schwächeren Zutritt des Nahrungssaftes in blosse Laub-, oder Laub- 
iiud Bliiliieidiläller \ erwandelten, und zwar letzteres einfach dadurch, 
dass die inneren (eigentlich für eine ganze Reihe künftiger Jahrgänge 
beslinunten^ ßlattgebilde gerade bei magerei' Nahrung (in unvollkom- 
mener Eorm) anticipirt würden. Beweis für das Vorhandensein einer 
Knospe in jeder Blaltachscil war ja bei der Voraussetzung eines jedem 
scheinbaren Werden vorausgehenden unsichtbaren Seins die unleugbare 
Fähigkeit jeder Blattachsel, eine Knospe hervorzutreiben; jedes Blatt 
derselben musste wieder seine Achselknospe haben und so im Sinne der 
Einschachtelungstheorie weiter. Dem Axiom des unsichtbaren Daseins 
unzähliger Knospen in den Blallachseln (nicht nur der sichtbaren sondern 



1) Vergl. LiNNE, Syst. nat. [eJil \'II) If, p. 9. I.inne, AiiKiciiit. aead. IV, pp. 
368 ü' utul VI, pp. 3i5, 34U I. 



206 Allred KircliliotV, 

auch der unsichtbaren BläUeij fügte man dann, um zum Zweck zu c;e- 
langen, die gewaltsame Behauptung zu, dass unlei' den bestiiimiten Er- 
nährungsverhältnissen die Anticipirung von den Knospen der eigentlich 
der Zukunft vorbehaltenen Jahrgänge nur je ein Blatt zum Vorschein 
kommen lasse ; man musste sich auch bei Pflanzen mit spiraliger oder 
decussirter Blattstellung zur Erzeugung etwa einer pentamerenAlsineen- 
blüthe zuletzt einmal eineKreisstellung von je öLaubblätlern denken, 
die ihre eigentlich nächstjährigen Achselknospen in blosser Blattform 
und zwar nicht zu Laubblätlern sondern zu Deckblättern (Bracteen) ge- 
formt verfrüht vorschöben, und halte nun die Freiheit weiter zu schlies- 
sen, dass bei den abnormen Zuständen einer solchen »Prolepsis« aus 
der Achsel der Bracteen die Laubhiattknospen eines zweitfolgenden 
Jahres als blosse Pseudoknospen in der Form der Kelchblätter hervor- 
wüchsen, die des 3. Jahres als Kr'onen-, die des i. als Staub-, die des 
5. als Fruchtblätter. So war denn jede Blüthenpflanze ein thalsächlicher , 
Beweis der Evolutionstheorie geworden: beim Schmetterling war es 
schwerei' die Elemente seines Körpers in der Baupe nachzuweisen, da 
sie den latenten Zustand erst überwanden, wenn die Baupenhaut längst 
ausgezogen war, — bei den Gewächsen aber konnte sich ja jeder 
überzeugen, dass der bunte Schmetterling derBlüthe aus seiner grünen 
Baupenhaut ganz allmählich hervortrat, im Larvenzustand der Vegetation 
also sicherlich die Ptlanze das Imago der Blüthe lange vorher schon ge- 
borgen hatte. Durch äussere Umstände allein- war es bedingt, ob sich 
die Stengelinternodien ausdehnten und Jahr füi" Jahr ihre Knospen in 
der Totalität der Blattgebilde ans Tageslicht brächten, oder ob jene Pro- 
lepsis dieinternodien zusammengezogen liess, und nur je ein Blalt aus 
jeder Knospe, aber bei dieser Verfi'ühung in der merkwürdigen Lim- 
wandelung zu einem Blülhenblatt dem Auge sich zeigte. Man bildete 
sich wirklich ein, diese »Metamorphose« damit auf ihreUrsaclien zurück- 
geführt zu haben, und man hatte allerdings die beste Ausrede für den 
Fall des völligen L'nterbleibens der Blüthenbildung bei reichlicherei- 
Nahrungszufuhr, — dann schob sich eben nicht simultan der Schmetter- 
ling, sondern successiv Baupe auf Baupe Jahr füi- Jahr hervor; ein Ge- 
genbeweis aber gegen das latente Vorhandensein des einen oder des 
anderen lag niemals vor. 

Zur nämlichen Zeit hatten also die bedeutendsten Forscher auf dem 
Gebiet der Pflanzen- und Thiernatur die Wissenschaft in bedenklicher 
Weise gefährdet: Hallkr hatte ihr mit der Frage nach dem Werden 
gleichsam den Herzschlag verboten, LrNNfi eine Theorie geschaflen, die 
mit trügerischem Gaukelspiel eine gewisse Befriedigung des dem Men- 
schen so tief eingeprägten Bedürfnisses, die Ursache der Dinge zu 



Caspar Friedriili WollF. 207 

suchen, (huliircli orknnfle, dass sie dio izesotzniiissilien drundlaeon der 
Ixtliiiiischen Mol pliolot^ic und Auiiloiuie in soliNNiiukende Bewegung 
brachte. 



Wolff's Gegenbeweis. 

Es ist eine merkwürdige Thalsnche, dass diogiüs.slen Uuiwiilzungen 
in tler (ieschichte der menschlichen Geistesenlwicklung oft du ich blosse 
Krneuerung allbekannter Sätze herbeigeführt werden , durch Zurück- 
gehen auf eine für irrthümlich gehaltene Wahrheit, die einst naiv hin- 
genommen, dann verdanunt worden und nun plötzlich durch den Er- 
weis ihrei' Rechlsbeslandigkeit sogar eine neue Ejioche herauHuhrt. So 
lief istdas naiv dogmalische und das kritische Fürwahrhalten veischieden. 

Die Alten h.itten längst das Leben als wirkliche Veränderung , das 
Werden als wiikliche Entstehung von etwas xNeuem , vorher nicht Da- 
gewesenem begriffen, und doch ist nicht Aristoteles , sondern Wulff 
der Vater der Entwicklungsgeschichte: Aristoteles behauptete, 
Wulff bewies das Werden. 

Was Kant für. die Philosophie, ist W^olff für die Physiologie: der 
kritische il. h. der allein den Namen verdienende Begründer. Man 
hat viel vor K.wt philosophirt und die Ideen früherer Systeme sind uns 
\ on hohem Werthe, aber eben dass sie es noch für uns sind, dass man 
mit IIcme's völlig berechtigtem Zweifel an der Zulässigkeit der Ideen- 
verbindung zwischen Ursache und Wiikung nicht den Schritt unab- 
sehbarster Tragweite that und das Streben nach philosophischer Er- 
kenntniss als Unsinn bei Seite that, — das verdanken wir Kant, der 
den Beweis von der Möglichkeit, von der Thatsache der menschlichen 
Eikenntniss in» höchsten Sinne des W'orts führte. Wir können Wolff's 
i5(Mleutung für die Wissenschaft vom organischen Leben nicht genauer 
bezeichnen, als wenn wir von ihm das Analoge sagen : er begründete 
die Lehre vom Werden, indem er die Thatsache des Werdens bewies. 
Man stosse sich nicht an unsre nothwendig bildliche Ausdrucksweise: 
er begründete die längst vorhanden gewesene Lehre, nicht etwa von 
neuem, nein ganz itn eigentlichen, jede Concurrenz ausschliessenden 
Sinne. Wohl sollte man meinen, die Frage nach der Wirklichkeit des 
Objecls müsse jeder Untersuchung des Objecls vorangehen. Aber das 
ist einmal nicht der Gang menschlicher Geistesregungen; die dogma- 
lische Periode lässt tausend Fragen, vielleicht auch glücklich eiledigen, 
ehe die logisch erste daran kommt Dass jedoch die Erledigung der letz- 
leren deshalb nicht eine nutzlose Nachträglichkeit ist, beweist das 17. 
und If^. .Jahihunderl durch seine Theorie \on der Prädelineation. Der 



208 Allred Kirchhoff, 

Baum des physioloe;isclien Wissens war im Alterlhum gleichsam 
verwildert gewachsen , nach der Winterruhe des Mittelalters hatte er 
frische junge Triebe bekommen , und doch würde er nur noch kurze 
Zeit ein wahres, dann nur ein Scheinleben gefristet haben, wenn seine 
Wurzeln in dem Boden, in den sie sich tiefer und tiefer einsenkten und 
in dem sie mit Naturnothwendigkeit absterben mussten , nicht neue 
Quellen zuströmender Nahrung durch Annahme einer neuen Richtung 
gefunden hätten. 

Dass ihnen Wulff diese neue Richtung gab, dass er sie in die 
Lage brachte nun den Baum so lange ununterbrochen zu nähren , als 
denkende Menschen auf Erden leben werden, — das ist jetzt auch im 
Ganzen wohl unbestritten. Und doch waltet über Wolff's Werken seit 
Alters ein eigenthümlicher, die Berechtigung solchen Lobes nicht recht 
erleuchtender Unstern. Botaniker haben Wulff, wie schon Schleidfn 
klagte, fast nie gelesen, Zoologen kennen ihn wesentlich als den Ent- 
decker der Darmbildung bei den Wirbelthieren , Dank dem Ueber- 
setzungsverdienst, das sich der jüngere Meckel ISIS um die bei reffende 
akademische Abhandlung Wolff's erworben hat; für jene im Allge- 
meinen hingestellte Grösse citirt man die berühmte Theoria Generationis, 
gewöhnUch aber ohne sie zu lesen, während man mit dem eigentlich 
beweisenden deutschen Werk desselben Titels consequenter ver- 
führt: das liest man weder, noch citirt man es. 

Es sei daher hier versucht , in kurzen Zügen die Methode dieser 
e|)ochemachenden BeweisfUiuung zu charakterisiren , durch die Wolef 
ähnlich wie Lessing eine viel höhei'e Bedeutung hat als durch die er- 
zielten Forschungsresultate, obwohl letztere ihm als echtem, nie vom 
festen Boden derEmpirie loslassenden Naturforscher die unentbehrlichen 
Waffen in die Hand gaben. Eine ins Einzelne gehende Wiedergabe 
seiner Generationslheorie d. h. Entwicklungslehre des höheren Pflanzen- 
und Thierorganismus iliirfen wir hier um so eher unterlassen , als die 
heutige Physiologie des Wirbelthierkörpers die wichtigsten hierhin ein- 
schlagenden WoLFF'schen Entdeckungen in glücklicher Fortbildung in 
sich trügt, die heulige Botanik zwar in ähnlicher Weise Schleidkn's 
statt Wolff's Entdeckungen forlentwickelt, Wolff's Pflanzenonlwick- 
lungsgeschichle aber anderen Orts von uns dargestellt worden ist'). 

In der Theoria Generationis sehen wir den jugendlichen Forscher 
in feierlichem Ernst das Werden von Pflanze und Thier mit Woit und 
Bild darstellen, in festgeschlossener logischer Schlusskelte deductiv und 



1) \a der Eingangs erwähnten Schrift über die »Pflanzen-Metamorpliose bei 
WoLKK und bei Goethe » 



Caspar l'iifMlricli WollT. 200" 

inducliv Satz für Satz begründen, ohne den nihig objecllven Ton einer 
sich bloss in den (iegenstan d vertiefenden Üaislollung durch pole- 
mische Ausfälle gegen seine Gegner zu unterbrechen. Man würde aus 
den Worten der )Hiissei"tation profonde«, wie sie der Eloge der Peters- 
burger Akademie nannte, die Existenz der Prädelinealionslheorie gar 
nicht aimen. In dei- deutschen »Theorie von der Generation« tritt da- 
gegen WoLFF bereits im Bewusstsein des Triumphes nicht nur mit ge- 
wandlerem Darstellungstalent und wichtigen neuen Entdeckuncen an 
sein Werk von Neuem heran, sondern er geht auch der gegnerischen 
Theorie, die soeben in Bonnkt und Halle« mit Wünschenswerther Ent- 
schiedenheit geredet hatte, muthig zu Leibe. 

Er ist bei aller Hochachtung vor der wissenschaftlichen Grösse 
Haller's aller frommen Verehrung des vermeintlichen Mysteriums un- 
endlich fern, er gibt viehnehr seinem natüilichen Widerwillen gegen 
die unnatürliche Hypothese herzhaftesten Ausdruck. »Wie sehr, sagt er, 
ändert sich nicht dadurch der Begriff, den wir von der gegenwärtigen 
Natur haben, und wie viel verliert er nicht von seiner Schönheit! 
Bishero war sie eine lebendige Natur, die durch ihre eigene 
Kräfte unendliche Veränderungen herfürgebracht. Jetzo ist sie ein 
Werk, welches nur Veränderungen herfürzubringen scheint, in der 
That aber und dem Wesen nach unverändert so liegen bleibt, wie es 
gebauet war, ausser, dass es allmählich immer mehr und mehr abge- 
nutzt wird. Zuvor war sie eine Natur, die sich selbst destruirte, und 
sich selbst von neuem wiederschuf, um dadurch unendliche Verän- 
derungen herfürzubringen, und sich immer wieder auf einerneuen Seite 
' zu zeigen, .letzo ist sie eine leblose Masse, von der ein Stück nach 
dem andern herunter fällt, so lange bis der Kram ein Ende hat Eine 
solche elende Natur kann ich nicht ausstehn, und dieSamen- 
thierchen, in Ihrer Hypothese betrachtet, sind nicht ein Werk des un- 
endlichen Philosophen, sondern sie sind das Werk eines Leuwex- 
noECK's, eines Glasschleifers.« Das sind die schönen Worte, die er an 
seinen (beim Druck der Schrift bereits verstorbenen) Freund Gustav 
Mathias Ludolf richtete, in dessen persö?dicher Anrede die geistreichen 
»zwo Abhandlungen«, die das Büchlein bilden, wie eine Privalunterhal- 
tung (ohne Scheu vor Berolinismenj sich ergehen. 

Darauf führt er aus, wie unwahrscheinlich die Hypothese dadurch 
erscheinen müsse, dass in dem übrigen Natu rieben kein einziger phy- 
sikalischer oder chemischer Process aufzuHntlen sei, der nur entfernt 
auf ein erst unsichtbares, dann sichtbares Sein deute ; wohl sei zu Wol- 
ken, Regen und Schnee der Stoft" vorher da, aber der Stoff des Wassers 
sei so wenig die Wolke, als diese der Regen oder Schnee, den sie er- 
Bd IV. 2. U 



210 Alfred Kirchhoff. 

zeuge, ja selbst Schwefelsäure — setzt er treffend hinzu — kann wohl 
zur Pioduction von Schwefel dienen, aber sie enthält ihn doch nicht 
in dem durch seine bestimmten Merkmale zu charakterisirenden Wesen, 
folglich gar nicht. 

Und nun rückt er, auf die Knospenentfaltung der Gewächse über- 
gehend, derEnlwirrung der unklaren Gedankenassociationen schon sehr 
nahe: freilich, sagt er, existirt hier eine Entfaltung, eine Evolution jün- 
gerer Gebilde aus der bergenden Hülle älterer hervor, aber man darf 
nie diese «Entwicklung in der Natur« milder »Entwicklung in der Hy- 
pothese« verwechseln; zum Schulz der zarten Neubildungen, die 
sonst allen Unbilden bloss gestellt wären, dient die Einschachtelung, die 
bei keinem Thier in solcher Weise sich findet (da hier Eischale oder 
Uterus schützt), die selbst den Farnen mit ihrer Entrollung (»Entwick- 
lung« im wörtlichsten Sinne!) fehlt, da hier die Schneckenwindung des 
Wedels nebst der seiner Seitenfiedern den jedesmal jüngsten Theil selbst 
lange genug beschirmt. Wer darf schliessen , weil aus Knospe oder 
Samen (vielmehr dem darin befindlichen Keim) jüngere Theile sich er- 
heben, diese ewig vorhanden gewesen seien? Das wäre derselbe hals- 
brechende Schluss, als wenn Bonnet auf die Knospeneinschlüsse der 
Hyacinthenzwiebel »jusqu'ä quatrieme generation« mit den Worten hin- 
weist: da sieht man die Evolution vor Augen. 

Als Haller 1760 in den Göttinger Anzeigen Wolff's Dissertation 
recensirte, fand er ganz richtig heraus, dass der Verfasser im botanischen 
Theil seiner Arbeil besonderes Gewicht auf den Nachweis lege, die Ge- 
fässe seien im jugendlichsten Zustand eines Pflanzenlheils »nicht zu 
klein oder zu durchsichtig, sondern gar nicht vorhanden.« Denn in der 
Thal ist diese erste Thatsache, die die Theoria Generationis empirisch 
feststellt, gleich die entschiedenste Widerlegung des Salzes von Haller : 
»Nulla est epigenesis.« Der junge Stengel, das junge Blatt, nicht mehr 
zu klein um selbst in allen seinen Theilen deutlich gesehen zu werden 
zeigte nichts als rundliche Zellen unter dem Mikroskop, die nachher 
vorhandenen Gefässe konnten sich hier unmöglich dem Blick entzogen 
haben, mussten also durch fortgesetzte Saftströmung nachträglich 
entstanden sein. 

Wolff's schöne Untersuchung der Blallbildung beim Weisskohl, der 
Blüthenbildung bei der Bohne referirt Haller ohne irgend welchen Ein- 
wurf: das ganze Pflanzenleben war aufVergrösserung und Verzweigung 
von Stengel und Wurzel, sowie auf Bildung von Laub- und (metamor- 
phosirten) Blülhenblättern zurückgeführt, der Ursprung all dieser Theile 
in unendlich kleinen Hügel- oder Conusformen genau aufgefasst, auch 
das Auftreten fernerer Hervorwachsungen wieder aus ihnen, z. B. der 
Zähne aus dem Blattrand, vortrefflich gezeichnet und beschrieben, — 



Caspar Friedrich Woltt". 211 

aber vetite sich denn nicht bei Hallkr der Argwohn, das sei Alles nur 
ein Hervorschieben in die Sichtbarkeit von lauter Dingen, die vorher im 
Stengel oder in der Keinianlag«" unsichlb;u' vorhanden gewesen, selbst 
die Gefässe nicht erst nach der rein cellulosen Perlode neu gebildet, 
sondern nur da eist durch Eintreten der Nahrungsflüssigkeit sichtbar 
gewoi'den, verlier zusannnenschliessende Höhren, dünn wie das feinste 
Haar, dabei völlig durchsichtig und ohne Lumen? 

Kl' gesteht uns diesen Argwohn erst beim Uebergang auf den zoo- 
logischen Theil des Werkes. Da heisst es auf den ersten Zeilen : »Beider 
Erzeugung der Thiere mussman wohl auf einen Grund- 
satz merken, der gleich am An fange steht, und nach wel- 
chem dasjenige nicht da ist, was man nicht sieht.« Wie 
unstatthaft aber dieser Satz sei, werde ein geübter Mikroskopiker 
zumal von den Gekröseadern des Frosches wissen , die sich selbst bei 
Anwendung chemischer Reagentien durch Farblosigkeit und Durchsich- 
tigkeit dem Blick des Beobachters entzögen. 

WoLFF blieb indessen völlig Herr der Situation. Scharfer Logiker, 
wie er war, gestand er sofort ein, dass, wenn er diesen Satz zum 
Träger seiner Theorie gemacht hätte, »nicht Salomons Weisheit« ihm 
helfen würde, sein System kritisch zu rechtfertigen. In völliger Ge- 
müthsruhe legt er selbst die Gründe aus einander, warum jener Satz 
einen Unsinn enthalte. Ganz anders gestalte sich jedoch die Sache, 
wenn man daraus den Satz mache, den er w irklich zum Leitstern seiner 
Untersuchungen gew ählt habe : ein Ding von bestimmten sinn- 
lichen Merkmalen ist da nicht vorhanden, wo man diese 
Merkmale nicht durch die Sinne wahrnimmt. Ganz schalk- 
haft belegt er diesen echten Naturforschergrundsatz mit den populärsten 
Nutzanwendungen: »Auf diese Art, sagt er, kann ich zumExempel sehr 
leicht beweisen , dass in meinem Geldbeutel kein Friedrichsd'or sey ; 
dass Doris jetzo nicht in meiner Stube sey. Sie sehen leicht, alle diese 
bestimmten Dinge sind mit gewissen Erscheinungen verbunden, die 
ihrer Natur nach nicht verborgen bleiben können. Den Friedrichsd'or 
müsste man im Geldbeutel sehen und fühlen können , wenn er darin 
wäre; und wenn Doris hier wäre, so würden wieder andere Erschei- 
nungen statt finden.« 

So enthüllt er halb scherzend die Walle, die der Prädelineations- 
chimäre den Todesstoss versetzen musste. Freilich bedurfte es müh- 
samer Studien auf dem noch so öden Felde der embryonalen Entwick- 
lungsgeschichte, denn nur in den frühen Lebensmomenten konnte er 
jenen Grundsatz zum Beweis eines früheren Nichtexistirens , eines erst 
späteren Werdens und somit zum endlich entscheidenden Siege an- 

14 ^ 



212 Alfred Kirclihoir, 

wenden. Es war schwerer die Abwesenheit des Herzens im soeben 
erst an2;eleglen Embryo des Hühnchens zu entdecken als — Doris' Ab- 
wesenheit zu beweisen. Und doch gelang es vortrefflich. Bekanntlich 
zeichnet sich die embryonale Entwicklung der Wirbelthiere ül>erhaupl 
durch die so frühe Ausbildung des Herzens aus , und es war deshalb 
für Wulff, der sich nach der Sitte der Zeit wesentlich auf die Tnler- 
suchung dieses Entwicklungstypus beschränkte, ein ^^ahres Meister- 
stück, Haller's Lehre zu stürzen, dass die ganze «Evolution« eines 
Tliieres darauf beruhe, dass in dem unsichtbar kleinen und durchsich- 
tigen Pünctchen auf der Aussenseite des Dotters das Herz zu pulsiren 
anfange und dadurch sich alsbald zum Centrum eines schon wohl or- 
ganisirten Ganzen mache, da es nur gelte die »zusammengefallenen« 
Häute der längst vorhandenen Gefässe auszudehnen , die dann durch 
das Roth der einströmenden Blutkörperchen sichtbar würden. Erst 
während seiner letzten Berliner Jahre machte Wulff die Entdeckung, 
dass in der allerersten Zeit der Bebrütung des Hühnereis , nicht nur 
neben der Wirbelsäule mit ihrem Rückenmark kein Herz vorhanden 
sei, w^ährend der Embryo schon stark ernährt werde, sondern dass 
auch die Zusammenziehung des kaum gebildeten Herzens anfangs eine 
ganz langsame sei, das Blut aber unabhängig davon seinen Lauf voll- 
führe, längst ehe das Herz »der hüpfende Punct« ge\^orden. Damit war 
jeder Widerspruch aus dem Felde geschlagen: sein Mikroskop war nicht 
unfähig gewesen, das Herz zu sehen, sondern im Gegentheil völlig aus- 
reichend das Herz in einem der Hypothese Haller's widersprechenden 
Zustand zu sehen; dabei tauchte es als zelliges Körperchen auf zu einer 
Zeit, als noch gar keine Brust vorhanden war, wurde nachweislich erst 
später in den Brustkasten vor dessen Schliessung hineingezogen , kurz 
es war nicht ein unsichtbarer Mittelpuncl des Embryo, sondern es 
.wurde erst mit der wachsenden Selbständigkeit des werdenden Thieres 
dessen Centralorgan. 

Einen specicllen echt evolutionistischen Einwurf hatte Haller gegen 
Wolff's Entstehungsgeschichte der netzförmigen Nabelgefässe in der 
area umbilicalis erhoben. Haller glaubte natürlich an das unsichtbare 
Dasein auch dieser Netzgefässe, die nur auf das Erwachen des Herz- 
pulses warteten , um durch eingepumpte Säfte in die Erscheinung zu 
treten. Wolff hingegen hatte genau gesehen, wie in der ursprünglich 
homogenen körnigen Masse der area Trennungen anfangen , die mehr 
und mehr zur Verwandlung derselb<'n in lauter ungleiche, drei- oder 
mehreckige Inseln führen, zwischen denen eine flüssigere Materie eine 
Art Netz bildet. Die gröber körnige weissliche Masse sah er zuletzt die 
blossen Zwischenräume eines Svstems von Gefässen bilden . die sich 



fftspar Friedrich Wolff. 213 

mit deiillichfn Wandungen versahen untl so schliesslich das Netz 6er 
Nabeigefasse forniiiten. Es war sthon eine Entstellung , wenn Hallkr 
diese Darstellung insofern billigte, als rede sie von »vorgezeichnclen 
Wegen« in der area ; das erinnerte schon zu sehr an Priideiineation, 
und dazu fügte er noch den Zweifel, ob es zur Evidenz zu bringen sei, 
dass diese »Wege zwischen dem körnigten Wesen« wirklich ursprüng- 
lich ohne Wandung seien. — Da bewährte sich dennWoLFp's kritischer 
Grundsatz in aller nur wünschenswerthen Schärfe: nicht gassenartig 
waren in der area »Wege« aufgetaucht, sondern es hatten sich blosse 
Lacunen gebildet, die kein Merkmal mit fertigen Gefässen gemein hatten, 
folglich auch keineGefässe in diesem Primitivzustand waren; ihreCom- 
munication hatte sicli nicht dem Auge entzogen, sondern ihre ursprüng- 
liche Isolirtheit dem Auge ganz klar gezeigt; die W^andungen traten 
auch nicht in kristallklarer Durchsichtigkeit, sondern in recht augen- 
fälliger opaker Derbheit auf; endlich war wegen der anfänglichen Zu- 
sammenhangslosigkeit der Lücken, die sogar nach dem Amnium zu 
imoier kleiner wurden und dicht an demselben die area gar nicht 
durchbrachen, ein Einfluss etwa vom Herzen her immiltirter Säfte zur 
Ausweitung »vorgezeichneter Wege« vollkommen unmöglich, selbst 
wenn man ein von Anfang an vorhandenes, nur nicht sichtbares Herz hätte 
annehmen wollen. 

Es kann hier nicht weiter verfolgt werden, wie Wolff in Peters- 
burg diese Untersuchungen so rüstig fortsetzte, dass — kaum ein Jahr 
nach seinem Abschied von Berlin — gerade jetzt vor hundert Jahren 
jenes classische Werk über die Bildung des Darmcanals im Hühnchen 
fertig wurde, von dem Ernst v. Baer urtheilte : »es ist die grössle Meister- 
arbeit, die wir aus dem Felde der beobachtenden Naturwissenschaften 
kennen.« Bis auf verhältnissmässig geringe Irrthümer (wie die Wulff 
nicht geglückte Unterscheidung der »Darmrinne«, seiner fistula intesti- 
nalis, von der Höhlung des Darms: hat die ganze Folgezeit nichts daran 
zu bessern gefunden, wohl aber diente diese Arbeit Wulffs, seitdem 
Meckel sie zugänglicher gemacht hatte, um wesentliche Irrthümer in 
der ISOfi von Oke\ (ohne Bekanntschaft mit seinem grossen Vorgänger) 
nur nach — natürlich weil unvollständigeren — Suiten von Entwick- 
lungssladien der Säugelhierembr\onen gegebenen Naturgeschichte der 
Darmentwicklung zu berichtigen. 

Als im 14. Band der Novi Commentarii der Petersburger Akademie 
der letzte Theil dieser berühmten Abhandlung De Formatione Intesti- 
norum erschien, durfte Wolff mit Befriedigung auf das noch nicht ein- 
mal ganz beendete Jahrzehnd hinblicken, das er seit der Vorbereitung 
zur Doctor-Promotion an Saale und Oder, an Spree und Newa in uner- 



214 Alfred Kirchhoff, 

müdlicher Arbeit durchlebt hatte. Er sagte nicht mehr als die Wahr- 
heit, wenn er in dem Büchlein von ITGi behauptete, es habe nie in der 
Welt eine wirkliche Theorie organischer Entwicklung gegeben ausser 
der von Cartesus und der seinen; von diesen aber wäre die cartesia- 
nische ohne irgend zureichende Beobachtungsgrundlage erträumt, 
nur die seinige wahr 

Er verhehlt sich nirgends die Schwächen seiner Leistungen, die er 
vielmehr gegenüber der unendlichen Natur auf dem noch so ganz un- 
betretenen Boden der Entwicklungsgeschichte stets als der Besserung 
bedürftig anerkennt. Aber der Würfel war gefallen : die Theorie von 
der lebendigen , sc ha ffe nden Natur hatte die Aftertheorie von der 
nur in lebendiges Gewand verkleideten, geschaffenen Natur be- 
siegt, — dem Berner Schreckens wort oNulla est epigenesis« war glück- 
lich Paroli geboten mit dem Berliner Jubelruf »Est epigenesis!« 

Wolff's Materialismus. 

Nachdem die lebenden Wesen als unter unsern Augen entstehende 
erkannt worden waren, erhob sich ganz von selbst die Frage nach den 
Ursachen solcher Entstehung. Haller halle das Recht, sein Mysterium 
des unsichtbaren Seins von dorn Mysterium des Schöpfungsacles ada- 
mitischer Urzeit abzuleiten ; Wolff's Epigenesis rückte dagegen das 
Wunderspiel tausendfältiger Neubildungen aus dem Dunkel der Urzeit 
ins Licht der Gegenwart, und da galt es nun der Schöpfung mit allen 
Hülfsmitleln rationeller Wissenschaft auf den Grund zu kommen. 

Hatte Wulff das Werden der Organismen in mühsamen Unter- 
suchungen und mit logischer Schärfe zur zweifellosen Gewissheit er- 
hoben, so fügte er diesem Verdienst ein zweites hinzu: er brach die 
Bahn für die einzig mögliche naturwissenschaftliche Erklärung des Le- 
bens, nämlich für die mechanische oder materialistische , die auf dem 
felsenfesten Satz beruht , dass die organische Welt als ein Theil der 
Welt überhaupt an einem gewissen Quantum von Materie participirt, 
ihre Lebens-) Erscheinungen daher nicht anders als aus der Materie 
und deren unveräusserlicher Kraflsumme erklärt werden können. 

Dieses zweite Hauptverdienst Wolff's hat man deshalb bisher nicht 
zu würdigen gewusst. weil seine »wesentliche Kraft« (Vis essentialis) , 
die er gleich in den ersten Paragraphen der Dissertation aufführt, ohne 
nähere Charakteristik nicht viel zu bedeuten schien , und das beinahe 
letzte Werk Wolff's, das diese »wesentliche Kraft« zum alleinigen Ge- 
genstand nahm, so gut wie völlig unbekannt geblieben ist. 

Auf seinen Antrieb hatte die Petersburger Akademie eine Preis- 



Caspar Friedrich Woiff. 21 5 

-lufeabe gestellt »über die eigenlliüinliche und wesentiielie kuilt der 
vegetabilischen sowohl als der animalischen Substanz.« Aus Frankreich 
und Deutschland \Aaren Lösungen von sehr verschiedenem Wcrth ein- 
gegangen, und als I7<S9 die kaiserliche Akademie die besten davon in 
Druck gab, fügte Wolff eine an Klarheit und Gedankenreichthum alle 
jene Beantwortungsversuche weit überflügelnde Abhandlung über das- 
selbe Thema in deutscher Sprache zu ') . in schonender Kritik wandte 
er sich hauptsächlich an die beste Lösung, weiche die Preisaufgabe von 
Blumenbacii erfahren hatte. Dieser hatte darin jene Ansicht entwickelt, 
die dann in Deutschland so viele Anhanger erwarb : G r u n d k r a f l j e d e s 
Organismus sei der Bildungstrieb. 

Wulff legte nun mit seiner seit dreissig Jahren so oft geübten 
klaren Gedankeneinfalt dar, dass I) dieser Satz in folgerechter Anwen- 
dung sich augenblicklich selbst widerlege, denn jede Kraft müsse sich 
in ihren Wirkungen gleich bleiben , mithin müssten alle Organismen 
einander gleich sein und auch aus völlig gleichartigen Theilen bestehen ; 
2) aber mit der von Blumexbach angew endeten Glausel , dass »die be- 
sonderen Umstände«, unter denen diese Kraft wirke, die Verschieden- 
artigkeil ihrer Wirkungen erkläre, der Satz einfach zurückgenommen 
sei, denn in diesem Fall seien dann offenbar »die besonderen Umstände« 
das Wirkende, die Bildungskraft nur das Bedingte, folglich keine 
»Grundkraft.« 

Dann folgte der positive Theil der Abhandlung : Begründung seiner 
eigenen Ansicht von der Causa Uta t des Lebensprocesses. Hier drang 
er mit einer Art Vorahnung von der Bedeutung unsrer heutigen Cellu- 
larpathologie für die Enthüllung biologischer Bäthsel tief in die morpho- 
logische und functionelle Natur der Drüsenge^^ebe ein, betonte die 
wunderbare und doch gewiss so natürliche Verschiedenheit in der Stofl- 
aneignung und Stoff^bsonderung der verschiedenen Organe eines und 
desselben Körpers, überall seine früheren Beobachtungen anziehend 
und neu gemachte Erfahrungen dazufügend. Was aber die Resultate 
dieser Erörterungen angeht, so dürfen wir sie hier in folgende einfache 
Schlussreihe mit Cilirung der Seitenzahlen dej" genannten Abhandlung 
zusammenfassen. 

Das organische Leben steht unter der Herrschaft der allgemein und 
ausnahmslos gültigen Naturgesetze, wie wir sie auch in der anorga- 
nischen Welt iLätig finden (40, 71, 74). Wollen wir die Ursache oder 



1 Gedruckt 1789 in 4" zu Petersburg; gewölinlicli mil den iihrigen Abliand- 
lungen zusammengebunden und bo oft durcti den Titelaufdruck »Blumenbach und 
Born« auf den Gesaiiuntband, also durcti reines Buchbinderversehen versteckt. 



216 Alfred KirclilinfT. 

die wirkende Kraft ermiltelii, welche die Erscheinung des Lebens her- 
vorruft, so müssen wir hier wie anderwärts die Wirkung genau unter- 
suchen, denn anders als in einer Wirkung ist es unmöglich eine Krafl 
zu erkennen (Tj. Nun ist der Lebensprocess ein ewiges Anziehen und 
Abstossen von Stofflheilchen, die jedem Theile jedes organischen Kör- 
pers zukommt (.U). Das ist jedoch nicht die allgemeine Attractions- 
erscheinung in der einfachen Weise, wie sie auch der Stoff ausserhalb 
der Organismen zeigt, weil wir sonst eine beliebige Wiesenpflanze, 
etwa den Wiesenbocksbart (Tragopogon pratensis) in irgend einem Stoff 
nur genau nachzubilden brauchten, um uns als Schöpfer eines sich er- 
nährenden und sich fortpflanzenden Wesens zu fühlen ; daraus folgt, 
d^s die organische Anziehungskraft eine den Organismen eigenlhüm- 
liche «Ernährungskraft« (=Visessentialis; ist (39). In ihr besteht 
das Wesen des Organismus, sie wohnt jedem Theilchen desselben mit 
der Doppeläusserung der Anziehung für diesen, der Abstossung für 
jenen Stoff inne , wie ja auch im Magneten und im geriebenen Bern- 
stein jedes Pünclchen zugleich anziehend und abstossend wirkt (69). 
Das eine hat die wesentlich organische Nutrition mit dem Wachsthuni 
eines Krystalls gemein, dass nur gewisse Stoffarten angezogen, andre 
abgestossen werden (52); darin aber liegt das Unterscheidende, dass 
derKrystall nur äusserlich neuen Stoff ansetzt, der Organismus den 
assimilirbaren Stoff" innerlich aufnimmt (60) . Mit diesem Vorgang können 
wir von Naturerscheinungen ausserhalb des Organismus nur die chemi- 
schen vergleichen, bei denen sich auch eine vollständige Durchdringung 
mit dem aufnehmbar befundenen Stoff zu einem ganz neuen Körper 
zeigt, z. B. wenn ein festes Metall durch Verbindung mit Quecksilber 
ein Amalgam bildet (64). Die allein zur Zeit nicht sicher erklärbare 
Seite dieser Nutrition (deren morphologischer Wirkung in der Genera- 
tionstheorie genau nachgegangen war) besteht in der bei verschiedenen 
Species so verschiedener) Stoff"wahl, die man mit den Seelenzuständen 
von Neigung und Abneigung vergleichen möchte, aber trotzdem keines- 
wegs mit der Eigenthümlichkeit der thierischen Seele vermengen darf, 
wie Stahl gethan hatte (70). Fest steht nur soviel, dass die dem orga- 
nischen Körper ausschliesslich zukommende Art der Stoffaneignung 
und Stoff"organisirung von einer wesentlichen Eigenthümlichkeit her- 
rühren muss, welche der organische vor dem anorganischen Stoff" vor- 
aus hat: sei das eine besondere nur in Pflanzen oder Thieren vorkom- 
mende Substanz oder eine besondere Art der Mischung, falls nämlich 
lebende und leblose Körper aus denselben Stoff"en beständen (94). 

Welche Klarheit unbcfangenor Naturanschauung und unbestechlicher 
Folgerichtigkeil liegt in diesen Sätzen ! Fügen wir die erst uns mög- 



Caspar Kriodrich WdlfT. 21 7 

liehe Knlscheidiing de*' lelzl!j;cn;innlen Allciniilion hinzu, dnss es niim- 
lich dir Coniplicirthoil der auch im Folsl);\u dor Erdo weil und breit 
vorkommenden, nur hier ganz einfachen KohlenslofiVerbindungen ist, 
welche den unterscheidenden Charakter der organischen und anorga- 
nischen Natur bedingt, so haben wir in der That die fe>'-ten Lineamente 
der mechanischen Biologie unserer und sicherlich aller Zeiten vor uns: 
Stoffljewegung nach den ewigen Gesetzen der Physik und Chemie be- 
\\ irkt das Kreisen des Stoffs ebenso in dem leicht verfolgbaren Wege 
durch Luft, Wasser und Erde wie in geheimnissvollerer Weise durch 
den lebendigen Körper, dessen Geburt, Leben und Tod nicht deshalb 
idmorme Thalsachen sind, weil sie das Normale im wundervollen Com- 
pl(v\ darbieten. Woi.ff sagte genau das von der BiA'MEiXBACH'schen «Bil- 
dungskraft«, was Humboldt von der modernen »Lebenskraft«: ihre An- 
nahme ist nur ein Beweis, dass der, welcher sie macht, in der persön- 
lichen Unfähigkeit, das Leben auf seine Ursachen zuiückzuführen d. h. 
den räthselvollen Complex der bunt in einander greifenden Ursachen 
naturgesetzlich zu zerlegen, — sich mit einem grossen, gleich Alles mit 
einander auf die billigste Weise erklärenden Wo rt hilft. Denn eben, 
wo Begriffe fehlen, da stellt ein W^ort zu rechter Zeit sich ein! 

Wenn aber Humboldt diesen wenig ruhmvollen, aber dem Schwäch- 
lichen stets einladend dünkenden Fluchtversuch aus dem Labyrinth der 
biologischen Causalität nur als Parallele anführte zu der Neigung, die 
so oft mit seinem Bruder das Zwiegespräch tief bewegt hatte, dass 
nämlich der Mensch angesichts der unendlichen Bedingtheit des geschicht- 
lichen Lebens auch nur des kleinsten Staates, des kürzesten Zeitraums 
von) Schwindel erfasst würde, wenn er nun gar die unabsehbaren Fer- 
nen der ganzen Weltgeschichte zu ergründen unternähme, dass er dann 
stets dem uralten «dumpfen Gefühle« verfalle und die Kritik in das ge- 
fühlstiefe Meer des Glaubenssatzes versenke: »Gott regiert die Welt; 
die Geschichtsaufgabe ist das Aufspüren dieser ewigen geheimnissvollen 
Rathschlüsse« — so dürfen wir zum Schluss jenes Streben nach Anru- 
fung der Gottheit auf dem Felde der Wissenschaft in noch näherer Be- 
ziehung zu der Hypothese von der Lebenskraft sowie zu unserem C. 
Fr. Wulff betrachten. 

Als WoLFF, dem Greisenalter nahe , am Vorabend der grossen Er- 
eignisse, die von Parisaus die neue Zeit heraufbeschworen, seine Ideen 
über das Leben zum letzten Mal zu jenen allgemeineren Resultaten sam- 
melte, schwieg er von jeder dem Ernst der Wissenschaft nicht ziemenden 
Vertheidigung seines Materialismus gegen Einwendungen, die vo"^ 
fremden Gebieten aus dawider erhoben werden konnten. Aber als 
Jüngling hatte er dem weh älteren Haller gegenüber einen schweren 



218 Alfred Kirclihnff, 

Stand gehabt. Zwar hatte einerseits Wolff nur an einer einzigen Stelje 
der Dissertation einmal das Wort fallen lassen , es läge ihm daran ^u 
beweisen, dass man zurErkUirung der Generation die göttliche Allmacht 
nicht ins Spiel zu ziehen nöthig habe, und andrerseits redete Hall^r 
stets ohne jede Gereiztheit in vollster Achtung von den Forschungsresul-^ 
taten des jungen Berliner Physiologen in seinen Werken. Indessen eben 
weil sich Wulff in dem Privatverkehr seiner Correspondenz mit Haller 
so aufrichtig bescheiden , so offen für jede Zurechtweisung zeigte, be- 
nutzte dieser seine vaterliche Stellung, wie es scheint, zu mancher nach- 
drücklichen Vorstellung, zumal wegen der Gefahrdung, die er in der 
ganzen Theorie der Epigenesis für den religiösen Glauben mit Recht 
erkannte. 

Schon wegen des liebenswürdig kindlichen Tones und der echt 
wissenschaftlichen Selbstlosigkeit, die sich in Wolff's Briefen an Haller 
ausspricht, sei es daher gestattet an diesem Ort einige Stellen derselben 
übersetzt mitzutheilen, die auf die so still vor sich gegangene und doch 
so tiefe Umwandelung der Ideen ein eigenthümliches Licht wirft i). 

Zunächst waren bei den Uebersendungen des lateinischen wie des 
deutschen Werks über die epigenetische Generation kürzere Begleite 
schreiben erfolgt, dann halte Wulff 1765 nach empfangenem Tadel über 
zu unschonende Behandlung seiner wissenschaftlichen Gegner (ver- 
muthlich Bgxxet's!) seinem Mentor von seinen weiteren Untersuchungen 
über die Hühnchenentwickelung geschrieben und zugleich seiner Sehn- 
sucht nach dem »festlichen Tag« Ausdruck verliehen, der für ihn kommen 
werde, wenn er nun im 8. Theile der Elementa Physiologiae die »uni- 
versa generationis theoria« zu lesen beginne. 

Der Tag kam. Der8. Theil war erschienen, vermuthlich von Haller 
selbst ihm zugeschickt: er brachte neben ehrenvoller Erwähnung der 
WoLFF'schen Arbeiten das»Nulla est epigenesis!« — In einem Schreiben 
dd. Berlin, den 6. Oct. 176(i sprach Wulff seinen Dank aus, dass 
Haller in seinem grossen Werke, seinem kleinen, seinen »Versuchen« 
einen Platz vergönnt habe, dazu aber fügte er einen wahrhaft rührenden 
Herzenserguss, den man lesen muss, um in Wulff den ehilichen deut- 
schen Gelehrten zu erkennen. »Dank« heisst es da »dass Du mir wohl 
willst, dass Du mich liebst, erhabener Mann, obwohl Du mich niemals, 
gesehen und nur aus Briefen mich und meine Gemüthsart kennst. Da^ 
möge Dir Gott lohnen, denn ich kann nicht hoffen, in diesem Lebei 
solche Bedeutung zu erlangen , dass ich Dir eine Deiner Güte würdig^ 
Erkenntlichkeit erweisen könnte, wenn Du nicht die unauslöschlich( 



j 



4) Epistolae ad Hallerum IV, p. 268 ff. V, p. 21 Off. p. 220 ff. p. 291 ff. p. 3nff,l 



rnspnr Friodrirb Wnlff. 219 

Verehrung Deines Geistes dafür nehmen willst. — Und was unsere 
Streitsache betrifft, so denke ich also. Mir nicht mehr als Dir, herrlicher 
Mann, liegt die Wahrheil am Herzen. Sei es, dass organische Körper 
ans dem unsichtbaren in den sichtbaien Zustand sich erheben, sei es, 
dass sie aus Luft sich hervorbringen: es gibt keinen Grund, weshalb 
ich dies mehr als jenes wünschen, oder jenes vielmehr wollen, dieses 
nicht wolli'n sollte. Und ebendies ist ja auch Deine Meinung, herrlicher 
Mann. Einzig der Wahrheit forschen wir beide nach; das, was 
wähl- ist, suchen wir. Warum also sollte ich gegen Dich streiten? 
Warunj sollte ich Dir widerstreben , da Du mit mir nach demselben 
Ziele strebst? Deiner Obhut vielmehr vertraue ich voll Zuversicht 
meine Epigenesis an, sie zu vertheidigen und auszubauen , wenn sie 
wahr ist; ist sie aber falsch, so soll sie auch mir ein verhasstes Unge- 
heuer sein. Ich werde die Evolution bewundern, wenn sie wahr ist, 
und werde den anbetungswürdigen Urheber der Natur mit demüthigster 
Andacht verehren als eine den menschlichen Einsichten unerklärbare 
Gottheil ; ist sie aber falsch, so wirst Du sie, auch wenn ich schweige, 
ohne Zögern verwerfen.« 

Aber Haller Hess die Evolution nicht fallen und mahnte vielmehr 
\on einer ganz anderen Seite her den jüngeren Forscher ernstlich von 
weiteren Angriffen auf diese Lehre aus Nützlichkeitsgründen 
ab. Es war kurz vor seinen) Abgange nach Petersburg, als Wolff am 
IT. April I 7()7 folgende höchst bezeichnende Antwort auf die erhaltene 
Warnung an Hali.ek schrieb: er sei von der Wahrheit der Gründe, die 
Haller j c t z t für die »Hypothese von derEvolulion« vorgebracht habe ') , 
so durchdrungen, dass er in der Thal nicht wisse, was er in Zukunft 
für seinen Lebenszweck, die Geheimnisse des organischen Lebens zu 
ergründen, thun solle. Er habe früher nicht so eingesehen wie jetzt, 
dass es sich bei der Bedeutung der Evolutionslehre für die Religion nicht 
sowohl um den Beweis der Wahrheit der Religion handle, als viel- 
mehr darum, dass jener Beweis (durch die Thatsache der Ur-Erschaf- 
fung und wunderbaren Evolvirung) »leicht, kurz und einleuchtend« sei, 
dabei auch geschützt genug gegen laienhafte Bestreitung. Er begreife, 
dass, zwar nicht für die wahrhaft religiösen Wahrheiten, aber für solche 
populäre Demonstrationen die Auflichtung seiner Epigenesis vei'häng- 



1 Diese Griiiulc scheinen ii ach Wolff s Antwort zu schliessen, tieni schönen Aus- 
spruch Ham-er's wcnit: entsprochen zu h;il)en, wie er in den Worten liegt; »Laeli 
merniniiniis, evperinienta ad verum duceic, verum ad Deum viain aperire.« (Op. 
mm III, p. 190;. So schloss er einst (1752) seine Beurliieilung der BtFFON'schen 
Theorie über die Weltentstehung, die man des Atheismus angeklagt hatte. 



220 



Alfred Kirdihnff, Caspar Friedrich Wolff. 



nissvoll sei. «Freilich« setzt er hinzu »ist gegen die Existenz eines gott- 
lichen Wesens noch nichts geschehen, wenn auch die organischen Kör- 
per durch Xaturkräfte und unter natürlichen Ursachen sich darbilden, 
denn diese Kräfte und Ursachen selbst, ja die Natur selbst verlangen 
ebenso einen Urheber als die organischen Körper: aber dennoch würde 
der Beweis weit in die Augen fallender und kräftiger sein, wenn wir 
in der Betrachtung der Naturbedingungen fänden, dass die einzelnen 
Naturproducteoder die organischen Körper einen Schöpfer nöthig hätten, 
und nichts Organisches durch natürliche Ursachen hervorgel)racht wer- 
den könne. a 

Wir denken an das Dogma der einen oder vielen Erschaffungen 
der Pflanzen- und Thierarten, an Darwin, an die anglicanische Kirche 
und manchen ähnlichen Verdammungsruf diesseit des Canals! Denn 
das sind Zwillingsschwestern die Theorie der Epigene^-is und die der 
Descendenz. Die Wahrheit diese r wird wie die jener siegen, oder 
vielmehr sie hat schon gesiegt! 



Beiträge zur Keniituiss der Spougieu 1. 

von 

N. Miklucho-Maclay. 

Mit Tafel IV. und V. 



I. Ueber Guancha blanea, einen neuen Kalkschwamm. 

Die reiche Schwammfauna der canarischen Inseln, welche ich im vori- 
sen Winter (ISGC.^ CT) zu untersuchen Gelegenheit hatte, bietet auch in der 
Abiheilung der Kalkspongien einige Mannigfaltigkeit. An den mitAlgen 
und Schwämmen bedeckten zerklüfteten Lavamassen, die den niedrigen 
Strand des Hafens del Arrecife Lanzarote bilden , fanden sich einige 
Kalkschwämme von verschiedenerGrösse und Gestalt, die gruppenweise 
an den Lavablöcken sassen. Es waren besonders zwei Formen, die 
meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Die in Fig. 1 . auf Taf. IV. 
abgebildete Gruppe wird eine bessere Idee vom Aussehen derselben 
geben, als jede Beschreibung. Der Schwamm A [Taf. IV. Fig. 1.) be- 
steht aus einem P , — "2' 2 Mm. langen, 1 4 Mm. breiten spindelförmigen 
Körper, der auf einem ziemlich langen Stiel aufsitzt. Der Körper des 
Schwarames ist schlaff und biegsam, so dass bei der leisesten Bewegung 
des Wassers er sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite legt. 
Am oberen Ende findet sich die Mundöffnung ^, die keinen mit blossem 
Auge sichtbaren Spiculakranz besitzt, die Oberfläche erscheint glatt und 
von glänzend weisser Färbung. Neben solchen Einzelnen fanden sich 
auch mehrere dieser Körper , die auf einem gemeinschaftlichen Stiel 
aufsassen iFig, I. B.) 

In der Gesellschaft dieser, bald isolirt sich erhebenden, bald einem 
gemeinsamen Stiele entspringenden Schwammkörper, die alszusammen- 



4) Ich gebrauche den Ausdruck »Mund Öffnung« s( alt .Auswurfsöffnungd^r Auto- 
ren, aus Gründen, aufweiche ich später zurückkonunen werde. 



222 N. Miklucho-Miiflay, 

gehörig leicht zu erkennen waren, traf sich noch eine andere Form von 
mehr fremdartiger Beschaffenheit. Dieselbe (Fig. 1. C.) war grösser 
(3 — i Mm, Länge, 11/2 — '-V2 Mm. Breite) und ihrer Gestalt nach von 
den erstem sehr verschieden. Sie snss ebenfalls auf einem 1/4 — Y2Mm. 
dicken Stiele (.s) , bildete aber einen ganz ansehnlichen kugeligen oder 
birnförinigen Körper, der von zahlreichen Lücken (/) durchbrochen war. 
Am obern Ende fand sich ebenfalls eine Mundöffnung [m]. Obwohl die 
erste der beschriebenen Formen am besten zu der von Oscar ScHMmr 
aufgestellten Gattung Ute passt, so will ich diesen Schwamm aus man- 
chen Gründen, welche ich später miltheilen werde , mit einem nicht 
gebrauchten Namen belegen : ich nenne diesen Schwamm Guancha 
blanca. — 

Die mikroskopische Untersuchung der Form A Fig. 1. ergab, dass 
man durch die Mundöffhung in eine geräumige mit Flimmerepithel aus- 
gekleidete Hölile gelangt. Dieser einfache Sack ist die verdauende Ca- 
vität des Schwammes. Die Wandungen bestehen aus einem innern 
Epithel, das auf einer zelligen Grundlage aufsitzt. Zwischen dieser und 
der dünnen structiulosen Hülle finden sich regelmässig vertheilte drei- 
strahlige Spicula. Die verdauende Gavität setzt sich, wie es scheint, 
nicht in den Stiel fort. 

Die Ilohli'äuiiK» der Foi'm C Fig. I. verhalten sich wesentlich an- 
dei's. Durch die Muntlöff'nung gelangt man nicht wie bei der vorbe- 
.schriebenen Form (A) in eine einfache blind geendigte Höhle, sondern 
in einen Hohlraun), in welchen zahlreiche Canäle einmünden. Was die 
Wandungen dieser Form betrifft, so bestehen sie aus denselben Zellen, 
derselben Hülle und denselben Spicula wie bei der vorhin beschriebenen 
FormA. Die äussere Gestalt und das Verhalten der Hohlräume hätten jedi'U 
Systematiker bestimmt, die zwei Formen als verschiedene Arten , ja 
sogar Gattungen zu beschreiben ; dennoch verhält es sich mit denselben 
anders, .le mehr ich Exemplare untersuchte, um so grösser erschienen 
die individuellen Verschiedenheiten der beiden Formen. Besonders 
viele Abweichungen zeigten die Individuen der Form C. Kein einziges 
war dem andern gleich ; in einem waren die Lücken zahlreicher und 
kleiner, bei andern langgestreckt und an Zahl geringer; auch die äussere 
Gestalt wechselte, sie war bald mehr spindelförmig bald oval, ja sogar 
becherförmig. Alle diese Abweichungen Hessen es wünschenswerth 
erscheinen, eine möglichst grosse Anzahl von Individuen zu Gesicht zu 
bekommen. Schon im Laufe der nächsten Tage fand ich eine Anzahl 
Schwammindividuen, die sich zu einer Reihe schöner Uebergangsformen 
ordnen Hessen. Eine genauere Betrachtung der Fig. i. und 2. wird 
dieses Verhallen viel besser als Worte denionstriren. 



Beilrfiue zur Ki'iindiiss der Siioimidi I. 223 

Auf Fig. 1 habe ii-li dio ll.'mptfcrmcii der (Jii;iii<h;i, auf Fig. 2 die 
IVbergiingsfonncn dari^esl«'!!!. 

In der Xaliir licss sich die rclicriinngsioilu' siel vollsliindigcr er- 
kemicn, nlxT alle (Vwse liuiiNidiicn einzeln ahzuhilden, wäi'e zu weil- 
lautig und es .sclicinl mir. da.ss die heiiieleirlen Zeichnungen \ollkomnien 
ausreichen. — 

Die Form C ist nicht die lelzle in dieser Reihe. Man findet, ol>\vohI 
nicht sooft, Nvie die andern, abei" in der Nähe derselben kleine Polster, 
dünne Ueberzüge von ungleicher Grösse (G —9 Mm. Länge und i 
bis i Mm. Dicke' und Gestalt. Diese Schwammform besitzt aber die- 
selben Lücken, wie jene von C und geht in der Thal aus der letztge- 
nannten Form hervor. Sehr viele dieser liegenden Formen besitzen 
Stiele, von welchen sie ursprünglich getragen wurden. (F, D Fig. 1 
und •>). Man muss sich demnach vorstellen, dass anfänglich frei empor- 
ragende Formen sich senken, und unter polstei'ortiger Ausbreitung ihre 
anfängliche Form verlieren. Für die einzelnen Stadien dieses Vorganges 
sind Belege unschwer aufzufinden. 

Diese Reihe von Febergängen, selbst wenn sie auch nicht so voll- 
ständig wäre, wie sie inderThat ist, und die übereinstimmende mikro- 
skopische Structur, führen mich zu dem Schluss, dass alle diese For- 
men blos Zustände eines und desselben Schwamm es sind 
und dass die Form A für die ursprüngliche gelten kann, 
aus welcher die andern entstanden sind. Fragt man, wie 
alle diese Formen aus der einen entstanden sind? so ist die Antwort: 
durch Verwachsung odei- G on crescen z '). Diese Verwachsung 
oder Verschmelzung ist ein bei Schwämmen bereits bekannter Process, 
welchen ein Autor treffend in folgenden Worten dargestellt hat: «Kom- 
men sie die Schwämme] bei weiterer Ausdehnung mit einander in Be- 
rührung, so schwindet ihre Grenzhaut, die Nadeln des Schwammes 
kreuzen sich, die Innern Canäle treten mit einander in Verbindung, 
man kann ihn jetzt nur noch gewaltsam zerreissen.« 

Dasselbe kann man auch von derGuancha .sagen. Da dieGuancha, 
wie früher erwähnt, fast immer gruppenweise vorkommt, sehr oft so- 
gar mehrere Individuen auf einem gemeinschaftlichen Stiel (Form B) so 
kann es leicht sich treffen, dass die einzelnen Individuen mit einander 
in Berührung kommen, sich aneinander legen, wobei die Wandungen 
verschmelzen. Es entstehen dadurch zugleich Verbindungen der Hohl- 
räume: erst später vereinigen sich dieMundöflFnungen zu einer gemein- 



1) E. Haeckel, Gen. Morpli. 11. p. Hl hal dys Voi koiiinien dieses Vorganges 
im Thierreiclie ziisamrueiiL'fslelll. 



224 N. Miklucho-Maclay, 

schaftlichen. Man kann häufig solche im Verschmelzen begriffene 
• Schwämme finden. Fig. 2, 2 zeigt ein Stadium dieses Processes deutlich, 
die verdauenden Cavitäten sind zum Theil vereinigt, die Mundöffnungen 
noch getrennt. Schema 3 Fig.:} zeigt einen Längsdurchschnitt desselben 
Schvvammes. Bezüglich der verzweigten Form B Fig. 1 . scheinen grössere 
Complicationen zu bestehen. Wahrscheinlich entsteht sie nur theil- 
weise durch Verwachsen einzelner Individuen, theilweise auch durch 
Knospenbildung. Für das letztere spricht das öftere Fehlen einer dif- 
ferenzirten Mundötfnung, welches bei einzeln stehenden Individuen nur 
in sehr jungem Zustande vorkommt. Die an der verästelten Form vor- 
kommentlen mundlosen Individuen werden daher gleichfalls als frühe 
Zustände angesehen werden müssen. An der complicirteren Form C 
findet man zuweilen zwei, sogar mehrere Mundöffnungen (4 Fig. 2), die 
sich später zu einer einzigen Oeffnung verbinden, und diese stellt dann 
das häufigere an dieser Form sich treffende Verhalten dar. Die Lücken 
sind Andeutungen der früheren Trennung. Die verdauenden Cavitäten 
der Form A bilden sich in der Foim C zu Canälen, die alle in einen ge- 
meinschaftlichen Sinus ausmünden. Dieses Verhalten sieht man in Fig. 12. 
Taf. V. sehr deutlich. Es ist ein horizontaler Schnitt durch das obere 
Dritlheil der Guanciia, Form C, (/ ist dei" gemeinschaftliche Sinus, in 
welchen die Canäic e ausmünden ; u ist die Mundöffnung. 

Diese Form G geht bei bedeutendem Wachsthum in die Form D 
über. Der Stiel wird zu schwach, um den immermehr an Masse zu- 
nehmenden Körper zu tiagen , die Form C senkt sich zu Boden und 
wächst weiter, indem sie als Polster die darunterliegenden Körper be- 
deckt. Der Stiel bleibt als rudimentäre Bildung zurück und deutet auf j 
den Zusammenhang mit den andern Formen. Jede dieser Formen (A, 
B, C, D) kann aber selbstständig fortexistiren ; es sind keine noth- 
wendig zu durchlaufenden Stadien, es ist keine Entwickelung der einen 
Form aus der andern ; es sind blos Zustände eines Schwammes; 
aber dennoch erfordert jede nachfolgende Form das Vorhandensein einer] 
vorhergehenden. 

Die verschiedenen Formen eischeinen auch in verschiedener An-| 
zahl. Die einfache Form A ist die häufigste, seltener ist schon die Fori 
B, noch seltener und von der liegenden Form D habeich im Ganzen nujl 
3 oder 4 Exemplare gefunden. Auch diese Zahlenverhältnisse sprecheii 
füi' das vorhin Gesagte. 

Um das Verhalten der Hohlräume bei den verschiedenen Forme( 
anschaulich zu machen, habeich in Fig. 3 schematische Quer- und Längs- 
durchschnitte zusammengestellt, an welchen man dieallmählichen Ueber 
eänse sehen kann. 



ßpitifige zur Keniiliiiss der Siioiitiien I. 225 

In Fig. 3. sind 1. und i . Durchschnitlo durch die Form A. Die vcr- 
ilauende Gnvitiit ist ein einfacher Sack oime Caniile und Fhmmer- 
kammern. 3 und ■> (Fig. 3.) bilden einen Uebergang zu der complicirlen 
Form C, deren schematische Durchschnille ?, 6 und 7 darstellen. S ist 
der gemeinschaflliclie Sinus , in welchen die Caniile einmünden. Ob 
die inn(M'e Wandung aller dieser verschiedenen Hohlraumformen mit 
Flimmerj>ithel ausgekleidet isl, kann ich nicht behaupten, doch halte ich 
es für wahrscheinlich. Sicher habeich dasselbe blos bei Form A ges(>hen. 

Feinerer Bau. 

Die einfachen Formen derGuancha Fig. 1.2. A sind schöne mikro- 
skopische Objecle, da sie sehr durchsichtig sind. Ein Zusatz von wenig 
Glycerin reicht aus, um die ganze Structur zu erkennen. Schon bei 
den schwächsten Vergrösserungen unterscheidet man die sackförmige 
Höhle, die ich als verdauende Cavität erwähnt habe. Sie ist von einer 
dünnen Wandung umgeben, welche äusserlich viele Unebenheiten be- 
sitzt, indem die Schenkel der Spicula überall hervorragen. Diese sind 
daselbst von einer äusserst dünnen homogenen Hülle (Cuticula) über- 
zogen (Fig. 10. (ib). Diese dünne, die ganze Guancha äusserlich 
umkleidende Hülle, setzt sich ohne deutliche Grenze nach innen fort. 
Bei Behandlung mit Säuren tritt sie deutlicher hervor, ist aber durchaus 
kein Kunstproduct, da sie schon bei ganz frischen, blos mit Wasser be- 
handelten Exemplaren deutlich ist. Sie ist sehr dem undifferenzirten 
kernlosen Protoplasma, das man so oft bei andern Schwämmen beob- 
achtet, ähnlich und scheint von der darunterliegenden Zellenschicht 
ausgeschieden zu sein. Darunter finden sich sehr regelmässig geordnete 
Spicula, die frei zwischen den Zellen liegen. Um den Mund herum 
zeigen die Spicula eine bestimmte Anordnung, so dass sie einen zier- 
lichen Kranz bilden (Fig. 11. a). Dieser Kranz zeigt sich bei allen 
Formen der Guancha ähnlich. Die Kalkspicula sind sämmtlich drei- 
schenklig, aber von sehr verschiedener Grösse, der eine Schenkel ist 
länger als die zwei andern; der durch je zwei Schenkel gebildete Winkel 
beträgt ISO". Die Spicula sind nicht hohl, wie man beim Glühen oder 
Auflösen in schwachen Säuern leicht sehen kann. Beim Glühen be- 
konmit man oft ein Bild , welches man einer verkohlten organischen 
Grundlage zuschreiben möchte. Aber da ich diese Grundlage heim all- 
mählichen Auflösen in verdünnter Essigsäure niemals bekonunen hal)e, 
so konnte ersleres wohl eine optische Täuschung sein. Die Spicula bil- 
den bei Guancha ein zierliches Netzwerk, dessen Anoi'dnung, wie vorhin 
erwähnt, sehr regelmässig und conslant isl. Der längere Schenkel ist 

B^in.l IV. 2. 15 



226 N. Miklucho-Maelay, 

{gewöhnlich nach unten gerichtet; (Fig. 6.) die Anordnung ist bei .dien 
Formen der Guanclia dieselbe. Wie die Spicula in der Guancha ent- 
stehen, weiss ich nicht. Die verdauende Cavität ist mit Flimmerepithel 
ausgekleidet, wie man das bei gewissen Umständen sehr gut sehen 
kann. Wenn die verdauende Cavität, wie wir später sehen werden, mit 
l<>mbryonen angefüllt ist, so kann sie eine beträchtliche Ausdehnung 
erleiden, die Wandungen werden noch dünner, und man kann das in- 
nere Epithel beim Vorübergleiten der bewimperten Embryonen deutlich 
unterscheiden. Genügend dünne Durchschnitte an der zarten frischen 
Guancha sind mir nie gelungen , so dass ich die Epithelschicht nie im 
Zusammenhange beobachtet habe ; ich sah an diesen Durchschnitten 
blos die äussere Hülle, durchschnittene Spicula zwischen der innern 
Zellenschicht, und einzelne abgelöste Zellen, die wahrscheinlich von der 
Epithelschicht abstammten. In den Wandungen der Guancha findet 
sich durchaus nichts den von Lieberkühn bei Spongillen nachgewiesenen 
Wimperapparaten Analoges. Etwas, den sogenannten Einströmungs- 
öffnungen Aehnliches habe ich nur bei ein paar Exemplaren gesehen ; 
es waren sehr enge Canäle, die die äussere Hülle durchbrachen und 
sich in der mittleren Zellenschicht verloren, bis in die verdauende Ca- 
vität Hessen sich dieselben nicht verfolgen. Bei sehr vielen andern 
speciell darauf untersuchten lebenden Schwämmen Hess sich gar nichts 
derartiges auffinden. 

Durch Behandlung mit schwachen Säuren kann man sämmtliche 
Spicula entfernen, dann bekommt man ein weiches durch Behandlung 
mit Carmin sich intensiv roth färbendes sackförmiges Gebilde , an wel- 
ciicm man die zellige Structur leicht erkennen kann. Durch Entfernung 
der Spicula wird die äussere Form der Guancha gar nicht verändert. 

Ein ganz analoges Bild bekommt man bei Entfernung des Paren- 
chyms des Schwammes mittels Glühen ; man erhält schön angeordnete 
Spicula, die auch die Form des Schwammes vollkommen darstellen. 
Was ich hier über die mikroskopische Structur gesagt, gilt für alle 
Formen. 



Fortpflanzung. 

Beim Untersuchen einiger Individuen fand ich die ganze ver- 
dauende Cavität miteiner zelligen Masse angefüllt (Taf. IV. Fig. 4. e). Um 
diesen Inhalt deutlicher zu sehen, entfernte ich durch Essigsäure die 
Spicula und fand diese Masse aus Zellencomplexen (Keimkörper der 
Autoren) bestehend, die durch äusserst schwache Conturen getrennt 
waren (Fig. 5.). Einzelne Individuen derselben Gruppe waren unver- 



i 



4 

Beiträge zur Kenntiiiss der Spongien I. 227 

ändort und noch nndcrc zeigten dieselben Complexe mit einer deut- 
lichen IlüMe umgehen. Weitere Untersuchungen ergaben, dass diese 
zelligen Conglomerate kleiner werden und sich verdichten , so dass sie 
später nur einen Theil der verdauenden Cavität einnehmen. Die in- 
neren Parthien dieser Körper fiirlien sich braun und es differenzirt sich 
an ihnen eine helle ziemlich dicke äussere Schichte. Man kann diese 
Gebilde nach Ablauf dieser Differenzirung als Embryonen bezeichnen. 
Bald darauf bekommen sie lange Wimpern, vermöge deren sie in der 
verdauenden Cavität umherschwimmen (Fig. i e). Diese bewimperten 
Eml)ryonen treten durch den Mund aus und verlassen so das Mutter- 
Ihier. Die freigewordenen Embryonen (Schwärmsporen der Autoren) 
sind oval (Fig. 12), besitzen einen dunkelbraunen Inhalt und eine helle 
Corticalschicht und über dieser noch eine zarte Hülle. 

lieber die feinere Struetur dieser hellen Schicht weiss ich nicht viel zu 
sagen. Die angewandten Vergrösserungen (450) reichen nicht aus, um 
ihre Beschaffenheit zu erkennen. Sie schien mir aus sehr grossen Zellen 
zu bestehen, doch will ich das nicht behaupten. Bei leichten Druck- 
versuchen mit dem Deckgläschen zerreisst die äussere Hülle sowie die 
helle Corticalschicht und der braune, aus Zellen bestehende Inhalt tritt 
aus; in diesen ausgetretenen Zellen habe ich nie etwas einem Spiculum 
Aehnliches gefunden. An den folgenden Tagen fand ich mehrere der Em- 
bryonen am Glase ansitzend, während andere noch herumschwärmten. 
Einige der festhaftenden hatten schon einen Theil ihres Wimperkleides 
verloren und ihre äussere Gestalt war verändert. Diese Embryonen 
gingen aber im Laufe der folgenden Tage zu Grunde und da die Be- 
obachtung in die letzte Zeit unseres Aufenthaltes in Arrecife fiel, so 
musste ich die Anstellung neuer Züchtungsversuche aufgeben und darauf 
verzichten die ganze Entwicklung vom Embryo bis zur erwachsenen 
Guancha zu verfolgen. Aber schon lange vor dieser Beobachtung fand 
ich ganz junge Exemplare derselben Guancha; sie besassen noch keine 
differenzirte Mundöffnung, die auch hier, wie bei den übrigen Schwäm- 
men erst .später entsteht, so dass, obwohl mir gewiss einige Zwischen- 
stadien fehlen, ich doch, auf die positiven Beobachtungen gestützt, ein 
ideales Bild der vollständigen Entwicklungsreihe construiren kann. 

Fig. 1.3 auf Taf. lY. stellt diese Entwicklungsreihe vor. 

Von einem befruchtenden Elemente, Samenfäden, habe ich nichts 
gesehen. 

15* 



228 N. Miklncho-Maclay, 

Ge in mulabildun g bei Guancha und andern See- 
schwämm en. 

Eine andere, ebenfalls interessante Fortpflanzungsart, die ich bei 
Guancha beobachtete, ist die sogenannte Gemmulabildung, die 
auch bei anderen Seeschwämmen verbreitet ist; auf Algen, Pfählen, 
Steinen am Strande fand ich zuweilen kleine weissliche Kügelchen , die 
ich für Genimulae ansah, ohne zu wissen, dass sie der Guancha ange- 
hörten. Endlich half mir ein glücklicher Zufall. Eines Tages erbeutete 
ich eine Guanchagruppe, deren Formen mir auffielen. Ich hielt diese 
Schwämme in einem Gläschen isolirt; und fand am nächsten Tage noch 
keine wesentliche Veränderung. An den folgenden Tagen fehlte mir 
die Zeit jene Schwämme von neuem zu untersuchen , so dass ich nur 
einigemal das Wasser wechselte. Am fünften Tage fand ich zu meinem 
grossen Erstaunen die Gruppe ganz verändert. An einzelnen Stellen der 
Schwammindividuen boten sich Anschwellungen dar (Fig. 6 g) , die an 
anderen scharf abgegrenzt waren, und eine Umwandlung in Gemmulae 
wahrnehmen Hessen. Die eine derselben löste sich schon in ein paar 
Stunden ab. Sie glich vollständig den vorhin erwähnten (Fig. 7) , die 
mir bezüglich ihrer Abstammung anfänglich unbekannt waren. 

Die dünne Wandung umschloss eine aus Zellen bestehende Sub- 
stanz und einzelne Spicula des Mutterschwammes. 

Um vollkommen sicher zu sein , nahm ich eine andere Guancha- 
gruppe (Fig. 8), deren Individuen voll Embryonen waren und unter- 
warf sie demselben Versuche. In wenigen Tagen erhielt ich neue Gem- 
mulae (Fig. 9), die Individuen mit den Embryonen waren rückgebildet. 
Die Gemmulae der Guancha entwickeln sich, indem einzelne Stellen des 
Körpers anschwellen. Die Wand derselben wird an diesen Stellen dün- 
ner, durchsichtiger, die Anschwellung nimmt allmählich an Grösse zu 
und die Schwammzellen und Spicula des Schwammes gehen in diese 
sich bildende Gemmula über, die sich allmählich abschnürt. Die äussere 
Hülle der Guancha wird zur Gemmulahülle, der Inhalt des Schwanimes 
zum Gemmula-Inhalt. Aus einem Schwammindividuum geht bald eine 
Gemmula, bald gehen deren zwei hervor. 

Ich behielt die abgelösten Gemmulae bis zu meiner Abreise aus 
Arrecife, zwei Wochen ungefähr, wechselte sorgfällig das Wasser, ohne 
jedoch eine Weiterentwickelung der Gemmulae erzielen zu können. 

Das Schicksal dieser Gemmulae ist wahrscheinlich dasselbe wie das 
derGemmulae anderer Schwämme; sie treiben sich umher, bis sie gün- 
stige Gelegenheit und .Fahreszeit finden. (Dabei muss erwähnt werden, 
dass meine Beobachtuncen in den Monat Februar fielen). — Schon 



Beilrägp zur Koimliiiss der Spoiifii<'ii I. 229 

tiiiluT liiiul ich am Fuss vieler einzeln stehender Guancha Felzcn eines 
lliiiit( luMis und Spicula, diiMlor Guancha anzuyi'horcn schienen (Fii^. I 6.). 
Die ßodouluni; dieses Ihiulchens wurde mir aber erst dann klar, als ich 
diese Thatsache mil den» Vorhergehenden in Zusanmienhang brachte. 
Ich untersuchte darauf sehr viele E\emplare, bei einigen fand ich gar 
nichts derartiges, bei andern gleiche Fetzen , zwei oder drei aber be- 
sassen vollständige Häute, die am untern Ende des Stieles sassen und 
viel umfänglicher waren, als die darauf sich erhebende Guancha. Die 
Vergleichung dieser Häute mit der struclurlosen GemmulahüUe erwies 
beider Identität. Diese Beobachtungen habe ich mehrfach wiederholen 
können. So fand ich ganz einzeln vorkommende Guancha auf Algen 
an einer Uferstelle bei Puerto Naos (Lanzarote) , wo ich nach langem 
Suchen keine andere Guancha zu Gesicht bekam. Sic besassen die be- 
schriebenen Membranreste, offenbar waren sie als Gemmulae dahin ge- 
rathen. Die Genunulae sind beim Süsswasserschwanun von LiEBKRKÜiiiN 
und andern Naturforschern beobachtet und genauer untersucht worden. 
Es war zu vermuthen, dass das Vorkommen dieser Bildungen nicht blos 
auf Spongilla beschränkt sei, aber soviel ich weiss, sind Gemnmiae bei 
Seeschwämmen noch nicht constatirt worden. Da ich fast bei allen auf 
Lanzarote vorkommenden Schwämmen Gemmulae gefunden habe, so 
benutze ich diese Gelegenheit, um sowohl die grössere Verbreitung 
dieses Forlpflanzungsmodus nachzuweisen , als auch einiges über die 
Verschiedenheit in ihrem Vorkommen milzulheilen. Die Gemmulae 
fanden sich bei Kalk-, Kiesel- und Hornschwämmen. Man trifft dieselben 
bald imParenchym des alten Schwammes (Fig. 18), bald frei vom Wasser 
gi'trieben oder an fremde Gegenstände befestigt. Die Gemnmiae ent- 
stehen bei Hornschwämmen im Innern des Schwammkörpers , indem 
sich an einzelnen Stellen Anhäufungen von Zellen bilden. Diese umgeben 
sich mit einer Hülle und bleiben in diesem Zustande, bis mechanische 
Einwirkung des Wassers die sie umschliessenden, allmählich abster- 
benden Theile des Mutlerschwammes entfernt und sie auf diese Weise 
befreit. Die Genunulae der Hornschwänune zeigen einen Zusammen- 
hang mit dem Gei'üste, indem Verästelungen desselben in dicGemnmla 
hineinragen (Fig. 18a). So sieht man beim Abslerben des Schwammes 
oft grössere Massen des Gerüstes mit den daran sitzenden Gemmulae. 
Dieser Zusammenhang persistiit aber nicht lange; das llorngerüst wird 
durch das strömende Wasser zerbröckelt und die einzelnen Gemmulae 
werden frei. Vom alten Gerüst bleiben noch llockenartige Reste als 
Anhänge (Fig. 19a) an der Gemmula übrig, womitsich diese sehr leicht an 
llolzslückchen anhängen und mit denselben weile Wanderungen machen 
können. DieGenunulae dieser Schwämme sind helle oder dunkelbraune 



230 N- Miklucho-Maclay, 

Kugeln von vorschirdener Grösse (1 — 2 Mm.), diese ist sogar am selben 
Schwämme sehr wechselnd. Die Hülle ist dünn , stark lichtl)rechendj 
in Kali nur beim Kochen löslich und l>ietet auch der Einwirkung von 
Säuren viel Widerstand dar. 

Dieses Verhalten scheint aber je nach dem Alter der Gemmula ver- 
schieden zusein; Hüllen älterer Gemmulae sind am schwersten löslich. 
Somit bietet diese Membian ähnhche Veränderungen wie Chilinmem- 
branen dar. Von Kiesel- oder Kalkeinlagerungen in der Hülle, etwas 
dem Amphidisken Aehnlichem habe ich keine Spur gefunden. Ein Po- 
rus fand sich nur bei einem Kalkschwanun, Nardoa canariensis mihi '), 
wo der Inhalt beim Aufdrücken mit dem Deckgläschen nur an einer 
bestinunten Stelle hervortrat. Bei allen andern zerriss auch beim leisesten 
Aufdrücken die ganze Hülle. 

Es besteht durchaus kein wesentlicher Unterschied zwischen dem 
Inhalte der Genunula und dem Parcnchyra desselben Schwammes , es 
sind dieselben Zellen, dieselben Spicula. In der Genmiula eines llorn- 
schwammes habe ich ziemlich grosse concrementartige Bildungen ge- 
troffen, die in Säure sich nicht lösten, nur bei Behandlung mit Kali eine 
deutliche concentrische Schichtung zeigten. ObsiedemSchwanun ange- 
hören oder fremde Bildungen sind, habe ich nicht ermitteln können. 

Vorkommen der Guancha und Stellung im Systeme. 

Die Zeit meiner Untersuchungen fiel in den Februar. Der Fundort 
der Guancha blanca waren die Riffe am Fort vor dem Puerto del Arre- 
cife auf der Insel Lanzarote. An andern Stellen hal>e ich sie zwar ge- 
sucht, aber nicht gefunden, mit Ausnahme zweier vereinzelter Guancha 
in Puerto Naos. 



1) Es fanden sich bei Arrecife ausser den beschriebenen noch drei Kalk- 
schwänime, deren kurze Beschreibung ich hier anreihen will. Diese Schwäninie 
bilden ein mit Lücken durchbrochenes Polster, besitzen eine oder mehrere Mund- 
öfTnungen , die in einen Complex von Canälen führen; sämmtliche Spicula sind 
dreistrahlig , die Schwämme zeigen einen übereinstimmenden Bau und unter- 
scheiden sich von einander nur durch ihre Farbe, die bei den einzelnen sehr constant 
ist. Der eine Schwamm ist weiss, der andere mennigroth, der dritte schwelelgelb. 
Die Farben, die am lebenden Schwamm sehr schön sind, verschwinden in Spiritus. 
Die Schwämme färben sich braun und sind in diesem Zustande kaum zu unter- 
scheiden, sowie auch die Spicula nur sehr wenig von einander verschieden sind. 
Diese drei Schwämme passen am besten in die vonO. Schmidt aufgestellte Gattung 
Nardoa und ich nenne sie nach Fundort und Farbe N. canariensis, N. rubra und 
N. sulphurea. Gemmulae habe ich bei den zwei letzteren nicht gefunden. 



Ri'ili'iijii' L\u kcimliiiss (In v^|miiiüH'ii I. 2H1 

Auf meiner Rückreise nach Europa habe icli nicIuCacli die Strand- 
.siiuino der nordalVikanischen Küste (l)oi Mogadoi- und Massagan) unlor- 
suclil und Tand zirndiili viele Scliwiimnie, zum Theil solche die auf den 
canarischen Insehi meines Wissens nicht vorkonmien ; die (Juancha 
fehlte jedocii hier. Audi mein Suchen am Strande der Hai von Alt^esiias 
hei Gihialtar war fruchtlos. In Arrecife aher ist die Guancha durchaus 
keine Seltenheit. Sie sitzt gruppenweise, die veischiedenen Foiinen 
lieisanunen, an Steinen, die gewöhnlich beiKbhe lrock(>n gelegt werden. 

Das ist ungefähr Alles, was ich über die schone Guancha blanca 
zu sagen habe. Ich weiss wohl . dass meine Beobachtungen Vieles zu 
wünschen übrig lassen, aber diese Untersuchungen falhui in die letzten 
Tage desAufenthalles auf den canarischen Inseln, sodass ich Vieles nicht 
bei'ücksichligen konnte. 

Bevor ich zur systematischen Stellung der Guancha blanca über- 
gehe, will ich über diejetzt bestehende Classification der Kalkschwänmie 
einige Worte sagen. 

DerGattungsnameGra n tia ist für sämmtliche Kalkschwämme von 
Flemming 1 82S aufgestellt. Liebekküiin trennte davon Sycon; er J)elegte 
mit diesem Namen alle cylindrischen mehr oder weniger regelmässigen 
Kalkschwämme, im Gegensatz zu den formlosen und mit Lücken durch- 
brociienen, für die er den Namen Grantia beibehielt. 

BowERBANK theilto dann die Syconen in den eigentlichen Sycon und 
in die D un s ter villia ; 0. Schmidt stellte die Gattungen Ute und 
Nardoa auf: 

NachO. ScuMmr zerfallen die Kalkschwämme in folgende Gattungen : 

I. Gattung Sycon Ldk. Körper spindelförmig, eine grosse 
Centralhöhle enthaltend. Um die AusströmungsöfTnung ein 
Kranz grosser Nadeln. 

■2. Gattung Dunster villia Luk. Den Syconen ganz ähnlich, 
Oberfläche getäfelt. 

3. Gattung Ute Sdt. Schlaffe Wandungen , geräumige Central- 
höhle ohne Nadelkranz. 

i. Gattung Gran tia Lbk. Körper unregelraässig, verästelt, Zahl 
der Ausströmungsöffnungen unbestimmt, Nadelkranz fehlt, 
Wandungen solid. 

ö. Gattung Nardoa Sdl. Körper unregelmässig, Wandungen 
sind zart, die Canäle münden in eine Centralhöhle i) . 

Meine Guancha besitzt Formen, die nach den Autoren für ver- 
schiedene Gattungen gelten können, da sie zugleich Ute (Form A) und 



1) Ose Schmidt, Sp. «I. Adiiat. Meeres S. IS— 19. 



232 N. Mikliiclio-Mcaclay, 

» 
Nardoa ist (FormD , iiiul noch eine FormC. besilzl, die vielleicht auch, 
einzehi gefunden und untersucht, als Gattung aufgestellt werden könnte. 
Dieses Verhalten war der Grund, weshali) ich für den untersuchten 
Schwamm einen nicht gebrauchten Namen wählte. Ich überlasse einem 
mehr in Systematik Bewanderten, die Guancha zu classificiren, glaube 
aber dass solches ohne Aenderung der l)ei der Systematik der Spongien 
angewandten Principien nicht geschehen könne. Statt dessen wende ich 
mich jetzt noch zu einigen allgemeineren zoologischen Betrachtungen 
über die Natur der Schwämme. 



II. lieber den coelenterischen Apparat der Schwämme. 

Der für wesentlich geltende anatomische Charakter derSchwänune, 
dass das Wasser durch besondere verscliliessbare mikroskopische OefT- 
nungen aufgenommen, dann in den Canälen dcsSchwammes durch die 
sogenannten Wimperorgane hindurch getrieben wird und wieder durch 
besondere Ausströmungsöffnungen (Schornsteine) den Schwamm ver- 
lässt, ist durchaus nicht so allgemein , wie man bis jetzt anzunehmen 
pflegte. Es waren die Untersuchungen von Grant und Lieberkühn, die 
den Grund zu dieser Anschauung legten, die auch mit verschiedenen, 
aber nicht wesentlichen Modificationen von Bowerbank, 0. ScHMmx und 
anderen Spongiologen angenommen ist. Der dieser Mittheilung gegebene 
Raum erlaubt mir nicht, auf alle diese Verschiedenheiten einzugehen. 
Ich will blos bemerken, dass einige Umstände gegen diese so verbrei- 
tete Anschauung sprechen. Während meines Aufenthaltes auf den ca- 
narischen Inseln hatte ich Gelegenheit, ziemlich viele Seeschwämme zu 
sehen und lebend zu beobachten. Dabei ist es mir gelungen, bei vielen 
der Schwämme zusehen, dass durch die Ausströmungsöffnungen Wasser 
nicht nur ausströmt, sondern auch einströmt. Das Aus- 
strömen des Wassers ist an den SchvYämmen weit leichter zu beobach- 
ten, als das Einströmen. Der hauptsächliche Grund liegt in den Um- 
ständen, unter welchen die Beobachtung angestellt wird. Denn es ist 
sehr schwierig, Momente (Licht, Wellenbewegung des Wassers etc.; 
zu beseitigen, die als Reize auf den Schwamm wirken, auf welche der- 
selbe reagirt, indem er sich zusammenzieht und das Wasser ausströmen 
lässt. Bei längerer Beobachtung gelingt es unzweifelhaft; auch das Ein- 
strömen zu beobachten. Es wäre demnach die Scliornsteinöffnung, 
nicht blos A us ström ungs-, sondern auch Einströmungsöff- 
n u n g. 

Damit will ich durchaus nicht sagen, dass andere Forscher v\ie 
Grant , Lieberkühn etc. falsch beobachtet haben : alles was dieselben 



BeitiäjiP iiir Kciintuiss der S|Kmiiii'n I. 233 

i!;eselioii luibon, habe ich auch an den von mir IjcohachtclenSchwänunon 
profunden. Violleicht lie|j;l es nur an den untersuchten Objecten , dass 
CS mir ij;clani; nieiir zu sehen, als die ol)ent;enannlen NaUiriorsclK^r. 
Es ist aucli müj;licii, dass dießehauptuni^, dass die Schwanuiiüllnungen 
zu verschiedenen Functionen diilerenziit seien, ])ei manchen Schwäm- 
men ganz l)erechtigt ist. Aber dieseTheorie derCirculation «les Wassers 
wiire für andere Spongicn volil%.ommen unhaltbar. Bei meiner Guancha 
z. H. finden sich weder Einstromungsoffnungen noch Wimi)era|)[)aiate. 
Die ganze Höhlung besteht aus einem sackförmigen Gebilde, in welches 
Wasser durch die Mundöllnung sowohl aufgenommen als ausgestossen 
wird, ganz nach Art des Verdauungsapparats bei Coelentei'alen. 

Viel natürlicher erscheint es mir, die liohlraumverhaltnisse der 
Schwänune von einem allgemeineren Standpunete zu betrachten und 
zu beurlheilen. Wenn wir die allmähliche Entwickelung der Ernährungs- 
organe in der Thierreihe verfolgen, so finden wir eine Reihe von Diü'e- 
renzirungen. Bei vielen Thieren geschieht die Nahrungsaufnahme durch 
die ganze Körperoberfläche (Gregarinen, Cestoden). Diese Form der 
Ernährung (Endosmose) findet sich auch im Pflanzenreiche. Die Auf- 
nahme fester Stolle in den Körper findet also nicht sogleich durch eine 
Mundöfl'nung, die in die verdauende Höhle führt, statt, sondern gleich- 
sam als Uebergang hierzu ist in einer Abtheilung von Thieren (deuRhi- 
zopoden) der gesanunte Körper zur Nahrungsaufnahme dienend, indem 
jede Stelle der Oberfläche als Mund, jede Stelle des Innern als Magen 
zu fungiren im Stande ist. Auf einer höheren Bildungsstufe treffen wir 
dann den Verdauungsapparat durch eine im Körper befindliche Gavität 
vorgestellt, die durch eine Mundöflnung nach aussen führt (Goelenteraten, 
viele Würnier) . Bei den Schwämmen finden wir Verhältnisse , die als 
Uebergänge zwischen den Einrichtungen derRhizopoden und denen der 
viel höher stehenden Goelenteraten angesehen werden können. Es be- 
stehen nämlich bei einigen Schw ämmen mehrere OefTnungen , die zur 
Nahrungsaufnahme dienen können, die sich aber von den F'inrichtungen 
der Rhizopoden unterscheiden, indem sie eine constantere Bildung re- 
präsentireu (Localisirung der Function). Bei andern Schwämmen be- 
merkt man schon eine Gentralisation , indem sich eine oder mehrere 
Oellnungen besonders ausbilden. Diese Diflerenzirung geht weiter, bis 
sie endlich zur Bildung einer grossen Mundöflnung führt, die zugleich 
auch After ist und die in eine weite einfache oder complicirte verdauende 
Cavitiil führt ^bei unserm Kalkschwamm, bei Hydra u. a.). Diese Ein- 
richtungen schliessen sich unmittelbar an die höhere Bildungsstufe des 
Verdauungsapparals der Goelenteraten. 

Auf das Vorhergehende mich stützend, betrachte ich den cölente- 



234 N. Mikhiilio-Miidiiy, 

i'ischen Apptiial der Schwämme als eine zwar noch iiKlinorcnlere, aber 
mit dorn Gastiovascularapparat dcrCoelcnloraUn homologe Bildunti, die 
hei den letzleren nur vveilei- diüercnzii't isl. 

Die weitere Üifierenzirung der verdauenden Cavität hei donCoelen- 
teraten führt zum Auftreten von Antiineren, die aber, wie ich später 
mittheilen werde, auch manchen Schwünnncn zukonunen. 

Ausser der.Mundöifnung comujunicii't der coelenterische Api)arat 
mancher Schwämme durch Canäle unmittelbar nach Aussen, bei einigen, 
wie bei der Guancha und andern, fehlen sie. Diese Bildung wird all- 
mählich ganz rudimentär, verliert damit ihre Bedeutung, findet sich aber 
noch bei einigen Goelenteraten, wo sie später ganz verschwindet, indem 
eine völlig abgeschlossene Leibeshöhle besteht. Diese Auffassung des 
coelenteiischen Apparats der Schwämme scheint mir die Erscheinungen 
jener Einrichtung auf die ungezwungenste Weise zu erklären. Sie 
verbindet zugleich einfachere Zustände mit complicirteren, und führt 
von dem bei ersteren herrschenden Wechsel vollen Verhalten zu dem 
scheinbar einen abgeschlossenen Typus re[)räsentirenden Verhalten tier 
Goelenteraten hin. 

Wie aus dem von mir Vorgebrachten ersehen werden kann, bietet 
die Structur der Schwiunme viel mehr Mannigfaltigkeit, als man bisher 
annehmen mochte. 

Man hatte irrthümlicherweise Vorstellungen, die aus den blos bei 
einigen Arten constatirten Thatsachen gewonnen waren, auf die ganze 
Abtheilung übertragen. 

Ich selbst habe zwar zu wenig Schwämme untersucht, um über 
alle bei den Spongien bestehenden Verhältnisse der Structur und der 
Lebenserscheinungen ein Urtheil abgeben zu können, allein ich darf 
glauben, dass das von der Guancha mitgetheilte das Ungenügende der 
bisherigen Auffassung der Spongien darthut. Namentlich liegt in der 
Bildung des coelenterischen Apparates und seiner Entstehungsweise bei 
den complicirteren Formen ein jene Auffassung umgestaltendes Moment. 
Wenn ich hienach auch die übrigen Spongien l)eurtheilen möchte, so 
Lhue ich dies jedoch nur hypothetisch. Diese Hypothese erscheint mir 
aber gerechtfertigt, da sie einmal auf Thatsachen sich stützt, und dann 
ganze Bcihen sonst unerklärlicher Formerscheinungen in Zusamn)enhang 
bringt. 

III. Ucber die Stockbildung der Schwämme. 

Die Guancha blanca ist für die Frage der Stockbildung nicht nur 
bei den Schwämmen, sondern auch im Allgemeinen von Interesse. Wir 



Beiträge zur kcniitiass dor Sjioiigicn l. 235 

luibeii gesehen, wie aus ineliieren discretcn Schwiuiiiiiiiuli\iduen (IVr- 
sonen) seliliesslich sich ein Stock bilden kann. Die Entstehung des 
Stockes gesdiiehl durch Verwachsen. Dieser l*rücess ist besonders als 
Moment iür Entstehung der Stöcke von Interesse, bis jetzt nahm man 
an, (.lass tlie Cormen oder Stöcke i-nlstehen durch »unvollständige 
Spaltung der Personen und zwar ist diese Spaltung alleimeistens 
Knospenbildung, viel seltener Theilung.a ') 

Guancha l)lanca ist ein Beispiel von Stockl)ildung durch Ver- 
wachsung oder G o n er e s CO n z. Diese beiden Arten von Stockbil- 
tlung sind wesentlich verschieden: während bei der ersten Form (Spal- 
tung der I-ei'sonen) die einzelnen Individuen fünlteiOidnung nach Haeckkl 
sich nicht volkitändig entwickeln, und einseitig diü'erenziren, so ver- 
schmelzen bei der zweiten Form die früher vollständig getrennten 
und ausgebildeten Peisonen zu einem Stocke. Im letzten Falle 
gehen die einzelnen Individuen eine wirk liehe Rückbildung ein, 
während bei Stockbildung durch Spaltung, wo die Individuen ihre voll- 
ständige Entwickelung nicht erreichen, von einer wahren Rückbildung 
nicht die Rede sein kann. 

Die Slockbildung stimmt mit der Individualitätstheorie der 
Schwämme von Ose. Schmidt nicht ganz überein. Diesem Autor zufolge 
kommt einem jeden Schwammindividuum eine Ausstronmngsöffnung 
^Mund) zu, und mithin hätte ein Stock soviel Ausströnmngsöffnungen, 
wie die Zahl der Individuen betrüge, aus denen er besteht. Stöcke der 
Guancha (Fig. 1. 2. G.), die aus vielen Individuen bestehen, besitzen 
gewöhnlich eine Mundöffnung, selten zwei oder drei. So Vieles auch 
die Theorie Schmidt's für sich hat, so ist doch die Individualitätsfrage 
bei den Schwämmen dadurch nicht vollständig erledigt und erwartet 
erst durch Ausdehnung der Untersuchungen eine befriedigendere 
Lüsunt:. 



IV. lieber die Stellimg der Schwämme iu der Thierreihe. 

Es erscheint vielleicht nicht überflüssig, hieran noch einige Worte 
über die Stellung der Schwämme zu den übrigen Ti;ierformen zu 
knüpfen. Die Schwämme unterlagen einem grossen Wechsel im Bezug 
auf die Glassiücation; so rechnete sieLiisNfi zu denThiercn, Blumenbac», 
Oke!v, Bl'rmeister u. A. zu den Pflanzen, LiEUERKiJUNaber erkannte wieder 
ihre thierischc Natur. 

Die Schwämme alsThiereaufgefasst, wurden bald zu den Protozoon, 



4) Haeckel, Generelle Morphologie: Ontogenie d. Stöcke Jl, 14511" 



2;i6 N. Mikluclio-iMiiclay, 

bald zu den Coelenteraten gerechnet; von Huxlev, Carter, Ferty u. A. 
winden sie für Rliizopoden erklärt, Haeckel l)elont auch ihre nahe Bezie- 
hung zu den Rhizopoden. Leuckart endhch stellte die Schwämme zu 
den Coelenteraten und unterschied sie als Poriferen von den übrigen. 
Ich werde auf alle diese verschiedenen Auffassungen nicht specialer 
eingehen und will blos die Schlüsse, zu denen mich meine Unter- 
suchungen geführt haben, mittheilen. Wenn auch R, Leuckart die nahe 
Verwandtschaft, die jene Thiere mit den Coelenteraten verbindet, er- 
kannt hat, so hat er doch meines Wissens unterlassen genügende Be- 
weise für seine Auflassung beizubringen. Es war wesentlich nur das 
Canalsystem, welches er mit dem Gastrovascularsystem der Coelenteraten 
vcrghch. Ein complicirtes Canalsystem fehlt aber vielen Coelenteraten 
und eine einfache verdauende Cavität kommt ebenso in anderen Abthei- 
lungen vor. Sehr viele Momente jedoch, sowohl anatomische als Lebens- 
erscheinungen deuten auf diese Verwandtschaft. Die allmähliche Diflc- 
renzirung der verdauenden Cavität, das Auftreten der Antimeren '), die 
enjbryonalen Zustände und Entwickelungsformen^j, die verschiedenen 
Vermehrungsarten (Auftreten geschlechtlicher neben der ungeschlecht- 
lichen Fortpflanzung), ja sogar das Absterben''), besonders aber die Di f- 
ferenzirungsreihe des coelenterischen Apparates und die Betrachtung 
fossiler Formen (Petrospongien) haben mich zu der Ansicht geführt, dass 
die S c h w ä m m e u n d C e 1 e n t e r a t e n A b k ö m m 1 i n g e d e r s e 1 b e n 
Grundform sind, und dass die Aehnlichkeit der beiden Gruppen 
nicht blos Analogie ist, sondern auf einer tiefern Verwandtschaft, auf 
Homologie, beruhet. Die viel geringere histologische Difl"erenzirung (ob- 
wohl in letzter Zeil auch bei Schwämmen contractiles faseriges Gewebe 
(Muskeln?) von 0. ScHMmx und Kölliker nachgewiesen ist *), die ver- 
breRete Verschmelzungsfähigkeit (die aber auch bei Coelenteraten vor- 



1) Um sich zu überzeugen, dass Anlinieien liei den ypoiii^ien uiitireleii, be- 
trachte man J)los die Mundofrnun,^cn von Axinclia polypuiiies in dem Werke von 
0. Schmidt (Sponi'jcn des Adrial. Meeres, Tal'. VI. Fi-'. 4) oder mache einen Quer- 
schnitt durch einen .Sycon. Nicht minder bieten die fossilen Formen zahlreiche 
Jielspiele dieses Auftretens, Coeloptychium lohatum, Siphonia coslala und manche 
andere. 

2) Alles was man über Entwickelung der Anthuzoen kennt, stimmt vollkommen 
mit dieser Ansicht überein. 

3) Das Wachslhum vieler Schwämme geschiehl, wie ich beobachtet habe, 
durch Entwickelung immer neuer Schichten auf den untein abgestorbenen, ganz 
ähnhch wie bei Ivoraüenstocken. 

4) Interessant ist , dass diese contractilen Fasern bei ychvvüinmen besonders 
deutlich um die Mundoll'nung gelagert sind, analog dem Verhalten vieler Coelen- 
teraten (Alcyonium, Veretillum etc.). 



Roitraffp 7,nr Konntniss dor Spnnüion I. 237 

koimiit '), die nicht so doiillich ausgesprochene Individualität, besonders 
aber l\ov niedoro Di f forenzi run gsgra d d(M' Govvobo (Fohlen 
der Nessoikapsebi) sind Momonlo , wodurch die Coclentoraton über die 
Spongien sich erhoben. Trotz alledem wenn man das pro und conira 
genügend l^erücksichtigot, kommt man zu dor Ansicht, dass die 
Schwämme nur als indifferentere Zustände derCoelenteraton, oder um- 
gekehrt, die Coolenteraten als differenzirtere Schwämme betrachtet wer- 
den können 2) und ich bin überzeugt, dass diese Verwandtschaft um 
so klarer hervortreten wird, je weiter wir in der Erkenntniss der Or- 
ganisation der Spongien fortschreiten''). 

Meine Ansicht über die Verwandtschaft der jetzt lebenden 
Scln\ämmo mit den Coelenteraten lässt sich in dem folgenden Satze zu- 
sanmienfassen : Die j etzt lebenden Schwämme und Coelente- 
raten sind aus gemeinschaftlichen Grundformen ent- 
standen, wobei a])or die ersteren eine viel niedere Dif- 
ferenz i r u n g o i n g o g a n g e n s i n d und z u m T h e i 1 sich r ü c k - 
g (> 1) i 1 d 1 h a b n . D i e P o 1 1' o s p o n g i e n stehen viel n ä h e i' der 
G r und f o r m u n d bilden den U e b e r g a n g zu d e n j e t z t 1 e b e n - 
den d e r A u l s p n g i n. 



^) IIafckel, Gen. Morph. 1. p. i47. I-acaze Duthiers in seiner Hisl. <hi r.oraii 
p. 94 f'ilirl ;uirh ein schönes Beispiel des Verwachsens hei Anlhozoen. 

2; Um niclit missvoislanden zu werden, und um die Ver\vandlscl)afl der 
Sehwiimnie zu den Coelenteraten näher zu erläutern, muss ich bemerken, dass die 
Anlhozoen es sind, die sich zunächst den Schwämmen anschliessen. Der Gaslro- 
vascular-.\pparat, der bei den Korallen hoher «lifTerenzirl ist, besitzt aberdurcliaus an 
sich Nichts so Charakteristisches, dass dadurch eine Trennung desselben von dem 
bei den Schwämmen vorkommenden Hohlraumsyslem berechtigt wäre. Auch die 
Enlwickekmi^ tler Anlhozoen bestätigt diese nahen Beziehungen. Die Korallen ent- 
wickeln sicli ans bewimperten Embryonen, ilie, nachdem sie sich festgesetzt haben, 
mit einer einfachen Magenhöhle verseben sind. Erst später differenzirt sich die 
einfache verdauende Cavitäl durch Entwickelung der Septa etc. in das Gastrovas- 
cularsystem. Die jungen Anlhozoen besitzen keine Tentakeln , die erst nach der 
Differenzirung der Antimeren hervorknospen. Bei anderen, so Anlipatbes, bleiben 
sie stets rudimentär und l)ilden nur niedrige die iMundöfTnung umstehende Tnber- 
cula. — Eine ganz analoire Reihenfolge in der Entwickelung findet sieb bei dci- Bil- 
dung der Korallenslücke duich Knospen. (S. Lacaze Dutuieks Le Cornil 11 95 um! 
153—201 etc. 

3) Ich hoffe nächstens neue Bewei.se zu Gunsten dieser Auffassung mittheden 
zu können. 



238 N. Miklucbo-Maclay, 

Jotzl lebende Coelenteraten 



Jetzt lebende 
.Sehwüriinie 



« Pefpo«pongien 



Gemeinschaftlicher St:\:iiin. 

Das Wort «rückgebiidel« ist noch zu erUiulcrn. Wenn man die jetzt 
lebenden Schwänune mit den fossilen veraleichl, so findet man eine 
gewisse Verschiedenheit, die sogar so bedeutend ist, dass von manchen 
Autoren (Hakckel) i) die Petrospongien von den Autospongien getrennt 
worden sind. Aber einige Thatsachen, die mir im vorigen Jahre bei 
Durchmusterung der reichen Gollection fossiler Schwämme des Berliner 
Museums, und später der Museen zu Kopenhagen, Stockholm und Pe- 
tersburg aufgefallen waren , können eine andere Meinung begründen. 
Es fand sich nämlich : Eine vollkommene lieb ercinstimmun g 
vieler fossilen Schwammformen mit den jetzt lebenden Spongien, die 
mir gegen die Trennung der Autospongien von den Petrospongien Be- 
denken erregte. Es giebt fossile Schwämme , welche der vorhin be- 
schriebenen Form C der Guancha sehr ähnlich sind, z. B. Siphonia pi- 
riformis. Nach einem Durchschnitt von Siphonia praemorsa zu urtheilen, 
gelangt man durch die MundöfTnung, die hier einen radial zerklüfteten 
Rand besitzt, in einen Si us , in den Canäle einzumünden scheinen, 
man bekommt ein, demFig. 3. 2. gegebenen Schema sehr ähnliches Bild. 
Ein Paar solcher Durchschnitte finden sich im Berliner Museum. 

Jedenfalls geht aus den liier angeführten und einigen anderen That- 



i) Gen Morph II p XXX. 



Roitniiio zur Koiiiilniss ilcr Spniitpicii I. 239 

saclion so viol hervor, dnss die Konnlniss und Vi r!j;l('i(lMini; der hislicr 
sehr vornacliliissi^tcn fossilen Sclnviirnme (Peli-osponsiien) für das Vor- 
sUindniss der lebenden Sclnvänune (Aulospongien) und ihrer nahen 
Verwandtschaftsbeziehungen zudenCoelenteraten von hoher Wicliligkeit 
ist. Wenn einerseits die Spongien sich durch ihre mannigfachen Be- 
ziehungen zu (h^n Rhizopoden (z. B. die Skelctbihlung, die niedere 
Stufe der histologischen Ausbildung) den Protisten anschliessen, 
so sind dieselben doch andererseits nicht von den Coelenteraten 
scharf zu trennen. Die Stellung (1er Spongien im Systeme dürfte am 
besten dadurch ausgedrückt werden, dass man sie nach I.euckart als 
die niederste Stufe der Coelenteraten betrachtet, da ausser der hislolo- 
gisehen DilVerenzirung alle charakteristischen Merkmale dei' Ix^idcn 
Thiergruppen gemeinschaftliche sind. 



Erldärung der Abbildungen. 

Taf. IV. 

l-i^ 1. tlauplformcn der Guancha hlanca Mcl., sehr vertjrosscrt. 

A. Dio einfaclie Form. 

B. C. D. Durch Verwachsung und Knospcnbildunj: entstandene Fonnen des- 

scll)cn Schwammes. 

in. MundüfTnuns. 

/. Lücken. 

k. Neue durch KnospcnbUdung cnlslandcne Indiviiluen. 

s. Stiel. 
Fiii. i Reihe von Uebergangsfornien, sehr vergrüsserl. 
\. Form B. 
ä. Exemplar, an welchem man den Verwachsungsprocess deutlich sehen 

kann. Die verdaucndcnCavitälen zum Theil vereinigt, li e Muiuiütrnun.'ien 

nur getrennt. 

V Verwachsungsstolle durch dickere Wandung au-^gezeichnet. 
H Analoges Verhalten, gemeinvchaftlichc verdauende Cavilät und 3 Mund- 

ülTnungen. * 

/». Form G. mit 2 Mundöffnungen. 

5. Form G. mit 1 Mundöffnung, auf 2 Stielen sitzend. 

6. 7. Formen D. 

m. l. s. Dieselhe Bezeichnung wie Fig. 1. 
Fig 3. Schema der verdauenden Cavität der Guancha-Fornien. 
1. 2. i. Längs-, 4. 5. 6. 7. Querdurchschnitte. 

1. u. 4. Längs- und Querdurchschnitt durch Form A. 

2. Längsdurchschnilt durch Form G. 

G. 7. Querdurciischnilte durch dieselbe Form aber in verschiedenen Ebenen, 
G. im obern Drittheil, wo man das Verhältnis.«; di^s.'^inus ."i deuHich sehen 
kann; 7. Duridischnitt im untern Drittheil. 

3. 5. Durchschnitte durch die Gruppe 2, Fig. 2. 

(j Wandung. 

b V(Mdauende Gavilat. 



240 N. Mikliiclio-Maclay, Beitrage zur Keiintnlss der Spongien I. 

m. MundüfTnunc;. 
c. Stiel. 
5. Sinus. 

Fig. 4. Guancha-Gruppe der Form A. Die 3 Individuen der Gruppe enlliallon Em- 
iiryonon in verschiedenen Stadien der Entwickelung. e Zeilencompiexe 
durch einfache Gontiiren von einander getrennt, noch keine Wimpern zei- 
gend, e' Embryonen mit einer deutlichen Grenzschicht, wimperlos. e" Be- 
wimperter Embryo in der verdauenden Cavität des Multerthieres herum- 
schwärmend, welche er eini.!;e Tage nach der Bewimperung verliisst. Die 
Spicula in dieser Gruppe sind durch Essigsäure entfernt, um das Innre des 
Schwamraes deutlich zu sehen /(. Hülle, s. Stiel, m. MundölTnung. 

Fig. 5. Zellen-Conglomcrat (Keimkörper der Autoren bei 4f)0 Vergr.) 
h. Aeussere Wandung des Mullerthieres. 

Fig. 6. Guancha-Gruppe mit Gemmulabildung, 
g. Gemmula. 

Fig. 7. Eine abgelöste junge Gemmula. 
k. Hülle, i. Zellen, c. Spiculum. 

Fig. 8. Guancha-Gruppe vor der Gemmulabildung. 
a. mit Embryonen gefülltes Individuum. 

Fig. 9. Die in Fig. 8. dargestellte Guanchagruppc in Gemmulabildung bei^ritlon. 
Das mit Embryonen erfüllte Individuum a. Isl allniiihlicl! vcrkiimmcil. 

Taf. V. 

Fig 10. Slück der Form A. bei Vergrösscrung von 2."iO 

a. Kranz um die MundöfTuung, eine regelmiissige An.irduung zeigend. 

b. Dünwe homogene Hülle, die Aussenflache uinklcidend (Guticula). 

c. Zellen, zwischen welchen die Spicula si(;li linden. 

Fig. 11. Stück der Form G, dieselbe Vergrösscrung wie Fig. 10. l. Lücke, übrige 

Bezeichnung wie Fig. 5. 
Fit'. 12. Durchschnitt durch den Sinus der Form C, um das Verhältniss zu den 

Mundörfnungen und Canalen zu bezeichnen (120 Vergr.). 

a. Mundöllnung. ü. Spiculakranz. c. Durchschnittene Wandungen, d Si- 
nus, e. Einmündende Canäle. 
Fig. 13. u. 14. Zvrei Embryonen. 

a. Dunkelbraune Gentialmasse. 

b. Aeussere hellere Schicht, 

c. Structurlose Hülle, lange Wimpern tragend. 
Fig. 1."). Schcmn der Entwicklungsstadien deY Guancha. 

Fig. 16. Guancha-Individuum , an dessen Stiel noch die structurlose Gemmula- 

Memluan befestigt ist. 
Fig 17. Stiel einer Guancha bei etwas släikerer Vergrösscrung. 

h Hiille. b. Schwaniiuzellen. a. Spicula 
Fig. 18. Ein sehr häufig im atlantischen Ocean vorkommender gelbei Hornschwamm, 

Nal. Gr. 

a. Hornskelct mit dev an ihm sitzenden Gemmnia g 

b. Durchschnitt eines sogenannten Schornsteins. 

c. Verdauende Cavität. 
g. Gemmul.ie. 

Fig. 19. Zwei Gemmulae desselben Schwammes (vergrossert) 

a. Stücke des Horngerüstes von) Multerschwamrne. 
Fig. "20. Inhalt derselben Goinmula bei 400 Ver!.i\ 

a. Gemmuia-Hülle. b. Stdiwammzeilen. c. Spicula. 
Fast sämii»tli( he Zeichnungen sind nnl der i'.ameia 1 ucida :iusgeführt. 



TelxT iWv Eliunii'kiiiiu: dvs Actiieriiafroiis üiif (li<' Actlior M'iii^rr 

kolileiistoUsiiiirr». 



Von 

A. Geuther. 



Zur Enlscheidung der Frage, auf wolcho Weise die von Frankland 
und DipPA beobachtete Bilduna; der Aetliylessigsiiure, Diiithylessigsäure 
und Diiitiiyidiacetsaure aus der Aelhyldiacetsäure vor sich ginge, schien 
es nur wünschensvverlh die Einwirkung von Aethernatron zusammen 
mit Essigäther auf den Aethyldiacetsäureäther zu studiren^). Ich 
glaubte am besten meinen Zweck zu erreichen, wenn ich mich zu diesen 
Versuchen der von Betlstein^) vermullieten Verbindung des Essigäthers 
und Aethernatrons (zu gleichen Mischungsgewichten) bedienen würde 
und habe dessw^egen diese darzustellen versucht. Das abweichende 
Resultat, zu dem ich hierbei gelangt bin, war Veranlassung auch die 
weiteren hier mitzutheilenden Versuche auszuführen. 

Der zu der Darstellung von Aethernatron verwandte Alkohol war 
jedesmal unmittelbar vorher durch Rectification von absolutem Alkohol 
id)er Natrium erhalten und sofort in dasGefäss destillirt worden, worin 
gleich darauf die Darstellung des Aethernatrons und dessen Einwirkung 
auf die belreffenden Aether vorgenommen wurde. Dieses Gefäss war 
mit einem doppelt durchbohrten Kork verschlossen, der ein gerades 
längeres und ein kürzeres knieförmig gebogenes Rohr Irug. Das Erstere, 
welches l)is in die Mitte des Gefässes nMchle, wurde mit der Spitze des 
den Alkohol zuführenden Kühlrohrs, das Letztere, welches mit der Luft 
communicirte mit einem Chlorcalciunuohr verbunden. Die Einwirkung 
des Natriums auf den Alkohol wurde stets in einei" Wasserstollatmo- 
sphäre vorgenommen, weil nur bei vollkommenem Ausschluss des 
Sauerstoffs ein farbloses reines Product erhalten wird und zwar in der 



1) VsTi^l. Zoilsrhrift t. '.Iicmie N. l" l<<i. 4. p. r.S. 

2) Aiinal d. Chem. u l'liann l'.d 113. p. 122. 
Bund IV. 2. 



242 A. fioiiüier, 

Art, dass nach Entfernung des Chlorcalciumrohrs trocknes Wasscrslott- 
gas durch das gerade Rohr zugeleitet wurde , während der Dauer der 
Einwirkung sowohl, als während des Erkaltens. Der überschüssige 
Alkohol wurde meist, nachdem alles Natrium in Lösung gegangen war, 
durch gelindes Erwärmen im Gasstiom so lange wegdestillirt, bis sich 
in der siedentlen Flüssigkeit festes Aethernatron auszuscheiden begann. 



Aethernatron und Essigäther. 

In einer Kochflasche wurden zu Aethernatron , das mit Hülfe von 
i,(3 grm. Natrium und l^grm. Alkohol erhalten war, also so viel über- 
(lüssigen Alkohol beigemischt enthielt, dass es beim Erkalten nicht so- 
gleich krystallisirte 15 grm. reiner über Natrium rectificirter Essigäther 
gefügt. Es trat nach dem vollständigen Vermischen in ähnlicher Weise, 
wie bei den Versuchen von BEn.STEiiv die Bildung eines weissen volumi- 
nösen Niederschlags ein Die Menge desselben war indessen nur gering. 
Es wurde darauf die Flasche im V^'^asserbade und unter fortwährendem 
Zuleiten von WasserstolTgas erhitzt bis alles Flüchtige abdestillirl war. 
Das Destillat besass den Geruch vonEssigälher ; nach mehrmaliger Recti- 
fication und einmaligem Waschen desselben mit dem gleichen Volum 
einer verdünnten Chlorcalciumlösung wurden 14 grm. des Letzteren 
wieder erhalten. Der Rückstand in der Kochflasche war fai'blos, bei d<!r 
Temperatur des Wasserbades flüssig, erstarrte aber beim Abkühlen so- 
gleich zu weissen nadeiförmigen Krystallen , ganz vom Aussehen d(\s 
Aethernatrons. 

Diess Resultat des Versuchs musste zu der Annahme führen, dass 
dieser Rückstand, dessen Menge 10 grm. betrug, abgesehen von der 
geringen Menge gebildeten essigsauren Natrons, in der That nur die 
Verbindung sei, für welche Scheitz i) die Zusammensetzung: 

€2H5Na02, 2€2Ö''02 
gefunden hat. Er wurde deshalb mit Wasser übergössen , worin e|. 
sich unter Erwärmen leicht löste und diese Lösung, da sie stark alka- 
lische Reaction zeigte mit Essigsäure schwach angesäuert und aus dem 
Wasserbade destillirt so lange noch Alkohol überging. Das Destillat be- 
sass nur den Geruch von Alkohol, nicht den von Essigäther und bestand 
ausser Wasser nur aus diesem. Nach mehi-maliger Rectifieation aus 
dem Wasserbad(^ und darauffolgender mit eingesenktem Thermometer 
wurden 8 grm. desselben (79" — 81") ei'halten. Das essigsaure Natron 



^) Diese Zeitscli.iK IM. /. p 16 



Ueber die. Kiiiwiikiinii dos Actheriiairniis auf die Acllier (Miiii>cr Koliloiistnirsriurcii. 243 

wog nach <leni Eindampfen und völligem Austrocknen 5,7 grm., entspr. 
1 ,6 grin. Natrium. 

Wären ilie im Külbchen enthaltenen 10 grm. Substanz die reine 
Verbindung «^H^NaO^, 2€2Hfi02 gewesen, so hätten sie N,6grm. Alkohol 
liefern müssen. 

Aus dem Milgetheillen folgt also, dass eine Verbindung von 
Aethernatron m it E ssigäther unter den angeführten Umständen 
nicht existirt, dass vielmehr der Essigäther , abgesehen von einer 
kleinen durch schwer auszuschliessende Feuchtigkeit bedingten Zer- 
setzung vom Aethernatron unverändert abdestillirt. 

Nach dieser Erkenntniss wird es möglich die Angaben Beilstein's 
zu deuten. B. hat bei seinen Versuchen offenbar das Wasser nicht ge- 
nügend ausgeschlossen und davon in einem Falle so viel gehabt als 
nölhig war um die ganze angewandte Aethernatronmenge in Natron- 
hydrat und Alkohol zu verwandeln, denn als er nach dem Vei-setzen des 
Aelhernalrons mit Essigäther die vom ausgeschiedenen essigsauren Na- 
tron »ablillrirte Flüssigkeit« analysirte fand er für sie die Zusammen- 
setzung einerMischung von Alkohol und Essigäther, sie mussle demnach 
ganz nalriumfrei sein. Bei einem zweiten Versuche, wobei B. den 
Ueberschuss von Alkohol und Essigäther durch einen Strom trockner 
Luft und Erhitzen des Kolbens im Wasserbade entfernte, fand er in dem 
bei dieser Temperatur geschmolzenen , beim Erkalten fest werdenden 
»braunen« Rückstand 2^,5 Proc. Natrium, während essigsaures Natron 
28,1 Proc. und die von ihm vorausgesetzte Verbindung von Aether- 
natron und Essigäther nur 1-1,7 Proc. Natrium verlangt. Dieser P.ück- 
stand war, wie dem früher Mitgetheilten gemäss leicht einzusehen ist, 
nichts anderes als ein Gemenge von viel essigsaurem Natron mit wenig 
Aethernatron, das durch dieEinwiikung der Luft braun geworden war. 
Es geht dies auch aus seiner Zersetzung mit Wasser hervor, indem beim 
Kochen'der Lösung «viel Alkohol« destillirte, während ein «stark alka- 
lischer« Rückstand blieb ^ . 



1) Im Anscliluss hieran hat Hr. J. E Mahsh eine directe Bestimmung des. Alko- 
hols, welchen die Kiystaile von Aethernatron hei ihrer Zersetzung mit Wasser lie- 
fern und welche bis jetzt noch nicht ausgeführt worden war, unternommen. Er 
löste in 17 grm über Natrium rectificirtem .Mkohol 1,4 grm. Natrium, destillirte im 
Wasserslolfslrom aus dem Wasserbade allen überschüssigen Alkohol fort und he- 
hielt als Rückstand 9,3 grm. der Verbindung. Dieselbe wurde in Wasser gelost, 
der .\lkohol aus dem Wasserbade abdestillirt, mehrmals für sich, dann über ge- 
brannten Kalk aus dem Wasserbade nnd scbliesslieh wieder für sich mit einge- 
•senktem Thermometer reclificirt. hie Menge desselben (Sdp. 790 — gl«) betrug 8,5 
grm. - [)\L- 1,4 urm. Natrium hallen 9,« grm der Verbindung und diese 8,4 grm. 
Alkohol liereni müssen 

IG' 



244 A. Geuther, 

In der Erwartung, tlass eine Verbindung oder Wechselwirkung 
tles Aethernatrons und Essigalhers bei höherer Temperatur eintreten 
würde, habe icli diese beiden Substanzen im verschlossenen Rohr bei 
verschiedenen höheren Temperaluren verschieden hinge mit einander in 
Berührung gebraclit. 

Erster Versuch: In einem Glasrohr wurde mitHülfe von 3 grm. 
Natrium Aethcrnatron bereitet und dieses nach dem Erkalten sofort mit 
etwas mehr als 2 Mgtn., nämlich SGgrni. reinen Essigalhers übergössen 
und eingeschmolzen. Das Aethcrnatron löst sich schon bei gewöhnlicher 
Temperatur im Essigäther leicht und farblos auf unter nur geringer 
Abscheidung eines krystallinischen Körpers (essigsaures Natron). Das 
Rohr wurde im Oelbad während 4 Stunden auf 130" erhitzt. 
Nach dem Erkalten zeigte sich kein Druck im Innern, es wurde geöffnet 
und die fast farblos gebliebene stark nach Essigäther riechende Lösung 
unter möglichstem Abschluss der Luftfeuchtigkeit vom vorhandenen 
unlöslichen Salze, dessen Menge sich etwas vermehrt hatte, durch Fil- 
tration getrennt. Das Letztere wurde im Wasser gelöst, mit Schwefel- 
säure deslillirt, das saure Destillat mit kohlensaurem Natron in geringem 
üeberschuss versetzt, zur Trockne gebracht und durch fractionirte Lö- 
sung in abs. Alkohol, nach der Filtration und Verdunsten des Letzteren 
zwei Salzrückslände erhallen, deren Natrongehalt bestimmt wurde. 
Der aus der ersten Lösung ergab 37,7 Proc. Natron, der aus der zweiten 
Lösung38,0 Proc. Beide Salze waren demnach nichts als essigsaures 
Natron, welches 37,8 Proc. Natron verlangt. Ihre Gesammtmenge 
beti'ug: 1,1 grm. Vom oben erwähnten ersteren Fillrat wurde eine 
Probe genommen und von ihr im Wasserbade alles Flüchtige (Essigäther 
und möglicherweise vorhandener Alkohol) abdeslillirt. In dem gelblich 
gefärbten dickflüssigen Rückstand eischienen beim Erkalten Kr;y stall- 
nadeln, die ihrem Ansehen nach grosse Aehnlichkeit mit dem krystalli- 
sirten äthyldiacetsauren Natron ') hatten und desswegen zur Prüfung 
darauf veranlassten. Zu den) Z\\ ecke wurden sie in Wasser gelöst, die 
alkalische Lösung mit verdünnter Salzsäure neutralisirt und mit einigen 
Tropfen Eisenchlorid versetzt. Es erschien sofort die für die Aethyl- 
diacetsäure^j und ihie Salze charakleristisch(> dunkelkirschrothe 
Färbung. Nun wurde die ganze Menge des Filtrats im Wasserbade vom 
Essigäther befreit, der Rückstand nach dem Erkalten mit Wasser und 
der für die angewandte Nati-iunimenge bcrcchnelen Menge Essigsäure 
versetzt und sofort mit Acther wiederholt geschüttelt. Die ätherische 



-1) Diese Zoitscliiilt Bd. 11. |.. t«1 
2j Kl)end. p. 3Ü8. 



I'cIm'i die l'.iiiwirkiiiii! des \i'llii'iii,ilioiis ,iiif die Vcllii'i ciiiiiii'i' Kdlilt'iistdirsiiiircii. 215 

Flüssi|;k(Ml wurde über Chlorcalciuui eiilwüsscrl , im Wasserbade der 
Aether abdeslilliil und der den Geruch von Essigsäure uud Aelhyldiacel- 
säurc zeigende Rückstand wiederholt reclificirt. Er lieferle 1,0 grni. 
von 170—190'' destillirender Flüssigkeit, die sich in der Thal als fast 
reine A eth yld iaeetsä ure erwies. Sie gab nach vorsichtiger Neu- 
tralisation >nit Natronlauge und Versetzen dieser Flüssigkeit mit essig- 
sauieni oder scliwefelsaureni Kupfeioxyd sofort das für diese Säure 
charakteristische Kupfersalz ') mit den nämlichen Eigenschaften und 
dem gleichen Verhalten. 

0,:?()28 grm. des zwischen ITS" und I (SO " übergegangenen Tlieils 
gaben 0,5242 grm. Kohlensäure und 0,1 862 grm. Wasser, was 0,1 i29G 
gi-m. oder 51, 'i Proc. KohlenslolV und 0,()20<)!) grm. oder 7,9 Proc. 
Wassersloll' entspricht. 

DieAethyldiacetsäure erfordert: 55,1 Proc. Kohlenstoff und 7,7 Proc. 
Wasserstoff. 

Da die Ursache für den 1 Proc. zu gering gefundenen Kohlenstoff 
wahrscheinlich einer Beimengung von noch etwas Essigsäure zuzu- 
schrcil)en war, welche durch fractionirte Destillation der geringen Sub- 
stanzmenge wegen nicht völlig entfernt werden konnte, so wurde die 
von der Analyse übrig gebliebene Menge der zwischen 178 und 180^ 
destillirten Substanz dazu vei'wandt das Barytsalz und aus diesem das 
Kupfersalz darzustellen 2). 

0,1038 grip. des Letzleren über Schwefelsäure getrocknet gaben 
im Tiegel mit Salpetersäure zersetzt nach dem Glühen des salpetersauren 
Kupfeioxyds: 0,026 grm. Kupferoxyd, entspr. 2i,6 Proc. 

Das aelhy Idiacetsaure Kupferoxyd fordert: 24,7 Proc. 
Kupferoxyd. 

Es kann somit die Iden ti tat der hier erha Itenen Säure mit 
(lerAethyldia cetsäu re nicht mehr zweifelhaft sein'*). DieBildungs- 
weisc derscll)en aus krystallisirtemAelhernatron undEssigäther verläuft 
nach folgender Gleichung: 

(-r-^H >NaO'^, 2€2H'=02 + '2[Gm^0^, Cm^) = &W-^0-NaO + 4€2JH"02 

Man kann sich den Verlauf der- Reaction so vorstellen, dass die 
.' Mgle Essigäther 2 Mgle Alkohol verlieren und dafür €2H'^Na02 auf- 
nehmen, was sich durch foluende Gleichung leicht veranschaulicht: 

€«2^02)140 (:„2C02iU0 "^ 

€2H<|HÜ lHO(^2j4i_ tH tu jHU yot2H^ 



iHOG2i4' fe-H'jiN<«U 440^2141 



1] niese Z<>ils(li>ifl M. 11. p '.no. 

2) EIh'IkI. |.. 3Ü"J. 

3; Virj;!. wcilrr iiiiirn p. i4S 



246 A- ^eiitlicr, 

Wäre die GcsairiinliiKuigc des Natriums in äthyldiacetsaurcs Natron 
verwandelt worden, so hätten mit Hülfe der angewandten 3 grm. dieses 
Metalls fast 17 grm. der Säure erhalten werden müssen. Wie oben an- 
gegeben ist wurden aber nur 1,6 grm., also nicht ganz 10 Proc. der 
möglicherweise entstehemien Menge gebildet. 

Die llauptmenge von Aethernatron und Essigäther war also auch 
unter diesen Umständen ohne Einwirkung geblieben. 

Um zu sehen, ob die Menge der sich bildenden Aethyldiacetsäure 
bei Anwendung anderer Temperaturen und verlängerter Einwirkung 
vermehrt werde, wurden die folgenden Versuche angestellt. 

Zweiter Versuch. Angewandt %'^/x grm. Natrium und 26 grm. 
Essigäther ; 5 S t u n d e n 1 a n g a u f 1 U) — I 5 " erhitzt. Kein Druck 
im Rühr, aber die Flüssigkeit bräunlich gelb gefärbt. Die Menge des 
ausgeschiedenen Salzes beträgt wohl das doppelte der Menge im ersten 
Versuch. Der Röhroninhalt wurde in eine Kochflasche gebracht und 
nachdem aus dem Wasserbade alles Flüchtige (aus etwa 16 grm. Essig- 
äther und 9 grm. Alkohol bestehend) abdestillirt war, in Wasser gelöst, 
mit Essigsäure angesäuert und mit Aether geschüttelt. Erhalten 
wurde nur etwa 1/2 grm. Aethyldiacetsäure und viel eines 
braunen nicht ohne Zersetzung destillirenden harzartigen Körpers, wahr- 
scheinlich eines der Zersetzungsproducte, welche das äthyldiacetsaure 
Natron für sich in höherer Temperatur liefert i). 

Dritter Versu eh. Angewandt 1 Yi grm. Natrium und 22 grm. 
Essigäther; erhitzt auf 100 — 110" 7 Stunden lang. Der Röhren- 
inhalt incinKochfläschchen gebracht und im Wasserbade vom Flüchtigen 
befreit gab einen Rückstand, der in Wasser gelöst, mit verdünnter Salz- 
säure neutralisirt und mit schwefelsaurem Kupferoxyd gefällt 1 Y4 grm. 
Kupfersalz lieferte, was 1 grm. Säure entspricht. 

Vierter Versuch. S'Yj grm. Natrium und 26 grm. Essigäther 
7 Stunden lang auf 12.^** erhitzt, im Uebrigen wie im dritten 
Versuch behandelt gaben 2 grm. Kupfersalz, entspr. 1,6 grm. Säure. 

Fünfter Versuch. 3 grm. Natrium und 26 grm. Essigälher 
wurden auf 130~13o0 während 14 Stunden erhitzt. Der 
Röhreninhalt entsprach dem vom zweiten Versuch. Er wurde wie im 
ersten Versuch auf Aethyldiacetsäure untersucht, es wurde aber nur 
so wenig erhalten , dass sie mit Hülfe der Destillation nicht gereinigt 
werden konnte, wesshalb sie in Kupfersalz verwandelt wurde. Von 
ihm wurden erhalten 1 Y2 S''™-? '^'^^ 'j- gim. Säure entspricht. 

Sechster Versuch: Es wurden 2 Röhren mit je 3 grm. Natiium 



\) Diese Zeilschrift Bd. II p. 412. 



Deljcr die Kiiiwirkiini; des Acllicriiatroiis ,uil du- Acdicr cimuffr Kolilciistoirsiüircii. 2 17 

und 23 grin. Essigällior ;J Slundon uul" I 25— I 2S<' erhitz t iiiul 
4 g r in. Säure, iilso 11,8 Proc. der möglicherweise entstellenden Menge 
erhalten. 

Die auch bei diesem Versuch erhalttuic verhallnissmiissig geringe 
Menge von Säure liess mich vermuthen, dass die mit dem Aethcrnatron 
verbundene, sowie bei der Umsetzung sich bildende Menge von Alkohol 
der (Irund sei, wosshalb die Umsetzung sich nicht auf grössere Mengen 
der liducte erstrecke und ich habe desshalb einen 

Siebenten Versuch vorgenommen, bei den) ich nlkohol- 
Ireies Aethernalron (= ^^H^NaO^) verwandte. Das erst auf die oben 
ang(>gebene Weise dargestc^llte Aethcrnatron wuide im Wasserstotfstrom 
durch Erhitzen im Oelbad bis auf 140" voUkonnnen von Alkohol befreit 
und dazu der Essigäther gegeben. Es wurden 2 Röhren und auf jede 
2y, grm. Natrium und 2"3 grm. Essigäther angewandt Das Aethcrnatron 
l()ste sich unter schwacher Erwärmung in gei'inger Menge im Essigäther, 
beim nachherigen Erkalten krystallisirte es in farblosen nadeiförmigen 
Krystallen wieder aus. Als darauf das eine Rohr einer Temperatur von 
50 — GO" einige Zeit ausgesetzt wurde, löste sich fast alles Aethcrnatron, 
beim Erkalten in gleicher Weise kryslallisirend. Als darauf diese Er- 
wärmung während einiger Stunden wiederholt wurde, war alles flüssig 
geworden und beim nachherigen Erkalten erschienen weniger Krystalle 
als vorher. Das Rohr wurtle nun auf 70 — 80" während wieder einiger 
Stunden erhitzt und abermals erkalten gelassen. Neben den in noch 
geringerer Menge erscheinenden farblosen nadeiförmigen Krystallen 
waren nun eine Anzahl concentrisch gruppirtei- feiner und mehr weiss 
erscheinender Krystallraassen vorhanden, ganz vom Aussehen des ätbyl- 
diacetsauren Natrons. Als darauf das Rohr auf 100" erhitzt wurde 
waren sehr bald die wenigen farblosen langen nadeiförmigen Krystalle 
in Lösung gegangen, die anderen kleinen weissen kugligen Aggregate 
aber nicht. Sie waren also gewiss nicht mehr Aethcrnatron, sondern 
ein Umsetzungsproduct und wahrscheinlich äthyldiacetsaures Salz. Es 
wurden nun die beiden Röhren auf 128** während Vj^ Stunden 
erhitzt. Nach dem Erkalten hatten beide das gleiche Aussehen, sie waren 
nur mit den letzteren Krystallen erfüllt, welche den flüssigen bihalt voll- 
kommen einschlössen, ohne dass er sich von ihnen auch durch Schütteln 
oder Klopfen hätte trennen lassen. Die Röhren wurden geöfl'net (es war 
kein Druck in» binern) und jedes mit vcrdünnlei' Essigsäure (von je 
8 grm. Eisessig bereitet) fast vollkommen angefüllt. Als die Salzmassc 
sich gelöst hatte , war- eine beträchtliche leichtere Schicht erschienen, 
die eine Lösung von Acthyldiacclsäure in unverändertem Essigäther dai- 
stellte. Der Inhalt beider Röhren wurde in einen Cylinder gegeben und 



248 •^- (it'iiilier, 

mit Aoilioi Nvietk'iliuil i^oscliiüloll. Nach doui Abdeslilliren iler iillio- 
lisclicn Lüsiini5 im Wasserbado und Uectification desRückslaiidos wui- 
dori 10 gi'iu. Ae th y Idiacetsä LI re erhallen, d. h. 32 Proc. der inog- 
liclicr Weise onlslehcn künnenilen Menge, also nahezu dreimal mehi', als 
im sechsten Versuche. 

Die grössere Menge Siiure ei'lauble eine öflerc lleclificalion untl 
völlige Reinigung derselben, wie die mit ihr -vorgenommene Analyse 
zeigt. 

0,2281 grm. deiselben lieferten 0,1621 grm. Kohlensäure, entspr. 
0,I2G03 grm. = ö5,2 Proc. Kohlenslot!" und 0,lGi4 grm. Wasser, 
entspr. 0,0I(S2(J7 grm. = 8,0 Proc. Wasserslotl'. 

Die Aelhyldehydracetsäure erl'orderl: 55, i Proc. KohlenstolV und 
7,7 Proc. Wasserstoff. 

Aussei' der Aelhyldiacelsäure wurde eine kleine Menge hoher 
siedender, beim Erkalten krystallisirender Säure erhalten, die auch bei 
den früheren Versuchen beobachtet worden war und die nichts anderes 
als Dehy drace tsä u re ist. Aus Alkohol kryslallisirt zeigte die farb- 
lose, leicht sublimirendc Säuie den Schmelzpunct der Dehydracetsäure; 
10'.)". 

Die Anwesenheit von Aethylessigsäurc oder Diäthylessigsäure oder 
Diäthjidiacetsäure habe ich nicht beobachten können. 

A e t h e r n a t r n und A m e i s e n s ä u r e ä t h e r. 

Zu dem mit 3 grm. Natrium in einem Glasrohr bereiteten Aether- 
natron wurden 25 grm. Ameisensäureäther (5 grm. mehr als 2 Mgtn. 
entspricht) gefügt und darauf das Rohr zugeschmolzen. Es trat sofort, 
indem sich das Aethernalron löste, eine gelbbräunliche Färbung und Ab- 
scheidung einer ansehnhchen, wenn auch nicht gerade verhältnissmässig 
bedeutenden Menge eines Salzes ein, das sich bei späterer Untersuchung 
als ameisensaures Natron erwies. Zugleich war eine gelinde Gasent- 
wicklung bemerkbar. Deshalb wurde das Rohr sofort in Eiswasser ge- 
stellt und so lange durchgeschüttelt, bis sich das AeLhernatron gelöst 
hatte, was in kurzer Zeit geschehen war. Als darauf die Spitze des 
Rohrs in die Flamme gehalten wurde, zeigte sich Druck im Innern, das 
Rohr wurde aufgeblasen durch ein mit blauer Farbe brennendes Gas. 
Das Letztere wurde gesammelt, es zeigte alleElgenschaften des Kohlen- 
oxyds, indem es mit rein blauer Fiaumie nach dem Anzünden brannte, 
dabei Kohlensäure bildend und von einer Lösung des Kupferchlorürs in 
Salzsäure vollkommen und unter Rildung der für das Kohlenoxyd cha- 
rakteristischen blättrigen farblosen Kristalle absorbirt wurde. Das 



(Her die Kiiiwiikiiiiu di-s \i'llinii.itioiis ,iiil die \('ilu'i ciiiincr Kolilciisloirsiiuicii. 219 

liolir wurde nun, naclulcMii os niitcinoni umgc^kclirlcn Kühler verbunden 
war in ein Wasserhad gebraehl, dessen Temperatur der Gasentwicklung 
entsprechend laiii^sani von iO" bis 7(1'' gesteigert wurde, wobei das Vo- 
lumen des Röhreninhalts sieh beständig verminderlr. Als die Gasent- 
wicklung, welche >telig vor sich gegangen war und zu keiner Zeit der 
Geruch des gewöhnliciuMi Aethers entdeckt werden konnte, sich be- 
trächtlich vermindert, ja fast ganz aufgehört halle, wurde die Temperatur 
bis SO" gesteigert. Dabei trat im Rohr Kochen ein, ohne dass die Gas- 
entwickelung reichlicher geworden wäre. Nach einiger Zeit wurde der 
Kühler umgedreht und das aus dem Wasserbade Destillircnde aufge- 
sammelt. Es betrug iü'/^ grm. und war reiner Alkohol, der bei der 
Reclification, wobei das Thermon)eler sofort bis 78'\ö stieg, zwischen 
dieser Temperatur und 80" überging. Der zurückbleibende braun ge- 
färbte Rühreninhalt erstarrte beim Erkalten sliahlig krystallinisch, wie 
Aethernatron. Er wurde mit wasserfreiem Aelher behandelt, worin 
sich die Kristalle lösten, während das anlänglich ausgeschiedene Salz 
ungelöst blieb. Dasselbe stellte ein krystallinisches Pulver dar, welches 
bei l'iO" getrocknet einen Natrongehalt von i5, 4 Proc. ergab, also 
ameisensaures Natron war, welches 45, G Proc. Natron enthält. Seine 
Gesammtmenge betrug nahezu i grm. Die ätheiische Lösung hinterliess 
nach dem Abdestilliren des Aethers im Wasserbade einen Rückstand, 
welcher wieder in nadeiförmigen Kryslalien erstarrte. Er wurde in 
Wasser gelöst und aus dem Wasserbade alles Flüchtige abdestillirt. 
Das Destillat lieferte nach mehrmaliger Rectification aus dem Wasser- 
bade zuerst für sich, dann über gebranntem Kalk und zuletzt mit ein- 
gescnklem Thermometer wieder für sich deslillirt ITYjgrm. Alkohol. 
Der Rückstand reagirte stark alkalisch und l)edurfte zur Neutralisation 
eine beträchtliche Menge von Eisessig. 

Aus diesen Resultaten folgt, dass der angewandte Ameisen- 
säureäther tlurch das Aeth e rn a ti'on vollständig inKohlen- 
oxyd und Alkohol z e rlegt w orde n ist, ohne dass dieses eine 
wesentliche Veränderung erfahren hat, denn die 25 grm. Ameisen- 
säureäther hätten dabei 15,5 grn). Alkohol liefern müssen, erhalten 
wurden 16,5 grm., wähi'cnd das mit 3 grm. Natrium erzeugte Aether- 
natron bei seiner Zersetzung mit Wasser I8grm. Alkohol geben musste, 
erhallen wurden 17,5 grm. 

Da nun, wie oben erwähnt, mehr als 2 Mgte Ameisensäureäther 
angewandt wurden und wie die eben angeführten Zahlen zeigen, doch 
die ganze Menge eine vollkommene Zersetzung erfahren hat, so ist es 
sehr wahrscheinlich, dass auch noch eine grössere Menge des Aethers 
durch das Aclliernalron zersetzt werden kann, ja dass, wenn nicht die 



250 A. fitMillicr, 

grössere Menge des sich bildenden Alkohols und die in Folge davon ein- 
tretende Verdünnung des Aethcrnatrons der Rcaction Grenzen setzt, 
diesell)e unbegrenzt verlaufen und durch eine beliebige Menge Aether- 
natron eine sehr grosse resp. unendliche Menge von Ameisensäureäther 
in Kohlenoxyd und Alkohol zerlegt werden kann. 

Nicht so einlach als die Reaction an sich ist, wird es sein sich von 
dem Grunde derselben Rechenschaft zu geben. Welche Affinitäten, 
muss man fragen, nöthigen den Ameisensäureäther zu einem Zerfallen, 
wenn keines seiner Zerselzungsproducte von dem einwirkenden Körper, 
dem Aethernatron , zu einer Verbindung oder Umsetzung verwandt 
wird? Warum entsteht nicht ameisensaures Natron und gewöhnlicher 
Aether? Vielleicht liegt im Folgenden der Schlüssel zur Erklärung dieser 
Verhältnisse. Denkt man sich, dass Aethernatron sich mit Ameisen- 
säureäther analog umsetzt, wie mit Essigälher, also damit erzeugt Al- 
kohol und Aethyl-di-ameisensaures Natron, ferner dass dieses Salz von 
geringer Beständigkeit ist und, vorzüglich bei etwas höherer Temperatur, 
sich in Kohlenoxyd und Aethernatron zerlegt, vielleicht unter Mitwir- 
kung des in Freiheit gesetzten Alkohols , so würde die Reaction , bei 
welcher dann die folgenden zwei Phasen zu unterscheiden sein würden, 
versländlich werden : 



L |flO€2H »J ^ I JNaO ' -'€-H"02J = ^^, HO 



^2jjMNaO 



und 



4€^H<'0^ 



f 



€02) 

£02^ -4- '^f^iW'O^ — 9C02 -u Ciuir^^ 2€-H'^0^ 
(-2^1 NaO -*--*=** ^ *^^ + ka jj^TaO' -^^^ 

Die Zersetzung, welche der Ameisensäureäther durch vVethernalron 
erfährt, wirft ein neues Licht auf die Vorgänge, welche bei derEinwir- 
kuiig von Natrium auf den Ameisensäureäther vor sich gehen : letzlere 
können durch erstere nun genügend aufgeklärt werden. Löwir. und 
Weidmann 1) fanden, dass bei der Einwirkung des Natriums auf diesen 
Aether, wenn es in genügender Menge angewandt wird, ausser ameisen- 
saurem Natron und wenig eines braunen Natronsalzes, Kohlenoxyd und 
Alkohol gebildet wird. Gkeinkk2) zeigte später, dass neben jenen Pro- 
ducten noch Wasserstoff und Aethernatron erzeugt werden. Die Ersteren 
beobachteten ferner als besonders erwähnenswerth, dass die Blasen des 
sich entwickelnden Gases »gleichzeitig in der ganzen Flüssigkeit, sowohl 



1) Pogg. Annal. Bd. 50 p. i H. 

2) Diese Zeilsc.hril't Bd. III. p. 41 



Uebor die Kiiiwirkiinii des Actliciiiafmiis iiiit die AclliiT ciiiiffcr KohlciislolTsilurPii. 2IJ1 

;m den Slollen , welche mit dem Niiliiuin in Berührung sind, wie an 
denen, wo sieh kein Natrium befindet« erseheinen, wahrend Letzterer 
die Anwesenheil des Wasserstofls in dem sich ent\\ickehiden Gase 
nach\Nies. 

Besonders merkwürdig war l)ei dieser Reaclion die Bildung von 
Alkohol nel)en der Bildung von Aethernatron und Wasserstoff, denn 
wenn das Natrium den Ameisensäureäther unterBildung von Aether- 
nalion und Kohlonoxyd zerlegte: 

wie es GuEmER nachwies, wo kam dann noch Alkohol hei'. Derselbe 
vcM'dankt, wie wir im oben Mitgcaheilten nachv^ iesen , seine Ent- 
stehung einer secundären Wirkung, der desAethcrnalrons auf den noch 
unzersetzten Anieisensäureälher. Die angeführte Beobachtung von Lö- 
wig und Weu)Mann, im Betreff der Art der Gasentwickelung, sowie die 
von Grelner gefundene Thatsache, dass auf I Mgt. sich entwickelnden 
Wasserstoff mehr als 1 Mgt. Kohlenoxyd [=€02) kommt, finden jetzt 
ebenfalls ihre Erklärung. 

Aethernatron und Oxaläther. 

Erster Versuch: Zu dem mit Hülfe von 2 grm. Natrium in einem 
Bohr dargestellten Aethernatron wurden 13 grm. Oxaläther gegossen 
(I Mgt. auf I Mgl.) und dann zugeschmolzen. Das Aethernatron löst 
sich nach Verlauf von einigen Tagen unter öfterem Umschütteln bei ge- 
wöhnlicher Temperatur vollkommen auf. Es scheidet sich dabei nur 
sehr wenig Salz (oxalsaures Natron) ab und es tritt nur eine ganz ge- 
ringe gelbliche Färbung ein ^). Als das Rohr darauf in einen Raum von 
etwa 50" gebracht wurde fand allmähliche Bräunung des Inhalts unter 
bemerkbarer Gasentwickelung statt. Nach dem Abkühlen auf 0" wurde 
dessen Spitze in der Flaujine leicht aufgeblasen und es strömte unter 
ziemlichem Druck ein mit rein blauer Flamme brennendes Gas (Kohlen- 
oxyd) aus. Die geöffnete Spitze wurde sofort mit einem Kühler umge- 
kehrt verbunden und das Rohr im Wtisserbadc allmählich erwärmt. 
Das Gas entwickelt sich reichlicher, es enthält keine Kuhlensäure und 
wird von einer Kupferchlorürlösung in Salzsäure unter Bildung der für 



1) Beilstein führt (liirü))er(a a.O.) folgcndesan : »Setzt man oxalsaures Actliyl zu 
einer Lösung von Aethernatron, so scheidet sich nach einigen Augenblicken ein gell)er 
gelatinöser Niederschlag ab, welcher vermuthlich eine Verbindung jener beiden 
Körper ist; da ich indessen nicht liollen durfte, die Verbindung zti isoliren, habe 
'ch die Untersuchung dieser Einwirkung; nicht weiter verfolgt.« 



252 A. (initiier, 

das Kohleno\\,d chitrakleiistischen Kryslallo absoibiil, wahrend der 
braune Röhreninhall immer dicker und schliesslich beinahe fest wird. 
Gleichzeitig konnte, als das Gas in ein stark abgekühltes Rohr treten 
gelassen wurde sehr wenig einer äthcrarligen Flüssigkeit verdichtet 
werden, die leichter als Wasser war und ihrem Geruch nach wenigstens 
zum Theil aus gewöhnlichem Aelher bestand. Als die Reaction beendet 
war, das Wasser längere Zeit schon kochte und die Gasentwickelung 
aufgehört hatte, wurde der Kühler umgedreht und das bis 100" flüch- 
tige aus dem Rohi' abdestillirt. Dabei ging nur sehr wenig vom Geruch 
des Alkohols über ; es wurde erkalten gelassen und dann der Röhreninhalt 
mit Wasser übergössen. Während das Feste im Rohr sich mit dunkel- 
brauner Farbe löste, schied sich eine farblose Oelschicht ab, welche voll- 
kommen den Geruch des K o h 1 e n s ä u r e a t h e r s besass. Der gesammtc 
Röhreninhalt w urde nun in eine Kochflasche gespült, mehr Wasser zu- 
gegeben und über freiem Feuer destillirt. Die Oelschicht geht sehr leicht 
über, mit ihr destillirt gleichzeitig viel Alkohol, der sie anfangs aufge- 
löst hält; nach demZusatz von Wasser schoidetsiesichaberab. Um diess 
vollständig zu erreichen, wurde in der wässrigen unteren Schicht Chlor- 
calcium gelöst und diese dann durch Abheben entfernt Das Oel wurde 
über geschmolzenem Chlorcalcium entwässert und rectificirt. Es wog o gr. 
und bestand fast nur aus bei 127^' Deslillirendem; Ilöhersiedendes war 
nicht vorhanden. Es besitzt also ausser dem Geruch auch denSiedepunct 
des Kohlen sä Urea t her s und ist, wie die folgende Analyse und die 
weiter damit angestellten Versuche zeigen in der That diese Verbindung. 

0,2482 grm. gaben 0,5559 grm. Kohlensäure, entspr. 0,121336 
grm, = 50,1 Proc. Kohlenstoff und 0,1939 grm. Wasser, entspr. 
0,021541 grm. = 8,7 Proc. Wasserstoff. — Der Kohlensäureäther ver- 
langt: 50, s Proc. Kohlenstoff und 8,5 Pioc. Wasserstoff. Mit einer alko- 
holischen Kalilösung vermischt scheidet die Verbindung bei gelindem 
Erwärmen sofoit kohlensaures Kali ab. 

Durch Destillation der abgehobenen Chloicalciumlösung, wieder- 
holtes Rectificiren des Destillats aus dem Wasserbade erst für sich und 
dann über gebranntem Kalk konnte viel Alkohol (crc. 15 grm.) er 
halten werden. 

Die erst zurückgebliebene wiissrige biaune Salzlösung, welche die 
andern bei der Einwiikung oder nachhei" durch Zersetzung entstandenen 
Producta enthalten nmssle, wurde, da sie stark alkalisch reagirte, mit 
Essigsäure angesäuert, wobei eine i:cichliche Kohlensäureentwickelung 
auftrat, und mit Chlorcalcium versetzt. Es entstand ein Niederschlag 
von oxalsaureni Kalk, dessen Menge nach dem Abliltriren , Aus- 
waschen und Tiocknen in s^elinder Wärme 3 grm. betrug, was einer 



llchcr die Kiiiwirkiiii^ ilt's Actlicriiiitrniis iuit'dic Actlicr ciiiiiifM' Kolilciistotrsiiiircii. '253 

Zi rsetzung^von 2,7 gnii. Oxiilätlici- cMitspriclil. l);is hiauno Fillral war 
vollkommen klar, erst auf Zusatz von Salzsiiuic scheidot sich ein Tlieil 
der die braune Färbung bedingenden Substanz allmählich als dunkel- 
braune Flocken ab. Ich werde später auf diese Substanz wieder zurück- 
konunen ; von Wichtigkeit ist zunächst, dass unter dem Einfluss 
des Aethe rna trons Oxaläther in Kohle nox yd und Koh len - 
s ä u r e ä t h e r zerlegt wird. 

Die bei dem eben beschriebenen Versuch, bei welchem auf 1 Mg(. 
Aethernalron nur i Mgt. Oxaläthei- angewandt wurde, beobachtete stark 
alkalische Reaction der wässrigen Lösung des Röhreninhalts , sowie die 
nach dem Kochen beim Ansäuern auftretende reichliche Köhlonsäure- 
entwickelung, neben der beträchtlichen Menge mit destillirenden Alko- 
hols Hessen mich vermuthen, dass ein Theil des Aethernatrons unzer- 
setzt geblieben und eine theilweise Zersetzung von gebildetem Kohlen- 
säureäther bewirkt haben mochte, k h habe deshalb einen 

Zweiten Versuch angestellt, bei welchem auf 1 Mgt. Aether- 
nalron etw^as mehr als i Mgte. Oxaläther (3 gim Natrium und 45grm. 
Oxaläther) angewandt und die Reaclion in einem Kochfläschchen vor 
sich gehen gelassen wurde. DasLetztere war mit einen! doppelt 'lurch- 
bohrten Kork versehen ; das Rohr der einen Durchbohrung führte das 
WasserslofVgas während der ganzen Operation zu, während das Rolir 
dei- andern Durchbohrung mit der Spitze eines Kühlers verbunden war. 
Das andere Ende dieses Letzteren stand mit dem längeren Rohr eines 
leei-en Waschcylinders in Communication, der in Eiswasser stand. Nach- 
dem bei gewöhnlicher Temperatur die Lösung derAethernatronkrystalle 
fast völlig unter nur schwacher Gelbfärbung und Abscheidung von nur 
sehr wenig oxalsaurem Natron, ganz wie im ersten Versuch , vor sich 
gegangen war, wurde das Kochfläschchen im Wasserbade langsam er- 
wärmt. Rei iO'J wurden die ersten Gasbläschen an den noch ungelösten 
Stückchen Aethernatrons bemerkbar, bei weiterem Erwärmen und lang- 
samen Steigen der Temperatur tritt bald gelbe und schliesslich braune 
Färbun" ein, ohne dass eine so reichliche Gasentwickelung als im ersten 
Versuch sich bemerkbar machte. Im abgekühlten Cylinder beginnt eine 
farblose Flüssigkeit sich zu verdichten, welche, da sie schwer durch 
dtMimitkaltem Wasser gefüllten Kühler ging, zum Füllen des Letzteren mit 
Wasser von 50 — 60^" veranlasste. Darnach destillirte sie in reichlicher 
Menge. Als die Reaction nach etwa 1 '/aStündigcm Kochen des Wassers 
beendet erschien, der Inhalt des Kölbchens halb fest geworden und keine 
Entwickelung von Gas, das während der ganzen Operation kohlensäure- 
frei befunden w urde, mehr sichtbar war, wurde der gekühlte Cylinder 
entfernt, der Küliler liehlig mit dem Kölbchen verbunden und das aus 



254 A. Geuther, 

dem Wasserbad Flüchtige abdestillirt. Es bestand hauptsächlich aus 
Alkohol, dem etwas Kohlensäureäther beigemengt war. Der leichter 
flüchtige Inhalt dos Cylinders, lOgrm. betragend, besass nicht den -Ge- 
ruch des gewöhnlichen Aethers, sondern den von Ameisensäure- 
äther. Bei seiner Roctification stieg das Thermometer sofort auf So**, 
von wo an eine grössere Menge überdeslillirte, zuletzt war das Thermo- 
meter bis 790 gestiegen. Er bestand nur aus einem Gemisch von Al- 
kohol und Ameisensäureäther, von welch letzterem nach wiederholten 
Rectificationen 6 grm. erhalten wurden. 

Der Rückstand im Kochfläschchen wurde nach dem Erkalten mit 
viel kaltem Wasser übergössen, dabei löste er sich analog wie im ersten 
Versuch mit dunkelbrauner Farbe völlig klar unter Abscheidung von 
viel farblosem sich auf der Oberfläche sammelnden Oel. Es wurde nun 
bis zur schwachsauren Reaction verdünnte Essigsäure zugefügt, von 
welcher, um diess zu erreichen, nur wenig nöthig war, sehr viel weniger 
als im ersten Versuch, und darauf das Ganze der Destillation unter- 
worfen. Das Destillat wurde mit einer verdünnten Chlorcalciumlösung 
geschüttelt, letztere vom abgeschiedenen Oel weggehoben und aus dem 
Wasserballe destillirt. Dos Destillat lieferte nach mehrmaligen Rectifi- 
cationen etc. noch i'.] grm. Alkohol, von dem also im Ganzen 17 grm. 
erhalten wurden. Die ölige Flüssigkeit wog nacli dem Entwässern 20 
grm. und ging, bis auf eine '/2 grm. betragende Menge früher Siedendes 
(Alkohol) beim Siedepunct des Kohlensäureäthers über. Höher siedendes 
war nicht voihanden. 

In der braunen essigsauren Salzlösung wurde auf Zusatz vonChlor- 
calcium oxalsaurer Kalk gefällt. Die Menge desselben betrug nach dem 
Abfiltriren und Trocknen in gelinder Wärme 4^4 grni-, was einer Zer- 
setzung von 4,2 grm. Oxaläther entspricht. 

Das Resultat dieses zweiten Versuchs unterscheidet sich von dem 
des ersten Versuchs wesentlich darin, dass die Menge des gewonnenen 
Kohlensäureäthers eine sehr viel grössere, nahezu die doppelte, war, 
denn hier wurden 53 Proc. der sich aus dem angewandten Oxaläther 
berechnenden Menge an Kohlensäureätber erhalten , während dieselbe 
dort nur 28 Proc. davon betrug, und ausserdem wurden hier 6 grm. 
Ameisensäureäther gebildet, deren Anwesenheit dort gar nicht wahr- 
!i;enommen werden konnte. Der Unterschied im Betreff des Letzteren, 
sowie die reichere Kohlenoxydentwickelung im ersten Versuche wird 
verständlich, wenn noch unverändertes Aethernatron vorhanden war, 
da wir \n isseii , dass Ameisensäureäther neben Aetl)ernalron gar nicht 
bestehen kann, sondern in Kohlenoxyd und Alkohol zerfällt und der 
Unterschied, den beide Versuche in) Betreu' des ersteren, des Kohlen- 



I 



IJphcr die EinwirktiiiL' «Ifs Ai'llicriiatioiis niif die Aotlior eiiiiirer Kolileiistoffsrmreii. 255 

säiiieathers zeigen, wird gleichfalls versläiidlicli, woiin vn ir, wie weiter 
milon gezeigt wird, bedenken, dass durch dasAethcrnatron auch dieser 
Aether schon bei 1 00 " Zei-setzung erleidet. 

Um eine völlige Einsicht in den Verlauf der Reaction zu gewinnen, 
war die Untersuchung von noch zwei Punclen nölhig, einmal, ob der 
Kohlensäureälher als ein unmiltelbai'es Umsetzungsproduct anzusehen 
sei oder erst auf Zusatz von Wasser aus der zurückbleibenden braunen 
halbfesten Masse entsiehe und dann, welcher Natur die färbende Ma- 
terie sei, die in nicht unbeträchtlicher Menge entsteht und offenbar einen 
sauren Charakter besitzen muss. Zu diesem Zwecke habe ich noch den 
folgenden Versuch angestellt. 

Dritter Versuch. Angewandt wurden ^Y« grni. Natrium auf 
i(> grm. Oxaläther (1 Ya gnn. mehr als 2 Mgte.) und im Uebrigen sowie 
im zweiten Versuch verfahren. Im abgekühlten Cylinder hatten sich 
condensirt 5 grm. Ameisensäureäther und 3 grm. Alkohol, im Wasser- 
sloffstrom gingen darauf von letzterem noch 12 grm. über und später 
dui-ch Destillation dei' Chlorcaiciumlösung 3 grm. , so dass im Ganzen 
IN grm. davon erhalten wurden. 

Die im Kochfläschchen enthaltene braune Salzmasse wurde nun 
mit wasserfreiem Aether übergössen, um den Kohlensäureäther, wenn 
er ein unmittelbares Product der Reaction ist. daraus durch Lösung 
zu entfernen. Da indessen der zugefügte Aether mit der Substanz eine 
breiartige Masse bildete, die sich nicht absetzte und schlecht fillrirte, 
so wurde nicht die ganze Menge, sondern nur eine Probe abfiltrirt und 
darin nach Verflüchligung des Lösungsmittels die reichliche Anwesen- 
heit von Kohlensäureäther festgestellt, so dass über dessen unmittel- 
bare Entstehung bei der Reaction kein Zweifel obwalten kann. 

Es- wurde nun zur mit Aether versetzten Hauptmenge Wasser ge- 
fügt, bis alles Feste in Lösung gegangen war, tüchtig durchgeschüttelt 
und die farblose ätherische Lösung von der braunen wässrigen durch 
Abheben getrennt. Letzlere wurde nun mit Essigsäure schwach ange- 
säuert, wobei eine geringe Kohlensäureentwickelung auftrat und dann 
destillirt. Der übergehende Alkohol mit etwas Kohlensäureäther wurde 
zu dem Rückstand gegeben , welcher nach vorsichtigem Abdestilliren 
der ätherischen Lösung blieb und beide wi(dVüher mittels Chlorcaicium- 
lösung und Destillation getrennt. Erhalten wurden im Ganzen Kohlen- 
säureäther 19 grm. 

Die braune wässrige Lösung wurde nun mit Chlorcalcium versetzt, 
um dieOxalsäure zu entfernen. Das Fillrat vom Oxalsäuren Kalk, dessen 
Letzteren Menge nach dem Trocknen in gelinder Wärme I grm. (entspr. 
'(,'■) nrni. Oxalälhej) bctruü," wurde nun mit Salzsäui'e im Ueberschuss 



256 A. Geiither, 

vermischt. Es schied sich nur wenig einer braunen flockigen Substanz 
aus, die abfiltrirt wurde. Da eine Probe des ziemlich verdünnten Fil- 
Irats mit Aelher geschüttelt die Flüssigkeit nicht entfärbte, so wurde 
alles zur Trockne gebracht und die zerriebene Masse mit Aether über- 
gössen. Derselbe blieb fast farblos, in ihm hatte sich eine geringe Menge 
einer kleinkrystallinischen farblosen Säure gelöst, w^elche 
nach dem Abdestilliren des ersteren zurückblieb. Sie bildet mit Am- 
moniak, sowie mit Kalk leicht lösliche amorphe Salze. Ihre Menge war 
zu gering um weitere Versuche mit ihr vornehmen zu können. 

Zu dem Rückstand wurde nun so viel Wasser gegeben , dass eine 
concentrirte Salzlösung entstand. Dabei blieb eine schwarzbraune Sub 
stanz ungelöst, welche aus zwei sauren Körpern besteht, von denen der 
eine in Wasser leicht löslich ist und, sobald nach dem Ablaufen der 
Salzlösung reines Wasser aufs Filter gegeben wird, mit ganz dunkel- 
brauner Farbe in Lösung geht, w ährend der andere, welcher nur schwer 
in Wasser sich löst auf dem Filter zurückbleibt. Sie sind beide starke 
Säuren, welche sogar die Essigsäure aus ihren Salzen auszutreiben ver- 
mögen ; es entsteht nämlich sofort eine dunkelbraune Salzlösung, wenn 
man sie mit essigsaurem Natron zusammenbringt, ganz entsprechend 
der, welche sich bei Anwendung von Natronlauge bildet. Sie sind bei<le 
in Alkohol leicht löslich mit schwarzbrauner Farbe. Die in Wasser fast 
unlösliche Säure wurde mehrmals in Natronlauae oelöst und durch 
Salzsäure gefällt, getrocknet, dann mit Aether übergössen, so lange sich 
derselbe nach kürzerer Zeit noch färbte (nach längerer Zeit tritt immer 
eine bräunliche Färbung ein, was eine langsame geringe Löslichkeit 
dieser Säure im Aelher anzeigt), dann 'in Alkohol gelöst und im Wasser- 
bade zur Trockne gebracht. Die in Wasser leicht lösliche Säure 
\Nurde zur Trockne gebracht, in absolutem Alkohol gelöst und die filtrirle 
Lösung im Wasserbade wieder zur Trockne verdampft. 

L Oj'liJSO grm. der Ersteren gaben 0,3060 grni Kohlensäure, 
entspr. 0,083455 gim. = 60,5 Proc. Kohlenstoff" und 0,0565 grin. 
Wasser, entspr. 0,006278 grm. =4,6 Proc. Wasserstoff. 

II. 0,H38 grm. der Letzteren gaben 0,2401 grm. Kohlensäure, 
entspr. 0,065482 grm. = 57,5 Proc. Kohlenstoff mit 0,0574 grm. 
Wasser, entspr. 0,00637f; grm. = 5,6 Proc. Wasserstoff. 

Aus diesen Resultaten berechnet sich für die erstere Säure die 
!''orinel €"H*'Of', welche verlangt 60,9 Proc. Kohlenstoff und 4, 4 Proc. 
Wasserstoff und für die letztere Säure die Formel: ßi^H^O'^, welche 
verlangt: 57,1 Pi-oc. Kohlenstoff und 5,7 Proc. Wasserstoff". 

Die erstere dieser beiden Säuren slinnnt ihr<Mi EigenschaficMi 
nach übercMU mit dem braunen Körper, der bei der Einwirkung von 



die Kiiiwirkuim' des ArtlicriiiUrniis iiiil die Acllicr ciniiicr Kolilcii.stoü'siiiiicii. 257 

Niitriimi jiuf Oxalällior entslohl und wcIcIum' von I.öwig^) »Nigrinsäure« 
gtMiiinnl worden isl. Aucli in di'i' Zusninnionsotzung weicht sie nicht 
wtvst'nllich von ihm ab. Aus clor Analyse des bei IOC gelrocknelen 
Hleisalzes (eine Analyse der fieien Siiure liegt nicht vor) leitete Lowig 
für sie die Formel: €"H^0^ ab. Das ist = €M4"0" + 2 HO. 

Nimmt man an, dass das Bleisalz bei 100" noch 2 Mgle. Wasser 
enlhallen liat, die bei höherer Temperatur hätten ausgetrieben werden 
können, so würde man zu unserer Formel gelangen. Die Entstehung 
dei' Verbindung kann durch die Gleichung: 

3t02 + 2€2H4 _ 2H === 4^7^0 0« 

V eransehauiicht w erden. 

Die Entstehung der anderen braunen Säure lässt sich gleichfalls 
aus tu- unti t-4i' unter gleichzeitiger Mitwirkung von Wasserstoff 
(ItMiken : 

6€02 4- 3€2H^ -»- 2H = t'^Hi^O'^, 

so dass zur Entstehung beider Säuren neben einander nur t^O- und 
£^ti* nöthig sind, denn: 

0€O2 + .o€2H^ = ß'H'-'Oß + €'2H'^0'2. 

Aussei' den seither angeführten Zerselziingsproducten , welche der 
Oxaläther unter dem Einfluss des Aethernatrons liefert, ist noch eines 
zu erwähnen, dessen Anwesenheit in der festen Salzmasse mit Sicherheit 
angenommen werden kann, das ätherk ohl ensa ure Natron nämlich, 
denn dasselbe entsteht w ie wir weiter unten sehen werden beim Zu- 
sanmienkommen vonAethernatron und Kohlensäureäther in der Wärme. 
Das sich während der Umsetzung stets entwickelnde Kohlenoxydgas 
Ncrdankt seine Entstehung ofienbar der Einwirkung des Aethernatrons 
auf einen Theil des gebildeten Ameisensäureäthers. 

Was nun den Hergang bei der Zersetzung selbst anlangt, so lässt 
sich derselbe dem Vorhergehenden zufolge so verlaufend auflassen, dass 
sich der Oxaläther seiner Hauptmenge nach in Kohlensäureäther und 
Kohlenoxyd umsetzt, welches letztere mit dem Leuchtgas von Aether- 
natron die beiden braunen Säuren resp. deren Natronsalze bildet, wäh- 
rend das dadurch entstehende Natron hydrat resp. Wasser mit einer 
anderen Menge Oxaläther und Aelhernalron die übrigen Zersetzungs- 
j)roducte, als Ameisensäureäther, oxalsaures Natron, ätherkohlensaurcs 
Natron und Alkohol liefert. 

Ein nahezu liclitiges Bild des Hergangs wird die folgende Re- 
actionsgleichung geben : 

1) Poiiu. Aiinal. Bd. 50 p. 120. 
Baii.l IV. 2. 17 



258 



A. Genther, 



\2 r€20SH2 02, (€2M4)2 



^^ " NaO 



r€O^H2 02, (4^2^4)2' 



€2H^H0 



€7H50^NaO + €12i^120l^Na202 
€2 06,Na2 02 



NaOi 



€0^ 



f)4^2 4i.i02. 



Wenngleich die beiden braunen Säuren nur in verhiillnissniässis; 
geringer Menge gebildet werden, so ist ihre Entstehung doch offenbar 
von der grössten Bedeutung für den Verlauf derReactfon, welcher durch 
sie gewiss bestimmt wird. 

Die eben erläuterte Einwirkung des Aethernatrons liefert den 
Schlüssel zur Erklärung der so sonderbaren und bis jetzt unerklärten 
Einwirkung des Natriums auf den \ a 1 s ä u r e ä t h e r. Der Letztere 
wird, wie man weiss, durch Ersteres unter Kolilenoxydentwickelung 
in Kohlensäureäther verwandelt. Gleichzeitig entstehen , wie Löwig 
gezeigt hat Ameisensäure, Alkohol und »Nigrinsäure«. Das Eigenlhüm- 
liche bei der Einwirkung des Natriums, als eines kräftig reduciren- 
d e n Agens ist immer die Bildung des Aethers der Kohlensäure ge- 
wesen, einer Säure, die kein Reductionsproduct der Oxalsäure, im 
Gegentheil , ein Oxydationsproduct derselben darstellt. Der Vorgang 
ist ofl'enbar bei dieser Einwirkung der folgende: Aus Oxalsäureäther 
wird durch Natrium Kohlenoxyd und Aethernatron gebildet, nach der 
Gleichung ; 

€206fl202 (€2H4)2 + 2 Na = 2€02 + 2€2HJ)HO 

jNaO, 
welch letzleres seinerseits auf die oben erörterte Weise von Neuem auf 
Oxaläther einwirkt. Also nicht das Natrium als solches ver- 
anlasst die Bildung von Kohlensäureäther aus dem Oxal- 
äther, sondern das erst du roh dasselbe gebildete Aether- 
natron. Die Bildung des Kohlensäureäthers bei dieser Einwirkung ist 
also vollkommen secundärer Art. 

Darnach bedarf es wohl kaum noch derEiwähnung, dass die beste 
Methode zur Darstellung des Kohlensäureäthers aus dem Oxaläther in 
der Einwirkung von Aethernatron auf denselben besieht. 



A e t h e i" n a l r n und K o h 1 e n s ä u r e ä t h e r. 

Zu dem mit 1 '/.^ grm. Natrium in einem Glasrohr dargestellten 
Aethernalron wurden l'ierm. Kohiensäureäther yeeossen f1 Met. Na- 



licIxM' (lio Kiiiwiikiiiiü des Actlicniiilrnns iiiiCdit' Acllicr ciiiifffr KnhloiisinlTsrmrpii. 259 

triam und 2 Mgl. Kohlonsiiureätlior) und das Rolii- /.ue;eschmolzcn. Das 
Aothcrnatron löst sich bei gowöluilicIierTomporntur kaum auf, boi mäs- 
sigiM" Wiirnio niciir, beim nachliorigcn Rrkaltcn aber wiedcM' auskrystal- 
üsircnd. Als das Rolir im Wasserbade erhitzt wurde, schied sich all- 
mählich ein krystallinisches Salz aus, dessen Menge nach einem 5stün- 
digen Erhitzen auf 100" sich nicht weiter vermehrte. Die Kryslalle 
waren zum Theil von bedeulcndoi- Grösse, die Menge derselben ver- 
melirle sicli l)eim Ei'kailen nur wenig, die Flüssigkeit halle eine schwach 
gelbliche Färbung. Zur sicheren Vollendung tier Reaclion wurde noch 
2 Stunden auf 1 20^ erhitzt. Beim Oeffnen des Rohrs zeigte sich kein 
Druck im Innern , es war aber der Geruch von gewöhnlichem Aether 
bemerkbar, hn Wasserbade erhitzt, deslillii"te gew. Aether und Al- 
kohol über. Der zurückbleibende Röhreninhalt wurde mit wasserfreiem 
Aether gewaschen, worin sich das auskrystallisirleSalz nicht löste. Nach 
dem Verdunsten desselben bliel)en 7 grm. unveränderter Kohlensäure- 
äther ül)rig. 

Das über Schwefelsäure getrocknete Salz gab bei der Analyse fol- 
gende Zahlen : 

0,191 grm. liefeilen nach dem Glühen, wo])ei zuerst ohne Schmel- 
zung nur geringe Schwärzung eintrat 0,0915 grm. geschmolzenes koh- 
lensaures Natron, entspr. 0,0-)3.5 grm. = '^H,0 Proc. Natron. 

Daraus folgt, dass dasselbe nicht kohlensaures, sondern äther- 
kohlensaures Natron war, welches 27,7 Proc. Natron enthält. 
Damit stimmt auch sein übriges Verhalten vollkommen überein. Es 
löst sich in kaltem Wasser unter schwacher Erwärmung und Bildung 
von Alkohol zu doppelt kohlensaurem Natron, das bei genügender Con- 
centration auskrystallisirt ; in siedendem Wasser unter Kohlensäureenl- 
wickelung und Bildung von neutralem kohlensaurem Natron. Wird die 
in der Kälte bereitete Lösung mitChlorcalcium im üeberschuss versetzt, 
so entsteht nur ein geringer Niederschlag, wird die davon abfiltrirte 
klare Flüssigkeil aber stehen gelassen, so entsteht nach einiger Zeit ein 
neuerNiederschlag, der sofort in reichlicher Menge erscheint, wenn die- 
selbe gekocht wird. Dabei verflüchtigt sich Alkohol. 

Die F2inwirkung des Aelhernatrons auf den Kohlensäureälhei" ver- 
läuft demnach so, dass a e t h e r k o h 1 e n s a u r e s N a t r o n und A e t h e r 
gebildet wird nach der Gleichung : 

€04, H2 02, (€2 «4)2 + e2H4|HO _€2«4^HO)^^, _^ r, r2 u:,n 

iNaO" NaOJ^^ -H >*. « u. 

Nach diesem Veihallen (\o<i Kohlensäureäthers schi(Mi es mir ge- 
boten (li(> l'j'nw iikuiig (l(\s\airiums auf den Kolilcnsäureüther zu unter- 
suchen. 

17 * 



260 A. fienther, 

Löwig gibt an , dass Kalium den Kohlensäureäther unter Bildung 
von Kohlenoxyd und einer weissen Salzu)asse zersetzt, die aus Aether- 
kali und kohlensaurem Kali bestehen soll. Es schien mir dem Vorher- 
gehenden zufolge nicht zweifelhaft, dass die letztere der Hauptsache 
nach ätherkohlensaures Kali war. Der Versuch mit Natrium hat diess 
bestätigt. 

Als zu überschüssigem Kohlensäureäther Natrium gefügt wurde 
war in der Kälte nur geringe Gasentwickelung bemerkbar, dieselbe 
wurde beim gelinden Erwärmen bedeutender und zuletzt unter Auf- 
blähen und Zertheilen des Natriums, Rothfärben der Flüssigkeit und 
Abscheidung eines weissen Salzes, sehr lebhaft. Nach Beendigung der 
Reaction wurde die Masse mit absolutem Aclher versetzt, worin sich der 
meiste rothe Farbstoff mit gelblicher Farbe löste, während eine etwas 
gefärbte Salzmasse übrig blieb. Dieselbe löste sich nicht in neuen Men- 
gen Aethers, war also kein Aethernatron. Auf die \ ,2 grm. derselben 
waren i grm. Kohlensäureäther verbraucht worden. War sie äther- 
kohlensaures Natron, so hätten ;?,8 grm. des letzteren zu ihrer Bildung 
verwandt werden müssen. Sie verhielt sich, wie ein durch kohlensaures 
Natron verunreinigtes ätherkoiilensaures Natron, wie ihr Verhalten gegen 
Chlorcalciumlösung zeigte i). 0,1 97 grm. derselben über Schwefelsäure 
getrocknet gaben nach den) Glühen 0,1 I ö grm. kohlensaures Natron, 
was 0,0672(i grm. = 34,1 Proc. Natron entspricht. 

Aetherkohlensaures Natron enthält 27,7 Proc. und kohlensaures 
Natron 58,5 Proc. Natron. 

Das während der Einwirkung entbundene Gas war Kohlenoxyd. 

Die Einwirkung des Natriums auf den Kohlensäureäther verläuft 
also in der Hauptsache nach der Gleichung: 



3 



<^:OSH2 02, [G'^a^] ij -I- 2i\a = £0'^ -f- ^r^'^'j^T^Q^^O' 



I4^^H^0, 



Aethernatron u n d B e n z o e s ä u r e ä t h e r. 

Das mit Hülfe von 1 grm. Natrium in einem Glasrohr bereitete^ 
Aethernatron wurde mit 13 grm. Benzoesäureäther (I Mgt. auf 2Mgle.) 
Übergossen. Bei gewöhnlicher Temperatur findet keine l'^inwirkung, 
auch nicht Lösung, statt, bei lOO** entsteht allmählich eine gelbliche gal- 
lertartige Masse, welche bei 1 20 '> nach demDurclischütleln denRöhren- 



1) Es muss hier noch angeführt werden, (l;iss in dein Salz auch eine kleine, 
aber deutlich nachweisbare Menge von Oxa I siiu r e enthalten war, welche nur 
durch Koduclion »ne. d e !• Kohlensäure entstanden sein kann. 



lieber die liiiiwiikiiiiü des \i'lli('niiilmiis auf die Aellicr oiiiiifci' Kolileiislnllsiiiircii. 261 

inliall breiig orschoiiicn liissl. Killilt (his Rohr ah, so kryslullisirl aus 
dem flüssigen Tlieil des Röhrcninhalts eine grosse Menge in farblosen 
nadelförniigen Kr\ stallen voiuAnsehen des Aelliernalrons. Wird wieder 
auf 120" erhilzl, so verseliwiiulen diese Kryslalle wieder unter Verflüs- 
sigung. Nach tleui lukalten erscheint der Röhrcninhalt fast ganz zu 
diesen Kryslallen ei'starrt, es ist nur sehr wenig l'lüssigkeit zu be- 
merken. Nachdem das Rohr wähi-end (5 Stunden auf I :^0" erhitzt wor- 
den war wurde es geöfTnet, wobei kein Druck um! nur der Geruch des 
Benzocälhers zu bemerken war. Der Inhalt des Rohrs wurde mit abso- 
lutem Aether übergössen , in eine Koehflasche gespült und darin mit 
Aether im Ueberschuss stehen gelassen , bis alles Lösliche gelöst war. 
Darauf wurde das Ungelöste abfiltrirt und mit Aether gewaschen. Es 
war fast weiss nnd nichts als benzoesaures Natron, wie eine Natron- 
beslimmung zeigte Seine Menge betrug: -j grm. Die Ursache der Bil- 
dung dieses Salzes ist zun) Theil wohl in Feuchtigkeit , zum Theil in 
freier im Benzoeather erhaltener Benzoesäure , die bei der Destillation 
desselben in geringer Menge entsteht, zu suchen. 

Die klar filtrirende ätherische Lösung schied noch während des 
Filtrirens ein krystallinisehesSalz aus. Dasselbe wurde wieder abültrirt, 
mit Aether gewaschen, getrocknet und analysirt. Es wog 1 72 grm. und 
war gleichfalls reines benzoesaures Natron. Da dieses Salz in Aether 
unlöslich ist, so musste es erst imFiltrat gebildet worden sein, was ein- 
treten konnte, wenn das Filtrat Acthernatron enthielt und dieses wäh- 
rend des Fibrirens Feuchtigkeit aus der Luft angezogen hatte. Das neue 
Filtrat da\on, welches rascher durchs Filter gelaufen war, als das 
er'stere, indem die abzufiltrirende Salzmasse viel geringer als im ersten 
Fall war, schied wieder etwas Salz ab, aber viel weniger. Es wurde 
der Aether aus dem Wasserbade abdestillirt und der ziemlich beträcht- 
liche mit Flüssigkeit durchtränkte grosskrystallinische Salzrückstand 
Nom Aussehen des Aethernatrons, da derselbe mit Wasser eine stark 
alkalisch reagirende Lösung lieferte, zur Bestimmung des noch unver- 
ändert vorhandenen Beuzoeälhers in verdünnter überschüssiger Salz- 
säure gelöst und das sich abscheidende Oel mitAethei- ausgezogen. Die 
ätherische Lösung hinterliess nach dem Verdunsten eine Flüssigkeit, der 
durch Schütteln mit einer Lösung von kohlensaurem Natron Y2 B''"^- 
Benzoesäure entzogen werden konnte. Der Rest wog S grm. und de- 
stillirte zw ischen iOO und t\ö*K 
Es entsprechen nun 

8 grm. Benzoeather 8 grm. Benzoeather 

4,5 y> benzoesaures Natron 4,6 « « 

ü,.ö » Benzoesäure (),(') » » 

T3,2 grm. 



262 -^- Geiiilier, 

Darfiiij folgl also, diiss (las Ac ihr r na Iron auf reinen ßen- 
z o e ä t h e r bei 1 20" nicht einwirkt. 

Um zu sehen, ob bei höherer Temperatur eine Umsetzung zu er- 
reichen sei wurde der Versuch mit Anwendung von 1,3 grm. Natrium 
und 1 6 grm. Benzoeäther wiederholt. Das Rohr wurde erst 5 Stunden 
auf I iO" und dann weitere 5 Stunden auf 1 Gü" erhitzt. Dass hierbei 
Umsetzung eintrat, zeigte diealhiiählich .^ich vergrössernde Menge des in 
der Hitze f. st bleibenden Salzes. Beim Oeffnen desRohrs in derFlamme 
wurde dasselbe aufgeblasen und es strömte eine massige Menge eines 
mit leuchtender Flamme brennenden Gases aus. Der Röhreninhalt zeigte 
deutlich den Geruch von gewöhnlichem Aether. Das Rohr wurde mit 
einem Kühler verbunden und aus dem Wasserbade das Flüchtige ab- 
destillirt. Dasselbe bestand aus einem Gemisch von Aether und Al- 
kohol. Der Rückstand im Rohr wurde darauf mit absolutem Aether 
ausgewaschen. Das klare Filtrat reagirte nicht alkalisch und blieb auch 
beim Stehen an der Luft klar. Der vollkommen weisse Salzrückstand 
wog: 8 grm. Bei der Analyse ergab er 22,8 Proc. Natron, benzoes. 
Natron verlangt: 21, o Proc. Er verhielt sich sonst wie benzoesaures 
Natron, auch die daraus abgeschiedene Benzoesäure hatte den richtigen 
Schmelzpunct 120". Kohlensaures oder oxalsaures Natron konnte nicht 
nachgewiesen werden. Ich vermag vorläufig nicht anzugeben, welche 
Substanz den etwas zu hoch gefundenen Natrongehalt verursacht hat. 
Nach dem Abdestilliren der ätherischen Lösung im Wasserbade 
blieben an gelb gefärbter Flüssigkeit übrig: 7,5 grm. Bei der Destilla- 
tion zeigte sich, dass ein geringer Theil höher siedende Substanz vor- 
handen war, die diesmal nicht Benzoesäure sein konnte. Um sie frei 
von Benzoeäther zu erhalten, wurde, da dieselbe durch verdünnte Na- 
tronlauge auch in der Siedehitze keine Veränderung (^fuhr, die Gesammt- 
menge der aus der ätherischen Lösung erhaltenen Flüssigkeit wiederholt 
mit Natronlauge im Ueberschuss in ein Rohr eingeschlossen und wäh- 
rend mehrerer Tage auf I 00 ^ erhitzt. Der Benzoeäther verschwand. 
Das übrigbleibende Oel wurde nach F^ntfernung der Natronlauge in 
Aether gelöst, derselbe entwässert und dann abdestillirt. 

Die Menge gelblichen öligen Rückstandes betrug 1,5 grm. Bei der 
Destillation zeigte sie sich aus 2 Substanzen bestehend, einer nämlich, 
welche zwischen 200 und 210" destillirte und einer, welche bei 300" 
noch nicht überging. "Erstere stellte eine farblose Flüssigkeit dar von 
an Benzoeäther erinnerndem aber mehr kratzendem Geruch, letztere war 
eine fast feste gelbe terpentinähnliche Masse. 

Die Erstere gab bei der Analyse: 77,3 Proc. Kohlenstoff und S,9 
Proc. Wasserstoff, was der Zusammensetzung: €"fli"02, welche 76,4 



Leber die Kiiiwirkiiiig des Aethernalreiis .mf di>* Aether eiiiiüer Kolilenstoffsäuren. 263 

Pioc. Kohlenstotr undy, I Pior. Wasserslofl' verlangt, entsprechen würde ; 
die Letztere, undeslillirt . ergab: S4,4 Proc. Kohlenstoff und 7,9 Proc 
Wasserstoff, welclie Zahh'n auf die Formel : ti^H"0- führt, welche 
81,0 Proc. Kohlenstoff und 8,0 Proc. Wasserstoff fordert. 

Von diesen Substanzen iiisst sich vorlaufig nur sagen, dass sie 
keine Sauren und keine Aetherverbindungen sein können, sie können 
aber zur Klasse der Alkohole oder zur Klasse der Kelone gehören. Ob 
ihre Entslehung mit der Thatsache zusammenhängt, dass das bei ihrer 
Bildung zurückbleibende benzoesaure Natron einen um 1,3 Proc. zu 
hohen Natrongehalt ergeben hat, sowie mit der Entstehung des beim 
Oert'nen des Rohrs ausströmenden brennbaren Gases, kann ich bis jetzt 
nicht angeben. 

Benzoesäureäther gibt mit Aethernatron also bis IßC 
erhitzt der Hauptsache nach b e n z o e s a u r e s Natron und 
Aether. 

Aus dem Mitgetheilten ergibt sich somit als Gesa mmtresid tat, dass 
Aethernatron, wenn es auf die Aether der Essigsäure, Ameisensäure, 
Oxalsäure und Kohlensäure einwirkt, die nämlichen Producte bildet, 
wie das Natrium, indem die Entstehung der Letzteren durch die Ent- 
slehung des Ersteren bedingt ist. 

Jena, -Mitte März 1868. 



lieber Legiimin. 



Von 

Dr. R. Theile, 

Assistent am laiulwirth.sihiiflliclien Institut üu Jena. 



Im Anschliiss an eine in (uneni früiieren llcfU; dieser Zeitschrift 
veröffentlichte Arbeit') über das Albumin, sein Verhalten gegen Kah, 
sowie seine chemische Constitution betreffend, sind auch die nun tol- 
genden Untersuchungen über Legumin von mir durchgeführt worden. 

Die Anregung dazu gab die Frage, wie viel Ammoniak sich ent- 
wickle, wenn Legumin andauernd mit concentrirter Kalilauge behandelt 
wird, da sich die l)ei analoger Behandlung des Thier- und Pflanzen- 
eivveisses erhaltenen Resultate nicht wohl ohne Weiteres auch aufCasein 
und Legumin übertragen Hessen. 

Darstellung des reinen Leg um ins. 

Als Rohmatei'ial dienten fein gestossene Erbsen. Das Erbsenmehl 
wurde mit Wasser auf einem Drahtsiebe ausgelaugt, immer in kleineren 
Portionen. 

Die Behandlung mit Wasser wurde jedoch nicht bis zum Durch- 
laufen einer klaren I^Iüssigkeit fortgesetzt , da sonst die zu stark vor- 
dünnte Lösung die Gewinnung des Legumins wesentlich ersch^ve^t hätte. 

Die durchgelaufene Flüssigkeit wurde so lange stehen gelassen, bis 
sich das Stärkemehl vollständig abgesetzt hatte. 

Die überstehende klare Flüssigkeit wurde mitdem Heber abgehoben. 
Proben davon längere Zeit erhitzt zeigten auch nicht die geringste 
flockige Abscheidung, nur eine geringe milchige Trübung trat mit der 
Zeit ein, sowie die Bildung düryier Häutchen auf der Oberfläche. 

Albumin konnte demnach in der Flüssigkeil nicht zugegen sein. 

1) Diese Zeitschrift Band ill. 2. u. 3. 1867. 



llehci' I.i'iimniii. 265 

Die mikroskopisclic riihM-suclumi; iiiil" Aniyliim Hess keine Spur 
(Unon in der Flüssigkeil erkennen. 

Die so Jils von Albumin und Ain\, luni Irei erk;uinle Flüssigkeil wurde 
ruil absolutem Alkohol versetzt, wobei sich das Legumin in dichten 
Flocken abschied. 

Die verdünnte alkoholische Flüssigkeil liess sich schnell und voll- 
kommen fillriren, so dass das auf dem Filier bleibende Legumin nur 
kurze Zeit mit der Luft in Berührung kam. 

Nach und nach w'urden nach obiger Methode 2 Pfund geslossener 
Erbsen behandelt und die gefällten und abfiltrirten Mengen Legumin 
sogleich in einem mit absolutem Alkohol gefüllten Sanuiielgefässe zu- 
sammengebracht. Die Gesannnlmasse wurde einige Tage: unlei" öfterem 
Fmschütleln mit Alkohol in Berührung gelassen, um Wasser und fär- 
bende Substanzen zu entfernen, hierauf fillrirt. mit absolutem Alkohol 
ausgewaschen und dann auf ganz ähnliche Weise milAether behandell, 
um ilas Fett zu entfernen. 

Das vom Aether befreite Legumin wurde dann mit Hülfe eines Aspi- 
ralors und l)ei einer durch warmes Wasser erzeugten, höchstens öO"G. 
betragenden Temperatur einem andauernden, über Ghlorcalcium ge- 
trockneten Luftstrome ausgesetzt und schliesslich unter der Luftpumpe 
getrocknet. 

Nach längerem Stehen unter der Luftpumpe (8 Tage) erhielt ich 
eine gelbe, vollkommen spröde Masse, die zerrieben ein feines weisses 
Pulver gab. 

Charakteristisch ist, dass Legumin bei ganz analoger Behandlung 
viel mehr Zeit erfordert, um in eine spröde trockne Masse überzugehen, 
als Albumin. 

DieAusbeute des so gewonnenen Legumins war eine sehr geringe, 
was in dem Bestreben, jede mögliche Verunreinigung zu vermeiden, 
Erklärung findet. 

Aus'den 2 Pfund Erbsen erhielt ich lU grm. Legumin. 

Analyse des Legumins. 
B e s l i ni m u n c des Aschengehaltes. 

KJ TD 

0. •■{•)•> grms. Substanz hinterliessen 0.025 grnis. Asche = 7.04"/^. 

0.936 » » )) 0.062 » » = 6.72 "/o- 

Fvine nähere Untersuchung der Asche, deren speeielle Besullale ich 
im Vereine mit mehrfachen anderen mit Aschen von Eiweisskörpern 
ausgeführten Analysen in einer späteren Arbeit mittheilen werde, ergaJ) 
unter anderen die völlige Abwesenheit von Schwefelsäure. 



266 Dr. li. Theile, 

Es ist diess insofern inleressanl, ;ils daraus erhellt, dass der im 
Legumin enthaltene Schwefel, der, wie wir weiter unten sehen werden, 
0.7 "o beträgt, beim directen Verbrennen entweicht und nicht in der 
Form von Schwefelsäure deplacirend auf Salze der Asche einwirkt. 

Der weit übeiwiegendeTheil der Asche besteht aus phosphorsauien 
Alkalien und phosphorsauren alkalischen Erden. 
VV a s s e 1- b e s t i m m u n g. 

Zur ßestinunung des Wassergehaltes wurde I^eguniin in einem 
Röhrchen, durch das sich ein Luftstrom zicihen und der Charakter der 
entweichenden Dämpfe durch angefeuchtetes Reagenspapier erkennen 
Hess, lange und anhallend einer allmählich gesteigerten Teniperatur aus- 
gesetzt. 

Von den 2ö hinter einander angestellten Trockenversuchen war 
jeder das Resultat einer mindestens viertelstündigen Einwirkung der 
entsprechenden, allmählich gesteigerten, Ten)peratur. 

Ich hebe aus der langen Reihe dieser Versuche nur diejenigen her- 
vor, die für die daran anzuknüpfenden Berechnungen unbedingt nö- 
thig sind. 

Die Wägungen I—V. (bei 90 0C. — iOO») ergaben 5.55— H.eS^yWasser. 
» » VI. VII. u. VIII. (bei lOO«) ergaben alle 9.377o » 

» » IX— XII. (bei 1 000— 1 1 o«) ergaben 9. 37 o/o— '1 0. 76% » 

» » XIII— XV. (bei 120 0) ergaben alle i 0.76 o/^ Wasser. 

» » XVII— XX. (bei 1300) ergaben alle 12.03 o/o » 

» » XXI. u. XXII. (bei 1300— 1500) gaben beide 12. 730/o » 

» » XXIII. (160 0) gab 13. 42 o/o Wasser. 

Die letzte Wägung XXV. (180 0) gab 15.62o/o Wasser. 

Von XXIII. an trat aber auch schon allmähliche Zersetzung der 
Substanz ein. 

Ueberblickt man die Reihe, so findet bei allmählichem Steigen der 
Temperatur selbstverständlich auch eine steigende Abnahme des Wasser- 
gehaltes der Substanz statt, aber diese Abnahme findet nicht ganz müI- 
kürlich und gesetzlos statt, sondern es treten ganz positive fixe Puncle 
auf, wo bei längerem, oft stündlichem Trocknen der Wassergehalt nicht 
abnimmt, dann aber plötzlich wieder bis zu einem nächsten stationären 
Puncle sinkt. 

Bei 160 trat ein schwach brenzlicher Geruch auf, der die begin- 
''^nde Zersetzung andeutet, bei I70o trat alkalische Reaction ein, die 
.ch bei I 80 o intensiv steigerte, bei welcher Temperatur auch schon in 
der Röhre eine starke Nebelbildung die Zersetzung erwies. 

140 0C. ist als die Temperatur hinzustellen, bei derLegumin, ohne 
ich zu zersetzen, sein gebundenes Wasser vollständig abgibt. 



l'pber Li'tiiimiii. 267 

Der CH'hall ilcs Lei^iuiiiiis itii WasstM' lieiofhiiot siili ilcmiuich zu 

Wirft man ciiuMi Blick auf obii^c Reihe, so sielu man, dass erst bei 
Temperaliiien über l0()"eiiu' wiederkelirende Hei;elmiissiu,keil sich gel- 
lend maelit. Diess Verhalten spricht jedenfalls dafür, dass hier nicht 
hyj^roskopisch adhiirirendes, sondeiii nach festen Verhiiilnissen chemisch 
;;('bnndencs Wasser ausgetrieben wird. 

Schon Andere haben bei der Aufstellung von Formeln für die lu- 
wei skorper, in erster Linie aber namentlich fürvMbumin, auf chemisch 
gebundenes Wasser Rücksicht genommen. 

I.IEBLRKÜHN beispielsweise schreibt den. Albumin die Formel C" 
lliioXisS20"+ 2aq zu. 

Diese Annahme, zu der Likberkühn durch das Studium der Melall- 
verl)indungen mit Albumin bewogen wurde, glaube ich bei meinen 
Untersuchungen des Albumins durch den di reden Versuch bestätigt zu 
haben, jiur dass ich tlahin geführt wurde i Aeq. Wasser annehmen zu 
nüissen. 

Auch im vorliegenden Falle weist das Verhallen des Legumins dar- 
auf hin. 

Wie später folgen wird, ergibt sich nach meinen Untersuchungen 
liu-das Aequivalent des bei 140« getrockneten, also wasserfreien Legu- 
mins die Zahl 1 71 3. 

Berechnet man den Procentgehalt an Wasser, wenn zwei, vier und 

sechs Aequivalente HO hinzutreten, so erhält man: 

1713 + 2H0 = 1.039 %H0. 

1713 + iHO = 2.058 o/o HO. 

1713 4- 6 HO = 3.087% HO. 

Vergleicht man die Resultate der Wägungen XXI u. XXH. sowie 
der Wägungen XHI — XV., die beide Ruhepuncte bilden, so ergibt sich 
eine Differenz von 2, 03% im Wassergehalt, welcher bei der angegebenen 
Aequivalentenzahl 4 Aeq. W^asser entsprechen, dies entspricht bei 100" 
= 1713 -4- (3 HO. 

Vergleicht man die Resultate der Wägungen XXL und XXH. mit 
denen der Wägungen VL bis VHL, so ergibt die Differenz 3.36%. 
Die Wägungen (XVII — XX.) repräsentiren die Substanz 

1713-1- HO. 

Es scheint mir desshalb nach den vorliegenden Untersuchungen 
wahrscheinlich, dass auch Legumin, ebenso wie Albumin Wasser in 
festen Verhältnissen chemisch gebunden enthält und dass die Menge 
6 Aequivalente beträgt. 



26S IH. H. Tli(.'ilo, 

Besti III III Uli l: des Seh \v ef e Ige ha 1 los. 

Die Substanz wurde mit kohleiisauieni Natron und Salpeter itn 
Tiegel geschmolzen, um S in Schwefelsäure überzuführen. Eine Correction 
der hierbei gefundenen Schwefelsäure war nicht nothwendig, da die 
Asche keine Schwefelsäure enthält. 

I. 0.834 grms. Subst. gaben 041 BaO SO;. = 0.08% S. 
II. 0.787 « » » 0.045 » )) =0.78%S. 

Es ergibt sich hieraus im Mittel ein Gehalt von 0.74 '*/(, S. 

Die in analoger Weise ausgeführte Prüfung aufPhos[)hor erwies die 
vollständige Abwesenheit desselben. 

Norton'] hat in dem Legumin ausErbsen undMandeln bedeutende 
Mengen Phosfilior gefunden, von i o/„ bis 2.4 o/(,. 

Diesen schon von Anderen bezweifelten hohen Gehall an Phosplior 
nmss auch ich entschieden in Abrede stellen. 

Eine nach Norton 5.2% Phosphorsäure enlsprechende Menge 
Phosphor kann unmöglich übersehen werden, sie liegt weit ausserhalb 
der Grenzen möglicher Versuchsfehler. 

Bestimmung des Stickstoffs. 
I. 0.325 grms. Substanz mit Natronkalk geglüht und den Stickstoti" 
nach Varrentrapp und Will bestimmt ergal)en : 

0.04376 grms. = 13.46% Stickstoff. 

II. 0.328 grms. ebenso behandelt: 

0.04464 grms. = 13.60% Stickstoff. 

III. 0.371) grms. nach Varrentrapp : 

0.05199 grms. = 13.72% Stickstoff". 

IV. Eine Beslinnnung des Stickstoffs in Gasform lieferte ixn 2:i"C. und 
747 Mm. Barometerstand 49.7 G.G. Gas. 

Es entspricht dies 0.05511 grms. = 1 4.82 "/„ Slickslolf. 
Die letztei'e Bestimmung gibt den Gehalt offenbar zu hoch an, wie 
auch die Entdeckei' der Methode zugeben. 

Im Mittel ergibt sich nach den 3 ersten Anahsen ein Gehalt des 
Stickstoffs von 13.60"yo. 

Bestimmung von Kohlenstoff und Wasserstoff. 
1. 0.414 grms. Substanz mit chromsaurem Bleioxyd und vorgeschla- 
genem metallischen Kupfer behandelt gaben : 

0.264 grms. HO = 0.02933 grms. H = 7.1 % 11. 
II. 0.304 grms. Substanz ebenso behandelt lieferten: 

0.'f50grms. CO2 = 0.12273 grms. G = 40.iO"„ G. 
0.207 » HO =0.023 « H = 7.5'VnH. 



^) Fharmac. Ci-iitr;ill)la(l 1848. S. -241. 



(lolior l.ciiiiiiiiii. 2G9 

Ili. i).;{ri.') grms. Suhslimz hei ;in;iloij;oi' neli.iiulliin!^: 

0.Ö07 grms. CO-^ = 0. 138^7 grms. C = 41.83% C. 
0.231 » HO = 0.02;i6(i « 11= T.fiO^.iH. 

IV. 0.310 grms. Substanz ergalion : 

0.469 grms. CO2 = 0.!?79l grms. C = '(1.26% C. 
0.217 .) 110 = 0.0211 l"^« 11= 7.75 7oH. 

V. 0.371 grms. Substnnz wurden milKupforoxyd und vorgesclilagenem 
metallisciiom Kupfer Norbrannl; ich fand: 

0.:3;)2 grms. CO-^ = 0.IÖ055 grms. C = 10.6 %C. 
0.2 5 2 « 110 = 0.0-?r>88 » H= 7.3 "/qH. 

Nach den Analysen 111. und IV. ist demnacli ein Kohlenstoffgelialt 
von 41.3 "0 anzunehmen. 

Die Verbrennung V. mit Kupferoxyd, statt chromsaurem Bleioxyd, 
also mit einem minder kräftig wirkenden Oxydationsmittel, wurde des- 
halb ausgeführt, weil ich bei Al])umin ') die Erfahrung gemacht hatte, 
dass je naci) der Verbrennung mit Kupferoxyd allein, oder mit Kupferoxyd 
und durchgeleiletem Süueisloff, odei' endlich mil chromsaurem Bleioxyd, 
der gefundene Kolileiiston' ein verschiedener war und dass er nur bei 
der Verbrennung' mit chromsaurem Bleioxyd vollständig erhalten wurde, 
dagegen bei der Veibrennung mit Kupferoxyd mit oder ohne Sauerstoff 
ein verschiedene!" und zwar ein constant verschiedener war. 

Mit Kupfei'oxyd allein wurden 1 1 "^/q Kohlenstoft' weniger ei'halten ; 
heim Veibrennen mil Kupferoxyd bei durchgeleitetem Sauerstoff unge- 
fähr 6'^/q weniger. 

liier beim Behandeln des Legumins mit Kupferoxyd, wurde selbst 
ohne Durchleiten von Sauerstoff der enthaltene Kohlenstoff so gut wie 
\ollständig zu CO2 verbrannt. 

Ich muss dieses Verhalten des Legumins dem Albumin gegenüber 
als etwas für dasselbe charakteristisches betonen, jedenfalls scheint der 
Kohlenstoff in ihm leichter verbrennlich zu sein, wie im Albumin. 

Was den Gehalt an Wasserstoff betrifft, so ergibt sich aus den 
5 Analysen ein mittlerer Gehalt von 7.J5%. 

Bestimmung des relativen Verhältnisses zwischen 
Kohlenstoff und Stickstoff. 

Die Bestimmung wurde nach der bekannten LiEBKi'schen Methode 
ausgeführt und stelle ich kurz die Resultate zusamnuMi, die 6 nach ein- 
ander gefüllte Bohren ergaben : 



1) Diesp Zcilsfhrifl B;mcl MI. ?.. Heft. Soito 15',, 



270 nr. R. Theile, 

N N: CO2. 
1, CO.2 + N = 27. liC.G. darin 5.3C.G.1: 4.00. 
11. » 4- .1 = 28.65 » » 4.75 » 1 : 5.03. 
in. » 4- » =83.10« >> 5.5 » 1: 5.02. 
TV. )) 4- fl = 34 9 )) » 4.0 » 1 : 6.1?, 
V. » -+-))= 35.0 » » 4.5 » 1 : 6.77. 
VI. « -t- )i = 34.3 » » 4.2 » 1: 1 A . 
Legi man boi obigen Versuchen das letzte Verhällniss, als der 
Wahrsclieinlichkeil am niichsten kommend zu Grunde, so ergil)t sich 
das Verhällniss: 

N^: G'-i = 14: 42.6. 

Geht man von 41 .3 % Kohlenstoff aus, so ergibt sich ein Gehalt von 
'13.57'J/,) Stickstoff, was allerdings mit dem direclen Versuche iiberein- 
slinunt. 

Nähme man nach Liebig die Gesammtvolume in den 6 Röhren zur 
Grundlage der Berechnung, so erhielte man : 

164.3 : 29.15 = 1 : 5.6. 
Fährt man dagegen nach Rose so lange mit der Verbrennung fort, 
bis 2 Röhren dasselbe Verhällniss ergeben , so wäre in unserem Falle 
schon nach der drillen Röhre der Versuch beendet gewesen, denn : 
11. CO2 : N = 5.03 : 1. 
III. CO2 : N = 5.02 : 1 . 
Wie ich schon bei der Analyse des Albumins betont und wie es von 
andern namhaften Chemikern ausgesprochen wurde, sind die Resultate 
dieser relativen Bestimmung nicht immer brauchbar. 

Die direcle Untersuchung des Legumins hat demnach folgende Re- 
sullale ergeben: 

Asche = 6.71 o/o- 

Wasser = 12.73%. 

C = 41.30%. 

n = 7.45%. 

N = 13.60%. 
S = 0.74 Vo- 

Zieht man von dem Gesammtgehalt an Wasserstoff den auf das bei 
I iO" au.sgetriebene Wasser entfallenden Anlheil ab (1.41*'/,,) und be- 
rechnet auf Wasser- und aschenfreie Substanz , so ergibt sich für Le- 
gumin, bei 1 40 ^ getrocknet, folgende Zusammensetzung : 

Berechnet : 
C = 51.30: 6 8.55 147.4 C148 51.83 0/0. 
11 = 7.51 : 1 7 51 129.5 TT 129 7.53% 
N = 16.88: 14 1.20 20 6 N 20 ](\AOy^. 



Ucher I.t'iiniiiiii. 271 

lieroclinet : 
S = 0.9? : l() O.OIJS 1. S 1 0.93%. 

= ?3.39 : S ?.9I 50.1 O .'iO 23.35 «/o. 

Wir slollcMi sninil iukIi den Ers^ebnissen der Analyse für Lcgumin 
(lio Formel C,4s H,2o N.20 S0:,o + 6 HO auf. 

Ab.strahirl man von den 6 Aeq. Was.sei% so ist das Aequivalenl des 
Legiimins I 7 1 .3 

Ich fiku' liier noch die Analysen anderer Chemiker kurz hei, theils 
um den Vergleich mil meiniMi Resullalen /ii (uleichlein, Ihcils um aiu-h 
im Folgemh>n mich noch si)ecieli darauf Ixv.iehen zu können. 

Du.MAS 



11. 


Cahouks. 


SOHKKKKK. 


KuCHLKDKK. 


RÜLIN«. 


LÖWKNUKKO. 


Norton. 


Theilk. 


KohlenstolT 


f)0.53 


53.7 


54.3 


50.68 


53.9 


50.72 


51.30 


WasserstofT 


0.91 


7 2 


7.4 


fi.74 


■ 7.2 


6.58 


7.51 


Sl ick s toll' 


IS, 13 


13.7 


14.r. 


16.50 


— 


15.77 


16.88 


Schwefel 


.._ 


— 


— 


0.4S 


0.3 


0.77 


0,92 


SauerstoiT 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


23.39 


Phosphor 


— 


— 


— 


— 


— 


2.31 


— 



Diese siimrnlliclicu Analysen wurden ebenfalls mit Leiiumin aus 
Erbsen ausirefiilut 

In Betreff" des Schwefelgehaltes sei kurz er^^ iduil, dass Scuwarzen- 
BACii ' denselben im Casein stets halb so gross gefunden hat als im Al- 
bumin und dies Verhalten als charakteristisch hinstellt. Er fand im 
All)unun stets zwischen 1.85 bis 2.2 "y Schwefel. 

Ich fand den S -Gehalt im Albumin 1 .98% ; 1''^'' iniLegumin 0.92, 
also gerade die Hälfte. Es scheint denuiach das Legumin sich hierin 
dem Casi'in analoc zu verhalten. 



Einwirkung von Kali a u f L e g u m i n . 

Bei Aufstellung dieser Frage kam es mir darauf an, in Erfahrung 
zu bringen, ob sich Pflanzenlegumin dabei dem Pflanzenalbumin analog 
verhalle, überhaupt den Fehler kennen zu lernen, der bei der Bestim- 
mung des Ammoniaks in Leguminosen dadurch entsteht, dass Legumin 
durch die Einwirkung des ätzenden Alkalis zersetzt wird. 

Die ganze Anordnung des Versuches war ähnlich der beim Albumin 
eingehaltenen und verweise ich auf das betrefTenden Orts mitgetheille^). 

Das Legumin wurde mit der zehnfachen Menge Aetzkali und ver- 



1) Annalen der Cliemie, Februarheft 1865. 

-2) Stöckhardt, Zi'itscliiin fiii- liout.sclio l^andwiiilio X.\ll. ,lalir.i<iuiu St'id' 303. 
Clioinisflios CentralMall 1860. 



272 Dr. R. Theile, 

dünntem Alkohol in einem Glaskolben zusammengebiocht und durch 
wiederholte Destillationen das entwickelte Ammoniak in einemil Normal- 
schwefeisäure verseiiene Vorlage übergetrieben und durch Titriren be- 
stimmt. 

I G.G. neutralisirter Flüssigkeit entspricht Vio-ooo A^q. , oder 
O.OO^I^oG grms. Ammoniak, wenn 0=10, 

Bei der folgenden Versuchsreihe w ird immer nur kurz angegeben 
wie viel Gubikcenlimeter durch Ammoniak neutralisirt waren. 

In der Vorlage waren bei siinnutlichen Versuchen je 5 G.G. Normal- 
säure, welche vorderTitrirungauf 50G.G. verdünnt wurden. Es wurden 
gleichzeitig 2 Versuche durchgeführt. 

I. 1.505 und II. 1.468 
grms. Legumin wurden mit je 15 grms. Aetzkali und 80C.C.ßO% Al- 
kohols eine Stunde lang deslillirt. Gleich Anfangs schieden sich in dem 
noch sehr hochgradigen Deslillale der Vorlage deutlich sichtbare Kiy- 
slalle von H4NO, SO., aus, die sich mit der Zeit wieder lösten. Nach 
Beendigung der Destillation wurde der Destillationskolben durch einen 
Quetschhahn abgesperrt und die Flüssigkeit in der Vorlage tilrirt. Hiei- 
auf wurde die Vorlage mit neuer Normalsiiure und der Destillations- 
kolben möglichst schnell wieder mit Alkohol versehen, von Neuem de- 
slillirt und titrirt und so in fortlaufender Reihe weiter verfahren. 
I. II. 

1) Neutralisirt waren: 

r2.2oG.G. = 0.026038 grms. ILN 13G.G. = 0.027638 grms. H;,N 
1.730%. ^ 1.882%. 

2) Die unmittelbar folgende Destillation ergab: 

2.:iG.G. = 0.00531 i- grms. H.jN 1 G.G. = 0.0021 25 grms. lijN 

0.352%. 0.151V 

3) Desgleichen : 

1.5 G.G. = 0.0031876 grms. II;^N 0.5 G.G. = 0.00106 grms, Il.jN 

0.212%. 0.072%. 

i) Desgleichen : 
1 G.G. = 0.0021256 grms. lijN 0.25 G.G. = 0.00053 grms. Il^N 

0.111%. 0.036%. 

Ich Hess nun den Versuch vier Tage ruhen , w obei , wie auch bei 
den folgenden Versuchen, die vorgelegte Schwefelsäure von der äusseren 
Atmosphäre abgesperrt wurde, um eine niögliche Aufnahme von Am- 
moniak aus dieser zu verhindern. 

5) Nach 4 Tagen waren neutralisirt: 
0.75G.G, = 0.00159 grms. IljN I.2G.G = 0.00276 grms H.,N 

0.105%. 0.18! %. 



üeber Legiimin. 



273 



ICC. = 0.002125 grins. .H;jN 
0,151 'Vü.' 

OC.G Kein Ammoniak. 



1.5G.G. = 0.00318 grnis. ILN 

0.232%. " 

1.8C.C. = 0.00382 grms. E^N 

0.260%-' 

OC.C. Kein Ammoniak. 



<)) Nach weiteren 2 Tagen : 
0.75C.C. = 0.00659 grms. HjN 
0.105%. ' 

7) Nach weiteren 6 Tagen : 
1.5 CG. = 0.00318 e;rms. R^N 

0.212%. ' 

8) Nach 1 Tagen : 
I.25G.G. = 0.0025 grms, H.,N 

0.227%. 

9) Nach 6 Tagen : 

OC.G. Kein Ammoniak. 

1 0) Nach 7 Tagen : 

OG.G. Kein Ammoniak. 
11) Der Versuch wurde 7 Wochen lang ruhen gelassen, die darauf lol- 
gende Titrirung ergab in beiden Fällen die Abwesenheit von Am- 
moniak. 

Stellt man die erhaltenen Resultate zur besseren Uebersicht noch- 
mals kurz neben einander: 

I. II. 

1.882% HgN 
0.151 » » 
0.072 » » 
0.036 » )) 
0.181 » » 
0.151 » » 
— » » 
0.232 » » 
0.260 » » 



') 


1.730 


% H,N 


2) 


0.352 


)) » 


3) 


0.212 


» » 


4) 


0.141 


» » 


5) 


0.105 


» » 


«) 


0.105 


» » 


7) 


0.212 


» » 


«) 


0.227 


)) » 


9) 


— 


» » 


10) 


— 


» » 


11) 


— 


» » 




3^81^ 


VoH.N 



hinter einander 



4 Tage gestanden 



» 



2 
6 
10 » 

6 .) 

7 » 

7 Wochen 



2.965%E5N 

so sieht man vor allem, der über ein Vierteljahr ausgedehnte Ver- 
such beweist, dass auch bei Legumin Ammoniak keineswegs in so 
grosser Menge als Zersetzungsproduct auftritt, als wohl bislang vermuthet 
wurde. 

Die 4 ersten, schnell hinter einander ausgeführten Destillationen 
zeigen die rasche Abnahme von Ammoniak; es tritt hier jedenfalls als 
directes Zersetzungsproduct auf, während die später entwickelten 
Mengen wohl von der Einwirkung des Kalis auf gebildete Zersetzungs- 
producte herrühren. 

Berechnet man die im Mittel 3% betragende Menge Ammoniak auf 
Stirkstotl", und zwar in hei 140"^ getrockneter und aschenfreier Suh- 

üaiid IV. 2. IS 



274 Dr. R. Theile, 

stanz, so ergibt sich, dnss durch Kali nur 3. 07% Stickstoff in der Form 
von. Ammoniak ausgetrieben worden sind; dieser Antheil verhält sich 
zum Gesammtgehall wie 5.5 : 1 . 

3 07 
Es wurden nur -== 0.182 des Gesammtgehalles, also noch 

1 u.o8 

nicht ganz 2/,^^ ausgetrieben. 

Hierin unterscheidet sich Legumin wesentlich von Thieralbumin, 
wo 0.304 also beinahe ein Drittheil des Stickstoffs ausgetrieben wird. 

MitPflanzenei weiss wurden von mir keine so anhaltenden Versuche 
angestellt, sondern nur so lange stetig hinter einander destillirt, bis 
keine weitere Ammoniak-Entwickelung eintrat, das heisst, es wurde 
nur das als directesZersetzungsproduct auftretende Ammoniak bestimm 
und diese Versuche stimmen allerdings auch mit den jetzt vorliegenden. 

Die vier ersten Destillationen unsers Versuches II. ergaben 2.141 % 
Ammoniak. Bei Kartoffeleiweiss fand ich 2.0227o- 

Trotzdem also Legumin einen höheren Gehalt an Stickstoff besitzt, 
wie Pflanzeneiweiss , wird doch nicht mehr Ammoniak direct ausge- 
trieben, im Gegentheil tritt bei Pflanzenalbumin relativ mehr Stickstoff 
in Form von Ammoniak aus. 

DasVerhällniss ist hier wie 1 : 5.76, bei Legumin dagegen nur wie 
1 : 6.76. 

Es lässt sich somit kurz wie folgt resümiren : 

Bei der Einwirkung concentrirter Kalilauge auf Legumin wird Stick- 
stoff in Form von Ammoniak ausgetrieben ; die Menge ist geringer als 
bei dem stickstoffürmeren Albumin, sie beträgt noch nicht 2/,^, des Ge- 
sammtgehaltes. 

Das austretende Ammoniak ist einestheils directes, anderntheils 
seeundäres Zersetzungsproduct. Jenes überwiegt bedeutend. 

In Betreff der zuerst als Zersetzungsproduct auftretenden Mengen 
scheint Uebereinstimmung mit Pflanzenalbumin zu herrschen, die Menge 
ist bei beiden Eiweissarten eine übereinstimmende. 

Sollen demnach bei Leguminosen Bestimmungen ihres Gehaltes an 
Ammoniak durch Austreiben mit Kali vorgenommen werden, so müsste 
eine 2 ^o ihres Legumingehaltes entsprechende Correction angebracht 
werden. 

Was den bei der Behandlung des Legumin mit Kali im Entwick- 
lungskolben zurückgebliebenen Rückstand betrifft, so war er beträcht- 
licher als bei Albumin ; das Legumin löste sich nur theilweise und 
schwierig, auch zeigte die alkalische Flüssigkeit nicht die bei Albumin 
so bald eintretende und eine Zersetzung hndeutende rolhe Färbung. 

Diese Flüssigkeit, das Producl einer vierteljährlichen Einwirkung 



i 



Ueber liegiimiii. 275 

von Kali auf Lcgumin, wurde üllrirt uml der Rückstand ausgewaschen, 
er l)estand grösslentheils aus phosphorsauren Erden. 

Das gelbe Fillral wurde verdünnt und mit SO;j dasKali neulralisirt. 
Es war dabei kein besonderer Geruch wahrzunehmen wie bei Albumin. 
Nach längerem Stehen schied sich aus der stark verdünnten Flüssigkeit 
ein (lockiger Körper ab; er erwies sich als Kieselsäure, \NahrscheinIich 
von einer Verunreinigung des Kali herrührend. 

Die von der Kieselsäure abfdtrirte Flüssigkeit wurde zur Trockne 
eingedampft und die Masse mit absolutem Alkohol extrahirt. Ich erhielt 
einen braunen, klebrigen Körper. Es gelang nicht, mikroskopisch eine 
deutliche Krystallisation zu erkennen, nur einzelne Nädelchen zeigten 
sich, aber Aussehen und Geruch, sowie die durch Aether bedingte weisse 
Fällung erinnerten an den bei Albumin gefundenen Körper. 

Leucin und Tyrosin Hessen sich durchaus nicht nachweisen. 



Vergleichen wir nun die Resultate und Methode vorliegender Arbeit 
mit den Ergebnissen der von Anderen ausgeführten Analysen. 

Wie schon bei der Darstellung des Albumins, war auch hier die 
leitende Idee, die Anwendung jeder höjieren Temperatur , jedes mög- 
licherweise energischer wirkenden Fällungs- oder Reinigungsmittels 
zu vermeiden, ausserdem, den Reinigungsprocess auf die kürzeste Dauer 
zu beschränken, da ja bekanntlich Luft und Wärme auf Eiweisskörper, 
in flüssigem oder feuchtem Zustande sehr schnell einwirken. 

Die bekannten Methoden laufen sämmllich darauf hinaus , das Le- 
gumin namentlich von seinen anorganischen Begleitern zu befreien; 
hierbei liegt aber die Gefahr nahe, dass durch das Reinigungsmittel die 
Substanz selbst angegriffen wird und man so hier wieder einbüsst, was 
man dort zu bessern meint. 

Dumas und Cauours i) digeriren die gepulverte Erbsenmasse 2 oder 
3 Stunden lang mit lauwarmem Wasser, zerquetschen dann im Mörser 
und setzen kaltes Wasser zum Brei. Nach stündigem Stehenlassen wird 
durch Leinwand gepresst und zum Fällen der Stärke stehen gelassen. 
Aus der klaren Flüssigkeit wird mit verdünnter Essigsäure dasLegumin 
gefällt. Der filtrirte Niederschlag soll sich nur langsam und nicht ohne 
Schwierigkeit auswaschen lassen. Die weitere Behandlung mit Alkohol 
und Aether bleibt dieselbe. 

Die so erzielten Frpducte enthalten noch meist gegen 2 % Asche 
und kann es auch füglich nicht anders sein, denn die Löslichkeit des 



1) Annaics (I Chim. et Pliys. [3] VI. i,i3. 

18 



276 Dl"- B. Tlieile, 

Legumins in geringem Ueberschusse von Essigsäure, sowie die Unlös- 
liclikeit der phosphorsauren Erden in zu wenig Essigsäure, lassen den 
Process nicht in der erstrebten Weise verlaufen, einestheils wird der 
Aschengehalt nur etwas herabgedrückt, anderntheils aber die Substanz 
der Einwirkung einer Säure ausgesetzt. 

Bedenkt man, dass sich Legumin in geringem Ueberschuss von 
Essigsäure vollkommen und leicht wieder löst,' und ferner , dass durch 
Essigsäure oder eine andere Säure gefälltes Legumin selbst nach fort- 
gesetztem Waschen mit Wasser und Alkohol Lackmus stets röthet, wo- 
gegen frisch bereiteter wässriger Auszug aus Leguminosen vollkommen 
indifferent gegen Pflanzenfarben ist, so wird man darauf hingeführt, 
dass die Niederschläge des Legumins aus einer Verbindung von Legumin 
und Säure bestehen und die Lösung im Ueberschuss der Säure einfach 
auf der Bildung eines an Säure reicheren Salzes beruhe , eine Ansicht, 
die schon Braconnot i) aussprach. 

Rochleder 2) geht in seiner Reinigungsmethode noch weiter. Er 
fand, dass nach obiger Methode dargestelltes Legumin nicht rein sei. Er 
behandelt es daher nochmals mit concentrirter Kalilauge, worin es sich 
unter flockiger Abscheidung der fremden Substanzen leicht lösen soll. 
Er lässt zum klaren Absetzen längere Zeit stehen, behandelt die abge- 
hobene Flüssigkeit mit Essigsäure, löst die Fällung abermals in Ammo- 
niak, um schliesslich nochmals mit Essigsäure zu fällen. Von dieser 
Methode der Reinigung kann nun aber freilich nach den vorliegenden 
Untersuchungen nicht genug abgerathen werden ; selbst wenn die Dauer 
der alkalischen Einwirkung nur eine kurze ist, muss sie doch nothwen- 
digerv^eise Verluste an Stickstoff bedingen. Man vergleiche die oben 
mitgetheilte Analyse von Rochleder, die als das Mittel seiner Analysen 
von auf diese Art gereinigtem Legumin angeführt ist, mit meinen Re- 
sultaten. 

Der Kohlenstoffgehalt beträgt um 3 % niehr , der Stickstoffgehalt 
dagegen volle 2 % vveniger. 

Die erste Destillation des Legumins mit concentrirter Kalilauge er- 
gal) I-Sy^ Ammoniak, was auf aschen- und wasserfreie Substanz be- 
zogen einen Verlust von 1.8^0 Stickstoff ergibt, also beinahe genau 
das, was Rochleder zu wenig gefunden hat. 

Selbstverständlich muss dann auch der Gehalt an Kohlenstoff höher 
ausfallen. 

LüWENBERG nimmt an , der kalte wässrige Auszug aus Erbsen sei 



1) Ann. d. Chini. et Pliys. XXXrV. 68. 

2) Annalen der Glieinie und Pliarm 



Heber LeKiimin. 277 

eine Mischung von All)unnn und Leguniin. Er behandelt das gefällte 
Gemenge mit Ammoniak, dessen Ucberschuss er durch Verdunsten aus- 
treibt und erhitzt dann unter Zusatz von Koclisalz zum Sieden, filtrirt, 
fällt im Filtratc durch Essigsäure, vsäscht dann mit kaltem Wasser aus 
und behandelt schliesslich mit kochendem Alkohol und mit Aether. 

Was vor allen Dingen das Vorhandensein eines Gemenges von Al- 
bumin und Legumin betriflt, so muss ich dies bei meiner Untersuchung 
leugnen. 

Eineslheils hätte ich im wässrigen Auszuge beim Erhitzen irgend 
welche Abscheidung erhalten müssen, dem war nicht so. Aber selbst 
zugegeben, dass durch die Gegenwart von Legumin vielleicht Albumin 
an der Fällung verhindert werde, so spricht doch eine andere Thatsache 
entschieden dagegen, nämlich das Verhalten der Asche. 

Die Asche von Albumin enthält bedeutende Mengen von SO3 ; ich 
fand stets zwischen 9 und 12 (*/q. 

In der Asche des nach meiner Methode dargestellten Legumins, 
war es mir nie möglich auch nur eine Spur von Schwefelsäure zu ent- 
decken. 

Ich habe mir zur genauem Untersuchung der Asche des Legumins 
gegen 2 grms. Asche dargestellt; SO3 war jedoch nicht vorhanden. 

Ich bediente mich stets ganz reifer Erbsen. Vielleicht hat Löwen- 
berg mit jungen Erbsen operirt, wo ein Gehalt an Albumin eher denkbar. 

Es scheint mir demnach die LöwENBERo'sche Annahme an und für 
sich nicht stichhaltig. 

Aber geradezu schädlich für das Legumin muss die Methode der 
Trennung erscheinen. 

Löwenberg wendet dazu Ammoniak an , dessen Ueberschuss er 
durch Verdunsten austreibt, er bringt somit das Legumin längere Zeit 
mit einer stark alkalischen Flüssigkeit zusammen. 

Nach den Erfahrungen mit Kali ist es jedenfalls nicht ungereimt, 
auch dein Ammoniak eine ähnliche Einwirkung zuzuschreiben. Wohl 
mag es paradox klingen, dass Ammoniak durch Ammoniak ausgetrieben 
werde, aber die Sache steht einfach so, dass hier eine Flüssigkeit von 
stark alkalischem Charakter auf eine leicht zersetzbare Substanz ein- 
wirkt. Auch bei der Einwirkung von Kali wissen wir ja nicht, ob nur 
Ammoniak als kohlensaures Ammoniak austritt, sondern das Ammoniak 
ist uns als der einzig fassbare und leichtbestimmbarc Körper ein Maass- 
stab dafür, dass Kali überhaupt zersetzend eingewirkt hat. Leider 
liegen von Löwenberg keine StickstofTbestimmungen vor. 

Löwenberg gibt selbst an, das nach seiner Methode gereinigte Le- 
gumin gebe, mit Wasser gekochl, einen kohlenstoffreicheren in Wasser 



278 Dl'. H. Tlioilp, 

löslichen und einen kohlcnsloffarmeren, in Wasser unlöslichen Körper. 
Löwenberg beweist somit selbst , dass sein gereinigtes Legumin kein 
Legumin, sondern ein Gemenge ist. 

Diese 3 Methoden sind es , welche bislang in Uebung waren und 
die alle 3 nicht geeignet erschienen, wirklich zu erzielen , was sie be- 
zwecken, das heisst, das Legumin frei von anorganischen Bestandtheilen 
und anderen vermutheten Begleitern, aber auch zugleich in unzersetzter 
Form zu erhalten. 

Bei diesen sämmtlichen Methoden, und ähnliches gilt auch von Al- 
bumin und den meisten übrigen Eiweisskörpern, ist das Hauptaugen- 
merk darauf gerichtet, die anorganischen Bestandthcilc fortzuschaffen, 
wobei die Substanz selber schädlichen Einflüssen ausgesetzt wird. 

Es fragt sich nun, ob die steten anorganischen Begleiter wirklich 
nur so schlechthin als Verunreinigung anzusehen , oder ob sie nicht or- 
ganisch mit einander verbunden sind, so, dass die Lostrennung dieser Be- 
standthcilc auch den Zusammenhang des'Bestes wesentlich alterirt. 

Der Mangel an genaueren und oft zu wiederholenden Analysen der 
Aschen von Eiweisskörpern ist, wie ich glaube, eine vor Allem auszu- 
füllende Lücke. 

Wenn ich bei meinen, ohne Anwendung von Säure, Alkalien oder 
höherer Temperatur dargestellten Eiweisskörpern, fortwährend constante 
Gehalte an Asche erhalte, z. B. bei Kartoffeleiweiss in 3 Versuchen 
6.64 %, 6. 63 'Vo und 6.58 % Asche bekomme, bei Albumin 2. 3 %, 2.2 ^% 
und 2.2 7oj ^>ei Legumin endlich 6.62% und 6.78"/^, so ist dies wohl 
kaum ein Zeichen blosser Verunreinigung. 

Ich habe mich der oben angedeuteten Aufgabe unterzogen und 
werde die erzielten Resultate seiner Zeit mittheilen. 

Schon der Umstand, dass die Asche stets einen bedeutenden Gehalt 
von phosphorsauren Erden aufweist, spricht dafür, dass diese in einem 
innigeren Zusammenhang mit der organischen Substanz stehen müssen, 
sonst könnten sie nicht ihre Unlöslichkeit in Wasser so vollständig ein- 
büssen. 

Nach wochenlanger Behandlung des Albumins mit Kalilauge er- 
hielt ich aus der Flüssigkeit nach dem Neutralisiren mit SO3 und Ver- 
dünnen mit Wasser einen flockigen, eiwoissartigcn Körper mit gegen 
4 % Asche, die fast ausschliesslich aus phosphorsauren Erden bestand. 
Es spricht dies entschieden dafür, dass die phosphorsauren Erden der 
ursprünglichen Substanz sehr fest mit ihr verbunden waren , so dass 
sie selbst bei deren vollständiger Zersetzung nicht als solche heraus- 
fielen, sondern mit dem zersetzten Eiweisskörper vereinigt blieben. 



57Q 

So viel zur Rcchtfcügung <lo.- von ,ni.- hcfolglon Methode zuiDor- 

^'^"'kl.r,ü:h -SS ich noch eine aneice .,oge bcUh-en, .u deren 
Bcanf— g vorliegende U„U3US«ch«ngen MaUnial liefen.. Es handelt 
sTLhch «n> den'zusannnenhang .wische. AI ..nun und Le,u„ . 
Filr Albumin wurde von mir dicForu.el C,«llr24N„ ''jOio + '"" 
aut"estellt, für Lesumin ergibt sich: C„8H,2„N-20 SOjc + OUÜ. U.e 
rnnatl der Physiologen, dass das Legumin sich ^»-; '^ -^;'- 
Aibu.nin bilde, lässt sich leicht aus diesen l-orn.eln enlw.ckeln. Vor 
'"i uan di;selben, so sieht man, dass der Uebergang nur durch 
Aufnahme von Stickstoff, Sauerstoff und Wasserstoff, sowe durch Ab- 
cabe von Schwefel möglich ist. , ^ \ 

' Stickstoff und Sauerstoff sind wahrscheinlich in der Form von Am- 
moniak und Wasser aufgenommen worden ; zugleich gewinnen die vxer 
relvalente chemisch gebundenes Wasser des Albumms ihre Bedeu- 
tung, sie treten in innigere Verbindung mit der Substanz und werden 
ferner 3 Aequivalente Ammoniak gebunden. 

Albumin C^s Ht24 Nn 8-2 O4R 
-1- 4 HO 
+ 3 Ammoniak 
— Schwefel 

geben: Ci4s H137 

Man sieht, die Formel für Albumin geht in die des Legumin über; 
die Differenz im Wasserstoff liegt innerhalb der Grenze der Versuchs- 

^''^"' ChsH..oN,oS05o = 7.53o/,H. 

Cu8Hi37N2oS05o = 7.95 0/,H. 
Nimmt das Albumin nach unserer Annahme wirklich 3 Aequ.val Am- 
moniak auf, um in Legumin überzugehen, so werden sich diese 3 Aeq. 
H,N bei de; Einwirkung von Kali auf Legumin vielleicht auch leichter 

wieder lostrennen lassen. 

Die Einwirkung des Kali auf Legumin liegt vor und lassen sich da- 
bei zwei Momente des Processes unterscheiden, das erste Moment wo Am- 
moniak als directes Zersetzungsproduct auftritt und das spaterfolgende, 

wahrscheinlich mit weiteren Zersetzungen verbundene. 

Wirft man einenBlick auf dieoben übersichtlich Zusammengestell en 

Resultate der Einwirkung von Kali, so sind es die vier ersten Versuche, 
die dem ersten Momente entsprechen; es ergaben sich darnach 

L ^^• 

2.4350/0H3N. 2.UIO/0H3N. 




2S0 Dr. R. Tlieilo, Tpber I.pgumin. 

auf aschcn- und wasserfreie Substanz berechnet gibt dies S.Oä'^/f, und 
2.65%, also im Mittel 2.8;}",, Ammoniak. 

Berechnet man ausder Formel C,4s H129 N20 SO50 den Procentgehalt 
von 3 Aequiv. Ammoniak, so entspricht dieser 2.96%. 

Wie man sieht, spricht der directe Versuch in dieser Richtung 
genau für meine Annahme. 

Gestützt auf das vorliegend Mitgetheilte glaube ich mich berechtigt 
die Bildungsweise des Legumin aus Albumin dahin zu erklären, sie 
erfolge unter Abgabe eines Aequivalentes Schwefel und 
unter Aufnahme von 4 Aeq. Wasser, welch' letztere als 
Begleiter des Albumins von mir schon erwiesen wurden, 
sowie unter weiterer Bindung von 3 Aequivalenten Am- 
moniak. 



Heber eiueii neuen, dem T^^rosin und Leucin ähnlichen Körper. 

Von 

Dr. R. Theile, 

Assistent am landwirthschaftlichen Institut zu Jena. 



Mit 3 Figuren in Holzsciinitt. 

Vor geraumer Zeit Iheilte ich in dieser Zeitschrift ^) die Resultate 
von Arbeiten mit, welche bezweckten, die Zersetzungsproducte des Ei- 
weisses durch einen Ueberschuss von Kali genauer zu studiren. 

Wie betreflcnden Orts genauer einzusehen, fand ich damals ausser 
einigen nicht weiter untersuchten flüchtigen Körpern als Hauptrepräsen- 
tanlen der Zersetzung zwei syrupartige, schwerkrystallisirbare braun- 
rothe Körper, einen eiweissartigen, noch schwefelhaltigen unkrystallisir- 
baren elastischen Körper, sowie Leucin und Tyrosin. 

Auch weiterhin beschäftigte ich mich mit der Lösung dieser Frage 
und da hierbei absichtlich kleine Modificationen des ursprünglichen 
Verfahrens stallfanden, gelangte ich zu Resultaten, welche, wenn auch 
im Ganzen von den ursprünglich erzielten nicht abweichend, doch 
manches Neue boten. 

Vorläufig eine dieser neuen Thalsachen mitzutheilen ist der Zweck 
vorliegender Arbeit. 

Bei meinen ersten Untersuchungen wurde Vitellin mit der doppel- 
ten Menge Kali vier Wochen lang unter öfterem Umschütteln in Berüh- 
rung gelassen und hierauf die braunrolhe klare Flüssigkeit hltrirl. 

Es bleiben nur geringe Mengen ungelöster Substanz zurück, die 
sich grösslentheils als phosphorsaurc Erden erweisen. 

Bei zwei so ausgeführten Versuchen wurden je 40 grms. Vitellin 
mit 80 grms. Aetzkali behandelt. 



1) Band III. Seite 166. 



282 Dl- R- Tlieile, 

Ein dritter, zu demselben Zwecke wicdeiholter Versuch wurde mit 
154 grms. Vitellin und 100 grms. Aetzkali ausgeführt. 

War daher das Verhältniss des Vitellins zu Kali früher wie 2 zu 1 , 
so war es nun wie 3 zu 2 ; die Substanz wurde demnach einer 3mal 
schwächeren Einwirkung ausgesetzt, auch wurde der Versuch nicht 
auf 4 Wochen ausgedehnt , sondern schon nach 1 4 Tagen zur Unter- 
suchung geschritten. 

Beim Abfiltriren der alkalischen Lösung war diesmal der Rückstand 
weit beträchtlicher; er bestand wiederum zumTheil aus phosphorsauren 
Erden, ferner aber aus einem blendend weissen, schon auf dem Filier 
für das blosse Auge sich als krystallinisch erweisenden Körper. 

Meine erste, naheliegende Vermuthung war, dass hier wahrschein- 
lich Leucin oder Tyrosin vorläge. 

Die Masse wurde mit absolutem Alkohol unter Erwärmen behandelt, 
wobei der fragliche Körper leicht in Lösung überging, beim Erkalten 
aber thcilweise wieder herausfiel. 

Unter dem Mikroskop zeigte der Körper eine vollkommen wasser- 
helle, überaus schöne, aus sichelförmigen Nadeln arabeskenartig zu- 
sammengesetzte Krystallisation. 

Durch abermaliges Umkrystallisiren des Körpers aus heissem Alkohol 
erhielt ich eine zur weiteren Untersuchung dienende, blendend weisse, 
im Aeusseren von Tyrosin und Leucin nicht zu unterscheidende Masse. 

Die damit angestellte nähere Untersuchung lieferte folgende Re- 
sultate : 

Auf Platinblech vorsichtig erhitzt, schmol^z der Körper zu einer 
rothbraunen Flüssigkeit und verbrannte mit dem den stickstoffhaltigen 
Körpern eigenthümlichen Geruch ohne Hinterlassung eines Rückstandes. 

1) 0.0850 grms. Substanz mit Natronkalk verbrannt gaben: 

0.007'l7grms. N = 8.44%. 
%] 0.121 grms. Substanz gaben bei analoger Behandlung 
0.0098 grms. N = 8.18%. 

3) 0.1 835 grms. Substanz mitKupferoxyd und vorgelegtem metallischen 
Kupfer verbrannt gaben : 

0.187 grms. CO2 = 0.0510 grms. C = 36.82 0/0 0. 
0.125 » HO =0.01388 » H=10.02%H. 

4) 0.146 grms. Substanz ebenso behandelt: 

0.199 grms. CO2 = 0.05427 grms. C = 37. 17 0/0 C 
Daraus berechnet sich die Formel 

Cio H16 NO9. 



üeber einen neuen, dem Tyrosiii iind I oiicin ähnlichen Körper. 283 

Berechnet : Gefunden : 

10 Aoq. KohlonslofT fiO 37.03Vo- 36.82"/,,. 37.17. 

16 « Wnsscrstoff 16 9.87 n 10.02 » — 

1 y> Stickstoff 14 8.65 » 8.44 » 8.12. 

9 » Sauerstoff 72 44.45 » _ _ 

1 Aeq^ 1*62 100.00%. 

Schon vor der genaueren Untersuchung glaubte ich , der Körper 
sei vielleicht Butaianin , ein dem Leucin homologer und von Gorup- 
Besanez •) in der Bauchspeicheldrüse des Ochsen gefundener und von 
ihm näher untersuchter Stoff. Ich gelangte jedoch durch näheres Stu- 
dium zu der Uebcrzeugung, dass hier kein Butaianin vorliege. 
Gorip-Besanez gibt dem Butaianin die Formel C^q Hu NO4. 
Schreibt man die Formel des von mir untersuchten Körpers 
C|oHnN04 + 5H0, so war es denkbar, dass mit Wasser inniger verbun- 
denes Butaianin vorläge, weshalb der Best meinerSubstanz wieder anhal- 
tend bei 1 20 '^ C. getrocknet und nochmals der Analyse unterworfen wurde. 
0.195 grms. Substanz gaben mit Natronkalk geglüht: 

0.01794 grms. N = 9.2 o/^. 
0.1205 grms. Substanz mit Kupferoxyd und metallischem Kupfer 
verbrannt gaben : 

0.177 grms. CO2 = 0.04827 grms. C = 40.05 7o- 
0.111 » HO =0.01233 )) H = 10.23 7o- 
C,o Hi5 NO, 
Berechnet : Gefunden : 

Cio 39.2 40.05. 

Hi5 9.8 10.23. 

N 9.15 9.20. 

Die Zahl des Kohlenstoffes ist zu hoch , jedoch sieht man, dass nur 
1 Aequivalent Wasser durch dasTrocknen bei 120" ausgetrieben worden 
war, weshalb die Formel Cio H15 NO^ + HO gegeben werden muss. 

In kaltem Wasser löst sich der Körper nur schwierig , leichter in 
heissem, aus dem er beim Erkalten theil weise wieder herausfällt. 

Leucin löst sich leicht in Wasser, Butaianin und Tyrosin schwierig. 
Im absoluten Alkohol ist der Körper leicht löslich, noch leichter, 
wenn dabei Erwärmung stattfindet. 

Leucin ist in kochendem Alkohol schwer löslich, Butaianin noch 
schwieriger, Tyrosin unlöslich. 

In Acther löst sich der Körper vollständig, namentlich beim Er- 
wärmen. 



<) .\nnalcn d. Chem. Band 98. Seite 15. 



284 



Dr. R. Theile, 



Leucin und Tyrosin sind in Aether vollkommen unlöslich , ebenso 
Butalanin. 

Charakteristisch ist vor Allem die Krystallisation. 

Fig. I. zeigt den aus wässriger Lösung krystallisirten Körper. Die 
Krystallisation bildet ein zusammenhängendes Netz von wasserklaren, 
arabeskenartigen Verschlingungen. 

Fig. II. gibt einen Theil dieser Krystallisation etwas vergrössert. 

Die Krystallisation aus ätherischer Lösung ist zarter und feiner, 
sie besteht aus einem regellos ausgebreiteten Netze mondsichelförmig 
gekrümmter Nädelchen, die oft farrenkrautartig zusammengefügt sind, 
doch auch der Typus von Fig. IL ist vorhanden. 




Fig. I. Fig- U. 

Fig. III. zeigt eineKrystallisationsform, 
wie sie öfters aus alkoholischer Lösung 
erhalten wurde. Sie trägt genau das 
Gepräge eines maschenförmigen Gebildes. 
Die vorgeführten Krystallisationen er- 
hielt ich jedesmal ohne Mühe schön und 
klar, nur muss mit verdünnten Lösungen 
operirt werden. Sie weichen vollkommen 
Fig. III. von denen des Leucin und Tyrosin ab, 

niemals zeigte sich auch nur eine Spur jener meist kugeligen oder 
büschelförmigen Gebilde. 

Von Butalanin liegt keine Abbildung vor. Gorup-Besanez schildert 
die aus kochendem Alkohol erzielte Krystallisation als aus breiten rhom- 
bischen Tafeln und Prismen bestehend, meist sternförmig gruppirt. 

Die wässrige Lösung krystallisirt in farrnk rautähnlichen, zuweilen 
auch in garbcnförmig gruppirten feinen Nadeln. 




üeber einen neuen, dem Tyrosiii und Leiicin ühnlichen Körper. 285 

LeucinundTyrosinslimmendarin mildem neuen Körperüberein,dass 
sicluille 3 l)ei eerini'erMeni'o durch ausserordentliches Volum auszeichnen. 
Man hat dies bei der Darstellung mikroskopischer Objecto zu beherzigen. 

Beim vorsichtigen Erwärmen schmilzt der Körper erst zu einer 
rothbraunen Flüssigkeit und sublimirt dann in weissen Flocken. Der 
Versuch wurde in einer beiderseits offenen Röhre angestellt. Erst bei 
einer Temperatur von 190*^0. fing die rothbraune Flüssigkeit an, Nebel 
zu bilden, dichte weisse Nebel lagerten sich unmittelbar neben der er- 
wärmten Stelle ab und konnten bei vorsichtigem Erwärmen der ganzen 
Röhre entlang getrieben werden. Diese Dämpfe reagirten nicht alkalisch. 

Bei Leucin tritt kein Schmelzen ein, sondern schon bei 170° eine 
directe Sublimation. Tyrosin schmilzt, ohne zu sublimiren, Butalanin 
schmilzt und sublimirt hierauf in gelben Flocken, wobei deutlich alka- 
lische Reaction auftritt. 

Verdampft man den Körper auf dem Platinblech vorsichtig mit einem 
Tropfen Salpetersäure, so wird die Masse intensiv citrongelb. 

Leucin bleibt dabei ungefärbt, Tyrosin dagegen gibt ebenfalls eine 
gelbe Verbindung. 

Bei nachheriger Behandlung der gelben Verbindung mit einen 
Tropfen Natronlauge tritt eine intensiv braunrothe Färbung ein, gerade 
wie bei Tyrosin. 

Mit einer wässrigen Lösung des Körpers wurden folgende Reactionen 
angestellt : 

Ammoniak bewirkte keine Fällung, die. damit versetzte Flüssig- 
keit zeigte die Krystallisation des ursprünglichen Körpers. 

Natron bewirkte keine Fällung, doch zeigte sich unter dem Mikro- 
skope eine von der des reinen Körpers abweichende Krystallisation. Zur 
Controle liess ich das angewandte Natron, sowie kohlensaures Natron 
für sich krystallisiren und überzeugte mich, dass die Krystallisation 
durch diese allein nicht bedingt sein konnte. Es dürfte demnach eine 
Natronverbindung vorgelegen haben. 

Die Verbindung war in Wasser sehr leicht löslich, was der Körper 
an und für sich bekanntlich nicht ist. 

Barythydrat bewirkte keine Fällung. 

Die mit Salzsäure versetzte wässrige Lösung kryslallisirte in 
schönen verfilzten Nadeln, nach längcrem Auswaschen mit Aether, um 
alle überschüssige Salzsäure zu entfernen, trat bei Zugabe von salpeter- 
saurem Silberoxyd eine deutliche Reaction auf Chlor ein, so dass jeden- 
falls eine Verbindung des Körpers mit Chlorwasserstoffsäure vorlag. 

Dieselbe Verbindung existirt bekanntlich auch von Leucin. Ein 
Theil der wässrigen Lösung wurde mit Salpetersäure in» Wasserbade 



286 



Dr. R. Theile, 



verdampft. Die Krystallisation erwies sich Iheilvveise als die des reinen 
Körpers, theilweise traten gerade Nadeln auf, es zeigten sich aber auch 
an vielen Stellen citronengelbe Partieen, die aus keulenförmig zusam- 
mengesetzten Massen kleiner gerader Nadelchen bestanden. 

Dieser gelbe Körper dürfte wohl auf eine dem Nitrotyrosin ent- 
sprechende Verbindung hinweisen. 

Platinchlorid bewirkte auch nach längerem Stehen keine Fällung. 

Essigsaures Kupfer ox yd bedingte weder eine Fällung noch 
eine Färbung; unter dem Mikroskope Hessen sich die Krystalle des ur- 
sprünglichen reinen Körpers und die des essigsauren Kupferoxydes 
genau erkennen und trennen. 

Quecksilberchlorid gab auch nach Zugabe von Aether keine 
Fällung. Leucin verhält sich ebenso. 

Salpetersaures Quecksilberoxyd bewirkte eine starke, 
weisse, flockige Fällung, die überstehende Flüssigkeit zeigte eine deut- 
liche rosenrothe Färbung. 

Leucin wird dadurch weder gefärbt noch gefällt. 

Bei Tyrosin tritt eine rothe Fällung ein und auch die überstehende 
Flüssigkeit zeigt eine intensive Färbung. 

Phosphor-Molybdänsäure, lodkalium, salpetersaures Quecksilber- 
oxydul sowie schwefelsaures Zinkoxyd bewirkten weder in der Kälte 
noch in der Wärme eine Fällung, 

Sow eit in Kürze, was ich von dem neuen Körper ermittelt habe. 

Im Folgenden stelle ich die hauptsächlichsten Reactionen und 
Eigenschaften parallel mit Leucin , Tyrosin und Butalanin zusammen, 
es wird dadurch das Verschiedene und Gemeinsame dieser 4 Körper am 
besten und deutlichsten charakterisirt. 

Bei Butalanin konnte selbstverständlich nur das bis jetzt über das- 
selbe Bekannte mit aufgenommen werden. 



Löslichkeit in Wasser 



Leucin 
Leicht löslich 



Tyrosin 1 liutalanin 
Schwer löslich Schwer löslich 



Neuer K örper 
Schwer löslich 



Löslichkeit in Alkohol 
» » Aether 



Schwer löslich Unlöslich 
Unlöslich 



Sehr schwer 

löslich 

Unlöslich 



Leicht löslich 



Verhalten hei höherer 

Temperatur 



Bei 170" subli- 

mirbar ohne zu 

schmelzen 



Schmilzt ohne 
zu suhlimiren 



Schmilzt und 
sublimirt dann 
in gelb. Flocken 



Unter 190 
schmelzbar, 
bei 190" in 
weissenFlocken 
sublimirbar 



Auf Platinbiech 

mit Salpetersiiure 

behandelt : 



Farblose Masse 



Gelbe Masse 



Gelbe Masse 



Nach Zugabe von 
Natron 



Bleibt farblos 



Braunrothe 
Masse 



Braunrothe 
Masse 



.*^iilpt(tersaures 

Quecksiiberoxyd 

bewirkt ; 



Keine Fällung, 

Flüssigkeit 
Bleibt ungefärbt 



Rolhe tlockige 

Fällung 

FliLSsigkeit 

stark rosa 

gefärbt 



Weisse flockig 

Fällung, 

Schwach rosa 

gefärbte 

Flüssigkeit. 



üeber einen neuen, dem Tyrosiii iiiid Leiiein ahnlichen Körper. 287 

Bopp *) erwähnt in seinen Untersuchungen »Ueber Albumin, Gasem 
und Fibrin«, dass er beim Schmelzen des Albumin mit Aetzkali neben 
Leucin und Tyrosin noch einen dritten Körper in sehr geringen Mengen 
gefunden habe, der im äussern Ansehen dem Tyrosin, in einigen Eigen- 
schaften dem Leucin gleiche. Die erhaltene Menge war so gering, dass 
es bloss möglich war zum Zweck seiner Wiederauffindung seine äusseren 
Eigenschaften kennen zu lernen. 

Bopp charakterisirt diesen Körper kurz Wie folgt: 
'!) Sublimirbar und hierbei baumwollenartige Flocken bildend ohne 
Hinterlassung eines Rückstandes. 

2) Schwer löslich in Wasser. 

3) Leichtlöslich in absolutem Alkohol. 

4) Nadeln, die keinen besonderen Glanz haben und sich beim Aus- 
krystallisiren aus absolutem Alkohol gerade so durch das ausser- 
ordentliche Volum bei geringer Menge auszeichnen, wie das Ty- 
rosin beim Auskrystallisiren aus Wasser. 

Die Eigenschaften stimmen soweit mit denjenigen unsers Körpers 
überein. 

In einem Harne, der aus dem hiesigen Krankenhause zur Unter- 
suchung auf Leucin und Tyrosin eingeschickt worden war, fand ich den 
einen Tag Leucin , die beiden folgenden Tage aber zeigte sich weder 
Leucin noch Tyrosin , .wohl aber ganz deutlich die Krystallisation des 
fraglichen Körpers. 

füfer Kranke litt an einer allmählichen Zersetzung der Muskeln. Es 
scheint also dieser Körper auch wie Leucin, Tyrosin und Butalanin im 
Urin aufzutreten. 

Frerichs und Städeler^) haben einmal im Harne neben dem Tyro- 
sin einen dem letzteren sehr ähnlichen und wie sie aus einer Stickstoff- 
bestimmung schliessen, ihm wahrscheinlich homologen Körper gefunden ; 
der Stickstoflgehalt betrug nach ihren Angaben 8.83 %• Die hier ge- 
fundene Formel CioHisNOj^ -f- HO entspricht einem Gehalt von 8.64 % 
Stickstoff. 

Frerichs und Städeler theilen nichts Näheres über ihre Nachwei- 
sung mit, die Vermuthung liegt aber nahe, dass der gleiche Körper vor- 
gelegen habe. 



1) Annalori der Cli. u. Ph. LXIX. S. 28 u. 29. 

2) Fkericms, Deutsche Klinik 1855. Nr. 31. p. 343. 



Hiitersuchuiig über saiierstoflfreiehe Kohleiistofisäureii. 

Von 

A. Geuther. 



Schon seit längerer Zeit habe ich die Einwirkung der Salzsäure in 
höherer Temperatur auf verschiedene Kohlenstoffsäuren , namentlich 
solche, in denen sich eine grössere Anzahl von €0^ Gruppen vermulhen 
lässt, Studiren lassen in der Erwartung , es würde dadurch ein Theil 
dieser Gruppen einfach abgetrennt, ein anderer unter gleichzeitiger 
Wasserzerselzung und Bildung eines Reductionsproductes als Kohlen- 
säure entfernt und so neue Anhaltspuncte für die Constitution dieser 
Säuren gewonnen werden können. Ich habe dabei die Bildung chlor- 
haltiger Säuren, analog der Bildung bromhaltiger Säuren, welche von 
Kekule 1) bei der Einwirkung von Bromwasserstoffsäure beobachtet 
worden ist, wenn auch nicht für unmöglich, doch als in den meisten 
Fällen nicht eintretend erachtet und zwar einmal, da schon lodwasser- 
stoffsäure und Bromwasserstoffsäure sich in ihrer Wirkung wesentlich 
unterscheiden , welche letztere offenbar von der geringeren oder grös- 
seren Festigkeit mit der der Wasserstoff in ihnen gebunden ist, abhängt, 
sodann aber, weil bei der höheren Temperatur, welche zur Einwirkung 
der Chlorwasserstoffsäure erforderlich ist, manche der möglicherweise 
entstehen könnenden chlorhaltigen Säuren unter den vorhandenen Um- 
ständen nicht mehr bestehen , also auch nicht entstehen können. So 
z. B. beginnt die Einwirkung der Salzsäure auf Glycolsäure erst bei 
'I50", bei dieser Temperatur wird aber Monochloressigsäure durch 
Wasser schon vollständig in Glycolsäure und Salzsäure zerlegt. 

Die Versuche haben bereits ergeben, dass ohne Bildung chl or- 
haltiger P r od u c te zersetzt werden die Weinsäure, Trauben- 
säure und G i t r n e n s ä u r e. Die ersteren beiden liefern Pyrowein- 
säure, die letztere eine neue Reihe von Säuren, welche sich von 2Mgte. 



1) Aiinal. (I. Chem. u. Pliarm. Bil. 130. p IG, u. s. w 



l'jiiwirk. roiic Siilzsiiiiic iiuf Wciiisiiiirc. 280 

Cilroiiensiiuro resp. Acoiiilsiiiirc — denn in diese geht die Cilronen- 
siiure zunächst ill)cr — ableiten. Z^^ci von ihnen, welchen die Zusam- 
nienselzuug €'" H'- O'** und 4^" H'o 912 zukommt, sind bereits näher 
untersucht. Unter Bildung chlorhaltiger Producte werden 
zersetzt die A e p f e 1 s ü u r e und Chinasäure. Erstere, welche zunächst 
in Fumarsäure übergeht, liefert bei höherer Temperatur — bei lüO" 
bleibt der grösste Theil der Fumarsäure noch unverändert — eine in 
Wasser leicht lösliche chlorhaltige Säure, letztere liefert ausser Hydro- 
chinon und zwei l>raunen harzartigen Substanzen ein chlorhaltiges Oel, 
das seiner Zusammensetzung nach als ein Abkömmling derCarbolsäure 
angesehen werden könnte. 

Mit dem Folgenden beginnt die Miltheilung dieser Versuche und 
Resultate. 



1. Abhandlung. 

Ueber die Eiuwirkuug couceutrirter Chlonvasserstoffsäure auf 
Weinsäure und Traubensäure in höherer Temperatur. 

Von 
Dr. H. Biemann. 

i. Weinsäure. 

Gepulverte, käufliche Weinsäure wurde mit dem dreifachen Volu- 
men reiner concentrirter Salzsäure in Röhren eingeschlossen und im 
Oelbad von I20"C. an erhitzt. Nach je zehnstündiger Einwirkung 
wurde das Oelbad erkalten gelassen und die Röhren geöffnet. Nach 
abermaligem Verschluss wurden sie während der gleichen Zeit von 
Neuem um 5" höher erhitzt und so fortgefahren. Beim Oeünen der 
Röhren zeigte sich je nach den Temperaturen , denen sie ausgesetzt 
waren, eine mehr oder minder starke Gasentwickelung, welche nach 
dem Erhitzen bei 1 4ü " so stark war, dass beim Oeffnen des Rohrs nur 
mit der grössten Vorsicht das Herausschleudern des Inhalts vermieden 
werden konnte. Bei 12.'i" beginnt die Zersetzung, von 145** an nimmt 
der Druck in den Röhren wieder ab und ist erst bei 180" gleich Null. 

Die Gase w urden nach jedesmaligem OefTnen der Röhren unter- 
sucht. Sie erwiesen sich als ein Gemisch von Kohlensäure und Kohlen- 
oxyd. Kohlensäure wai' stets im Ueberschuss. Nach beendigter Ein- 

üanil IV. 2. VJ 



290 ", Rioiiiiiiiu. 

Wirkung wurde der stark gcbraunlc und eine kohlige Materie führende 
Röhreninhalt zur Trockne im Wasserbad gebracht und die wiissrige 
Lösung des Rückstands mitThierkohle entfärbt. Die entfärbte und ein- 
gedunstete Flüssigkeit ergab nach längerem Stehen über Schwefelsäure 
kleine farblose Krystalle. Dieselben lösten sich sehr leicht in Wasser, 
auch in Weingeist und Aether. Ihre wässrigc Lösung reagirte stark 
sauer und fällte weder Kalksalze, noch Kalkwasser. Der Schmelzpunct 
Um bei 1 1 1 *^. Die lufttrockne Säure verlor kein Wasser über Schwefel- 
säure. 

0,2331 grni. geschmolzene Säure ergaben 0,3873 grni. Kohlen- 
säure und 0,1313 grm. Wasser, aus welchen Resultaten sich die Formel 
€5 U^ 0« ableitet 



€5 = 60 


bcr. 
45,4 


gef. 
45,3 


H8= 8 


6,1 


6,2 


08 = 64 


48,5 




132 


100,0 





Die erhaltenen Krystalle besitzen demnach die Zusammensetzung 
und den Schmelzpunct der Pyroweinsäure. Ihre Identität damit wird 
durch die daraus erhaltenen Salze erwiesen, welche mit denen von 
Arppe ') dargestellten übereinstimmen. Ich habe mir zur besseren Ver- 
gleichung der Salze die gleichen aus Pyroweinsäure , welche durch 
trockne Destillation erhalten war, dargestellt. Die Darstellung dieser 
Säure anlangend erwähne ich, dass man eine grössere Ausbeute erhält, 
wenn man die mit Bimsstein gemischte Weinsäure aus dem Oelbad 
bei 200 — 210 " langsam destillirt, als wenn man die Destillation über 
freiem Feuer ausführt. Ich erhielt an Pyroweinsäure 10 "/o der ange- 
wandten Weinsäure (während Arppe nur7"/(, erhielt) und fast gar keine 
Brenztraubensäure. 

Saures Ammoniaksalz. 

Von zwei gleich grossen Mengen Säure wurde -die eine in Wasser 
gelöst, mit Anunoniakflüssigkeit genau neutralisirt und der Lösung die 
andere Hälfte zugefügt. Das Salz kam beim Verdunsten in schönen, 
blättrigen, farblosen Krystallcn. Sie verwittern nicht an der Luft und 
verlieren weder über Schwefelsäure noch beim Trocknen bei 100'^ 
Wasser, lieber J30" erhitzt scheint die Zersetzung zu beginnen. 

Das Salz ist also wasserfrei wie das pyroweinsäure Salz. 



■I) A. E. Ari'pe, De aciclo pyrotartarico. Specimen acadeniicum. Ilclsitig- 
forsiae 1847, 



Fiiiwirk. cniif. Salzsiiiirc .ml Wciiisiiiin'. 291 

Neutrales ß a r y l s a I z. 
Die wässrit^c Lösung der Säure wurde durch längeres Kochen mit 
kohlensaurem Baryt neutrulisirt und die lilliiile Lösung zur Krystalli- 
sation hingestellt. 

Das Salz krystallisirte in kleinen körnigen, glänzenden Krystallen, 
welche sich leicht in Wasser, nicht in Alkohol lösten. 

0,6520 grm. lul'ttrockne Krystalle verloren nach längerem Stehen 
über Schwefelsäure 0,0309 grm. und bis 100'^ erhitzt 0,0506 grm. = 
12,2% Wasser. Darüber hinaus bis 200 " erwärmt land kein Gewichts- 
verlust mehr statt. Sie hinterliessen nach dem Glühen 0,4165 grm. 
BaO, C02 entspr. 0,3235 grm. BaO = 49,6 %. 

berechn. gef. 

BaO 50,5 49,6 

HO 11,9 12,2 

Es entsprechen diese Zahlen der Zusammensetzung 
2 BaO, €5H6 06 + 4110, 
welche auch Arppe gefunden hat. 

Saures Barytsalz. 

Von 2 gleichen Mengen Säure wurde die eine in Wasser gelöst, 
mit kohlensaurem Baryt neutralisirt und der filtrirten Lösung die andere 
Portion zugefügt. Das Salz krystallisirt aus der bei gelinder Wärme 
ziemliclt weit abgedampften Lösung in warzenförmig gruppirten Kry- 
slällchen. Wegen der ganz gleichen Gestalt dieser Kryslalle mit den von 
ARrrK erhaltenen habe ich nur eine Barytbestimmung ausgeführt. 
0,4515 grm. lufttrocknen Salzes gaben 
0,2123 » BaO, CO-, entsprechend 
0,1648 » BaO = 36,5%. 

berechn. gef. 

BaO = 35,14 36,5. 

Die von den Krystallwarzen abgegossene Flüssigkeit gab beim wei- 
teien Abdunsten über Schwefelsäure krystallinische Krusten, deren 
Analyse folgende Zahlen lieferte: 

0,1462 grnj. lufttrocknes Salz verloren bei 1 05 ^ 0,0137 grm. und 
bei 125 "noch 0,0047 grm., zusammen 0,01 84 grm. = 12,6%, Wasser. 

Nach dem Glühen hinlerblieb 0,0630 grm. BaO, CO"^ entspr. 
0,0497 grm. BaO = 33,4%. 

Danach enthält dieses Salz 3 Mgte. Kr y stall w asser. 

her. gef. 

HO 11,9 12,6 

BaO 33,8 34,0 

19* 



292 ^'- l^i'"'"'"!'!' 

Bei uinoi- jinderoii Darstellung cihiell ielidaduich, dass ich die noch 
ziemlicli vcrdiinnlc Salzlösung ohne Anwendung von Wärme, sondern 
nur über Schwefelsäure eindunsten Hess, die Kryslallwai-zen gar nicht, 
sondern nur krystaliinische Krusten, deren Analyse folgendes Resultat 
ergab : 

I. 0,3 1 1 5 gnn. lufllr. Substanz verloren bei 1 0o " 0,04oö grm. Wasser? 
bei weiterem Erhitzen nichts mehr. Sie lieferten 0,1531 grm. 
BaO, SO^^ entspr. 0,1005 grm. BaO = 32,3%. 
II. 0,1840 grm. lufttr. Salz gaben beim Glühen 0,0778 grm. BaO, 
G02 entspr. 0,0602 grm. BaO = 32,7%. 
Es entspricht dies der Zusammensetzung 
BaO, ^^H^O^ -t- iHO. 
berechn. gel'. 

1. 11. 

BaO 32,0 32,3 32,7 

HO 15,3 14,^6 

Demnach existiren also ausser dem von Arppe erhaltenen Barytsalz 
mit 2 Mgtn. Ki'ystallwasser noch solche mit 3 und iMgln. Wasser. Ihre 
Bildung hängt wahrscheinlich ab von der Temperatur und von derCon- 
centration der Lösung. 

Neutrales Bleisalz. 

Es wurde durch Umsetzung äquivalenter Mengen des neutralen 
Natronsalzes mit neutralem essigsaurem Bleioxyd dargestellt. 3 bis 4 
Stunden noch dem Mischen der beiden Salzlösungen war das Salz in 
farblosen glänzenden Nadeln abgeschieden, genau wie das pyrowein- 
saure Bleioxyd von Arppk. Die Krystalle lösen sich in heissem Wasser 
und scheiden sich beim Erkalten als solche wieder aus. Weingeist fällt 
aus ihrer Lösung, das Salz amorph. 
1. 0,7572 grm. lufttrocknes krystallisirles Salz verloren beim Erhitzen 

auf 140—145« 0,0733 grm. = 9,7 o/o Wasser und gaben 0,6091 

grm. PbO, SOi entspr. 0,4482 grm. PbO = 59,2"/;,. 
IL 1,1576grm. des durch Weingeist gefällten lufttrocknen Salzes gaben 

0,9440 grm. PbO, SOUmtspr. 0,6947 grm. PbO = 60,0%. 

herechu. gef. 

i. II. 

PbO 60,0 59,2 60,0 

HO 9,6 9,7 — 

Es hat demnach das Salz auch die gleiche Zusammensol/.ung wie 
das \on Arppe untersuchte, nämlich 

;>PI»0, CMP'O" -j- 'laii. 



Kiiiwirk. coiic. Siil/.siiiin! iiul Triiiibeiisliiirfi. 293 

II. T ra ul)cn.sä iiic. 

Die Veränderung, welche die Traubensäure erleidet ist der, welche 
bei der Weinsäure beobachtet wurde, gleich, nur l)eginnt die Zersetzung 
erst bei höherer Temperalur, nämlich 130'*, und ist früher, schon bej 
H)0", beendet. Die stärkste Zersetzung findet auch hier zwischen 140 
bis läO'^C. statt. Die entwickelten Gase waren auch hier Kohlensäure 
und Kohlenoxyd. Nach dem Erhitzen auf 160" wurden dicRöhren ent- 
leert, da die Reaction beendet war und der Inhalt wie oben angegeben 
behandelt. Es wurden farblose Krystalle erhalten von gleichem Aus- 
sehen wie bei der Weinsäure. Ihr Schmelzpunct lag bei 111 — 11 2 f". 

0,2117 grm. geschmolzener Säure geben bei der Verbrennung 
0,1011 grm. Kohlensäure, entspr. 0,1091 grm. Kohlenstoff = 41,9% 
und 0,1 "Vi 9 grm. Wasser, entsprechend 0,01199 grm. Wasserstoff 

Das entspricht der Zusammensetzung der Pyrowein^äure , mit 
welcher die Krystalle auch in ihren sonstigen Eigenschaften überein- 
stimmten. 

herechn. gef. 

^■^ = 60 4ö,4 44,9 

HS = 8 6,1 6,1 

0^ = 64 48, ü — 

132 100,0 
Die Bildung <Jer Pyroweinsäure aus Weinsäure und Traubensäure 
durch Einwirkung voa Salzsäure scheint der durch trockne Destillation 
analog zu sein ')• 

Nach VöLKEL '-) erleidet die Weinsäure bei der trocknen Destillation 
zwei von einander unabhängige Zersetzungen 

fJMI'Oif' = €2H^0^ -»- €0^ -+- €0-' 
und 

€^H^Oi" = €'11*0'' -I- €0^ 
2 CMPO'N = €^H^0^ + €0' 

Die erstere Zersetzung scheint bei der Einwirkung von Salzsäure 
auf Weinsäure nicht stattzufinden, wenigstens konnte ich keine Essig- 
säure beobachten, hingegen wird die Bildung der Pyroweinsäure wohl 
nach der zweiten und dritten F\)rmel vor sich gehen. Es gelang mir 



1) Diese Aiialoiiie hat Grabe (Annal. il. Cheni. ii. Phanr.. Bd. i39 j). 134 
auch für die Salicylsaiiro, Oxybenzoesäure, Paraoxybenzoesäino und Carbohydin- 
ohinonsäure hoobachtet. 

i> Annal. d Chem. ii. Pharm Md. S9. S. 57. 



294 II- Ricmann, Einw. conc. Salzsäure auf Traiibensün re. 

indess nicivt, das Zwischenglied, die Brenztraubensäure zu isoliren. 
Ich unterbrach einmal die Einwirkung schon bei 140", da es wahr- 
scheinlich schien, dass bei dieser Temperatur die Brenztiaubensäure 
noch nicht zersetzt sei, dasselbe vielmehr erst zwischen 140 — 145" ge- 
schehe, als der Temperatur, bei welcher die grösste Kohlensäureentwicke- 
lung beobachtet worden war. Nach dem Abdampfen des Röhreninhalts 
erhielt ich aber auch da einen Krystallbrei, der fast nur ausBrenzwein- 
säure und unzersetzter Weinsäure bestand. 

Die bei längerem Stehen über Schwefelsäure noch vorhandene ge- 
ringe Menge einer nicht krystallisirenden , syrupförmigen Substanz, 
welche den Brei durchtränkte , kann wohl Brenztraubensäure gewesen 
sein. Ihre Menge war aber so unbedeutend, dass eine Trennung und 
weitere Untersuchung nicht möglich war. 

Das Auftreten von Kohlenoxyd neben Kohlensäure ist wohl durch 
eine secundäre Wirkung bedingt , welche auch die Ursache der Ent- 
stehung der kohligen Materie sein kann. 

Von chlorhaltigen Producten hat sich nirgends etwas wahrnehmen 
lassen. Die Einwirkung der Chlorwasserstoffsäure verläuft also anders, 
wie die der Bromwasserstoffsäure'). 

Jena, im März 1868. 



4; Vergl. Kekule. Annal tl. Chein. u. Pharm. Bd. 130. p. 30. 



i 



lieber Reizung der .^liiskelfaser durch den ronstanten Strom. 

Von 

Dr. Th. W. Engelmann 

in Utrecht. 



Ein Versuch am Froschsartorius, den ich zur Entscheidung der Frage 
nach dem Ort der Reizung in der Muskelfaser bei Schliessung undOeff- 
nung eines constnnlen Stromes, im vorigen Jahr anstellte und in dieser 
Zeitschrift ') publicirt^, hat Aeby veranlasst, eine längere Untersuchung 
über denselben Gegenstand vorzunehmen. Die Resultate seiner Unter- 
suchung sind im Archiv für Anatomie und Physiologie von 1867. p. 688 
flg. mitgetheilt. Es sei mir erlaubt, zu dieser Arbeit einige Bemerkungen 
zu machen. 

Der erste Punct betrifft die Beweiskraft meines Versuchs. Aeby ist 
durch einiges Nachdenken zu der Ueberzeugung gekommen , dass der- 
selbe das nicht beweise, was er solle. Der Versuch um den es sich 
handelt, besteht darin , dass ein Froschsartorius frei aufgehängt, nahe 
seinem obern Ende, am rechten und linken scharfen Rand, mit zwei 
Elektroden berührt und nun durch Schliessen oder Oeffnen einer 
schwachen constanten Kette gereizt wird. Es zeigt sich dann, dass der 
Muskel bei der Schliessungszuckung concav nach der Seite der nega- 
tiven Elektrode, bei der Oeffnungszuckung concav nach der der positiven 
sich krümmte. 

Aeby meint, hieraus könne man nur folgern, dass bei der Schlies- 
sung die an der negativen Elektrode gelegenen Fasern stärker als die 
an der positiven gelegnen zuckten. 

Ich habe hiergegen nichts einzuwenden. Dass der Versuch in der 
erwähnten Form in der That nicht mehr beweisen konnte, das lag so 
sehr auf der Hand, dass ich es der Erwähnung nicht für werth hielt und 
es war mir um so besser bewusst, als ich nicht durch ein Spiel des 
Zufalls, sondern durch Ueberlegung auf den Versuch gekommen war. 



1) U.l tu 1867 pau' 445. 



296 l'r. Tli. W. Iliioelinrtiin. 

Ich miisste den Versuch deshalb modificireii, damit er wirklich den Satz 
bewies oder widerlegte, dass Schliessungsreizung nur am negativen, 
OeflFnungsreizung nur am posiliNen Pol statthabe. Diese Modification, 
welche einfach darin bestand, dass der Muskel der Länge nach in zwei 
nur oben zusammenhängende Hälften gespalten ward, von denen nun, 
wie sich zeigte, die eine bei Schliessung , die andre bei Oeffnung des 
Stromes zuckte , — diese Modificalion des Versuchs , deren strengere 
Beweiskraft ich allerdings nicht genug hervorgehoben habe , wird von 
Aeby ignorirt. Dasselbe thut Adolf Fick in Canstatts Jahresbericht für 
1867 (Abschnitt: physiologische Physik, pag. 9lj. Auch Fick hat nur 
den Versuch am ungespaltenen Sarlorius vor Augen, meint aber, die 
Krümmung des Muskels könne )>höchslens zeigen, dass die verschie- 
denen Fasern desselben Muskels sich nicht gleichzeitig contrahiren, 
sondern die, aus denen der Strom in den Draht austritt, zuerst.« Wie 
das aus dem Versuch hervorgehen, ja nur wahrscheinhch werden könne, 
ist mir nicht verständlich. 

Alles was aus dem Versuch geschlossen werden darf, ist, so viel 
ich sehe, nur : dass bei Schliessung die Reizung an der Kathode stärker 
als an der Anode, bei Oeffnung das Umgekehrte der Fall ist. Dass aber 
bei Schliessung eines schwachen Stromes in der That an der positiven 
Elektrode keine, bei Oeffnung an der negativen Elektrode keine Erregung 
zu Stande kommt, das beweist erst die beschriebene Modificalion des 
Versuchs, welche von beiden Forschern nicht berücksichtigt wird. 

Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen , gebe ich hier die 
Erklärung des Versuchs. Sie setzt nur vpraus, dass man erstens den 
Bau des Sartorius, zweitens die Vertheilung des elektrischen Stromes 
im Muskel bei der gegebenen Versuchsanorduung, und endlich den Satz 
kenne, dass sehr geringe Dichtigkeitsschwankungen des elektrischen 
Stromes die Muskelsubstanz nicht mehr erregen. 

Ueber den Bau des Sartorius brauchen wir kein Wort zu verlieren, 
wohl aber erfordert der zweite in Verband mit dem dritten Punct eine 
kurze Betrachtung. In unserm Versuchc^wird der Muskel nur in sehr 
geringer Ausdehnung, nämlich an zwei kleinen , einander gegenüber- 
liegenden Stellen seiner beiden scharfen Ränder, von den Elektroden 
berührt. Hieraus ergibt sich mit Berücksichtigung der Gesetze derStrom- 
vertheilung Folgendes. Der Stiom tritt bei Schltessung der Kette mit 
grösster Dichtigkeit in die von der A n o d e berührten Fasern e i n und ver- 
lässt jede von diesen Fasern mit geringerer Dichtigkeit auf ihrer der nega- 
tiven Elektrode zugekehrten Seite, um mit noch etwas geringerer Dich- 
tigkeit in die nächsten Muskelfasern einzutreten. Umgekehrt besitzt der 
Strom da, wo er aus den von der Kathode berührten Fasern in die 



Uober Heizung der MiiskcHiiscr limrli den ciiiistiiiilcii Stioiii. 297 

lU'galivo Elektrode oiisti i(l , eine grössere Dichtigkeit als da, wo er in 
diese Fasern einlritl. In diejenigen Fasern aber, \velch(> genau in der 
Mitle zwischen beiden Electroden liegen, wird der Strom, — vollkom- 
mene Synnnelrie der Anordnung, wie sie in unserm Versuch nahezu 
hergestellt ist, vorausgesetzt — , mit derselben Dichtigkeit eintreten, mit 
der er sie wieder verlässt, und zwar wird der Strom an dieser Stelle 
die geringste Dichtigkeit im Muskel haben. Unter allen Umständen wird 
also die reizende Stromschwankung am steilsten sein da, wo der Strom 
in die von der Anode berührten Fasern eintritt und da wo er aus den 
von der Kathode berührten Fasern austritt. An beiden Stellen wird die 
Dichtigkeitsschwankung unter den angegebenen Versuchsbedingungen 
nahezu gleich gross sein. — Findet nun bei Schliessung eines constanten 
elektrischen Slronjcs Erregung sowohl an der Eintrittsstelle desselben 
in die Muskelfaser, als an seiner Austrittsstelle statt, so müssen sich so- 
wohl die an der Anode wie die an der Kathode gelegenen Muskelfasern 
zusammenziehen. Der Versuch lehrt aber, wie wir gesehen, dass nur 
die an der Kathode liegenden Fasern bei der Schliessung zucken. Dass 
der Versucl» nur bei Anwendung schwacher Ströme gelingt, versteht 
sich von selbst. Uebersch reitet die Stromstarke ein gewisses Maass, so 
werden beim Schliessen der Kette auch die an der positiven Elektrode 
gelegenen Fasern zucken müssen; denn hier ist dann die Dichtigkeits- 
schwankung des Stromes auch an den Stellen, wo er aus den von der 
Anode berührten Fasern austritt, noch gross genug, um erregend zu 
wirken, bnmerhin werden aber diese Fasern schwächer zucken, als die, 
welche an der negativen Elektrode liegen. Darum gelingt der Versuch 
am ungespaltenen Sartorius innerhalb weiterer Grenzen der Strom- 
stärke. Für die Richtigkeit unserer Erklärung spricht, dass man 
den Versuch auch in folgender Weise so einrichten kann, dass bei der 
Schliessung eines schwachen Stromes nur die an der positiven Elektrode 
gelegenen Fasern zucken und erst bei Anwendung stärkerer Ströme 
auch die an der negativen Elektrode. Dazu braucht man nur die nega- 
ti\e Elektrode mit sehr breitei- Fläche, die positive aber mit scharfer 
Spitze an den Muskel anzulegen. Hier ist dann die Dichtigkeit des 
Stromes da, wo er aus den von der Anode berührten Muskelfasern aus- 
tritt, grösser als an den Stellen, wo er die von der Kathode berührten 
Fasern \erlässt. Bei schwachen Strömen geben deshalb allein die an 
der positiven Elektrode gelegenen Fasern Schliessungszuckung. ^ In 
umgekehrtem Sinn wirkt natürlich Verbreiterung der positiven , bei 
spitzer negativerElektrode. — Man stellt diese Versuche am bequemsten 
mit den unpolarisirbaren Thonstiefelelektroden von dl Bois an. — 

Wir kommen nun zu den Veisuchen . welche Af.bv nnsestellt hat. 



298 Dr. Th. W. Kugflmiuiii, 

Mit Vergnügen conslatiren wir zuerst, dass Aeby auf anderem Wege 
sich davon überzeugt und bewiesen hat, dass bei Schliessung schwachep 
Ströme die Erregung nur an der negativen Elektrode, bei Oeffnung nur 
an der positiven stattfindet. Die Versuche von Aeby sollen aber noch 
mehr beweisen. Sie sollen beweisen, dass bei Schliessung stärkerer 
Ströme die Erregung auch an der Eintrittsstelle des Stromes in die 
Muskelfaser stattfindet, wenn schon im Allgemeinen schwächer als an 
der Austrittsslelle. Es würde demnach nur ein quantitativer Unterschied 
zwischen der Grösse der Erregung an den beiden Polen bestehen. — 
Eine nähere Betrachtung der AEBv'schen Versuche zeigt indessen , dass 
sie diesen Beweis keineswegs liefern. 

Aeby suchte zuerst festzustellen, ob »ein Unterschied in der 
Stärke der Zuckung vorhanden sei, je nachdem sie im Gebiete des 
einen oder des anderen der beiden Pole auftrete.« Er klemmte dazu 
die beiden Oberschenkel eines curarisirtcn Frosches, nach Ent- 
fernung des grösslen Theils der femora durch eine subcutane Ope- 
ration , mittelst des Beckens fest und brachte sie mit den beiden He- 
beln eines Myographion in Verbindung. An die unteren Endender beiden 
Schenkel wurden die beiden Drähte einer galvanischen Batterie geleitet. 
Im Kreis befand sich ein Stromwender. Es zeigte sich nun, dass im 
frischen Präparat stets der Schenkel, an dessen unterem Ende der Strom 
austrat, bei Schliessung viel stärker als der andere zuckte. Jedenfalls 
zuckle auch der Schenkel, durch den der Strom in das Präparat eintrat 
und Aeby glaubt hiernach annehmen zu dürfen, dass in diesem Schenkel 
die Schliessungsreizung an der positiven Elektrode stattgefunden habe. 
Eine sehr einfache Ueberlegung zeigt aber, dass dieser Beweis durchaus 
nicht geliefert ist. 

Offenbar kommt es für unsere Frage darauf an , zu wissen, 
wo der Strom in die zu erregenden Muskelfasern ein- und wo 
er aus ihnen austritt. Aeby scheint zu meinen , dass für alle Muskel- 
fasern des Präparats der positive Pol an dem unteren Ende des einen, 
der negative Pol am unteren Ende des anderen Schenkels liege, Diess 
könnte aber offenbar höchstens dann der Fall sein, wenn das Präparat 
ein einziger, hufeisenförmiger Muskel wäre, dessen Fasern alle parallel 
durch die ganze Länge des Muskels verliefen. In dem AEBY'schen Prä- 
parat hat man aber zwei grosse , vollkommen von einander getrennte 
Muskelmassen. Der Einfachheit halber können wir, ohne dadurch am 
Wesentlichen etwas zu verändern, jeden Schenkel als einen einzigen 
Muskel auffassen, dessen Fasern alle parallel durch die ganze Länge des 
Muskels gehen. Beide Muskeln sind an ihrem oberen Ende, am Becken, 
(IuihIi einen feuchten Leiter von ziemlich grossem Querschnitt verbunden. 



Ueber Reizung der Miiskcllaser durch den coiistanten Strom. 299 

Offenbar liegt nun für den Schenkel, an dessen unterem Ende der elek- 
trische Strom ins Präparat eintritt , die negative Elektrode am obern 
Ende, da wo die Fasern am Becken enden. Für den Schenkel aber, 
durch den der Strom aus dem Präparat austritt, liegt am Becken die 
positive Elektrode. An den unteren Enden beider Schenkel hatte Aeby 
die Reizungsdrähte angebracht. Diese Anordnung musste es mit sich 
bringen, dass an diesen Stellen die Stromdichte im Präparat am grössten 
war. Nahezu am kleinsten wird, des grossen Querschnitts wegen, die 
Stromdichte — und demzufolge auch jede Schwankung, derselben — 
am Beckenpole jedes Schenkels gewesen sein. Die Resultate der Aeby- 
schen Versuche, soweit sie den frischen Muskel betreffen, erklären sich 
hiernach vollständig unter der Voraussetzung, dass auch bei Schliessung 
stärkerer Ströme die Erregung nur am negativen Pole stattfinde. Denn 
dass der Schenkel, an dessen unlerem Ende der positive Strom eintrat, 
viel schwächer zucken musste als der andere, ist dann selbstverständ- 
lich, weil der Strom da, wo er am Becken aus dem Schenkel austrat, 
wo also der negative Pol für die Fasern dieses Schenkels lag , eine viel 
geringere Dichtigkeitsschwankung ausführte, als an der Stelle , wo er 
aus dem zweiten Schenkel in die Drahtleitung austrat. 

Die erwähnten Versuche von Aeby sind also principiell falsch , da 
in ihnen irrthümlicherweise vorausgesetzt wird, dass Anode und Ka- 
thode für den Muskel da liegen, wo der Strom das Präparat und nicht 
da, wo er die Muskelfasern betritt und verlässt. Sorgt man dafür, dass 
der Querschnitt der Strombahn, also die Dichtigkeit an der Eintrittsstelle 
in die Fasern derselbe sei , wie an der Austrittstelle , dann zucken na- 
türlich beide Schenkel sowohl bei Schliessung als beiOeffnung ungefähr 
gleichstark. Selbstverständlich ist aber an einem solchen Präparate 
unsere Streitfrage nicht zu entscheiden. 

Nicht besser steht es mit den anderen Versuchen von Aeby. Um 
den Einfluss des Kettenstromes auf die einfache Muskelfaser zu prüfen, 
fixirlc er, wie dies v. Bezold früher schon gethan, die Mitte des Sarto- 
rius durch Einklemmen und brachte an die Enden des Muskels die Lei- 
tungsdrähte der Kelle. «Bei dieser Anordnung bildete der JVIuskel in 
seiner ganzen Länge die intrapolare Strecke; in ihrer Bewegung war 
diese vollkommen frei, nur dass durch die Klemme die Verschmelzung 
der Zuckung der einen Hälfte mit derjenigen der andern verhindert 
wurde.« »Aus verschiedenen Grünilen erschien es zweckmässig, blos 
die eine Muskelhälfte zum Aufschreiben zu verwenden und ihr ver- 
millelst des Gyrotrops abwechselnd die positive und die negative Elek- 
tricität zuzuleiten. Der Erf«lg entsprach auch hier vollständig den Er- 
warlunt'en. Bei derSchliessuui'szuckung entwickelte im fiischen Muskel 



300 l'i. Tli. W. Iliiiieliiiuiiii. 

der negative Pol ausnahmslos eine viel ij;rössore Energie als der po- 
sitive.« 

Wie aus diesem Versuch lieixoigehen soll, dass am positiven Pol 
Schliessungserregung, wenngleich in geringerem Grade als an der ne- 
gativen Elektrode stattgefunden habe , ist vollkommen unbegreiflich- 
Denn lag die positive Elektrode am unteren Ende der schreibenden 
Muskelhälfte, so musste natürlich letztere bei der Schliessung auch 
zucken, wenn, wie ich annehme, die Erregung am negativen Pol statt- 
fand, der jenseits der eingeklenunten Stelle lag. Die Zuckung musste 
aber schwacher sein, weil die Erregung sich durch die eingeklemmte 
und dadurch offenbar alterirte Stelle fortpilanzen musste. — Vielleicht war 
aber der Muskel an der geklemmten Stelle todlgequetschl. Dann konnte 
natürlich eine in der oberen Muskclhiilftc staltfindende Erregung sich 
nicht bis in das schreibende Muskcislück fortpflanzen. Oflenbar wird 
aber, sowie die geklemmte Stelle zer(|uetscht und dadurch in einen ein- 
fachen Leiter der Elektricität verwandelt wird, an dieser Stelle die eine 
Elektrode für das zeichnende Muskelstück, liegen. Hier besass aber der 
Strom, wegen des grösseren Querschnitts, eine geringere Dichtigkeit, 
als am unteren Ende, wo der Leitungsdiaht den Muskel berührte und 
dann war dies der Giund, weshalb die Zuckung schwacher ausfiel, 
wenn die positive Elektrode an dem unteren Ende lag'). Auch in 
diesem Falle ist also dieser Versuch von Akuy principiell falsch. 

In einem andern , auf pag. 699 beschriebenen Versuche vermied 
Akby die Einklenunung und hing den zeichnenden Apparat an einei' 
(|uer durch die Mitte des Muskels gestochenen Nadel auf, während alles 
Uebrige unverändert blieb. Es ergab sich dasselbe Resultat. — Ich 
muss fürchten, den Veisuch falsch zu verstehen , denn ich sehe aus dei- 
kurzen Schilderung desselben nicht, wie er in unserer Frage etwas ent- 
scheiden kann. Jedenfalls ist er unbrauchbai', da auch in ihm nicht 
Rücksicht genommen ist auf den Einfluss der Stromdichte auf die Grösse 
der Erregung. Dasselbe gilt von den auf pag. 701 beschriebenen Ver- 
suchen und von den Versuchen am Gaslrocnemius (pag. 703 flg.). Hier 
werden wiederum die Stellen , wo dei- Strom aus der Drahtleitung in 
denGastrocnemius eintritt oder aus ihm in den Draht austritt, fälschlich 
für die .\node und Kathode allei- Muskelfasern angesehen und auf Grund 



1) Hieraus erkliircD sich auch die von Atitv au demselben Präparate gefun- 
denen Thatsachen über den Eintluss verstiiiedener Stromstärken , vor allem die 
Thatsache, dass, nach der Ausdrucksweise von Aebv, bei Zunahme der Strom- 
stiirkc sicli der Gegensalz zwischen positisem und uegaliviMii Poh- inimei mehr 
\er\visrhl. 



Pchpr Roiziiiiü (Irr Miiskcitiiscr dnirb di'ii rnnsliinton Strom. ;*ül 

dieses MissNersliiiulnisses eine Ueiiie unriehliiiei' Belr;iclilun!^en niiijc- 
stcllt, die einzeln zu \viderlec;en wir uns ersparen können. 

Endlich hat Aeby noch zeitmessende Versuche angestellt. Die einen 
dieser Versuche wurden an dem oben beschriebenen Präparate ange- 
stelh, welches aus zwei durch das Becken verbundenen Oberschenkeln 
bestand. Es zeigte sich, wie nach dem oben Gesagten auch gar nicht 
anders zu erwarten war. dass beide Schenkel genau gleichzeitig zu zucken 
begannen. — Eine zweite Reihe von zeitmessenden Versuchen wurde 
im Wesentlichen nach der BEzoLDschen Methode angestellt. Doch be- 
nutzte Aeby statt eines Muskels zwei : es waren die Adductoren des 
Frosches oder die Schultorblattheber dos Kaninchens. Sie wurden >^frei 
präparirt und vermittelst des zwischen ihnen liegenden Skeletab- 
schnittes durch eine Klemme befestigt. Jedem der beiden Muskeln 
wurde einer derMyographionhebel angehängt und am freien Ende einer 
der Leitungsdrähte zugeführt Dadurch wurde das untere Ende des 
einen Muskels positiv, das des andern negativ, während das obereEnde 
natürlich entgegengesetzte Verhältnisse darbot.« Hier verwechselt also 
Aeby die Pole des Präparates nicht mehr, wie in den früheren und den 
eben vorausgegangenen Versuchen , mit den Polen der Muskelfasern. 
Beide Möskeln wurden durch eine Klemme dergestalt in zwei Hälften 
zerlegt, dass nur die untere Hälfte ihre Thätigkeit auf den Apparat zu 
übertragen vermochte. Aus leicht ersichtlichen Gründen musste sich 
nun ein zeitlicher Unterschied im Anfang der Zuckungen beider zeich- 
nenden Muskelhälften ergeben, wenn bei Schliessung und Oeffnung des 
Stromes die Reizung nur an einem Pole stattfand. »Das Resultat war 
in zahlreichen Versuchen ein durchaus constantes. Bei keiner Reizungs- 
grösse Hess auch nur der geringste Unterschied in dem zeitlichen Beginn 
der beiden Zuckungen sich wahrnehmen.« -^ Wir heben zunächst her- 
vor, dass dieser letzte Satz mit Aeby's eigenen Angaben in Widerspruch 
steht. Denn Aeby gibt selbst zu , dass bei schwächeren Strömen die 
Schliessungserregung nur von der negativen Elektrode ausgehe. Er 
hätte also wenigstens bei kleineren «Reizungsgrössen« einen zeitlichen 
Unterschied wahrnehnien müssen. Vielleicht war aber auch in diesen 
Versuchen der Muskel an der eingeklemmten Stelle todtgequetscht und 
damit dei" obere Pol jedes Muskels vom Becken nach der Klemme ver- 
legt. Auch wepn nur ein Theil dei- Fasern durch die Klemme todtge- 
quetscht war, musste für diese Fasern w enigstens der obere Pol an der 
Klemme liegen, und es hing von der Grösse der reizenden Dichtigkeits- 
schwankung des Stromes an dieser Stelle ab, ob hier Erregung statt- 
fand. Falls die Fasern aber hier erregt wurden , mussten natürlich 
beide Schreibhebel .^ich gleiclizeitig zu IioIxmi beginnen. — Man könnte 



3()2 Dr. Tli. W. Kiiuelmrtiiii. 

.nuch (hnvin denken, dass dielVIuskeln nicht stark genug mit Curare ver- 
giftet waren, um so mehr, als Aeby von der, allerdings selbstverständ- 
lichen Vergiftung nichts erwähnt. Wie dem auch sei, wir sehen, dass 
auch durch diese Versuche der Beweis nicht streng geliefert ist, den 
Akby geben wollte, und dass ihre Resultate ebenso wie die der anderen, 
auf falschen Voraussetzungen fussenden Experimente von Aeby sich 
unter der Annahme erklären lassen, dass im frischen Muskel die Schlies- 
sungserregung nur an der negativen, die OefFnungserregung — von der 
wir, da sich alles darauf Bezügliche von selbst ergibt, nicht weiter ge- 
redet haben — nur an der positiven Elektrode stattfinde i). — Die 
Frage, wie sich beim ermüdeten und absterbenden Muskel diese Ver- 
hältnisse ändern, muss weiteren Untersuchungen zugewiesen werden. 

Es bleibt uns nur noch Übrig, einige neue Versuche zum Beweise 
des von uns vertheidigten Satzes mitzutheilen. Das Princip dieser Ver- 
suche ist nicht neu. Es ist im Wesentlichen dasselbe, welches von Be- 
zoLD zur Entscheidung unserer Frage angewendet wurde. Doch brauch- 
ten wir nicht das HELMHOLxz'sche Myographien , sondern ein gewöhn- 
liches Kymographion in Verband mit der Stimmgabel als Chronoskop. 
Beifolgender Holzschnitt wird die Versuchsanordnung am Besten er- 
läutern. 




Fig. 1. 



1) Die Versuche vonCHAuvEAu, auf welche Aeby anspielt, .waren mir unbe- 
kannt geblieben und erst Herr Chauveau selbst machte mich bei seinem Besuch 
in Utrecht im September 1867 auf sie aufmerksam, als ich ihm meinen Sarlorius- 
versuch zeigte. Die CHAuvEAu'schcn Versuche, unter denen mehrere sehr instruc- 
tive si(;h befinden, leiden an denselben principiellen Fehlern wie die von Aeby: kein 
einziger von ihnen beweist, dass bei starken^Strömen die Schliessungserregung 
(luch an der Eintrittsstelle des Stroms in die Muskel- oder Nervenfaser statthabe. 



lieber Kpjziiiiii dfi Muskt'llasci (IiiitIi iIph ( oiislaiiteii Strom. 303 

CC ist der mil oinoiu herusston Pa|)ierI)üü;on überzogene Cyliiuler 
(los Kyniographions. Der Cyliiuler ist ausser Verband mit dem Uhr- 
werk gesetzt und kann mitderlland gedreht werden. Auf der berussten 
Papierlliiche werden von drei feinen Spitzen dicht Übereinander drei 
Curven gezeichnet. Die oberste Spitze gehört zum Muskel hebel h und 
verzeichnet die Zuckungscurve. Auf der n)illleren Curve, zum Inter- 
ruptor / gehörig, wird der Moment der Reizung verzeichnet. Die untere 
Feder, an einem Arm der Stimmgabel .<; befestigt, regislrirl die Zeit. 

Die Reizung geschieht in folgender Weise. Von der Kette A führt 
ein dicker, kurzer Kupferdraht zur Säule a eines Unterbrechers, wiesle 
an den Schliltenapparaten von di' Bois sich befinden. Von hier geht 
der Strom durch die Feder / nach der Platinspitze 6 und von da durch 
einen dicken, kurzen Kupferdraht nach dem Quecksilbernäpfchen c, von 
wo der Strom nach der Kette zurückkehrt. Der Strom kann nur bei 
b unterbrochen werden, indem die Feder i niedergedrückt wird. Dies 
kann in bekannter Weise geschehen , indem man das weiche Eisen m 
durch den Strom einer starken Kette magnetisch macht. Es genügt aber 
auch, die Feder i mit dem Finger oder einem Stäbchen rasch nach unten 
zu drücken. Im Moment, wo dies geschieht, und damit der Contact von 
6 und « aufhört , ergiesst sich der Strom in die Nebenschliessung , in 
welcher sich der Muskel befindet. Der Strom geht dann von a durch 
die Wippe IV zum MuskclJ/, durchfliesst diesen in seiner ganzen Länge, 
geht zurück zur Wippe und durch das Quecksilbernäpfchen wieder 
zur Kette. Der Muskel M, der Sarlorius eines mit starker Dosis Curare 
vergifteten Frosches — wird am oberen F^nde (/ durch die breite Kloiimio 
meines Muskclhalters ') fixirt. An einer bestimmten Stelle seiner Länge 
wird er durch die schmale Klemme A' desselben Instrumentes vorsichtig 
soweit eingeklemmt, dass bei alleiniger Zuckung des oberen Muskel- 
slücks der Hebel h sich nicht bewegen, die Erregung sich aber durch 
die eingeklemmte Stelle fortpflanzen kann. Das untere Muskelstück zieht 
an einem leichten Schreibhebcl von Holz, der sich bei x um eine feste 
horizontale Axe dreht. -Ein dünner Kaulschukslreifen, der dicht bei x 
cjuer über den Hebel ausgespannt wird, in der Figur aber nicht ange- 
deutet ist, sucht den Hebel nach abwärts zu drücken und erlaubt so, 
das schreibende Muskelstück durch Heben oder Senken der Klemme k 
bis auf seine normale Lance auszudehnen. 



1) Eine Beschreibung undAbbildung dieses kleinen Fnsliunnentes findet sich in 
dei- Arbeit von Dr. T. Place, de contracticgolt der willekeurige spiercn. Nederl. 
Ar Chief voorgenees-ennaluurk. D. III. 1867. p. 239. — S. auch . Onder- 
zockingen, gedaan in hei physiologisch laboratorium der ülrecht'sche hoogeschool. 
1867—68. 



304 "i- "i« ^^- l'.nat-'liiiiiiiii. 

Vor Beginn des Versuchs sorgt man, class die drei schreibenden 
Spitzen hei rahendem Cylinder genau in einer vertikalen Linie über- 
einander stehen. Ist dies der Fall, so wird die Stimmgabel, durch 
rasches Hervorziehen eines zwischen ihre Arme geklemmten Holzklötz- 
chens, in Schwingung versetzt, der Cylinder rasch um etwa 90 bis 180'' 
gedreht und während der Bewegung des Cylinders der Strom bei b 
unterbrochen. Nun wird die Wippe umgelegt, Stimmgabel und Cylinder 
wieder in Bewegung versetzt und die Feder i wieder niedergedrückt. 
Man erhält so, rasch nach einander, zwei Zuckungscurven. Bei der zweiten 
Reizung fliesst der Strom in entgegengesetzter Richtung als bei der 
ersten durch den Muskel. Findet nun die Erregung bei Schliessung des 
Stromes auf der ganzen intrapolaren Strecke statt, so muss in beiden 
Fällen die Zeit zwischen Moment der Reizung und Beginn der Zuckung 
des schreibenden Muskelstücks gleichlang sein, nicht aber, wenn die 
Erregung nur von einem Pole ausgeht. Liegt der positive Pol am un- 
teren Ende des zeichnenden Muskelstücks, dann muss die Schliessungs- 
zuckung selbstverständlich später kommen, wenn die Erregung nur am 
negativen Pol geschieht. Denn sie muss sich dann durch die ganze 
Länge des zwischen den Klemmen befindlichen Stückes und durch die 
untere Klemmstelle selbst fortpflanzen, ehe sie zum schreibenden Muskel- 
slück kommt. 

Die Versuche, welche ich hierüber angestellt habe, beweisen, dass 
selbst bei Schliessung starker Ströme die Erregung in der frischen 
Muskelfaser nur an der negativen Elektrode geschieht. Zum Beweise 
dafür habe ich hier die Anfangsstücke von vierCurven abdrucken lassen, 
welche von ein und demselben Sartorius rasch nach einander gezeichnet 
sind. Der erregende Strom ward von drei hinter einander verbundenen 
kräftigen DxNiELL'schen Zellen geliefert, und gab maximale Schliessungs- 
zuckung. Das zwischen den Klemmen befindliche Stück war 7 Mm. 
lang. Bei der ersten und dritten Reizung lag die positive Elektrode, bei 
den beiden anderen Reizungen die negative Elelitrode am unteren Ende 
des schreibenden Muskelstücks. Die Stimmgabel machte 250 Schwin- 
gungen in der Secunde. 

Was lehren nun die Curven ? Bei Curve 1. liegen zwischen Mo- 
ment der Reizung und Beginn der Zuckung 5.7 Stimmgabelschwingungen 
= 0.023 Secunden, bei Curve IL nur 4. 3 == 0.017 Secunden, bei Curve 
Hl. 6.5 = 0.026 Secunden, bei IV. wieder nin- 1.3 = 0.017 Se- 
cunden. — Diese Zahlen bestätigen vollkommen das von uns ver- 
theidigte Gesetz. Denn wenn in Curxc 1. die Erregung, wie wir an- 
nehmen, am oberen Ende des nicht schreibenden Muskelstücks stattfand, 



Ijpber Reizniif!,' der Miiskcitiisn ilmcli den (■(iiistiUitiMi Sliniii. 



305 



diinn niussto sio ein 7 Mm. langes 
Muskelslüek durchlaufen , bevor sie 
sich am Hebel verrathen konnte. In 
der That beginnt die Zuckung in 1. um 
D.OOfiSecunden später als inCurvell., 
wo die Reizung nach unserer Vorstel- 
Uing allein von dem unteren Ende des 
schreii)enden Muskelstiicks ausging';. 
In Curve 111., wo die Rei/Aing wieder 
am oberen Ende des nicht zeichnenden 
Muskelabschnilts geschah , dauert es 
noch 0.003 Secunden länger als bei 1., 
also 0.009 Secunden länger als bei IL, 
ehe die Zuckung beginnt. Diese grös- 
sere Verzögerung ist offenbar den Ver- 
änderungen des Muskels an der ein- 
geklemmten Stelle k zuzuschreiben. 
In Folge der fortdauernden Quetschung 
wird das Leitungsvermögen für die 
Erregung an der geklennnten Stolle 
verschlechtert: die Erregung braucht 
längere Zeit um sich durch eine ge- 
quetschte, als um sich durch eine gleich Pi,, ., 
lange, normale Muskelstrecke hindurch 

fortzupflanzen. In IV. dagegen beginnt die Zuckung wieder, wie in II., 
0.017 Secunden nach der Reizung: denn hier, wo die Erregung, nach 
unserer Annahme, wieder am unteren Ende des schreibenden Muskel- 
stücks stattfand, konnte sich der schädliche Einfluss der Klemmstelle 
nicht mehr äussern. 

Wir lassen uns an diesem einen Beispiel, dem wir leicht weitere 
beifügen könnten genügen. Was unser Versuch am gespaltenen Sarto- 
rius für schwache Ströme bewies, gilt nach diesen zeitmessenden Ver- 
suchen auch für starke Ströme. Wir halten den Satz, dass im frischen 
Muskel Schliessungserregung nur am negativen, Oeffnungserregung nur 
am positiven Pole stattfinde, um so strenger aufrecht, als es immer wahr- 
scheinlicher wird, dass dieser Satz nur ein specieller Fall eines allge- 




1) Aus der Zeit von 0.006 Secunden ergibt sich zugleich die Fortpflanzungä" 
geschwindigkeil der Erregung im Muskel, unter den geschilderten Versuchshedin- 
gungen zu 1.17 Meter in der.Scoundc. Diess stimmt mit den Angaben vouAehv und 
V. Bezoli) gn( ül)eiPin. 

Ba.iil l\. 2. iO 



306 Dr- Th. W. Engelmanii, lieber Reiz. d. Muskelfaser etc. 

meinen Gesetzes ist, welches für alle reizbaren Elemente den Ort der 
Schliessungs- und Oeffnungserregung an die Ein- und Austrittsslelle 
des Stroms verlegt. Wir erinnern hier an die Beobachtungen von Kühne i) 
über den Einfluss constanter Ströme auf gewisse Protoplasmakörper 
(Actinophrys z. B.), und fügen hinzu, dass auch für die Flimmerzellen 
einige Thatsachen, die neuerdings -) an das Licht gekommen sind , es 
in hohem Grade wahrscheinlich machen, dass diese Elemente demselben 
Gesetz gehorchen. Schickt man nämlich durch Flimmerzellen einen 
Constanten Strom, so beschleunigt sich bei der Schliessung und bei der 
Oeffnung des Stroms die Bewegung der Cilien. Schliesst man nun un- 
mittelbar nach der Oeffnung den Strom in umgekehrter Bichtung durch 
die Zellen, so beschleunigt sich die Bewegung viel stärker als wenn man 
den Strom in der gleichen Richtung wie vorher wieder schliesst. Diese 
Thatsache erklärt sich sehr einfach, wenn man annimmt, dass jede Zelle 
da, wo der Strom in sie eintritt , in einen Zustand von herabgesetzter 
Erregbarkeit (Anelektrotonus) , da wo er sie verlässt, in einen Zustand 
erhöhter Erregbarkeit (Katelektrotonus) versetzt wird ^), und wenn man 
weiter annimmt, dass die Schliessungserregung auf dem Entslehen des 
Katelektrotonus , die Oeffnungserregung auf dem Verschwinden des 
Anelektrotonus beruhe. 

Da es jetzt möglich ist ^), unter den verschiedensten Bedingungen 
am Mikroskop mit unpolarisirbaren Elektroden zu reizen, würde es eine 
lohnende und nicht schwere Aufgabe sein , auch andere reizbare Ele- 
mentarorganismen der Untersuchung zu unterwerfen. 



1) Unleisuchungen über das Protoplasma und die Contractilität. 1864. 

2) Over de trilbeweging. II. In Nedeil. Archief voor genees-en natuurk. D. 
IV. 1868. p. 107 flgde. 

3) Natürlich könnte auch die Rolle der Pole die umgekehrte sein. 

4) Vergl. Centralblatt f. d. med. Wiss. 1868. Nr. 23. — Over de trilbeweging. 
In: Nederl. archief voon genees-en natuurk. D. III. 1867. p. 307. — Ibid. D. IV- 
1868. p. 60 flgde. 



Zur Lehre von der iXerveiidiguiig hn Muskel. 

Von 

Dr. Th. W. Engelmann 

in Utrecht. 



Vor einigen Jahren ') machte ich darauf aufmerksam, dass gewisse 
Muskeln der Kiifor Trichodes apiarius und alvearius Nervenendplatten 
von übeiraschendcr Grösse und Zahl besitzen, und dass man an diesen 
mit grösster Leichtigkeit den Uebergang des Neurilemms ins Sarkolemm, 
d. h. die intramusculäro Lage der Endplatte demonstriren könne. Da 
die genannten Küfer aber nicht überall leicht zu beschaffen sind , halte 
ich es der Mühe nicht für unwerth , hier auf andere Objecte die Auf- 
merksan)keit zu lenken, welche die erwähnten Verhältnisse wenigstens 
ebensogut zeigen und zugleich vom Frühling bis zum Herbst überall in 
Menge zu haben sind. Es sind die Raupen vieler Schmetterlinge , so- 
wohl die von Tag- und Nachtfaltern als die von Mikrolepidoptern. Fast 
alle Arten von Raupen sind günstige Objecte ; bei weitem am besten 
scheinen aber die glatten, unbehaarten Raupen kleinerer Nachtschmel- 
terlinge (Noctua und viele andere Gattungen) zu sein. Hier sind die 
Endplatten an der ganzen Rumpf- und Extremitätenmusculatur enorm 
entwickelt. Die einfachste Art, ein gutes Präparat zu bekommen, be- 
steht darin, dass man der Raupe ein Bein (am besten eins der stumpfen 
Hinterbeine) abschneidet und dasselbe in einem Tropfen Kochsalzlösung 
von I — i,ö"/„ nut zwei Nadeln in kleine Stückchen zerzupft. Bringt man 
das Präparat nun unter das Mikroskop, so sieht man sogleich die quer- 
gestreiften Muskelfasern, die nur von ihren Nerven , hie und da auch 
von Trachoenästchen zusammengehalten werden. Nicht selten ist das 
Erste, was man sieht, ein prächtiger Nervenhügel ; immer aber findet 
man wenigstens nach kurzem Suchen dann eine grosse Anzahl von 
Nervenhügeln in den verschiedensten Lagen, darunter stets gute Flachen- 



1) Vergl. diese Zeit soll ritt isfit Bd. I. p. 321. 

20 * 



308 Hr. Tli. W. Kiioeliniuin, 

und Profilansichten. Da das Anfertigen des Präparats bei einiger 
Uebung nicht mehr als 10 bis 15 Secunden Zeit nimmt, bekommt man 
Nervenhiigel immer zur Ansicht, wenn die Muskelfasern noch zucken, 
oder wenigstens zuckungsfahig sind. Dieser Umstand in Verband mit 
der ausserordentlichen Grösse der intramusculären Nervendigung machen 
unser Objeel besonders geeignet zu Reizversuchen. Wir finden vielleicht 
später Gelegenheit, hierüber Einiges mitzutheilen. Hier möge nur eini- 
ger anatomischer Verhältnisse Erwähnung geschehen. 

Wenn es gleich der Mühe nicht mehr werth erscheint, neue Be- 
weise für die intrau)usculäre Lage der Nervenendigung beizubringen, 
möchte doch der folgende Versuch, der diesen Beweis in einer beson- 
ders sprechenden Weise führt, Mittheilung verdienen. Untersucht man 
ein auf die eben geschilderte Weise hergestelltes Präparat von Raupen- 
nmskeln, so findet man stets eine Anzahl Muskelfasern, welche nur an 
einem Ende noch auf der chitinisirten Grundlage festsitzen, mit dem 
andern Ende aber, das durch Schneiden oder Reissen geöffnet ist, frei 
in die Flüssigkeit hineinragen. Der Inhalt dieser Muskelfasern ist meist 
geronnen. Man sieht den Gerinnungsprocess von der Rissstelle aus nach 
dem andern Ende der Muskelfaser zu fortschreiten. Zum Versuch wählt 
man eine dieser Fasern, welche einen Nervenhügel im Profil zeigt, und 
bringt diesen in den Focus des Mikroskops. Nun lässt man plötzlich 
einen starken Strom Salzsäure von 0,1 ^o unter das Deckglas fliessen. 
Im Moment, wo die Salzsäure die Muskelfaser erreicht, erblasst diese 
(nachdem sie vorher durch Gerinnung dunkler geworden war), schwillt 
ungemein stark auf, der ganze Inhalt des Muskelrohrs strömt aus dem 
offnen Ende des Sarkolemraaschlauchs und reisst die Endplatte mit sich 
heraus. Nach einigen Secunden liegt der ganze Muskelinhall, ein quer- 
gestreifter gesch\^ ollner Cylinder vor der Oeffnung des leer zurück- 
bleibenden Sarkolennnaschlauchs ; auf dem ausgeflossenen Cylinder reitet 
die gleichfalls etwas geschwollene und erblasste Endplatte. Zuweilen 
sitzt an dieser noch ein Stück der Nervenfaser an, das durch die Gewalt 
des Stroms aus seiner Scheide herausgerissen ward und nun gleichfalls 
den Weg durchs Muskelrohr machte. Besessen die Flüssigkeilen die 
richtige Goncentration, so erfolgt das Ausfliessen des Muskelinhalts und 
der Endplatte so rapid, dass man an das Abschiessen eines Geschützes 
erinnert wird. In andern Fällen, besonders wenn die Säure ein wei.ig 
zu stark ist, strömt der Inhalt langsamer aus. Man kann dann oft den 
ganzen Process, vom Losreissen der Endplatte von ihrem Nerven an 
bis zum Austritt derselben aus dem offnen Muskelrohr verfolgen. An- 
fangs wird die Endplatte durch den stärker schwellenden Muskelinhalt 
etwas abgej)lattet und gegen die Hügelmembran angedrückt. Ist die 



Zur f. ehrt' vnii Hör Ncwnidiiriinu im Muskel. 300 

Nervenfaser tjeradc an der EinlriUsslello in den Hiii^el abgerissen und 
hierdurch in der llUgehncinhran ein Loch onlslanden, so kann einThei' 
der EndphUte durdi dieses Loch ausgetrieben werden, ja, wenn das 
Muskelrohr an beiden Enden geschlossen ist oder nur einen kleinen 
Riss besitzt, kann es geschehen, dass die gesaniinte Endplatte und hinter 
ihr her ein grosser Theil derMuskelsubstan/ durcii das Loch im Nerven- 
hügel heraustritt. Gewöhnlich reisst aber der Nerv in einiger Entfer- 
nung vom Nervenhügel ab und dann vermögen die elastischen Kräfte 
desSarkolemms bei geschlossenem Muskelrohr nicht, den geschwollenen 
Inhalt der Faser durch die enge Nervenröhre herauszutreiben. DieEnd- 
plalle wird dann nur an die Hügelmembran angcpresst. Wenn aber 
die Muskelfaser am einen Ende offen ist, beginnt der Muskelinhalt lang- 
sam auszullicssen. Die fliessende Masse zerrt an der Endplalte und 
sucht sie mit sich zu nehmen. Die Platte wird dadurch gedehnt und 
i-eissl endlich ab, entweder oben an der Eintrittsstelle des Nerven, oder 
unten, wo sie auf dem Muskehnhalt aufliegt. Zuweilen reisst sie auch 
mehr in der Mitte durch. Reisst sie vom Nerven ab, so sieht man sie 
sogleich aus dem Nervenhügel in das Muskelrohr und hier dicht unter 
dem Sarkolemm hingleiten , bis sie zum offnen Ende des Sarkolemma- 
schlauchs heraustritt. — Fliesst der Muskelinhalt sehr langsam aus, 
dann bleibt die Endplatte in derRegel am Nerven hängen und tritt nicht 
aus dem Nervenhügel heraus. — Der Sarkolemmaschlauch zieht sich, 
indem der gequollene Muskelinhalt herausfliesst, vermöge seiner Elasti- 
cität stark zusammen und bildet dann eine ziemlich dicke, glashelle, 
gefaltete Röhre, deren offene Communication mit dem gleichfalls dicken 
Nervenrohr, selbst bei ganz schwachen Vergrösserungen, (^^Yi)' ^^^ 
l'rofilansichten in unübertrefflicher Klarheit zu übersehen ist. Kommt 
es blos darauf an, zu zeigen, dass die Membran des Nervenhügels und 
die Nervenscheide gleichsam nur Ausstülpungen des Sarkolemms sind, 
so nimmt man statt der Salzsäure verdünnte Kalilauge. Hier bleiben 
mir die leeren Scheiden zurück. Leicht würden sich von solchen Prä- 
paraten überzeugende Photographien anfertigen lassen. 

Beim Herstellen des Präparats , durch Zerzupfen mit Nadeln , ge- 
schieht es zuweilen, dass der ganze Nervenhügel von der Muskelfaser 
abreisst und wie eine Glocke am Endo der Nervenfaser ansitzt. Hier ist 
das Sarkolemm also in dem Umfang durchgerissen, wo es zur Membran 
des Nervenhügels wird. Wenn man sieht, dass so etwas selbst bei einer 
so dicken Haut wie dem Sarkolemm der Raupenmuskeln geschehen 
kann, wird man sich nicht wundern, wenn dasselbe auch bei Wirbel- 
thiermuskeln zuvveilen vorkommt ; man wird sich dadurch aber nicht 



310 Pi- Tli. W. Riifft'lmiimi. 

wie ein neuerer Schriflsleller zu der Annahme verleiten lassen , dass 
der Nervenhügel blos aussen auf das Sarkolemm aufgeklebt sei. Dass 
auch die Endpialtcn der Reptilien , Vögel und Säugethiere unter dem 
Sarkolemm liegen, davon wird man sich allmähhch allgemein überzeu- 
gen, wenn man ganz frische, möglichst gut isolirte Muskelfasern unter- 
sucht oder sie wenigstens nicht mit Flüssigkeiten behandelt, die den 
Muskelinhalt fest und dunkel und damit scharfe Contouren machen, wo 
während des Lebens keine sind. 

Ein zweiter Punct , der hier noch zur Sprache kommen soll , ist 
der feinere Bau des Nervenhügels. Wir alle hatten, von der ganz ab- 
weichenden Auffassung Krause's abgesehen , bei der ersten Unter- 
suchung angenommen, dass dieEndplatte, eine protoplasmaartige Masse, 
die unmittelbare Verbreiterung des Axencylinders sei. Erst Kühne 
fand bei wiederholter Untersuchung, dass man an der Endplatte zweierlei 
unterscheiden könne : eine verästelte , oft netz- oder plattenförmige 
Ausbreitung des Axencylinders und eine granulirte, gleichsam als Sohle 
für diese dienende Masse mit Kernen. 

Nur wenige Beobachter haben seitdem ihre Aufmerksamkeit dieser 
Ausbreitung des Axencylinders im Protoplasma des Nervenhügels zuge- 
wandt. Einzelne scheinen sie gar nicht gefunden zu haben, andere wie 
RouGET und KöLLiKER erklären sie für ein Kunstproduct. Ich kann mich 
in dieser Frage nur auf Seite Kühne's stellen. Am besten eignen sich 
die grossen Nervenhügel der Schlangen und Eidechsen zu einer ent- 
scheidenden Untersuchung. An ganz frischen Muskelfasern eben ge- 
tödteter Thiere sieht man indessen — worin ich im Widerspruch mit 
Kühne bin — bei keiner Art der Beleuchtung die Verästelung des Axen- 
cylinders im Nervenhügel deutlich , mag man auch die stärksten Im- 
mersionssysteme gebrauchen. Zuweilen nur erkennt man die erste Gabel- 
theilung des Axencylinders in der Nähe der Eintrittsstelle ; der übrige 
Inhalt des Hügels erscheint matt, kaum körnig. Darin liegen einige 
mattglänzende, ellipsoidische Bläschen mit centralem Kernkörperchen, 
die Kerne des Protoplasma und in der Membran des Nervenhügels 
einige kleinere, ebenfalls matte Kerne, in der Regel ohne Kernkörper- 
chen. Nach einiger Zeit, oft erst nach Stunden tritt die baumförmige 
Ausbreitung des Axencylinders im Hügel deutlicher hervor; sie erscheint 
anfangs ohne Varicositäten und Ausbuchtungen, nur als ein mati glän- 
zendes Astwerk üichotoniisch vertheilter Streifen von ziemlich ver- 
schlungenem Verlauf, die sich rückwärts bis in den Axencylinder der 
markhaltigen Nervenfaser verfolgen lassen. Nach dem Ende zu werden 
sie feiner und scheinen ohne Grenze in das Protoplasma des Hügelsi 
überzugehen. Wartet man noch länger, dann verlieren die blassen 



Zur I/Cliic von der Ncivnijiiüiinii; im Muskel. 31 1 

Fasern ihre parallelen Conlouien , schnüren sich vielfach ein, liildcn 
später Tropfen, auch Schleifen und dann ähnelt das Bild im Neiven- 
hUgel einer vielfach durchbrochenen und ausgebuchtelen Platte. In 
diesem Zustand ist das ganze Gebilde am Deutlichsten. Lässt man eine 
Schlange (Tröpidonotus natrix) oder Eidechse, nachdem man sie durch 
Zerstörung des Gehirns getödlet hat, einen Tag lang liegen , so zeigen 
dann fast alle Nervenhügel, wenn man sie in Kochsalz von 0,5% unter- 
sucht, die Ausbreitung des Axencylinders in der letzterwähnten Form. 
Später unterliegt die letztere noch weiteren Veränderungen : die Fasern 
schnüren sich mehr und mehr ein und zerfallen e'ndlich in einen Haufen 
Tropfen, aus dem die ursprüngliche Form des Organs nicht mehrheraus- 
zikennen ist. Diese Tropfen können auch unter sich wieder zum Theil 
verschmelzen und grössere Vacuolen bilden. — Nach der Untersu- 
chung möglichst frischer Präparate kommt es mir demnach nicht wahr- 
scieinlich vor, dass die Ausbreitung des Axencylinders jemals die 
Form einer durchbrochenen ausgebuchteten Platte besitze ; ich halte 
diese Form für ein Kunstproduct, entstanden aus theilweiser Ver- 
klebung , Verschmelzung und Abschnürung einzelner Zweige der 
baumartigen Verästelung des Axencylinders. Diese Zweige gehen 
wahrscheinlich ohne Grenze in das Protoplasma des Hügels über; doch 
lässt sich das mit den jetzigen Mitteln nicht entscheiden. — Auch an 
den grossen Nervenhügeln derRaupcnmuskeln kann man, wie ich mich 
vor längerer Zeit schon überzeugte, eine Fortsetzung des Axencylinders 
in der körnigen Masse des Hügels unterscheiden. Oft treten zwei, ja drei 
Axeacylinder mit der Nervenfaser in den Hügel und laufen nun , was 
Bttan an frischen in möglichst indifferenten Flüssigkeiten liegenden 
Präparaten sehen kann, erst im oberen oder mittleren Theil des Hügels 
eint Strecke weit hin. Dann theilen sie sich ein oder einige Male nach 
einander^n kleine Zweige, die gewöhnlich nach unten laufen und sich 
im Protoplasma des Hügels verlieren. Nach längerem Liegen zerfallen 
auch diese Fasern in Tropfen. Sie sind übrigens viel dünner als die ent- 
spredienden Fasern im Nervenhügel der Schlangen und nehmen, wie 
es sei eint, ein relativ kleineres Volum der im Hügel liegenden Masse ein. 



K I e i II e 1* e M i i 1 li e i l u ii gen. 



Zur forensischen Diagnose des diescblechts. 

Von 

B. S. Schnitze. 

Bis in die neueste Zeit hinein hat wohl keine Branche des medicinischen \^Ss- 
sens so zahlreiche Irrthümer mit sich geschleppt, als die gerichtliche Mediän. 
So traurig die Thatsache, so plausibel die Gründe derselben. 

Keine Branche der Medicin weiset in ihrer praktischen Ausübung den Einzelnen 
in gleichem Grade auf subjective Kritik an, und bei Ausübung seines medicinischen 
Specialfaches ist der Praktiker, wegen des enormen Umfanges der Disciplin, so 
oft darauf angewiesen, sein Urtheil auf Beobachtungen Anderer zu basiren. Nun 
ist aber drittens — und das ist weniger in der Natur der Sache begründet — gegen 
allen sonstigen Gebrauch in der gerichtlichen Medicin zum Theil noch heute ütlich, 
Urtheile für Beobachtungen zu registriren ; da kann sich natürlich einirrthum lange 
halten. 

Von dieser sehr allgemeinen Einleitung zu meinem ganz speciellen Thema. 

J. L. C ASPER, welcher bekanntlich gerade um Ausmerzung von Irrthüfnern 

aus der gerichtlichen Medicin sich bedeutende Verdienste erworben hat, sag'; im 

zweiten Theil seines praktischen Handbuches (Teratologiscber Theil) im CaDitel 

von der äusseren Besichtigung der Leiche (Seite 101 der vierten Auflage von 1864). 

»Das Geschlecht. Dass dasselbe bei ganz von der Verwesung zerstcrten 

»Leichen nicht mehr zu erkennen, ist bekannt. In etwas niedrigerem Fäuhiss- 

»grade ist es zuweilen noch möglich, wenn auch die sexuellen äusseren Wiich- 

»Iheile verschwunden, aus dem geschlechtlichen Haarwuchs noch dasGescllecht 

»des Individuums zu erkennen, insofern der umschriebene Kranz von Haarm auf 

»dem Schamberg das Weib, die wenn auch noch so geringe Fortsetzuig des 

»Haarwuchses vom Schamberg bis an den Nabel hmauf den Mann erweist« 

Ich weiss nicht, und halte es auch für belanglos, es zu ermitteln, ob diisedia- 

gnostische Notiz mit dieser Bestimmtheit zuerst \um Cf^spER oder von einei älteren 

Autorität herrührt; wichtig aber ist es, dass dieselbe vollständig irrig ist. 

Unter etwa 1Ü0 Schwangern und Wöchnerinnen, welche im ersten Halbjahr 
1867 von mir inspicirt wurden, habe ich 5 notirt, bei welchen der Haarwachs vom 
Schamberg bis an den Nabel sich fortsetzte. Die Weiber waren 22, 23, f5, 28—28 
.lahre alt und konnte über diren Charakter als Weiber , da sie gebäreni von mir 
beobachtet wurden, keinZweifi'l sein; auch spreche ich natürlich nicht von einem 
Haarwuchs, wie ihn diellaul am ielon Stellen zeigt, sondern von einemius starken, 



Ueber die rnnslitiilinn oiniffor SilifimnvfrhiniluiißPii plr. '^\^^ 

pisnicntirli'ii Haaron bcstclietitlcn Haarwuchs , der auf 10 Sclirill als solclicr /u 
erkennen sein würde. Unter 33 Weibern, wciclie am 1. d. M. in meinem Inijtilul 
als Pfleglinge sich befanden, waren vier, von 20, 20, 21 und 28 Jahren, bei denen 
starke, pigmentirte Haare, bei zweien derselben etwas entfernt stehend, bei zweien 
ziemlich dicht, vom Schamberg bis zum Nabel hinauf sich erstreckten. Dagegen 
zeigten von 1*0 kraftigen jungen Mannern (Soldaten), welche heut auf die obere 
Grenze des Haarwuchses amSchamberg untersucht wurden, 34, von 19— 22 Jahren, 
eine rundlich umschriebene Grenze des Haarwuchses, ohne jede Fortsetzung gegen 
den Nabel hinauf. Sehr wohl möglich, dass bei Männern in vorgerückterem Aller 
sehr viel häufiger als bei den hier untersuchten die Behaarung vom Schamberg bis 
an den Nabel sich erstreckt. 

Es bleibt ja überhaupt ausser Zweifel, dass beiden meisten Weibern der Haar- 
wuchs des Schamberges rund endet, während er bei den meisten Männern bis zum 
Nabel sich fortsetzt, aber die Häufigkeitder Ausnahmen verbietet, wo 
das Geschlecht eines vorliegenden Körpers zweifelhaft ist, aus 
der genannten Di fferenz irgend ein diagnostisches Motiv zuent- 
nehmen. 

Ob gar am Lebenden bei man;-'elhaft ausgeprägtem (icschlechlscharakter die 
permanente FormdifTerenz dos Haarwuchses zur Diagnose des Geschlechts ver- 
werthet werden dürfe, wie Casper am genannten Orte Th. 1. pag. 86 meint, bedarf 
hiernach keiner Besprechung. 

Jena, den 12. Februar 1868. 



Ifber die Constitution einiger SiliciumTerbinilHngen und Einiges, was sich auf 
das niscliungsgewicht des Siliciums bezieht. 

Von 
A. Qeuther. 

Die Untersuchungen von Friedel und Grafts') und von Friedf.l und Ladenbürg^) 
haben eine grössere .\nzahl neuer Verbindungen des Siliciums kennen gelehrt und 
auf einige dervonWöBLER entdeckten Verbindungen dieses Elements ein neues Licht 
verl)reitet. 

In der Einleitung der ersteren Abhandlung, in welcher vorzüglich die Producle 
beschrieben werden, welche bei der Einwirkung von Siliciumchlorid auf normale 
Kieselsäureäther entstehen und deren Wirkung auf verschiedene Alkohole, sagen Fr. 
und Cr , nachdem sie ^cheerer's neuerer Begründung der Kieselsäureformel = SiO' 
gedacht haben, dass sie nicht gesonnen seien, sich bei der Discussion dieser Argu- 
mente aufzuhalten, glaubend, man werde vielleicht eine hinreichende Antwort in 



1) Annal. de Chim. et de Phys. S. IV. T. IX. p. 5. 

2; Compt rend. T. LXI. p. 792: T. LXIV. p. 84; p. 359, p. 1295 u. T. LXVI. 
p. 339; p 816. 



^ 



314 A. Gfullier, 

der Millheilung von Thatsachen finden, welche mit der Meinung Soheerer's schwer 
zu vereinigen seien Sie erklaren sich dann weiter dahin, dass bei der Frage nach 
dem Mischungsgewicht eines Elementes zunächst den c h e m i s c h e n Betrachtungen 
der Vorrang gebühre, und dass diess eben es gewesen sei , weiches sie veranlasst 
habe die Versuche zu unternehmen, in der Hoffnung sie würden einigen Verbin- 
dungen begegnen , welche durch rein chemische Betrachtungen die Mischungs- 
gewichtsfrage des Siliciums zu entscheiden vermöchten. »Wir glauben« fahren sie 
dann am Schlüsse fort, »dass es uns gelungen ist zu zeigen, dass die einfachsten 
Formeln, welche der Kieselsäure und dem normalen Kieselsäureäther beigelegt 
werden können, sind: SiO" und Si 4(€'H*0), und demgemäss das Atomgewicht des 
Siliciums Si = 28 ist.« 

Es haben dann ferner durch weitere Versuche mit dem Siliciumchlorür ver- 
anlasst, Friedel und Ladenburg die Meinung Wöhler's'j, dass das Silicon »als eine 
nach Art der organischen Körper zusammengesetzte Verbindung betrachtet werden 
könne, in welcher das Silicium die Rolle des Kohlenstoffs in den organischen Kör- 
pern spielt«, nichtbloss soangenommen, sondern sind so weit gegangen, in manchen 
Siliciumverbindungen eine wirkliche Vertretung von Kohlenstoff durch Silicium, 
von C durch Si, zu finden und demgemäss diesen Namen beizulegen, welche den 
ihrer Ansicht nach diesen entsprechenden reinen Kohlenstoffverbindungen nach- 
gebildet sind (Silicichloroform ; dreibas. Siliciameisensäureäther ; Silicononyl- 
alkohol etc.). 

So vollkommen einverstanden ich damit bin, dass bei der Feststellung des 
Mischungsgewichts eines Elementes den chemischen Betrachtungen der Vorrang 
gebührt, ja noch mehr, dass ihnen ganz allein die endgültige Entscheidung darüber 
zukommt, so entschieden muss ich bestreiten : 

1) dass in der Zusammensetzung von all den beschriebenen Siliciumverbin- 
dungen irgend ein Moment enthalten ist, welches die Siliciummischungsgewichts- 
frage, ob U oder 21 (oder ein Multiplum davon) nur im Geringsten ihrer Lösung 
näher zu führen vermöchte und 

2) dass die Annahme einer Vertretung des Kohlenstoffs durch das Silicium in 
den vorliegenden Verbindungen eine gerechtfertigte sei. 

Denn es lässt sich einmal zeigen, dass die Zusammensetzung all der betreifenden 
Siliciumverbindungen durch Formeln mit Si = 21 in gleich einfacher Weise auszu- 
drücken sind und dann, dass die Verbindungen, in denen eine Substitution des 
Kohlenstoffs durch Silicium stattfinden soll als nichts anderes erscheinen wie die 
übrigen, nämlich als einfache Abkömmlinge einer Siliciumverbindung. 

Bevor ich diess näher zu zeigen unternehme, muss ich mir gestatten ein Wort 
über die Bedeutung der oben angeführten Ansicht Wöhler's zu sagen , dass das 
Silicium nach Art der organischen Körper zusammengesetzte Verbindungen zu bilden 
vermöge. Vom gegenwärtigen Standpunct der Chemie aus kann dies weiter nichts 
heissen, als dass ein Zusammenhang, wie er bei den Kohlenstoffverbindungen zwi- 
schen den heterologen oder genetischen, denhomologen und isologen Reihen existirt 
in gleicher oder ähnlicher Weise auch bei den Siliciumverbindungen sich findet. 
Da nun die genetischen Reihen eines jeden Elementes sich-auf ganz gleiche, von 
diesem aber völlig unabhängige und nur durch die mit ihm sich verbindenden anderen 
Elemente bedingte Weise ableiten, so ist klar, dass die Formgleichheit in dieser 



1) Annal. d. Chem. u. Pharm. Bd. 4 27 p. 268. 



Ueber die. roiislidilinii i'iniuor Siliriiinivi'rbiii(liiiigpii clc. 



315 



Ri'ihc niclits über AohnlichVeit oder Unähtilichkcit verschiedener Eletncntc aussagt. 
Dies vermöfjen nur die hom ol opcn und in noch hosliinmterer Weise die iso- 
logen Reihen zu thun. Krst, wenn man für den Kohlenstoff und dasSiiiciuin auch 
die Gieicidieil dieser nadigewiesen liat,\vird manlierechtigt sein sie als chemisch 
ähnliche, in eine Gruppe gehörende, gleichwe rthige Elemente aiizusehoD» 
weiche, wenn nöthig die Annahme einer Vertretung zulassen. Bis jetzt aber kennt 
man keine homologe Reihe von Siliciumverbindungen und von einer isologen Reihe 
nicht mehr als Andeutungen, die ihrerseits aber nicht geeignet sind jene voraus- 
gesetzte Gleichheit zu bestätigen. 

.Mit .Vusnahme des Silicons lassen sich alle hier in Betracht kommenden Sili- 
ciumverbindungen ableiten von einem Siliciumwassersloff n Sij H* oder nSitt', 
nämlich Sii^H** oder Si*H'* ") und zwar in gleicher Weise, wie es sonst auch ge- 
schieht: der Wasserstoff kann nämlich zu gleichen Mischungsgewichten ersetzt 
gedacht werden 1) durch die halogenen Körper, 2) durch Sauerstoff, Schwefel*) etc., 
3) durch die Hydroxyl-Hydrosulfi-Gruppe .• MO", HS^ *) durch andere einwerthige 
zusammengesetzte Radicale, so dass auf diese Weise eutstehen 4. die chlor-, brom- 
elc. haltigen, 2. die Oxy-Sulfi etc., 3 die Hydroxy-IIydrosulti etc. Abkömmlinge 
und *) die Aethyl- etc. Verbindungen. 



Genereller Typus: 



Sil»«» oder Si*«i2 



Silicium Wasserstoff: 
Aetherverbindung : 
Slliciumaethyl: 
etc. 

M n o c h I o r s i 1 i c i u m ae t h y I : 

Siliciumchlorid: 

etc. 
Kieselsäureanhydrid etc. 
Normales Kieselsäur ehydrat: 

etc. 
Aetherverbindungen ; 
Kieselsäureäther: 

etc. 
Gemischte Aelher : 

Kieselsäureaetliylmethyläthci 



etc. 
E s s i g k i e s e I s ä u r e a n h y d r i d . 
Essigkieselsäureäther: 



Sii'H" 

Si,* (€*H*)» 



Si 4 (€'**')' 
Si,4€l« 

Sl,408 

Sil« (H02j» 



Si»Hi2 

Si*(€-H'').»2 

*' (C2H4€1)3 

si4ei'2 

Si4 0'2 

Si4(H02]12 



Sil* (€2 «502,8 Si* (€2 «5 02) 12 



, ^. .(€2tt5 02j6 

., ci* €2H5 02j4 
0] »•» (€143 02)4 

(€2H502)2 
Ci Ml (€«3 02)6 

Si,«(G2«3 0*)« 

Si«(€2«3 0*)2 . 

' (€2 «5 02]« *' 



g.. (€2 «3 02) 9 
*' (€«3 02)3 

.^(€2 «5 02)6 
* (€«3 02j* 

..4(€2«5 02)3 
*' (€«3 02)3 
Si*(€2«3 0«)»2 

*(€2H3 0*)3 

(€2 «502)9 



4) Sil = U; Si = 21. 
IJ.Q = 8; S = 16. 



316 

1. Speciellcr T y puü 



\. (iPiitlipr, 



Unbekannt: "' 

Unbekannt: 

Aetherverbindung : 

T r i a e t h y 1 s i 1 i c i u m o \ y d ; 

etc. 
Unbekannt: 
Aetherverbindung : 
S. g. Siliconony 1 al k oliol : 

S. g. Essigs. Siliconony iaikohoi 






oder Si*„3 



Si4«' 



S i 1 i c i u in h y d r c h 1 o r ü I" ; 
(Siliciumchlorür) 
(Siliciumchloroforme) 
Siliciumbromochlorür; 

Siliciumoxychiorii r: 

Unbekannt: 

Aetherverbindung : 

S.g. TrichlorhydrinvomKieseisäureäther 

S i 1 i c i u m h y d r s u I f o c h 1 o r ü r : 

(Siliciumchlorosulfh drat) 

S ii i c i u m h y d r o \ y d (weisses Oxyd aus Chlorür) 

Unbekannt: 

Niedi'igstes Kieselsa ureh yd rat: 



02 

Sil jjjo2)2 

Si.4 l*^ ** I 
^'1 (€2ft5 02)2 

^'1 (€2^3 04)2 



Sii*g,6 

„, 4{e2M5 02j2 

Sil* e,6 
Sil* ei6 



Si,*; 



Si 4€'' 

S.4(tt02)2 



Si* 



€13 



„. 4(€2«5,fi .i4(€2«5)9 

Sil' n2 SI» ,.3 , 



03 

»' (i402)3 
* (e2H502)3 

Si4(€-H5j9 * 

*' (€2H304)3 



Si4 



H3 

€1» 



Si4 

Si4' 
Si4 



Bf3 

03 

€P 

;4(H02)3 

€19 



..4(C2M502)3 
SI e|9 

S' €19 



Si4 



Si 



W3 

09 
.€13 
*09 



»' 09 



Unbekannt : 

Aetherverbindung ; 

S. g. drei ba sis eher 
Kieselameisensäureäther: 

S. g. d rei basischer 
Kieselpropionsäureäther: 

Unbekannt : 

Aetherverbindung : 

S . g. M n c h 1 r h y d !• i n 

vom Kiesel Säureäther: 

Mittieres Kieselsäurehj drat 

Aetherverbindung : 

6 od . 9 b a s. K i e s e 1 s ä u r e ä l h e r ; 



J42 

Sil*(JJ02;6 
tt2 

Sil* (€2^5 02) R 

o; 4(€2H5)2 
S'l (€2H5 02,6 



€12 

(M02)f 



Si 4ei2 



„. .€12 

O'l (€2tt5 02)6 
02 

S'i*(i402)ti 

S>l*(€2'H5 02)fi 



44'f 

SI (üOi/J 



Si* 



443 

€2H502)9 

*' (€2H502)9 

Si4€13 
»' (M02j9 



€13 
(€2H502)9 

03 

(M02ji 



Si* 



Si*^' 



Si*(€2H602)9 



Ueber die CoiistitiitioK cliiiüt'i Siliciiiinveibiuduiigpn ftr. 



317 



II. vSpecicllcr Typ us 



l'nliekannl : 

etc. 

1 iiliokaiiiit 
Ai'tliei\oil)iii(iuiit; : 

S. t;. 1) ic li lor 1» y d ri u 
\ Olli K i e s e 1 s ü u I' e a l h e I* : 
etc. 

Unbekannt ; 

Aetlicrveihindung. 

2 Proii. aus Monochlorhydiin v. Kieselsäureäther 

und Zinkaolhyl : 

Lnl)okaniit : 






oder Si* 



-.^s; 

s.,^^* 



^.,^W'0-i,* 



Gl« 



Si,4 



(HO--') 






'''•*04 



Hfi 



• ' G16 
*' GI6 



Gl" 



Si« 



H6 

(«02, 



s4 (e^;« 



(G2H502j< 






Lnliokannt : 

AolluMverbindung: 

l'iod. aus d. s. 'j,. Kioselpropionsäureäther und 
Kalihvdrat : 



m 

Si,4(MO-2;2 

6« 

«2 

Si,4(G2tt5 02jä 

0« 



M3 

Si«(«02j:' 
Oß 

»3 

Si«(G2H^>0-')3 
06 



Dioso Zusamiuonslellung und Formulirung zeigt, wie unnöthig die Annahme 
einer Vertretung des Koliienstofl's durch das Silicium oder umgekehrt bei einigen 
dieser Verbindungen ist, die sich alle höchst einfach und ich denke auch nalur- 
geniäss in einen Typus zusammenfassen lassen. Mit der Nothvvendigkeit der An- 
nahme einer solchen Vertretung fällt auch ihre Berechtigung, da Letztere durch 
Nichts, als durch den Hinweis auf einige KohlenstofTvcrbindungen, die sich den 
Körpern hier chemisch analog verhalten sollen, bis jetzt begründet worden ist. 

Dem Typus Sii«H* oder Si«H''- gehört aber nicht an das Sil ic on Wöhler's, 
für das ich früher') die Zusammensetzung Si-0, MO = Si«H204 wahrscheinlich zu 
machen gesucht habe und welchen Wöhler neuerdings die Formel : Si)'2M6 08 bei- 
legt 2), Die erstere Formel wird Sii = 14 angenommen zu Sii'2M«0**. Wäre Wöh- 
ler's Formel die richtige, so würde die Verbindung, von welcher das Silicon deri- 
viite Sii'-W«, Sil '2H'2 oder Sil 12 «6 sein können: 

Si,»2H«4 Si,i2#i2 Si,i2H6 



S'l'^(U02)4 



'^'1 0« Si,i2H02 

0« 
Wäre meine Formel die richtige, so würde das Silicon atn einfachsten als ein 

M« 

Abkömmling vonSii'2H'2, nämlich Sii'2 betrachtet werden können. 

beitle Aimahmen der Zusammensetzung führen also zu Formeln mit <2Sii oder 
wenn man die mögliche Division mit 2 ausführt, wenigstens zu solchen mit 6 Si|. 
Da in den oben angeführten Verbindungen aber 4 Sii ausreichen, so bliebe für das 
Silicon nur die Annahme übrig, es sei der Abkömmling eines siliciumrelcheren 



1) Diese Zeitschrift Bd. II. p. Hl. 

i) Grundriss d. unorgan. Cheniie \L Aull. 1868. [). 121. 



318 A, Geuther, lieber d. fnnslit. ein. Siliciumverb. 

und wasserstoffärmeren vielleicht mit Sii^H^ homologen Kieselwasserstoffs oder 

doch das isologe Glied eines solchen. 

Uebersetzt man aber die von Wühler aufgestellte Formel in eine solche mit 

Si = 21, so hat man, da Si,i2Hfi08 zu Si^HSO* wird : 

WöHLER Geuther 
Silicon Si<H3 04 Si4H2 04 

In diesem Falle kommt man also zu Formeln mit 4 Si d. h. dergleichen Anzahl, 
wie bei den oben angeführten Verbindungen, und zwar wäre dann das Silicon ein 
Abkömmling von Si*H^ oder Si*^^. Der letztere Kieselwasserstoff, auf welchen zu- 
rück meine Formel führt ist aber ein Glied der isologen Reihe vonSi*Hi-, welche 
nach der aus der Zusammensetzung der Verbindungen abstrahirten und in den spe- 
ciellen Typen ausgedrückten Art der Wasserstoffdifferenzirung sich offenbar so 
formirt : 

Si,4H8 oder S\*m^ 

Sii^Mß Si4M9 

S\i*H* Si4H6 

Sii4H2 si4H3 

allgemein: Si|4H2D_m.2 si^H^n-m.a') 
Wäre diese Entwicklungsform der isologen Reihe die einzige, so könnte das 
Silicon, obwohl es als ein Derivat von Si^H*» erschiene und obwohl dieser Kiesel- 
wasserstoff ein Glied der isologen Reihe ist, doch kein Abkömmling von Si^H*" sein, 

M2 

weil die Differenzirung des Wasserstoffs darin nicht nach der Form S\*^a, sondern 
nur nach der Form Si*u3 möglich wäre , das Silicon aber der ersteren Form ent- 
sprechen würde. 

Diese Verhältnisse zusammengenommen mit der Existenz von einigen Silicium- 
verbindungon, die gleichfalls nicht als Abkömmlinge dieser isologen Reihe erschei- 
nen, wie daskryst. SiliciummagnesiumMgSSi- 2) und das daraus entstehende weisse 
Oxyd : Si-HO^ 3\ lassen an die Evistenz zweier Entwicklungsformen, zweier iso- 
logen Reihen denken. Die zweite, nur bei Si = 21 mögliche Form wäre: 

Si*»»2 

Si^Hio 
Si«H8 

Si*H6 
Si««« 
Si4H2 

allgemein : Si«H3n-ra.2 
Beiden Reihen ist ausser Si*«'-' nur noch das Glied Si«H6 gemeinschaftlich. 
Von diesem Glied dieser 2. Reihe würde dann das Silicon, wenn seine Zusammen- 
setzung durch Si*H204 ausgedrückt wird, deriviren. Desgleichen würde das aus 

U2 

denjSillciummagnesium hervorgehende Oxyd in diese Reihe gehören Si«^,Qund das 
Siliciuuunagnesium selbst Si4MgW, während das Siliciumcalcium, aus dem das Si- 
licon sich bildet: Si^Ca^ oderSii4Ca2 der ersteren isologen Reihe angehören würde. 
Ausser dem von Friedel und Ladenbukg durch die Einwirkung von Natrium 
auf den sog. dreibas Kieselameisensäureäther erhaltenen Siliciumwasserstoff: 



i) Vergl. diese Zeitschr. Bd. I. p. 494. 

2) Ebend. Bd. II. p. 208. 

3) Ebend. p. 212. 



AnzeitiP. 319 

Si|<H8 oder Si*JJ'*, welcher in reinem Zuslando an der Luft sich nicht selbst ent- 
zündet, oxistirt, wie ich früher wahrscheinlich gemacht habe, noch ein zweiter im 
freien Zustande von der Zusammensetzung ; Si)*H* oder Si^H*"', der sich bei der 
Zorselzuni; des Siliciummagnesiums bildet'). 

Dem üben Mitgetheiiten zufolge würde Si ^ 21, das Normalhydrat der Kiesel- 
säure Si*0'-, 12 HO, die Kieselsäure also eine 12 basische Säure sein Ob diese 
Korm alle Silicate umfassen kann, wird einer näheren Prüfung bedürfen. 



1) Vergl. diese Zeitschr. Bd. II. p. 218. 



Anzeige. 

Von VincHow's Handbuch der speciellen Pathologie und The- 
rapie ist in 2. Auflage auch die 2. Abtheilung des 5. Bandes erschienen, 
die Krankheiten des Herzensvon Prof. Friedreich und die Krank- 
heiten der Blut- und Lym phge fasse von Prof. Leber t. Friedreich hat 
mit genauer Berücksichtigung der zahlreichen Arbeiten, die auf dem von ihm be- 
handelten Gebiete seit der ersten Auflage publicirt wurden, diese 2. Autlage er- 
gänzt und vermehrt. Irgend erhebliche Aenderungen in den Anschauungen des 
Verfassers und in der ganzen Darstellung sind nicht eingetreten. 

Eine vollständige Umarbeitung hat die zweite Hälfte des Bandes erfahren und 
zwar sind es specieller die Krankheiten der Blutgefässe, deren Darstellung das 
Doppelte des Raums der ersten Auflage einnimmt. Lebert hat zum Theil nach 
seinen eigenen monographischen Arbeiten die früher etwas kurz dargestellten Aneu- 
rysmen besonders ausführlich dargestellt. Auch die Beschreibung der Erkran- 
kungen der Venen hat nicht unwesentliche Erweiterungen und Umänderungen er- 
fahren. So dankenswerth nun auch das Bestreben des Verfassers ist, seine Dar- 
stellung zu einer möglichst vollständigen zu machen, so lässt sich doch kaum 
verkennen, dass seine Bearbeitung ?lie Grenzen, innerhalb deren das Gesammlwerk 
angelegt ist, erheblich überschreitet. Bei sachgemässem Zusammenfassen, prä- 
ciserer Darstellungund Meidung mannichfacher Wiederholungen wäre esunsersEr- 
achtens nach möglich gewesen unbeschadet der Klarheit und Ausführlichkeit auf 

viel geringerem Räume das Gleiche zu leisten. 

Seidel. 



Heber die Flimiiierbewegung. 

Von 

Th. W. Engelmann 

in Utrecht. 
Mit Tafel VI. 



Einleitung. 

Die Bedingungen zu untersuchen , unter welchen die Flimmer- 
bewegung zu St;inde kommt, und die Veränderungen zu ermitteln, 
welche dieselbe bei Aenderung dieser Bedingungen erleidet, war die 
Aufgabe der folgenden Arbeit. Es war wünschenswerth, diese Aufgabe 
in möglichst weitem Umfang anzufassen. In der letzten Zeit hat sich 
die Ansicht immer mehr befestigt, dass alle die sogenannten Gontracli- 
litatserscheinungen, unter ihnen auch die Flimmerbewegung, im We- 
sentlichen unter gleichen Bedingungen stattfinden, alle im Wesentlichen 
durch dieselben Einflüsse begünstigt, durch dieselben Einflüsse ge- 
henmit werden. Die Richtigkeil dieser Ansicht vorausgesetzt, bot sich 
somit die Aussicht, durch möglichst genaue Ermittelung dieser Bedin- 
gungen für eine der genannten Erscheinungen, auch auf die andern 
einiges Licht zu werfen. Zur Lösung dieser Aufgabe schien nun die 
Fliiinnerbewegung vor allen verwandten Bewegungen geeignet, weil 
sie in der Weite der Excursionen , in der Frequenz , mit welcher die 
Schwingungen der Flimmerhaare erfolgen, und in den mechanischen 
Leistungen der thiitigen Flimmerhaare messbare Grössen an die Hand 
giebl. Die Amplitude der Schwingungen lässt sich unter dem Mikroskop 
messen, die Schwingungen lassen sich zählen. Der Grad der Beschleu- 
nigung oder der Verlangsamung der Flüssigkeitsströmung an der flim- 
mernden Oberfläche kann wenigstens in den meisten FäUen in Zahlen 
ausgedrückt \^ erden. Dieser Vortheil, zusammengehalten mit dem re- 
gelmässigen Rhythmus der Bewegungen , welciiei- dem Auge verhält- 
nissmässig feine Aenderungen der Bewegung im Mikroskop zu bemer- 
ken gestattet, ist nicht hoch genug zu schätzen, wenn man weiss, wie 
scliwieiip: os ist, bei andern Bewegungen, z. B. denen des Protoplasma, 

Uli. i\. :<. i\ 



322 Th. W. Engelmaiiii, 

zu entscheiden , ob eine kleine Beschleunigung oder Verlangsamung 
vorhanden, und wenn sie vorhanden, ob sie d^m Einfluss des ange- 
wandten Agens zuzuschreiben sei oder noch in's Bereich der normalen 
Schwankungen falle. 

Trotz dieser Umstände nun, welche die Flimmerbewegung als ein 
so besonders günstiges Untersuchungsobject erscheinen lassen und trotz 
des Umstandes , dass das Phänomen dieser Bewegung nun schon seit 
langen. Jahren bekannt ist, kann man doch nicht sagen, dass mit der 
Lösung unserer Aufgabe bisher viel mehr als der Anfang gemacht wor- 
den sei. — In der bekannten Schrift von Purkinje und Valentin i), 
welche sich besonders über das Vorkommen der Flimmerbewegung 
sehr ausführlich verbreitet, findet man eine Aufzählung von vielen 
Stoffen, von denen angegeben wird, in welcher Verdünnung sie noch 
schädlich auf die Flimmerbewegung wirken. Diese Angaben sind in- 
dess ziemlich unbrauchbar, da die Abstufung der Concentrationsgrade 
eine sehr rohe war: es ist nur von 10-, 100-, lOOOfacher Verdünnung 
u. s. f. die Rede. Es gelten ferner alle Angaben nur für Flimmerhaare 
von Unio und Anodonta. Die Verfasser beschränken sich auf diese 
Muscheln, weil sie in der auch jetzt noch hie und da auftauchenden 
irrthümlichen Meinung befangen waren, dass es für solche Versuche 
gleichgültig sei, ob man das Flimmcrepithel von der Schleimhaut eines 
Wirbelthieres oder von den Kiemen einer Muschel oder sonst woher 
nehme. Sie hätten überlegen sollen, dass die Bewegung von Flimmer- 
haaren, von denen die Einen während des Lebens von alkalischer 
Feuchtigkeit, andere, wie die der Süsswassermollusken, von beinahe 
reinem Wasser , w iedcr andere — die von Seethieren — von starker 
Kochsalzlösung umspült werden , sie hätten überlegen sollen , dass die 
Bewegungen dieser verschiedenen Arten von Flimmerhaaren nicht in 
allen Fällen durch dieselben Einflüsse in derselben Weise verändert 
werden können. So erwähnt denn auch schon Valentin 2) selbst, dass das 
Blut von Wirbelthieren, welches »das beste Erhaltungsmittel der Flim- 
»merbewegung der gleichartigen Geschöpfe sei«, auf die Flimmer- 
bewegung von Muscheln vernichtend wirke. 

Aus den Angaben von Purkinje und Valentin verdient ferner Er- 
wähnung, dass die verlangsamte Flimmerbewegung durch mechanische 
Erschütterung verstärkt werden könne , eine Thatsache, die schon im 



1) Purkinje et Valentin, De phaenomeno generali et fundamenlali motus vibra- 
loiii. Wratislaviae 1835. — Valentin, Artikel Flimnierbewegiing in R. W. H. I. 
pag. 484—516 184ä. 

2) a. a. 0. p. 512. 



Heber die Flimmerbewegiing. 323 

Anfang dieses Jahrhunderts von Steinbuch i) beobachtet worden ist. 
Dass bei hüh(M"en Wärmegraden die Be\veij;ung erlischt, erwälinen die 
genannten Forscher glciclilalls. Sie ivonnlen Flinunerhäute von Säuge- 
thieren und Vögeln »ohne Störung des Phänomens« momentan in Was- 
ser von Sl" Celsius tauchen. wKiemenstUckc von Unio konnten ohne 
»Nachtheil eine halbe bis zwei Minuten in Wasser von 44o bis 41" Cel- 
»sius gehalten werden.« Zwischen G" bis 12^ Celsius soll die Bewe- 
gung bei warmblütigen Thieren in der Regel aufhören; vor Kälte er- 
starrte Frösche und eingefrorene Muscheln sollen dagegen »das Phä- 
»nomen ungestört bewahren.« Ein vor Kälte erstarrtes Flimmerepithe- 
lium könne in der Regel durch Wiedererwärmung nicht wieder zum 
Leben gebracht werden. — Leitelen Purkinje und Valentin mit Hülfe 
einer Leydener Flasche starke elektrische Schläge durch eine Muschel, 
so ward die Flimmerbewegung nicht im Geringsten verändert. — »Der 
Galvanismus hat« nach ihnen »nur in so fern Effect, als er mit ther- 
» mischen und elektroly tischen Wirkungen verknüpft ist 2).« Schliess- 
lich erwähnen die Verfasser noch, dass es nicht gelinge, die Flimmer- 
l)owegung wieder zu erregen, wenn sie einmal vollständig durch Ein- 
trocknen, Kälte, chemische Reagentien zur Ruhe gebracht worden sei. 
Bald nach der Arbeit von Purkinje und Valentin erschien der erste 
Band von Todd's Cyclopaedia of Anatomy and Physiology, für welchen 
Sharpey"*) den Artikel Cilia bearbeitet hatte. Ein Abschnitt^) dieses 
Artikels ist den Einflüssen äusserer Agentien auf die Flimmerbewe- 
gung gewidmet, hn Allgemeinen werden Purkinje's und Valentin's Er- 
fahrungen bestätigt, insbesondere was den Einfluss der Spannungs- 
elektricität und des galvanischen Stromes angeht. Erwähnung verdient 
aber, dass Sharpey ausdrücklich auf den Unterschied aufmerksam 
macht, welchen dieselben Substanzen in ihrer Wirkung auf Flimmer- 
haare von verschiedenen Thieren zeigen. Er beobachtete beispiels- 
weise, dass süsses Wasser augenblicklich die Bewegung bei Seewasser- 
mollusken aufhob, dass schwache Lösung von salzsaurem Morphium 
wohl die Bewegung bei der Flussmuschel, nicht aber bei Froschlarven 
vernichtete, dass Blut von Wirbelthieren sogleich die Flimmerbewe- 
gung der Wirbellosen hemmte. Von der Beschleunigung durch mecha- 
nische Erschütterung bemerkt er, ob sie nicht vielmehr auf Wegräu- 



1) Steinhucii, Analeklen neuer Beobachtungen u. Unlorsuchungen zur Natur- 
kunde. Füiili, Ib02. 

2) Valentin, a. a. 0. 511. 

3) Sharpey, Art. Cilia in: Todd, Cyclop. of Anat. and Physiol. Vol. I. 1835 — 
36. pag. 606 — 638. 

4) a. n. 0. \)i\'J,. G'i'i. 

41 * 



H24 ll'- ^^- Kii(ip|iiiiiiiii, 

rniine oines Hindernisses, als luil' (liierter Reizung benilie. Endlich 
erwähnt er, dass (l;)s Fliinni(M|)h;inomeu ;uM' den Kiemen \oii Frosch- 
larven ungehindert fortbestehe in ;iiisi:ekochlein. in destillirtem und in 
kohlensäurehaltigeni Wasser. 

Die nächste wichtige Bereichern mü; erfuhr die Lehre von der Fliin- 
inerbcN^egung durch die Entdeckung des Einflusses von Kali und ^'a- 
tron durch ViRCHOW 'j. Dieser fand bei Untersuchung einer menschli- 
chen Trachea, dass diese beiden StolFe die zur Ruhe gekonunene Flim- 
merbewegung wieder er\N ecken Jtönnen. Als er zu einem Objecte, an 
dem die anfangs sehr lebhafte Bewegung zum Theil nachgelassen hatte, 
zum Theil sehr schwach geworden war, Kalilauge hinzufügte, sah er 
»an allen Stellen die Bewegung sich wieder beleben und so lange an- 
»dauern, bis eine Zerstörung der Thcile selbst durch Clorrosion eintrat.« 
Ebenso wie das Kali verhält sich nach Virchow das Natron ; Ammoniak 
soll dagegen die Bewegung sofort zum Stillstand bringen. Letzteres 
stimmte mit der älteren Beobachtung von Purkinme und Valentin über- 
ein, welche fanden , dass kaustisches Ammoniak noch in lOOO-facher 
Verdünnung die Be\\egungen hemmte. — Zwei .lahre spätei- theilte 
Kölliker2) im Anhang zu einer umfassenden Fnlersuchung über die 
Samenflüssigkeit einige Beobachtungen über Flimmerbewegung mit. 
Er fand, dass die Flimmern der Froschzunge >^in NaCl von 1"/,) und 
»SNaO, HO, PO5 von " und 10 "/q in lebendigster Action bleiben, 
»dass dagegen NaCl von ö"/o ihre Bewegung aufhebt, welche jedoch 
»durch nachherigen Zusatz von Wasser wiederkommt.« Aehnliches 
fand er für die Bewegungen von Opalina und von der kleinen Flagellate 
aus dem Mastdarm der Frösche. — 

So waren erst wenige Mittel gefunden, welche die erschlaffte Be- 
wegung wiedei' zu beleben im Stande waren. Dass man denselben 
Effect durch Temperatursleigerung erreichen könne, ward bald darauf 
durch GALLiBURCfes-^), einen Schüler Claude Bernarp's gezeigt. Derselbe 
construirte einen Apparat , welcher aus einem oben durch einen Me- 
talldeckel verschlossenen Glasgefäss bestand, in welchem auf einer i>i 
verticaler Richtung ^erstellbaren Platte die Rachenschleimhaut eines 
Frosches horizontal ausgespannt war. Durch Verstellung einer Schraube 



1) Virchow, Ueber die Erregbarkeit der Fliiiiiiiei'zelleii. In: Arch. f. patti. 
Anat. Bd. VI. 1854. pag. 133. 

2} KöLLiKER, Physiol. Studien liher die SanienflUssigkeit. Ztsclir. f. wiss. Zool. 
•1856. Bd. VII. pag. 251. 

3 .1. Calliburces, Recheiciies experini. sui' linnuence exercee par la clialeur 
sui- les inanifcstalidn'^ de la conlractilile des oiganes. in: Conipt. rend. Vol. XLXIl. 
1858. pag. 638. 



f'i'hni' ilic riiinmprhcwPCniiL'. 325 

koniilc die l'l;ilii' mit dcv l{;iclionschleiii)h;nil so pingestcUt woidcn, 
dass lolztpro mit einem sehr dilnnen hori/.ontnl c;elai^erten Glascylinder, 
dessen Axe ein feiner Aluminiiinidralit bildele , in Berührung kam. 
Durch die Th;itic;keit d(M- Fliminerhaare ward das Glascylinderchon in 
lindrehunp versetzt. An dem einen Ende des die Axe des Glascylin- 
derehens l)ildenden AluminiunuIralUes, welches eine der Wände des 
Glasaefiisses durchhohrte, war ein dünner Glasfaden befestigt, welcher 
sich als Zeiger über eine aussen auf dem Glasgefiiss eingeritzte Kreis- 
theilung hinbewegte. Die Bewegungen des Glascylindercben im binern 
der Flasche konnten somit aussen in vorgrössertem Maassstabc abgele- 
sen und gemessen werden. Aus Versuchen, die CALLinuRCfes an 52 
Schleimhäuten anstellte, ging nun hervor, dass bei einer Temperatur 
\on l'S" (]. die Bewegung des Zeigers im Mittel etwa sechs Mal schnel- 
ler war, als bei einer Temperatur von 12^' bis 19" C. — Bernard'), 
der diese Beobachtungen erwähnt, fügt hinzu, dass die Intensität der 
Bewegung i^va en augmentant jusqu'a 50 ou tiO degres, point a partir 
«duquel le mouvement commence ä dimiuuer, pour cesser complete- 
)iment ä 80 degres. c — 

in den im Sommer ISO i \on Claide Bernard gehaltenen Vorle- 
sungen über die Eigenschaften der lebenden Gewebe, worin die Flim- 
merbewegung ausführlich behandelt wird, finden sich einige bemer- 
kenswerthe Beobachtungen mitgetheilt. Bringt man, nach Bernard, den 
Oesophagus eines Frosches unter eine Glocke, unter welcher ein mit 
Aether getränkter Schwamm liegt , so sieht man bald die Bewegung 
vollständig aufhören, nach dem Abheben der Glocke aber sogleich wie- 
der beginnen. Bernard bestätigt den wiederbelebenden Einfluss der 
Alkalien und fügt die interessante Thatsache bei, dass auch der durch 
Säuren herbeigeführte Stillstand durch Alkalien aufgehoben werden 
könne. Die Gase sollen gar keinen Einfluss ausüben, wovon man sich 
leicht überzeugen könne, wenn man nach einander den Oesophagus 
eines Frosches in den luftleeren Hnum, in Kohlensäure, in Sauerstoff, 
in Stickstoff und in die andern (iase bringe: die Flimmerbewegung 
bestehe darin genau so fort wie in atmosphärischer Luft. 

Ueber den Einfluss der Elektricität wurden im Jahre 1865 neue 
üntQisuchungen durch Kistiakowsky^] im Grazer physiologischen Labo- 
ratorium angestellt. Derselbe mass die Stärke d(M- Flimmerbewegung, 



1 (-(.AiDi; Beknahu. Lec<^"^ >i'r li'S propriötcs des lissus vivants. Paris 1866. 
p. 146. 

2 KisTiAKOwsKV . Leber die Wirkung des conslantcn und Indnclionssironies 
auf die l"limmerbe\vei.'\in!:. In: Wiener Sitzungsber. Bd. !J. 1860. pag. 263 — 279. 



326 Th. W. Engelmann, " 

indem er die Geschwindigkeit eines durch die Bewegung der Härchen 
über die Rachenschleimhaut des Frosches geführten Signals bestimmte. 
Das Signal bestand aus einem kleinen an einem Goconfaden Jiangenden 
Siegellacktropfen. Die Geschwindigkeit der Bewegung des Signals 
ward durch die Schläge eines Pendels gemessen. Die mit Humor aqueus 
eben bedeckte Rachenschleimhaut wurde in einem flachqji viereckigen 
Glastroge der Länge nach ausgespannt zwischen zwei oben und unten 
durch Blasenstücke geschlossenen und mit Hühnereiweiss gefüllten 
Glasröhren. Diese tauchten mit ihren unteren Enden in mit Zinkvitriol 
gefüllte Gefässe, aus welchen Elektroden von amalgamirtem Zink zur 
Kette führten. Bei Anwendung eines constanten Stromes von 6 Chrom- 
säure-Kohle-Elementen erhielt nun Kistiakowsky folgende Resultate. 
Bei geschlossener Kette bewegte sich das Signal schneller als bei geöff- 
neter, zuweilen um das Zwei- bis Dreifache. Nach Oeffnung des Stro- 
mes zeigte sich eine allmählich verschwindende Nachwirkung : die 
Geschwindigkeit des Signals nahm allmählich wieder ab , so dass nach 
einigen Minuten die anfängliche Schnelligkeit ungefähr wieder erreicht 
war. In den meisten Fällen verminderte sich die Schnelligkeit des 
Signals allmählich in den späteren an ein und derselben Membran an- 
gestellten Versuchen (»Ermüdung« Kistiakowsky). Ein Einfluss der 
Stromesrichtung war nicht wahrzunehmen. »Dagegen zeigte es sich in 
»Versuchen, die, unmittelbar auf einander folgend, mit derselben Stro- 
»mesrichtung angestellt wurden, dass die anfängliche Beschleunigung 
>)allmählich abnimmt; wird dann umgelegt, so tritt manchmal eine 
»neue Beschleunigung ein, die wieder allmählich abnimmt, ein neues 
»Wenden des Stromes beschleunigt dann wieder u. s. f.« Doch soll die 
Beschleunigung beim Umlegen des Stromes oft sehr gering sein , oft 
auch ganz fehlen. — Der Einfluss von Inductionsschlägen eines du ßois'- 
schen Schlittenapparates (ohne HELMHOLTz'sche Abänderung) bestand 
ebenfalls in Beschleunigung der Bewegung des Signals ; in den ange- 
führten Versuchen erreichte die Schnelligkeit der Bewegung während 
des Einflusses der Inductionsströme zuweilen die dreifache, ja fünf- 
fache Höhe. Eine deutliche Nachwirkung war vorhanden. — Für 
die Beobachtung des Einflusses elektrischer Ströme unter dem Mikro- 
skop giebt Kistiakowsky einen Objectträger mit unpolarisirbaren Elek- 
troden an und erwähnt, dass es auch hier gelinge, »eine sichtliche und 
»nicht zu verkennende Beschleunigung an Präparaten, deren selbstän- 
»dige Bewegung sich nach längerem Liegen in Humor aqueus bcdeu- 
»tend verlangsamt hat«, wahrzunehmen. — Kistiakowsky zieht aus 
diesen Beobachtungen den Schluss, dass der constante wie der In- 
ductionsstrom eben so wie die Wärme und wie Kali und Natron erre- 



üeber dio Flinimprhpwoßiinc. 327 

pond auf die Fliinniorbowogunt; wirken. Ob dieser Einfluss der Eleklri- 
citat nicht vielleicht auf Erwärmung dos einen starken Widerstand 
bietenden Präparates zu setzen sei, wird nicht in Erwägung gezogen. 
Die nächste auf unseren Gegenstand bezügliche Arbeit ward von 
M. Roth geliefert. Nachdem derselbe in einer kurzen Miltheilung ') 
darauf aufmerksam gemacht hatte, dass alle »protoplasmaartigen Be- 
wegungserscheinungen« (Protoplasma-, Flimmer-, und Spermabewe- 
gung) in schwach alkalischen, niemals in sauren Flüssigkeiten statt- 
linden, wendet er sich in einem zweiten Artikel 2) der Flimmerbewe- 
gung speciell zu. Er beobachtete vorzugsweise Flimmerzellen aus den 
Eileitern von Fröschen und von den Kiemen von Anodonta. Letztere 
wurden in Wasser, erstere in lodserum , Kochsalz von 0,5% oder 
phosphorsaurem Natron von 2 0/o bis 2,5% untersucht. Roth bestä- 
tigte den beschleunigenden Einfluss der Wärme. Er findet die obere 
Temperaturgrenze für die Bewegung der Flimmerzellen des Frosches 
bei 440 bis 45" C. Nur kurze Zeit auf diese Temperatur erwärmt, kön- 
nen die Flimmerzellen beim Abkühlen wieder erwachen ; bei längerer 
Einwirkung tritt Tod ein. Dieser erfolgt meist erst bei 48**, »unter un- 
günstigen Bedingungen« aber schon früher. Aehnliches gilt für die 
Flimmerzellen von Anodonta und vom Kaninchen. — Die Erfahrungen 
von Purkinje und Valentin, über den Einfluss niederer Tempef^ur- 
grade, werden bestätigt. Bei Zellen von Anodonta konnte die Bewe- 
gung noch nach kurz dauernder Abkühlung auf — 3*^ bis —i^C. wieder 
erweckt werden. »Bei — 6^ C. war immer Tod eingetreten.« — Roth 
fand ferner, dass durch Aenderung der Concentration des Mediums 
eine zur Ruhe gekommene Bewegung wieder hergestellt werden könne. 
War die Flimmerung (beim F'rosch) durch Kochsalz von 1 y^, abge- 
schwächt, so erschien sie beim Verdrängen mit Kochsalz von 0,5% 
wieder in der alten Lebhaftigkeit. Nachdem Roth noch den günstigen 
Einfluss der Alkalien, den schädlichen der Säuren und Metallsalze be- 
stätigt hat, gedenkt er schliesslich noch der Wirkung mechanischer 
Reize. Er konnte die stillstehende Bewegung durch Klopfen auf das 
Deckgläschen , durch mehrmaliges Lüften desselben , am besten aber 
durch einen Flüssigkeitsstrom (von derselben Concentration) wieder 
erwecken, den er unter dem Deckglase durchgehen liess. Diese Ver- 
suche reichen für Roth aus, eine »mechanische Reizbarkeit« der Flim- 
merhaare zu beweisen. 



i) Roth, Ueher die Reactionen der Gewebe mit protoplasraaartigen Bewe- 
Sungserscheinungen. Vikchow's Arcii. Bd. XXXVI. 1S66, p. 145 — 147. 

2) Roth, Ueber einige Beziehungen des Flimmcrcpithels zum conlractilen Pro- 
toplasma. Ib. Bd. XXXVII. pag. 184 — 195. 



328 Th. W. Enffelmann. 

Fast gleichzeitig mit der Rorirschen Arbeit erschien ein Aufsatz 
von Kühne 1), in welchem der wichtige Nachweis geliefert wurde, dass 
die Flimmerzellen zu ihrer Thätigkeit Sauerstoff bedürfen. Verdrängte 
Kühne, der an Flimmerzellen von Anodonta experimentirte , die atmo- 
sphärische Luft in der feuchten Kammer durch reinen Wasserstoff, so 
hörte die Bewegung nach einiger Zeit auf, um, bei Zumischung schon 
äusserst geringer Sauerstoffmengen, sofort wieder zu beginnen. Kühne 
überzeugte sich mittelst des Spectroskops bei Flimmerzellen , die in 
Hämoglobinlösung lagen, dass der Stillstand erst dann eintrat, wenn 
aller Sauerstoff verschwunden war. Auf demselben Wege überzeugte 
er sich, dass die Flimmerzellen der Muschel nicht bloss der Luft, son- 
dern auch dem Oxyhämoglobin den Sauerstoff entziehen können. — 
Kohlensäure bewirkte, selbst wenn sie in nur sehr kleinen Mengen 
einem sauerstoffhaltigen Gasgemisch beigemengt war, sofort Stillstand, 
der durch reine atmosphärische Luft aufgehoben werden konnte. 
Brachte Kühne die Bewegung durch Dämpfe von kohlensaurem Ammo- 
niak zur Ruhe, so konnte er sie durch Essigsäuredämpfe wieder er- 
wecken, und umgekehrt den Säurestillstand durch Ammoniak aufhe- 
ben. Merkwürdigerweise gelang es ihm aber nie, einen Ammoniak- 
stillstand durch Kohlensäure zu beseitigen, woraus er auf eine specifisch 
schädliche Wirkung der Kohlensäure schliesst. Von Kohlenoxyd sah 
Kühne keine Wirkung. 

Eine kurze Erwähnung verdient die Beobachtung von Huizinga^), 
dass Ozon erst beschleunigend, dann hemmend auf die Flimmerbewe- 
gung von Opalina ranarum wirke; ferner die vor Kurzem erschienene 
Arbeit von A. Stuart «^j, worin in Bezug auf Temperatur die Erfah- 
rungen von Purkinje und Valentin, und von CALLiBURcfes, in Bezug auf 
Elektricität die von Kistiakowsky, ebenso der von Virchow entdeckte 
Einfluss der Alkalien, die schädliche Wirkung der Säuren, endlich der 
schon von Purkinje und Valentin und unlängst von Roth beobachtete 
Einfluss verschieden concentrirter Lösungen von chemisch indifferen- 
ten Substanzen bestätigt werden. 

Meine eigenen Versuche wurden Ende März 1867 begonnen. Ein 
Theil der Resultate, zu welchen ich bis Mitte Juni gelangt war , findet 



1) W. Kühne, lieber den Einfluss der Gase auf die Flimmerbewegung. Arch. 
f. miiir. Anat. 1866. II, p. .372 — 378. 

2) HuiziNG.\, Chemisch-biologische Notizen über Ozon. Centralbl. f. d. med. 
Wiss. 1867. pag. 323. 

3; Alex. Stuart, Ueber die Flinimerbewegung. Diss. inaug. Dorpat 1867. — 
S. a. Ztschr. f. rat. Med. 1867. 



Tphor dif Fliininprbpwpüiitiir. ii29 

sich publieirl in oinor \orlauligon Mitlhoilung '] und auslühilicli itn 
Archiv von Dondkrs und Kostkr- . Die Versuche \^;lren meist an Flini- 
nierzcllen der UacluMischleinihavU vom Frosch] aniieslelll und ich be- 
diente mich bei vieU-n derselben einer feuchten Kammer eigener Con- 
struclion. weh-he das Durchleiten \on Gasen , elektrische Reizung mit 
unpohu-isirl)aren Kleklroden, und die Anwendung aul' dem heizbaren 
Objecttisch gestall«'te. Die Hauptergebnisse waren folgende. In Was- 
serstoH" erlischt die Bewegung. Der Wasserstoffstillstand kann durch 
SauerslolV aber auch ohne SauerstolTzulrilt durch Säuren und Alkalien 
aufgehoben werden, falls er nicht zu lange Zeit bestanden hat. — Rei- 
ner Sauerstoff besclileunigt im Allgemeinen die Bewegungen. — Die 
verschiedensten Siiuren , wie Kohlensäure , Milchsäure , Essigsäure, 
Salzsäure, Schwefelsäure, erwecken die in atmosphärischer Luft oder 
reinem Sauerstoff in sogenannten indifferenten Flüssigkeiten erloschene 
Bewegung wieder, und bewirken erst nach längei'er Einwirkung Still- 
stand unter Trübung der Zellen. Der Kohlensäurestillstand kann durch 
einen Strom Luft, Sauerstoff oder Wasserstoff, der durch andere Säu- 
ren herbeigeführte Stillstand aber in der Regel nur durch Alkalien auf- 
gehoben werden. Ammoniak, Kali und Natron erwecken die in Sauer- 
stofT, unter Umständen auch die in Wasserstoff erloschene Bewegung 
ohne vorherigen Sauerstoffzutritt. Im Ueberschuss bewirken sie Still- 
stand, welchen Säuren — auch Kohlensäure — beseitigen können. — 
Durch Temperaturerhöhung kann die in Luft, Sauerstoff, für kurze 
Zeit oft auch die in Wasserstoff zur Ruhe gekommene Flimmerung wie- 
der angefacht werden. — Die Bewegungen der Spermatozöen des 
Frosches verhalten sich unter dem Einfluss der hier genannten Agen- 
tien im Wesentlichen ebenso wie die Flimmerbewegung. — Zugleich 
wurden einige Beobachtungen über Richtung, Frequenz und Form der 
Bewegungen der Flinnnerhaare mitgetheilt. Die Thatsache, dass die 
Flimmerhaare nach einer Richtung — vorwärts — schneller als nach 
der entgegengesetzten schlagen , wurde erklärt durch den Nachweis 
besonderer elastischer Kräfte, welche an der Basis jedes Flimmerhaars 
wirken, das Haar in vorwärts geneigter Lage zu halten bestreben, sich 
der Rückwärtsbewegung des Haars widersetzen. F^ndlich wurde, zur 
Erklärung der »unter gewöhnlichen Bedingungen« nach Entfernung 
aus dem Organismus eintretenden Starre der Flimmerhaare , die An- 



1 Leber die Fliinmerbewegung. — Cetitralbl. f. d. med. Wissensch. 1867. 
Nr. 42. 

2 Over de trilbeweging. — Nederl. .Vrcliicf voor Gences-en Nntiunkunde. 
Deol III. 1867. p. 30'. -356. M. 1 Plaal. 



330 Th. W. Engelinanii. 

nähme herbeigezogen, dass diese Starre auf Bildung eines Gerinnsels 
(etwa Myosin) in der conlractilen Substanz des Haares beruhe, und die 
Vermuthung ausgesprochen, dass die belebende Wirkung der Säuren 
und Alkalien möglicherweise der Verflüssigung dieses Gerinnsels zuzu- 
schreiben sei. — Im October vorigen Jahres nahm ich die Versuche 
wieder auf und untersuchte zunächst den Einfluss von Wasser, von 
verschieden concentrirten Salzlösungen, von Aether, Alkohol, Schwe- 
felkohlenstoff, Chloroform und von verschiedenen Giften. Eine kurze 
Notiz 1) hierüber wurde durch Professor Donders der k. Akademie der 
Wissenschaften zu Amsterdam mitgetheilt. 

Inzwischen ist noch eine unseren Gegenstand betreffende Arbeit 
von HuiziNGA^j erschienen. Derselbe stellte seine Versuche an Opalina 
Ranarum an. Dabei fand er die Angaben von Kühne und mir über 
Säure- und Alkalistillstand bestätigt; unter dem Einfluss von Chloro- 
form, Aether- und Schwefelkohlenstoffdämpfen sah er die Bewegun- 
gen erlöschen, bei Aether zuweilen erst nach 20 Minuten. Bei einmal 
durch Aether oder Chloroform bewegungslos gewordenen Opalinen er- 
wachte nach Zufuhr reiner Luft die Bewegung nicht wieder. Beim 
Schwefelkohlenstoff gelang diess vorübergehend. Schweflige Säure 
tödtete schon in äusserst kleinen Mengen, und weder Luft noch Ammo- 
niak konnten diese Wirkung aufheben. In Schwefelwasserstoff lebten 
viele Opalinen noch nach 5 Minuten. Chlor, Ozon und salpetrige Säure 
bewirkten schnell Stillstand , den weder Luft noch Ammoniak besei- I 
tigten. 



i) Trilhaar-en protoplasmabeweging onder d. invloed v. verschill. agentia. — 
Process verbaal d. k. Akad. v. wetensch. — Vergadering 30 November 1867. 

2) HuiziNGA, Ueber die Einwirkung einiger Gase auf Flimmer-, Blut-, und Ei- 
terzellcn. — Geutralbl. f. d. med. Wiss. 25. Jan. 1868. 



Hebpr die Flimmerbeweßiiiiß. 331 



Beschreibu-ng einer Gaskammer für mikroskopische 
Untersuchungen. 



Bei den meisten der folgenden Versuche brauchte ich einen 
Apparat, der die Einwirkung von Gasen auf das im Gesichtsfeld des 
Mikroskops befindliche Object zu beobachten gestattete. Hierzu Hess 
ich eine Gaskammer verfertigen, die so eingerichtet ist, dass sie sowohl 
allein, als in Verbindung mit dem heizbaren Objecttisch von Max 
SciiuLTZE gebraucht werden kann, und zu gleicher Zeit die Anwendung 
der elektrischen Reizung in verschiedenen Gasen erlaubt. Es können 
dabei die stärksten Objectjvsysteme angewendet werden, und weil der 
Apparat klein ist, kann man ihn ohne Weiteres bei jedem Mikroskop 
gebrauchen. Seine Dauerhaftigkeit und die Bequemlichkeit mit der er 
sich handhaben lässt, möchten ihn vor ähnlichen, früher beschriebenen 
Apparaten empfehlen. Man kann ihn vom Mechanikus Herrn Olland in 
Utrecht beziehen. 

Die Gaskammer (s. Tafel VI.. Fig. 1 — 3) besteht aus einen Käst- 
chen von 80 Mm. Länge, 42mm. Breite und 6 Mm. Höhe. Die Seiten- 
wändo sind von Messing; den Boden bildet eine mittelst eines schwer 
schmelzbaren Kittes luftdicht eingekittete Glastafel (/") von 1 Mm. Dicke, 
SO Mm. Länge und 36 Mm. Breite. Der Deckel des Kästchens {aa) ruht 
auf einem 1 Mm. tiefen stufenartigen Ausschnitt der Seitenwände und 
ist abhebbar. Beim Gebrauche wird dieser Ausschnitt der Gaskammer, 
in welchen der Deckel eingelegt wird, oder die Ränder des Deckels 
selbst mit etwas Fett bestrichen, und der Deckel fest aufgedrückt. Diess 
reicht bei weitaus den meisten Versuchen zu einem völlig luftdichten 
Verschluss hin. Nur wenn der Druck im Innern des Gaskammer auf 
eine bedeutende Höhe steigen sollte , kommt es vor, dass die blosse 
Adhäsion nicht mehr genügt, und der Deckel dann von Innen gelüftet 
wird. In diesen Fällen kann man den Deckel durch eine oder zwei 
Messingklammem {cc Figg. 1, 2, 3) in angepresster Lage fixiren. 

Für gewöhnlich dient ein Messingdcckel von 76,5 Mm. Länge, 



Iio2 Tli. W. Kncplmann. 

36 Mm. Breite und I Mm. Dicke, der in seiner Mitte ein Loch (/; Fii^. 1 
u, 2), von etwa 15 Mm. Durchmesser hat. Diese OefFnung wird ver- 
schlossen durch ein auf der innern Seite des Deckels, mittelst irgend 
eines in Wasser unlöslichen Kittes befestigtes Deckglas von beliebiger 
Dünne. Die Ränder der Oeflnung sind nach unten keilförmig zuge- 
schärft, so dass die Oeffnung auf der äusseren Seite einige Millimeter 
weiter ist (etwa 17 Mm. im Ganzen) als auf der inneren Seite. Diese 
Einrichtung gewährt den Vorlheil , dass man mit breitgefassten , star- 
ken Objectivsystemen das Präparat in grösserer, namentlich seitlicher 
Ausdehnung untersuchen kann als es bei einer cylindrischen Form des 
Loches möglich sein würde. — Das Object kommt in einem Tropfen 
Flüssigkeit auf die Seite des Deckgläschens, welche beim Auflegen des 
Deckels dem Inneren der Gaskammer zugekehrt wird. Der Deckel lässt 
sich, wie man schon aus der Beschreibung sieht, -ganz wie ein gewöhn- 
licher Objectträger handhaben. Man vermeidet hierbei den Uebelstand, 
welcher die neuerdings von Böttcher , Stricker, Huizinga angegebe- 
nen Apparate kennzeichnet, dass nämlich das Deckglas selbst, aul 
welchem das Präparat liegt, auf den mit Fett bestrichenen Rand auf- 
gedrückt wird. — Der verticale Abstand des Objects von der Ober- 
fläche des Objecttisches beträgt im Mittel nur etwa 4 Mm. Die Hellig- 
keit des Gesichtsfeldes nimmt hierbei so wenig ab, dass bei nur eini- 
germassen erträglichem Himmel, selbst bei Immersionslinsen wie ]Vr. 10 
von HART^ACK noch ziemlich enge Diaphragmen im Objecttisch benutzt 
werden können. — Will man die Gaskammer auf dem heizbaren Ob- 
jecttisch von ScHULTZE benutzen , welcher nur ein dünnes Strahlen- 
bündel durchlässt, so kann es bei ungünstigem Himmel wünschens- 
werth werden, das Object in eine grössere Nähe zum Spiegel zu brin- 
gen. Man kann dann einen gläsernen Deckel von denselben Dimensio- 
nen wie dererstere, aber mit weiterer Oeffnung, benutzen, auf dessen 
innere Seite ein etwa 2 Mm. hoher, unten durch das Deckglas ver- 
schlossener Glasring aufgekittet ist. Dann befindet sich das Object nur 
etwa iiMm. über der Oberfläche des Objecttisches. Wenn man mit 
schwächerer \ ergrösserung untersuchen u ill , kann man den Tropfen 
mit dem Object auch unmittelbar auf die Glasplatte bringen, welche 
den Boden der (iaskammer bildet. Auch könnte man, obschon weniger 
praktisch, Glasring und Deckglas weglassen, am Tubus des Mikroskops 
eine feuchte Kammer der RECKLiNGHALSEN'schea Conslruction anbringen 
und diese aussen auf den Deckel der Gaskammer aufsetzen. Das Object 
\Aürde dann auf den Boden der Gaskammer kommen. In diesem Falle 
befände sich das Objectivsystem in einem mit der Gaskammer commu- 
nicircnden Rnum. Ks kann duich die Oetfnung im Deckel beliebig weil 



IJeber die Fliminerbewegiing. 3Ji'i 

iti »lio Gnskaiiiinor hinabgesenkt worden. 1)(m- !ir(:)ss<'r(' Durchmesser 
der OclVniinij: im Derkc^l oilanbt sclbsl bei liefern Stand des Objectivs 
genügende seitliehe K\cursioncn. Für ObjeetivsN steine, deren Fassung 
nicht allzubreit ist, reicht ein Durchmesser der Oetfnunc von 20 Mm. 
aus. Auf die Zu^el•lässigkeit der Tliermonieterangaben bei Anwendung 
der Gaskaivnner auf dem heizbaren Objecttiseh kommen wii- spiiler 
zurück. 

im in der (iaskanuuer elektrisch zu reizen, kann man sich eines 
gläsernen Deckels Fig. i u. •■>' von den oben angegebenen Dimensio- 
nen bedienen, welcher in der Mille eine oben 17, unten loMm. weile, 
ui\len durch ein Deckglas verschlossene Oeffnung besitzt. Unweit die- 
ser Oeftnung (ludet sich zu beiden Seiten je eine kleine eylindrische 
Durchbohrung im Deckel, durch welche die Elektroden in's Innere der 
Kammer gelangen. Auf die Einrichtung der Elektroden komme ich bei 
Besprechung des Einflusses elektrischer Reizung zurück. — Das Object 
befindet sich auch hier in einen» an der Unterseite des Deckgläschens 
hängenden Tropfen. Reizt man auf dem heizbaren Objecttiseh, so be- 
nutzt man, falls die Beleuchtung nicht günstig genug sein sollte, besser 
einen Glasdeckel mit weiterer Oeflnung, und kann, wie oben, entwe- 
der das Deckglas durch Vermittlung eines Glasringes herabrücken, oder 
man setzt eine Hi:cKi.i.>GHAi:sEN'sche Kammer auf und bringt das Object 
und die Elektroden auf den Boden der Gaskammer, 

Um die Gase in den Apparat ein- und auszuführen, ist in der Mille 
von jeder der zwei kürzeren Seitenwände eine Messingröhre von 4 Mm. 
Dicke und 2 Mm. Lumen eingeschraubt, über welche der Kautsch uk- 
scblauch gezogen wird. Bei Anwendung auf Schultzens heizbarem Ob- 
jecttiseh ist es, der Erhitzung der Kautschukschläuche halber, nölhig, 
dass die Enden dieser Röhren über die Räntler des Tisches herausra- 
gen. F^ine Länge von 36 Mn). ist hierzu ausreichend. — Wie man sieht, 
kann die Gaskammer auch als gewöhnliche feuchte Kammer benutzt 
werden. Sollten die langen Ansatziöhren beim gewöhnlichen Gebrauche 
unbequem werden, so schraubt man sie ab und verschliessl die Oeff- 
nungen mit nassen Papierpfröpfen u. dgl., oder schraubt kurze Röhr- 
chen an. Man hat hier den Vorlheil vor der RECKLrxGHArsE.Vschen Kam- 
mer, dass Mikroskop und Object sich nicht in fester Verbindung mit 
einander behnden. 



334 Th. \V. Eiigelmanii, 



Untersuch iing. 



Bei der mikroskopischen Beobachtung der Schwingungen von 
Fiimmerhaaren hat man vor Allem auf Form und Geschwindigkeit der 
Bewegungen zu achten. Aendert sich die Bewegung, so hätte man 
jedesmal zu untersuchen, ob und wie sich jeder Einzelne dieser Facto- 
ren ändere. Ehe wir jedoch diese Aenderungen betrachten, mögen der 
Flimmerbewegung, so wie sie unter normalen Verhältnissen von Statten 
geht, einige Worte gewidmet werden. Wir haben hierbei nur flim- 
mernde Epithelzellen im Auge , besonders die der Bachenschleimhaut 
des Frosches, nehmen also keine Rücksicht auf unter dem Einfluss des 
»Willens« stehende Wimpern, welche z. B. bei den Infusorien in so 
grosser Verbreitung vorkommen. 

Die normalen Schwingungen der Flimmerhaare erfolgen in einer 
senkrecht auf der Oberfläche der Zelle stehenden Ebene. Davon über- 
zeugt man sich leicht — z. B. an den Fühlern lebender Süsswasser- 
schnecken , an den Kiemen von Muscheln , an quer herausgeschnittenen 
Streifen der Rachenschleimhaut vom Frosch — wenn man in der Rich- 
tung dieser Schwingungsebene auf die Zellen sieht. Blickt man tan- 
gential zur Oberfläche der Zelle in der Schwingungsebene, so erkennt 
man, dass diese Letztere genau senkrecht auf der Oberfläche der Zelle 
steht. Blickt man vertical von oben auf die Zelle, so scheint sich jeder 
Punct eines Haares in einer geraden Linie hin und her zu bewegen. 
Zugleich bemerkt man , dass benachbarte Flimmerhaare in parallelen 
Richtungen schwingen. Diese Richtungen sind constant und, wie sich 
schon aus den gröberen mechanischen Wirkungen der Flimmerthätig- 
keit auf thierische Oberflächen leicht ergiebt, im Allgemeinen der Längs- 
axe des betreffenden Organs (Mund- und Rachenhöhle , Oesophagus, 
Luftwege, Tuben etc.) parallel. 

Zur Untersuchung des Verlaufs der Bewegung innerhalb der 
Schwingungsebene, zur Ermittelung der verschiedenen Lagen, welche 
das Maar während eines Hin- und Hergangs nacheinander annimmt, ist 
es nöthig , senkrecht zur Schwingungsebene auf die Flimmerzellen zu 
blicken; man muss also die Zellen so lagern, dass die Schwingungs- 



Ueber die FlimmerbeweRung. 335 

ebene der Oberflfiche des Objectlisches parallel ist. Diess erreicht man 
z. B. bei thierischen Schleimhäuten , wie der Rachenschleimhaut des 
Frosches leicht, wenn man schmale Längsstreifen der Haut genau in 
ilcr Richtung der Bewegung herausschneidet. Dann hat die Schwin- 
gungsebenc von sell)st die gewünschte Lage. 

Valentin •) , dessen Angaben in die Lehrbücher der Physiologie 
übergegangen sind , unterscheidet nun vier Typen der Bewegung : die 
hakenförmige, die trichterförmige, die schwankende (pendeiförmige) 
und die wellenförmige Bewegung. Von diesen soll die hakenförmige 
bei weitem die häufigste sein (bei allen Wirbellhieren , Gastropoden, 
Muscheln etc.). Die schwankende Bewegung soll sich nur finden, wo 
die Flimmerbewegung schwächer wird und auch dann nur ausnahms- 
weise. Gleichfalls ausnahmsweise und nur wenn das Phänomen im 
Erlöschen begriffen war, glauben Purkinje und Valentin die wellenför- 
mige Bewegung bei einzelnen Wirbelthieren bei ihren ersten Unter- 
suchungen gesehen zu haben. Später ist sie Valentin nicht mehr vor- 
gekommen. Die trichterförmige Bewegung soll bei den »mehr rund- 
lichen Haaren« nicht selten wahrgenommen werden. — Die Annahme, 
dass die hakenförmige Bewegung die normale Form sei , setzt voraus, 
dass das Flimmerhaar im normalen Zustand nur auf bestimmten Stre- 
cken seiner Länge activ beweglich sei. In den häufigsten Fällen haken- 
förmiger Bewegung würde ein der Basis anliegendes Stück des Haars 
active Beweglichkeit besitzen, der übrige Theil bis zur Spitze aber steif, 
nur passiv beweglich sein. Das passiv bewegliche Spitzenstück kann 



i) R. Wagner's Handwörterbuch der Physiologie. Bd. I. pag. 502. 1842. — Hier 
heisst es: »Die Bewegungsart der Wimpern .... kann auf folgend^ vier Typen re- 
ducirl werden : 1) die hakenförmige Bewegung (motus uncinatus). Hier macht jedes 
einzelne Haar Bewegungen gleich einem Finger, welcher abwechselnd gebeugt und 
gestreckt wird. Bei kürzeren Haaren oder Läppchen zeigt sich bei dieser Bewegungs- 
weisc nur eine einfache Entwicklung, bei längeren dagegen, z. B. an denen der 
Kiemen von Anodonta bisweilen auch eine doppelte, ganz wie bei einem mit drei 
Phalangen versehenen Finger. Die Realisation dieser Bewegung scheint niu' denk- 
bar, indem wir uns eine contractilc, in dem Haare gelegene Substanz, oder indem 
wir eine analoge Einrichtung, wie durch Fingersehnen realisirt wird, uns vorstellen. 
2) Die trichterförmige Bewegung (motus infundibuliformis). Hier dreht sich das 
Haar um seine Basis als den Mittelpunct und beschreibt mit der Spitze einen voll- 
ständigen Kreis, so dass es im Ganzen eine Kegeloberflächc bei jeder einmali- 
gen Drehung durchläuft. 3) Die schwankende Bewegung (motus vacillans). Hier 
schwankt das Haar nur mehr pendclartig von einer Seite zur andern. Endlich 4) 
die wellenförmige Bewegung (motus undulatus). Hier schlängelt sich das Haar, 
ungefähr wie ein im Wasser schwimmender Vibrio oder wie der Faden eines Sper- 
matozoon.« 



33tt Hl. W. Kiiiieliiiiuiii. 

nun aber, wie die Beobachtung zeigt, selbst bei Wimpern benachbarter 
Zellen sehi" verschieden lang sein. Zuweihni ist nur die äussersle Spitze, 
zuweilen das Haar last in seiner ganzen Länge steif. Es kommen nach 
Valentin auch Fälle vor, in denen ein Haar doppelte Hakenbiegung 
zeigt, etwa wie bei einem mit drei Phalangen versehenen Finger. Hier 
würde man von der Basis des Fingeis ausgehend erst ein bewegliches, 
dann ein steifes, dann wieder ein bewegliches und nach diesem wieder 
ein steifes Stück haben ') . 

Alles diess beobachtet man aber an Wimpern , die sich nicht 
mehr unter normalen Bedingungen befinden. Nimmt man an , dass 
alle Flimmerhaare von ein und derselben Localität in allen wesent- 
lichen Puncten gleichgebaut seien, gegen welche Annahme wol Nie- 
mand etwas Stichhaltiges wird einwenden können , so muss man 
aus obigen Thatsachen schliessen , dass unter normalen Verhältnis- 
sen jedes Flimmerhaar an allen Stellen seiner Länge active Beweg- 
lichkeit besitzt , dass aber unter noch näher zu ermittelnden Einflüssen 
bald die eine bald die andere, bald eine kürzere bald eine längere 
Strecke eines Haares diese active Beweglichkeil verliert, starr wird. 
Diess zugegeben darf man auch behaupten , dass unter normalen Ver- 
hältnissen auf allen Strecken der Haarlänge wirklich eine active Bewe- 
gung stattfinde und es fragt sich nur, ob diese Bewegung auf allen 
Stellen der Länge gleichzeitig, oder ob sie an verschiedenen Stellen zu 
verschiedenen Zeiten und dann in welchei" Reihenfolge sie stattfinde. — 
Die Beobachtung entscheidet für ein wellenförmiges Fortschreiten der 
Bewegung von der Basis des Haars nach der Spitze zu. Man sieht diess 
oft genug an Flimmerhaaren von Wirbelthieren oder Mollusken, wenn 
die Schwingungen langsamer werden ; insbesondere wenn die Verlang- 
samung in sehr verdünnten Lösungen kaustischer Alkalien stattfindet. 
Dasselbe gilt von Samenfäden, z. B. des Frosches, die sich in Samen- 
flüssigkeit bewegen. Dasselbe habe ich oft beobachtet an Flimmerzellen 
vom Frosch, wenn sie durch Kohlensäure oder andere Säuren aus dem 
Wasserstort'stillstande er\\eckt wurden. Es begann dann die erste Be- 
wegung — die Rückwärtsbeugung des Haars — mit einer bogenför- 
migen Krümmung desselben an der Basis , welche wie eine Welle an 
einem Seil nach der Spitze zu fortlieL Aus der Form der Krümmungen, 
welche hierbei das ganze Flimmerhaar nacheinander annahm, Hess sich 
schliessen, dass der Bewegungsvorgang ungefähr in dem Momente die 
Spitze des Haars erreicht hatte, wo ein an der Basis gelegener Punct 



I Aehnliclios sieht man bekanntlich \n-\ Samenfäden , \vn oft nur ein Spjtzen-J 
liick oder Ulli' dei' Hasaitiieil des l''nd(Mis si^liw jiijil. 



Ueber die Flimineibeweguiig. 337 

zum ersten Male wieder in seiner Gieicligewichlslace angekommen war. 
Die Länge des Haars war also ungefähr gleich der halben Wellenlänge. 
In ilem Monienl, wo die Welle an der Spitze ankommt, beginnt sich 
das Haar an der Basis von Neuem bogenförmig zu krümmen und zwar 
nach der entgegengesetzten Seite als vorher, also mit der Concavität 
nach vorn. Auch diese Kiümmung schreitet wie eine Welle, deren 
Länge etwa der doppelten Länge des Haares gleich ist, nach der Spitze 
zu fori, jedoch, wie die Beobachtung lehrt, mit grösserer n\ittlerer Ge- 
schwindigkeit als die erste *). Somit setzt sich jede vollständige Schwin- 
gung eines Flimmerhaares aus zwei halben Schwingungen zusammen, 
deren erste eine längere Dauer besitzt als die zweite. 

Die beschriebenen Krümmungen des Haares können nur zu Stande 
kommen , indem das Haar sich abwechselnd in der einen und in der 
andern Längshälfte verkürzt und wieder streckt, und zwar muss der 
Vorgang der Verkürzung bei Rückwärtsbeugung des Haares sich in der 
hinteren , bei Vorwärtsbeugung sich in der vorderen Längshälfte des 
Haares von Querschnitt zu Querschnitt von der Basis bis zur Spitze 
wellenförmig fortpflanzen. 

Durch directe Beobachtung kann man sich wegen der grossen 
Schnelligkeit der Bewegungen nicht davon überzeugen , dass die wel- 
lenförmige Bewegung die normale sei. Doch ist sie bei verlangsamter 
Flimmerlhätigkeit. wie schon erwähnt, oft wahrzunehmen. Die anderen 
Formen der Bewegung, wie die hakenförmige, die pendelnde, die trich- 
terförmige , entstehen aus der Wellenform dadurch , dass das Haar an 
gewissen Stellen steif, starr wird, seine active Beweglichkeit verliert. 
Welche Theile des "Haares bei jeder einzelnen der genannten Formen 
steif sind lässt sich leicht schliessen und bedarf keiner näheren Erwäh- 
nung. Ebensowenig die Thatsache , dass auch viele Uebergänge zwi- 
schen den genannten Formen der Bewegung vorkommen. 

Es fragt sich nun, warum alle Flimmerhaare gerade nach der 
einen Richtung normal mit grösserer Geschwindigkeit schwingen, als 
nach der entgegengesetzten ; w arum die Rückwärtsbeugung langsamer 
als die Vorwärtsbeugung geschieht? Hierüber vermag die Unter- 
suchung matt schlagender oder bereits ruhender Wimpern einigen 
Aufschluss zu seben. Man schneide aus einer flimmernden Schleim- 



1] Nimmt man an, ein im Maximum der Bewegung befindliches Flimnierhaar 
von 0,01 Mm. Länge mache 12 ganze Schwingungen in der Secunde, so ergiebt sich 
daraus für die mittlere Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Bewegungsvorgangs im 
Flimmerhaar der Werth von 0,24 Mm. in der Secunde. Dieser Werlh kann beim 
Firlahmen der Bewegung dui'ch alle Zwischenwerthe bis auf 0,005 Mm. und liefer 
herabsinken. 

Bd. IN . 3. 22 



338 Tli. W. Engelmami, 

haut, z. B. des Oesophagus vom Frosch einen schmalen Längsstreifen 
heraus , bringe ihn in Kochsalzlösung von 1 % in die feuchte Kam- 
mer und warte bis die Bevsegung nachlässt.. Nach kurzer Zeit, oft 
schon unmittelbar nach Anfertigung des Präparats , findet man beim 
Untersuchen des flimmernden Randes unter dem Mikroskop Zellen- 
reihen, deren Wimpern theils nur noch langsame und kleine Schwin- 
gungen ausführen, theils schon zu schlagen aufgehört haben. Betrachtet 
man die noch in massiger Bewegung befindlichen Wimpern bei stär- 
kerer Vergrösserung, so erkennt man, dass in weitaus den meisten 
Fällen die Haare fast in der ganzen Länge steif sind, nur passiv bewegt 
werden, und nur ihre Basalstücke sich verkürzen und strecken. Die 
Excursionsweite der Schwingungen ist hierbei mehr oder minder be- 
trächtlich verringert, in der Regel bei allen Haaren derselben Zelle 
gleichmässig. Während eine in lebhafter Bewegung befindliche Wim- 
per, als Rad!us gedacht, einen Kreisausschnitt von 90" bestreichen 
kann, misst hier beispielsweise die Schwingungsweite nur noch 20 'J. 
Sogleich fällt auf, dass alle Haare nach einer Seite geneigt sind und nur 
in dem auf dieser Seite gelegenen Quadranten ihre Schwingungen aus- 
führen. Sie vermögen sich nicht mehr vertikal aufzurichten, oder gar 
in den anderen Quadranten hinüberzuschwingen. Sie oscilliren um 
eine schiefe Gleichgewichtslage. Diese ist, wie die Beobachtung zeigt, 
nach der Seite geneigt, nach welcher die Strömung gerichtet ist. 

Betrachtet man nun die bereits völlig zur Ruhe gekommenen Wim- 
pern , so fällt auch hier sofort auf, dass dieselben nicht vertikal gerade 
gestreckt dastehen, sondern alle nach einer und derselben Seite geneigt 
sind, und zwar ergiebt sich auch hier, dass die Spitzen der Haare nach 
der Seite zu geneigt sind, wohin während des Lebens die Strömung 
auf der flimmernden Oberfläche gerichtet ist. Auf der Mundschleim- 
haut vom Frosch sind also beispielsweise alle ruhenden Wimpern schief 
nach der Seite des Oesophagus zugeneigt. Die Abweichung des Flim- 
merhaares von der Vertikalen kann über 35 "^ betragen. Meist fand ich 
25 — 30*^. Es ist bei diesen Messungen natürlich noth wendig, dass die 
Schwingungsebene der Haare senkrecht zur Axe des Mikroskops gela- 
gert sei. — Man beobachtet dieselbe schiefe Lagerung bei den ver- 
schiedensten Formen der Flimmerruhe, z. B. bei Wimpern, welche in 
einer Wasserstofl"- oder Kohlensäureatmosphäre zur Ruhe gebracht 
worden sind. An einen Tetanus ist also nicht zu denken. 

Durch mechanische Mittel, z.B. mit Hülfe eines mikroskopisch fein 
zugespitzten Glasstäbchens kann man die schief stehenden Wimpern 
unter dem Mikroskop aufrichten und rückwärts umbeugen. Sowie man 
loslässt, fahren sie in ihre erste schiefe Stelluna zurück. Ofl"enbar 



üeber die Flirarnerbeweguiig. 339 

sind also elastische Kräfte Ihätig, welche die Haare in schräger Stellung 
fest/uhallon strt'l)on: und /war wirken diese Kräfte bei allen Haaren in 
gleiolieni Sinne, und in ungefähr gleicher Stärke. — Dass der Sitz die- 
ser elastischen Kräfte an der Basis der Haare ist, ergiebt sich aus dem 
Unistande, dass die ruhenden Wimpern in ihrer schiefen Lage vollkom- 
men gerade gestreckt und nicht etwa bogenförmig gekrümmt sind. Es 
kann also, mit Ausnahme an der Basis, kein merkliches Uebergewicht 
der elastischen Kräfte der einen Längshälfte des Haares über die der 
andern bestehen ') . 

Die Beobachtung in »pendelnder« Bewegung begriffener Wimpern 
lehrt nun ferner, dass die an der Basis des Haares wirkenden elasti- 
schen Kräfte, und nicht etwa ein auf allen Puncten der Haarlänge vor- 
handener Unterschied in der Schnelligkeit des Verlaufs von Verkürzung 
und Streckung es ist, welcher verursacht, dass die Vorwärtsbeugung 
des Haares schneller als die Rückwärtsbeugung verläuft. Bei der pen- 
delnden Bewegung, welche unter verschiedenen Umständen, jedoch 
im Ganzen selten, bei nachlassender Bewegung eintritt, ist nämlich das 
Basalstück starr, und nur ein kürzeres oder längeres Stück des Haares, 
von der Spitze an , beweglich. Hier verlaufen nun Rück- und Vor- 
wärlsbeugung gleich schnell, wie man schon daraus folgern kann, dass 
an der Oberfläche der Zellen keine continuirliche Strömung, sondern 
nur ein schwaches Hin- und Her-Oscilliren der Flüssigkeit zu Stande 
kommt. Verkürzung und Streckung müssen also auf jedem einzelnen 
Puncto der Länge des Haares mit Ausnahme des Basalstücks unter sich 
gleich schnell verlaufen. — Beobachtet man dagegen die sogenannte 
hakenförmige Bewegung , welche die weitaus häufigste Form beim 
Nachlassen der Bewegungen und dadurch charakterisirt ist , dass nur 
das Basalstück noch activ beweglich, das Haar in seiner übrigen Länge 
aber steif ist, so findet man selbst bei langsamen Tempo und äusserst 
geringer Excursionsweite der Schwingungen (5^) die Flüssigkeit an 
der Oberfläche der Zellen stets in continuirlicher, immer gleich gerich- 
teter Strömung begriffen. Die Strömung geht stets nach der Seite, wo- 
hin die Haare in der Ruhelage geneigt sind. — Nach alledem darf man 
nur in den an der Basis der Haare wirkenden elastischen Kräften die 
Ursache des Unterschieds suchen , welcher zwischen der Geschwindig- 
keit der Rückv\;irls- und der Vorwärlsbeugung der Haare besteht. Da 
nun die elastischen Kräfte bei allen Flimmerhaaren aller Zellen in glei- 

1) Diess Letztere gilt jedoch nicht für Wimpern aller Localitäten, sondern zü*- 
nächst nur für die der Schleimhäute von Wirbeltliieren. Bei Mollusken sind die 
Wimpern in der Rnliel.itre häufig stark bogenförmig gekrümmt . mit dcrConcavität, 
oder, was niclit selten, sogar mit der Convexität nach vorn. 



340 Tli- W. Kiigplinaiin, 

chem Sinne wirken, nmss eine continuirliche Ströiiiunij der Flüssigkeit 
auf der flimmernden Überfläche zu Stande kommen. 

Ein anderer wichtiger Punct , der bei Untersuchung der Flimmer- 
bewegung beachtet werden muss , ist die Geschwindigkeit der Bewe- 
gungen. Ich verstehe hierunter den Weg, oder den Flächenraum, den 
das ganze Flimmerhaar in der Zeiteinheit zurücklegt, also das Product 
aus Frequenz (Schwingungszahl) und Schwingungsweite. Diess ist 
offenbar das Maass für die Grösse der Bewegung ; nicht aber die Schnel- 
ligkeit der Flüssigkeitsströmung an der Oberfläche der Zellen oder gar 
die Schnelligkeit des Tempo allein. Der bisherige Sprachgebrauch un- 
terschied hier nicht scharf: man findet meist nur gesagt, dass die Be- 
wegung schnell oder langsam gewesen sei , sich beschleunigt oder ver- 
zögert habe. Damit kann aber einmal — und ist es wol meist — die 
Schnelligkeit der durch die Wimperlhätigkeit hervorgebrachten Strö- 
mung, zweitens aber die Schnelligkeit des Tempo, d. h. die Frequenz, 
und endlich die wahre Geschwindigkeit, in dem oben bezeichneten 
Sinne gemeint sein. 

Dass die Schnelligkeit der durch die Wimperlhätigkeit hervorge- 
brachten continuirlichen Flüssigkeitsströmung nicht ein Ausdruck für 
die Geschwindigkeit und Grösse der Flimmerbewegung ist, ergiebt sich 
aus der Ueberlegung, dass jede ganze Schwingung eines Flinmierhaares 
aus zwei halben Schwingungen von verschiedener Dauer und einander 
entgegengesetzter Richtung sich zusammensetzt. Die Grösse des Unter- 
schieds zwischen den lebendigen Kräften dieser beiden halben Schwin- 
gungen ist es offenbar, von welcher die Geschwindigkeit der Strömung 
abhängt. Diese Grösse könnte aber, wie eine einfache Rechnung zeigt, 
gewaltige Veränderungen erleiden , während die Geschwindigkeit un- 
verändert bleibt, oder sich sogar im entgegengesetzten Sinne ändert. 
Die Diff"erenz der genannten lebendigen Kräfte muss z. B. grösser wer- 
den, wenn die erste halbe Schwingung des Haares (die Rückwärtsbeu- 
gung) um ebensoviel an^ Dauer zunimmt als die zweite halbe daran 
verliert. Und umgekehrt muss eine Abnahme der Diff'erenz der leben- 
digen Kräfte eintreten, wenn die erste halbe Schwingung an Dauer ab, 
die zweite daran zunimmt. Hier könnte es kommen, dass der Unter- 
schied der lebendigen Kräfte null wird. Letzterer Fall ist in der pen- 
delnden Bewegung verwirklicht. — Aus diesen Gründen sind die oben 
beschriebenen Methoden von CALUBuucfes und Kisti.^kgwsky, mit dcnen^ 
man nur für den Unterschied der genannten lebendigen Kräfte ver- 
gleichbare Maasse gewinnt, für die Bestimmung der Gescliwindigkeit 
der Fliaunerbewegung streng 'genommen unbrauchbar: der Zeiger aui 



fifbor Hip Flimincrhcwciiiiiic:. 341 

(Inn Zin'd'hliiU dos Appnriitos von CALLiBURcfes, des SiogcllackAropfon 
von KisTiAKOwsKv worden boi dor lobhafteston pendelnden Bewejiuni^ 
der Flininiorhani-o stillslelien. Nur in den Fällen, wo die Zu- oder Ab- 
nahme der DitVorenz dor lebendigen Kräfte auf einer, beide halbe 
Schwingungen gleiohniässig und gleichzeitig belreflenden Zu- oder 
Abnahme der verschiedenen (Jeschwindigkeiten beruht, würde man 
aus der Schnelligkeit der Strömung einen Schluss auf die Schnelligkeit 
der Bewegung der Flimmerhanre ziehen dürfen. Diese Bedingungen 
scheinen in der That meist erfüllt zu sein. 

Selbstverständlich ist, dass die Bestimmung des Tempo (das heisst 
der Frequenz , der Schwingungszahl) allein nicht zur Bestimmung der 
(leschwindigkeit der Bewegung ausreicht, da die Letztere das Product 
aus Schwingungszahl und Schwingungsweite ist. Die Geschwindigkeit 
kann zunehmen, wenn bei gleichbleibönder oder sogar abnehmender 
Frequenz die Schwingungsweile grösser wird, sie kann zunehmen 
durch Steigerung der Frequenz bei gleichbleibender oder abnehmender 
Excursionsweite, .sie muss endlich zunehmen, wenn sowol Schwin- 
gungsweite als Frequenz wachsen. Alle diese Fälle kommen in Wirk- 
lichkeit vor, und es sind durchaus nicht die seltensten, in welchen sich 
die beiden Factoren , Frequenz und Amplitude, in entgegengesetztem 
Sinno ändern. Es ist desshalb nothwendig, zur Ermittelung der Ge- 
schwindigkeit der Bewegung , Frequenz und Schwingungsweite zu- 
gleich zu messen. Dieser Forderung kann man innerhalb weiter Gren- 
zen ziemlich gut nachkommen, wenn man nur sorgt, dass die Schwin- 
gungsebene der Flimmerhaare der Oberfläche des Objecttisches parallel 
sei. Die Bestimmung der Frequenz durch Zählen der Schläge unter dem 
Mikroskop und die Messung oder Schätzung der Excursionsweite ist nur 
dann nicht mehr möglich, wenn die Geschwindigkeit eine sehr bedeu- 
tende Höhe erreicht. In diesem Falle sind die Wimperschläge einzeln 
nicht mehr zu unterscheiden. 

Unter normalen Bedingungen scheint die Geschwindigkeit der Be- 
wegungen nun wirklich meist eine solche flöhe zu haben ; wenigstens 
habe ich diess bei lebenden kleinen Batrachierlarven und Schnecken 
(Planorbis, Paludina) beobachtet, die in demselben Wasser, in welchem 
sie gelebt hatten in toto untersucht wurden. Aber auch an frisch und 
vorsichtig herausgeschnittenen und in Froschblutserum liegenden Stück- 
chen von der Mund- oder Rachenschleimhaut des Frosches kann man 
dasselbe unmittelbar nach dem Anfertigen des Präparats, bei gewöhn- 
licher Zimmertemperatur sehen. Die Angaben von Krause, der die Fre- 
quenz der Wimperschläge (beim Menschen?) auf 190 bis 320 in der 
Minute angiebt, und die von Valentin, welcher bei Anodonla nur auf 



342 Th. W. Engelmann, 

100 bis 150 kam, und ausspricht, » da ss jedes Haar bei normaler Be- 
»wegung 2 bis 3, seltner wie es scheint, mehr vollendete Bewegungen 
))iu der Secunde vollenden dürfte,« — diese Angaben gellen im Allge- 
meinen nur für eine beträchtlich abgeschwächte Bewegung. Untersucht 
man die Bewegung beim Frosch unter den eben angegebenen Bedin- 
gungen , so erscheint der Wimpersaum im Profil als ein zarter, überall 
gleich hoher Schattenstreif, welcher über die äussere Oberfläche der 
Epithelzellen hinzieht. Er selbst scheint völlig ruhig zu stehen und 
verräth seine Bewegung nur durch die reissende Strömung in welche 
er die ihn bespülende Flüssigkeit mit den darin suspendirten festen 
Theilchen versetzt. Die Verlangsamung der Bewegung macht sich zu- 
erst bemerkbar durch kleine streifige Schatten und Lichter, welche von 
Zeit zu Zeit blitzschnell in dem homogen scheinenden Saum auftauchen. 
Anfangs kommen sie nur selten und an wenig Stellen, allmählich fol- 
gen sie sich schneller und an mehr Orten, und endlich zeigt der grösste 
Theil des Flimmersaumes jenes flimmernde Wogen und Wellenrieseln, 
welches der Flimmerbewegung eigenthümlich ist. Noch kann man aber 
weder die einzelnen Wimpern unterscheiden , noch gar ihre Schwin- 
gungen zählen. Der vorher scheinbar continuirliche Gesichtseindruck 
ist nur deutlich zu einem intermittirenden geworden. Bald verlang- 
samen sich aber die Schwingungen mehr und werden nach einiger Zeit 
zählbar. Ich kann sie mit Sicherheit erst zählen , wenn die Schwin- 
gungszahl ungefähr auf acht in der Secunde herabgesunken ist. So 
weit diese Zahl die von den oben genannten Beobachtern angegebene 
übersteigt, gilt sie, wie aus dem eben Gesagten hervorgeht, doch nur 
für eine bereits beträchtlich verlangsamte Bewegung. — Wie schnell 
das Tempo und wie gross die Schwingungsweite bei noch nicht ver- 
langsamter Bewegung sei, lässt sich nicht genau angeben, doch möchte 
nach einer Schätzung die Schwingungszahl im Maximum mindestens 
12 sein. — Die Schwingungsweite kann im Maximum über 90 '• be- ] 
tragen (so häufig in schwach alkalischen Flüssigkeilen) ; wie gross sie 
aber im normalen Zustand sei , lässt sich ebenfalls wegen der zu gros- 
sen Geschwindigkeit nicht ermitteln. Die Veränderungen, welche 1 
Frequenz und Amplitude unter verschiedenen Einflüssen erleiden, 
sollen später näher geschildert werden. Das mag aber schon im Vor- 
aus bemerkt werden, dass schon sehr geringe Aenderungen der äusse- 
ren Bedingungen, Aenderungen, denen die Zellen auch im lebenden 
Organisnms normal ausgesetzt sind, genügen, um Tempo und Schwin- 
gungsweite in kurzer Zeit erheblich zu ändern. 

Wir geihen nun zur Schilderung des Einflusses verschiedener 
Agentien auf die Flimmerbewegung über. Da dieser Einfluss bei Wim- 



(Tplicr (üp Flinimcrhcwoiriiiiu. 343 

poi'hn.nvn vprsohirdrnci' I.oonliläton und 'riiior(> uiclil iiuiiior doiselbc 
ist, l)cs('lircil>rn wir erst die Vorsuclic, wololio mit Klimrnerzellon von 
Wiihellhioivn — vor Allem von der Rachonschloimluiul dos Frosches — , 
dann die, welche an Süss- und Seewassermollusken angestellt wurden. 
Kndlich widm(>n wii- der Bewegung der Samenfäden, die nur ein spe- 
ciellcr Fall der Flimmerbewegung ist, einige Worte. 



A. Versuche au Fliuuuerzellen vou Wirbel thieren. 

I. Einfluss des Wassers auf die F limm erbe we gung. 

Der Einfluss des Wassers auf die Bewegungen der Flimmerhaare 
ist bisher nicht ausreichend untersucht worden ; doch erwähnen ein- 
zelne Untersuchungen schon , dass reines Wasser wenigstens auf die 
Flinunerzellen der Schleimhäute von Wirbelthieren sehr schädlich wirkt. 
Und hiermit stimmen auch Köllikkr's Erfahrungen an Spermatozoen 
überein. Ich untersuchte zuerst, \n eiche Veränderungen die Flimmer- 
bewegung in reinem Wasser erleidet. 

Bringt man ein kleines Stück der Rachenschleimhaut eines eben 
gctödtetcn Frosches in einen Tropfen destillirten Wassers , so zeigt die 
l'limmerbewegung in der ersten Minute ausserordentliche Schnelligkeit 
und Stärke ') ; aber noch im Laufe der ersten oder in der zweiten Mi- 
nute lassen die Bewegungen sowol an Frequenz als an Amplitude merk- 
lich nach, und während die Zellen und Flimmerhaare stark quellen, 
erstere sich von der bindegewebigen Grundlage abheben und die Kerne 
zu grossen hellen Blasen mit deutlich vergrössertem Kernkörperchen 
aufschwellen, tritt Stillstand der Haare in schräg nach vorn geneigter 
Lage ein. Innerhalb fünf bis zehn Minuten stehen meist alle Wimpern 
still. Auch bei Fröschen die bereits zwei, drei, ja sieben Tage todt und 
bei gewöhnlicher Zimmertemperatur unter einer mit Wasserdampf ge- 
füllten Glasglocke aufbewahrt worden waren, zeigte sich derselbe Ein- 
fluss des Wassers: anfangs sehr verstärkte, dann langsam nachlassende 
Bewegungen. Noch vier Tage nach dem Tode des Frosches, als die 
Schleimhaut schon mit Millionen von Vibrionen bedeckt war, konnten 
durch ii'ines Wasser die Bewegungen voi-Ubergehend unzählbar schnell 
gemacht werden. Die Zellen sind zu dieser Zeit, wie auch schon am 



I, Uiiler Sliirke verstclicn wir liier und in der iMilge immer die Schneiligkcil 
der durcii dicFlimmerbewegung verursachten conlinuirliclien Flüssigkeitsströmung. 
S. oben. 



344 " Jl'- W. Kiiffelmaiiii. 

dritten Tage trübe, isoliren sich ungemein leicht, quellen aber in Was- 
ser nicht so stark wie frische Zellen , und werden hierbei auch nicht 
mehr durchsichtig. Auch tritt der Wasserstillstand die ersten Tage nach 
dem Tode nicht so schnell ein, wie bei ganz frischen Flimmerzellen. 

Auf sehr verschiedene Weisen kann man , besonders bei frischen 
Flimmerzellen den Wasserstillstand aufheben. Vor Allem durch was- 
serentziehende Mittel, wie durch Lösungen von Kochsalz, Zucker, 
durch Glycerin u. a. m. Welche Höhe die Bewegungen hierbei erreichen, 
hängt von der Concentration der Lösung, von der Dauer der Wasser- 
einwirkung und von dem Zustande ab , in welchem die Flimmerzellen 
sich vor dem Zutritt des Wassers befunden haben. Schon nach 5 Mi- 
nuten langer Dauer des Wasserstillstandes können die Bewegungen 
für immer erloschen sein. Von einem nur wenige Secunden lang an- 
gehaltenen Wasserstillstand kann dagegen durch Kochsalzlösung z. B. 
die Thätigkeit der Cilien bis fast zur anfänglichen Höhe wieder gestei- 
gert werden, und sich dann lange so erhalten. 

Ebenso, wenn gleich minder nachhaltig kann ein kurzer Wasser- 
stillstand durch Säuren, z. B. Kohlensäure oder Essigsäure- 
dämpfe aufgehoben werden. Die wiedererwachenden Bewegungen sind 
aber klein, nicht frequent (selten mehr als 3 in derSecunde) und stehen 
bei weiterer Säurezufuhr sehr bald wieder still. Die in den gequollenen 
Zellen auftretende Trübung und massige Schrumpfung verräth deutlich 
die Anwesenheit der Säure. Dieser Säurestillstand kann durch Luft (bei 
Kohlensäure), oder durch Ammoniak (bei Essigsäure) aufgehoben werden. 
Von Aether, Alkohol und Schwefelkohlenstoff gilt ungefähr 
dasselbe wie von Säuren. Namentlich unter Einwirkung von Aether- 
dämpfen kann die in reinem Wasser erloschene Thätigkeit frischer 
Flimmerzellen wieder eine beträchtliche Höhe erreichen. Leicht tritt bei 
etwas längerer Einwirkung Aetherstillstand ein , der durch Luft wieder 
aufgehoben werden kann , dann aber schnell völligem Stillstande Platz 
macht. 

Anders als die bisher genannten Stoffe verhalten sich die Alkalien. 
Ich benutzte meist Ammoniakdämpfe. Liess ich diese in der Gas- 
kammer auf frische, soeben in destillirtem Wasser zur Ruhe gekommene 
Flimmerzellen einwirken, so erwachte die Bewegung nicht wieder; die 
Zellen und Ilaare quollen vielmehr stärker und lösten sich leicht ganz 
auf. Waren die Bewegungen durch das Wasser noch nicht völlig zur 
Ruhe gebracht, so beschleunigte Ammoniak unter plötzlicher Zunahme 
der Quellung den Flintritt des Stillstandes, der dann durch Säuren noch 
vorübergehend aufgehoben werden konnte. Durch Kali und Natron 



('('Ihm flir FliiiiiiK'ilM'wotriiiiiT. , 345 

k;)mi n\i\u den \\ fisserslillsland chonsovvcnig .»Is durcli Ammoniak l)o- 
soitigcn. 

Auch die Wärme, sonst ein mächliizes Millel zur Beschleuniguni^ 
erschlalVter Bewegunt; , versagt ihre Dienste, und befördert nui- den 
Eintritt der Flimmerruhe. Bei frischen Flimmerzellen vom Frosch, 
deren Bewegungen sich in destillirlem Wasser vermindert haben, tritt 
der Wiirmestillsland schon viel früher als sonst, und ohne vorausge- 
gangene Beschleunigung, häufig schon bei 30" bis 35<> C. ein. Kühlt 
man gleich nach dem Eintritt des Wärmestillstandes das Präparat wie- 
der ab, so erwachen die Bewegungen \\ iedci-, und dann tritt nach eini- 
gen Minuten wie gewöhnlich der Wasscrstillstand ein. Selbstverständ- 
lich wird ein einmal eingetretener Wasserstillstand durch Temperatur- 
erhöhung nicht aufgehoben. 

Auch elektrische Reizung beschleunigt nur, unter Steigerung 
der Quellung, den Eintritt des Wasserstillstands und ist niemals im 
Stand, einen bereits ausgebildeten Wasserstillstand aufzuheben. 

untersuchen w ir nun , unter welchen Umständen reines Wasser 
im Stande ist, die durch andere Agentien zur Ruhe gebrachte Flimmer- 
bewegung wieder zu erwecken. Wir beginnen mit der Schilderung des 
Einflusses, den destillirtes Wasser auf Flimmerzellen vom Frosch ausübt, 
welche in sogenannten indifferenten Flüssigkeiten wie Serum, 
Amniosflüssigkeit (mit oder ohne lod) ihre Thätigkeit vermindert haben. 
In den meisten dieser Fälle beruht der Stillstand, wie aus gleich zu 
erwähnenden Thatsachen folgt, darauf, dass die betreffende Flüssigkeit 
in Wahrheit nicht vollkommen indifferent, sondern etwas zu concen- 
trirt ist, oder dass sie es im Lauf der Beobachtung durch Wasserver- 
dunslung geworden ist. Diess geschieht ja leicht , wenn das Präparat 
nicht in einem beständig mit Wasserdampf gesättigten Baume liegt. 
Wenn auch der Salzgehalt der Lösung den Indifferenzpunct nur sehr 
wenig überschreitet, so tritt nach einiger Zeit, oft freilich erst nach 
einigen Stunden Stillstand ein. Dieser stimmt vollkomn)en überein, 
wird durch dieselben Mittel aufgehoben , wie der Stillstand in etwas 
concentrirteren Lösungen von reinem Kochsalz z. B., von dem weiter 
unten die Rede sein wird. — In seltneren Fällen beruht die Flimmer- 
ruhe, welche man in den oben genannten und den ihnen verwandten 
indifferenten Flüssigkeiten eintreten sieht, auf einer etwas zu geringen 
Concentration der letzteren. Hier hat dann der Stillstand die Kennzei- 
chen des Wasserstillstands, selbst wenn er erst nach Stunden eintritt. 
— Aehnlich wie ein etwas zu grosser Wassergehalt der »indifferenten« 
Flüssigkeit kann auch ein zu grosser Gehalt an Alkali wirken, wo dann 



346 - Tli. W. KngeliTiaiiii, 

der Stillstand im Wesentlichen dem spater zu beschreibenden Alkali- 
stillstand gleicht. Wir berücksichtigen hier die beiden letzteren Fälle 
nicht, dagegen verdient der erstgenannte eine nähere Betrachtung. 

Hat sich die Bewegung l)ei einem z. B. in Serum liegenden Schleim- 
hautstückchen so verlangsamt, dass die einzelnen Wimperschläge mit Be- 
quemlichkeit zu zählen sind — was bei einem Tempo von fünf Schwin- 
gungen in der Secunde schon der Fall ist — so erreicht, wenn man 
nun das Serum durch reines Wasser verdrängt, die Bewegung sogleich 
eine ausserordentliche Schnelligkeit und Stärke. Binnen wenigen Se- 
cunden werden die Schwingungen unzählbar. Ein vorher träge und in 
wirrem Durcheinander flimmernder Saum erscheint auf einmal als ein 
matter, bewegungsloser Schatlenstrcif , an dessen Obcrdächc die Flüs- 
sigkeit in reissend schnellem Strome vorbeifliegt. In dieser Stärke er- 
hält sich die Bewegung eine oder ein Paar Minuten und nimmt dann 
ab, um nach wenig Minuten dem Wasserstillstand Platz zu machen. — 
Ganz ähnlich verhielt sich die Bewegung bei Flimmerzellen die 24 Stun- 
den oder mehrere Tage nach dem Tode von Fröschen entnommen wur- 
den und in frischem Anmioswasser zur Ruhe gekommen waren. Das- 
selbe gilt auch, wenn statt des Amnioswassers Blutserum oder Humor 
aqueus benutzt wird. Es vei'steht sich von selbst, dass bei diesen Ver- 
suchen das Präparat in der feuchten Kammer lag, so dass der erst 
eingetretene Stillstand nicht auf eine durch Verdunstung herbeigeführte 
Concentrationszunahme der Zusatzflüssigkeit zurückgeführt werden 
konnte. — Es gelingt nun freilich auch, die in einem Serumtropfen zur 
Ruhe gekommene Flimmerbewegung dadurch wieder anzufachen, dass 
man durch Neigen des Präparates den Serumtropfen ein paar Mal hin- 
und herfliessen lässt und dadurch die Flimmerzellen mit neuen Flüs- 
sigkeitsschichten in Berührung bringt. Diess ist von Roth schon beob- 
achtet und zu Gunsten einer mechanischen Reizbarkeit der Fliumier- 
haare gedeutet worden. Die mechanische Erschütterung der Flimmer- 
haare ist hierbei aber ohne allen Einfluss ') . Die Beschleunigung tritt 



1) Der Erfolg scheint vielmehr, wie schon Shakpky vermutiietc, auf der Weg- 
iiiiimung eines Hindernisses der Bewegung zu beruhen. Die voiiiberströmende 
l'lüssiglceit nimmt (iie Productc der Epithclzeiien mit weg, die sich in der Ober- 
llache der Scldeimhaul ansammeln. Hier hat man namentlich an die von den so- 
genannten Bccherzellen geliefcrlcn Producte zu denken. Die genannten Zellen, 
welche oft in ungeheurer Zahl zwischen den Flimmercylindern zerstreut sitzen, 
sondern Tröpfchen einer hellen , ziemlich ziihen Flüssigkeil aJ). Diese kann durch 
ihre allmähliche Anhäufung ein mechanisches llindcrniss für die Bewegung abgeben 
und somit dtMi Einlrill des Stillslands, der in dem Serumtropfen (wegen der nicht 
vollkommenen Indifferenz desselben) auch ohne diess zu Stande kommen würde, 
beschleunigen. 



['obor (lip Flimtnerbewegniig. 347 

clten so schön oiii, wenn das Präparat äusserst langsam aber etwas län- 
|j;or geneigt wird — , wobei die Fliinmcrhaare fast gar nicht oder hörh- 
stens sein* langsam bewegt werdcMi — , als wenn man das Präparat ein 
paar Mal rasch hin- und herschütleU. Die Beschleunigung hält bei die- 
sem Verfahren in der Regel einige Minuten an ; dann lassen die Bewe- 
gungen wieder nach und werden so langsam als sie vorher waren. 
Neues Neigen des Tropfens belel)t sie wieder und dies kann man meh- 
rere Male hinter einander wiederholen. Allmählich w ird aber der Erfolg 
der Wiederl)elebung schwächer und hält immer kürzere Zeit an: end- 
lich ändert sich auch bei dem stärksten Schütteln und Neigen des 
Tropfens die Bewegung nicht mehr. Setzt man dann einen neuen Tro- 
pfen Serum zu, so verstärkt sich in der Regel die Bewegung für einige 
Minuten und lässt dann wieder nach. Wäscht man nun das Präparat 
immer w ieder mit frischem Serum aus, bis ein neuer Serumtropfen die 
verlangsamte Bewegung nur wenig mehr beschleunigt , dann ruft doch 
ein Tropfen destillirten Wassers sofort die heftigsten oft unzählbar 
schnellen Bewegungen hervor, die Minuten lang anhalten und endlich 
dem Wasserstillstande Platz machen. Hat man Serum, das mit etwas 
Wasser verdünnt war, zum Auswaschen des Präparats benutzt, so wird 
natürlich nachher die Wirkung des reinen Wassers weniger deutlich 
und kann selbst fehlen. 

Aehnlich belebend wirkt das Wasser auf Flimmerzellen, die in einer 
Atmosphäre von reinem Wasserstoff in indifferenten Lösungen zu 
schlagen aufgehört haben. Ich brachte ein kleines Stück der Rachen- 
schleimhaut in einem Tropfen Kochsalz von 0,5 ^q auf die untere Fläche 
des Deckglases der beständig mit Wasserdampf gefüllten Gaskaiimier, 
und dicht neben diesen Tropfen einen zweiten Tropfen von destillirtem 
Wassei', so nahe, dass bei einer bestimmten Neigung der Gaskammer 
IhmiIc Tropfen zusanmienfliessen mussten. Zuerst wurde nun wie ge- 
wöhnlich die Flimmerbewegung in dem Kochsalztropfen beobachtet, 
während die Kammer mit Luft gefüllt war. Zeigte sie sich nach fünf 
oder zehn Minuten noch eben so schnell als zu Anfang, so ward reiner 
Wasserstoff eingeleitet, bis die meisten Wimpern stillstanden. Liess 
ich nun den Tropfen, in dem das Präparat lag, vorsichtig hin- und her- 
lliesscnj so dass die Flimmerhaare mit neuen FlUssigkeitsschichten in 
Berührung kamen, so beschleunigte sich die Bewegung etwas; nach 
einigen Secunden , höchstens einer Minute war aber die früheie Ruhe 
wieder hergestellt, und bei noch etwas längerer Dauer des Wasser- 
stoffstillstandes half dann auch das Neigen des Tropfens nicht mehr. 
Alles blieb still. Neigte man nun — während natürlich der Wasser- 
stoffstrom ununterbrochen durch die Kammer ging — das Präparat so, 



348 Tli. W. Kiioplinaiui, 

(lass der Wassorlroj)fen mit dem Tropfen, in welchem sich die Flimmer- 
zellen befanden, zusannnenfloss, so erwachte alsbald an den Stellen, 
wo das Wasser hindrang , die Bewegung wieder. Zugleich begannen 
die Zellen deutlich zu quellen. Ich sah noch nach mehr als halbstün- 
digem Wasserstoffstillstand die Bewegungen beim Zutritt des Wassers 
eine Schnelligkeit von 6 Schlägen in der Secunde und darüber errei- 
chen. Der Effect ist am schlagendsten , wenn man den Tropfen Koch- 
salzlösung klein, den Wassertropfen aber gross genommen hat; denn 
je verdünnter die aus der Mischung beider Tropfen resultirende Lösung 
ist, um so mehr kommt der Einfluss dem des reinen Wassers gleich. 
War der Wasserlropfen klein , so sieht man die Zellen nur wenig auf- 
quellen und die Bewegungen auch nur wenig beschleunigt. — Einige 
Zeit nach der Vereinigung beider Tropfen tritt wieder Stillstand ein 
und diesen kann man dann, falls die Zellen nicht durch Quellung zer- 
stört sind, aufheben, indem man atmosphärische Luft in die Kammer 
dringen lässt. 

Vom Einfluss des Wassers auf den durch c o n c e n t r i r t e r e S a 1 z- 
lösungen herbeigeführten Stiflstand wird weiter unten die Rede sein. 
Hier sei erwähnt, dass unter Umständen auch der durch Säuren, z. B. 
sehr schwache Essigsäuredämpfe bei in lodserum liegenden Zellen her- 
beigeführte Stillstand durch ein- oder mehrmaliges Auswaschen mit 
destillirtem Wasser aufgehoben werden kann. Die wiedererwachen- 
den Bewegungen sind immer sehr schwach. Bei etwas stärkerer Es- 
sigsäureeinwirkung geschieht es dann leicht, dass Auswaschen mit 
reinem Wasser die Bewegungen nicht wieder erweckt, wohl aber 
Wasser, dem etwas Alkali zugesetzt ist. 

Machte ich frische Flimmerzellen vom Frosch in Serum durch Am- 
moniak scheintodt, so begannen die Bewegungen beim Auswaschen 
mit Wasser bei den meisten Zellen wieder, darauf trat dann sehr 
schnell unter Zunahme der Quellung Stillstand mit den Eigenthüm- 
lichkeiten des Wasserstillstandes ein. — Stillstand durch Aether, 
Alkohol oder Chloroform in indifferenten Lösungen herbeigeführt, 
konnte , wenn er durch Luft allein nicht mehr beseitigt wurde , auch 
durch Auswaschen mit destillirtem Wasser nicht aufgehoben werden. 
Ebensowenig Wärme starre, wenn sie auch sonst beim Abkühlen 
bestehen blieb, oder Stillstand, den Tetanisation mit starken Induc- 
tionssch lägen veranlasst hatte. — 



Uebei die KlimiiierbL'Wt'nun^!,. 349 

II Kinfluss von Kochsa l zlös u n j^en v ersclii od cn o r Con- 
central i o n au f (1 i F I i in ni e r b e \v e i; u n g. 

Dass man durch conccntrirlorc Kochsalzlösungen die Flinimer- 
howegung aufhoben könne, haben schon Purkinje und Valentin gezeigt; 
dass man die Bewegung durch Veniünnen der Lösung wieder erwecken 
könne, wird von Kölliker ') zuerst erwähnt und von Roth und Stuart 
i)estiilii:l. Ich habe untersucht, wie sich die Flimmerbewegung gegen 
Salzlösungen von verschiedenem Concentrationsgrade verhält, welche 
Mittel den durch concentrirtere Salzlösungen herbeigeführten Stillstand 
aufheben , und unter welchen Bedingungen stillstehende Wimpern 
durch Salzlösungen wieder in Bewegung gebracht \verden können. 
Alle Angaben beziehen sich auf die Rachenschleimhaut des Frosches. 

Wie bei anderen chemisch indifferenten Substanzen giebt es auch 
beim Kochsalz eine Concentrationsstufe , bei w elcher die Bewegung 
sich Stunden , ja Tage lang erhält. Diese Concentrationsstufe liegt 
für Kochsalz, wie auch Roth findet, bei etwa 0,5%. Auch in Lösun- 
gen von 0,6% kann die Flimmerung noch Tage lang fortbestehen; 
ebenso in solchen von 0,4%. Vermindert man aber den Salzgehalt 
noch weiter, so tritt allmählich der Einfluss des Wassers deutlicher 
zum Vorschein. Bringt man z. B. Stückchen der Rachenschleimhaut 
in Kochsalz von 0,3% oder 0,2-5%, so beschleunigt sich anfangs die 
Bewegung bedeutend, die Schwingungen bleiben Minuten lang sehr 
frequent und gross, und nehmen dann ab, um bald unter Quellung der 
Zellen zum Stillstand zu führen. Dieser Stillstand zeigt alle Eigen- 
schaften des Wasserstillstands. Wendet man noch schwächere Salz- 
lösungen an, so wird natürlich derselbe Effect schneller erreicht. — 
Auf der andern Seite genügt schon eine geringe Steigerung des Salz- 
gehaltes über 0,6%, um die Bewegung beträchtlich abzuschwächen. 
In Lösungen von 1 "/„ verlangsamt sich beispielsweise die Bewegung 
innerhalb der ersten Minuten bedeutend, hält sich dann aber oft Stun- 
den lang auf niedriger, sehr langsam abnehmender Höhe. Die Bewe- 
gungen werden klein, hakenförmig und langsam. Selten geschehen 
mehr als zwei bis drei Schläge in der Secunde, meist weniger. Viele 
Flinmierhaare stehen schon nach wenig Minuten ganz still. In Lösungen 
von 1,25% tritt der Stillstand noch merklich schneller ein; und wenn 
man ein frisches Stückchen Schleimhaut direct in eine Lösung von 
i!,o'% bringt, so stehen die meisten Wimpern fast augenblicklich still. 
Immerhin findet man auch hier fast stets eine Anzahl Flimmerhaare, 



^) KöLLiKER, FInsiol. Sludien üb. d. Sanicnflüssigkeit. Ztsclir. f. wiss. Zool, 
isr.ß Bd YIl. p. 252. 



350 * Tli. W. EiigHinaiiu, 

welche ihre Bewegungen, wenn schon äusserst schwach und langsam, 
nocli einige Zeit, zuweilen eine halbe Stunde und länger fortsetzen. 
Man beobachtet [diess sogar noch in Lösungen von 5 % Salzgehalt. 
Roth hat also ganz Recht wenn er sagt, »dass die Flimmerhaare in re- 
»lativ weiten Grenzen der Concentration ihre Bewegungen conservi- 
-iren.« Freilich gilt diess nicht von der Grosse der Amplitude und Fre- 
quenz der Bewegungen. — Ich fand keine deutlichen Unterschiede in 
der Wirkung starker Salzlösungen, wenn ich in dem einen Falle ein 
frisches Präparat direct in die starke Lösung versetzte, in dem andern 
die Stärke der Lösung, von 0,5 "/o ausgehend, allmählich bis zur selben 
Hölie steigerte. .Jedem bestimmten Concentrationsgrade scheint somit 
eine bestimmte mittlere Stärke und Schnelligkeit der Bewegungen zu 
entsprechen und es wird nicht erlaubt sein, eine Accommodation der 
Bewegungen an starke Concentrationsgrade bei sehr langsamer Stei- 
gerung des Salzgehaltes der Lösung anzunehmen, wie diess Roth thut. 
— Die Veränderungen, welche man unter dem Einfluss stärkerer Koch- 
salzlösungen (von I "/(, aufwärts) im Aussehen der Flimmerzellen ein- 
ti'eten sieht, beruhen auf Fltissigkeitsentziehung. Die Zellen schrum- 
pfen zusanmien, erscheinen stärker glänzend, mehr homogen, bei stär- 
keren Graden der Einwirkung dunkler und die hitercellularräume 
erweitern sich zu hellen, messbar breiten Spalten. Die Flimmerhaare, 
welche deutlich an Volum vermindern und dunkler aussehen, stehen, 
wie bei früher beschriebenen Arten des Stillstands, steif und schräg 
nach vorn geneigt, meist alle unter demselben Winkel von .'}0 — 35'\ 
zuweilen selbst 45". 

Unter den Mitteln , welche die durch stärkere Kochsalzlösungen 
herbeigeführte Flimmerruhe beseitigen können, steht das Wasser 
obenan. Sobald es in solcher Menge zugesetzt wird, dass die Concentra- 
tion der Lösung auf etwa l'^/ound weniger sinkt, zuweilen schon früher, 
beginnen die Bewegungen, während die Zellen ihr normales Aussehen 
mehr oder minder wieder erhalten. Die Salzlösung darf aber eine ge- 
wisse Concentration nicht überschritten haben , wenn Wasser noch 
wieder beleben soll. Lösungen von 10 "/o und mehr tödten die Zellen 
selbst bei einer Einwirkungsdauer von nur wenigen Minuten. Die 
Flimmerhaare lösen sich bei Wasserzutritt dann schnell auf, noch bevor 
die Concentration unter 0,5 *yy gesunken ist. Selbst wenn man die 
Zellen eine oder mehrere Minuten in Salzlösungen von nur 5 "/q gehal- 
ten hat, erwachen beim Verdünnen mit Wasser nicht alle Zellen wie- 
der, keinesfalls aber erreichen die Bewegungen ihre normale Stärke 
und Schnelligkeit. Diess gelingt nur, wenn der Kochsalzstillstand durch 



Lieber die Kliiiiiiit'iiii'wegnng. 351 

noch schwächere Lösungen (1% bis '^,5"/o circa) herbeigeführt war. — 
Auch wonn nach nur kurzer Einwirkunj; die starken Lösungen (ö^q 
und höluM-) ganz alhuälilicli durch iinmci- schwäcliere Lösungen ver- 
(hiiMi;l wiiichMi, stieg die Bewegung beim Wiedererreichen der günsli- 
i^cM (üinccntr.ilionsslufe, wenn sie übeihau])t wieder erwachte, doch 
nie id)(M- eine äusserst gelinge Höhe. Es kann also auch hier von einer 
Accommodation nicht die Rede sein. 

Das Wassei- ist nun aber keineswegs das einzige Mittel, welches 
den Kochsalzslillstand aulhebt. Waren die Lösungen nicht zu concen- 
Iriit, z. IL nur l,-)'*/,}, so erwacht die Bewegung auch wieder, wenn 
man Ammoniak in Gasform dem Präparate zuführt. Die Bewegungen 
beginnen hier aber meist erst, nachdem man die stark mit Ammoniak- 
gas beladene Luft ein bis zwei Minuten lang durch die Gaskammer 
geführt hat ; nicht schon nach wenigen Secunden wie beim Stillstand 
in indilTerenten Lösungen >). Je stärker die Goncentration, um so län- 
ger dauert es im Allgemeinen, ehe die belebende Wirkung des Ammo- 
niaks sichtbar wird. Die ersten Bewegungen sind oft klein und lang- 
sam, können aber (bei 1,5'yoigen Lösungen) in einer halben Minute 
gross und rasch (5 bis 8 in 1") werden. Führt man ununterbrochen 
Anunoniak durch die Kammer, so stehen sie endlich still ; aber auch 
dieser Stillstand tritt im Allgemeinen viel langsamer ein, als bei Flim- 
merzellen, die in Kochsalzlösung von 0,5 o/q liegen. Betrug der Salz- 
gehalt der Lösung 2,5% und mehr, so konnte durch Ammoniak die 
Bewegung nicht mehr hervorgerufen werden. 

Auch durch Säuren, z.B. durch Kohlensäure, durch Dämpfe 
von Essig- oder Salzsäure kann derStillstand beseitigt werden, der 
in massig concentrirten Kochsalzlösungen (l^o 1^'s 2%) eintritt. Auch 
liier dauert es in den meisten Fällen eine oder mehrere Minuten ehe 
die Bewegungen wieder beginnen. Sie können sehr schnell und gross 
werden und hallen sich bei fortdauernder Zufuhr von Säuredämpfen 
auch länger als gewöhnlich. Sie hören nändich erst auf, wenn die 
Reaction schon Minuten lang stark sauer ist; ja, ich sah die Bewegun- 
gen sogar erst nach mehr als viertelstündiger Anwesenheit der sauren 
H<\Tction erlöschen. 

Wie Ammoniak und Säuren heben auch Dämpfe von Aether, Al- 
kohol und Schwefelkohlenstoff den Stillstand in Kochsalzlösungen 
auf, wenn der Salzgehalt 2'yubis'2,5 % nicht überschreitet. Auch diese 
Körper bedürfen längere Zeit als bei indifferenteren Lösungen, um ihren 
anfangs beschleunigenden, später hennnenden Einlluss geltend zu ma- 

1) Diess Ijt'iulit ziitii Tlicil scrmudiliih iiiil' der i^crin£<eren Grosse iles Ab- 
«'tirijfidnscoeffificiitfii slürkeiTi- Si(lzlösiii);.'tMi \üi die betrefTeiideii (iasi- 



352 Tli- ^^' Kiiy;eliiiaiiii, 

chen. Endlich wirkt auch Warmes teigeru ng und elektrische 
Reizung wieder belebend, wenn die Concentration niciit über 2 "/o 
steigt. Hierüber wird in den Abschnitten über Wärme und Elektricitäl 
ausführlicher gehandelt werden. — 

Alle diese Mittel, welche den durch concentrirtere Salzlösungen 
hervorgerufenen Stillstand aufheben, beseitigen auch die in sogenannten 
indifferenten Lösungen nach einiger Zeit eintretende Flinimer- 
ruhe. Man darf desshalb wohl annehmen — wie wir schon oben ge- 
Ihan — dass die letzlere Art der Flimmerruhe gleichfalls darauf zu 
schieben sei , dass die Goncentrationsstufe nicht die richtige , die Lö- 
sung also streng genommen nicht indifferent war. 

Wir kommen nun zu der Frage, unter welchen Umständen still- 
stehende Wimpern durch Salzlösungen wieder in Bewegung versetzt 
werden können. Concentrirtere Lösungen können, soviel mir bekannt, 
nur zwei Arten der Flimmerruhe aufheben, nämHch den Wasserstill- 
st a n d und den A 1 k a 1 i s t i 1 1 s t a n d. Ich brachte Flimmerzellen vom 
Frosch, die in einem Tropfen Kochsalzlösung von 0,5 V q in der Gaskam- 
mer lagen, durch Ammoniakdämpfe zur Ruhe, wobei die Zellen, wie 
früher erwähnt, etwas aufzuquellen beginnen. Nun legte ich einen klei- 
nen Kochsalzkryslall in die Nähe der Zellen in den Tropfen. Alsbald be- 
gann die Bewegung bei den dem Krystall zunächst liegenden Zellen 
und mit fortschreitender Diffusion des Salzes allmählich auch bei den 
weiter abgelegenen Zellen wieder. War der Krystall so gross, dass der 
Tropfen eine starke Concentration annehmen konnte, so trat später na- 
türlich Stillstand unter Schrumpfung der Zellen ein. — Säurestillstand, 
Stillstand durch Metallsalze, durch Aether oder Chloroformdämpfe, lässt 
sich auf diese Weise nicht aufheben. Ebensowenig Wärmestillstand 
oder Stillsland durch elektrische Schläge. 

Dass es möglich ist, durch Auswaschen der Zellen mit indifferenten 
Salzlösungen einen durch Säuren oder durch Alkalien herbeige- 
führten Stillstand aufzuheben, davon kann man sich leicht überzeugen. 
Roth hat schon erwähnt, dass es ihm gelungen sei, Wimpern, die vor- 
sichtig durch Chromsäure von 0, '2% — 0,02% ^ur Ruhe gebracht 
waren, durch Auswaschen mit halbprocentiger Kochsalzlösung wieder 
zu erwecken. Den Ammoniakstillsland kann man, wenn dabei die Zel- 
len nicht sehr gequollen waren, selbst durch schwach alkalisches lod- 
serum so vollkommen beseitigen, dass die Bewegung ihre normale Höhe 
wieder erreicht. Ebensogut wirkt Chlornatrium von 0,5%. 

Minder gut wird der durch Essigsäure, Salzsäure, Chromsäure oder 
andere Säuren veranlasste Stillstand durch Auswaschen mit Kochsalz 



I 



üeber die Fliminerbeweguiig. 353 

(Jer angegebenen Goncentration aufgehoben. Die Bewegungen können 
zwar wieder eine Frequenz von 2 — 3 Schlägen in der Secunde errei- 
chen, das trübe Ansehen der Zellen bleibt aber bestehen. Erst wenn 
diess durch Zufuhr von Alkali, am besten von etwas Ammoniakgas, 
dem normalen Ansehen wieder Platz gemacht hat, erreichen die Be- 
wegungen die normale Höhe wieder. lodserum, welches schwach alka- 
lisch ist, beseitigt desshalb den Säurestillstand viel schneller und voll- 
kommener als die indifferentesten Kochsalzlösungen. 

Ganz ähnlich wie Kochsalz verhalten sich andere neutrale Salze 
und auch Zucker, Kreatin und andere neutrale Stoffe gegen die Flim- 
merbewegung. Doch sind die Concentrationsgrade, in denen man diese 
Stoffe anwenden muss, um einen bestimmten Effect zu erreichen, an- 
dere als beim Kochsalz, und im Allgemeinen für jeden Körper beson- 
dere, vom endosmotischen Aequivalent des Körpers abhängige. So fand 
ich beim Rohrzucker Lösungen von 1 % noch schädlich ; sie bewirkten 
binnen wenigen Minuten Stillstand unter Quellung der Zellen und 
Kerne, wie bei Einwirkung von reinem Wasser. Ziemlich indifferent 
sind Lösungen von 2,5%, und selbst bei einem Zuckergehalt von 5% 
steht die Bewegung nicht gleich still, sondern verlangsamt sich ganz 
allmählich. Man findet zuweilen noch nach zehn Minuten die meisten 
Wimpern in, freilich sehr matter Bewegung. Das Aussehen der Zellen 
verräth hier die Folgen der Wasserentziehung : Schrumpfung und stär- 
kere Lichtbrechung. Die Wiederbelebung aus dem Stillstand in stärker 
concentrirten Lösungen anderer indifferenter Körper, Zuckerz. B., wird 
durch dieselben Mittel erreicht wie beim Kochsalz. 



IIL Einfluss von Säuren auf die Flimmer bewegung. 

a. Kohlensäure. 

Nach älteren, oben schon citirten Angaben von Sharpey ^) , deren 
Richtigkeit Valentin 2) bestätigt, soll das Flimmerphänomen der Kiemen 
der Froschlarven in Wasser, welches mit Kohlensäure gesättigt ist, un- 
gestört fortdauern. Neuere von Kühne ^) an dem Flimmerepithel der 
Kiemen von Anodonta angestellte Beobachtungen ergaben , dass die 
Bewegung nicht nur in reiner Kohlensäure, sondern auch in einer nur 
massig mit Kohlensäure vermischten Atmosphäre schnell erlischt. 



^} SiiARPEY in Todd's Cyclop. I. p. 536. 

2) Valentin, Artikel Fliinmerbewegung in R. Wagner's Handwörterbuch de 
Piiysiologie. Bd. I. p. 512. 

3) L. c. pag. 374. 

Bd. IV. 3. 23 



354 Hl. VV. I:;iigelinaiiii, 

Dasselbe hatte Kühne früher für die Protoplasmabewegungen verschie- 
dener Organismen gefunden. 

Ich theile hier die Versuche mit, welche ich an Flimmerzellen vom 
Frosche angestellt habe. Die Zellen wurden zunächst in Kochsalzlösung 
von 0,5% in Blut, Blutserum oder anderen der oben aufgeführten ver- 
hältnissmässig indifferenten Flüssigkeiten untersucht. Die An- 
fertigung des Präparates geschah in derselben Weise wie früher. Das- 
selbe schwebte während des Versuchs in dem Tropfen an der Unter- 
seite des Deckglases der Gaskammer. Einzelne Zellen zeigen bereits 
unmittelbar nach der Präparation, während noch die Gaskammer mit 
reiner atmosphärischer Luft gefüllt ist, keine oder doch eine sehr ver- 
langsamte Bewegung , ohne dass ihr äusseres Ansehen sich verändert 
hätte. Bei den meisten tritt aber erst nach längerem Liegen in der 
»indifferenten« Lösung Stillstand oder Verlangsamung aus früher an- 
gegebenen Ursachen ein. Wenn man nun über solche Zellen einen 
raschen Strom reiner Kohlensäure durch die Kammer schickt, ist bin- 
nen wenigen Secunden die Flimmerbewegung im ganzen Präparat im 
schnellsten Gange. Flimmerhaare, die vorher ganz stillstanden, kön- 
nen nach einer Viertelminute schon mit einer Frequenz von acht und 
mehr Schlägen in der Secunde schwingen. — Schon ein kleiner Koh- 
lensäuregehalt der Luft genügt, alle Bewegungen wieder zu erwecken 
und zu beschleunigen. Nimmt man das eine Ende des zur Gaskammer 
führenden Kautschukschlauches in den Mund , während man zugleich 
in's Mikroskop blickt, so braucht man nur langsam durch die Kammer 
zu exspiriren, um überall die Bewegung sich aufs Heftigste beschleu- 
nigen zu sehen. Auch mit ziemlich stark abgekühlter Exspirationsluft 
gelingt der Versuch, und am besten, wenn man den Athem etwas 
lange angehalten hat. — Inspirirt man darauf durch die Kammer, saugt 
man also die Kohlensäure zurück, so hört die Bewegung nach einigen 
Minuten wieder auf, oder verlangsamt sich wenigstens. Ein neuer 
Exspiralionsstrom ruft sie wieder liervor und so kann man , je nach- 
dem ein- oder ausgeathmet wird, Verlangsamung und Beschleunigung 
miteinander wechseln lassen. — 

In einer Atmosphäre von reiner Kohlensäure erlischt die Flimmer- 
bewegung in kurzer Zeit. Bringt man frische Flimmerzellen in Koch- 
salzlösung von 0,5 % oder Serum in die Gaskammer und verdrängt die 
atmosphärische Luft durch einen Strom reiner Kohlensäure, so vermin- 
dert sich nach ein oder zwei Minuten die Bewegung im ganzen Präpa- 
rate; das Tempo wird langsamer und die Amplitude der Schwingungen 
bei den meisten Wimpern kleiner. Fast alle zeigen die hakenförmige 
Bewegung. Nach etwa zehn Minuten stehen alle Flimmerhaare still und 



ll('l)or die KliiiiiiicilK'wegung. 355 

zwnr in derselben schrHg geneigten Stellung, wie im Kochsalz-, im Was- 
serstofTstillstande ii. a. Dabei haben die Zellen ein gelbliches, trübes 
Ansehen gewonnen , die Zellenkerne treten mit dunkelen Gontouren 
hervor, auch die Wimpern scheinen gelblich und weniger durchschei- 
nend geworden zu sein. Diese Veränderungen sind meist 
schon einige Zeit vor dem völligen Stillstande ganz ausge- 
bildet. — Wie in reiner Kohlensäure tritt auch der Stillstand ein in 
einer stark mit Kohlensäure beladenen Atmosphäre, doch um so später, 
je geringer der Kohlensäuregehalt derselben ist. Bei sehr geringem 
Kohlensäuregehalt der atmosphärischen Luft erhält sich dagegen, wie 
schon erwähnt, die Bewegung viel länger als in reiner Luft. 

Frisch präparirte Flimmerzellen , in Kohlensäure zur Ruhe ge- 
bracht, fangen beim Verdrängen der Kohlensäure durch atmosphä- 
rische Luft langsam wieder an, sich zu bewegen, und die Bewegung 
kann, falls der Kohlensäurestillstand nicht zu lange angehalten hatte, 
nach einigen Minuten wieder so lebhaft sein, wie vor dem Einleiten 
der Kohlensäure. Sie erhält sich dann bei genügendem SauerstoflTzu- 
tritt lange Zeit unfl es scheint nicht, dass der vorübergehende Kohlen- 
säurestillsland erhebliche bleibende Störungen hinterlassen habe. — 
Der W^iederbeginn der Bewegungen bei dem Verdrängen der Kohlen- 
säure durch atmosphärische Luft erfolgt nie so plötzlich, wie z, B. das 
Erwachen der Bewegung aus dem später zu schildernden Wasserstoff- 
stillstande durch Kohlensäurezufuhr. — 

Es ist nun sehr bemerkenswerth, dass die oben erwähnten Ver- 
änderungen im Aussehen der Zellen , welche beim Herannahen des 
Kohlensäuresillstandes eintreten , beim Verdrängen der Kohlensäure 
durch atmosphärische Luft wieder verschwinden. Sobald die Bewe- 
gung wieder beginnt, verlieren die Zellen ihr trübes, gelbliches Aus- 
sehen , die Kerne werden wieder undeutlich oder ganz unsichtbar und 
auch die Wimpern scheinen heller zu werden. Dieser Wechsel im Aus- 
sehen der Zellen wiederholt sich , so oft man Bewegung und Kohlen- 
säurestillstand miteinander abwechseln lässt. Nach allzuhäufiger oder 
allzulanger Kohlensäureeinwirkung stellt sich indessen das frühere An- 
sehen der Zellen durch Luft nicht wieder her. — Auf entsprechende 
Veränderungen an den rothen Blutkörperchen des Frosches machte 
mich Herr Donders gelegentlich aufmerksam. Hier treten ebenfalls bei 
Zutritt von Kohlensäure die Kerne plötzlich scharf hervor und werden 
wieder unsichtbar, oder doch äusserst blass, wenn die Kohlensäure 
durch Wasserstoff oder atmosphärische Luft ausgewaschen wird. In 
jedem Präparat von Flimmerzellen finden sich nun rothe Blutkörper- 
chen in genügender Menge. Die Beobachtung lehrt, dass die unter den 



356 Th.^W. Kiiiielraanii, 

oben erwähnten Bedingungen erfolgende Beschleunigung der Flimmer- 
bewegung durch Kohlensäure in der Regel etwas früher eintritt als das 
Sichtbarwerden der Kerne in den rothen Blutkörperchen. Diess ist am 
besten zu constatiren, wenn die betreffenden rothen Blutkörperchen 
dicht neben der beobachteten Flimmerzelle liegen. Der Zeitunterschied 
beträgt oft nur wenige Secunden, zuweilen mehr. Bei manchen Zellen 
tritt aber auch die Beschleunigung der Bewegung erst auf, wenn schon 
die Kerne der benachbarten Blutkörperchen zum Vorschein gekommen 
sind. 

Untersucht man die Reaction des Präparats während der verschie- 
denen Stadien der Kohlensäureeinwirkung, z. B. mittels eines in den 
Tropfen gelegten Stücks blauen Lakmuspapiers oder fein in der Flüs- 
sigkeit vertheilter Lakmuskörnchen , so ergiebt sich Folgendes. Das 
Wiedererwachen, respective die Beschleunigung der Bewegung durch 
Kohlensäure beginnt in den meisten Fällen früher als die rothe Fär- 
bung des Lakmus eintritt. Doch erreicht die Bewegung oft dann erst 
ihr Maximum, wenn das Lakmuspapier im Tropfen bereits eine stark 
rothe Farbe angenommen hat, und jedenfalls kann der Tropfen schon 
mehrere Minuten lang sauer reagiren, ehe die letzte Bewegung erlischt. 
Der Wiederbeginn der Bewegungen nach dem Kohlensäurestillstand 
findet selten statt, bevor die neutrale Reaction wieder hergestellt ist. 

Wie durch einen Luftstrom kann auch , und in der Regel noch 
schneller, durch reinen Sauerstoff der Kohlensäurestillstand aufge- 
hoben werden. Ganz ähnlich wirkt Verdrängen der Kohlensäure durch 
reinen Wasserstoff oder andere indifferente Gase, hnmer ver- 
liert sich beim Wiedererwachen der Bewegung das trübe gelbliche 
Ansehen der Zellen. 

Die Wirkung der Kohlensäure kann aber eine solche Höhe errei- 
chen, dass es nicht mehr möglich ist, durch indifferente Gase den 
Stillstand zu beseitigen. Wie lange man auch Sauerstoff oder Wasser- 
stoff über das Präparat führen möge — die Zellen bleiben trübe, die 
Wimpern steif und still. In diesen Fällen beleben Alkalien die Bewe- 
gungen wieder. Eine Spur Anunoniakgas, der Luft oder dem Wasser- 
stoff beigemischt, reicht in der Regel dazu aus. Ebenso wirkt Aus- 
waschen mit äusserst verdünnten Lösungen von Natron oder Kali oder 
auch alkalisches Serum. 

Von den Fällen, in denen die Kohlensäure belebend wirkt, haben 
wir bereits einen eiwähnt, den wo die Bewegung in indifferenten 
Flüssigkeiten bei alleiniger Gegenwart von atmosphärischer Luft 
erlahmt ist. In den Abschnitten über Wasser und Kochsalz wurde 



[Vhor die FlimiiiPrliowcßnng. 357 

gleichfalls schon die Thalsncho inilgelheilt, dass sowol der Wasser- 
stillstand, als der Stillsland in concentri rteren Salzlösu n- 
ti;en (bis 2 " „) dui-ch Kohlensäure aufgehoben werden können. Weiter 
unten wird der Wiedererweckung der Bewegung aus dem Alkali- 
stillstand durch Kohlensäure gedacht werden. — 

Interessant ist das Erwachen der Bewegung aus dem Wasser- 
sto ff still stand bei Zutritt reiner Kohlensäure. — Leitet man reines 
Wasscrstoffgas so lange über Flinnnerzellen, die in neutralen Salzlösun- 
gen passeTuler (loncentration oder in Serum liegen, bis die Bewegung an 
den meisten Stellen zur Ruhe gekommen ist, sperrt dann dem Wasser- 
stofl' den Zutritt zur Gaskammer ab und lässt nun aus einer Zweiglei- 
tung plötzlich einen Strom reiner Kohlensäure einfliesscn, so fängt 
nach wenigen Secunden die Bewegung im ganzen Präparate wieder an. 
Am schönsten zeigt sich das bei Anwendung von Blut oder Blutserum. 
Hier erwacht die Bewegung oft bei allen Zellen gleichzeitig , wie mit 
einem Zauberschlage. Die ersten Bewegungen zeichnen sich meist 
schon durch grosse Excursionsweite aus und das Tempo beschleunigt 
sich so rasch , dass fünf bis zehn Secunden nach dem Erwachen die 
Sch\Ningungen unzählbar sind. Das im Tropfen hängende Schleim- 
hautstück wird durch die Schläge seiner Wimpern fortbewegt; isolirte 
Gruppen von Flimmerzellen gerathen fast plötzlich in wirbelnde Dreh- 
bewegungen. 

Die Bewegung erwacht um so zeitiger und erreicht um so schnei - 
1er ihr Maximum , je grösser die eingedrungene Kohlensäuremenge, 
je flacher der Tropfen ist, in dem das Präparat schwebt, und je kür- 
zere Zeit der Wasserstofl'stillstand angehalten hat. Standen die Zellen 
erst kurze Zeit still, so reicht die Beimischung einer sehr kleinen Menge 
Kohlensäure zum Wasserstoffstrom zur W^iederbelebung aus, und selbst 
nach mehrstündiger Dauer des WasserstofTstillstandes bedarf es nicht 
inmier grosser Kohlensäuremengen , um dasselbe Resultat zu errei- 
chen. — Wie man nun den bereits eingetretenen Wasserstoffstillstand 
durch Kohlensäure aufheben kann , so kann man auch seinen Eintritt 
verzögern, indem man dem Wasserstoffstrome etwas Kohlensäure bei- 
mengt. In einem Gemisch von ^ Volumprocent Kohlensäure und 95 % 
Wasserstoff erhält sich beispielsweise die Flimmerbewegung wol drei- 
und mehrmal so lange als in reinem Wasserstoff. Es dauert nicht sel- 
ten mehrere Stunden, ehe hier ,die Bewegung der meisten Zellen auf- 
gehört hat. 

Auch Wimpern, die in reinem Sauerstoff in möglichst indifferen- 
ten Lösungen zu schlagen aufgehört haben, werden durch Kohlensäure 
wieder erweckt und in der Regel sehr schnell, binnen einigen Seeun- 



358 Th. W. Engelraann, 

den. Sorgt man dann dafür, dass dem Sauerstoffstrome, oder der 
atmosphärischen Luft vor ihrem Eintritt in die Gaskammer beständig 
eine kleine Menge Kohlensäure beigemischt wird, so dauert die Bewe- 
gung viele Stunden lang fort und erst die Fäulniss macht ihr ein Ende. 
— Ebenso fangen Flimmerhaare, welche so lange in einer Wasserstoff- 
atmosphäre verweilt haben, dass sie durch reinen Sauerstoff nicht wie- 
der erweckt werden, sogleich wieder an, sich zu bewegen, wenn dem 
Sauerstoff Kohlensäure beigemischt wird, und können dann ebenfalls 
in einem Gemisch von atmosphärischer Luft und etwas Kohlensäure 
lange Zeit in Bewegung erhalten werden. 

Ueber die Form der Bewegungen beim Wiedererwachen aus dem 
Wasserstoff- oder Sauerstoffstillstande durch Kohlensäure ist nur we- 
nig zu bemerken. In manchen Fällen sind gleich die ersten Bewegun- 
gen wellenförmig und die folgenden bleiben es dann. Viele Flimmer- 
haare beginnen aber mit hakenförmigen Bewegungen , welche entwe- 
der zu Anfang schon sehr gross sind, oder es doch bald werden. Sie 
können allmählich zu wellenförmigen Bewegungen übergehen. Wieder 
andere Flimmerhaare machen nur kleine hakenförmige Bewegungen, 
welche nie eine grosse Amplitude erreichen. Das Tempo der Bewe- 
gungen beim Wiedererwachen ist ebenfalls verschieden. In der Begel 
geschehen die ersten Schwingungen langsam und folgen sich dann 
immer schneller, so dass nach 5 bis 1 Secunden schon das Maximum 
erreicht sein kann. Zuweilen beginnt die Bewegung schon in einem 
Tempo von zwei oder drei Schlägen in der Secunde. — 

Im äusseren Ansehen der Zellen ändert sich beim Wiedereintreten 
der Bewegung nichts. Weder trübt sich das Zellprotoplasma, noch 
werden die Zellenkerne sichtbar, noch auch macht sich eine Quellung 
oder Schrumpfung der ganzen Zelle bemerklich. Bald treten dagegen, 
wenn grössere Kohlensäuremengen längere Zeit über das Präparat ge- 
leitet werden, die oben beschriebenen Veränderungen ein, die mit 
einer Abnahme der Bewegungen Hand in Hand gehen. — 

Hat man die Flimmerzellen durch Wasserstoff zur Buhe gebracht 
und durch Kohlensäure wieder in Bewegung versetzt, so kommen sie 
bei fortgesetztem Durchleiten reiner Kohlensäure oder in einer Mischung 
von Wasserstoff' mit sehr viel Kohlensäure schneller zur Buhe, als wenn 
statt des Wasserstoffs atmosphärische Luft eingewirkt hatte. In der 
Regel verstärkt und beschleunigt sich beim Wiedererwachen aus dem 
Wasserstoffstillstande durch Kohlensäure die Bewegung in der ersten 
halben bis ganzen Minute bedeutend, nimmt aber schon in der zweiten 
Minute wieder langsam ab, so dass dann nach drei Minuten , oft etwas 
später, die meisten Zellen wieder in Ruhe sind. Auch hier werden die 



Uebpr dif Fliinmerbewegunp;. 359 

Zellen trübe, die Kerne deullicli. — Vordriingt man nun die Kohlen- 
saure wieder durch reinen Wassersloft", so erwachen nach etwa einer 
halben Minute oder etwas später bei vielen Zellen wieder langsame, 
meist kleine Bewegungen, die sich anfangs ein wenig beschleunigen 
und verstärken, aber bald wieder nachlassen. Nach drei Minuten pflegt 
in den meisten Fällen wieder vollkommener Stillstand durch den Was- 
serstoff herbeigeführt zu sein. — Neue Zufuhr von reiner Kohlensäure 
erweckt sofort wieder heftige Bewegungen, die ebenfalls ungefähr 
gegen das Ende der ersten oder im Laufe der zweiten Minute ihr Ma- 
ximum erreichen. Eine oder zwei Minuten später steht Alles wieder 
still. Abermaliges Verdrängen der Kohlensäure durch reinen Wasser- 
stoff ruft von Neuem einige schvsache, bald wieder aufhörende Bewe- 
gungen hervor und neue Kohlensäure bewirkt auch hierauf Wieder- 
erwachen starker Bewegungen. So kann man, indem man Kohlensäure 
und reinen Wasserstoff abwechselnd durch die Kammer führt, Still- 
stand und Wiederbelebung oft miteinander wechseln lassen. Je öfter 
man den Versuch an derselben Zelle wiederholt hat, um so schwächer 
pflegen dann die Bewegungen beim Wiedererwachen durch Kohlen- 
säure zu sein und um so rascher tritt sowohl der Wasserstoff- als der 
Kohlensäurestillstand ein. Doch habe ich Zellen, die binnen einer 
Stunde acht Mal den Wechsel durchgemacht hatten , noch aus dem 
Wasserstoffstillstande erwecken können, als ich zum neunten Mal reine 
Kohlensäure zuführte. Um den Versuch so oft an einer und derselben 
Zelle wiederholen zu können, darf man aber jeden einzelnen Wasser- 
stoff- und Kohlensäurestillstand nicht länger als etwa 1/2 ^^^ 2 Minu- 
ten anhalten lassen. — ■ Wenn endlich in diesen Versuchen die Bewe- 
gung weder bei Wasserstoff- noch bei Kohlensäurezufuhr wieder erwa- 
chen will, bedarf es nur eines Stromes atmosphärischer Luft oder 
Sauerstoffs, um sie wieder hervorzurufen, und zwar wird sie hier, wo 
man längere Zeit zwischen Zufuhr von reinem Wasserstoff und von 
reiner Kohlensäure abgewechselt hatte, durch reine Luft oder Sauer- 
stoff aus dem Kohlensäurestillstande viel sicherer erweckt als aus dem 
Wasserstoffstillstande, wenn bei letzterem jede Spur von Kohlensäure 
aus der Gaskammer verdrängt war. 

b. Andere Säuren. 

Es Hess sich erwarten, dass der Einfluss anderer Säuren in allem 
Wesentlichen derselbe sein würde, wie der der Kohlensäure, insbeson- 
dere dass der unter so vielen Umständen gefundene belebende Einfluss 
der Kohlensäure auch den anderen Säuren zukommen würde. In den 
bisherigen Arbeilen ist immer nur von der Schädlichkeit der Säuren 



360 Tli. W. Engelmann, 

die Rede, und in dem einzigen Falle, in welchem man von Säuren eine 
belebende Wirkung sah , beruhte diese auf Neutralisation von über- 
schüssigem Alkali. — Purkinje und Valentin *) haben schon über den 
Einfluss verschiedener organischer und anorganischer Säuren Mitthei- 
lungen gemacht. Sie fanden, dass die von ihnen untersuchten Säuren 
die Flimmerbewegung zum Stillstand brachten. Essigsäure hemmte 
noch in lOOOOfacher, Saksäure, Salpetersäure in lOOOfacher, Ben- 
zoesäure, Oxalsäure, verdünnte Schwefelsäure der preussischen Phar- 
makopoe noch in lOOfacher Verdünnung. In iOOOOOfacher Wasser- 
verdünnung wirkte keiner der geprüften Körper. — Neuere Beobach- 
tungen von M. Roth 2) bestätigen diese Angaben. Erwähnung verdient, 
dass Roth den durch äusserst verdünnte Essigsäure oder Chromsäure 
bewirkten Stillstand aufheben konnte, wenn er einen Strom von lod- 
serum oder Kochsalzlösung von 0,5" v, durch das Präparat fliessen Hess. 
Roth widerspricht einer früheren Behauptung von Hannover-^), dass 
in verdünnter Chromsäure Flimmerbewegung sich erhalten könne. — 
Kühne *) endlich, der an Anodonta experimentirte, theilt mit, dass man 
die mittels Ammoniakdämpfen zur Ruhe gebrachte Flimmerbewegung 
durch Essigsäuredämpfe wiedererwecken könne. • Ein Ueberschuss 
der letzteren bewirke dann Stillstand, den man durch Alkalien wieder 
aufzuheben vermöge. 

Stuart kommt zu demselben Resultat an Essigsäure , Oxalsäure, 
Phosphor-, Salz-, Salpeter- und Chromsäure, die er in tropfbar flüs- 
siger Form den Zellen von der Rachenschleimhaut des Frosches zu- 
führte. Auch er erwähnt nichts von einer erregenden Wirkung der 
Säuren. 

Meine eigenen Versuche, die wiederum hauptsächlich an den Flim- 
merzellen der Mundschleimhaut des Frosches angestellt wurden, er- 
strecken sich auf den Einfluss der Salzsäure, der Chromsäure, der 
Oxalsäure, der Essigsäure und der Milchsäure. Salz- und Essigsäure 
führte ich meist in üampfform dem in der Gaskammer befindlichen 
Präparate zu. — Die betreffenden Versuche kann man am schnellsten 
und einfachsten so anstellen , dass man über die eine Aiisführungs- 
röhre der Kammer einen Kautschukschlauch zieht und dessen freies 



i) PuRKi>jE et Valentin, De phaenomeno generali et fundamentali motus vi- 
bratorii 1835. pag. 74 — 76. — Valentin, Art. Flimmerbewegung in R. Wagner's H. 
d. Ph. Bd. I. pag. 512. 

2) Roth, Ueber einige Beziehungen des Flimmerepithels zum contractilen Pro- 
toplasma. In ViRCHOw's Archiv Bd. 37. 1866. pag. 184. 

3} Hannover in Müller's Archiv. 1840. pag. 557. 

4) Kühne in M. Schultze's Archiv. 1866. p. 375. 



Olipr A\p Fliinincrbewegnny. 361 

Endo in den Mund nimmt. Vor dir andere OefTnung der Kammer, aus 
der innn die Röhre herausschrnuben kann, hall man einten mit der Säure 
befeuchteten Glasstöpsel oder Glasstab. Die in die Kammer hercin- 
gesaugte Luft ist dann mit Säuredämpfen beladen i). 

Die Ergebnisse waren, bei Anwendung von Salzsäure- wie von 
E s s i g s ä u r e d ä m p f e n , im Wesentlichen dieselben wie bei Kohlen- 
säure. 

Hat sich die Bewegung in indifferenten Lösungen verlang- 
samt, so beginnen nach wenig Secunden an allen Stellen des Präpara- 
tes die Bewegungen sich in hohem Maasse zu beschleunigen und zu ver- 
stärken. Vorher stillgewesene Wimpern schlagen nach einer Viertel- 
minute mit einer Frequenz von mehr als acht Schwingungen in der 
Secunde, und an vielen Stellen erfolgen die Bewegungen so rasch, dass 
selbst der Eindruck des Flimmerns nicht mehr zu Stande kommt. Die 
Bewegungen haben beim Wiedererwachen oft Wellenform ; auch vor- 
her hakenförmige , kleine Bewegungen gehen beim Beginn der Salz- 
säurewirkung nicht selten rasch in grosse wellenförmige über. — 

Wenn nur eine äusserst geringe Menge Säure der Luft beigemischt 
bleibt, kann sich die Bewegung sehr lange erhalten, auch wenn sie vor 
dem Zutritt der Säure schon stillgestanden hatte. Bei Ueberschuss der 
Säure tritt meist sehr schnell Stillstand ein. Beim Uebergang in den 
Stillstand verlangsamt sich nicht nur das Tempo, sondern es werden 



1 Leitet man die Säuredämpfe vor dem Eintritt in die Gaskammer din-ch 
Kautschukschläuche, so hat man auf einen Umstand zu achten, der zu groben Tau - 
schungen Veranlassung geben kann. Es fiel mir im Anfang meiner Versuche wie- 
derholt auf, dass ich beim Durchsaugen von starken Essigsäuredämpfen durch 
Schläuche von nicht valkanisirtem Kautschuk, keinen Säuregeschmack im Munde 
bekam. Die Schläuche waren nicht länger als 0,5 Meter und ihr Lumen 3 Mm. 
weit. Selbst als ich das eine Ende des Schlauchs in eine mit concentrirter Essig- 
säure halbgefüllte Flasche hängen Hess und am andern Ende mit dem Munde kräf- 
tig sog, schmeckte ich anfangs nichts von Säure. Erst nach längerem, oft minuten- 
lang fortgesetztem Saugen machte 'sich Säuregeschmack bemerkbar. Bei näherer 
Untersuchung zeigte sich, dass die Essigsäuredämpfe von den Kautschukschläu- 
chen verschluckt waren. In der That hauchten diese Kautschukschläuche nun be- 
ständig .Säuredämpfe aus und zwar in so hohem Maasse , dass noch Wochen nach- 
her alle atmosphärische Luft , die durch die Schläuche gesaugt wurde , stark sauer 
herauskam. Und diess war selbst dann noch der Fall, als dieSchläuche einige Tage 
lang in ammoniakhaltigem Wasser gelegen hatten. Man thut darum besser, solche 
Schläuche überhaupt nicht zu gebrauchen. Bei Schläuchen von vulkanisirtem 
Kautschuk ist mir der genannte Uebelstand nicht aufgefallen. Doch prüfe ich der 
Siciierheil lialberdie Reinheit allerSchläuche, indem ich längere Zeit Luft hindurch- 
leite und diese einmal in eben blauer, einmal in sfhwach rother Lakniustinctnr auf- 
fange. Letzteres ist nöthig, weil auch Ammoniakgas von manchen Schläuchen in 
grossen Quantitäten verschluckt und dann ausgehaucht wird. 



362 Th. W. Eiigelmanii, 

auch die Excursionen in der Regel viel kleiner und die hakenförmigen 
Bewegungen werden vorwiegend. Zugleich werden die Zellen gelblich, 
feinkörnig getrübt, die Kerne erscheinen mit dunklen unregelmässigen 
Contouren, auch die Wimpern scheinen dunkler contourirt und gelb- 
lich und stehen endlich schräg und gestreckt still, ebenso wie das frü- 
her schon beschrieben wurde. — Die Beschleunigung der Bewegung 
tritt ein, noch bevor die Kerne der im Präparate befindlichen rothen 
Blutkörperchen durch die Säure sichtbar gemacht werden. Ebenso 
tritt sie früher ein, als sich ein im Tropfen befindliches Stück blaues 
Lakmuspapier röthet. Auch der Stillstand pflegt schon da zu sein, wenn 
die rothe Färbung eintritt. 

Um nichtflüchtige Säuren, wie Ghromsäure, Oxalsäure u. a. schon 
im ersten Stadium zu beobachten, zog ich es vor, die säurehaltige Flüs- 
sigkeit nicht von der Seite her unter dem Deckglase durchOiessen zu 
lassen, wie man das sonst wol mit Hilfe von Fliesspapier z. B. thut. 
Hierbei ist es aus vielerlei Gründen unmöglich, den Moment zu bestim- 
men, in welchem die beobachteten Zellen mit der Säure in Berührung 
kommen, namentlich ist die Schleimhaut oft mit einer, nicht selten 
ziemlich weit von der Oberfläche der Zellen abstehenden Schleimschicht 
überzogen, an welcher sich der Säurestrom bricht, und im Vordringen 
zu den Zellen behindert wird. Aus diesen Gründen schlug ich folgen- 
des Verfahren ein. Ein Glasröhrchen wurde in eine etwa 2 Cent, lange, 
sehr feine capillare Spitze ausgezogen , und mittels einer nach allen 
Richtungen frei beweglichen Klemme so fixirt, dass die Mündung die- 
ser Spitze (die eine Weite von etwa 0,06 Mm. besass) in der Mitte des 
Gesichtsfeldes vom Mikroskop dicht vor den zu beobachtenden Flim- 
merzellen im Focus sich befand. In das Glasrohr war nun vorher die 
säurehaltige Flüssigkeit so gefüllt worden, dass sie bis ungefähr 1/4 Mm. 
weit von der capillaren Oeffnung stand. Hierdurch wird erreicht, dass 
beim Eintauchen der Spitze des capillaren Glasrohrs in den Tropfen, 
in welchem sich die Flimmerzellen befinden, eine Luftblase von 1/4 Mm. 
Länge die Mündung des Röhrchens verschliesst und verhindert, dass 
die Säure sich ohne Weiteres mit der Flüssigkeit mische, in der das 
Object liegt. Ist das Glasröhrchen in der richtigen Einstellung fixirt, 
so treibt man durch Blasen in einen über das weitere Ende des Glas- 
rohrs gezogenen Kautschukschlauch erst die in der Mündung steckende 
kleine Luftblase heraus , der sogleich die saure Flüssigkeit folgt. Je 
nachdem man stärker oder schwächer bläst, geht die Flüssigkeit schnei- 
er oder langsamer heraus und kann auch durch Saugen sofort wieder 
in das Capillarrohr zurückgebracht werden, falls sie nicht zu weit aus- 
getreten war. Auf diese Weise kann man den Zutritt der Flüssigkeit 



lieber die Flimmerbewegiing. 363 

ziemlich genau localisiron und legulircn und ;illc Stadien der Ein- 
wirkung bequem heobnchlen. 

Ich brachte nun die Mündung des Capillarrohrs vor eine (jiuppo 
von Zellen, deren Bewegung sich in Kochsalz von 0,5% oder Serum 
theils veiiangsanil hatte, theils schon stillstand. Trieb ich halbprocen- 
tige Kochsalzlösung oder Serum durch das Röhrchen auf die Zellen, so 
beschleunigte sich die Bewegung nicht oder nur wenig. Anders, wenn 
ich mit Chromsäure von 0,1% versetztes Serum in die Röhre gefüllt 
hatte. Im Moment, wo die schwach gelbliche Flüssigkeit aus der Mün- 
dung des Röhrchens austrat, beschleunigte und verstärkte sich die Be- 
wegung bei den vor der Mündung liegenden Zellen erheblich, einzelne 
erwachten aus dem Stillstande. Hiernach trat unter gelblicher Fär- 
bung und Trübung der Zellen Stillstand ein. Saugte ich die kleine 
Menge der ausgetretenen Chromsäure in die Glasröhre zurück, so be- 
gann die Bewegung wieder, doch nicht stark und nicht schnell. Zu- 
gleich nahm die gelbliche Färbung der Zellen etwas ab. — 

Wurde statt der Chromsäure Oxalsäure oder Milchsäure be- 
nutzt, so traten ganz dieselben Aenderungen der Bewegung ein : erst 
Beschleunigung, dann Verlangsamung und Stillstand unter Trübung der 
Zellen und Sichtbarwerden der Kerne. — Nimmt man die Säuren zu 
concentrirt, odßr treibt man sie sehr rasch aus der Mündung heraus, 
so kann das Stadium der Beschleunigung unterdrückt werden und man 
erhält sogleich Stillstand. — 

In der hier angegebenen Weise kann man sich auch von der be- 
schleunigenden Wirkung der Kohlensäure überzeugen. Man beobach- 
tet eine auffällige Beschleunigung und Verstärkung der Bewegungen, 
wenn man eine mit Kohlensäure gefüllte Luftblase aus der Mündung 
des Capillarrohrs an die Zellen treten lässt. 

Der belebende und erst bei fortgesetzter Einwirkung hemmende 
Einfluss der erwähnten Säuren zeigte sich auch ferner unter ganz den- 
selben Verhältnissen wie bei der Kohlensäure: bei dem Stillstande durch 
Wasser, durch zu stark verdünnte und zu stark concentrirte 
Salzlösung, beim Stillstande in reinem Wasserstoff (wenigstens 
in der ersten Zeit desselben) oder in reinem Sauerstoff in indifl'e- 
rentcn Flüssigkeiten, endlich beim Alkalistillstande. — Niemals 
gelang es, durch eine der genannten Säuren einen durch Luft nicht 
mehr zu beseitigenden Aether- oder Ghloroformstillstand zu he- 
ben ; ebensowenig einen Wä rme still sta n d in Serum, der beim 
blossen Abkühlen nicht weichen wollte, oder einen durch elektrische 
Schläge herbeigeführten Stillstand. 

Wie endlich zu erwarten war, ist es selbst bei grösster Vorsicht 



364 Th. W. Eiiuelmaim, 

nicht möglich, einen durch eine Säure herbeigeführten Stillstand durch 
Zufuhr einer anderen Säure aufzuheben. Hat man aber z. B. einen 
Kohlensäurestillsland durch atmosphärische Luft aufgehoben und be- 
ginnen nach einiger Zeit die Bewegungen sich in atmosphärischer Luft 
zu verlangsamen, so ruft dann Zufuhr von Salzsäure oder Essigsäure 
ebensogut Beschleunigung und Verstärkung hervor, wie Kohlensäure. 

Gedenken wir noch mit einigen Worten der Mittel, welche die 
dvnch Säuren vorsichtig zur Ruhe gebrachte Flimmerung wieder erste- 
hen lassen. Wir berücksichtigen hier nur solche Fälle , in denen die 
Zellen zu Beginn der Säureeinwirkung in indifferenten Flüssigkeiten 
lagen. Hat man den Stillstand durch Salz- oder Essigsäuredämpfe äus- 
serst vorsichtig herbeigeführt und lässt man sofort nach seinem Eintritt 
reine atmosphärische Luft in starkem Strome durch die Gaskam- 
mer gehen, so erwachen mitunter nach einiger Zeit (nach einer halben 
bis mehreren Minuten) die Bewegungen wieder. Doch ist es viel häu- 
figer, dass der Stillstand fortbestehen bleibt. Auch bleiben die Bewe- 
gungen im ersten Falle klein , nicht frequent und erlöschen in der Re- 
gel bald wieder. Auch durch wiederholtes Auswaschen mit reinem Was- 
ser, noch besser mit Kochsalz von 0,5% kann man, freilich oft erst 
nach Minuten, die Bewegungen wieder in's Leben rufen. Aber auch in 
diesen Fällen bleiben die wieder erwachten Bewegungen klein, haken- 
förmig, wenig frequent. Vielleicht beruht diess Wiedererwachen nur 
darauf, dass die Säure nicht weiter als bis in die oberflächlichsten Par- 
tien der Zellen eingedrungen war und hier dann nach dem Auswaschen 
der Säure dadurch neutralisirt wurde, dass schwach alkalische Flüs- 
sigkeit aus den von der Säure nicht erreichten tieferen Partien der 
Schleimhaut langsam nach der Oberfläche zu diffundirte. — 

Das Hauplmittel gegen den Säurestillstand sind die Alkalien, von 
deren Einfluss sogleich weiter die Rede sein wird. — Liess ich Flim- 
merzellen durch Salz- oder Essigsäuredämpfe sehr vorsichtig bei ge- 
wöhnlicher Zimmertemperatur zur Ruhe kommen, und brachte ich dann 
die feuchte Kammer auf den stark geheizten Objecttisch von Schultze, 
dann erwachten die Bewegungen niemals wieder, wohl aber (falls die 
Erwärmung nicht zu weit getrieben war) , sobald etwas Ammoniak 
durch die Kammer geführt wurde. 

Taucht man frische Flimmerzellen in verdünnte oder concentrir- 
tere Lösungen von reinen Mineralsäuren (Schwefelsäure, Salzsäure. 
Salpetersäure von 0,5% und mehr), so steht die Flimmerbewegung 
augenblicklich und für immer still. Die Zellen werden dabei undurch- 
sichtig und bräunlich. 



üeber die Fliminerbewegung. 365 

IV. E i n f 1 u s s von Alkalien a u 1" d i e F 1 i ni ni o i' b e vv e g u n g. 

Die günstige Wirkung alkalischer Flüssigkeiten ist, nachdem wie 
oben schon erwähnt, Virchow den erregenden Einlluss von Kali und 
Natron entdeckt hatte, von vielen Seiten bestätigt worden. Doch sind 
die Bedingungen , unter denen die Alkalien ihren belebenden Einfluss 
äussern , nicht näher untersucht. Nur für den Säurestillstand haben 
Cl, Bernard und \V. Kühne gezeigt, dass er durch Alkalien aufgehoben 
werden kann, und letzterer Autor meint, dass wol auch in den andern 
Fällen die günstige Wirkung des Alkali auf Neutralisation einer Säure 
in den Flimmerzellen beruhen möge. — Ich untersuchte wie die Alka- 
lien auf Flinuuerzellen wirken , deren Thätigkeit unter verschiedenen, 
bestimmten Bedingungen nachgelassen hat, und dann, welche Mittel 
einen unter verschiedenen Umständen eingetretenen Alkalistillstand 
aufzuheben im Stande seien. 

Sind Flimmerzellen, die in Kochsalz von 0,5 — 0,6^0 oder in 
Serum liegen, bei Anwesenheit von atmosphärischer Luft oder in einer 
Atmosphäre von reinem Sauerstofl* zur Ruhe gekommen, so erweckt 
Zusatz von Kali- oder Natronlauge die Bewegungen wieder und 
wenn diese Flüssigkeiten in äusserst hoher Verdünnung benutzt wer- 
den, kann sich die Bewegung dann lange erhalten. Beim Erwachen 
sind die Bewegungen fast ausschliesslich wellenförmig und von sehr 
grosser Amplitude, ihr Tempo, anfangs meist langsam, kann sich bald 
zu derselben Höhe erheben , wie wir das für die Kohlensäure und an- 
dere Säuren fanden. Je weniger Veränderungen man beim Wieder- 
erwachen der Bewegung im Aussehen der Zellen bemerkt, um so län- 
ger dauert dann die Bewegung. Wird aber das Kali oder Natron nicht 
in äusserst geringer Menge der indifferenten Flüssigkeit, in der das 
Präparat liegt, zugesetzt, so bemerkt man theils beim Wiederbeginn 
der Bewegung, theils bald nachher, unter gleichzeitiger Verlangsamung 
der Bewegungen eine erhebliche Quellung. Die Zellen schwellen auf, 
werden ganz durchscheinend ; ebenso werden die Flimmerhaare deut- 
lich dicker und blasser, endlich können die Zellen platzen und Alles 
wird aufgelöst. — Ganz ebenso wirkt nun das kaustische Ammoniak 
auf die in Sauerstoff oder atmosphärischer Luft zur Ruhe gekommene 
Bewegung. Saugt man einen Luftstrom, dem Ammoniakdämpfe beige- 
mischt sind, durch die Gaskammer, so gerathen alle Zellen im Präparat 
in die heftigste Bewegung '). Der Tropfen nimmt zugleich eine deutlich 



ij Zuin Uebertluss kann man sich auch hier vor dem Anstellen des Versuchs 
überzeugen, dass das Duichsaugen eines Stromes reiner atmosphärischer Luft die 
Bewegungen nicht wieder anfacht. 



366 Th. VV. Kiitfflniaiiii. 

alkalische Reaction an. Die Form und das übrige Verhalten der Bewe- 
gung beim Wiedorerwachen durch Ammoniak, sind ganz eltenso wie 
beim Erwachen durch die fixen Alkalien. Bei längerem Durchführen 
des Aramoniakgases tritt dann Stillstand ein, zuweilen noch bevor die 
Zellenkörper erheblich gequollen sind. Endlich können, wie in Kali 
und Natron die Zellen zerfliesseii^ die Wimpern sich auflösen. 

Wie wir früher gesehen haben . beiuhte der Stillstand in indiffe- 
renten Lösungen wie Serum , Humor aqueus u. s. w. darauf, dass die 
Lösungen nicht indifferent, sondern in den allermeisten Fällen etwas 
zu coucenlrirt waren. Es Hess sich desshalb erwarten , dass auch der 
durch stark concentrirle Salzlösungen herbeigeführte Still- 
stand durch Alkalien aufzuheben sein %%-ürde. Dass diess in der That 
möglich ist, haben wir schon bei Besprechung des Einflusses der Salz- 
lösungen angegeben. Wir fügen hier noch bei, dass durch eine sehr 
geringe Zumischung von Kali. Natron oder Ammoniak ziemlich con- 
centrirte und für sich schädliche Lösungen nahezu indiöerent gemacht 
werden können. So ist z. B, eine Traubenzuckerlösung von 3%, der 
eine Spur äusserst veixlünnter Kalilauge zugesetzt wurde, viel günsti- 
ger als reine Traubenzuckerlösung von derselben Concentration. 

Es wurde gleichfalls oben schon mitgetheilt, dass die Alkalien ihre 
belebende Wirkung vollständig versagen, wenn die Flimmerung durch 
Einfluss von reinem Wasser verlangsamt oder zur Ruhe gekommen 
ist. Die durch Wasser verlangsamten Bewegungen werden z. B. durch 
etwas Ammoniak sofort unter plötzlicher Zunahme der Quellung zum 
Stillstand gebracht, der bereits eingetretene Wasserstillstand niemals 
durch Alkalien aufgehoben. Dasselbe gilt natürlich, wenn statt reinen 
Wassers äusserst verdünnte neutrale Salzlösungen . wie Kochsalz von 
0,'i" (j und darunter zur Lähmung der Wimperthätigkeit benutzt wei- 
den waren. Zu den Fällen, wo Aet her, Alkohol, Seh wefelkoh- 
len Stoff oder Chloroformdämpfe den Stillstand veranlasst hatten 
und wo dann ein Luftstrom allein die Bewegungen nicht wieder an- 
fachen konnte, helfen Alkalien auch nichts mehr. — Wo dagegen durch 
überschüssige Säurezufuhr dem Spiel der Wimpern ein Ende ge- 
macht war, können Alkalien eine fast specifische belebende Wirkung 
entfalten. Am schönsten sieht man diess bei Zellen, die in einer un- 
schädlichen Flüssigkeit in der Gaskammer liegen und durch schwache 
Essigsäure- oder Salzsäuredämpfe scheintodt gemacht sind, 
wenn ein wenig Ammoniakeas , mit Luft gemischt über das Präparat 
geleitet, oder — was unbequemer — wenn letzteres mit alkalischer 
Flüssigkeit ausgewaschen wird. Die Veränderungen , welche die Säu- 
ren im Aussehen der Zellen hervorgerufen hatten , verschwinden unter 



L'eber d»e Fttmraorbewegmi«;. 367 

dem Einfluss der Alkalien , und es kommt meist ein Zeilpunct, wo die 
Zellen ihr normales Ansehen wieder haben. Sehr leicht überschreitet 
jedoch die Säurewirkung die Grenze, wo eine Wiederbelebung durch 
Alkalien noch möglich ist. Bei längerem Durchleiten von Ammoniak 
oder Auswaschen mit Kali- oder Natronhaitigen Lösungen werden in 
diesem Fall die Zellen schliesslich aufgelöst , ohne dass ein Zeitpunct 
kommt, wo die Bewegung wieder erwacht. 

Ebenso wie die in atmosphärischer Luft oder in Sauerstoff zum 
Stillstand gekommene Bewegung, kann in vielen Fällen auch der Was- 
serstoffstillstand ohne vorherigen Sauerstoffzutritt durch Alkalien 
-aufgehoben werden. Ich brachte neben den Tropfen halbprocentiger 
Kochsalzlösung oder Serum, welcher die Flimmerzellen enthielt, einen 
Tropfen Serum dem eine Spur Kali- oder Xatronlösung zugesetzt war, 
so dicht, dass die Ränder beider Tropfen sich beinah berührten. Nun 
wurde Wasserstoff durch die Gaskammer geleitet bis die Bewegung 
überall oder doch an den meisten Orten stillstand. Hierauf neigte ich 
das Mikroskop mit der Gaskammer etwas , so dass der Kalitropfen mit 
dem andern zusammenfloss. Sofort zeigte sich an allen den Stellen, wo 
die Kalilauge hindrang Wiederbeginn der Bew egung , und wenn nur 
die Lauge genügend schwach gewesen war, dauerte es dann lange, ehe 
der Wasserstoffstillstand wieder eintrat. Lässt man unter gleichen Um- 
ständen einen Tropfen Serum oder Kochsalzlösung ohne Alkali zu dem 
Präparate fliessen , so tritt in der Regel keine Spur von Beschleuni- 
gung ein. 

Auch durch Beimischen von Ammoniak zum Wasserstoff kann man 
den bereits eingetretenen Wasserstoffstillstand schnell aufheben und 
wenn die beigemischte Menge Ammoniak klein genug ist . kann der 
Eintritt des Wasserstoffstillstands bedeutend verzögert werden, gerade 
wie diess eine Beimischung von etwas Kohlensäure zum Wasserstoff 
thut. — 

Beim Erwachen aus dem Wasserstoffstillstand durch Alkalien ha- 
ben die Bewegungen meitt Wellenform und sind gross. Das Tempo 
kann binnen fünf Secunden schon beträchtlich schnell geworden sein. 
— Hat der Wasserstoffstillstand schon sehr lange angehalten , bevor 
das Alkali zugesetzt wird, so erwacht die Bewegung in der Regel nicht 
wieder, wenn nicht auch Sauerstoff zugeführt wird. In letzterem Falle 
kann dann die Bewegung , wenn auch nicht die normale , doch eine 
bedeutende Höhe erreichen. 

Von grossem Interesse ist der Einfluss der Alkalien auf Flimmer- 
zellen die durch kurzdauernde Er^^;irmuns auf etwa 45" in Läh- 



368 ^h. W, Engelmauii, 

mung versetzt sind. Hierauf kommen wir weiter unten nusfillirlicher 
zurück. 



Es fragt sich nun, welche Mittel den Alkali stillstand aufheben. 
Wir denken hier zunächst an den Stillstand, der durch überschüssige 
Alkalizufuhr zu möglichst indifferenten Flüssigkeiten herbeigeführt 
wurde. Man braucht nicht lange Zeit Anmioniakdämpfe über ein in 
Serum oder noch besser Kochsalz von etwa 0,ö'% liegendes frisches 
Präparat zu leiten, um die Bewegung überall aufhören zu sehen. Sie 
steht oft schon still, ehe die Zellen bedeutend gequollen sind und die 
Lage der Wimpern ist dieselbe schräg nach vorn geneigte, wie bei den 
andern Formen des Stillstands. In solchen Fällen giebt es nun verschie- 
dene Mittel der Wiederbelebung. Eins der schwächsten ist Wasser 
oder äusserstverdünnte neutrale Salzlösungen. Hier tritt näm- 
lich sehr bald nach der Wiederbelebung Wasserstillstand ein. Besser 
wirken indifferente Salzlösungen oder überhaupt unschädUche 
Flüssigkeiten, auch wenn sie, wie Serum, schwach alkalisch sind. 
Lässt man den Alkalistillstand nicht zu lange dauern und sind die Zellen 
nicht durch zu starke Einwirkung des Alkali getödtel, dann kann 
nach dem Auswaschen die Flimmerung ihre anfängliche Schnelle wie- 
der erlangen. Dass die Wiedererweckung auch durch Einlegen eines 
Kochsalzkrystalles in die Nähe der stillstehenden Wimpern ge- 
lingt, haben wir oben erwähhnt. — Aether und Alkohol können, 
wenn nur der Ammoniakstillstand sehr vorsichtig eingeleitet war, 
schwache Bewegungen wieder hervorrufen. Hiervon später. Die Säu- 
ren aber sind es, welche am schnellsten und sichersten den Alkali- 
stillstand beseitigen, und zwar thun sie diess nicht nur, wenn die Zellen 
sich anfangs in indifferenten Lösungen befanden, sondern auch wenn 
die Bewegungen durch sehr kurze Einwirkung von reinem Wasser eben 
verlangsamt und dann durch wenig Ammoniakgas völlig still gemacht 
worden waren. Auch wenn die Zellen in etwas stärker concentrirten 
Salzlösungen lagen, und durch überschüssiges Alkali gelähmt wurden, 
können Säuren noch wiederbeleben. 

Man stellt diese Versuche am bequemsten in der früher beschriebe- 
nen Weise mit Dämpfen von Essigsäure oder Salzsäure an oder führt Koh- 
lensäure durch die Gaskammer. Immer aber muss darauf geachtet wer- 
den, dass die Alkalieinwirkung nicht zu weit getrieben wird. Auch ohne 
dass die Zellen aufgelöst werden, können sie solche Veränderungen da- 
durch erleiden, dass Säuren dann nicht wieder erwecken. Experirnen- 
tirt man vorsichtig, so kann man dieselben Zellen wol fünf und mehrmal 



IVhnr ilio FlimrtiPrbowPfftiiiß. 360 

ihwcchselnd durch Alkalien 'ani hrston Ammoniak) und durch Sauren zur 
Uuhc hriniicn und wieder erwecken und zwar scheint es gleichgültig 
zu sein, oh man inuner dieselbe Siiure wieder wählt oder ol) jedesmal 
eine andere Säure zur Beseitigung des Alkalistillstandes verwendet wird. 

V. Einfluss von Wassersto ff un d Sa uerstoff a u f d ie 
F li m m e r h e w e g u n g. 

Die in der Eiideitung citirten Versuche von Kühnk an Anodonta 
sind die einzigen , welche wir über den Einfluss von Wasserstofl" und 
Sauerstort" auf die Flimmerbewegung besitzen. Kühne zog aus ihnen 
den Schluss, dass der bei längerem Verweilen in reinem Wasserstoff 
eintretende Stillstand nicht auf einer giftigen Wirkung des Wasserstoffs, 
sondern auf dem Verdrängen des Sauerstoffs beruhe. Beimischung von 
nur wenig Sauerstoff reichte aus, den Stillstand aufzuheben. Versuche 
bei denen die Zellen in Hämoglobinlösung lagen , zeigten , dass die Be- 
wegung von dem Moment an stillstand wo alles Oxyhämoglobin durch 
den Wasserstoffstrom reducirt war. Versuche , welche ich über den 
Einfluss von Wasserstoff auf die Flimmerbewegung bei Wirbelthieren 
anstellte, haben in einigen Puncten andere Resultate ergeben. 

Der zu den Versuchen benutzte Wasserstoff wurde durch Einwir- 
kung von verdünnter Schwefelsäure auf Zinkblechstücke dargestellt, 
vor seinem Eintritt in die Gaskammer in salpetersaurer Silberoxyd- 
lösung, in Kalilauge und W^asser gewaschen und nach seinem Austritt 
aus der Kammer von Zeit zu Zeit auf seine Reinheit geprüft. Vom luft- 
dichten Verschluss der Gasleitungsröhren und der Gaskammer über- 
zeugte ich mich jedesmal durch Zudrücken des Ausführungsschlauchs 
der Kammer : die Flüssigkeit der Entwicklungsflasche stieg sofort em- 
por und in den Waschflaschen stiegen keine Gasblasen mehr auf. 

Meist wurden die Flimmerzellen in der früher angeführten Weise 
der Rachenschleimhaut eines eben getödteten Frosches entnommen, 
und in einem Tropfen Blut, Serum , oder Kochsalz von 0,5% der Ein- 
wirkung des Wasserstoffs ausgesetzt. Zur Beobachtung wurden meist 
solche Zellen im l'räparate ausgesucht, welche eine zw^ar verlangsamte 
aber doch noch lebhafte Bewegung zeigten. Die ausgesuchten Zellen 
wurden stets erst fünf Minuten bis eine Viertelstunde lang beobachtet, 
während die Gaskammer mit atmosphärischer Luft gefüllt war. Hatte 
sich dann ihre Bewegung nicht merklich verändert, so wurde mit der 
Einleitung des Wasserstoffgases begonnen. 

Wie sich herausstellte , war der Erfolg der Behandlung mit Was- 
serstoff im Wesentlichen derselbe , ob nun die Flimmerzellen in Blut 
oder Blutserum , in Humor aqueus oder in Kochsalzlösung von 0,")% 

R<1 IV 3. 24 



370 Hl. VV. Engelmaiin, 

lagen. In allen Fällen tritt eine A2)nahme der Bewegung, nach längerer 
Einwirkung des Gases Stillsland ein. In der Regel ändert sich die Be- 
wegung innerhalb der ersten Minuten nicht. Der Moment des Wasser- 
stoffzutritts verräth sich weder durch eine Beschleunigung noch durch 
eine Verlangsamung der Bewegung. Nach drei bis fünf Minuten , oft 
auch erst nach einer Viertelstunde oder später , im Allgemeinen um so 
früher, je schneller der Wasserstoffstrom die atmosphärische Luft aus 
der Gaskammer verdrängt, beginnt die Bewegung nachzulassen. Dieser 
Nachlass erfolgt nie plötzlich , sondern allmählich und geht ebenso 
allmählich in den Stillstand über. Oft vergeht eine halbe bis ganze 
Stunde und mehr Zeit , ehe der grösste Theil der Zellen zur Ruhe ge- 
bracht ist. — Die Abnahme der Bewegung erfolgt nicht bei allen Zelten 
in derselben Weise. Bei der Mehrzahl verlangsamt sich das Tempo, 
während zugleich die Amplitude der Schwingungen abnimmt. Die mei- 
sten zeigen die hakenförmige Bewegung mit immer kleiner werdenden 
Excursionen. In der Regel bewegen sich hier die Haare einer und der- 
selben Zelle bis zu Ende synchronisch und in parallelen Richtungen. 
Eine kleine Anzahl von Flimmerhaaren nimmt eine mehr pendeiförmige 
Bewegung an , bei der sich , wie oben auseinandergesetzt wurde, das 
Basalstück der Wimper nicht betheiligt. Die Schwingungen beschrän- 
ken sich auf ein immer kleiner werdendes Stück der Haarspitze, wobei 
die Excursionsweite abnimmt, das Tempo aber nicht selten schneller 
wird. Die Schwingungen benachbarter Haare erfolgen hier nicht mehr 
in parallelen, sondern in mannichfach sich durchkreuzenden Richtun- 
gen, und geschehen auf einer und derselben Zelle nicht mehr synchro- 
nisch. Endlich sieht man nur noch die äussersten Spitzen der Haare 
sehr kleine , zitternde Bewegungen ausführen. Diese werden bald un- 
messbar klein, endlich nicht mehr wahrnehmbar. — Eine sehr geringe 
Anzahl von Flimmerhaaren behält bis zu Ende die wellenförmige Be- 
wegung. Hier schwingen alle Haare derselben Zelle bis zuletzt synchro- 
nisch und in parallelen Richtungen. Das Tempo verlangsamt sich aber 
allmählich , so dass kurz vor dem Aufhören vielleicht nur von fünf zu 
fünf Secunden eine Schwingung ausgeführt wird. Dann treten noch 
grössere Pausen ein , von einer Viertelminute und darüber, es erfolgt 
noch ein einzelner Schlag, endlich nichts mehr. 

Wo schon vor dem Einleiten des Gases Verlangsamung der Bewe- 
gung bemerkbar war, beschleunigt der Wasserstoff den Eintritt des 
Stillstandes. Mitunter hört bei einzelnen Zellon die Bewegung selbst 
dann nicht völlig auf, wenn der Wasserstoffstrom eine Stunde und 
länger in unverminderter Stärke die Kammer passirt hat und wenn an 
den benachbarten wie den entfernteren Stellen des Präparates die Be- 



Ucbor die Plimmcrbewegiirig. 371 

wegung schon lange stillsteht. Diess sind meist , doch durcliaus nicht 
itnnier, solche Zellen, welche zu Anfang des Versuches eine sehr starke 
und schnelle Bewegung zeigten. Man Irill't sie namentlich hei Anwen- 
dung von Blut oder Blutserum als Untersuchungsflüssigkeit, doch im- 
merhin selten. Stets ist ihre Bewegung wenigstens sehr helriichtlich 
verlangsamt, und kounnt nach mehrstündigem Verweilen in der Atmo- 
sphäre von reinem Wasserstoff endlich auch zur Ruhe. 

Liegen die Zellen nicht in den obengenannten »indifferenten Flüs- 
sigkeiten,« sondern in etwas concentrirterer Kochsalzlösung 
(z. B. 1%)» so tritt der Wasserstoffstillstand noch viel eher ein und zwar 
viel früher, als er bei Anwesenheit von Sauerstoff in der letzteren Lö- 
sung zu Stande gekommen sein würde. 

Verschiedene Versuche, bei denen die Zellen in Oxyhämoglobin- 
lösung oder reinem Blut lagen, ergaben das constante Resultat, dass 
die Bewegung noch lange (eine Stunde und mehr) fortbestehen blieb, 
nachdem alles Sauerstoniiämoglobin durch den Wasserstoffstrom redu- 
cirt schien. Es wurde bei diesen Versuchen regelmässig erst längere Zeit 
(eine Viertelstunde und länger) Wasserstoff durch die vor der Gaskam- 
mer gelegenen Theile des Apparates geführt, ehe die Gaskammer selbst 
in den Wasserstoffstrom eingeschaltet ward. Der Druck im Innern der 
Gaskammer war inuner ansehnlich höher als der der Atmosphäre. Unter 
diesen Umständen, wo von Anfang an reiner Wasserstoff 4n die Kam- 
mer eintritt, brauchte man in der Regel nicht mehr als 10 — 15 Minuten 
lang Wasserstoff durchzuführen um alles Sauerstoffhämoglobin zu re- 
duciren , das sich in dem , w ie gew öhnlich unbedeckt , an der Unter- 
fläche des Deckglases schwebenden Tropfen befand. Schon für das 
blosse Auge war zu dieser Zeit deutlich die bekannte Farbenverände- 
rung eingetreten und mittelst des Mikroskops konnte man sich an den 
einzelnen Blutkörperchen von derselben überzeugen. Die Untersuchung 
mit dem Spectralapparat zeigte, dass die beiden anfangs sehr deutlich 
wahrnelunbaren AI>sorptionsbänder des Sauerstoffhämoglobins ver- 
schwunden waren. Dennoch hatte zu dieser Zeit die Stärke und Schnel- 
ligkeit der Bewegung nur wenig oder gar nicht abgenommen. Als etwas 
atmosphärische Luft in den Apparat gelassen w'urde, erschienen die 
Absorptionsbänder des Sauerstoffliämoglobins sehr schnell wieder. 

Zur Wiederbelebung aus dem Wasserstoffstillstand reicht Zufuhr von 
Sauerstoff in vielen Fällen aus. Hat man durch einen Strom reinen * 
Wasserstoffgases die Flimmerbewegung, in Serum z. B. , verlangsanü 
und mischt nun den) Wasserstoff plötzlich Sauerstoff bei, so beginnt 
bald an allen Stellen die Bewegung sich zu beschleunigen und die Ani- 

44 * 



372 Tb. W. Kiig:elnianii. 

plitude der Schwingungen sich zu vcrgrössorn. I.sl (ii(^ znm'fuhilc 
Sauorslollincugo sehr gering, so dauert es olt eine halhc iVliiiule und 
länger, eiio die Beschleunigung sich benierkhar inachl. Auch tritt sie 
dann nicht niil einem Schlage, sondern allniählicli ein. Eine Minute 
und mehr Zeit kann verstreichen, ehe die Winipeni Nsieder so schnell 
schlagen, wie vor dem Einleiten des Wasserstofis. — Ist die zugeführte 
Sauerstoffmcnge gross, so kann schon nach zehn Secunden eine ziem- 
lich plötzliche Beschleunigung und Verstärkung der Bewegungen be- 
ginnen. Wenige Secunden später kann die Bewegung ihr Maximum 
erreicht haben, und hält sich nun, wenn fortdauernd genügende Sauer- 
stoffmengen zugeführt werden, lange Zeil auf dieser Höhe. — Im Beginne 
der Sauersloffeinwirkung beobachtet man gleichzeitig eine Vergrösse- 
rung der Excursionsweite und eine Steigerung dor Frequenz. Wim- 
pern, die bei der Verlangsamung in Wasserstoff eine hakenförmige 
Bewegung zeigten, nehmen dann zuweilen wieder die normale wellen- 
förmige Bewegung an. Im Aussehen der Zellen ändert sich nichts. 

Ist die Flimmerbewegung durch einen WasserstofFstrom in Serum 
oder Kochsalz von 0,5% völHg zur Buhe gebracht, so hängt die Schnel- 
ligkeit der Wiederbelebung durch Sauerstoff von mehreren Umständen 
ab. Einmal nämlich von der Zeit, welche der Wasserstoffstillstand be- 
reits gedauert hat und dann von der Menge des zugeführten Sauer- 
stoffs. Stehen die Wimpern erst kurze Zeit (einige Minuten bis eine 
halbe Stunde) im Wasserstoffstrom still, so genügt eine sehr kleine 
Menge Sauerstoff, um sie wieder in Bewegung zu biingen. Sie er- 
wachen um so später und um so langsamer, je länger sie schon im 
Wasserstoff stillgestanden haben und je geringer die Saucrstoffmeng<^ 
ist. Führt man den Sauerstoff erst zu, nachdem der Wasserstoffstill- 
stand mehrere Stunden lang gedauert hat, so muss man oft einige Mi- 
nuten warten, ehe die Bewegung wieder beginnt. Ja, wenn nur sehr 
wenig Sauerstoff zugeleitet wird, kann es vorkommen, dass die Bewe- 
gung innei'halb der ersten Viertelstunde und vielleicht überhaupt nicht 
mehr erwacht. — Verdrängt man plötzlich den Wasserstoff durch rei- 
nen Sauerstoff, so kann man wenigstens, wenn die Zellen in Blut oder 
Blutserum liegen , sicher sein , selbst nach langer Dauer des Wasser-- 
stoffstillstandes , die meisten Zellen wieder in Bewegung zu bringen. 
Doch muss man auch hier mitunter Minuten lang warten. Nicht alle 
Wimpern fangen dann zu gleicher Zeit an . sich wieder zu bewegen. 
Einzelne beginnen mit einer sehr langsamen , grossen Schwingung, 
andere mit sein- kleinen, hakenförmigen Bewegungen, die allmählich 
grösser und frequenter werden. Selten erreichen die Bewegungen, 
wenn sie längere Zeit in Wasserstoff' stiHgeslanden haben, eine bedeu- 



Uehor iln' riiiiiiiioificwpiiiiiiß. 373 

tciidc (i(Sili\Ni!i(lii;k.c'il. ßoi niclil wenigen Zellen sieht selion ein piuw 
Minuten nach dem Zutritt des Sauersiofl's die Bewegung wieder still. 
Hegelmiissig erwaeht bei einzelnen Zellen die Bewegung selbst in rei- 
nem Sauerslofl nicht wieder. Ebenso wie der Sauerstofl wirkt auch 
kohlensäurelVeie atmosphärische Luft auf den WasserstolTslillstand. 
Noch häufiger misslingt die Wiederbelebung der Bewegung durch 
SauersLoir. wenn die Zellen in elsNas /u concentrirlen Kochsalzlösungen 
P'„ etwa) gelegen und schon längere Zeit im Wassersloflstrom still- 
gestanden haben. Da man hier ausser dem hemmenden Einfluss des 
Wasserstofls noch die schädliche Wirkung einer 7ai stark concentrirten 
Flüssigkeit hat, nimmt es nicht Wunder, dass Sauerstoffzufuhr allein 
zur Wiinlerbelebung nicht immer ausreicht. Und dasselbe gilt auch 
von den angeblich indifferenten Lösungen, wie Serum, Humor aqueus 
u. s. f., da diese, wie wir oben zeigten, fast immer etwas zu concen- 
trirt sind. Auch wenn in diesen Flüssigkeiten die Flimmerzellen in rei- 
nem Wassersloflstrom zur Ruhe kamen , ist dieser Stillstand nicht dem 
WasserstotT allein zuzuschreiben. Diess geht daraus hervor, dass in den 
Fällen , wo Verdrängen des Wasserstoffs durch Sauerstoff allein nicfit 
ausreicht, die Bewegung wieder zu erwecken, diess doch sofort ge- 
schieht, wenn man einen Tropfen Wasser, den Dampf von einer Säure, 
von Ammoniak , von Aether, Wärme, kurz irgend eins der Mittel dem 
Präparat zuführt, welche den in indifferenten oder zu concentrirten 
Lösungen »von selbst« eintretenden Stillstand aufheben. Ja, wenn der 
Wasserstofl'stillstand nicht schon Stunden lang angehalten hatte , rei- 
chen in der Regel sogar, wie früher schon erwähnt, die letztgenannten 
Mittel allein zur Wiederbelebung aus, ohne dass es der Zufuhr von 
Sauerstoff bedürfte. Hierauf beruht es denn auch, dass der Wasserstoff- 
stillsland später eintritt in alkalischem Serum als in den günstigsten Koch- 
salzlösungen, später in di'eiprocenliger Zuckerlösung der eine Spur Alkali 
zugesetzt wurde als in reiner Zuckerlösung von 3%, später wenn dem 
Wassersloffstrom beständig eine Spur Kohlensäure beigemischt, wird, 
U.S. f. Das Nähere; hierül)er wurde schon in früheren Abschnitten mit- 
getheilt . Die F I i m tn e r b e w e g u n g kann sich also in einer 
sa uerstof ff reien Atmosphäre noch einige Zeit (bis mehrere 
Stunden) erhalten, wenn nur die Flüssigkeit in der die Zel- 
len liegen eine passende Cancentra tion , Reaction und 
Temperatur besitzt. 

Ganz ähnlich wie in Wasserstoff verhalten sich die Zellen in einer 
Almosphäre von koh I ensä urefreiem Leuchtgas. Allmählich — 
meist im Verlauf einei- oder mehrerer vStunden — tritt Stillstand ein, 
den Sauersloffzufuhi- aufhebt. 



/;» 



374 Th. W. Engelmaiin, 

Lässt man den Wasserstottstillstand bei Zellen die in Serum oder 
Kochsalz von 0,5% liegen, sehr lange, etwa mehrere Stunden dauern, 
so gelingt die Wiederbelebung durch Wasser, Säuren, Alkalien, 
Wärme u. s. f. nicht, wenn Sauerstoff abgeschlossen bleibt. Unter- 
bricht man dann aber den Wasserstoffstrom und lässt Luft in die Gas- 
kammer eintreten, so erwacht die Thäligkeit der Zellen wieder. 

Mischt man dem Wasserstoffslrom vor seinem Eintritt in die Gas- 
kammer beständig eine Spur Sauerstoff bei, so erhält sich die Bewe- 
gung viel länger als in reinem Wasserstoff. Die Menge des beigemisch- 
ten Sauerstoffs ist auf die Dauer der Bewegung von merklichem Ein - 
fluss. Im Allgemeinen hält die Bewegung um so länger an, je mehr 
Sauerstoff" beigemischt wird , doch reichen schon kleine Mengen dieses 
Gases aus, um den Eintritt des Stillstandes lange hinauszuschieben. 
Ist die Menge des Sauerstoffs im Verhältniss zu der des Wasserstoffs 
sehr klein, so tritt der Stillstand bei weitaus den meisten Zellen früher 
ein, als er unter übrigens gleichen Umständen bei alleiniger Anwesen- 
heit von atmosphärischer Luft eingetreten sein würde. Man kann schon 
nach ein paar Stunden, bei Anwendung von halbprocentigcr Kochsalz- 
lösung, die Mehrzahl der Zellen in Ruhe linden. Doch ist es mir nie 
gelungen alle Zellen still zu machen, wenn überhaupt noch etwas Sauer- 
stoff in die Gaskammer gelangte. 

Der günstige Einfluss des Sauerstoffs kann sich selbst dann noch 
äussern , wenn die Flimmerbewegung in indifferenten Lösungen in at- 
mosphärischer Luft sich zu verlangsamen beginnt. Schickt man einen 
Strom reinen Sauerstoffgases durch die bis dahin mit atmosphärischer Luft 
gefüllte Kammer, so beschleunigen und verstärken sich binnen wenigen 
Secunden alle Bewegungen und können sich dann lange auf einer be- 
trächtlichen Höhe erhalten. Auch bei Zellen , welche unmittelbar nach 
dem Anfertigen des Präparates schon eine verlangsamte Bewegung zei- 
gen , bewirkt das Verdrängen der atmosphärischen Luft durch reines 
Sauerstoffgas eine Beschleunigung, oder falls schon Stillstand eingetre- 
ten war, ein Wiedererwachen der Bewegung. Doch erlischt bei ihnen 
nach einiger Zeit auch in reinem Sauerstoffgase die Bewegung! 

Auch der Stillstand, welchen etwas zu concentrirtc Koch- 
salzlösungen herbeiführen, ebenso der Wasserstillstand , wenn 
er erst seit sehr kurzer Zeit besteht, kann durch einen Strom von rei- 
nem Sauerstoffgas für kurze Zeit gehoben werden. 

In einer Atmosphäre von reinem Sauerstoff scheint die Bewegung 
zuweilen etwas früher zu erlöschen als unter sonst gleichen Bedingun- 
gen bei Anwesenheit von Luft. Der einmal in reinem Sauerstoff ein- 



Ueber die Flimmerbewegiing. 375 

i^clic'Uno Slillslitnd kann aber uieiiiaLs durch Lull odor irgend ein in- 
difVerentes Gas beseitigt werden; es hängt nur v^on der BeschafTenheil 
der rnlersuehungsdüssigkeit ab, welche Mittel man zur Wiederbele- 
bung wühlen niuss ; bei indifl'erenten oder etwas zu concentrirtcn Lö- 
sungen also Wasser, Alkalien, Säuren, Wärme u. s. f. 

Die in reinem SauerslolV zur Ruhe gekonnnenen Flimmerhaarc ha- 
ben dasselbe Aussehen, wie die unter sonst gleichen Bedingungen in 
Wasserslofl" oder in aln»osphärischer Luft zur Ruhe gebrachten Zellen. 
Die Cilien stehen schräg nach \orn geneigt. 

Dasselbe Verhalten gegen Wasserstoff und Sauerstoff, welches hier 
für die Flimmerzellen der Mund- und Rachenschicimhaut des Frosches 
geschildert wurde, zeigte auch die Flimmerbewegung vom Oesophagus, 
vom Herzbeutel des Frosches, die der Tracheal- und der Nasenschleim- 
liaul des lüuiinchens. 

Leber den Einfluss von Ozon habe ich keine Versuche angestellt. 

VI. Einfluss von Aelher, Alkohol und Schwefelkohlen- 
stoff auf die F li nimerbe wegung. 

Nach den Angaben von Purkyne und Valentin ') hebt Schwefel- 
älher in hundertfacher, Alkohol in zehnfacher Wasserverdünnung die 
Flinnnei'be wegung »in kürzerer oder längerer Zeit« auf. In Ueberein- 
stimmung hiermit fand später Kölliker^] ^ dass Alkohol und Aether 
auch auf die Bewegungen der Spermatozoon schädlich wirken. Claude 
Bkrnard 'j endlich brachte den Oesophagus eines Frosches unter eine 
mit Aelherdämpfen gefüllte Glasglocke und sah, dass die Bewegung 
bald aufhörte, beim Aufheben der Glocke aber wieder begann. Diess 
Wenige ist, soviel ich weiss. Alles, was über die Einwirkung der ge- 
nannten Stoffe auf die Flimmerbewegung bekannt ist. 

Es lohnte sich, zu untersuchen , wie diese Körper wirken , wenn 
man sie als Gase den Flimmerzellen zuführt. Ich benutzte dazu wieder 
die frühei' beschriebene Gaskammer. Das Object hing auf der untern 
Fläche des Deckglases im Innern der Kammer. Mittelst eines capillar aus- 
gezogenen Glasröhrchens ward ein AetUer- oder Alkoholtropfen durch 
eine der seitlichen Mündungen auf den Boden der Gaskammer gebracht. 
Um das Einführen der Flüssigkeit durch die Mündung zu erleichtern, war 
eine der messingenen Ansatzröhren abgeschraubt worden. Ueber die an- 



1) P. et V. De phaenoineno generali etc. p. 74. — R. W. H. Bd. I. pag. 512. 

2) Ztschr. f. wiss. Zoologie Bd. VIL pag. 218. 

3) Le^ons sur les proprietes de.s tissus vivants. pag. 137. Paris 1866. 



376 Tb. W. Engelmann. 

dere war ein Kautschukschlauch gezogen, dessen freies Ende ich in der 
Regel während der Beobachtung im Munde hielt, um — worauf es in 
diesen Versuchen oft ankommt — jederzeit einen beliebig starken Luft- 
slrom durch die Kammer saugen zu können. Durch ein paar Tropfen 
Wasser wurde der Raum feucht gehalten. 

Lässt man in dieser Weise Aether auf Flimmerzellen wirken, die 
der Rachenschleimhaut eines eben getödtelen Frosches entnommen 
wurden, so beobachtet man Folgendes. 

War die Flimmerbewegung in Serum oder in indifferenten 
Kochsalz- oder Zuckerlösungen langsamer geworden, stellenweise 
vielleicht ganz ausgelöscht, so erwacht sie beim Zutritt der Aether- 
dämpfe und kann zuweilen die normale Höhe fast wieder erreichen. 
Schon zehn bis zwanzig Secunden nach dem Einführen des Aethers be- 
ginnt, wenn der Aethertropfen gross war, die Bewegung mit starken, 
wellenförmigen Schlägen und in raschem , schnell das Maximum errei- 
chenden Tempo. Wurde nur wenig Aether eingeführt, dann können die 
ersten Bewegungen sehr langsam sein , sind aber auch meist gross und 
wellenförmig und nehmen allmählich an SchneUigkeit zu. Im Aussehen 
der Flimmerzellen selbst ändert sich hierbei nichts. — Bringt man nun 
mehr Aether ein, so dass die Kammer beständig mit Aetherdampf gefüllt 
ist, so verlangsamt sich die Bewegung bald wieder, wobei aber die 
einzelnen Bewegungen meist gross und wellenförmig l)leiben; schon 
nach zwei bis drei Minuten kann Stillstand im ganzen Präparat sein. 
Zugleich entsteht eine feinkörnige Trübung im Innern der Zellen und oft 
quellen dann hyaline Tröpfchen an der Oberfläche des Epithels, na- 
mentlich aus den sogenannten Becherzellen heraus. — Die Wimpern 
stehen in der Aetherruhe alle schräg nach einer Seite geneigt , ebenso 
wie das früher für andere Arten des Stillstandes beschrieben wurde. 

Je langsamer der Aether still stand eingetreten ist, und je kür- 
zere Zeit er angedauert hat, um so leichte)' ist es, ihn zu beseitigen. Man 
braucht dazu nur einen starken Strom atmosphärischer Luft durch 
die Kammer zu saugen : allmählich fangen dann die meisten Wimpern 
wieder an zu schlagen; erst sehr langsam, dann schneller. DieTrübung 
der Zellen nimmt hierbei wieder ab. Die Bewegungen erreichen aber, 
namentlich wenn sie schon einige Minuten lang still gestanden hatten, 
selten wieder eine bedeutende Grösse und Schnelligkeit. Sie bleiben 
oft hakenförmig. — 

War die Aetherein Wirkung so stark, dass Durchsaugen \on Luft 
die Bewegung nicht wiedererweckl , so stehen die Zellen für immer 
still. Wedel- Säuren noch Alkalien , weder reines Wasser noch Salz- 



l'plipv dif Flimmerbi'wejiuiiii 377 

losunyiMi bt'lcboii sie, wieder. Sauren und Alkalien befördern vidnielir 
den Einlrilt des Aetheislillslandes , wenigstens bei Zellen die in lod- 
scruni oder indilVercnlen S.iizlösungen liegen. Liess ich z. B. so lange 
Aether einwirken, bis die Bewegung auf etwa ö — 8 Schlage in H Se- 
cunden verlangsamt war , so trat momentan Stillstand ein , als eine 
Spur von Amnioniakgas in die Kammer gesogen wurde. Dasselbe ge- 
schah, wenn slalt des Ammoniaks sehwache Essigsäuiedämpfe ange- 
wendet wurden. 

Hat man die Flimmerbewegung durch schwach w a s s e r e n l z i e - 
h ende Mittel, z. B. Kochsalzlösung von 1,5% bis 2%, Zucker von 
3 "/o oder verdünntes Glycerin verlangsamt odei- zum Stillstand gebracht, 
so wirkt der Aether ebenfalls erst beschleunigend und wieder erweckend, 
bei längerer Einwirkung dann hemmend. Die Beschleunigung sowol 
als der darauf folgende Stillstand treten hier aber langsamer ein , als 
bei den ganz indifferenten Lösungen. Wie bei letzteren kann der Still- 
sland, wenn er vorsichtig herbeigeführt wurde , durch Verdrängen des 
Aetherdampfes mittelst atmosphärischer Luft aufgehoben werden. Ge- 
lingt diess nicht, dann können weder Säuren noch Alkalien, auch Was- 
ser nicht die Bewegung wiederbeleben. — Erreicht die Concentration der 
Kochsalzlösung 2,5% und mehr, so vermag Aether nicht zu beleben. 

Von Belang ist es , dass der Aether ebenso wie auf Flimmerzellen 
die durch wasserenlziehende Mittel zur Ruhe gebracht wurden, auch auf 
solche Zellen wirkt, welche durch Behandlung mit destillirtem Was- 
ser, also unter Quellung still geworden sind. Auch im letzteren Falle 
belebt Aether die Bewegung wieder, wenngleich nicht so stark als un- 
ter den obengenannten Umständen. Bei forldauernder Einwirkung tritt 
dann Stillstand ein , der gleichfalls durch einen .starken Luftslrom zu- 
weilen aufgehoben werden kann. 

Minder deutlich ist das Stadium der Beschleunigung, wenn die Flim- 
merbewegung (in lodseruu); durch Ammoniakgas verlangsamt ist. 
Lässl man die Ammoniakdämpfe so lange einwirken, bis die Haare nur 
noch ungefähr drei bis fünf Schw ingungen in fünf Secunden ausfüh- 
len, und bringt man dann ein wenig Aether in die Kammer, so tritt eine 
höchst unbedeutende Beschleunigung ein , der sehr schnell Stillstand 
folgt. Letzteren kann man durch einen Luftslrom wieder aufheben. — 
Waren die Zellen durch das Ammoniak schon völlig zur Ruhe gekom- 
men, so gelingt eine Wiederbelebung durch Aether selten vfnd auch 
dann sind die Bewegungen nur sehr klein, mehr zitternd und von sehr 
kurzer Dauer. Nach Durchsaugen nou Lull kann man dann durch Säu- 
ren den Stillsland fast ebenso leicht \\i<Ml<'r aufheben, als wenn kein 



378 Tli. W. Eutrelinanii, 

Aellier eingewirkt hätte; vorausgesetzt, dass man nicht viel Aetber 
hatte einwirken lassen. — 

Ebenso wie auf die durch Ammoniak wirkt nun der Aether auf 
die durch Säuren verlangsamte Flimmerbewegung: äusserst schwache 
Beschleunigung anfangs, die auch ganz fehlen kann, hierauf Stillstand, 
der durch Luft aufzuheben ist. Säurestillstand kann nur selten und 
immer nur sehr vorübergehend durch Aether beseitigt w erden ; meist 
aber durch Alkalien nach Verdrängung des Aethers durch Luft. — Die 
durch schwere Mctallsalze vorsichtig erzeugte Flimmerruhe bleibt bei 
Zufuhr von Aether bestehen. — 

Ganz übereinstimmend mit dem Aether wirken nun Alkohol und 
Schwefelkohlenstoff, Sie beschleunigen unter denselben Bedingun- 
gen wie der Aether die erlahmte Bewegung. Bei längerer Einwirkung 
machen sie Stillstand. Auch dieser Stillstand kann unter Umständen selbst 
nach Minuten langer Dauer durch einen Luftstrom aufgehoben werden. 
Vermag Luft allein nicht mehr diess zu thun, so helfen auch Säuren, 
Alkalien und reines Wasser nichts ; ebenso Wenig natürlich Aether. 
Die Veränderungen der Zellen bei der Einwirkung des Alkohols und 
des Schw cfelkohlenstoffs sind ganz ähnlich denen , welche unter dem 
Einfluss des Aethers entstehen , Schwefelkohlenstoff macht die in lod- 
serum liegenden Zellen etwas glänzend ; zugleich isoliren sich die Zel- 
len von einander. 

VlI. Einfluss des Chloroforms auf die Flimmer- 
bewegung. 

Die Wirkung des Chloroforms unterscheidet sich wesentlich von 
der der drei ebenerwähnlen Stoffe: es fehlt nämlich das Stadium der 
Beschleunigung. Unter allen Umständen beginnt die Bewegung sogleich 
sich zu verlangsamen, und sehr wenig Ghloroformdampf genügt 
schon , um selbst eine vorher äusserst lebhafte Bew egung völlig zur 
Uuhe zu bringen. Beim Eintritt der Chloroformnarkose bildet sich in 
den (in lodserum liegenden) Zellen eine äusserst feinkörnige, allmäh- 
lich zunehmende Trübung. Die Kerne erscheinen als matte, pralle 
Bläschen mit deutlichem Kernkörperchen. Während der Narkose ste- 
hen die Wimpern, wie bei andern Formen des Stillstandes, alle schräg 
vorn ül^ergeneigt. 

Ebenso leicht wie die Bewegung durch Chloroform einschläft, ebenso 
leicht — schon nach ein paar Secunden — erwacht sie auch wieder, 
wenn man einen Strom reiner atmosphärischer Luft durch die 



Oher die Fliinmerbeweguiiß. 379 

Giiskiiinmor snui;l. Die Z(^llen nehmen hierbei das normale Aussehen 
allmiihhch wieder ;in. Man kann bei cinicjer Vorsieht die Narkose ohne 
Gefahr für die Zellen eine Vierlelslunde und länc;er anhalten lassen. 
An lodserunipriiparalen habe ich den Clilorofornislilisland noch naeh 
einer Dauer von 20 Minuten durch einen Luflslrom aufhel)en können. 

Die Be\\et;uni;en sind beim Wiedcrerwaehen von kurzem Still- 
stande erst sehr langsam (— die erste Schwingung dauert /unn eilen 
drei Secunden — ), aber fast immer sind sie gross und wellenförmig. 
Sic können binnen einer halben Minute ihre anfängliche Schnelligkeit 
wieder erreichen. — Man kann auch die Zellen wohl fünf- und niehr- 
mal nacheinander chloroformircn und wieder erwecken, ohne dass die 
Bewegung dadurch l)leil)cnd geschwächt wird. Hierin unterscheidet 
sich die Chloroformnarkose vom Acthcr; nach mehrmals wiederholtem 
Aelherslillstande erreichen die Bewegungen keine grosse Hohe mehr. — 

So leicht nun ein massiger Grad von Chloroformnarkose durch 
Verdrängen des Giftes mittels atmosphärischer Luft aufgehoben wer- 
den kann, so unmöglich ist es, einen Chloroformstillstand zu beseiti- 
gen, der durch Luft allein nicht gelöst wird. Hier helfen weder Alka- 
lien noch Säuren, weder Wasser noch Salzlösungen. Auch Aether, 
Alkohol und Schwefelkohlenstoff versagen ihren belebenden Einfluss. 

Vlll. Einfluss einiger Gifte auf die Flimmerbewegung. 

Nach den bisherigen Erfahrungen giebt es kein Gift füF die Flim- 
merbewegung. Die furchtbarsten Gifte sind nach Purkinje und Valen- 
tin selbst in starken Concentrationsgraden unschädlich: Blausäure und 
salpetcrsaures Strychnin z. B. haben nach den genannten Autoren we- 
der in den gesättigtesten noch in der verdünnteslen Lösung einen Ein- 
fluss auf die Bewegung bei Unio und Anoden ta. Morphiun) aceticum 
und Extiactum belladonnac ebensowenig. In gesättigter Lösung von 
salzsaurem Veratrin soll die Bewegung erst nach 1 Minuten aufgehört 
und in verdünntercn Lösungen sich unverändert erhalten haben. Die 
Anführung dieser Angaben, welche zum Theil auch von Sharpey bestä- 
tigt wurden, und denen, so viel mir bekannt, bisher nicht widerspro- 
chen worden ist, mögen hier genügen. 

Meineeigenen Versuche, welche mit Veratrin, Curare, Strych- 
nin, Atropin, Calabarextract an dem Flimmerepithel der Bachen- 
schleimhaut des Frosches angestellt wurden, zeigten gleichfalls, dass diese 
Stoffe keine Gifte für die Flimmerbewegung sind. Hat man mit einem 
der genannten Körper — gleichviel in welcher Dosis — einen Frosch 
vergiftet, so bleibt die Flimmerbewegung unverändert bestehen , und 



380 Tli. W, F.nai'lmaiiii. 

reagirl gegen alle äusseren Einflüsse wie die normale Bewegung. — An- 
ders ist es natürlich, wenn man die Flimmerzellen direcl in Lösungen 
der Gifte bringt. Aber auch hier zeigt sich, dass minimale Dosen ohne 
Einfluss sind. Die reinen Alkaloide verhalten sich wie andere alkalisch 
reagirende Stoffe, ihre Salze sich wie andere Salze. Concentration und 
Reaction bestimmen den Erfolg. 

Bei einem bestimmten Concentrationsgrade , der sich von dem 
nicht giftiger neutraler Salze nicht entfernt, sind neutrale Lösungen 
jener giftigen Salze indifferent für die Flimmerbewegung. Concentrir- 
tere Lösungen wirken wasserentziehend, schrumpfend, verdünntere 
zeigen die Wirkungen des Wassers um so deutlicher, je geringer der 
Salzgehalt wird. In sehr kleinen Mengen indifferenten Flüssigkeiten, 
wie lodserum beigemischt, äussern die giftigen Salze keinen Einfluss. 
Diejenigen unter ihnen, deren wässerige Lösungen sauer reagiren, ver- 
halten sich wie andere saure Salze. So z. B. das essigsaure Veratrin ; 
diess bewirkt in einprocentiger wässeriger Lösung sofort Stillstand 
unter allen Erscheinungen der Essigsäure-Einwirkung. Die Zellen 
werden trübe , die Kerne deutlicher , die Wimpern stehen steif und 
schräg nach vorn geneigt. Führt man Annnoniakdämpfe über das Prä- 
parat, so erwacht die Bewegung wieder. — Neulralisirl man eine fünf- 
procentige Lösung von reinem essigsaurem Veratrin so weil mit Am- 
moniak, dass die Lösung nur noch kaum bemerkbar sauer reagirl, und 
bringt man dann ein Stückchen von einer frischen Rachenschleimhaul 
hinein, so erhält sich die Bewegung 10 Minuten lang und länger, bis 
schhesslich StiUstand mit den Zeichen des Essigsäure-Stillstandes ein- 
tritt. 

Reagirl die wässerige Lösung des Giftes alkalisch, so verhält sie 
sich auch gegen die Flimmerbewegung genau so, wie Lös